Die In­ter­ven­tio­ni­sten und ih­re hu­ma­ni­tä­ren Ak­tio­nen

Es ist schon er­staun­lich, wie sich Ge­schich­te wie­der­holt. 1991, 1999, 2001, 2003 und jetzt 2011. Es sind Jah­res­zah­len der mar­kan­te­sten mi­li­tä­ri­schen In­ter­ven­tio­nen des »We­stens«. Man kann auch Krieg sa­gen, aber das klingt nicht so gut.

So un­ter­schied­lich die Fäl­le sind und so dif­fe­ren­ziert man die Ein­grif­fe be­wer­ten muss – die me­dia­len Mu­ster, wie sich die­se Kon­flik­te dar­stel­len, sind ab­so­lut iden­tisch: Zu­nächst gibt es ei­nen seit Jah­ren agie­ren­den Au­to­kra­ten (oder Dik­ta­tor) in ei­nem Land. Die­ser tut ir­gend­wann et­was, was sicht­bar ge­gen un­se­re Vor­stel­lun­gen von Mo­ral ver­stößt. Wohl ge­merkt: Er muss es sicht­bar tun. Es reicht nicht, wenn er jahr­zehn­te­lang Ab­trün­ni­ge in Ge­fäng­nis­sen fol­tern und um­brin­gen lässt. Es reicht nicht, wenn er ei­nen Ge­heim­dienst­ap­pa­rat un­ter­hält, der re­pres­siv ge­gen die ei­ge­ne Be­völ­ke­rung vor­geht. Es reicht auch nicht, wenn in we­ni­gen Wo­chen bis zu ei­ner Mil­li­on Men­schen um­ge­bracht wer­den, und es ist kei­ne Ka­me­ra da­bei. Es muss et­was ge­sche­hen, was in die gän­gi­ge Bil­der­welt un­se­rer Me­di­en ein­fließt und als schreck­lich, grau­sam, bru­tal oder men­schen­ver­ach­tend be­zeich­net wer­den kann. So­gleich wird die­se Fi­gur zur per­so­na non gra­ta. So­ge­nann­te In­tel­lek­tu­el­le stel­len dann Ver­glei­che an. Der grif­fig­ste Ver­gleich ist im­mer noch der mit Hit­ler. Oder er ist ein­fach ein »Ir­rer«. In je­dem Fall ein »Schläch­ter«. Oder al­les gleich­zei­tig.

Schnell fin­den sich wil­li­ge In­ter­ven­tio­ni­sten. Die Neo­kon­ser­va­ti­ven der USA der 1970–2000er Jah­re und die Grü­nen Eu­ro­pas sind in ih­rem In­ter­ven­tio­nis­mus sehr ähn­lich. Bei­de ver­tre­ten die Ideo­lo­gie, dass am west­li­chen We­sen die Welt ge­ne­sen muss. Schnell po­ten­zie­ren sich die Er­eig­nis­se durch wil­li­ge Hel­fer in den Me­di­en zum schein­bar al­ter­na­tiv­lo­sen Han­deln. Ge­gen­ar­gu­men­te wer­den mit der Bil­li­gung der Ta­ten des Des­po­ten ein­fach gleich­ge­setzt. Der ab­trün­ni­ge Stand­punkt wird de­nun­ziert – dar­in sind sie den­je­ni­gen, die sie be­kämp­fen wol­len, durch­aus eben­bür­tig. Es gibt nur noch schwarz oder weiß – wer nicht für sie ist, ist ge­gen sie.

2011, Li­by­en, Gad­da­fi. Seit Wo­chen er­hal­ten wir Bil­der vom Re­bel­len­ge­biet im Osten des Lan­des. In­ner­halb we­ni­ger Ta­ge wur­den dort die In­sti­tu­tio­nen des Gad­da­fi-Re­gimes be­sei­tigt. Man wun­dert sich, dass die Leu­te so vie­le neue Fah­nen ha­ben. Wo­bei die Fah­ne die­je­ni­ge des Kö­nig­reichs Li­by­en der Vor-Gad­da­fi-Zeit ist. So­fort wa­ren die Kor­re­spon­den­ten vor Ort. Nie­mand kommt auf die Idee zu be­haup­ten, sie sei­en »em­bed­ded«. Nie­mand be­fragt, wie ob­jek­tiv ih­re Be­rich­te sein kön­nen. Nie­mand fragt, was die Re­bel­len­grup­pen nach der Be­sei­ti­gung des Gad­da­fi-Re­gimes wol­len. Nie­mand fragt nach den kom­pli­zier­ten Stam­mes­struk­tu­ren, die in die­sem Land ei­ne Rol­le spie­len. Nie­mand fragt, wer die Hin­ter­män­ner und Füh­rer der Auf­stands­be­we­gung sind.

Die Re­por­ter zei­gen nur das, was sicht­bar ist. Da­bei ist klar, dass sie die tat­säch­li­chen Kämp­fe we­der se­hen noch zei­gen kön­nen; so »em­bed­ded« sind sie auch nicht. Man zeigt uns Flak-Schüt­zen, die auf ih­rer Drehla­fet­te Ka­rus­sell fah­ren. Man zeigt be­waff­ne­te Kämp­fer, die die Luft­bom­bar­de­ments von Gad­da­fis Ar­mee be­kla­gen. Man zeigt uns nicht, wie an­fangs Schwar­ze im Osten Li­by­ens pau­schal ver­däch­tigt wur­den, Söld­ner Gad­da­fis zu sein und ver­prü­gelt wur­den. Man zeigt uns Kämp­fer, die den We­sten um ei­ne Flug­ver­bots­zo­ne bit­ten, da­mit sie nicht mehr aus der Luft be­schos­sen wer­den kön­nen. In­dem man uns nichts an­de­res zeigt und nichts an­de­res zei­gen kann, über­neh­men wir die­sen Wunsch na­tür­lich selbst­ver­ständ­lich.

Die Si­tua­ti­on in Li­by­en ist ver­trackt. Das ist mei­stens schlecht für Me­di­en, die ra­di­kal ver­ein­fa­chen müs­sen. Die UNO hat nun in Re­kord­zeit ei­ne Re­so­lu­ti­on hin­be­kom­men, wie die Im­ple­men­tie­rung ei­ner Flug­ver­bots­zo­ne ein­ge­rich­tet und durch­ge­setzt wer­den kann. Und gleich mehr. Deutsch­land hat sich bei der Ab­stim­mung ent­hal­ten. Und das gan­ze Land ist ent­setzt.

Ent­setzt ist man nicht dar­über, dass man im­mer noch li­by­sches Öl kauft und be­zahlt. Und das Geld auf Kon­ten über­weist, die man ei­gent­lich »ein­frie­ren« möch­te. Ent­setzt ist man nicht dar­über, dass je­mand viel­leicht aus den De­sa­stern in und um Af­gha­ni­stan Leh­ren ge­zo­gen ha­ben könn­te: Wer in ei­nen Krieg hin­ein­geht, soll­te im­mer wis­sen, wie er auch hin­aus­kommt. Die­se Be­den­ken wer­den von den In­ter­ven­ti­ons­jour­na­li­sten, de­nen der Kriegs­spei­chel die Lef­zen hin­un­ter­läuft, bei­sei­te ge­wischt. Da­bei sind die Par­al­le­len frap­pie­rend (sie­he oben).

Er­staun­lich die skan­da­li­sie­ren­den Re­ak­tio­nen auf die Stimm­ent­hal­tung. Ich le­se, dass man sich für Deutsch­land schämt. So­weit ist es schon ge­kom­men, dass man sich für ei­nen Au­ßen­mi­ni­ster schämt, der nicht mit Hur­ra-Ge­brüll los­bal­lert? Flugs ist vom »deut­schen Son­der­weg« die Re­de. Schrö­der hät­te 2003 min­de­stens noch Frank­reich auf sei­ner Sei­te ge­habt. Als wä­re die Nicht­be­tei­li­gung falsch ge­we­sen, wenn Frank­reich auf der Sei­te der USA ge­stan­den hät­te. Der näch­ste Ein­wand: Deutsch­land ha­be mit Russ­land und Chi­na ge­stimmt und sei da­durch des­avou­iert. Auch die­se Aus­sa­ge ist Un­sinn. Es wür­de be­deu­ten, dass es ei­nen Au­to­ma­tis­mus bei Ab­stim­mun­gen gibt, der jen­seits der Sa­che liegt. Der schärf­ste Vor­wurf geht in Rich­tung »Bünd­nis­treue«: Deutsch­land ha­be den Pfad der NATO, der EU, ver­las­sen. Rich­tig ist, dass We­ster­wel­les Aus­sa­ge, man brin­ge der deut­schen Ent­schei­dung »Re­spekt« ent­ge­gen, Schön­sprech ist. Die NATO ist ein Mi­li­tär­bünd­nis. Und bei Mi­li­tär geht es nicht um Re­spekt, son­dern um Ge­hor­sam. We­ster­wel­le hat nicht ge­dient; er kennt das Mi­li­tär nicht. Ei­ne ab­wei­chen­de Ab­stim­mung ist ei­ne Ge­hor­sams­ver­wei­ge­rung. Das wird Deutsch­land tat­säch­lich noch teu­er zu ste­hen kom­men; ir­gend­wann. Dau­er­sitz im Welt­si­cher­heits­rat adé. Und? Ist das schlimm?

