Nur zwei Cent

»Ja, ich bin Jour­na­li­stin. Und, ja: Ich ha­be ei­ne ei­ge­ne po­li­ti­sche Mei­nung« schreibt ERL­kö­ni­gin als Auf­ma­cher zu ih­rem Ar­ti­kel mit dem pa­the­ti­schen Ti­tel »Das Recht auf Mei­nung«. Pa­the­tisch des­halb, weil da­mit un­ter­schwel­lig sug­ge­riert wird, dass es ir­gend­je­mand gibt, der die­ses Recht in Ab­re­de stellt. (So im­mu­ni­siert man sich ge­gen Kri­tik.) Schnell wird man bei ERL­kö­ni­gin fün­dig: »An die Mär des ewig neu­tra­len Be­ob­ach­ters glau­be ich nicht.« Und em­pha­tisch fährt sie fort: »Sol­che Jour­na­li­sten brau­che ich per­sön­lich auch nicht. Als Le­ser – und das bin ich eben­falls täg­lich – will ich wis­sen, wie Men­schen, die in der Sa­che um ei­ni­ges nä­her dran sind als ich, The­men ein­ord­nen.«

Zu­nächst ein­mal stellt sich die Fra­ge, wer Jour­na­li­sten ein »Recht auf Mei­nung« be­strei­tet? Na­tür­lich sind Jour­na­li­sten kei­ne Mei­nungseu­nu­chen. Aber was be­deu­tet dies für die all­täg­li­che Be­richt­erstat­tung? Geht es viel­leicht nicht eher dar­um, dass Mei­nungs­jour­na­lis­mus von der rein sach­li­chen »Nach­richt« (dem Nach­ge­reich­ten) zu tren­nen ist, um nicht – auch so ei­ne mo­di­sche For­mu­lie­rungs­flos­kel – den Le­ser zu be­vor­mun­den oder zu­min­dest (sanft oder per­fi­de?) zu ma­ni­pu­lie­ren?

Noch in­ter­es­san­ter ist die Fra­ge, wor­an ich be­mer­ken soll, ob der Be­richt­erstat­ter »in der Sa­che um ei­ni­ges nä­her dran« ist als ich, der Le­ser. Geht es dar­um, wer viel­leicht mit wel­chem Po­li­ti­ker, Wirt­schafts­boss oder Künst­ler in trau­ter Run­de zu­sam­men­saß? Wird hier nicht mit ei­ner Au­ra von Au­then­ti­zi­tät ge­ar­bei­tet, die letzt­lich nur Be­haup­tung bleibt, da der Me­di­en­re­zi­pi­ent kei­ne Mög­lich­kei­ten der Kon­trol­le hat?

Im an­gel­säch­si­schen Raum hat sich ei­ne For­mu­lie­rung für die ei­ge­ne Mei­nung einge­bürgert: »My zwo Cents…« Bei al­lem Un­der­state­ment zeigt sich in die­sem Be­griff fast exem­plarisch, was von der rei­nen Mei­nung als Dis­kurs­bei­trag zu hal­ten ist: Zu­meist sehr we­nig. Denn ei­ne Mei­nung hat man (fast) im­mer und zu al­lem. Sie ist schnell zu Hand, grif­fig for­mu­liert und meist ein­deu­tig, da sie fast im­mer nur zwei Ant­wort­mög­lich­kei­ten bie­tet : da­für oder da­ge­gen. Mei­nung gibt im­mer ei­ne Ant­wort. Aber mehr auch nicht. Die Mei­nung ist – sie­he oben – die bil­lig­ste Wäh­rungs­ein­heit im Me­di­end­schun­gel. Al­len­falls stellt sie ei­ne Vor­stu­fe zum Ur­teil dar. Aber kaum mehr.

Braucht man al­so de­zi­dier­ten Mei­nungs­jour­na­lis­mus, d. h. ei­ne Be­richt­erstat­tung, in der ein Jour­na­list sei­ne Mei­nung zum zen­tra­len Kern er­hebt und sich – sei es aus Re­si­gna­ti­on oder aus Über­zeu­gung – gar nicht um ei­ne an­de­re Dar­stel­lungs­wei­se be­müht? Für die­se Form der per­sön­li­chen Be­richt­erstat­tung gibt es ei­ne spe­zi­el­le Text­gat­tung: den Kom­men­tar. Hier ist für je­den sicht­bar, dass es sich um ei­ne sub­jek­tiv ge­färb­te Sicht han­delt. Sol­len nun Kom­men­tar und Jour­na­lis­mus auf­ge­ho­ben wer­den, weil es die »rei­ne Ob­jek­ti­vi­tät« so­wie­so nicht gibt (ein Ge­mein­platz, der na­tür­lich rich­tig ist, aber das Be­mü­hen schon vor­her als ver­geb­lich dar­stellt)?

Die Ant­wort ist nein. Na­tür­lich ist kein Jour­na­list oh­ne ein Welt­bild. Die­ses Welt­bild be­grün­det sich auf Mei­nun­gen, An­schau­un­gen und Ur­tei­le. Wer bei­spiels­wei­se die Me­di­en-Sei­te der FAZ liest, wird ei­nen Be­richt­erstat­ter be­mer­ken, der im­mer wenn es um öf­fent­lich-recht­li­che Me­di­en geht, mit Ver­ve die Ar­gu­men­te der Geg­ner des öf­fent­lich-recht­li­chen Sy­stems ver­tritt. Und wer den in­nen­po­li­ti­schen Teil der Süd­deut­schen Zei­tung liest, wird auch die Hand­schrift des Res­sort­lei­ters be­mer­ken. Das ist schlimm ge­nug und zum Teil Aus­druck der Ma­lai­se des Jour­na­lis­mus: Die Mei­nun­gen sind der­art festge­schrieben, dass nur noch dar­um her­um ge­schrie­ben (bzw. ge­sen­det) wird. Häu­fig geht die­se Form des Etap­pen­jour­na­lis­mus (Mal­te Her­wig) mit nur noch höchst ober­flächlichen Kennt­nis­sen der ak­tu­el­len Sach­la­ge ein­her. Statt ein biss­chen län­ger zu recher­chieren und sich vom Re­sul­tat die­ser Nach­for­schun­gen ge­ge­be­nen­falls selbst über­raschen zu las­sen, wer­den die üb­li­chen Phra­sen und Pa­ro­len ge­dro­schen. Für den Le­ser heißt das: Er kann schwer un­ter­schei­den, ob der Jour­na­list sei­ne Mei­nung wie­der­gibt oder ein re­cher­chier­tes Er­geb­nis prä­sen­tiert.

Am deut­lich­sten zeigt sich die fast zwang­haf­te Lust der Me­di­en auf Mei­nun­gen in den in­zwi­schen zwei­wö­chent­li­chen Um­fra­gen über das Wäh­ler­ver­hal­ten. Ne­ben der so­ge­nann­ten Sonn­tags­fra­ge wird auch re­gel­mä­ssig die Zu­frie­den­heit der Ar­beit von Spit­zen­po­li­ti­kern be­wer­tet. Wir er­fah­ren dann, dass 55% mit der Ar­beit von Po­li­ti­ker X zu­frie­den sind, aber nur 20% mit Po­li­ti­ker Y. Ge­fragt wird nie nach ei­ner Be­grün­dung. Wie be­ur­tei­len Bür­ger die Ar­beit bei­spiels­wei­se von Frank-Wal­ter Stein­mei­er? Des­sen Zu­frie­den­heits­kur­ve stieg aus­ge­rech­net dann an, als er ei­ne Nie­re für sei­ne Frau spen­de­te und ei­ni­ge Wo­chen nicht prä­sent war.

Die Fra­ge nach der Zu­frie­den­heit mit der Ar­beit von Po­li­ti­kern ent­springt dem Wunsch der Jour­na­li­sten und Bür­ger, Mei­nung zu äu­ßern. Das ist le­gi­tim, aber letzt­lich voll­kom­men oh­ne lang­an­hal­ten­den Nach­rich­ten­wert. Nie­mand der Be­frag­ten ist in der La­ge, die­se »Mei­nung« zu be­grün­den; sie ent­springt ei­nem Ge­fühl bzw. den me­dia­len In­sze­nie­run­gen (zu de­nen die Jour­na­li­sten sehr stark bei­tra­gen).

Mei­nun­gen ge­hö­ren ins Wirts­haus oder ei­ne Fir­men­kan­ti­ne. Aber ich möch­te mir ein Ur­teil bil­den. Hier­für hat sich ein Jour­na­list stän­dig neu zu über­prü­fen und zu be­fra­gen. Auch und ge­ra­de im hek­ti­schen All­tag. Ich brau­che kei­ne Jour­na­li­sten, die mir auch noch so ge­schickt ih­re Mei­nung als ein po­ten­ti­el­les Ur­teil an­die­nen.

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  1. Wie schon den Kom­men­ta­ren bei Esther er­wähnt: Es gibt durch­aus Kol­le­gen, die das Recht auf Mei­nung für Jour­na­li­sten in Fra­ge stel­len oder ge­stellt ha­ben – et­wa Hanns-Joa­chim Fried­richs (so ha­be ich ihn je­den­falls ver­stan­den). Selbst den Kol­le­gen, die bei ih­rer Ar­beit auf stren­ge Neu­tra­li­tät ach­ten, wird’s aber schwie­rig, wenn sie auf ei­ner an­de­ren Platt­form (et­wa im pri­va­ten Blog) de­zi­diert Mei­nun­gen ver­tre­ten. Kön­nen sie dann noch vom Pu­bli­kum als neu­tra­le Be­richt­erstat­ter ak­zep­tiert wer­den?

    An­de­rer­seits ist es ja für den Re­zi­pi­en­ten mög­li­cher­wei­se hilf­reich, wenn er über die pri­va­ten Stand­punk­te und In­ter­es­sen ei­nes Jour­na­li­sten in­for­miert ist. Hilft even­tu­ell bei der Ein­ord­nung und Be­wer­tung der Ver­öf­fent­li­chun­gen.

