Hand­ke, Rat­ten­tö­ten und Ka­tho­li­zis­mus

Jo­sef Wink­ler, Büch­ner­preis­trä­ger 2008, in Neuss

Nach der Le­sung aus ei­nem Buch »Rop­pon­gi« wur­de Jo­sef Wink­ler aus dem Pu­bli­kum ge­fragt, ob er ei­nen Grund nen­nen kön­ne, war­um so vie­le, ei­gent­lich die mei­sten wort­mäch­tig­sten, zeit­ge­nös­si­schen Schrift­stel­ler deut­scher Spra­che aus Öster­reich kom­men wür­den (Hand­ke, Je­li­nek, Tho­mas Bern­hard und na­tür­lich auch Wink­ler).

Wink­ler über­leg­te kaum, ant­wor­te­te sehr schnell, an­fangs mit ei­ner Art Stot­tern oder, bes­ser, Stam­meln, als hät­te er die Fra­ge schon Wo­chen vor­her ge­wusst. Na­ja, sag­te er, es gä­be doch auch ei­ni­ge sehr gu­te Schrift­stel­ler aus der Schweiz. Ge­läch­ter im Pu­bli­kum. Dann hat­te Wink­ler sei­ne Ge­dan­ken sor­tiert. Hand­ke, Je­li­nek, Bern­hard – das sei­en eu­ro­päi­sche Aus­nah­me­erschei­nun­gen. Ins­be­son­de­re Hand­ke.


Er kä­me nicht sehr viel zum Le­sen, wür­de aber »schmö­kern«. Nach ei­ni­gen Sei­ten mer­ke man an der Spra­che, ob das et­was Neu­es, Ein­zig­ar­ti­ges sei, oder so alt­backen, dass er es schon fünf­zig Jah­re vor sei­ner Ge­burt hät­te le­sen kön­nen. Die­se Mit­tei­lungs­li­te­ra­tur.

Er ha­be al­le dicken Bü­cher von Hand­ke ge­le­sen. Ei­ni­ge Ka­pi­tel sei­en, na­ja, da wis­se er nicht so ganz ge­nau. Aber dann im­mer wie­der die­se Stel­len, die man fünf- oder zehn­mal le­sen wür­de – und wo man sich auch als Schrift­stel­ler, der viel­leicht nicht ganz so schlecht schrei­ben kön­ne, fra­ge, wie der das nur ma­che. Wink­ler hält Hand­ke für den sprach­ge­wal­tig­sten eu­ro­päi­schen Schrift­stel­ler. Ge­gen Hand­ke bin ich ein An­alpha­bet, so Wink­ler, und er sa­ge dies oh­ne Ko­ket­te­rie.

Auf mei­nen Ein­druck hin be­fragt, dass ich Tho­mas Bern­hard, des­sen frü­he Wer­ke we­sent­lich stär­ker sei­en (Wink­ler stimm­te zu), in den spä­te­ren Bü­chern (»Holz­fäl­len« bei­spiels­wei­se) im­mer ein biss­chen als den Sa­lo­nauf­re­ger, Wink­lers Fu­ror je­doch für »au­then­ti­scher«, ehr­li­cher, ge­hal­ten ha­be, mein­te er, man sol­le sich nicht täu­schen, auch er wä­re ein gro­sser Schwind­ler. Wink­ler be­ton­te aus­drück­lich die Fik­tio­na­li­tät von Li­te­ra­tur.

Aber na­tür­lich wä­re Tho­mas Bern­hards Ein­fluss auf sei­ne (Schriftsteller-)Generation enorm ge­we­sen. Auch die Ge­nera­ti­on da­nach hät­te ihn fast auf­ge­so­gen. Bern­hard (und Hand­ke) sei­en die Vor­bil­der (die­ses Wort be­nutz­te er nicht) ge­we­sen. Die ganz jun­gen wür­den ihn jetzt nicht mehr le­sen.

Es gä­be Par­al­le­len zwi­schen ihm und Bern­hard in den »The­men« (bspw. Tod, Ka­tho­li­zis­mus). Der Grund, dass er, Wink­ler, kein Bern­har­di­ner ge­wor­den sei, lie­ge in der Spra­che. Er be­nut­ze Spra­che mit ei­ner star­ken Bild­struk­tur. Das un­ter­schei­de es­sen­ti­ell ihn von Bern­hard.