Die Fra­ge ist nur, wie man die­se Ge­hor­sams­ver­wei­ge­rung ein­stuft. Man könn­te auch sa­gen, es sei ei­ne Eman­zi­pa­ti­on. Oder, wie Ro­man Her­zog mal sag­te: »Wir brau­chen ei­ne Au­ßen­po­li­tik oh­ne Zäh­ne­flet­schen und Tsching­dar­as­sa­bum, aber auch oh­ne Ver­kramp­fun­gen.« Die Kon­di­tio­nie­rung, das Deutsch­lands Au­ßen­po­li­tik im­mer ge­wis­ser Vor­ga­ben an­de­rer zu ent­spre­chen ha­be, sitzt tief. Sie hat­te und hat ih­ren Grund und ih­re Be­rech­ti­gung. Aber sie darf nicht be­deu­ten, ein­fach nur blind zu fol­gen.

Ge­stern im Bun­des­tag konn­te man ei­nen ekel­haf­ten Stahl­helm­pa­zi­fis­mus der Grü­nen be­wun­dern. Ih­nen geht es nicht um Bünd­nis­treue. Die hat­ten sie schon 2003 nicht er­ken­nen las­sen. Ih­nen geht es um die Durch­set­zung ih­rer Ideo­lo­gie mit krie­ge­ri­schen Mit­teln. Sie ver­klä­ren schon lan­ge Krie­ge als »hu­ma­ni­tä­re« Ak­ti­on – und das, wie es ih­nen be­liebt. Da­bei ge­hen sie längst über Clau­se­witz hin­aus, der im­mer das Pri­mat der Po­li­tik vor­zog und den Krieg erst als letz­ten Aus­weg an­sah. Sie über­se­hen im ak­tu­el­len Fall ger­ne, dass ih­re Po­li­tik mit da­zu bei­getra­gen hat, Gad­da­fi, ei­nen Ter­ro­ri­sten und Mas­sen­mör­der, hof­fä­hig zu ma­chen.

Ih­re Kriegs­lust lässt nach, so­bald sich der Mei­nungs­strom än­dert. Man kann das am Af­gha­ni­stan-Ein­satz se­hen. Den ha­ben sie sei­ner­zeit be­schlos­sen, und dies, un­ver­ant­wort­li­cher­wei­se, oh­ne über Aus­stiegs­sze­na­ri­en nach­zu­den­ken. Jetzt ist er ih­nen über und sie leh­nen ihn aus vor­der­grün­dig for­ma­len Grün­den ab. Wer an­de­ren hier Wahl­kampf­tak­tik vor­wirft, of­fen­bart sei­ne er­bärm­li­che Ge­sin­nung am deut­lich­sten: Na­tür­lich ist ein Ein­satz ge­gen Gad­da­fi in der Be­völ­ke­rung po­pu­lär. Weil es so ein­fach scheint. Und na­tür­lich hat man 2002 Wahl­kampf mit dem po­ten­ti­el­len Irak­krieg ge­macht. Ba­sta.

Ich ge­ste­he, ich ha­be kei­ne Lö­sung, die sich in zwei Sät­zen er­klä­ren lie­ße. Der Ty­ran­nen­mord scheint un­mög­lich zu sein. Auch in ihm steckt ei­ne An­ma­ßung. Ei­nen Frie­den zur Jetzt­zeit und da­mit ein ge­spal­te­nes Li­by­en ist auch nicht im In­ter­es­se des We­stens. Wenn der We­sten das Öl nicht mehr nimmt, wird Chi­na kei­ne Skru­pel ha­ben. Auch das ist kein Ar­gu­ment für oder ge­gen et­was, son­dern ei­ne Zu­stands­be­schrei­bung. Die UNO-Re­so­lu­ti­on zwingt fast schon da­zu, den Krieg zu be­gin­nen.

In Ni­chol­son Bakers Buch »Men­schen­rauch« wird un­ter an­de­rem Gan­dhis Pa­zi­fis­mus ge­gen­über Hit­ler dar­ge­stellt. Er kon­tra­stiert mit Chur­chills fast akri­bi­scher Kriegs­lust. Die­ses Buch zer­reißt den Le­ser, der ein­deu­ti­gen Pa­ro­len im­mer skep­tisch ge­gen­über ein­ge­stellt ist. Das Buch zeigt aber, das Pa­zi­fis­mus nicht un­be­dingt ei­ne Hal­tung für oder ge­gen den Krieg sein soll­te. Er soll­te in po­li­ti­schen Maß­nah­men be­stehen, die Kon­flik­te an­ti­zi­pie­ren und im Vor­feld ver­su­chen aus­zu­räu­men. Ei­ne neue di­plo­ma­ti­sche Le­gi­ti­ma­ti­on von je­man­dem wie Gad­da­fi hät­te es nie­mals ge­ben dür­fen. Schrö­ders und Sar­ko­zys Fo­tos er­in­nern an Rums­feld Hand­schlag mit Sad­dam Hus­sein. Die­se Po­li­tik ver­ur­sacht letzt­lich Krie­ge: Das Pak­tie­ren mit Dik­ta­to­ren, die zwar nicht un­se­re Freun­de sind, aber das tun, was wir wol­len. Wir den­ken nicht zu En­de. Wir den­ken nicht, was pas­siert, wenn das Volk die­se Leu­te nicht mehr will.

Ei­ne ver­nünf­ti­ge Au­ßen­po­li­tik ver­zich­tet nicht auf Ge­walt als Ul­ti­ma Ra­tio. Sie ver­knüpft aber Zu­sam­men­hän­ge mit­ein­an­der, wägt ab und ent­schei­det sich nie­mals auf­grund kurz­fri­sti­ger Vor­tei­le son­dern hat die lang­fri­sti­gen Fol­gen ih­rer Po­li­tik im Vi­sier. Das ist in der Pra­xis si­cher­lich al­les sehr kom­pli­ziert. Aber nie­mand hat ge­sagt, dass Po­li­tik ein­fach ist. Die In­ter­ven­tio­ni­sten wer­den wei­ter­hin loh­nen­de Zie­le ha­ben: Bah­rein, Sy­ri­en, Je­men, Ga­za. So­fern dort Ka­me­ras ste­hen und Re­por­ter vor Ort sind. An­son­sten schwei­gen sie auch. Wie in Ru­an­da 1994, Dar­fur, der El­fen­bein­kü­ste.

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28 Kommentare zu »Die In­ter­ven­tio­ni­sten und ih­re hu­ma­ni­tä­ren Ak­tio­nen«:

  1. Peter42 sagt:

    Da­mit ist al­les ge­sagt und die Din­ge neh­men Ih­ren Lauf. Wan­del durch An­nä­he­rung war mal ei­ne De­vi­se, als man mehr Zeit hat­te und Po­li­tik nicht zum Tweet ver­kom­men war. Wenn Sar­ko­zy die Ein­heit Me­ga­Mer­kel (180°-Wende) neu de­fi­niert, er­setzt Ak­tio­nis­mus Stra­te­gie und Stand­haf­tig­keit (ge­mes­sen in Mil­li­Map­pus, in man­chen Ge­gen­den auch Mil­li­G­a­bri­el) wird zur Tumbheit um­de­fi­niert. Mit We­ster­wel­le ei­ner Mei­nung sein fällt schwer, wir sind es aber im­mer­hin aus ver­schie­de­nen Grün­den.