    Das mit den Be­für­wor­tern und Geg­nern des öf­fent­lich-recht­li­chen Rund­funk­sy­stems ist ein schö­nes Bei­spiel. Hier scheint mir fast je­des Me­di­um, je­des Fo­rum und je­der Kom­men­ta­tor in ir­gend ei­ner Form in­ter­es­sen­ge­steu­ert zu sein – pri­vat oder in sei­ner of­fi­zi­el­len Funk­ti­on. Da wer­den Holz­ham­mer-mä­ßig An­sich­ten und Über­zeu­gun­gen ge­gen­ein­an­der ge­wor­fen – teils oh­ne Be­ach­tung von Fak­ten und oh­ne Aus­sicht auf Kon­sens. Neu­tra­li­tät ha­be ich da vor al­lem in jüng­ster Zeit ver­geb­lich ge­sucht – bei mir na­tür­lich auch nicht (ob­wohl ich’s ver­sucht ha­be).

  2. Sie ha­ben recht: Es kann im Ein­zel­fall hilf­reich sein, wenn Jour­na­li­sten so­zu­sa­gen »be­kannt« für ih­re Aus­rich­tung sind. Gott­lieb fällt mir da so­fort ein. Oder Mark­wort. Bei den so­ge­nann­ten Blog­jour­na­li­sten liegt der Fall dann noch kom­pli­zier­ter – so, wie Sie’s ge­schil­dert ha­ben. Das ist fast schon nicht mehr zu schaf­fen.

    Schlim­mer sind die­je­ni­gen, die Ob­jek­ti­vi­tät nur vor­spie­len und un­ter­schwel­lig ei­ne Mei­nung trans­por­tie­ren (und sei es durch sub­ti­le Mit­tel). Den­noch hal­te ich die Mei­nung (!), dass man Mei­nung so­zu­sa­gen stil­bil­dend ein­set­zen soll­te, für falsch. Das wür­de zwar das Le­ben leich­ter ma­chen, aber dar­auf kann ich als Leser/Hörer/Zuschauer im Zwei­fel kei­ne Rück­sicht neh­men.

  3. Ich ha­be Esthers Bei­trag nicht so ver­stan­den, dass sie Mei­nung ir­gend­wie »stil­bil­dend« ein­set­zen will – zu­min­dest nicht in dem Sin­ne, dass in der »nor­ma­len« Be­richt­erstat­tung die An­sicht des Schrei­bers er­kenn­bar sein soll. Da­ge­gen fin­de ich es durch­aus okay (und es wird teil­wei­se so­gar in Lo­kal­tei­len ge­macht), wenn der Be­richt­erstat­ter ne­ben sei­nem (mög­lichst neu­tra­len) Ar­ti­kel bei Be­darf ei­nen »Standpunkt«-Kasten setzt, der klar als »Mei­nung« er­kenn­bar ist. Viel­leicht ist ja der ver­mehr­te Ge­brauch die­ses »Stil­mit­tels« die Zu­kunft auch für tra­di­tio­nel­le Me­di­en, weil so er­fah­rungs­ge­mäß mehr Re­so­nanz und In­ter­es­se ge­ne­riert wird.

  4. Gibt es die rein »sach­li­che Nach­richt« wirk­lich? Die Süd­deut­sche hat heu­te als Head­line »EU muss Kri­sen­gip­fel zum Eu­ro ver­schie­ben«. Schein­bar rein sach­lich, aber da­mit wird doch in­si­nu­iert, dass es ganz dra­ma­tisch und man un­eins ist usw. Die FAZ schreibt: »Die Re­gie­rung der Slo­wa­kei vor dem Bruch«. Auch im Hin­ter­grund die Er­wei­te­rung des Ret­tungs­schirms. Die TAZ »Zur Not geht es auch oh­ne Bra­tis­la­va«. Die Welt: »Eu­ro-Ret­tung steht un­mit­tel­bar vor dem Schei­tern«.
    Al­les schein­bar sach­li­che Mit­tei­lun­gen, al­le trans­por­tie­ren be­reits die Mei­nung des/der Jour­na­li­sten.
    Wenn der Jour­na­list sei­ne Mei­nung sach­lich und fair bzw. aus­ge­wo­gen ‑ich weiß, al­les Flos­keln- be­grün­det, ha­be ich nichts ge­gen die Mei­nung, denn be­reits Aus­wahl, Zu­sam­men­stel­lung und Ge­wich­tung der Fak­ten sind nicht mehr »ob­jek­tiv«, son­dern sub­jek­tiv. Nur wenn mir mir Mög­lich­keit zum ei­ge­nen Ur­teil ge­ge­ben wird, ich al­so um­fas­send über pro und con­tra, Fol­gen und In­ter­es­sen in­for­miert wer­de, füh­le ich mich nicht hin­rei­chend in­for­miert.
    Das Pro­blem mit der Fra­ge nach der Zu­frie­den­heit der Po­li­ti­ker gilt doch für al­le Um­fra­gen. Wenn ich die Fra­ge und die Grö­ße der Stich­pro­be nicht ken­ne, ist das Er­geb­nis fast Kaf­fee­satz­le­sen. Auch der Ein­satz von schein­bar sach­li­chen Sta­ti­sti­ken wird viel zu we­nig kri­tisch be­fragt, ob­wohl man ahnt, dass die Sta­ti­stik ma­ni­pu­liert sein kann.

  5. @Norbert
    Klar, ei­ne Ob­jek­ti­vi­tät in Rein­kul­tur gibt es nicht. Das Ding an sich ja auch nicht. Aber man kann und soll­te es doch we­nig­stens ver­su­chen, oder?

    Ih­re Schlag­zei­len-Li­ste ist ein sehr gu­tes Bei­spiel da­für. Tat­säch­lich be­inhal­tet das Wort »Kri­sen­gip­fel« das Vor­han­den­sein der Kri­se. Die­se zu be­strei­ten, wä­re je­doch blau­äu­gig. Ich per­sön­lich wür­de je­doch lie­ber »Gip­fel« se­hen. Die Aus­sa­ge, die Ret­tung stün­de kurz vor dem Schei­tern, ist na­tür­lich ten­den­zi­ös. Hier wird vom Ver­schie­ben auf das Schei­tern ge­schlos­sen.

    Am deut­lich­sten ist mir das Ten­den­ziö­se in der Be­richt­erstat­tung um die FDP und Rös­ler auf­ge­fal­len (oh­ne be­son­de­re Sym­pa­thi­en für Par­tei und Po­li­ti­ker zu ha­ben). Rös­ler hat­te ja mit sei­nem Ge­re­de von der Mög­lich­keit ei­ner In­sol­venz Grie­chen­lands für Fu­ro­re ge­sorgt. War­um, weiss ich bis heu­te nicht. Aus die­ser Aus­sa­ge wur­de je­doch flugs ge­schlos­sen, die FDP fah­re ei­nen »eu­ro­pa-skep­ti­schen« Wahl­kampf. Die Pa­ro­len der po­li­ti­schen Geg­ner wur­den ge­le­gent­lich 1:1 über­nom­men. Noch am wohl­wol­lend­sten war da die For­mu­lie­rung »eu­ro-skep­tisch«. Al­lei­ne: Auch das ist falsch. Die »Eu­ro-Skep­ti­ker« sind ja nicht ge­ne­rell dem Eu­ro ge­gen­über skep­tisch, son­dern nur die­sem Ret­tungs­ver­fah­ren dem Eu­ro ge­gen­über. Je nach dem nun, wie man der Re­gie­rung ge­gen­über ein­ge­stellt war/ist, wur­den die Eti­ket­ten ver­wandt. Wenn man Glück hat­te, gab es die Er­klä­run­gen im Klein­ge­druck­ten.

    Bei den Um­fra­gen (min­de­stens de­nen in ARD und ZDF) gibt es in­zwi­schen auf der je­weils letz­ten Sei­te im­mer die In­for­ma­tio­nen über Tag der Be­fra­gung und Men­ge der be­frag­ten Teil­neh­mer. Es sind zu­meist die üb­li­chen »re­prä­sen­ta­ti­ven« Per­so­nen, meist um die 1000 Teil­neh­mer. – Wie Jour­na­lis­mus Sta­ti­sti­ken in­stru­men­ta­li­siert: hier­über könn­te man Bü­cher schrei­ben...

  6. @Wolfgang Mes­ser

    War­um soll­te es mir als Le­ser nicht mög­lich sein, zwi­schen z.B. ei­nem Ar­ti­kel über ei­ne Ak­tio­närs­ver­samm­lung ei­nes DAX-Un­ter­neh­mens und der Ko­lum­ne des Au­tors über die ach so ve­dam­mens­wer­ten Groß­kon­zer­ne zu un­ter­schei­den? Dann fehlt doch dem Le­ser die Kom­pe­tenz, nicht dem Jour­na­li­sten. Im Ge­gen­teil: Der Mei­nungs­bei­trag wird mir doch eher hel­fen den Ar­ti­kel ob­jek­ti­ver be­wer­ten zu kön­nen.

    Der Wunsch nach aus­drück­li­cher Tren­nung von Quel­len­wis­sen und Mei­nung, der über die Kenn­zeich­nung im Ar­ti­kel hin­aus­geht (aus … wur­de statt­des­sen ge­for­dert soll­ten al­so eher…) , zeigt ein Me­di­en­ver­ständ­nis, dass ich nicht tei­len kann, dass aber wohl (<– Ach­tung, ty­pi­sches Kenn­zei­chen für Mei­nung) über die letz­ten Jah­re zu­ge­nom­men hat: Der Jour­na­list soll die Welt schon mal so­weit vor­kau­en, dass ich an­stren­gungs­los schlucken kann. Mit ei­ner sol­chen Ein­stel­lung kann kri­ti­sche Lek­tü­re und ei­ge­ne Mei­nungs­bil­dung na­tür­lich schwer wer­den.
    (Da­mit auch das klar ist: Ich bin nicht der Mei­nung, Sie, Wolf­gang Mes­ser, hät­ten ger­ne al­les vor­ge­kaut. Ich ken­ne Sie nicht und er­lau­be mir kein Ur­teil.)

  7. [Na toll, zwi­schen »aus … wur­de statt­des­sen« und »soll­ten al­so eher…« be­fan­den sich ein Klein­er­zei­chen, ein Bin­de­strich und ein Grö­ßer­zei­chen, die lei­der kom­pi­liert wur­den.]

