Der Blick nach oben zu einem Lämpchen, vielleicht gehört es ja zum Bratwursthäusle in Nürnberg, dem Ort der kleinen, vier Jahre nach seinem Tod erscheinenden, nachgelassenen Erzählung Ein Sonntag mit mir und Bier von Ludwig Fels. Ein Text, der nach Angabe des Verlags 2018 geschrieben wurde. Geringfügig sei er korrigiert und verändert worden, heißt es. Schade, dass man nicht mehr erfährt. Oder, besser: Schade, dass man es überhaupt erfährt. Das Büchlein wirkt aus sich selbst. Weg mit dem »Faulturm« der Kritik!
Ein »Selbstporträt im Gastgarten« ist der Untertitel. Und tatsächlich setzte sich der Schriftsteller Ludwig Fels an einem Sonntag in diesen Bier- oder Gastgarten und wollte dort einen Roman schreiben, oder mindestens ein Gedicht oder er ist Hauptfigur in einem Film mit sich zugleich als Regisseur oder alles gleichzeitig.
Zwischenzeitlich hatte man Ludwig Fels fast schon für einen österreichischen Schriftsteller gehalten, aber das war er nicht, obwohl er jahrzehntelang in Wien lebte. Er war ein »Vrange« (hochdeutsch: Franke) und zwar mehr als ihm lieb war, was sich jetzt in dieser Heimatbeschwörung mit vielen fränkischen Einsprengseln zeigt. Das Essen ist bestellt, die ersten Maß Bier wirken schnell. Er erinnert sich an Biergärten und deren Erzeugnisse in Antananarivo und Papua-Neuguinea, erträgt mannhaft die Busladungen Touristen in Wandertracht, die das Bratwursthäusle aufsuchen, imaginiert seine (vergebliche) Suche nach dem Yeti und setzt sich mit einem Mann mit Aktentasche auseinander, der ihm erklärt, dass er 20 Mark Honorar für einen Vierzeiler nicht ordnungsgemäss versteuert habe.
József Debreczeni wurde 1905 als József Bruner in Budapest geboren. Die jüdische Familie floh 1919 vor antijüdischen Pogromen in den ungarisch sprechenden Teil des damaligen Königreichs Jugoslawien. Unter dem Pseudonym Debreczeni verfasste Bruner Artikel und Kommentare, wurde Redakteur und Herausgeber überregionaler ungarischer Zeitungen und Magazine, schrieb aber auch Gedichte, Romane und Theaterstücke. Die ungarischen Rassegesetze des Horty-Regimes, einem Verbündeten Hitlers, beendeten 1938 die Möglichkeit der Publikation. Er zog in die Region Bačka (Vojvodina), die allerdings 1941 von Ungarn annektiert wurde. Debreczeni und seine Familie wurden in das Arbeitslager Bačka Topola deportiert. Am 1. April 1944 stieg er einen Waggon. Gerüchte sprachen von Auschwitz als Ziel.
Mit diesem Transport beginnt Kaltes Krematorium. Es endet irgendwann Anfang Mai 1945. József Debreczeni hat überlebt. Er ist frei. Sein »Bericht aus dem Land namens Auschwitz« (so der deutsche Untertitel) erschien 1950 in Jugoslawien. Von da an dauerte es nur etwas mehr als sieben Jahrzehnte bis es in Englische und nun von Timea Tankó ins Deutsche übersetzt wurde.
Über die Gründe der Missachtung des Buches kann nur spekuliert werden. Vielleicht weil es in Ungarisch geschrieben war? Ahnte Debreczeni die Reserviertheit, ja Ablehnung, sich mit diesen Menschenverbrechen zu beschäftigen? Dem Bericht ist ein Gedicht vorangestellt, dass einer gewisse Ahnung Ausdruck verleiht. Da heißt es unter anderem:
»Wozu die Jahreszeiten,
Wenn die Faschisten bleiben,
Leben wie Maden im Speck?