Na­tür­lich wur­de Wink­ler auch auf das Ver­söhn­le­ri­sche in »Rop­pon­gi« an­ge­spro­chen; die Mil­de im »Um­gang« mit sei­nem Va­ter. Wink­ler ant­wor­te­te sehr per­sön­lich und of­fen. Er ha­be sich auf sei­ne Art und Wei­se, al­so durch das Schrei­ben, an sei­ner Kind­heit, an dem span­nungs­rei­chen Ver­hält­nis mit sei­nem Va­ter, dem Un­ge­liebt­sein, ab­ge­ar­bei­tet. Er ha­be es durch das Schrei­ben ver­ar­bei­tet. Et­was an­de­res, al­so zum Bei­spiel ei­ne Psy­cho­the­ra­pie, wä­re für ihn nie in­fra­ge ge­kom­men.

Und so­gar auf sei­ne frü­her vi­ru­len­ten Selbst­mord­ge­dan­ken kam Wink­ler zu spre­chen. Al­lei­ne da­durch, dass die Selbst­tö­tung als Mög­lich­keit er­schie­nen sei, hät­te ihm ge­hol­fen, mit sei­ner Ver­zweif­lung fer­tig zu wer­den. Zur Aus­füh­rung brauch­te es dann nicht mehr kom­men.

Als Kind oder Ju­gend­li­cher ha­be der Va­ter nie­mals ein »ich hab’ Dich gern« zu sei­nem eher schwäch­li­chen Sohn ge­sagt. Und wenn er sich an die sel­te­nen Au­gen­blicke des An­ge­nom­men­seins er­in­ne­re, so dar­an, wenn abends vom Heu­bo­den die Rat­ten in den Kel­ler her­un­ter­ka­men: die Ge­ste, er, der Va­ter, aus der Lek­tü­re sei­ner Zei­tung auf­blickend und der Sohn das Le­sen von Karl May un­ter­bre­chend – und dann ging es zum ge­mein­sa­men Rat­ten­tö­ten.

Am En­de hielt es Wink­ler nicht mehr auf sei­nem Stuhl; die letz­te Fra­ge nahm er ste­hend ent­ge­gen, setz­te sich dann wie­der hin. Er sei jetzt mü­de, sag­te er. Am Schluss noch das Si­mon Zi­tat Al­les ist au­to­bio­gra­fisch, um das Pa­ra­do­xon der Ver­mi­schung zwi­schen Fik­ti­on und Rea­li­tät auf­zu­zei­gen. Und als er heu­te abend an­ge­kom­men sei, kurz vor sie­ben, da sei die­ses Läu­ten wie­der ge­we­sen. Die­sen Ka­tho­li­zis­mus wer­de man nie mehr los, so Wink­ler. Nie mehr. Sagt er. Fast tri­um­phie­rend. Sich ab­fin­dend. Das Be­ste dar­aus ma­chend. Dann geht er weg, be­grüsst ei­ne Frau in der Vor­hal­le, kommt wie­der zu­rück und si­gniert Bü­cher. Er fragt im­mer, ob er auch das Da­tum schrei­ben soll.


Au­sser die kur­siv ge­druck­ten Stel­len, die wört­li­che Wie­der­ga­ben von Jo­sef Wink­ler sind, han­delt es sich um ein Ge­dächt­nis­pro­to­koll der Le­sung und an­schlie­sen­den Dis­kus­si­on vom 28.08.2008 in der Neu­sser Stadt­bi­blio­thek. Die Äu­sse­run­gen sind sinn­ge­mäss zu ver­ste­hen; es kann sein, dass der ein oder an­de­re Aus­druck nicht wort­wört­lich ver­wen­det wur­de.

10 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. kurz kom­men­tar von ei­nem wink­ler über­set­zer
    ich fand es in­ter­es­sant das »keu­sch­nig « Be­richt er­stat­te­te über die Be­geg­nung mit jo­sef wink­ler, des­sen »zögling’s Buch des jean ge­net« und »But­ter­blu­men« Tex­te ich ins ame­ri­ka­nisch über­tra­gen ha­be. war­um es mehr »Naturwuchtige/ wu­ech­si­ge« [so wür­de ich’s for­mu­lie­ren]
    öster­rei­chi­sche und Schwei­zer Schrift­stel­ler [z.b. Hän­ny, Re­to] gibt, viel­leicht gibts nicht mehr ge­nü­gend tie­fes, exi­sten­ti­ell ge­fähr­den­des Un­glück, ist al­les zu auf­ge­klärt.