  8. Man könn­te et­was wie Ob­jek­ti­vi­tät aus ei­ner Viel­zahl von Stim­men, die sich dar­um be­mü­hen, aber selbst »schei­tern«, be­kom­men.

    Es gibt ei­ne Viel­zahl von Grund­re­geln, Feh­lern, Ver­säum­nis­sen und Miss­bräuch­lich­kei­ten, die schlech­ten Jour­na­lis­mus aus­ma­chen – wir hat­ten vor ei­ni­ger Zeit ei­ne De­bat­te dar­über wie im staat­li­chen Fern­se­hen (ORF) Do­ku­men­ta­tio­nen ge­dreht wer­den. M.E. ist es ent­schei­dend mit wel­chem Be­wusst­sein ge­ar­bei­tet wird, al­les an­de­re ist se­kun­där; es ist ein Un­ter­schied ob ich ver­su­che ei­ne Pro­ble­ma­tik von ver­schie­de­nen Sei­ten zu be­leuch­ten oder ob das gar nicht oder halb­her­zig ver­sucht wird.

    In­so­fern stim­me ich zu: Blo­ße Mei­nungs­ar­ti­ku­la­ti­on muss (wo sie re­flek­tiert wird) für den Le­ser kennt­lich ge­macht wer­den – an­son­sten liegt ein Fall von »Mei­nungs­ma­che«, »Ma­ni­pu­la­ti­on«, o.ä. vor.

  9. »Wenn der Jour­na­list sei­ne Mei­nung sach­lich und fair bzw. aus­ge­wo­gen ‑ich weiß, al­les Flos­keln- be­grün­det, ha­be ich nichts ge­gen die Mei­nung, denn be­reits Aus­wahl, Zu­sam­men­stel­lung und Ge­wich­tung der Fak­ten sind nicht mehr »ob­jek­tiv«, son­dern sub­jek­tiv.« (Nor­bert #5)

    Ich ver­tre­te die Mei­nung, daß @Norbert es (mal wie­der) auf den Punkt bringt.

    Se­lek­ti­ve Wahr­neh­mung = »Fak­ten« = Ob­jek­ti­ver Sub­jek­ti­vis­mus = Sub­jek­ti­ver Ob­jek­ti­vis­mus = »Mei­nung« = »Wis­sen­schaft« = Null­sum­men­spiel

    Nun fin­de ich den Ti­tel »Das Recht auf Mei­nung« gar­nicht mal so pa­the­tisch, @Keuschnig, weil es vie­le po­li­ti­sche Sy­ste­me auf der Welt gibt, die sich selbst ge­gen Kri­tik im­mu­ni­sie­ren, in­dem sie von ih­nen ab­wei­chen­de po­li­ti­sche Mei­nun­gen ver­fol­gen, ver­bie­ten und un­ter­drücken.

    Was ma­chen ei­gent­lich Ih­re Ner­ven, @Keuschnig, in punc­to Gai­ser-Dis­kurs? Oh­ne Frei­schal­tung der Kom­men­tar­lei­ste kann ja der Mei­nungs­aus­tausch gar­nicht fort­ge­setzt wer­den.

  10. Rein ob­jek­ti­ve Be­richt­erstat­tung wä­re viel­leicht mög­lich, wä­re aber auch über­aus lang­wei­lig. Dann dürf­ten nur neu­tra­le Be­grif­fe, wie schon er­wähnt, „Gip­fel“ statt „Kri­sen­gip­fel“, und na­tür­lich nur ab­so­lut neu­tra­le Ad­jek­ti­ve (gibt’s die über­haupt ?) ver­wen­det wer­den. Da­mit ist ein in­ter­es­san­ter jour­na­li­sti­sche Bei­trag kaum zu er­stel­len. Far­be muss an die Fak­ten und da­mit ha­be ich ja auch so­lan­ge kein Pro­blem, so­lan­ge voll­stän­dig be­rich­tet wird, d.h. al­le be­kann­ten Fak­ten über­mit­telt wer­den. Da liegt aber der Ha­se be­gra­ben. Mei­nungs­jour­na­lis­mus heu­te lässt Fak­ten, die der trans­por­tier­ten Mei­nung oder gar der Ma­ni­pu­la­ti­ons­ab­sicht im We­ge ste­hen, ein­fach weg oder stellt sie bis zur Un­kennt­lich­keit ver­zerrt dar – nicht nur in der Blöd­zei­tung.

  11. »Mei­nungs­jour­na­lis­mus heu­te lässt Fak­ten, die der trans­por­tier­ten Mei­nung oder gar der Ma­ni­pu­la­ti­ons­ab­sicht im We­ge ste­hen, ein­fach weg oder stellt sie bis zur Un­kennt­lich­keit ver­zerrt dar – nicht nur in der Blöd­zei­tung.« (black­con­ti #11)

    Su­per­knacki­ge De­fi­ni­ti­on, @blackconti. Dan­ke. Dies ent­spricht auch den bei­den Me­tho­den der po­li­ti­schen Pro­pa­gan­da (z.B. in Dik­ta­tu­ren): Ver­schwei­gen und Ver­fäl­schung von »Fak­ten«. Wo­bei die Her­stel­lung von »Fak­ten« an sich na­tür­lich schon ein Pro­blem dar­stellt.

  12. Blo­ße, vor­ge­stanz­te, im­mer schon fer­ti­ge Mei­nun­gen sind das Haupt­pro­blem der Me­di­en. Sie sind im Sin­ne des­sen, was black­con­ti sagt, auch ver­däch­tig, ma­ni­pu­la­tiv zu sein.

    Ich wür­de in der De­bat­te um jour­na­li­sti­sche Mei­nung des­we­gen un­be­dingt noch zwi­schen Kom­men­tar und Leit­ar­ti­kel un­ter­schei­den wol­len. Vie­le Kom­men­ta­re, ge­ra­de die sehr kur­zen, die heu­tu­ta­ge in je­der Lo­kal­zei­tung dem sog. ob­jek­ti­ven Be­richt zur Sei­te ge­stellt wer­den, sind ja ih­ren Na­men nicht wert. Nicht mehr als die sprich­wört­li­chen zwei Cent.

    Mei­nun­gen sol­len bit­te­schön be­grün­de­te Mei­nun­gen sein. Des­we­gen mag ich Mei­nun­gen am lieb­sten von aus­führ­li­chen Me­di­en, in de­nen auch tat­säch­lich ar­gu­men­tiert wird. Leit­ar­ti­kel, zum Bei­spiel in der FAZ. Auch Be­gleit­schrei­ben hier schät­ze ich, weil Mei­nun­gen meist vor dem Le­ser ent­wickelt und er­dacht wer­den und nicht ein­fach da sind. Nur so kann man sich ja auch frem­de Mei­nun­gen ein­las­sen, ei­ge­ne Po­si­tio­nen über­den­ken.

  13. »Auch Be­gleit­schrei­ben hier schät­ze ich, weil Mei­nun­gen meist vor dem Le­ser ent­wickelt und er­dacht wer­den und nicht ein­fach da sind. Nur so kann man sich ja auch frem­de Mei­nun­gen ein­las­sen, ei­ge­ne Po­si­tio­nen über­den­ken.« (Mar­cuc­cio #13)

    Gu­ter Punkt. Se­he ich ge­nau­so.

    Huch, ir­gend­wie er­schei­nen mei­ne Kom­men­ta­re nicht auf der Ti­tel­sei­te von »Be­gleit­schrei­ben«. Ist der Ser­ver so lang­sam!?

  14. Ich glau­be man kann die Dis­kus­si­on auf fol­gen­de Punk­te re­du­zie­ren: Wie sieht der Blick­win­kel aus, un­ter dem ei­ne Kon­struk­ti­on ver­sucht wird? Sind Re­cher­che und Über­le­gun­gen ei­nes Au­tors da­von ge­kenn­zeich­net, dass er sei­ne Mei­nung oder sei­ne Ide­en bloß zu stüt­zen oder auch zu wi­der­le­gen ver­sucht (al­so Ein­wän­de be­stehen lässt)? Und wie of­fen­sicht­lich wird die­ser Blick­win­kel (dem Le­ser) kennt­lich ge­macht?

  15. @metepsilonema, im Ide­al­fall soll­te der Au­tor von jour­na­li­sti­schen Ar­ti­keln oder wis­sen­schaft­li­chen Bü­chern sei­ne ei­ge­nen Be­din­gun­gen und Prä­mis­sen so deut­lich wie mög­lich dem Le­ser vor­stel­len. Das ist je nach The­ma un­ge­mein schwie­rig, weil der Au­tor sich selbst sehr gut als Men­schen ken­nen und ein­schät­zen kön­nen muß (Ar­beit an den ei­ge­nen Vor­ur­tei­len etc.). Der Au­tor wird im Rah­men sei­ner Un­ter­su­chung oder Ana­ly­se sich be­wußt oder un­be­wußt an sei­nen Prä­mis­sen ori­en­tie­ren, wenn er Ar­beits­ma­te­ri­al zu­sam­men­trägt. Das ist die sub­jek­ti­ve Kom­po­nen­te sei­ner Aus­wahl von »Fak­ten« wäh­rend der Re­cher­che. Im Ide­al­fall hat er aber sei­ne Prä­mis­sen so stark »ge­läu­tert«, d.h. »ob­jek­ti­viert« und dif­fe­ren­ziert, daß ihm wäh­rend der Ana­ly­se Wi­der­sprü­che und Lö­sun­gen auf­fal­len, mit de­nen er zu­nächst nicht ge­rech­net hat. Al­so, »er­geb­nis­of­fe­ne Ar­beit« hal­te ich im­mer für frucht­ba­rer und span­nen­der, als das Sam­meln von »Be­wei­sen« für ei­ne vor­ge­faß­te Mei­nung oder For­schungs­the­se. Im letz­te­ren Fall ent­steht auch kein Fort­schritt der Er­kennt­nis, son­dern nur Re­pro­duk­ti­on des al­ten Ma­te­ri­als.