Ob meiner Mutter Mörder
Noch lebt als braver Bürger,
Nach seiner Sünden Beichte?«
Es endet fatalistisch:
»Ein bekannter Wind weht,
Neue Uniform trägt
Der Mörder meiner Mutter.«
Bis ca. 12h Schlaf. Traumaustausch mit S. Ich hatte ein seltsames Traumerlebnis – eine Reparaturhalle, darin große Maschinen, ganz verrostet, große Autos, Lastwagen, Lokomotiven, alles total verrostet. Und ungefähr 6 Männer, die die Mechaniker waren, alte Männer, in irgendwelchen Staatsuniformen, die Reparaturwerkstätte offenbar ein Staatsbetrieb. Aber alle Maschinen, die man hierher brachte, bekam man erst Monate später, oder aber niemals wieder. Und ich sollte herausfinden, warum alles so lange dauerte bzw. verkommen war. Stellte fest, daß die 6 alten Mechaniker eigentlich überhaupt nicht arbeiteten, höchstens einmal eine Lokomotive von einem Werkstättenende zum anderen schoben, nur das, nur das Hin- und Herschieben verrostender Maschinen. Sehr eigenartig das Ganze. Die Atmosphäre dort! Und die Männer in ihren Uniformen. Kappen wie Bahnbeamte. (…) Wir frühstücken, d.h. die liebe S. berührt vor dem Abend keine Nahrungsmittel. Nur schwarzen Kaffee. Beim Fortgehen bemerke ich, daß ich meinen Schlüsselbund verloren habe. Gestern. Beim Tanzen? Rufe überall an. Nein, nirgendwo gefunden. Bin müde – bin schlecht beisammen. Zum Postamt, schlaftrunken – 14. Straße. Sende mein Hörspiel1 an Jochen Schale2 und den Fischer Verlag. Bin froh, es endlich abgesandt zu haben…Dann Fahrt zur Vermieterin, sie wirkt nicht hocherfreut, gibt mir die 4 Schlüssel, die ich kopieren lasse.
Danach Subway nach Hause. Schlafe. G. will mich sehen – und S.? Was sage ich S.? Gehe um 20h30 zur G., bringe ihr das Hörspiel. Dinner in einem lustigen französischen Lokal, zu laut, aber sympathisch. (…) Taxi, ein Berliner Jude, ca. 60 Jahre alt, wir reden, nachdem wir G. abgesetzt haben. Er spricht von der Kriegsgefahr auf Erden. Und daß »die Sache« mit Israel nicht gut gehen werde. Das Unrecht, das den Palästinensern widerfährt, werde sich rächen. Sein Stolz auf eine Visitenkarte, die ihm vor wenigen Tagen ein Fahrgast in die Hand drückte: Fürst von Esterhazy steht darauf in schwarzen Lettern. Der Fürst lebt in Brooklyn. / Telephoniere dann noch mit S. Bin irgendwie froh, daß ich allein bin – Relativ früher Schlaf.
Der Titel klingt zunächst etwas kompliziert: Konstruktive Dekonstruktionen. Es ist ein dezentes Wortspiel über die vom Autor Dieter Liewerscheidt eher skeptisch betrachteten Dekonstruktivisten. In siebzehn »Studien zur deutschen Literatur« (die meisten davon in den 2010er Jahren entstanden und in diversen Publikationen veröffentlicht) liest der 1946 geborene Literaturwissenschaftler markante Werke vom 18. bis 20. Jahrhundert noch ...
Sowohl als Leser wie auch als Schreiber glaube ich bei bestimmten Texten etwas wie Dringlichkeit zu spüren. Seltsamerweise oft bei älteren Texten, und beim Schreiben sozusagen: immer seltener. In der gegenwärtigen Literatur finde ich solche Dringlichkeit kaum. Auch und gerade dann, wenn sich Autoren um möglichst aktuelle Themen bemühen, entsteht der Eindruck von Dringlichkeit nicht, statt dessen ein anderer, nämlich daß sie ein selbst auferlegtes Programm erfüllen, eine Pflicht erledigen. Viele wollen die Bedrohung der Umwelt in den Texten »unterbringen«. In den Erzählungen wird es immer heißer, dort und da brechen Brände aus, aber die Sätze brennen nicht unter den Nägeln.
Warum? Literatur – soll ich sagen: echte Literatur? – ist inaktuell, manchmal sogar antiaktuell. Jene Dringlichkeit, die ich meine, ist zum Beispiel bei Annie Ernaux zu spüren, die sich, jedenfalls in ihren literarischen Texten (was sie über Palästina denkt, hat damit wenig zu tun), nicht um aktuelle Themen kümmert. Ernsthaftigkeit ist ein verwandter Begriff, eine ähnliche Haltung. Ernsthaft kann heißen: durch den Schleier der Sprache zur Wirklichkeit durchdringen wollen. Dringlichkeit und Durchdringen. Weil Sprache, weil unsere Erzählungen, unsere Mythen, die allgemeinen wie die privaten, das Geschehene eher verdecken als enthüllen. Autoren wie Ernaux geht es um das Enthüllen: die Sprache so weit wie möglich zurückschrauben, interpretationslos schreiben, was war. Wahrscheinlich kann es da immer nur Annäherung zeigen. Bei Ernaux besteht das Erzählen im Mitschreiben dieser Annäherung.
