Brow­ser, Harm­schar, Zer­ve­lat­wurst

Kluge, 25. Ausgabe

Klu­ge, 25. Aus­ga­be


Wer kennt sie nicht, die­se Zei­ten der Le­se­un­lust, ei­ner Mi­schung aus Über­druß, Me­lan­cho­lie und Träg­heit. Ei­ne Art Mi­kro-Burn-Out (um im Duk­tus der Zeit zu re­den). Wie schön ist es dann, für ei­ne kur­ze Zeit in Ab­schwei­fun­gen und Ver­zettelungen zu fal­len, die nicht mit dem An­schau­en der Über­tragung des Fuß­ball­spiels zwi­schen dem VfL Bo­chum und En­er­gie Cott­bus oder dem Ver­fol­gen ei­ner Do­ku-Soap auf RTL tot­ge­schla­gen wird. Wie rei­ni­gend die­se Lee­re, die­ser Mo­ment, in dem plötz­lich al­les ver­blasst und das vor­mals Wich­ti­ge nach hin­ten ge­scho­ben wird. Die­ses Phä­no­men wird in der ak­tu­el­len Dis­kus­si­on um die Ge­fah­ren, die das In­ter­net mit sich bringt (bzw. mit sich zu brin­gen scheint) zu­meist als Ab­len­kung und Un­kon­zen­triert­heit be­schrieben. Kul­tur­kri­ti­sche Be­trach­tun­gen brand­mar­ken die­ses »Her­um­sur­fen« im Netz, die­ses von ei­nem Link zum an­de­ren Link her­umklicken. Da­bei gibt es ei­nen sehr schö­nen Aus­druck hier­für, der fest in der ana­lo­gen Zeit ver­haf­tet scheint: Man kommt vom Hölz­chen aufs Stöck­chen.

Die Lust­lo­sig­keit, ei­ner Sa­che – war­um auch im­mer – strin­gent zu fol­gen ist po­si­tiv aus­ge­drückt die Lust, sich ein­fach ein­mal wie­der neu über­ra­schen zu las­sen. Hier­für brau­che ich nicht un­be­dingt das In­ter­net (eher im Ge­gen­teil: zu oft lan­det man doch wie­der auf das Alt­be­kann­te oder im Feuil­le­ton der FAZ) oder di­ver­se Ap­pa­ra­te mit oder oh­ne an­ge­bis­se­nes Obst. Es gibt ein Buch, in das ich mich manch­mal sehr ger­ne fal­len­las­se. Ein Buch, das man zu­nächst bei­läu­fig zur Hand nimmt um et­was nach­zu­schla­gen – und sich dann in ihm lust­voll ver­liert. Ich re­de vom Ety­mo­lo­gi­schen Wör­ter­buch der deut­schen Spra­che, dem »Klu­ge«.

Und jetzt liegt die 25. Auf­la­ge des »Klu­ge« vor. Die Un­ter­schie­de zu mei­ner Pa­per­back-Aus­ga­be der 23. Auf­la­ge (von 1999; un­ver­än­der­ter Nach­druck von 1995) sind ne­ben der neu­en Recht­schrei­bung vor al­lem die Quer- bzw. Kreuz­ver­wei­se im Text mit dem leicht nach rechts kip­pen­den Pfeil ↗. Ein Se­gen. Kei­ne Ah­nung, ob das weit­ge­hen­de Feh­len die­ses Pfeils nur ei­ne Ei­gen­art der »Zweitausendeins«-Billigausgabe war. Es wur­de le­dig­lich bei ei­ner an­de­ren Schreib­wei­se ei­nes Wor­tes ein Hin­weis ge­setzt. Was manch­mal zu amü­santen Zir­kel­schlüs­sen führ­te. Wer Cer­ve­lat­wurst nach­schlug, wur­de auf Servelat­wurst ver­wie­sen – und um­ge­kehrt. Um den Be­griff zu fin­den, muss­te man wis­sen, dass er un­ter Zer­ve­lat­wurst stand.

An­son­sten hal­ten sich die Än­de­run­gen in Gren­zen. Es gibt im Ver­gleich zur 24. Aus­ga­be 49 neue Ar­ti­kel – von Brow­ser bis Reiß­ver­schluss über Bäu­er­chen, Cent, Dil­do, Eu­ro, Elch­test, Han­dy, Ku­gel­schrei­ber und Mis­sio­nars­stel­lung (»heu­te ein In­ter­na­tio­na­lis­mus«). Viel Zeit­ge­nös­si­sches, wo­bei »goog­len« (oder »goo­geln«) ent­behr­lich er­scheint, weil »Goog­le« als Her­kunft­ge­ber (noch) om­ni­prä­sent ist. Aber auch Eng­län­der (ein »verstell­barer Schrau­ben­schlüs­sel«), Harm­schar und Mahl­zeit. 90 Ar­ti­kel wur­den neu be­ar­bei­tet (bei­spiels­wei­se Af­fe, Lob, Os­si, Par­la­ment und Wis­mut) und es gab 34 grö­ße­re Zu­sät­ze (Frau, Grün­don­ners­tag, Vi­rus, aber auch der Zi­geu­ner [»se­man­tisch an­sprechend, for­mal pro­ble­ma­tisch«; ein Hin­weis, der bei Ne­ger fehlt]).