  16. Mar­cuc­ci­os Di­ver­si­fi­zie­rung zwi­schen Mei­nung und be­grün­de­ter Mei­nung ist sehr wich­tig. Den­noch sind die dia­lek­ti­schen Leit­ar­ti­kel und Re­por­ta­gen eher sel­ten. Im All­tags­ge­schäft der Nach­rich­ten wer­den – wenn denn ei­ne Durch­drin­gung des Be­richt­erstat­ters mit dem The­ma nicht vor­han­den ist – häu­fig un­ter­schied­li­che Ex­per­ten­mei­nun­gen ab­ge­fragt und ne­ben­ein­an­der ge­stellt. Das Talk-Show-Prin­zip in drei Mi­nu­ten (oder noch we­ni­ger; meist sa­gen die in­ter­view­ten Per­so­nen nur ei­nen Satz, der auch vor­her schon vom Jour­na­li­sten an­ge­kün­digt wur­de). Das Ur­teil soll dann der Re­zi­pi­ent sel­ber fäl­len. Ei­ne jour­na­li­sti­sche Auf­be­rei­tung der je­wei­li­gen The­sen fin­det zu­meist nicht statt. Ei­ne für mich un­be­frie­di­gen­de Be­richt­erstat­tung, da hier tat­säch­lich nur The­sen un­ter­ein­an­der­ge­klebt wer­den.

    Häu­fig ist es das ide­el­le Welt­bild, dass der je­wei­li­ge Jour­na­list oder Ko­lum­nist – durch­aus be­wusst – als Prä­mis­se sei­nes Han­delns an­setzt. Man kann das al­len­falls an den ver­däch­ti­gen Ad­jek­ti­ven be­mer­ken, die sol­che Be­rich­te durch­zie­hen.

    Be­för­dert wird die­ser Mei­nungs­jour­na­lis­mus durch die Per­so­na­li­sie­rung, mit der auch der Re­por­ter zum »Mar­ken­na­men« wer­den soll. Im Fern­se­hen sind dann die Re­cher­cheu­re im­mer in Groß­auf­nah­me zu be­wun­dern und um­ge­ben sich mit ei­nem ge­wis­sen He­ro­is­mus. Lüt­gert ist ein sol­ches Bei­spiel; er hat aber in­zwi­schen vie­le Schü­ler. Die Wel­le ist mit Leu­ten wie Mi­cha­el Moo­re vor Jah­ren aus den USA nach Deutsch­land ge­kom­men.

  17. @Michael Platt­ner, @metepsilonema

    Jay Ro­sen von der NYU hat den tol­len Aus­druck »The view from nowhe­re« über ver­meint­lich »neu­tra­le Be­richt­erstat­tung« ge­prägt und ana­lyisert da­mit den ame­ri­ka­ni­schen Jour­na­lis­mus auf ziem­lich er­fri­schen­de Wei­se:
    http://pressthink.org/2010/11/the-view-from-nowhere-questions-and-answers/

    Für Deutsch­land ist mir noch kei­ne ver­gleich­bar de­tail­lier­te Ana­ly­se un­ter­ge­kom­men.

  18. @Daniel Boe­se
    Ich glau­be, es wur­de in den Kom­men­ta­ren schon hin­rei­chend ge­klärt, was mit Ob­jek­ti­vi­tät ge­meint ist und dass es die »per­fek­te« Ob­jek­ti­vi­tät nicht gibt. Im Link wird mei­nem Ver­ständ­nis nach sug­ge­riert, der ame­ri­ka­ni­sche Jour­na­lis­mus sei über­mä­ßig auf Neu­tra­li­tät fi­xiert. Es könn­te jetzt dar­an lie­gen, dass mir da fun­da­men­ta­le Er­kennt­nis­se feh­len, aber die­sen Ein­druck ha­be ich ei­gent­lich nicht. Das ist aber aus­drück­lich nur ei­ne Mei­nung.

  19. @ G.Keuschnig @Marcuccio
    Liegt das Di­lem­ma ei­ner be­grün­de­ten Mei­nung nicht in dem da­für not­wen­di­gen Um­fang des Ar­ti­kels? Wel­che Zei­tung gibt die­sen Paltz? Es exi­stiert doch im­mer mehr die­ser Häpp­chen-Jour­na­lis­mus. Da­zu kommt die Nei­gung im In­ter­net, mög­lichst kanpp und knackig zu for­mu­lie­ren. Wer un­ter­zieht sich denn noch der Mü­he, die hier Dis­ku­tie­ren­den aus­drück­lich aus­ge­nom­men, sich mit ei­nem län­ge­ren und nicht leicht zu le­sen­den Text aus­ein­an­der­zu­set­zen. Die Be­schwer­den der Pro­fes­so­ren über die Un­fä­hig­keit von Stu­di­en­an­fän­gern, län­ge­re Tex­te zu le­sen und auch zu ver­ste­hen, spre­chen doch für sich.
    Wie ich über­haupt ne­ben den Chan­cen auch die Ge­fah­ren in die­sem Punkt durch das In­ter­net se­he.
    Dass ei­ne Par­tei , die oh­ne Pro­gramm war und de­ren Ver­tre­ter man nicht kann­te, aus dem Stand fast 10% be­kommt, macht mich sehr nach­denk­lich. Da­mit sa­ge ich we­der et­was pro noch con­tra zur Pir­ra­ten­par­tei. Es geht nur um das Phä­no­men. We­der in den Me­di­en noch im In­ter­net war vor der Wahl et­was Sub­stan­ti­el­les über die Par­tei zu le­sen.
    Ich glau­be, dass man sich in Deutsch­land hin­rei­chend in­for­mie­ren kann, die Fra­ge ist doch eher, wer macht das noch. Der all­ge­mei­ne Rück­gang der Auf­la­gen­hö­he ist si­gni­fi­kant und führt da­zu, dass im­mer mehr jour­na­li­stisch aus­ge­dünnt wird. Die FR und die Süd­deut­sche sind doch bei­spiel­haft.

  20. @Norbert
    Al­les rich­tig. Aber dann doch viel­leicht ein biss­chen zu kul­tur­pes­si­mi­stisch? Wer sagt denn, dass der »Häpp­chen-Jour­na­lis­mus« so ge­wünscht ist? Ist das nicht auch (nicht nur, aber auch) ei­ne Be­haup­tung der­je­ni­gen, die ihn pro­du­zie­ren? Ist es nicht so, dass mit den feh­len­den Zu­mu­tun­gen (für die Le­ser, Hö­rer, Zu­schau­er) auch die Fä­hig­kei­ten nach­las­sen? Mein Bei­spiel ist im­mer der öf­fent­li­che Nah­ver­kehr in ei­ner eher dörf­li­chen Struk­tur. Gibt es ihn nicht, weil al­le so­wie­so ein Au­to ha­ben oder ha­ben al­le nur ein Au­to, weil es kei­ne Al­ter­na­ti­ven gibt?

    Na­tür­lich ist es in die­sem Zu­sam­men­hang be­denk­lich, wenn Stu­di­en­an­fän­gern, al­so Ab­itu­ri­en­ten, De­fi­zi­te at­te­stiert wer­den. Die Ur­sa­chen lie­gen in der Bil­dungs­po­li­tik be­grün­det und sind viel­schich­tig. Aber be­deu­tet dies, dass auf die­sem sin­ken­den Ni­veau ein­fach wei­ter­ge­macht wird? Oder wei­ter­ge­macht wer­den muß? Nur da­mit ein Bun­des­land sei­ne Ab­itur- bzw. Stu­di­en­quo­te er­fül­len und stei­gern kann? Ist der Vor­wurf der Nai­vi­tät, der mir da ent­ge­gen ruft, nicht nur zy­nisch?

    Den Er­folg der so­ge­nann­ten Pi­ra­ten­par­tei – de­nen ich nichts ab­zu­ge­win­nen ver­mag – se­he ich nicht ne­ga­tiv. Dass es kein aus­ge­feil­tes Pro­gramm gibt, wiegt doch in den Zei­ten nicht mehr schwer, da Pro­gram­me und po­li­ti­sche Leit­li­ni­en eh nur noch nach Um­fra­gen aus­ge­rich­tet wer­den und je nach Be­darf 180 Grad Wen­dun­gen er­fah­ren. Hin­zu kommt, dass es in Stadt­staa­ten im­mer ein­mal sol­chen Be­we­gun­gen und Par­tei­en Er­fol­ge ge­lan­gen. Den­ken Sie an die »Statt«- oder Schill«-Parteien in Ham­burg.

  21. @Norbert:

    Aus­führ­lich­keit ist ein In­di­ka­tor, aber noch kein Ga­rant für be­grün­de­te Mei­nun­gen. Aus­führ­lich­keit bürgt auch noch nicht per se für gu­te Ar­gu­men­te. Das Pro­blem mit den Mei­nun­gen ist näm­lich nicht nur ei­ne Sa­che des Plat­zes, son­dern auch ei­ne Sa­che von Zeit und per­so­nel­ler Aus­stat­tung von Re­dak­tio­nen.

    Kein Re­dak­teur kann zu al­len The­men stän­dig ei­ne gleich gu­te, sprich gleich gut re­flek­tier­te Mei­nung ha­ben, und kein Leit­ar­tik­ler kann gut sein, wenn er Mei­nun­gen wie am Fließ­band ab­lie­fern muss. Mei­nun­gen wol­len, ganz alt­mo­disch, manch­mal auch erst gä­ren, ent­ste­hen am be­sten aus lang­wie­ri­ger, dau­ern­der Be­ob­ach­tung ei­nes The­men­fel­des. Des­we­gen ist ei­ne ge­wis­se per­so­nel­le Aus­stat­tung ge­ra­de für Mei­nungs­me­di­en wich­tig.

    Mit den Journalisten/Publizisten ist es im Grun­de nicht an­ders als in der Li­te­ra­tur­sze­ne. Wer wie ein Gün­ter Grass zu al­lem und je­dem ei­ne Mei­nung hat, soll­te eher ver­däch­tig sein.

    Man soll­te aber bit­te nicht im­mer pau­schal das In­ter­net für vor­schnel­le Mei­nungs­ma­che ver­ant­wort­lich ma­chen. Die, die im­mer schnell­sten kom­men­tie­ren, sind doch nicht an­ders als Zei­tungs­le­ser, die nur die Über­schrif­ten le­sen. Oder Ra­dio­hö­rer, die am lieb­sten sol­che Sen­der ein­schal­ten, in de­nen die Nach­rich­ten nach zwei­ein­halb Mi­nu­ten be­en­det sind, um den Blit­zern zu wei­chen.