Ernsthaftigkeit ist aber nicht alles, sie hat einen ehrenwerten Opponenten: die Verspieltheit. »Verspieltheit« klingt abwertend, ist aber nicht so gemeint. Spielerische Erzählliteratur, und nicht nur sprachspielerische, sondern mit Erzählelementen und Bildern spielende, trägt ihre raison d’être in sich, sie ist Selbstzweck, man muß sie nicht rechtfertigen. Kunst ist ihrer Genese nach eine Form des Spiels, ohne das menschliche Entwicklung nicht möglich ist. Wer Künstler wird oder bleibt, ist bloß mehr Kind geblieben als andere Erwachsene. Dieses spielerische Moment enthalten auch zahllose ernsthafte Erzählungen, etwa die von Peter Stephan Jungk, wobei ich an den autobiographisch-surrealen Roman Die Reise über den Hudson ebenso denke wie an das literarisch-ethnographische Kunstwerk Marktgeflüster. In der österreichischen Literatur gibt es eine besonders stark ausgeprägte Neigung zum spielerischen und verspielten Schreiben: Nestroy, Herzmanovsky-Orlando, die Wiener Gruppe, Ernst Jandl, Franzobel, Helena Adler – um hier nur anzudeuten, was und wen ich im Blick habe. Auch Friederike Mayröcker. Surrealismus bringt die Ordnungen und Ebenen durcheinander und baut neue Ordnungen auf, die wir nicht immer sofort nachvollziehen können oder wollen. Dann lassen wir uns vom Chaos streicheln. Das nenne ich »Spiel«. »Chaosmos«, der von Deleuze geprägte, jedoch von James Joyce geklaute Begriff gefällt mir immer noch, obwohl der Philosoph mittlerweile recht inaktuell geworden ist. Zeit, ihn wieder zu lesen. Chaosmos: die Welt im Zustand ihrer Entstehung.
Jede Zeit kreiert ihre Erzählungen und Romane, die entweder zu Klassikern werden, in Vergessenheit geraten oder irgendwann mit Emphase vom Klassikerthron gestoßen werden. Und wenn die zeitgenössische Literatur wieder einmal droht, in eine Gleichförmigkeit zu versinken, blühen die Revivals, Variationen von altbekannten, einst bereits als unzeitgemäß denunzierte Romane und deren Motive, transformiert in die Gegenwart. Einer der Romane der Zeit scheint Der Zauberberg von Thomas Mann zu sein, fast genau vor einhundert Jahren erschienen. Der Publizist Jens Nordalm erklärte kürzlich in einem fulminanten Text, warum man gerade heute den Zauberberg lesen muss. Inmitten all der Aufgeregtheiten entdecken Literaten plötzlich den Eskapismus als letzten Ausweg. Es ist der Wunsch nach Abgeschiedenheit von der zunehmend als kompliziert wahrgenommenen, überfordernden Welt mit der Möglichkeit der Überwindung von Lebens- und/oder Liebeskrisen. Olga Tokarczuk verlagerte 2023 ihr Zauberberg-Setting nach Niederschlesien, Timon Karl Kaleyta schickte seinen letzten Romanhelden in ein Sanatorium, Monika Zeiner ließ in Hans-Castorp-Manier das schwarze Schaf einer Industriellenfamilie am Ort seiner Kindheit seine Jugenderinnerungen auffrischen und Norman Ohler verfasste einen Klimawandel-Roman mit Zauberberg-Elementen (damit jeder darauf kommt, ist er im Titel schon erwähnt).
Und jetzt auch noch Heinz Strunk, der vor einigen Jahren bereits aus Thomas Manns Tod in Venedig einen Sommer in Niendorf häkelte. Sein neuestes Buch heißt Zauberberg 2. Der Held heißt Jonas Heidbrink, ist 1986 geboren. Er fährt mit 36 Jahren und rund 180 kg Gepäck in eine bis zum Schluss namenlos bleibende Klinik, 4 Stunden 52 Minuten Fahrzeit entfernt in der Nähe eines Sumpfgebiets in Mecklenburg-Vorpommern (womöglich in der Nähe von Botho Strauß’ Wohnsitz – Strunk ist Strauß-Aficionado). Heidbrinks Kontrakt läuft auf dreißig Tage, der Aufenthalt ist mit 823 Euro am Tag nicht gerade billig, aber er kann es sich leisten, weil sein Start-up wurde vor einiger Zeit aufgekauft wurde. Zwar bedeutet dies nach Lage der Dinge, das er ausgesorgt hat, aber die depressiven Zustände, bereits vor der Start-up-Gründung vorhanden, während der Zeit in dieser Firma jedoch ruhten, traten jetzt wieder hervor: Schlaflosigkeit, Lustlosigkeit gepaart mit Angst- und Panikzuständen.