    ich er­in­ne­re mich als der In­ner­ho­fer bei mir in new york auf­tauch­te [»schö­ne ta­ge«, war das buch dass ich in ei­ner schö­nen Über­set­zung ver­legt hat­te als ich lek­tor war] ein ewig ge­kne­te­ter und ge­schla­ge­nes dorfs kind: al­so ich bin so­fort mit ihm in sei­ne ad in­fi­ni­tum De­pres­si­on ge­so­gen wor­den, und zu ei­nem er­in­ne­rung­wür­di­gen ge­spräch ist es kaum ge­kom­men, trotz­dem ich ihn so­fort zu mei­ner ge­lieb­ten win­zi­gen bar barnabux rex an der dua­ne street nahm und wir uns an ein der zwei win­zi­gen Ti­sche drau­ssen setz­ten. dass der Inn­her­ho­fer dann nach noch ei­ni­gen Bü­chern selbst­mord... ist ne in­ter­res­san­te pe­ri­ode wenn so biss­chen hoff­nung und auf­klä­rung in die­se Dorf­ge­mein­schaf­ten kommt, so’ne kur­ze pe­ri­ode; sonst bleibt das gros der lie­ben ge­mein­schaft wie ih­re stie­re und kü­he...

    dass wink­ler die fik­tio­na­li­tät sei­nes Wer­kes be­tont deu­tet auf die lang­wei­lig­keit der ka­te­go­rie au­then­zi­tät hin.
    . wort­macht ja. mit hand­ke hat wink­ler na­tür­lich recht, and da­mit dass er ihm auf die schli­che kom­men möch­te, die schrif­stel­le­ri­schen. die so zwan­zig sei­ten [im deut­schen, in der ame­ri­ka­ni­schen edi­ti­on sind’s zehn] wo hand­ke die ver­nich­tung die der or­kan in sei­nem cha­vil­le wald be­schreibt [im »del gre­dos,« ein ge­birgs­zug und als me­ta­pher für le­bens­er­leb­nis zu ver­ste­hen]... der hand­ke hat schon glück ge­habt als ce­zan­ne ihn dar­auf brach­te, als er Not hat­te sich zu er­wei­tern, bild­li­che DSar­stel­lungs­mög­lich­kei­ten mit hin­ein ins Spiel zu brin­gen.

    »lass uns mal zu­sam­men Rat­ten fan­gen ge­hen« auch so’n Va­ter wink­ler Sohn Ver­hält­nis, al­so der Mann hat Witz, des­we­gen hat er das über­lebt.

    ich wun­der­te mich als ich hör­te dass er ver­hei­ra­tet sei, Kin­der hat­te. nach dem »Zög­lings« Buch über Jean Ge­net hat­te ich er­war­tet, dass er Män­ner Lie­be mehr be­nö­tig­te, auch des Grund­er­leb­nis­ses we­gen dass da im­mer wie­der auf­taucht in sei­nem Früh­werk der zwei Kna­ben die sich da am Kalbs­strick an ih­rer Lie­be zu ein­an­der er­hängt ha­ben. ja, man ver­gibt den blö­den Vä­tern ih­re Un­be­hol­fen­heit ihr Aus­ge­rich­tet­sein dann mit der Zeit, was aber nicht sehr er­gie­bie­ge Nar­ben hin­ter­lässt. li­fe is tough, es­pe­ci­al­ly in au­stri­an vil­la­ges! vil­la­ge li­fe in ge­ne­ral. xx mi­cha­el r.

  2. dass wink­ler die fik­tio­na­li­tät sei­nes Wer­kes be­tont deu­tet auf die lang­wei­lig­keit der ka­te­go­rie au­then­zi­tät hin.
    Ja, die­sen Satz müss­te man all den so­ge­nann­ten Kri­ti­kern in Stein ge­mei­sselt nach Hau­se schicken. Und auch all den Schreib­schul­do­zen­ten und ‑ab­sol­ven­ten mit ih­rer läp­pi­schen (ein Hand­ke-Aus­druck – wer wüss­te das bes­ser als Sie) Schei­sse, die da pro­du­ziert und mul­ti­pli­ziert wird.

    Was mir ein biss­chen in der Ant­wort von Wink­ler zu kurz kam: Die deutsch­spra­chi­ge Li­te­ra­tur ist bes­ser als ihr Ruf (vor al­lem in Deutsch­land)! In Deutsch­land gibt’s je­mand wie Mar­cel Bey­er. Na­tür­lich Bo­tho Strauß. Das sind Schrift­stel­ler, die in den Mas­si­en­me­di­en nicht auf­tau­chen, die aber ent­we­der min­de­stens eu­ro­päi­sche Be­deu­tung ha­ben, wenn nicht mehr (bzw. be­kom­men kön­nen; Bey­er ist wohl noch nicht ganz so weit).