  22. @Norbert:
    »Die Be­schwer­den der Pro­fes­so­ren über die Un­fä­hig­keit von Stu­di­en­an­fän­gern, län­ge­re Tex­te zu le­sen und auch zu ver­ste­hen, spre­chen doch für sich..« aber viel­leicht auch für et­was an­de­res. Von Pro­fes­so­ren hö­re ich oft sol­che Kla­gen. Dass nicht mal mehr die Grund­re­chen­ar­ten ge­konnt wür­den, was in der Ma­the­ma­tik da al­les nach­zu­ho­len sei, und über­haupt hät­te man die New­ton­sche Me­cha­nik oder gar Quan­ten­me­cha­nik doch schon in der ach­ten Klas­se ha­ben müs­sen. – Und das von Pro­fes­so­ren, die die Quan­ten­me­cha­nik wahr­schein­lich zum er­sten Mal an der Hoch­schu­le ge­se­hen ha­ben, die sich aber seit 30 Jah­ren mit nichts an­de­rem mehr be­schäf­ti­gen, dass na­tür­lich al­les selbst­ver­ständ­lich und »klar« er­scheint. Da se­he ich das De­fi­zit schon fast auf der an­de­ren Sei­te: Dass der Leh­ren­de nicht mehr von sich selbst ab­stra­hie­ren kann und da­von wie er die Sa­chen ge­lernt hat.
    Es sind na­tür­lich teil­wei­se an­de­re Ge­sichts­punk­te, die Ihr Ar­gu­ment nicht un­be­dingt be­tref­fen müs­sen.. aber ich re­agie­re mitt­ler­wei­le all­er­gisch auf ei­nen Kul­tur­pes­si­mis­mus, der be­quem und selbst­ge­fäl­lig ei­ne blö­de Mas­se kon­stru­iert, nur um sich hö­her zu dün­ken – und die­se Pro­fes­so­ren­state­ments ge­hen mir manch­mal schon zu sehr in die­se Rich­tung.

    Und ist es nicht ähn­lich mit dem wahr­ge­nom­me­nen Kul­tur­nie­der­gang? In Wirk­lich­keit ein lang­sam ein­set­zen­der ei­ge­ner Kon­ser­va­tis­mus (den ich bei mir auch schon be­mer­ke)? Dass die Zeit­schrif­ten doch bes­ser auf ewig so qua­li­ta­tiv hoch­wer­tig blie­ben, wie man sie in Er­in­ne­rung ver­klärt?
    (Ge­ra­de am Mit­tags­tisch er­zähl­te mein Prof von sei­ner Di­plom- und Dok­tor­ar­beit und der For­schung da­mals: das sei al­les ei­gent­lich schon falsch ge­we­sen.. in­so­fern sei­en die gu­ten »al­ten Zei­ten« eben auch nicht bes­ser als heu­te – nur an­ders.)
    An­de­rer­seits: Die Blei­wü­sten­zeit­schrif­ten mit lan­gen Ar­ti­keln, wel­che die eher auf den In­halt schau­en sind doch seit ehe­dem da (ich kenn mich nicht so sehr aus, aber prin­zi­pi­ell z.B. Mer­kur, voll­text, kon­kret..?)

    (just my 2 ct. – und schon ziem­lich OT)

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  24. @phorkyas
    Ein­ver­stan­den, dass es das Ge­jam­me­re dar­über, dass frü­her al­les bes­ser war, auch die Lei­stun­gen der Schü­ler und der Stun­den­ten, schon im­mer gab. Nicht ganz so ein­fach se­he ich es mit den von mir an­ge­spro­che­nen Min­der­lei­stun­gen z.B. im ver­ste­hen­den Le­sen. Da gibt es schon har­te Fak­ten. Der von mir an­ge­spro­che­ne Pro­fes­sor war Prof. Met­zin­ger, ein Neu­ro­lo­ge, der nicht den Ein­druck mach­te, als sei er be­son­ders kon­ser­va­tiv, im Ge­gen­teil.
    Kul­tur­pes­si­mi­stisch, ja in der Tat, den Vor­wurf wer­de ich mir ge­fal­len las­sen müs­sen.

    Aber auch hier scheint es nicht so aus der Luft ge­grif­fen. Ich be­strei­te ja nicht, dass Ju­gend­li­che viel bes­ser die Tech­ni­ken im Be­reich der Da­ten­ver­ar­bei­tung und neu­en Me­di­en be­herr­schen und nut­zen, aber der Mensch be­kommt tat­säch­lich nichts ge­schenkt, dass geht eben ein­her mit kür­ze­rer Kon­zen­tra­ti­on, ge­rin­ge­rer Fä­hig­keit län­ge­re Tex­te zu le­sen und selbst zu ver­fas­sen. Wie das Au­to ei­ner­seits die Mo­bi­li­tät ex­trem be­schleu­nig­te, bei gleich­zei­ti­gem Ver­lust der ei­ge­nen kör­per­li­chen Be­we­gung mit den be­kann­ten ge­sund­heit­li­chen und an­de­ren Fol­gen.
    Ich will mich noch nicht ein­mal mich da­r­uf fest­le­gen, dass die­se neue Ent­wick­lung für un­se­re Ge­sell­schaft tat­säch­lich schlech­ter ist, aber dar­über hin­weg­se­hen kann man ei­gent­lich nicht.
    Sieht man sich z.B. die An­zahl der Kul­tur­zeit­schrif­ten der 70er Jah­re an und wel­che es heu­te gibt, da kann man schon pes­si­mi­stisch wer­den.
    Ich be­ken­ne mich tat­säch­lich des Pes­si­mis­mus in die­sen Fra­gen schul­dig, oh­ne dass ich mich je­doch als über­le­gen über die­je­ni­gen dün­ke, die nicht mei­ne In­ter­es­sen pfle­gen.

  25. @Marcuccio
    Wenn ich den Ein­druck er­weck­te, pau­schal das In­ter­net für vor­schnel­le Mei­nungs­ma­che oder den Nie­der­gang der Kul­tur ver­ant­wort­lich zu ma­chen, war das nicht so be­ab­sich­tigt. Dass ich dem In­ter­net zwar auf­ge­schlos­sen, aber doch auch mit Miß­trau­en ge­gen­über­ste­he, ist rich­tig und glau­be ich auch an­ge­bracht.
    Ich ha­be ver­kürzt er­was ein­sei­tig die Ge­fah­ren her­aus­ge­stellt, weil ich da­von aus­ge­gan­gen bin, dass mein Bei­trag hier im Blog be­reits für mei­ne po­si­ti­ve Ein­stel­lung und Nut­zung spricht. Aber der Feh­ler lag si­cher bei mir.
    Al­ler­dings ha­be ich in ei­ni­gen Fo­ren nur ne­ga­ti­ve Er­fah­run­gen ge­macht und auch mei­ne Ak­ti­vi­tät nach kur­zer Zeit be­en­det. Ent­we­der war man bei ei­ner Kri­tik be­lei­digt ode die Bei­trä­ge wa­res bar jeg­li­cher Sub­sa­tanz , aber vol­ler Vor­ur­tei­le und Ppau­schal­ur­tei­len.
    Das die­se zwar kon­tro­ver­se, aber doch of­fe­ne und durch­aus in­ter­es­san­te Dis­kus­si­on hier mög­lich ist, sprichrt doch für den Blog und da­mit auch für das In­ter­net.
    In die­sem Sin­ne se­he ich ja auch durch­aus noch Hoff­nung für die Zu­kunft.

  26. Die zu­neh­men­de Ver­mi­schung von Nach­richt und Kom­men­tar ist mir auch schon häu­fig ne­ga­tiv auf­ge­fal­len. Be­son­ders stö­rend emp­fand ich in letz­ter Zeit der häu­fi­ge Ge­brauch von »At­tacke« bzw. »at­tackie­ren«, wenn je­mand auch nur ge­ring­fü­gig kri­ti­sche Wor­te aus­spricht – ei­ne Un­art aus der Sport­be­richt­erstat­tung.

  27. @Phorkyas und Nor­bert
    Ich weiß nicht: War der Bil­dungs­stand ei­ner brei­ten Mas­se von Men­schen je­mals hö­her als in un­se­ren heu­ti­gen west­li­chen Ge­sell­schaf­ten? Und muss ei­ne Uni­ver­si­tät, die kei­ne Eli­te­ein­rich­tung mehr ist, nicht die be­schrie­be­nen Phä­no­me­ne in ir­gend­ei­ner Form auf­wei­sen, ein­fach weil die Grund­ge­samt­heit der Stu­den­ten grö­ßer ist?

    Was mich zu der Fra­ge bringt: Was wol­len wir ei­gent­lich?

  28. @metepsilonema
    Was, wenn die­ser Bil­dungs­stand (ich weiss, dass ist schwer zu mes­sen) schon wie­der rück­läu­fig ist? Die be­haup­te­ten Schwä­chen von an­ge­hen­den Stu­den­ten sind viel­leicht nicht nur die zu ho­hen An­sprü­che der Pro­fes­so­ren (das gibt es ja in der Wirt­schaft auch – den idea­len Kan­di­da­ten mit zwei Fremd­spra­chen, größt­mög­li­cher Fle­xi­bi­li­tät, Be­rufs­er­fah­rung, Stu­di­um – und das für we­nig Geld).

    Ver­mut­lich nicht nur in Deutsch­land gilt es im­mer noch als Qua­li­täts­nach­weis, wenn mög­lichst vie­le Ab­itur (Ma­tu­ra) ma­chen und dann stu­die­ren. Seit ich den­ken kann, soll das in Klas­sen mit 25 oder mehr Schü­lern funk­tio­nie­ren. Da es nicht so funk­tio­niert, wie man es sich vor­stellt, wird das Ni­veau her­un­ter­ge­schraubt. Wis­sen galt als »un­cool« – man muss wis­sen, wo es steht (die­sen Spruch ken­ne ich schon seit den 80ern). Die Ab­itur- und Stu­di­en­quo­te ist ver­mut­lich so hoch wie nie. Aber was sagt das aus? Und ja: Was wol­len wir ei­gent­lich?

