No­ti­zen aus der Pro­vinz (2)

«««No­ti­zen 1. Teil

An­ge­la Mer­kel kommt nach Düs­sel­dorf! Ei­ne OB-Wahl mit Bun­des­kanz­ler-Be­tei­li­gung. Die CDU möch­te den durch den Tod von Joa­chim Er­win va­kan­ten, stra­te­gisch wich­ti­gen Po­sten des Ober­bür­ger­mei­sters der Lan­des­haupt­stadt Düs­sel­dorf un­be­dingt hal­ten. An­ders kann man sich die­ses En­ga­ge­ment nicht er­klä­ren. Aber ein an­de­rer Ter­min als 13 Uhr ging wahr­schein­lich nicht. Und aus An­lass des 350. Ge­burts­ta­ges von Jan Wel­lem fin­det seit heu­te auf dem Markt­platz ein »hi­sto­ri­scher Markt« statt; ei­ne Art Mittel­altermaschine mit Stän­den mit Met, Le­der­beu­teln, Amu­let­ten, selt­sa­men Ess­gerichten und auch ge­le­gent­lich ganz viel Rauch, der dann spä­ter in Rich­tung auf das Po­di­um weh­te.

Rathausmarkt Düsseldorf 29.08.2008, ca. 13:45 Uhr

Rat­haus­markt Düs­sel­dorf 29.08.2008, ca. 13:45 Uhr

Der Ein­marsch der Gla­dia­to­ren, un­ter­legt mit »Play­ed a Li­fe«, vor­bei an Trans­pa­ren­ten wie »1918–48 30 Jah­re Völ­ker­mord an den Deut­schen un­ge­sühnt« – zeig­te ei­ne für die­se Ver­hält­nis­se volks­na­he Kanz­le­rin (wer sich ihr in den Weg stell­te, be­kam ein­fach ei­nen Hän­de­druck). Zwei Köp­fe grö­sser da­hin­ter Haus­mei­ster Kan­di­dat El­bers. Im wei­te­ren Ge­fol­ge: Ro­nald Po­fal­la (sieh an, sieh an – es gab ei­ni­ge Buh­ru­fe auf ihn), Hil­de­gard Mül­ler (sie wird zum 1. Ok­to­ber die­sen Jah­res Vor­sit­zen­de der Haupt­ge­schäfts­füh­rung des Bun­des­ver­ban­des der En­er­gie- und Was­serwirtschaft –BDEW-) und die Wit­we von Joa­chim Er­win, Hil­de Er­win.

Mit El­bers’ Re­de be­gann es dann. Er be­ton­te die Ver­dien­ste Er­wins, die er bruch­los fort­set­zen möch­te, die Schul­den­frei­heit seit 352 Ta­gen (ei­ne Uhr am Rat­haus zeigt an, seit wann die Stadt schul­den­frei ist). Er­win, Er­win, Er­win – ei­ne fast re­li­giö­se Ver­eh­rung; die Wit­we salbt den Kan­di­da­ten. El­bers sagt, dass ihn An­ge­la Mer­kel glück­lich ma­che, preist sie als die »mäch­tig­ste Frau der Welt«, wie For­bes dies neu­lich fest­stell­te, und schleu­der­te den La­chern ent­ge­gen, man müss­ten das lang­sam mal zur Kennt­nis neh­men. Im­mer wie­der schlägt er den Bo­gen zu­rück zu Düs­sel­dorf, dann wie­der auf Mer­kel, de­ren Fähig­keiten jetzt ge­ra­de so ge­braucht wür­den und ein­drück­lich mahn­te El­bers – nach­dem er vor­her von sei­nen rus­si­schen Freun­den er­zählt hat­te – auch von »gro­ssen Staa­ten« an, dass sie sich dem Völ­ker­recht zu un­ter­wer­fen hät­ten. Wie gut, dass Dirk El­bers es den Rus­sen dann noch mal ge­sagt hat und das so was ganz viel mit Düs­sel­dorf zu tun hat.