    An­fangs wur­de Wink­ler ja mit In­ner­ho­fer ver­gli­chen. Bei Wink­ler hat das Schrei­ben aber ge­hol­fen; bei In­ner­ho­fer nicht. Wer war der bes­se­re Au­tor? Was mei­nen Sie?

  3. „tie­fes, exi­sten­ti­ell ge­fähr­den­des Un­glück“
    Mmh, viel­leicht ist das hier ein Schnell­schuss – und ich bin auch kein wirk­li­cher Ken­ner Wink­ler / In­ner­ho­fer – aber ich wun­de­re mich doch spon­tan über ei­ne et­was an­de­re, har­sche­re, ein­deu­ti­ge­re Ton­la­ge bei dem sonst spür­bar um Ab­wä­gung be­müh­ten Gre­gor Keu­sch­nig. Ist das fast so et­was wie Par­tei­nah­me? Lei­den­schaft?

    Und, um das gleich of­fen zu sa­gen, denn ich bin da ver­führ­bar, wie er viel­leicht durch sei­nen Vor­red­ner ver­führt wur­de. Aber wird hier das Öster­rei­chi­sche Elend – das ich in sei­nen künst­le­ri­schen Er­geb­nis­sen ein we­nig ken­ne und teils auch schät­ze, in sei­nem Auf­tre­ten und dem Be­har­ren dar­in, in der Ver­liebt­heit al­so in „die lie­be Not“, da­zu in der Be­stimmt­heit so ma­cher Per­so­nen al­ler­dings weit we­ni­ger – wird das Elend hier nicht ein biss­chen zu sehr ge­fei­ert?

    Ich fra­ge ganz un­po­le­misch, um die Hal­tun­gen es bes­ser zu ver­ste­hen.

    Letz­tens wur­de mal die Fra­ge nach den Öster­rei­chern und ih­ren be­son­de­ren Qua­li­tä­ten in der Li­te­ra­tur ge­stellt. In der Mu­sik ist das be­stimmt ein­deu­ti­ger zu be­ant­wor­ten. In der Li­te­ra­tur se­he ich un­ge­fähr fol­gen­de Ein­flüs­se:

    - die si­cher mäch­ti­ge sprach­kri­ti­sche Schu­le (Mach, mit ei­nem prag­ma­ti­schen Um­weg über Leu­te wie Karl Kraus und Al­ten­berg, al­so die an ih­rer Ver­dich­tung ge­schul­ten „Kaf­fe­h­aus­li­te­ra­ten“, in der Nach­fol­ge die „Wie­ner Grup­pe“ – die­ser Zug zieht sich aber bis zu Je­li­nek, mei­ne ich);

    - si­cher stark als Ori­en­tie­rung per se auch die na­tio­na­len „Sin­gu­la­ri­tä­ten“, al­so Mu­sil, Her­mann Broch, dann Bern­hard, aber auch Freud als Li­te­rat – des­sen Qua­li­tä­ten als je­mand, der zu­letzt Fic­tion schreibt wur­den ver­schie­dent­lich schon her­aus­ge­stellt und wa­ren si­cher ein star­ker lo­ka­ler Be­wusst­seins­ein­flü­ste­rer; wei­ter ist Hand­ke na­tür­lich ein ganz Ei­ge­ner;

    - dann die Er­lei­der der au­stria­ki­schen In­zucht, der spe­zi­fi­schen En­ge und der Zwän­ge, sich per­sön­lich-künst­le­risch dar­an ab­zu­ar­bei­ten und ei­ne In­ten­si­tät per se, näm­lich als „Au­then­ti­zi­tät“ her­zu­stel­len, die dann vie­len im­po­niert;

    - und dann noch die, die an­ders­wie „lei­den“ (ob an Wald­heim oder am Hel­den­platz, am „Sy­stem Öster­reich“ ([Men­as­se] oder et­wa am K.u.K.-Niedergang, und da­mit et­wa auch an der Klein­heit ih­rer ehe­mals grö­ße­ren Zu­ord­nungs­ein­heit – ich sa­ge es ex­tra der­art um Neu­tra­li­tät be­müht; man se­he die iri­sche, als von ei­nem grö­ße­ren Nach­barn nicht wirk­lich do­mi­nier­te, aber auch die ver­gleichs­wei­se nie­der­län­di­sche Li­te­ra­tur, die den­noch Gro­ße her­vor­bringt); aber auch Stree­ru­witz, die sich et­wa im Gen­der-Dings­bums und nah am Zeit­geist auf ei­ner ei­ge­nen Hö­he (und Lei­dens­fä­hig­keit, und wie­der­um mit Sprach-Ra­dar) ab­ar­bei­tet.