  29. Was wol­len wir ei­gent­lich? Fürs Er­ste: Die­se Fra­ge über­haupt zu stel­len.
    (Da­nach, wahr­schein­lich Rat­lo­sig­keit und die Zu­fluchts­su­che bei al­ten Bil­dungs­la­bels a la Hum­boldt?)

    Ah­ja, ich glau­be ei­ner der Kom­men­ta­to­ren hat­te das auch schon ein­mal er­wähnt: Wo­zu die Bil­dung be­fä­hi­gen soll­te, wä­re ge­ra­de die Mei­nungs­ma­che zu durch­schau­en: Zu mer­ken, wann ei­nem im Zei­tungs­ar­ti­kel ei­ne Mei­nung als schein­ob­jek­tiv un­ter­ge­ju­belt wer­den soll, wann die Dar­stel­lung ins Ten­den­ziö­se kippt. In­so­fern wä­ren bei­de Po­si­tio­nen (pro-con­tra »Meinungs»journalismus ir­rele­vant.)
    Wie aber auch schon ver­merkt wur­de, liegt in ei­nem Ar­ti­kel im­mer ein un­ent­wirr­ba­res Ge­misch von Mei­nung und Fak­ten vor. Und wahr­schein­lich sind wir auch meist ge­neigt ei­nen Ar­ti­kel der un­se­re ei­ge­ne An­sich­ten stützt als »ob­jek­ti­ver« an­zu­se­hen (schon die Über­schrift, wie hier oben ge­zeigt wur­de kann schon die gan­ze Ten­denz ent­hal­ten, die po­li­ti­sche Ein­stel­lung, Welt­sicht an­klin­gen las­sen). Was al­so ver­mit­teln? Sprach­kom­pe­tenz wä­re wahr­schein­lich nicht das schlech­te­ste.

  30. @Phorkyas
    Wenn man 100 Punk­te für ein per­fek­tes (Zwischen-)Resumée ver­ge­ben könn­te, wä­re Ihr Kom­men­tar mit 110 Punk­ten zu be­wer­ten.

    Tat­säch­lich ist die Dis­kus­si­on ob pro oder con­tra Mei­nungs­jour­na­lis­mus ob­so­let, wenn die Sprach­kom­pe­tenz ent­spre­chend aus­ge­prägt wä­re (was nicht un­be­dingt mit dem Bil­dungs- oder In­tel­li­genz­grad des Re­zi­pi­en­ten kor­re­lie­ren muss). Und das fast de­tek­ti­vi­sche For­schen nach Ten­den­ziö­sen oder auch nur un­ter­schwel­lig Vor­ge­kau­tem kann man nicht hoch ge­nug be­wer­ten. Wenn­gleich es auch im­mer Bei­spie­le gibt, wie ei­nem dies bei der (ver­meint­lich) ei­ge­nen Po­si­ti­on nicht auf­fällt oder dar­über hin­weg zu se­hen be­reit ist.

    Ich be­har­re aber dar­auf, dass ein vor­sätz­li­cher Mei­nungs­jour­na­lis­mus, der auch im­mer mit päd­ago­gi­schem oder pa­ter­na­li­sti­schem Im­pe­tus da­her­kommt, nicht nur ei­ne Ka­pi­tu­la­ti­on vor so et­was wie »Be­nimm­re­geln« des Jour­na­lis­mus dar­stellt, son­dern auch schlicht­weg zu be­quem für den je­wei­li­gen Jour­na­li­sten ist. Der schmeisst dann sein Halb­ver­dau­tes dem Le­ser vor die Fü­ße, auf das er sich ei­ne an­de­re »Mei­nung«, al­so auch Halb­ver­dau­tes aus der an­de­ren Rich­tung, vor­set­zen las­se. Könn­te doch ge­ra­de in der dia­lek­ti­schen Syn­the­se auch im­mer noch die Chan­ce zur Selbst­er­kennt­nis lie­gen, oh­ne in ei­ner vor­aus­ei­len­den Aus­ge­wo­gen­heits­hy­ste­rie al­les zu ver­wäs­sern. Oder ist das so ab­we­gig?

  31. Im Ide­al­fall soll­te die ver­öf­fent­lich­te Mei­nung mit mei­ner Mei­nung über­ein­stim­men, dann bin ich zu­frie­den bis glück­lich.

    Ist es nicht meist so?
    Und wird es des­halb oft so ge­hand­habt, pro­du­ziert?
    Weil man ja ge­nau weiß, wie die Le­ser (Hö­rer, Zu­schau­er) ticken?

  32. @Klaus
    ja, das ist die Ge­fahr: Die Jour­na­li­sten er­schlei­chen sich Auf­merk­sam­keit (und Zu­wen­dung) durch be­son­ders »at­trak­ti­ve« Schrei­be. In­ter­es­sant wä­re es aber her­aus­zu­be­kom­men, war­um be­stimm­te Welt­bil­der po­pu­lär sind (und kaum noch hin­ter­fragt wer­den), an­de­re da­ge­gen nicht? Hier exi­stiert durch­aus ei­ne Wech­sel­wir­kung zwi­schen Sen­der und Emp­fän­ger. Und ei­ne sanf­te »Er­zie­hung« des Sen­den­den (bei­spiels­wei­se in dem an­de­re oder kon­trä­re Ar­gu­men­te ver­schwie­gen wer­den). Wird der Ein­fluss des Sen­ders auf den Emp­fän­ger zu groß bzw. do­mi­niert er, spricht man ja von Pro­pa­gan­da.

  33. @ phor­kyas @ G. Keu­sch­nig
    Sprach­kom­pe­tenz ist wich­tig, aber ge­nügt nicht. Es muss Neu­gier, In­ter­es­se für Sach­ver­hal­te oder Pro­ble­me vor­han­den sein, sonst bleibt man pas­si­ver Re­zi­pi­ent.
    Ich will ein Beis­spiel ge­ben.
    Wenn bei Ama­zon ge­nau für mich Le­se­an­ge­bo­te und Kauf­an­ge­bo­te ge­macht wer­den, soll­te mir schon klar sein, dass es zwar be­quem sein mag, dass mir aus mei­nem In­ter­es­sens­ge­biet Neu­erschei­nun­gen vor­ge­schla­gen wer­den und ich nicht selbst su­chen muss. Aber mir be­wußt sein, dass er­stens Ama­zon per­so­nen­be­zo­ge­ne Da­ten von mir sam­melt und ein Pro­fil von mir er­stellt hat und dass Ama­zon In­ter­es­se hat, Kauf­hand­lun­gen zu in­du­zie­ren. Wenn die­ses kul­tur­kri­ti­sche Be­wußt­sein nicht vor­han­den ist, nutzt auch die be­ste Sprach­kom­pe­tenz nichts.

  34. @Norbert
    Der Ver­gleich mit Ama­zon trifft es m. E. nicht ge­nau. Hier han­delt es sich um ei­ne tech­ni­sche Funk­ti­on, ein Pro­gramm, das prak­tisch nicht zu hin­ter­ge­hen ist; es ar­bei­tet ge­mäss sei­ner Pro­gram­mie­rung und den Da­ten, die ihm über­ge­ben bzw. über­las­sen wer­den. Ein jour­na­li­sti­scher Text ist von ei­nem Men­schen ge­schrie­ben. Er schreibt für letzt­lich ihm un­be­kann­te »Kun­den«, sprich: Le­ser, Zu­hö­rer, Zu­schau­er. Ein Mensch kann sug­ge­stiv agie­ren, ein Al­go­rith­mus (noch) nicht.

  35. @ G. Keu­sch­nig
    Das Bei­spiel ist nur schein­bar ab­we­gig.
    Neh­men wir den Fall des Bun­destro­ja­ners. Als der bayr. In­nen­mi­ni­ster in­ter­viewt wur­de, sag­te er sinn­ge­mäß, dass der Tro­ja­ner nach richt­li­cher An­ord­nung und da­mit zu­läs­sig ein­ge­setzt wur­de. Dies wur­de in fast al­len Be­rich­ten un­kom­men­tiert ge­las­sen. Wenn der Le­ser der Le­ser nicht weiß, dass es Be­schrän­kun­gen durch das Ver­fas­sungs­ge­richt gibt, kann er le­sen und kommt trotz­dem nicht auf die Pro­ble­ma­tik der Kom­pe­tenz­über­schrei­tung bzw. des Ge­set­zes­ver­sto­ßes.
    Sprach­kom­pe­tenz ist Vor­aus­set­zung, aber auch, wie ich schrieb, Neu­gier und In­ter­es­se über ein­fa­ches Wis­sen hin­aus, sonst schließt man sich von Er­kennt­nis­sen aus.
    Das kann man am be­sten an den Be­rich­ten über die Fi­nanz­kri­se nach­wei­sen. Wer hat denn tat­säch­lich zwi­schen Fak­ten und Mei­nun­gen dif­fe­ren­zie­ren kön­nen? Ich je­den­falls ha­be es auf­ge­ge­ben, die ver­schie­de­nen »Ex­per­ten­mei­nun­gen« auf Plau­si­bi­li­tät zu prü­fen, weil das The­ma zu kom­plex ist. Ei­gent­lich müss­te ich mich sehr in­ten­siv über die­ses öko­no­mi­sche The­ma in­for­mie­ren, dann ei­ne Mei­nung bil­den und erst da­nach bin ich in der La­ge, die Kom­men­ta­re oder Be­rich­te kri­tisch zu le­sen. Die Le­se­kom­pe­tenz hat­te ich aber im­mer.
    Jetzt ha­be ich drei Bei­spie­le ge­ge­ben, um deut­lich zu ma­chen, dass Le­se­kom­pe­tenz al­lein nicht ge­nügt, aber ei­ne wich­ti­ge Vor­aus­set­zung ist.
    Das Bei­spiel mit Ama­zon soll­te ei­gent­lich zei­gen, dass wir vie­le Din­ge hin­neh­men, oh­ne zu re­flek­tie­ren, ob­wohl sie uns wirk­lich in ei­ner bis­her un­be­kann­ten Wei­se be­tref­fen.