    #1

  2. Ja, die­ses »Wan­del durch An­nä­he­rung« – das ist, das war ein schö­ner Ge­dan­ke. Das war noch Po­li­tik mit Per­spek­ti­ve.

    #2

  3. karl gumbricht sagt:

    als man mehr Zeit hat­te und Po­li­tik nicht zum Tweet ver­kom­men war
    Dan­ke für den Ar­ti­kel. Gibt zu den­ken. Ich bin un­ei­nig be­züg­lich der Ent­hal­tung, die Skep­sis hin­sicht­lich ei­ner mi­li­tä­ri­schen In­ter­ven­ti­on tei­le ich al­ler­dings. Ich ha­be Sie er­neut ver­linkt.

    Pe­ters Ne­ben­satz hat mir Freu­de ge­macht. Und die Ein­heit Me­ga­mer­kel auch.

    #3

  4. Selbst bei uns spricht man da­von, dass die Deut­schen [...] im in­nen­po­li­ti­schen Grab lie­gen [blei­ben]. Mö­gen sie sanft ru­hen, wünscht oder hofft man. Zur sel­ben Zeit kommt es (an­geb­lich) zu ei­ner Auf­er­ste­hung des We­stens. Rich­tig ist eher, wie in ei­nem der Kom­men­ta­re an­ge­merkt wird, dass ein (aber nicht nur der) fran­zö­si­scher Prä­si­dent ein ziem­li­cher Wen­de­hals ist.

    —–

    Grund­sätz­lich hast Du mit Dei­ner Con­clu­sio völ­lig Recht, hier aber hilft sie uns nicht wei­ter: Dies­mal sind nicht nur die üb­li­chen Ver­däch­ti­gen mit ihm Boot, auch die ara­bi­sche Li­ga trägt den Ein­satz mit. Und je­mand der mit Söld­nern ge­gen »sein« Volk vor­geht, hat tat­säch­lich sein Recht auf po­li­ti­sche Macht ver­wirkt. Letzt­lich: Soll man war­ten, bis Ber­ge von To­ten zu be­kla­gen sind, Ka­me­ra hin oder her, es ist gut mög­lich, dass das gro­ße Mor­den erst be­ginnt, wenn die Kampf­hand­lun­gen vor­bei sind? Das hie­ße zu­min­dest aus an­de­ren Kri­sen ge­lernt zu ha­ben.

    #5

  5. Ei­ne »Auf­er­ste­hung des We­stens« macht da Herr Fleisch­hacker aus. Düm­mer geht’s ja fast nim­mer. Und wenn dem so ist: Was ist mit Je­men, wo man von den op­po­si­tio­nel­len Kräf­ten schon Ap­pel­le ver­nahm, man möch­te dort auch ein­grei­fen? Was ist mit Bah­rein, wo sau­di­sche Ar­mee dem Macht­ha­ber beim De­mon­stran­ten­schie­ßen hel­fen? Das Ein­grei­fen in Af­gha­ni­stan und dem Irak be­zeich­net er als »schlecht ge­plant« und »halb­her­zig an­ge­legt«. Ist der »Ein­griff« (man be­ach­te, wie im­mer das Wort Krieg ver­mie­den wird) in Li­by­en denn bes­ser ge­plant? Wohl kaum. Denn für et­li­che Sze­na­ri­en, die nicht Aus­ge­bur­ten hä­keln­der Frie­dens­ak­ti­vi­sten sind, braucht man ir­gend­wann Bo­den­trup­pen. Möch­te viel­leicht Herr Fleisch­hacker...?

    Dass Deutsch­land aus­ge­rech­net von öster­rei­chi­schen Me­di­en ins »Grab« ge­schrie­ben wird, ist ku­ri­os. Wa­ren es doch die Öster­rei­cher, die 1999 den NA­TO-Trup­pen die Über­flug­rech­te zur Bom­bar­die­rung Ju­go­sla­wi­ens nicht er­teil­ten.

    Ich weiß nicht, ob in Gad­da­fis Flug­zeu­gen Söld­ner sit­zen. Eher wohl nicht. Ich weiß auch nicht, ob Gad­da­fi im­mer noch mit Söld­nern die­sen An­griffs­krieg führt. Ich ver­mu­te eher nicht, da Söld­ner ei­gent­lich un­zu­ver­läs­sig sind und schnell die Sei­ten wech­seln. Du sagst, er ha­be sein Recht auf po­li­ti­sche Macht ver­wirkt. Aber da­von ist in der UNO-Re­so­lu­ti­on gar nicht die Re­de. Was, wenn er tat­säch­lich ei­nen Waf­fen­still­stand ak­zep­tiert? Dann muß man ihn an der Macht hal­ten. Auch Sad­dam Hus­sein 1991 und Mi­lo­se­vic 1999 blie­ben an der Macht.

    Im Mo­ment spielt Gad­da­fi den In­ter­ven­tio­ni­sten in die Hän­de. Er tut so, als wä­re er für den Waf­fen­still­stand, sei­ne Trup­pen grei­fen aber wei­ter an. Das zeigt sei­ne Ver­wir­rung.

    #6

  6. Fleisch­hacker schafft manch­mal gu­te Kom­men­ta­re, dann haut er wie­der fürch­ter­lich da­ne­ben (ge­ne­rell ver­wen­det er lei­der viel zu viel An­stren­gung dar­auf ori­gi­nel­le For­mu­lie­run­gen zu fin­den).

    Man kann nur hof­fen, dass das Ver­hal­ten Deutsch­lands zu­min­dest et­was in der Rich­tung ei­ner an­de­ren Art von Po­li­tik be­wirkt (wie Du sie an­sprichst), dass ei­ne Art Nach­denk­pro­zess an­ge­sto­ßen wird. Dik­ta­to­ren dür­fen nicht mehr ho­fiert wer­den.

    —-

    In Li­by­en gibt es tat­säch­lich ei­ne Op­po­si­ti­on, die Gad­da­fis Platz ein­neh­men könn­te, al­ler­dings be­steht die Ge­fahr, dass sie zer­fällt, so­bald Gad­da­fi »weg« ist. Ver­mut­lich hat man sich aber über das Nach­her nicht vie­le Ge­dan­ken ge­macht; al­ler­dings drängt die Zeit (das war im Fall des Irak­kriegs an­ders).

    Wir wis­sen re­la­tiv we­nig, aber das soll­te kei­ne Aus­re­de sein. Söld­ner ha­ben hier den Vor­teil, dass sie kei­ne Skru­pel ge­gen­über der Be­völ­ke­rung ken­nen, Sol­da­ten der re­gu­lä­ren Ar­mee lau­fen eher über (was ja auch pas­siert ist; die Re­bel­len hin­ge­gen kön­nen Söld­nern kaum fi­nan­zi­el­le Mit­tel bie­ten), sie schie­ßen auf die ei­ge­nen Leu­te und ha­ben viel­leicht so­gar Freun­de oder Ver­wand­te in den re­bel­lie­ren­den Städ­ten.

    Soll­te Gad­da­fi ei­nen Waf­fen­still­stand ak­zep­tie­ren, wer­den Wah­len auf kür­ze­re oder län­ge­re Sicht ein Ziel wer­den (oder man teilt das Land, aber da­mit wird nur der näch­ste Kon­flikt vor­be­rei­tet).

    Mein Pro­blem ist fol­gen­des: Es gab Krisen/Konflikte bei de­nen zu­ge­se­hen wur­de (Ru­an­da, z.B.), was fa­ta­le Fol­gen hat­te; dann gibt es wel­che, die kaum Be­ach­tung fin­den (kei­ne Ka­me­ras, wie Du es for­mu­lierst); und dann gibt wie­der­um wel­che, de­nen die not­wen­di­ge Auf­merk­sam­keit ent­ge­gen­ge­bracht wird. Un­ab­hän­gig da­von exi­stiert die Pflicht (oder ei­ne Art Ge­wis­sen) da­zwi­schen ge­hen zu müs­sen, wenn ei­ne be­stimm­te Es­ka­la­ti­ons­schwel­le er­reicht ist. Viel­leicht hilft fol­gen­des Bild: Ich be­ob­ach­te, wie sich zwei Schü­ler strei­ten, viel­leicht hin und her sto­ßen und be­schimp­fen. Na gut, den­ke ich mir, sol­len sie. Was aber wenn ei­ner von den bei­den ein Mes­ser aus­packt? Dann ist zu­min­dest ein An­ruf bei der Po­li­zei ge­bo­ten. In Li­by­en ist es nicht so ein­fach, Ord­nungs­kräf­te zu le­gi­ti­mie­ren. Aber muss man trotz al­lem nicht ver­su­chen die Kon­flikt­par­tei­en aus­ein­an­der zu brin­gen? Ich weiß schon, dass ich da ei­ni­ge wirt­schaft­lich-po­li­ti­sche Fak­to­ren au­ßer Acht las­se. Wenn in Eu­ro­pa schon von ei­ner Mit­tel­meer­uni­on ge­spro­chen wird und jetzt ein Kon­flikt, zwar nicht in Eu­ro­pa, aber doch in un­mit­tel­ba­rer Nach­bar­schaft aus­bricht, was soll man tun?