    Das ist das, was mir spon­tan ein­fällt. Ich kann nur ah­nen, wen oder was ich da ge­ra­de al­les ver­ges­se.

    Mei­ne Fra­ge auf den Ver­dacht hier aber ist, der mir früh kam und nie ganz weg­ging (ob­wohl der Wink­ler in sei­ner Rom-Zeit et­wa mir ziem­lich „im­po­niert“ hat): Macht da „tie­fes, exi­sten­ti­ell ge­fähr­den­des Un­glück“ die Sa­che be­deu­tend? Und wo steckt da auf ein­mal die Fik­ti­on, wenn sol­cher­art Li­te­ra­tur – zu­min­dest nach mei­nem Emp­fin­den – sich durch die Per­son (klar: nie­mals 1:1) auch des Schrift­stel­lers be­grün­det? Oder wie über­setz­te sich das in ei­ne ei­ge­ne, wo­mög­lich dann doch wie­der ka­te­go­ri­sie­ren­de Qua­li­tät von Li­te­ra­tur? Wel­che Rol­le spielt da das sich durch Exo­ti­sches zu ver­stär­ken Su­chen­de, et­wa in Wink­lers In­di­en? (Und mit „Rop­pon­gi“ ist ja wohl der Stadt­teil in To­kyo an­ge­spro­chen, oder? Ich ken­ne das Buch nicht.) In­wie­fern sucht das al­les an­ders­wo ei­nen An­schluss an das, was ihn über­haupt be­gin­nen ließ, die To­des­ri­tua­le? Ist es doch wie­der der öster­ri­chi­sche To­des­ding? (Der Tod als Wie­ner, aber auch Her­mann Nitsch usw.)

    Je­den­falls mer­ke ich – und das ist der Vor­be­halt, auf den ich hin­aus­will; man ver­zei­he die lan­ge Vor­re­de – miss­traue ich die­sem „stell­ver­tre­ten­den“ Un­glück. Ist es nicht ein biss­chen sehr das Je­sus-Ding?

    Es ist nicht, dass die­se Schrift dann zu ei­nem Gut­teil Fik­ti­on ist. (Das sei im­mer kon­ze­diert; schließt IST es ja Li­te­ra­tur. Als das stellt es sich ja oft auch bei an­de­ren mit ih­rem Un­glück groß ge­wor­de­nen Schrift­stel­lern her­aus.) Son­dern mei­ne Fra­ge wä­re, war­um sich sol­cher­art po­ten­te Fik­ti­on dann über­haupt auf das Un­glück stützt (stürzt) und nicht gleich auf ganz was an­de­res? Liegt es dann an der Per­son – oder doch der Na­ti­on?

  4. Das Schim­mern der Schlan­gen­haut
    Es sind ja sol­che Schnell­schüs­se, die Sie da auf­wer­fen, die ei­nem zum Den­ken zwin­gen, die das »Blog­ge­schäft« über­haupt so at­trak­tiv ma­chen und nicht schon längst zur Re­si­gna­ti­on ge­führt hat.

    Al­so zu­nächst mal vie­len Dank für den kur­so­ri­schen Auf­riss öster­rei­chi­scher Li­te­ra­tur­ge­schich­te der letz­ten rund ein­hun­dert Jah­re. Das zeigt mir üb­ri­gens wie­der ein­mal, wel­chen ho­hen Stel­len­wert (so­wohl quan­ti­ta­tiv als auch qua­li­ta­tiv) die öster­rei­chi­sche Li­te­ra­tur in der deutsch­spra­chi­gen Li­te­ra­tur be­sitzt (wir hat­ten das ja schon mal in der Je­li­nek-Dis­kus­si­on). In Ih­rer Ka­te­go­ri­sie­rung wür­de Wink­ler in die Ru­brik des Er­lei­ders rücken. Das stimmt ei­ner­seits. An­de­rer­seits glau­be ich – und hier liegt sei­ne Stär­ke -, dass er den Er­lei­der ir­gend­wann ab­ge­streift hat.