  36. Man soll­te im Zu­sam­men­hang die­ses Bei­trags auf die – ins­be­son­de­re in Deutsch­land sehr aus­ge­präg­te – Mo­ra­li­sie­rung bzw. Päd­ago­gi­sie­rung der Dis­kurs­welt auf­merk­sam ma­chen.
    Be­stes Bei­spiel hier­für ist die fast schon gro­tesk an­mu­ten­de Tat­sa­che, dass ei­ne Ethik­kom­mis­si­on, de­ren mei­sten Mit­glie­dern tech­ni­sches oder wirt­schaft­li­ches Ver­ständ­nis fehlt, über die pri­mär tech­nisch-wirt­schaft­li­che Fra­ge des Atom­aus­stiegs mit­ent­schei­den darf. Wie kann je­mand, der man­gels Fach­wis­sen gar nicht zu be­ur­tei­len ver­mag, wie ge­fähr­lich bzw. wirt­schaft­lich be­deut­sam die zi­vi­le Nut­zung der Atom­kraft wirk­lich ist, ein qua­li­fi­zier­tes Ur­teil über de­ren ethi­sche Ver­tret­bar­keit ab­ge­ben?
    Ähn­lich ist es bei vie­len Jour­na­li­sten. We­nig Ah­nung von der Ma­te­rie, aber um ein Wert­ur­teil nicht ver­le­gen. Man neh­me et­wa He­ri­bert Prantl von der SZ. Je ju­ri­sti­scher das The­ma ist, um­so ge­halt­vol­ler sind sei­ne Ar­ti­kel, und sei­ne recht­li­chen Ar­gu­men­ta­tio­nen sind, auch wenn man ih­nen nicht zwin­gend fol­gen muss, doch fun­diert ge­nug, dass man sie nicht schon a li­mi­ne zu­rück­wei­sen kann. Ent­fernt er sich da­ge­gen von sei­ner Kern­kom­pe­tenz, wird es häu­fig ziem­lich ein­di­men­sio­nal.
    So man­cher Jour­na­list scheint es als sei­ne Auf­ga­be zu se­hen, den Le­ser gleich in die »rich­ti­ge« Rich­tung zu füh­ren; ei­ne Be­zeich­nung als Kom­men­tar wür­de da nur scha­den, weil die­se ja ganz klar sug­ge­riert, dass der Text nur ei­ne mög­li­che Sicht der Din­ge ent­hält. Ver­mit­telt man sein Wert­ur­teil da­ge­gen auf sub­ti­le Wei­se in ei­nem schein­bar ob­jek­ti­ven Ar­ti­kel, so wird die­se Sicht der Din­ge zwin­gend. Da hilft dem Le­ser auch ei­ne ent­wickel­te Sprach­kom­pe­tenz nichts, weil er den In­halt (auch dank der frei­wil­li­gen Gleich­schal­tung der deut­schen Leit­me­di­en) ja kaum über­prü­fen kann. Al­len­falls die Ge­gen­öf­fent­lich­keit im In­ter­net ver­mag hier noch Ab­hil­fe zu schaf­fen.

  37. @Zehner
    Ich weiss nicht, ob die Mo­ra­li­sie­rung des Dis­kur­ses so spe­zi­fisch deutsch ist. Ich den­ke da an Frank­reich und Leu­te wie BHL (oder auch Glucks­mann), der je­den Kon­flikt ent­spre­chend sei­nem Duk­tus so­fort mo­ra­li­siert (man konn­te das bzgl. Kroa­ti­en, Bos­ni­en und auch wie­der ak­tu­ell Li­by­en se­hen). Um die Fol­gen die­ser In­ter­ven­tio­nen küm­mert er sich dann eher we­ni­ger.

    Das Bei­spiel der »Ethi­kom­mis­si­on« in Be­zug auf den Atom­aus­stieg ist na­tür­lich be­son­ders krass. Da war der Ti­tel schon pro­gram­ma­tisch; das Er­geb­nis vor­weg­ge­nom­men. Das ist das Ge­gen­teil von Dis­kurs (hat eher was von Nord­ko­rea). Die­ses Ver­fah­ren muss­te wohl ge­wählt wer­den, um Re­gress­for­de­run­gen der Atom­in­du­strie Nah­rung zu ent­zie­hen. Es bleibt ab­zu­war­ten, ob dies aus­reicht.

    Ich bin skep­tisch, was das Pau­schal­ur­teil der »Gleich­schal­tung« der »Leit­me­di­en« an­geht. Ich glau­be, da braucht nicht viel gleich­ge­schal­tet zu wer­den, da es ei­nen ge­wis­sen Über­hang an Main­stream gibt, der die Haupt­sen­de­zei­ten be­kommt. Des­wei­te­ren gibt es für ab­sei­ti­ge An­sich­ten noch den Deutsch­land­funk bzw. Deutsch­land­ra­dio. Da hört man dann al­ler­dings auch nur häu­fig ei­ne Ge­gen­mei­nung, die mich auch nicht wei­ter­bringt.

    Ich blei­be aber da­bei: Mit ei­nem ge­rüt­telt Maß an Auf­merk­sam­keit (= Sprach­kri­tik) kann man Wort­hül­sen, vor­ge­stanz­te Mei­nun­gen und Ten­den­ziö­ses sehr gut er­ken­nen. Das ist im Zwei­fel an­stren­gend und hilft für das dis­ku­tier­te Pro­blem nicht wei­ter, schärft und sen­si­bi­li­siert aber.

  38. Je ju­ri­sti­scher das The­ma ist, um­so ge­halt­vol­ler sind sei­ne Ar­ti­kel [..] Ent­fernt er sich da­ge­gen von sei­ner Kern­kom­pe­tenz, wird es häu­fig ziem­lich ein­di­men­sio­nal.
    Wor­an ma­chen Sie das fest? Wenn ich nicht in al­len Be­rei­chen die Kom­pe­tenz und Fach­wis­sen auf­wei­sen, um die Zei­tungs­ar­ti­kel en de­tail aus­wer­ten zu kön­nen (die ich dann ja auch gar nicht mehr nö­tig hät­ten), blei­ben dann nicht ge­ra­de sprach­li­che Mit­tel? Wo for­mu­liert der Au­tor be­wusst un­ge­nau, schiebt mir All­aus­sa­gen, schein-Ob­jek­ti­vi­tä­ten un­ter? Wahr­schein­lich spielt bei­des ei­ne Rol­le, wenn wir ei­nen Text le­sen: wir ha­ben ja ei­nen Ge­samt­ein­druck (von und über In­halt und Spra­che) und zu die­sem Ge­samt­ein­druck ge­hört auch, ob wir dem Ar­ti­kel eher zu­stim­men oder nicht, ob wir uns hin­ters Licht ge­führt füh­len oder neue Ein­blicke fan­den...

  39. @Gregor (#28)
    Ei­ne mei­ner Er­fah­run­gen ist, dass je­der fort­ge­schrit­te­ne Stu­dent sich in min­de­stens ei­nem Fach­be­reich sei­nes Stu­di­ums bes­ser aus­kennt, als ein ihn leh­ren­der Pro­fes­sor. Und mit stei­gen­der Zahl an Stu­den­ten, steigt auch die Zahl de­rer, die nicht so gu­te Vor­aus­set­zun­gen mit­brin­gen.

    Ich ken­ne die »frü­he­ren Zeiten»nicht, aber was si­cher stimmt, ist, dass vie­le Stu­den­ten nur mehr schlecht Kopf­rech­nen kön­nen oder ein un­ge­nü­gen­des Ver­ständ­nis von Zah­len be­sit­zen, al­so ein völ­lig fal­sches Er­geb­nis nicht als sol­ches Er­ken­nen, weil sie es nicht ein­schät­zen kön­nen (ich neh­me mich da selbst gar nicht aus und vie­les hängt zwei­fel­los mit dem Schul­un­ter­richt, der bal­di­gen Ver­wen­dung ei­nes Ta­schen­rech­ners zu­sam­men, u.ä.). Dem aber möch­te ich ent­ge­gen hal­ten, dass, so weit ich das selbst be­ob­ach­ten und ver­glei­chen kann, die programmier‑, com­pu­ter- und soft­ware­tech­ni­schen Fä­hig­kei­ten der jun­gen Stu­den­ten­ge­nera­tio­nen ganz an­de­re sind – si­cher­lich (wei­test­ge­hend) als sehr gut ein­zu­schät­zen.

  40. @metepsilonema
    Es ist un­be­streit­bar, dass Schü­ler (und auch dann spä­ter als Stu­den­ten) in be­stimm­ten Fach­be­rei­chen Kennt­nis­se ha­ben, die weit über de­nen ih­rer El­tern- bzw. Leh­rer­ge­nera­ti­on liegt. Du er­wähnst ja den so­ge­nann­ten IT-Be­reich. Und das die Ein­füh­rung des Ta­schen­rech­ners das Kopf­rech­nen »über­flüs­sig« ge­macht hat, ist si­cher­lich auch rich­tig.

    Das mei­ne ich je­doch nicht. Es gibt ei­nen Ar­ti­kel aus der ZEIT von 2009, der über die Le­se­kom­pe­tenz (ei­gent­lich ein schreck­lich tech­no­kra­ti­scher Be­griff) von Her­an­wach­sen­den ver­sucht, ei­nen Über­blick zu ge­ben: »Ein Land ver­lernt das Le­sen« (von Ro­man Plet­ter). Da ist von ver­ein­fach­ten Schul­bü­chern, zu­rück­ge­schrie­be­nen li­te­ra­ri­schen Klas­si­kern und dem Zwang zu grif­fi­gen Zu­sam­men­fas­sun­gen die Re­de. Das al­les er­scheint ein biss­chen alar­mi­stisch ge­schrie­ben, et­wa, wenn ein Pro­fes­sor zi­tiert wird mit der Aus­sa­ge, die BWL-Stu­den­ten wür­den nicht auf Pro­ble­me oder das Schei­tern vor­be­rei­tet (das hät­te er ja in der Hand). Oder ei­ne Schnel­lig­keit des Le­sens als Vor­teil sug­ge­stiv dar­ge­stellt wird. Den­noch ver­mu­te ich, dass die Ent­wick­lung über die Jahr­zehn­te durch­aus kor­rekt be­schrie­ben wird.