Das 25 m²-Zimmer ist zunächst ein bisschen kalt, ansonsten oberer Standard. Die Mahlzeiten (»Deutsches Soulfood«) werden in einem Speisesaal eingenommen, der Tisch, an dem man sitzt, wird zugeteilt. Es gibt Aufnahmeuntersuchungen – zunächst die psychologische, dann die medizinische. Zu seiner eigenen Überraschung werden ein Nierentumor und ein Melanom festgestellt. Letzteres wird noch am gleichen Tag der Entdeckung entfernt. Am Ende wird für beide Fälle Entwarnung gegeben.
Heidbrink findet schwer Kontakt, was auch daran liegt, dass er meist alleine an seinem Sechsertisch sitzt und die Mahlzeiten serviert bekommt. Der Tag ist mit den Mahlzeiten, Untersuchungen und Therapie- und Gruppenterminen gut strukturiert. Ab und an gibt es einen »Kulturabend«. Eine Spielerunde der »Patienten« (die bevorzugte Bezeichnung der Bewohner) gibt es auch, aber Heidbrink kann kein Doppelkopf spielen.
Der Roman plätschert. Immerhin: In der Beschreibung der Heidbrink begegnenden Ärzte, Klinikangestellten und Patienten läuft Heinz Strunk zu großer Form auf. Mal ist jemand »so mager, dass sie wie ihr eigenes Röntgenfoto aussieht«, oder, eine andere Teilnehmerin, fällt durch ihre »spargelige, friedlich-freundlich-vegan/vegatarische« Erscheinung auf. Uwe aus Dormagen ist dick und »triefäugig«, sein Körper hat »Ähnlichkeit mit einer Kirchenglocke«, Simons Stirn »ist von einem Spiralnebel entzündlicher Pusteln übersät«. Weibliche Wangen haben die Durchsichtigkeit in »Sushi-Qualität«, ein anderes Gesicht sieht aus wie ein »Trockenpilz«, ein »liegendes Fünfeck« oder es »glänzt wie eine kalte Bratkartoffel«. Doreen hat Tränensäcke »wie geschmolzenes Kerzenwachs«. Große Phantasie braucht man bei der Vorstellung eines Körpergeruchs, »als hätte man Bleistiftspäne destilliert«.
Frühjahr 2014, leichter Schneefall. Der 42jährige freie Drehbuchautor Nikolas Finck reist mit dem Zug von Berlin über Nürnberg in den fiktiven fränkischen Ort Gründlach. Über dem Anwesen der Schriftzug »STERNBALD«, der Ort seiner Kindheit, inzwischen etwas heruntergekommen, vermutlich dem Understatement der Eltern geschuldet. Anlass des Besuches ist der 103. Geburtstag des Großvaters Heinrich Christian Theobald, ...
Der Kärntner Janko Ferk ist Jurist, Literaturwissenschaftler (Schwerpunkt Franz Kafka), Übersetzer, Initiator eines Lexikons Kärntner slowenischer Literatur, Autor von Sachbüchern, Reiseführern, Novellen, Romanen, Essays und Literaturkritiken. Im LIT-Verlag werden regelmässig seine Literaturkritiken aus unterschiedlichen österreichischen Medien gebündelt publiziert. Neu erschienen sind nun seine »Begleitschreiben, Gespräche und Zustimmungen« (so der Untertitel des Büchleins) zu (und auch über) Peter Handke. Der Band ist merkwürdigerweise, was die Handke-Rezensionen Ferks angeht, nicht vollständig. So findet man etwa die Sammelrezension zu Zdeněk Adamec und der Dämonen- und Maigeschichte Handkes in einem anderen Band. Zumal es im neuen Band Besprechungen zu jüngeren Werkes Handkes gibt. Völlig entfesselt zeigte sich Janko Ferk in einer vernichtenden Rezension von Georg Pichlers Handke-Biographie Die Beschreibung des Glücks von 2002. Hier bleibt kein Stein auf dem anderen. Zur späteren Biographie von Malte Herwig findet sich nichts.
Viele dieser Texte sind keine klassischen Rezensionen, wie der Aufsatz zu Wunschloses Unglück zeigt, der Erzählung von 1972 über den Freitod von Handkes Mutter und die Schwierigkeit, darüber literarisch zu schreiben. Ferk nimmt die Tatsache, dass Handkes Mutter Kärntner Slowenin war zum Anlass sich generell mit dem Schicksal der Minderheit der Kärntner Slowenen und ihrer steinigen jüngeren politischen Geschichte in Österreich zu beschäftigen. Was natürlich kaum verwundert, denn er gehört dieser Minderheit selber an und hat vieles selber erlebt. Handkes Rolle beispielsweise im Ortstafelstreit wird erwähnt, auch sein Übersetzungs-Engagement von Autoren wie Gustav Januš und Florjan Lipuš.