    Der Ge­dan­ke, dass öster­rei­chi­sche »Elend« wür­de »ge­fei­ert« ist ja nichts an­de­res als der Vor­wurf des Ma­nie­ris­mus, ei­ner Art Aus­tro-Ma­nie­ris­mus. In der Tat ist die Ge­fahr vi­ru­lent, zu­mal Wink­ler ja sel­ber auf die Bild­haf­tig­keit sei­ner Spra­che hin­weist. Und hier se­he ich ei­ne die Dif­fe­renz zu Bern­hard. Der frü­he Bern­hard (»Frost«, »Ver­stö­rung« viel­leicht bis zum »Kalk­werk«) mit sei­ner Sprach­macht und –wut, sei­ner Mo­no­ma­nie und mit sei­nen tief­dü­ste­ren Stim­mun­gen be­ein­druck­te aber ir­gend­wann in ei­nen dem Pu­bli­kum be­die­nen­den Skan­dal-Ma­nie­ris­mus ab­glitt, der zwar höchst un­ter­halt­sam sein konn­te, aber eben li­te­ra­risch nicht mehr be­frie­di­gen konn­te. Man fei­er­te die Ge­sin­nung Bern­hards, we­ni­ger das Li­te­ra­ri­sche. Mit­te der 80er ge­riet Bern­hard zum Denk­mal sei­ner selbst – man den­ke an die In­ter­view-Fil­me mit Kri­stin Fleisch­mann. Ich lie­be die­se Fil­me und den dort auf­trump­fen­den Bern­hard, aber spricht da noch der Dich­ter oder nur der Un­ter­hal­tungs­künst­ler? Hand­ke nann­te ihn in ei­nem »Spiegel«-Interview 1990 ei­nen »Wit­zel«:

    HANDKE: Im Ge­gen­satz zu euch fand ich ihn gar nicht so wit­zig, eher ei­nen hal­blu­sti­gen Men­schen. Mehr ein Wit­zel als ein Ko­mi­ker. Im letz­ten Jahr­zehnt hat ihm das Da­hin­wit­zeln schon sehr ge­fal­len. Er kam ja da­mit sehr gut an. Da ha­be ich aber nichts mehr da­von ge­habt. Tho­mas Bern­hard war an­fangs ei­ne rie­si­ge Ge­schich­te für uns jun­ge Schrei­ber in Öster­reich. Da hat ei­ner was auf­ge­macht, auf­ge­ris­sen kann man fast sa­gen. Der war das Vor­bild, von dem ich nie dach­te, ich könn­te es er­rei­chen. Dann wur­de er ei­ne Art Her­aus­for­de­rung. Aber in den letz­ten Jah­ren war er lei­der nicht mehr die Her­aus­for­de­rung, die ich mir ge­wünscht ha­be.
    SPIEGEL: Weil er die Er­war­tungs­ma­schi­ne­rie be­dient hat?
    HANDKE: Er hat­te ein­fach kei­ne Pro­ble­me mehr beim Schrei­ben. Ich ha­be ihn ein paar Mal ge­trof­fen und ge­dacht, so wie der re­det, könn­te er am Tag drei Stücke aufs Ton­band re­den. Bei der Pro­sa war er ein biß­chen vor­sich­ti­ger, aber er hat fast so ge­schrie­ben, wie er ge­spro­chen hat.

    Aus Hand­ke spricht ein biss­chen Des­il­lu­si­on, fin­den Sie nicht?

    Wink­ler macht ei­ne an­de­re Ent­wick­lung durch. Sie spra­chen be­reits von der »rö­mi­schen Zeit«. Mei­ne bei­den Lieb­lings­bü­cher stam­men aus die­ser Pe­ri­ode: »Fried­hof der bit­te­ren Oran­gen« und die No­vel­le »Na­tu­ra mor­ta«. Die­se Bü­cher stel­len the­ma­tisch, aber auch li­te­ra­risch Fort­ent­wick­lun­gen zur Kärn­ten-Tri­lo­gie dar. Ich re­de nicht von »Fort­schrit­ten«, son­dern von Ent­wick­lun­gen. Den­noch wä­ren bei­de Bü­cher oh­ne »Men­schen­kind« und die an­de­ren Ro­ma­ne vor­her nicht mög­lich ge­we­sen.