    #7

  7. Hier ein Ge­spräch mit dem Rechts­phi­lo­so­phen Rein­hard Mer­kel zur The­ma­tik (ca. 8 Mi­nu­ten). Er er­klärt auch, war­um die­se Par­tei­nah­me für ei­ne Bür­ger­kriegs­par­tei, die ja die Ge­walt be­gon­nen hat, pro­ble­ma­tisch ist.

    Zur Ara­bi­schen Li­ga: Dort sind nur Au­to­kra­ten oder Dik­ta­to­ren ver­tre­ten (selbst Ägyp­ten und Tu­ne­si­en sind kei­ne in un­se­rem Sinn de­mo­kra­ti­schen Staa­ten). Gad­da­fis ag­gres­si­ve Au­ßen­po­li­tik, sein pan-ara­bi­sches An­spruchs­den­ken war da schon im­mer ein Dorn im Au­ge. Auf den kön­nen und wol­len sie ger­ne ver­zich­ten. Die Auf­stän­de im Je­men, Sy­ri­en, Jor­da­ni­en, Al­ge­ri­en und Bah­rein zei­gen, dass es sich sel­be rum de­le­gi­ti­mier­te Herr­scher han­delt. Sie stim­men ver­mut­lich da­für, da­mit man sie ver­schont.

    Ich bin nicht der Mei­nung, dass die An­ge­le­gen­heit eil­te. Ein As­pekt, der viel zu we­nig be­rück­sich­tigt wur­de be­steht dar­in, dass die Re­bel­len die Ge­walt be­gon­nen ha­ben. Wie konn­te man glau­ben, dass die schnel­len Er­obe­run­gen des Ostens von Gad­da­fi ak­zep­tiert wor­den wä­ren? Wie konn­te es zu ei­ner sol­chen Fehl­ein­schät­zung kom­men? Wer sind die Leu­te, die hier auf­ge­stan­den sind? Man weiß viel zu we­nig, um mit der ge­ball­ten Mi­li­tär­macht ein­zu­grei­fen.

    Die Re­bel­len hat man meh­re­re Wo­chen ma­chen und sich von Sie­ges­bot­schaf­ten blen­den las­sen. Was hat man un­ter­nom­men? Nichts. Sar­ko­zy hat die Leu­te als le­gi­ti­me Ver­tre­ter Li­by­ens an­er­kennt. Nie­mand sprach vor­wurfs­voll von ei­nem Son­der­weg Frank­reichs – was es war. Wo blie­ben die Ab­ge­sand­ten der EU oder von sonst­wem, die in Beng­ha­zi mit den Re­bel­len Kon­takt auf­such­ten? Wo wa­ren die di­plo­ma­ti­schen Be­mü­hun­gen, auf Gad­da­fi ein­zu­wir­ken?

    Um Dein Schü­ler­bei­spiel auf­zu­neh­men: War­um nicht rein­ge­hen, be­vor ei­ner das Mes­ser zückt?

    Na­tür­lich kommt es jetzt so­fort wie­der zu den be­rühm­ten »Kol­la­te­ral­schä­den«. Bei­de Sei­ten in­stru­men­ta­li­sie­ren die Me­di­en. Un­ser Glau­be an die »chir­ur­gi­schen« Prä­zi­si­ons­waf­fen ist hün­disch. Längst dürf­te Gad­da­fi sei­ne Waf­fen ent­spre­chend ver­steckt ha­ben. Das kann, das wird Mo­na­te dau­ern. Und dann?

    #8

  8. Zu Rein­hard Mer­kel: Grund­sätz­lich ist sei­ne Po­si­ti­on zu prä­fe­rie­ren, al­ler­dings ver­wickelt er sich in den Wi­der­spruch, dass er ei­ner­seits ge­heim­di­plo­ma­ti­sche Ver­hand­lun­gen mit Gad­da­fi und den Re­bel­len füh­ren will, um die Kampf­hand­lun­gen zu stop­pen, an­de­rer­seits aber er­ste­ren für gei­stig nicht zu­rech­nungs­fä­hig oder ge­stört hält (ich kann mich an die ge­naue For­mu­lie­rung nicht mehr er­in­nern). Na­tür­lich pro­bie­ren hät­te man es kön­nen und müs­sen. Der pri­mä­re Ge­walt­ver­zicht zwi­schen Staa­ten als Ba­sis des Völ­ker­rechts, auf den er ver­weist, ist emi­nent wich­tig. Ein zwei­ter Wi­der­spruch ist m.E., dass er Gad­da­fi für ob­so­let er­klärt – er sagt et­was wie »der Mann muss weg« – an­de­rer­seits aber für ei­ne neu­tra­le Po­si­ti­on plä­diert; ich weiß schon, dass er das völ­ker­recht­lich ar­gu­men­tiert (Ver­bot der Par­tei­nah­me in Bür­ger­krie­gen), aber da bleibt schon ei­ne klei­ne Selt­sam­keit zu­rück: Ein Dik­ta­tor, der weg ge­hört, der »sein« Volk un­ter der Knu­te hielt und jetzt wo es sich wehrt...

    Aber Mer­kel hält In­ter­ven­tio­nen aus hu­ma­ni­tä­rer Sicht prin­zi­pi­ell recht­fer­tig­bar.

    ——

    Es gibt wohl kei­ne De­mo­kra­tie im west­li­chen Sinn in der ara­bi­schen Li­ga, aber doch et­li­che Staa­ten, die man nicht so ein­fach weg­klas­si­fi­zie­ren kann oder soll­te (Jor­da­ni­en, Ka­tar, Ma­rok­ko, Li­ba­non, u.a.). Ich weiß nicht war­um sie sich ent­schie­den ha­ben, wie es ta­ten, of­fi­zi­ell zu­min­dest des Schut­zes der Zi­vil­be­völ­ke­rung we­gen, den sie auch ein­for­dern (ja, kei­nem wird Gad­da­fi ab­ge­hen, aber man wird sich nicht nur des­we­gen ein­fach dem We­sten »an­bie­dern«, das wä­re po­li­tisch auch nicht all­zu klug).

    ——

    Zum Ge­walt­aus­bruch: Wie in Ägyp­ten oder an­ders­wo auch, hat sich in Li­by­en et­was wie ein »Frust­po­ten­zi­al« auf­ge­staut, das jetzt schlicht und er­grei­fend ein Ven­til ge­fun­den hat, das ist nichts an­de­res, als wenn sich je­mand nach Jah­ren ge­gen die Drang­sa­lie­rung ei­nes Klas­sen­kol­le­gen wehrt (gut, ich ge­be zu das ist ei­ne In­ter­pre­ta­ti­on der Er­eig­nis­se).

    Ich mei­ne es eilt, weil Men­schen star­ben, ster­ben und es ver­mut­lich noch mehr wer­den. Der Zeit­druck er­gibt sich dar­aus, wie man die Ent­wick­lung der Er­eig­nis­se fort­schreibt (wei­ter denkt), was man in ir­gend­ei­ner Form tun muss um die La­ge be­ur­tei­len zu kön­nen (Wer­den die Kampf­hand­lun­gen bald vor­über sein? Wird das Mor­den nach­her erst so rich­tig be­gin­nen? etc.)

    Man kann jetzt ein­wen­den, dass das den We­sten sonst auch nicht küm­mert. Stimmt. Aber ist das tat­säch­lich ein Ar­gu­ment?

    Ich ge­be Dir aber völ­lig Recht, dass man längst al­le an­de­ren We­ge hät­te aus­schöp­fen müs­sen.