Dann zi­tiert er Kon­rad Ade­nau­er, der ir­gend­wann ein­mal sag­te, die So­zen könn­ten mit Geld nicht um­ge­hen (er kennt of­fen­bar Stein­brück nicht, der Dirk), aber den Gip­fel der Pein­lich­keit er­reicht der Plat­ti­tü­den-Au­gust dann, als er von sei­nem »Traum« sprach, ir­gend­wann »nach der er­folg­rei­chen Wie­der­wahl von Dr. An­ge­la Mer­kel zur Bundes­kanzlerin« im Jahr 2009 mit ihr zu­sam­men als Ober­bür­ger­mei­ster den neu­en ameri­kanischen Prä­si­den­ten Ba­rack Oba­ma in Düs­sel­dorf be­grü­ssen zu kön­nen. Selbst aus der Cla­queur-Ecke nur spo­ra­di­scher Ap­plaus.

Da war dann Schluss und die Bun­des­kanz­le­rin er­griff das Wort. Sie fand ir­gend­wie den »Ba­rock­markt« so toll, wies aber dar­auf hin, dass es zu­nächst ein­mal um die Oberbür­germeisterwahl gin­ge und auf die ame­ri­ka­ni­sche Wahl ja die Düs­sel­dor­fer kei­nen Ein­fluss hät­ten, aber eben auf die OB-Wahl und al­le soll­ten doch hin­ge­hen, nach dem Früh­stücks­ei oder ir­gend­wie so; da wa­ren mei­ne Oh­ren schon ver­stopft.

Zwei Stun­den spä­ter dann die SPD-Frau Ka­rin Kort­mann im Plausch mit ei­nem Jour­nalisten; kei­ne Re­de hal­tend. Den Jour­na­li­sten ken­ne ich nicht, er lie­fert Steil­vor­la­gen. Kort­mann wirkt ex­trem op­ti­mi­stisch (»Wir packen das«); es klingt wie je­mand, der sich in ei­nem teu­ren Se­mi­nar Op­ti­mis­mus an­trai­niert hat. Wie sie im Er­folgs­fall ge­gen die Rats­mehr­heit re­gie­ren will, wur­de si­cher­heits­hal­ber nicht the­ma­ti­siert. Der Pseudo­moderator fragt nach dem Pro­gramm – Frau Kort­mann sagt, sie ha­be be­wusst vie­les of­fen­ge­las­sen. Nur das je­des Kind nicht hung­rig in die Schu­le ge­hen soll, will sie durch­setzen. Und das Kin­der­gar­ten­plät­ze und Krip­pen­plät­ze ko­sten­los sind. Das will El­bers aller­dings auch. Dann sagt sie, dass Joa­chim Er­win »sehr gu­te Po­li­tik« ge­macht ha­be – rutscht ihr das nur so ‘raus oder meint sie das wirk­lich?

Das sie Bun­des­tag­ab­ge­ord­ne­te ist, be­wer­tet sie als Vor­teil – sie le­be seit 18 Jah­ren in Düs­sel­dorf, al­so wenn das nicht aus­rei­che. Und sie ha­be die Un­ter­stüt­zung der Grü­nen. Mehr­fach er­wähnt sie die­se; El­bers hat die FDP nicht ein­mal ge­nannt, die Par­tei scheint nicht zu exi­stie­ren.