    Ih­re Fra­ge, ob die Fik­ti­on nicht durch Au­then­ti­zi­tät qua­si be­schä­digt wird bzw. – ich über­trei­be jetzt – wert­los wird, ist na­tür­lich bei je­man­dem wie Wink­ler le­gi­tim. Ich ha­be sei­ne Ant­wort auf die­se Pro­ble­ma­tik, die ich mit mei­ner Fra­ge an­schla­gen woll­te, nicht voll­stän­dig wie­der­ge­ge­ben. Wink­ler meint nicht nur, dass er auch schwin­delt, son­dern er sagt deut­lich, dass es un­in­ter­es­sant ist, ob die­se »In­ten­si­tät« (Reich-Ra­nicki zum »Friedhof«-Buch im Li­te­ra­ri­schen Quar­tett) echt ist oder nur be­haup­tet. Er lässt zwar kei­nen Zwei­fel dar­an, dass die Per­son »ich« in sei­nen Bü­chern er sel­ber ist, aber er will da­mit NICHT ge­sagt ha­ben, dass es in ir­gend­ei­ner Art und Wei­se ein »au­then­ti­sches« Buch ist. Denn Au­then­ti­zi­tät sei un­er­heb­lich, so Wink­ler (sinn­ge­mäss).

    So un­er­heb­lich sie sein mag – sie trägt aber un­ter Um­stän­den zur In­ten­si­tät in der Spra­che bei. (In­ten­si­tät im Sin­ne von Die­ter Wel­lers­hoff, als Sum­me von Sinn­lich­keit, Lei­den­schaft­lich­keit, Fül­le, Dich­te, Neu­ar­tig­keit, Prä­gnanz, auch Plötz­lich­keit und Schrecken). Das ist es, was ich kon­zi­die­ren möch­te. Ein Jo­sef Wink­ler oh­ne die­sen »Hin­ter­grund« in sei­ner Kind­heit und Ju­gend hät­te DAS nicht schrei­ben kön­nen. Nein: Er hät­te DAS nicht SO schrei­ben kön­nen. Und das ist es, was am Werk dann nach­her doch ein ge­wis­ses In­ter­es­se am »rich­ti­gen Le­ben« ei­nes Schrift­stel­lers weckt. Ich be­stehe aber dar­auf, dass die Rei­hen­fol­ge ei­ne an­de­re sein muss, als dies in der gän­gi­gen Re­zep­ti­on (Kri­tik) ge­schieht: Man schliesst dort fast im­mer zu­nächst vom Le­ben auf das Ge­schrie­be­ne und sucht aus dem Bio­gra­fi­schen die De­tails im Fik­ti­ven. Ich wür­de dies nur um­ge­kehrt als spä­te­re Ex­ege­se teil­wei­se zu­las­sen: Das Fik­tio­na­le weist die­se und je­ne Par­al­le­len zum Bio­gra­fi­schen auf. That’s it. Ich ge­ste­he al­ler­dings, dass mich sol­che Dis­kur­se nicht be­son­ders in­ter­es­sie­ren (ich bin nun mal kein Wis­sen­schaft­ler).

    So ist es zum Bei­spiel auf­grund sei­ner Li­te­ra­tur ab­so­lut na­he­lie­gend zu ver­mu­ten, dass Wink­ler ho­mo­se­xu­ell ist. Aber in dem er so­zu­sa­gen Par­tei für die Ho­mo­se­xu­el­len und ihr ge­sell­schaft­li­ches Stig­ma nimmt und sei­ne Ich-Per­son in Stri­cher-Krei­sen ver­keh­ren lässt (die Nä­he zu Ge­net ist ja ge­wollt und ar­ti­ku­liert), ist da­mit letzt­lich über die »Nei­gung« Wink­lers im »rich­ti­gen Le­ben« nichts aus­ge­sagt. Das meint er wohl mit schwin­deln; es ist im üb­ri­gen Hand­ke ent­lehnt, der das »lü­gen« nennt, al­ler­dings au­sser in der »Kin­der­ge­schich­te« und der »Nie­mands­bucht« sei­ne Ich-Er­zäh­ler nie mit Au­to­bio­gra­fi­schem aus­ge­stat­tet hat; mei­stens wähl­te er di­stan­zie­ren­de Fi­gu­ren, die per­so­nal er­zähl­ten.