    ——

    Zum Schü­ler­bei­spiel: Man kann nicht im­mer da­zwi­schen ge­hen, weil Staa­ten nun mal als sou­ve­rä­ne Ak­teu­re gel­ten und man sie für kom­pe­tent an­sieht ge­wis­se Pro­ble­me selbst zu lö­sen (das zeigt dann auch ei­nen Man­gel des Bilds).

    ——

    Was dann pas­sie­ren wird weiß ich nicht. Aber es kommt ei­nem al­les sehr be­kannt vor, lei­der.

    #9

  9. Ja, Mer­kels (ge­meint ist der Rechts­phi­lo­soph!) Wi­der­spruch: Ei­ner­seits ar­gu­men­tiert er als Völ­ker­recht­ler, dann wie­der als Po­li­ti­ker. Dass Gad­da­fi »weg« soll, steht in der Re­so­lu­ti­on nicht drin – theo­re­tisch muss nach ei­nem bei­der­sei­ti­gen (!) Waf­fen­still­stand mit ihm ver­han­delt wer­den. Nur: Über was soll man denn ver­han­deln? Die Re­bel­len wol­len kei­ne Se­zes­si­on – sie wol­len die ge­sam­te Herr­schaft über das Land. Das geht nur oh­ne Gad­da­fi. Wer al­so die Re­bel­len un­ter­stützt, ist Par­tei; Par­tei ge­gen Gad­da­fi. Hier­in liegt der Wi­der­spruch der Re­so­lu­ti­on, die ja nicht ex­pres­sis ver­bis von ei­nem Re­gime­wech­sel spricht.

    Nach wie vor in­ter­es­siert mich, war­um sich der »We­sten« um das Re­bel­len­tum in Li­by­en küm­mert – und bei­spiels­wei­se rund 200.000 Men­schen in Dar­fur bis auf we­ni­ge Aus­nah­men »hin­nimmt«. Dies hat aus­schließ­lich mit den me­dia­len EIn­rich­tun­gen zu tun. Oh­ne Ka­me­ras und der aus­führ­li­chen Be­richt­erstat­tung gä­be es die­se In­ter­ven­ti­on nicht. Dar­aus folgt, dass ein Kampf ge­gen ei­ne wie auch im­mer ge­rich­te­te Zen­tral­macht nur dann Un­ter­stüt­zung er­fährt, wenn über sie be­rich­tet und die Fol­gen der Nie­der­schla­gung hy­ste­ri­siert wer­den. Schließ­lich – und dar­auf weist ja Mer­kel hin – ha­ben die Re­bel­len ja den Krieg be­gon­nen (nicht un­be­dingt die Ge­walt; die ging vom Gad­da­fi-Re­gime wohl auch schon vor­her aus – zu­min­dest ge­gen Ab­weich­ler).

    Es scheint al­so so zu sein, dass man mit ge­schick­ter me­dia­ler Steue­rung den west­li­chen In­ter­ven­tio­nis­mus aus­lö­sen kann. 1991 brauch­te man noch ver­stär­kend ei­ne Lüg­ne­rin um Welt­si­cher­heits­rat, die da­von sprach, dass Sad­dam Hus­seins Sol­da­ten Brut­kä­sten in Ku­wait ab­stell­ten. So plump läuft das heu­te nicht mehr ab. Re­bel­lio­nen und Auf­stän­de, die die­sen Ge­set­zen nicht ge­hor­chen, ver­puf­fen. Die Le­gi­ti­mi­tät wird nicht über­prüft.


    Hier ein Ar­ti­kel vom »Ne­wyor­ker«. Die Da­me hat auch ge­wis­se Fra­gen, zum Bei­spiel: »If our mis­si­on, as we are told, is to pro­tect Li­by­ans from their go­vernment, does that mis­si­on end on­ly with a chan­ge, or en­du­ring chan­ge of heart, on the part of the go­vernment, or with par­ti­ti­on?« Wo­bei ein »chan­ge« m. W. gar nicht vor­ge­se­hen ist.

    #10

  10. Phorkyas sagt:

    Die Le­gi­ti­mi­tät wird nicht über­prüft.
    Dem Te­nor Ih­res Ar­ti­kels mag ich zu­stim­men. Es ver­ur­sacht mir auch ein Frö­steln, was in die­ser Me­dio­kra­tie so mög­lich ist. Da wird mal eben der Ver­tei­di­gungs­mi­ni­ster ge­schasst, auf ein­mal ist’s ne Klei­nig­keit die AKW’s ab­zu­schal­ten oder Krieg zu füh­ren (und über Nacht wird mal wie­der ein Dik­ta­tor vom Hof­fier­ten zum Bom­bar­dier­ten).

    [Was ich ein­schrän­kend je­doch an­mer­ken woll­te, ist aber viel­leicht dass es mit der Le­gi­ti­ma­ti­on doch all­ge­mein so ist: Die Macht­ha­ber ma­chen nun ein­mal was mach­bar ist – sei es weil Gott das so will oder »die Be­völ­ke­rung«, so­lan­ge es durch­setz­bar ist’s eben »le­gi­tim« – s. auch die Ab­schal­tung der AKW’s am Par­la­ment vor­bei – plebs vult]

    #11

  11. @phorkyas
    Ich ten­die­re da­zu, dass die Po­li­ti­ker im­mer mehr Ge­trie­be­ne von Me­di­en­wahr­hei­ten oder von mir aus Pseu­do-Wahr­hei­ten, die durch Me­di­en pro­du­ziert wer­den, sind. Po­li­tik re­agiert nur noch, ob­wohl sie schein­bar agiert. Da­für spricht die schein­ba­re Al­ter­na­tiv­lo­sig­keit (!). Man müss­te das ge­nau durch­den­ken.

    #12

  12. @Gregor
    Man könn­te Gad­da­fi und sei­nem Clan ei­nen Gang ins Exil an­bie­ten (was man na­tür­lich längst hät­te tun kön­nen, sie­he hier).

    Oh­ne Ka­me­ras und der aus­führ­li­chen Be­richt­erstat­tung gä­be es die­se In­ter­ven­ti­on nicht.

    Da­mit hast Du wohl Recht. Al­ler­dings gilt das für die mei­sten po­li­ti­schen Be­lan­ge in un­se­ren Me­di­en­de­mo­kra­ti­en: Pro­ble­me exi­stie­ren erst, wenn sie all­ge­mein be­kannt wer­den, dann muss man als Po­li­ti­ker han­deln (die paar Wis­sen­den, die ei­nen beim näch­sten Ur­nen­gang nicht mehr wäh­len, kön­nen ge­trost hin­ten an­ge­stellt wer­den).

    Ich ver­mag nicht zu sa­gen in­wie­fern man sol­che me­dia­len Er­eig­nis­se steu­ern oder in­sze­nie­ren kann (z.B. über Agen­tur­mel­dun­gen o.ä.) und wie viel dem Zu­fall über­las­sen bleibt (al­so ge­wis­se Er­eig­nis­se – in die­sem Fall in der ara­bi­schen Welt – zu­vor »sen­si­bi­li­sie­ren«). Re­la­tiv si­cher ist, dass die Be­richt­erstat­tung an ei­nem be­stimm­ten Punkt ab­reißt und man zum näch­sten Auf­merk­sam­keits­kno­ten »ge­führt« wird.

    Hier ei­ni­ge Un­stim­mig­kei­ten der »In­ter­ven­ti­on« und die Ge­gen­po­si­ti­on.

    Al­len Über­le­gun­gen zum Trotz: Die Rea­li­tät lässt sich oft erst hin­ter­her kor­rekt be­ur­tei­len, und nicht in dem Au­gen­blick in dem man han­deln müss­te.

    #13

  13. steppenhund sagt:

    oh­ne kom­men­tar
    weil mir da­zu jetzt die Zeit fehlt. Aber so viel: ich freue mich, dass Du die­sen Bei­trag ge­schrie­ben hast.
    Und ich ent­decke sehr vie­le Par­al­le­len zur Me­di­en­fra­ge hin­sicht­lich Fu­ku­shi­ma. Aber das ist viel­leicht nicht zu­fäl­lig...