We­sent­lich we­ni­ger Pu­bli­kum; nur rund ein Drit­tel zum El­bers-Auf­tritt. Ich ha­be von die­sem Ter­min auch nur durch Zu­fall er­fah­ren – Pla­ka­te gab es von der SPD da­zu nicht. Dann kommt Frau Kraft, die dem­nächst Mi­ni­ster­prä­si­den­tin von NRW wer­den will. Sie schreit in das Mi­kro­fon hin­ein. Kort­mann sei ei­ne »Power­frau« und »Ka­rin Kort­mann liebt Düs­sel­dorf!« Ich wä­re an Stel­le von Frau Kort­mann vor Pein­lich­keit in den Bo­den ver­sunken – ei­ni­ge Zu­hö­rer la­chen und Ka­rin lä­chelt ei­sern. Hö­he­punkt ist dann Peer Stein­brück, ein Po­li­ti­ker­ty­pus, den es viel zu sel­ten gibt. Gleich zu Be­ginn wird er ange­schrieen von ei­nem Mann mit sehr lan­gen, sehr fet­ti­gen Haa­ren. Er sei ein »Ver­räter«, er ha­be die Bahn ver­kauft. Stein­brück bleibt sou­ve­rän. Er re­det frei, preist die Vor­zü­ge ei­ner Ober­bürgermeisterin, die Dräh­te bis nach Ber­lin hat, re­det über die Ver­schuldung des Bun­des, er­in­nert dar­an, dass die CDU ur­sprüng­lich die Ge­wer­be­steu­er – ein gro­sser Ein­nah­me­brocken Düs­sel­dorfs – ab­schaf­fen woll­te; Men­schen wie Kort­mann hät­ten dies ver­hin­dert.

Ein an­de­rer dicker Mann, der an mir vor­über­geht und wohl ganz viel Met ge­trun­ken hat, pö­belt auch her­um. Stein­brück schlägt ihm vor, zu dem an­de­ren Mann zu ge­hen, fünf Mi­nu­ten still zu sein und dann ge­be er ih­nen bei­den ei­nen aus.

Am En­de ein Plä­doy­er für das po­li­ti­sche En­ga­ge­ment. Po­li­ti­ker mach­ten Feh­ler, auch er. Aber wer nicht zur Wahl ge­he und im­mer nur auf Po­li­ti­ker schimp­fe, so Stein­brück, müs­se sich nicht wun­dern, ir­gend­wann von je­man­dem re­giert zu wer­den, »der düm­mer ist als Sie«. Das sitzt. Aber es wird Frau Kort­mann nicht hel­fen.

40% rei­chen; es gibt kei­ne Stich­wahl. Düs­sel­dorf be­kommt das, was es ver­dient hat.


PS: Nein, der Text ist ir­gend­wie nicht ob­jek­tiv.


ERGÄNZUNG UND SCHLUSS: Dirk El­bers hat wohl mit rund 60% bei ei­ner Wahlbe­teiligung von un­ter 40% ge­won­nen. Das ge­naue Er­geb­nis kann man hier nach­le­sen. Die »Rhei­ni­sche Post« sieht das schon als ei­nen Stim­mungs­test für die Land­tags­wahl 2009, was ei­ni­ges über die po­li­ti­sche Kom­pe­tenz der Rhei­ni­schen Post ver­rät.


5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Po­li­tik ist Kar­ne­val – Kar­ne­val ist Po­li­tik.
    Ich ah­ne schon, dass Sie Ih­ren Schluss­atz iro­nisch mei­nen, aber Ob­jek­ti­vi­tät (ir­gend­ei­ne Form von Ernst­haf­tig­keit) ist bei sol­cher­art Event wohl schlicht nicht mehr mög­lich.

    Zu­fäl­lig, mit Be­such von au­ßer­halb, bin ich nach­mit­tags auch kurz über den Rat­haus­platz ge­stol­pert, als schon ab­ge­baut wur­de (wir woll­ten nur ei­ne Ab­kür­zung neh­men; durch die Kir­mes da wur­de es dann län­ger...), und ich dach­te, hier sieht’s ja aus wie am Ro­sen­mon­tag!

    Und wie ehr­lich und be­zeich­nend ist das zu­letzt dann doch al­les in so ei­ner aus­ge­prägt lo­ka­len Möcht­gern-Gei­stes­hal­tung: Das Cha­rak­te­ri­sti­sche an der Stadt sei ja ih­re Cha­rak­ter­lo­sig­keit, mein­te Beuys. Ich fin­de das gilt noch im­mer.