Wie schön die­ses Buch­sur­fen ist (kein Coo­kie spei­chert ir­gend­et­was!) zeigt sich beim zu­fäl­li­gen Ent­decken von Be­grif­fen wie stie­kum, dib­bern, Gan­er­be und Jul­klapp. Man kann den Klu­ge auch als Par­ty­spiel ver­wen­den, in dem man mög­lichst lan­ge (oder ab­stru­se) Ver­weis­ket­ten bil­den muss (zum Bei­spiel zie­hen, ↗Zeug, ↗Zeug­haus, ↗Ar­se­nal). Falls man nicht zwi­schen­durch bei Arsch­kar­te (wo­bei man fest­stellt, dass der »schwar­ze Pe­ter« fehlt), Fa­rin oder Spie­gelei lan­det und ins Le­sen kommt. (Die Fas­zi­na­ti­on wird nur leicht ge­trübt, wenn es ge­le­gent­lich heißt, die Her­kunft sei »un­be­kannt«.)

Zu­ge­ge­ben, man muss im Ab­kür­zungs­ver­zeich­nis zu­nächst nach­schla­gen, was »ne« be­deu­tet (»neu­eng­lisch«). Und auch »russ.-kslav.« (rus­sisch-kir­chens­la­visch) er­schließt sich viel­leicht nicht so­fort. Auf­pas­sen muss man, dass man nord­frie­sisch nicht mit nord­französisch ver­wech­selt (»nord­fr« ge­gen »nord­frz«). Aber ich ler­ne Sprach(variant)en ken­nen, die ich noch nicht ein­mal er­ahn­te wie bei­spiels­wei­se nas­sau­isch, kot­han­sa­kisch, to­charisch oder west­oberdeutsch.

Der Klu­ge zeigt: Es gibt noch ei­ne Chan­ce für das kon­zen­trier­te Wis­sen in ei­nem Buch. Und wer bei »Wer wird Mil­lio­när« bis zur Mil­lio­nen­fra­ge kom­men will, muss ne­ben den letz­ten bei­den Jahr­gän­gen von »Spex« und »Ga­la« auch den Klu­ge min­de­stens ein­mal ge­le­sen ha­ben. Noch ein Grund mehr.

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9 Kommentare zu »Brow­ser, Harm­schar, Zer­ve­lat­wurst«:

  1. blackconti sagt:

    Harm­schar, Gan­er­be, dib­bern, Jul­klapp – da­hin­ter steckt doch al­lein die Ab­sicht, zum Hölz­chen auf’s Stöck­chen zu ver­füh­ren, denn ich ha­be kei­nen „Klu­ge“, kann­te den bis­her nicht ein­mal. Was al­so bleibt, wenn man solch locker hin­ge­tipp­te Un­be­kann­te liest und es drau­ßen reg­net (end­lich mal wie­der!)? Wie schon an­ge­deu­tet: vom Hölz­chen auf’s Stöck­chen und Wi­ki­pe­dia hilft da weit­ge­hend zu­ver­läs­sig. Stie­kum, dies Wort ken­ne ich noch aus Kin­der­ta­gen, ha­be ich seit da­mals nie mehr ver­wen­det – auch nicht heim­lich. Dei­nen Spaß am Fest­le­sen in ei­nem Nach­schla­ge­werk kann ich sehr gut nach­voll­zie­hen.

    #1

  2. Ein Wi­ki­pe­dia-Hop­ping geht ja auch. Aber mit ei­nem Buch ist das ein biss­chen hap­ti­scher. (Al­lei­ne die Un­ge­duld beim Blät­tern...)

    #2

  3. blackconti sagt:

    Ich sag’s ganz stie­kum: Jetzt muss­te ich auch noch »hap­tisch« goog­len.

    #3

  4. Um es mal ab­ge­wan­delt mit Lo­ri­ot zu sa­gen: Ein Le­ben oh­ne Bü­cher (nein, elek­tro­ni­sche sind hier nicht ge­meint) ist mög­lich, aber sinn­los.

    #4

  5. Ein Le­ben mit Bü­chern (auch elek­tro­ni­schen) ist mög­lich und sinn­voll.

    #6

  6. Wenn man sich’s lei­sten kann. Dann hat man was Ei­ge­nes! ;-)

    #8

  7. Köppnick sagt:

    Hehe ... Mil­lio­nen­fra­ge bei Jauch ... jetzt weiß ich, war­um ich die nicht be­ant­wor­ten könn­te. Bei »Ga­la« wuss­te ich we­nig­stens noch, dass das wohl ei­ne Zeit­schrift ist. Aber »Spex«? Da blieb es in mei­nem Ober­stüb­chen ganz dun­kel.

    #9