    Ma­chen wir uns nichts vor: Der »Trend« geht zum ein­fa­chen, schnel­len Kon­sum – auch von Tex­ten. Sper­ri­ges stört da nur. Ei­ne der Nach­rich­ten­weis­hei­ten lau­tet: »Egal wie flie­ßig – Einsdrei­ßig«. Da­mit wird ge­sagt: Es darf dem Pu­bli­kum nur noch ein Bei­trag von 1 Mi­nu­te 30 Se­kun­den für ei­nen Bild­be­richt zu­ge­mu­tet wer­den. An­son­sten droht er, um­zu­schal­ten. Ich be­haup­te: Selbst wenn er nicht um­schal­tet – die Auf­merk­sam­keit und Kon­zen­tra­ti­on lässt nach.

    Ich glau­be, dass man sich über die Jah­re sel­ber die Auf­merk­sam­keit der Zu­schau­er »her­an­ge­züch­tet« hat bzw. mit da­zu bei­getra­gen hat, dass es mög­lich ein­fach wird. Der Leser/Zuschauer wur­de in ei­nem vor­aus­ei­len­den Ge­hor­sam nicht mehr ge­for­dert. Man hat­te ei­ne dif­fu­se Furcht vor dem Ab­schal­ten oder der Abo-Kün­di­gung. Da­her hat man es im Zwei­fel noch ein­fa­cher ge­macht – auf Ko­sten der Ver­tie­fung der Ma­te­rie. Oft ge­nug wer­den nur noch Schlag­wor­te ver­ar­bei­tet.

    Man soll­te auch vor dem Ge­gen­teil auf der Hut sein: Aus­führ­lich­keit und Weit­schwei­fig­keit be­deu­tet nicht au­to­ma­tisch ei­ne qua­li­ta­ti­ve Ver­bes­se­rung. Es kann durch­aus ei­ne Kunst sein, Sach­ver­hal­te poin­tiert vor­zu­brin­gen. Aber er­le­ben wir nicht all­zu häu­fig ei­ne ver­meint­li­che Kon­zen­tra­ti­on auf das We­sent­li­che, die kom­ple­xe Zu­sam­men­hän­ge nicht mehr se­hen will? Was, wenn ich ei­ner der Talk­shows je­mand ein­mal an ei­nem Bei­spiel et­was er­läu­tern möch­te, aber so­fort un­ter­bro­chen wird, weil es – an­geb­lich – zu sehr »ins De­tail« geht? Er/Sie wird dann »ab­ge­würgt« – und ir­gend­ei­ne lä­cher­li­che Per­so­nal­fra­ge statt­des­sen in den Raum ge­stellt.

  41. @Gregor
    Ja, die Auf­merk­sam­keitspan­nen ha­ben wohl ab­ge­nom­men und das hat si­cher­lich Aus­wir­kun­gen. Aber ob man gleich von ei­nem ge­rin­ge­ren Bil­dungs­ni­veau spre­chen kann?

    Aus­führ­lich­keit und Qua­li­tät ha­ben ih­ren Preis: Ich kann mir das nur bei we­ni­gen Din­gen »lei­sten«, da es viel Zeit braucht (was heißt, dass es vor al­lem dem zu gu­te kommt, das ich ger­ne tue). Der schnel­le Kon­sum kommt doch auch da­her, dass das An­ge­bot (egal wel­ches) im­mer grö­ßer ist, als das was wir lei­sten (ver­ar­bei­ten) kön­nen: Wenn mir ein The­ma we­ni­ger liegt, mich we­ni­ger in­ter­es­siert, dann muss die Zu­sam­men­fas­sung ei­nes Ar­ti­kels ge­nü­gen.

  42. Noch ein­mal zur Mo­ra­li­sie­rung des Dis­kur­ses: Wenn es um die Recht­fer­ti­gung von Krie­gen geht, ist die ethi­sche Be­män­te­lung ein al­ter Hut. Schon Cä­sar hör­te vor sei­nen – in heu­ti­ger po­li­tisch kor­rek­ter Dik­ti­on so zu nen­nen­den – im­pe­ria­li­sti­schen An­griffs­krie­gen ei­nen zu­meist ima­gi­nä­ren Hil­fe­ruf der Bun­des­ge­nos­sen der Rö­mer. Ver­gil war der in­tel­lek­tu­el­le Se­kun­dant die­ser Ex­pan­si­ons­po­li­tik (die von den Un­ter­wor­fe­nen im Gro­ßen und Gan­zen po­si­tiv be­wer­tet wur­de – was die schnel­le und gründ­li­che Ro­ma­ni­sie­rung zu­min­dest der west­li­chen Kern­pro­vin­zen be­weist). Und auch die mit­tel­al­ter­li­che Scho­la­stik be­schäf­tig­te sich in­ten­siv mit dem ius ad bzw con­tra bel­lum. Es liegt auf der Hand, dass ein Krieg, der ja be­griffs­not­wen­dig mit der Tö­tung von Men­schen und der mas­si­ven Zer­stö­rung von Sach­wer­ten ein­her­geht, sich an mo­ra­li­schen Ka­te­go­ri­en mes­sen las­sen muss.
    Bei ei­ner tech­nisch-wirt­schaft­li­chen Pro­ble­ma­tik wie dem Für und Wi­der der Strom­erzeu­gung per Atom­kraft ist ein ethi­scher Maß­stab je­doch ei­ne ziem­lich jun­ge (und mei­nes Er­ach­tens in Deutsch­land ge­bo­re­ne) Ent­wick­lung. Was die Ethik­kom­mis­si­on be­trifft, so wür­de ich eher den Ver­gleich zum Iran zie­hen und zu des­sen Wäch­ter­rat, der ent­schei­det, was ha­lal ist und was nicht.
    Die­se Mo­ra­li­sie­rung von Dis­kur­sen, die ei­nem mo­ra­li­schen Maß­stab ver­nünf­ti­ger­wei­se nicht zu­gäng­lich sind, ist mei­nes Er­ach­tens der über ein­zel­ne Wahl­er­fol­ge hin­aus­rei­chen­de Sieg der Grü­nen und in der deut­schen Par­tei­en­land­schaft so­wie den Leit­me­di­en ja mitt­ler­wei­le Kon­sens.

  43. @Zehner
    Sie ha­ben recht – mein Bei­spiel bei der mo­ra­li­schen Di­men­sio­nie­rung von Kriegs­ein­sät­zen greift zu kurz. Den­noch glau­be ich, dass Deutsch­land nicht al­lei­ne die »Mo­ral­keu­len« (Mar­tin Wal­ser in sei­ner be­rühmt-be­rüch­tig­ten Re­de) schwingt. Man se­he sich die USA an und die PC-Kampagne(n), die über­di­men­sio­na­le Stig­ma­ti­sie­rung des Rau­chens, den ra­di­ka­len Le­bens­schüt­zern bis hin­ein in die He­roi­sie­rung des Waf­fen­rechts. Der »Wäch­ter­rat« fei­ert vor al­lem in den USA fröh­li­che Ur­ständ – na­tür­lich auf in­for­mel­ler Ebe­ne.

    Aber rich­tig ist si­cher­lich, dass es ein­ma­lig bis­her ge­we­sen sein dürf­te, die Pla­nung der En­er­gie­ver­sor­gung der Zu­kunft als mo­ra­li­sche Fra­ge hoch zu sti­li­sie­ren. Die El­tern die­ses Den­kens sit­zen aber durch­aus in an­de­ren Län­dern.

  44. Wer als Jour­na­list ge­ra­de den Bil­der­ber­ger Stein­brück hy­pen muss, kann sich kei­ne ei­ge­ne Mei­nung lei­sten, denn da muss je­de Re­ak­ti­on »sit­zen«. Lass wir sie heim­lich »Die Ge­dan­ken sind frei« sum­men, auch wenn’s viel­leicht nicht stimmt.

  45. @Peter Hartz
    Ich glau­be, Jour­na­li­sten neh­men ger­ne zwei Po­sen ein: Zum ei­nen die des Mei­nungs­gu­rus. Und zum an­de­ren die des will­fäh­ri­gen Schreib­knechts. In bei­den kom­men sie re­la­tiv un­ge­scho­ren her­aus. Das weit­aus schwie­rig­ste wä­re, es ein­fach ein­mal mit Re­cher­che zu ver­su­chen.

  46. Die Begründung/Rechtfertigung des Krie­ges ist schon im­mer ei­ne Not­wen­dig­keit von kriegs­füh­ren­den Staa­ten ge­we­sen. Die­se Be­grün­dung mo­ra­lisch zu hin­ter­fra­gen oder gar zu ver­wer­fen, setzt ei­ne von den Staa­ten un­ab­hän­gi­ge mo­ra­li­sche oder rechtlli­che In­stanz, z.B. Re­li­gi­on, vor­aus.
    Die Be­grün­dung für oder ge­gen die Atom­kraft muss eben­so nicht ethisch ab­ge­si­chert sein, man könn­te fos­si­le Brenn­stof­fe eben­so­gut die­sem Be­grün­dungs­zu­sam­men­hang un­ter­wer­fen.
    Es ist die al­te Fra­ge um die Be­grün­dung, Gel­tung und Ak­zep­tanz von Na­tur­recht. Die Mo­ra­li­sie­rung von Dis­kur­sen war auch im­mer ge­ge­ben, auch schon vor den Grü­nen. Vor den Grü­nen war es eben mo­ra­lisch au­ßer Fra­ge, dass der Mensch hin­sicht­lich der tech­nisch- wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung al­les darf. Aber auch das war ei­ne mo­ra­li­sche Be­grün­dung, weil man da­von aus­ging, dass die Ge­schich­te der Men­schen ziel­ge­rich­tet war. Der Mensch als Ziel der Evo­lu­ti­on und Herr­scher der Welt. Das sieht man heu­te doch kri­ti­scher.

  47. Vie­le Fra­gen ha­ben ethi­sche Di­men­sio­nen, die auch im Dis­kurs er­hal­ten blei­ben soll­ten (ei­ner­seits weil sie zu der ent­spre­chen­den Fra­ge da­zu­ge­hö­ren, an­de­rer­seits weil sie be­deu­tend sind) – das Pro­blem ist doch, dass ei­ne be­stim­me Lö­sung die­ser ethi­schen Di­men­si­on für ver­bind­lich rich­tig ge­setzt wird und letzt­lich die Zu­ge­hö­rig­keit und nicht mehr Ar­gu­men­te ent­schei­den.