    Den Schwie­ger­sohn-Kan­di­da­ten ha­be ich neu­lich kurz im »Fern­seh-Du­ell« mit der auch hier im­mer tap­fer lä­cheln­den Kort­mann auf center.tv ge­se­hen: ich är­ger­te mich kurz, wiel ich auf so­was im­mer nur beim Zap­ping sto­ße, denn ich dach­te, das soll­te mich doch in­ter­es­sie­ren. Aber dann hör­te ich El­bers, wie er be­ton­te, dass er in der (4ten, glau­be ich) Ge­nera­ti­on schon in D sei – und er mein­te das ernst­lich als Ar­gu­ment, ihn zu wäh­len! Da ging’s doch lie­ber wei­ter mit Zap­pen. Au­ßer­dem ha­be ich schon per Brief­wahl ge­wählt.

  2. Tat­säch­lich: Zwi­schen den Sät­zen von El­bers ver­miss­te ich dann ir­gend­wann nur das.

    Der ein­zi­ge, der sich wirk­lich be­müh­te, nicht gänz­lich in den Kar­ne­val ab­zu­glei­ten war dann Stein­brück.

    Ach ja, ei­nen Satz von Mer­kel woll­te ich noch un­ter­brin­gen: Düs­sel­dorf und Kul­tur sei­en in­zwi­schen (sic!) »Syn­ony­me«.

  3. Stein­brück
    Ja, Stein­brück ist schon ein klas­se Mann. Auch wenn er bei der IKB-Kri­se et­was Mist ge­baut hat, we­nig­stens mal ei­ner, der es Ernst meint mit der Haus­halts­kon­so­li­die­rung. Lei­der ist der Groß­teil sei­ner Par­tei mitt­ler­wei­le im Li­la­lau­ne­land.

  4. Durch Ih­re Ver­wei­se auf die aku­sti­sche Un­ter­ma­lung ge­riet Ih­re Dar­stel­lung der Ver­an­stal­tung er­freu­lich pla­stisch. Die Vor­stel­lung ei­nes zum Tech­no­beat von „Play­ed a Live“ gra­zil ein­tän­zel­den Po­fal­la, von der eher steif­hüfti­gen Kanz­le­rin ganz zu schwei­gen, hat schon ei­nen ge­wal­ti­gen Un­ter­hal­tungs­wert. Mich wun­dert nur, dass der Tusch für sol­che Wahl­re­den noch nicht ob­li­ga­to­risch ist.

  5. Ich muss Sie ent­täu­schen:
    Es gab we­der ei­ne Tanz­ein­la­ge von Herrn P. noch von der steif­hüfti­gen, al­ler­dings braun­ge­brann­ten Kanz­le­rin.

    In die­sem Sin­ne ha­ben Sie al­so nichts ver­passt.

    Das »Ge­gen­mo­dell« zu »Play­ed a Live« war dann kurz vor der SPD-Ver­an­stal­tung du­del­sack­spie­len­de Men­schen in mit­tel­al­ter­li­cher Tracht (oder so ähn­lich). Was ja – wür­de man es me­ta­pho­risch aus­le­gen – durch­aus in­ter­es­sant ist. (In Wirk­lich­keit gab es bei der SPD-Ver­an­stal­tung ein­fach nur we­ni­ger tech­ni­schen Auf­wand, was sich auch dar­an zeig­te, dass die gro­ssen Laut­spre­cher am En­de des Markt­plat­zes, die noch bis weit in die Alt­stadt hin­ein das Wort von El­bers und Mer­kel hin­ein­we­hen lie­ssen, bei der SPD-Ver­an­stal­tung fehl­ten. Aber da­für gab es ja mehr Platz vor­ne.)