    #14

  14. @metepsilonema #13
    Man­fred Rot­ter schreibt:

    Waf­fen­ge­walt hat kei­ne Ge­stal­tungs-, son­dern nur Ver­nich­tungs­ka­pa­zi­tät. Sie löst kei­ne Pro­ble­me, son­dern schafft ei­ne neue Kon­flikt­s­ebe­ne mit ei­gen­stän­di­gen Pa­ra­me­tern, die den ur­sprüng­li­chen Kon­flikt über­la­gert. Jetzt geht es um Sieg oder Nie­der­la­ge. Die Lö­sung der ei­gent­li­chen Pro­ble­me wird auf die Zeit da­nach ver­scho­ben.

    Das ist al­les rich­tig. Dann kommt je­doch ein Satz, der ver­rä­te­risch ist:

    Das be­deu­tet auf Li­by­en über­tra­gen, dass das Flug­ver­bot die Op­po­si­ti­on kei­nes­wegs au­to­ma­tisch an die Macht bringt.

    Da­mit wür­de vor­aus­ge­setzt, dass es Ziel der »In­ter­na­tio­na­len Staa­ten­ge­mein­schaft« sei, die Op­po­si­ti­on an die Macht zu brin­gen. Rot­ter gibt aber zu:

    Denn nur ei­ne mög­lichst prä­zi­se Ziel­de­fi­ni­ti­on er­mög­licht ei­ne plau­si­ble Vor­schau auf die Be­en­di­gung des Waf­fen­ein­sat­zes. Dies­be­züg­lich bleibt üb­ri­gens die UN-Re­so­lu­ti­on 1973/2011 äu­ßerst va­ge.

    Das the­ma­ti­siert ja auch Wal­zer: »Es ist völ­lig un­klar, was mit dem Ein­griff be­zweckt wer­den so­ol. Ist das Ziel, das Schei­tern der Re­bel­len zu ver­hin­dern und das zu tun, wo­zu sie selbst nicht im stan­de sind – näm­lich Gad­da­fi zu stür­zen? Oder will man die Kämp­fe nur mög­lichst lang auf­recht­hal­ten, in­der Hoff­nung, dass die Re­bel­len sich durch­set­zen und Gad­af­fi selbst stür­zen? Oder will man nur ei­nen dau­er­haf­ten Waf­fen­still­stand er­rei­chen?«

    Wei­ter mit Rot­ter:

    Es liegt da­her der Vor­schlag na­he, zu prü­fen, ob nicht die Ge­walt­pha­se über­sprun­gen und gleich ver­han­delt wer­den könn­te. Die Ver­hand­lungs­part­ner kann man sich da­bei nicht aus­su­chen. Man muss selbst die gar­stig­sten ak­zep­tie­ren, wenn sie ent­schei­dungs­be­fugt sind.

    Av­ne­rys Text fällt da­ge­gen ab. Er ge­braucht Vo­ka­beln wie »Mas­sen­mord«, »skan­da­lös« und »un­ge­heur­lich«. Er ist emo­tio­na­li­siert; er ist Par­tei. Prompt kommt na­tür­lich wie­der der ab­so­lut ab­sei­ti­ge Ver­gleich zu Ausch­witz. Scha­de, ich schät­ze Av­ne­ry ei­gent­lich sehr.

    Er über­sieht, dass die UNO sel­ten der­art schnell re­agiert hat wie im Fal­le Li­by­ens. Er merkt gar nicht, wie sich sein Bei­spiel aus dem Spa­ni­schen Bür­ger­krieg ge­gen die jet­zi­ge In­ter­ven­ti­on wen­den lässt: Hier wird der We­sten Par­tei für die Re­bel­len, de­ren Zie­le voll­kom­men un­klar sind. Die Re­bel­len sind ja kei­ens­wegs fried­li­che De­mon­stran­ten – wie die in Tu­ne­si­en, Ägyp­ten und auch Bah­rein und dem Je­men. Hier sind Leu­te am Werk, die sich be­waff­net ha­ben. Die Par­al­le­len zu Ju­go­sla­wi­en und der Un­ter­stüt­zung des We­stens der se­zes­sio­ni­sti­schen Be­we­gun­gen ist frap­pie­rend.

    Hier noch ein­mal Rein­hard Mer­kel in ei­nem FAZ-Ar­ti­kel, der ei­ni­ger­ma­ßen Fu­ro­re er­zeugt.

    #15

  15. @steppenhund #16
    Es ist of­fen­sicht­lich ein Ge­setz: Wo die Me­di­en sind, wird Po­li­tik ge­macht. Das ist erst ein­mal nichts Neu­es. Der Schluß hier­aus ist je­doch er­nüch­ternd: Die Pro­ble­me, die sie nicht be­bil­dern, exi­stie­ren nicht.

    #16

  16. Was dann ei­nem Ver­sa­gen von Po­li­tik gleich­kä­me. Aber man muss vor­sich­tig sein und sich das ein­mal ge­nau an­se­hen (si­cher­lich ist das bei ei­ni­gen The­men so, aber neh­men die Me­di­en nicht auch viel aus der po­li­ti­schen Sphä­re auf?).

    #17

  17. Peter42 sagt:

    Ist es nicht eher so, dass ein Po­li­ti­ker im Nor­mal­fall ge­räusch­los ar­bei­tet und nur Ein­zel­the­men, bei de­nen er zu punk­ten glaubt, in die Öf­fent­lich­keit zerrt, die an­de­ren nur ab­ar­bei­tet? Die The­men exi­stie­ren al­so un­ab­hän­gig von me­dia­ler Dar­stel­lung und sind wahr­schein­lich da­durch auch ein­fa­cher lös­bar.

    Erst wenn ein me­dia­ler Fu­ror ent­steht, muss pas­send oder häu­fig kopf­los re­agiert wer­den. Da­mit schiebt man den schwar­zen Pe­ter auch deut­lich in Rich­tung Me­di­en. Vor al­lem die Mel­dun­gen, die nur mit der Phan­ta­sie des Le­sers als Ver­stär­ker funk­tio­nie­ren, ge­hen mir furcht­bar auf die Ner­ven. Z.B. die schlich­ten er­klä­rungs­lo­sen wei­ßer-Rauch-, schwar­zer-Rauch-Schlag­zei­len bzgl. Fu­ku­shi­ma sind un­er­träg­lich.

    #18

  18. @Peter42 #18
    Ich weiß nicht. manch­mal glau­be ich, dass die Me­di­en nur ih­re so häu­fig sinn- und ah­nungs­lo­sen Hy­ste­ri­sie­run­gen auf­grund der fal­schen An­nah­me bte­rei­ben, der Zuschauer/Leser/Hörer ver­lan­ge dies. Da­bei ent­steht ei­ne Ket­ten­re­ak­ti­on: Jour­na­li­sten glau­ben, dass es die Leu­te in­ter­es­siert. Da­her wer­den be­stimm­te Nach­rich­ten sehr weit nach oben po­si­tio­niert. Dies wie­der­um führt da­zu, dass es na­tür­lich auch re­zi­piert wird. Das be­stä­tigt dann wie­der die Me­di­en­leu­te, usw.

    In Wahr­heit ist sehr vie­les Des­in­for­ma­ti­on oder ein­fach nur ein­sei­tig. Meist so­gar un­be­ab­sich­tigt. Da wer­den mir Leu­te in ei­nem Kran­ken­haus in Ben­ga­si ge­zeigt. Sind dies nun »Zi­vi­li­sten« oder »Kämp­fer«? Kei­ne Ah­nung. Der Chef­arzt geht mit dem Re­por­ter in ein Ne­ben­ge­bäu­de, in dem Lei­chen lie­gen. Sie sei­en übel zu­ge­rich­tet. Sug­ge­riert wird, dass dies von Gad­da­fis Trup­pen sein soll. Aber auch hier un­ter­bleibt die Fra­ge, ob es sich um Zi­vi­li­sten oder Kämp­fer han­delt. Es wird ge­sagt, dass den re­bel­len die Mu­ni­ti­on aus­geht. Die Re­so­lu­ti­on sieht al­ler­dings ein Waf­fen­em­bar­go für das Land vor. Was hat dies für Aus­wir­kun­gen auf den Kampf? Der Zu­schau­er wird nur mit ober­fläch­li­chem Seh-Fut­ter ver­sorgt.

    Un­säg­lich die­se Re­por­ta­gesen­dun­gen in den er­sten Ta­gen der Re­ak­tor­ka­ta­stro­phe von Fu­ku­shi­ma. Ein hy­ste­ri­scher Ro­bert Het­käm­per, nach dem der Re­ak­tor prak­tisch stünd­lich vor der to­ta­len Ex­plo­si­on stand. Im­mer Bil­der, wie Leu­te mit Gei­ger­zäh­lern »ab­ge­hört« wer­den. Nie die Fra­ge nach dem Re­sul­tat. So ist das al­les über­flüs­sig. Man be­bil­dert rein sche­ma­tisch Vor­gän­ge. Die wah­ren In­for­ma­tio­nen un­ter­blei­ben zu Gun­sten von ir­gend­wel­chen lä­cher­li­chen Mo­ment­auf­nah­men.

    #19

  19. @Peter42/Gregor #18 und #19
    Oh­ne jetzt ei­ne er­kennt­nis­theo­re­ti­sche Dis­kus­si­on be­gin­nen zu wol­len: Pro­ble­me exi­stie­ren nur im Be­wusst­sein von Sub­jek­ten. Für den Pro­zess der all­ge­mei­nen Be­wusst­wer­dung al­ler­dings spie­len die Me­di­en als ei­ne Art Ver­hand­lungs- und In­for­ma­ti­ons­platt­form ei­ne gro­ße Rol­le. Es geht »nur« um die Fra­ge wie vie­le Per­so­nen über ei­nen Sach­ver­halt, ein Pro­blem be­scheid wis­sen (aber so weit stim­men wir oh­ne­hin über­ein).

    Po­li­ti­ker ge­hen an die Öf­fent­lich­keit, wenn sie punk­ten wol­len, ein­ver­stan­den, aber aus­schließ­lich? Ich glau­be das nicht, weil auch Po­li­ti­kern be­stimm­te The­men »am Her­zen« lie­gen, sie sich ih­nen ver­schrie­ben ha­ben und die­se für wich­tig hal­ten. Dar­über hin­aus ist es auch ih­re Auf­ga­be mit dem Bür­ger Kon­takt zu su­chen, den sie ja ver­tre­ten. Klar: Ei­nen Ge­set­zes­an­trag oder ei­ne -än­de­rung schreibt am be­sten in Ru­he, aber ich kann mir zu­min­dest vor­stel­len, dass die öf­fent­li­che Dis­kus­si­on da­vor auch für Po­li­ti­ker neue Per­spek­ti­ven ans Licht bringt. Letzt­lich ist es doch so, dass wir al­le schon aus Grün­den der ei­ge­nen Fehl­bar­keit und Un­voll­stän­dig­keit den an­de­ren brau­chen.

    Ich ha­be mich aus der Fu­ku­shi­ma-Be­richt­erstat­tung mitt­ler­wei­le ver­ab­schie­det und ver­su­che das Re­le­van­te zu fil­tern. Ir­gend­wie...

    Na­tür­lich wird auch ma­ni­pu­liert, aber vie­les pas­siert ein­fach, weil man es tun kann – Kon­kur­renz spielt auch ei­ne Rol­le, na­tür­lich, und Be­dürf­nis­se (ge­nau­so wie For­schung, auch an­ge­wand­te, durch­ge­führt wird, weil sie mach­bar ist).

    #20

  20. @Gregor #15
    Av­ne­ry ex­tra­po­liert sei­ne per­sön­li­che Sicht zu weit, es gibt ja tat­säch­lich kei­ne Hin­wei­se auf be­vor­ste­hen­den Völ­ker- oder Mas­sen­mord (was ihn al­ler­dings nicht aus­schließt). Schutz der Zi­vil­be­völ­ke­rung kann man in je­dem be­waff­ne­ten Kon­flikt ins Feld füh­ren.

    Über Mer­kel muss ich noch nach­den­ken (auf je­den Fall ein sehr gu­ter Ar­ti­kel), sei­ne Ar­gu­men­ta­ti­on lässt sich auch auf den spa­ni­schen Bür­ger­krieg an­wen­den: Man hät­te nicht ein­grei­fen dür­fen, auch wenn ab­zu­se­hen war, wer da an die Macht kom­men wird. Kann Ab­seh­bar­keit nicht Ein­mi­schung er­lau­ben? Dün­nes Eis, ich weiß und kei­ne Grund­la­ge für Recht. Man könn­te al­ler­dings ver­zwick­te Bei­spie­le kon­stru­ie­ren: Was, wenn man die Zie­le ei­ner der bei­den Par­tei­en kennt und die tat­säch­lich zu Ver­bre­chen wie De­por­ta­tio­nen und Mas­sen­mord füh­ren könn­ten, muss man trotz­dem war­ten? Da kann ich Aver­nys Sicht schon ein we­nig nach­voll­zie­hen, den ent­spre­chen­den Leu­ten ste­hen nach der Macht­über­nah­me ganz an­de­re Mit­tel zur Ver­fü­gung als vor­her. Aber es mischt sich hier im­mer auch die hi­sto­ri­sche Per­spek­ti­ve des Wis­sen­den hin­ein.

    In­ter­es­san­tes In­ter­view mit dem Po­li­to­lo­gen Kaim und hier An­mer­kun­gen zu Ver­trakt­heit der Si­tua­ti­on in Li­by­en.

    #21

  21. Noch ein paar »Klei­nig­kei­ten«
    Ein nicht ganz il­le­gi­ti­me Fra­ge, die auch in ei­nem Kom­men­tar auf­ge­wor­fen wird, ist, in­wie­weit nicht das Ge­wicht zu Gun­sten Gad­da­fis zu­vor (Un­ter­stüt­zung durch den We­sten, auch Waf­fen­lie­fe­run­gen?) ver­scho­ben wur­de und man ei­nen Krieg (oder zu­min­dest ei­ne Un­ter­stüt­zung der Re­bel­len) nicht durch die­se Schief­la­ge recht­fer­ti­gen könn­te (wie wohl der We­sten da­bei al­les an­de­re als gut da­steht, weil er mit bei­den Par­tei­en ge­mein­sa­me Sa­che macht bzw. ge­macht hat). Auch den Ein­satz von Söld­nern (wenn er denn ent­schei­dend war/ist) könn­te man für ein ähn­li­ches Ar­gu­ment her­an zie­hen.

    Auch zu der Fra­ge ob es sich hier um ei­nen Bür­ger­krieg han­delt, gibt es ver­schie­de­ne An­sich­ten. Wenn man das Kri­te­ri­um an­legt, dass es sich um ei­ne rein in­ner­staat­li­che Aus­ein­an­der­set­zung han­delt, dann wohl ja. Aber viel­leicht über­sieht man dann, dass der Wi­der­stand ge­gen Gad­da­fi nicht da­mit zu fas­sen ist, ob ge­nau de­fi­nier­te Zie­le von Re­bel­len ver­fol­gen wer­den, wie »sau­ber« sie selbst agie­ren oder ob sie den Kampf tat­säch­lich be­gon­nen ha­ben. Den Wi­der­stand ge­gen Gad­da­fi für ge­recht­fer­tigt zu hal­ten, muss nicht zwangs­läu­fig ei­ne In­ter­ven­ti­on im jet­zi­gen Sinn be­deu­ten, das zeigt der Ar­ti­kel ganz gut auf (und es wä­re mir al­le­mal lie­ber, als den Kon­flikt fort­dau­ern zu las­sen – das hät­te ei­ne Art drit­ter Weg sein kön­nen, zu­min­dest als Ver­such).

    #22

  22. Milo sagt:

    Mir hat der Ar­ti­kel sehr gut ge­fal­len. Ich ver­ste­he nur nicht so ganz, war­um er sich so stark auf die Grü­nen kon­zen­triert. Sie ha­ben ge­wiss ih­ren An­teil an den so­ge­nann­ten »hu­ma­ni­tä­ren Ein­sät­zen«. Aber Ihr Ar­ti­kel be­schreibt auch ei­nen vor­aus­ei­len­den Ge­hor­sam der deut­schen Öf­fent­lich­keit, wenn sie über deut­sche Au­ßen­po­li­tik de­bat­tiert. Des­halb muss man ei­gent­lich al­le nen­nen, die sich im Kriegs­fall durch be­son­de­re Bünd­nis­treue her­vor­tun, ob SPD oder Uni­on oder Grü­ne.

    Aber wirk­lich span­nend fand ich die Dar­stel­lung des Han­delns der Me­di­en. Denn mich hat das an den Ko­so­vo-Krieg 1999 er­in­nert, als die Me­di­en auch Ge­wehr bei Fuß un­kri­tisch ei­nen Krieg ge­wis­ser­ma­ßen an der »Hei­mat­front« mit un­ter­stütz­ten. Ich hat­te da­mals den star­ken Ein­druck, dass al­le kri­ti­schen Stim­men, al­le Ein­wän­de re­gel­recht weg­ge­blockt wor­den sind. Die Art, wie man Ser­bi­en zum Feind stem­pel­te, er­schien mir pro­pa­gan­di­stisch. Nicht, dass ich Mi­lo­se­vic für ei­nen Un­schul­di­gen hal­te. Ich fand es nur er­schreckend, dass aus­ge­rech­net das öf­fent­lich-recht­li­che Fern­se­hen die Pfa­de des se­riö­sen Jour­na­lis­mus ver­ließ, um ein­sei­tig und emo­tio­na­li­sie­rend Stim­mung für die­sen Krieg zu ma­chen. Ei­ne wirk­lich kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit der Kriegs­po­li­tik fand nicht statt. Sie wur­de gar nicht erst zu­ge­las­sen. Kri­ti­kern ist man über den Mund ge­fah­ren. Das war das schlim­me, in ei­nem Land, dass sich de­mo­kra­tisch nennt und sich längst ge­läu­tert von sei­ner un­se­li­gen un­de­mo­kra­ti­schen Vor­ge­schich­te wähnt. Ich tei­le Ih­re Ein­schät­zung, dass ei­ne auf Frie­den ori­en­tier­te Au­ßen­po­li­tik nicht mit ei­nem plat­ten Pa­zi­fis­mus oh­ne Wenn und Aber ver­wech­selt wer­den darf. Aber ich fand es 1999 und ich fin­de es 2011 aus­ge­spro­chen selt­sam, wenn kri­ti­sche De­bat­ten ge­ra­de im Jour­na­lis­mus aus­blei­ben oder so­gar un­er­wünscht zu sein schei­nen.

    #23

  23. Ei­gent­lich ha­ben Sie mit Ih­rem zwei­ten Ab­satz ih­re Fra­ge aus dem er­sten Ab­satz schon be­ant­wor­tet. Die Grü­nen ha­ben 1999 ei­ne 180 Grad-Dre­hung be­gan­gen, was ih­re Au­ßen- und Si­cher­heits­po­li­tik an­geht, nur um ne­ben der Schrö­der-SPD nicht wie ein Angst­ha­se da­zu­ste­hen. Je­de Stra­ßen­dir­ne ver­tei­digt ih­re Grund­sät­ze mit mehr En­ga­ge­ment.

    Die Kon­zen­tra­ti­on auf die Grü­nen hängt auch da­mit zu­sam­men, dass ent­täusch­te Lie­be oft die schmerz­lich­ste ist.

    #24

  24. Milo sagt:

    Die Ent­täu­schung über die Grü­nen ist nach­voll­zieh­bar. Die Ent­täu­schung über die SPD ist ja schon sprich­wört­lich und bald ein Me­di­en­kli­schee.

    Mehr noch bin ich aber ent­täuscht von der man­geln­den De­bat­ten­kul­tur. Dass solch plat­te Kriegs­trei­be­rei in Deutsch­land mög­lich ist, hat mich ir­ri­tiert. Das Sä­bel­ras­seln der schrei­ben­den Zunft hielt ich für ein hi­sto­ri­sches Phä­no­men aus der Zeit vor dem En­de des zwei­ten Welt­krie­ges. Aber spä­te­stens seit 1999 ge­hört es auch in »mo­der­nen« Deutsch­land wie­der zum Er­schei­nungs­bild der Me­di­en.

    Die Me­di­en sind da­mit kein Ort ei­ner kri­ti­schen Öf­fent­lich­keit mehr. Zu­min­dest in we­sent­li­chen Fra­gen ver­sa­gen sie ganz dra­ma­tisch. Sie fei­ern den Tod Bin La­dens, oh­ne kri­tisch nach­zu­fra­gen, ob die Ak­ti­on der Ver­ei­nig­ten Staa­ten ge­recht­fer­tigt war. Sie trom­meln für den Krieg in Li­by­en und stüt­zen sich da­bei auf lücken­haf­te In­for­ma­tio­nen über das Ge­sche­hen dort. In der Fra­ge der in­ne­ren Si­cher­heit be­ten sie all­zu­oft nach, was ih­nen Po­li­ti­ker und Po­li­zi­sten als ver­meint­lich al­ter­na­tiv­lo­se Grund­rechts­ein­grif­fe vor­be­ten.

    Man fragt sich wirk­lich, wo noch der Ort ist, um kri­ti­sche Ein­wän­de hör­bar zu ma­chen. Die Me­di­en wir­ken mir all­zu­oft wie Durch­lauf­er­hit­zer für Po­li­ti­ker- und Lob­by­isten­in­ter­es­sen.

    #25

  25. Die me­dia­len Par­al­le­len von 1999 (Ju­go­sla­wi­en) mit 2011 (Li­by­en) sind in der Tat frap­pie­rend. Den­noch gibt es Un­ter­schie­de. Die FAZ stell­te in ei­nem gran­dio­sen Ar­ti­kel von Rein­hard Mer­kel die Le­gi­ti­ma­ti­on des Li­by­en-Ein­sat­zes in­fra­ge. Das gab es 1999 in die­ser Form nicht. Und was Sie über die Be­richt­erstat­tung über Tod Bin La­dens sa­gen, stimmt so nicht. Es gab und gibt durch­aus kri­ti­sche Be­rich­te in den Main­stream­me­di­en über die­se Ak­ti­on. In den »ta­ges­the­men« gab es ei­nen Kom­men­tar von Schö­nen­born, der sein Be­frem­den über den Ju­bel in den USA aus­drück­te. Heu­te gibt’s ei­ne »Presseclub«-Sendung, die das be­fragt. Vor­her die »Phoenix«-Runde, usw.

    #26

  26. Milo sagt:

    Sie ha­ben recht. In der Bin-La­den-Sa­che reg­te sich Kri­tik. Aber ver­zö­gert und das hat­te mich ge­är­gert. Als die Mel­dung vom To­de Bin La­dens frisch war, wur­de sie le­dig­lich re­pro­du­ziert oder eher po­si­tiv be­glei­tet (zu­min­dest, was ich vom Hör­funk und von den Print­me­di­en mit­be­kom­men ha­be). Das Er­stau­nen über An­ge­la Mer­kels Re­ak­ti­on kam erst spä­ter. Ich sel­ber war fas­sungs­los, als ich die State­ments der Kanz­le­rin und des Au­ßen­mi­ni­sters hör­te. Ich konn­te nicht be­grei­fen, dass das nicht kri­tisch kom­men­tiert wor­den ist. Aber ei­nen Tag spä­ter hat es viel­fäl­ti­ge kri­ti­sche Kom­men­ta­re ge­ge­ben. In­so­fern bin ich mit mei­ner Me­di­en­schel­te et­was über das Ziel hin­aus ge­schos­sen.

    #27

  27. Man muss grund­sätz­lich zwi­schen der Wie­der­ga­be von Er­eig­nis­sen und der Re­fle­xi­on über ein Er­eig­nis un­ter­schei­den. Dass die Er­mor­dung Bin La­dens zu­nächst nur als Er­eig­nis ge­mel­det wird, ist klar. Dass die Dis­kus­si­on um die Recht­mä­ßig­keit die­ses Vor­ge­hens spä­ter er­folgt, ist auch klar.

    Pro­ble­ma­tisch wird es in zwei Fäl­len: (1.) Wenn es vor lau­ter Er­eig­nis­be­richt­erstat­tung kei­ne Re­fle­xi­on mehr gibt (zu­meist bei Kriegs- bzw. Vor­kriegs­be­richt­erstat­tung, die im Vor­feld ei­ne Aus­weg­lo­sig­keit sug­ge­rie­ren). Und (2.) wenn ei­ne post-nach­richt­li­che Re­fle­xi­on schlicht un­ter­bleibt. Letz­te­res wird im Talk­show-Zeit­al­ter kaum mehr der Fall sein. Man wird von Stel­lung­nah­men je­der Art so­lan­ge be­lä­stigt wer­den, bis wirk­lich je­der B-Pro­mi noch ge­hört wur­de.

    #28