    Lei­den, ir­ren, sterben…die fik­tio­na­len Fi­gu­ren an­stel­le von ei­nem selbst? Ja, da­von bin ich über­zeugt. Und das ist der ele­men­ta­re Lust­ge­winn von Li­te­ra­tur. Der Schrift­stel­ler ist der Ze­re­mo­ni­en­mei­ster ei­nes sym­bo­li­schen Men­schen­op­fers, und die Le­ser bil­den die Ge­mein­de, die das Ri­tu­al mit­voll­zieht, in dem die fik­tio­na­len Fi­gu­ren als Sün­den­böcke ge­op­fert oder von Fall zu Fall be­gna­digt wer­den. Es ist ein sub­li­mier­tes Ri­tu­al der Un­glücks- und To­des­ab­wehr durch stell­ver­tre­ten­de Op­fer… so Die­ter Wel­lers­hoff in sei­nen »Frank­fur­ter Vor­le­sun­gen«. Na­tür­lich ist da was dran, aber klingt das nicht arg tech­nisch? Fast so, als bast­le sich der Au­tor Voo­doo-Püpp­chen, um sich nach den Na­del­sti­chen woh­ler zu füh­len? Un­ter­schei­det sich nicht die­ser un­kon­trol­lier­te Strom von Wink­lers Sät­zen von den wohl­tem­pe­rier­ten Voo­doo-Püpp­chen­schrei­bern (zu de­nen ich Wel­lers­hoff gar nicht zäh­le)?

    DIE Fra­ge: Muss die Ver­zweif­lung echt sein, um Li­te­ra­tur zu wer­den? Nein, muss sie nicht. Aber – und das ist Wink­lers Ant­wort pa­ra­phra­siert: Sie, die Ver­zweif­lung, kann mich, den Le­ser nur er­rei­chen (und packen), wenn sie in Spra­che um­ge­setzt ist. Das un­ter­schei­det Li­te­ra­tur vom the­ra­peu­ti­schen Schrei­ben. Das un­ter­schei­det Wink­ler von In­ner­ho­fer: Wink­ler »ent­wickelt« sich, schreibt ein »Ent­wick­lungs­werk« – je­mand wie In­ner­ho­fer dreht sich im Kreis, fei­ert sei­ne Ver­zweif­lung, an die er letzt­lich aber kre­piert, weil die­se kur­zen Fei­ern nur hohl sind.

    Noch ein­mal Die­ter Wel­lers­hoff. Er sieht ver­gleicht die La­ge, die zum Schrei­ben führt, als über­que­re man auf ei­nem aus­ge­spann­ten Seil ei­nen Ab­grund und müs­se strikt ge­ra­de­aus blicken, um nicht zu strau­cheln. Und was sich in die­sen la­bi­len Au­gen­blicken in der auf­ge­deck­ten Tie­fe zeigt, möch­te ich das »Schim­mern der Schlan­gen­haut« nen­nen. Ein schö­nes Bild: Den Ab­sturz über die Schlan­gen­gru­be gilt es zu ver­mei­den.

    Tja, war­um stützt sich Fik­ti­on auf das »Un­glück«? Ich er­spa­re mir die po­le­mi­sche Ant­wort, ‘weil es sonst ein Gro­schen­ro­man wä­re’. Wel­lers­hoff meint, Li­te­ra­tur wer­de im­mer durch ei­ne kri­sen­haf­te Si­tua­ti­on (oder Ver­fas­sung) aus­ge­löst. Mag sein. Die­se Aus­sa­ge ist mir ein biss­chen zu all­ge­mein. Ent­schei­dend bei Wink­ler ist, ob die­ser im 13. oder 14. Buch sei­ne Ver­zweif­lung noch als Mon­stranz vor sich her­trägt. Dass er das nicht macht, dass er ver­sucht, den Tod in an­de­ren Kul­tu­ren zu ent­decken, ihn als »will­kom­me­nen Gast« zu be­trach­ten, macht die Ent­wick­lungs­ge­schich­te sei­nes Wer­kes aus.

    Am En­de der Ver­an­stal­tung wies Wink­ler auf die le­bens­läng­li­che Prä­gung durch den Ka­tho­li­zis­mus hin. Das ist zwei­fel­los rich­tig. Nicht um­sonst sind vie­le Bil­der bei Wink­ler nicht nur aus Hass auf die­sen Ka­tho­li­zis­mus ent­stan­den, son­dern auch aus ei­ner ge­wis­sen Hass­lie­be. (Den­ken Sie an das pie­tá-ähn­li­che Schluss­bild in »Na­tu­ra mor­ta«.) Auch das un­ter­schei­det ihn mit den Ver­ein­fa­chern und Re­li­gi­ons­has­sern. Was war denn »Hel­den­platz« von Bern­hard in der Sub­stanz an­de­res als ein Be­haup­tungs­stück vol­ler Poin­ten, die auf den Skan­dal ziel­ten. Das Wink­ler das ver­mie­den hat bzw. jetzt im Ruhm ver­mei­det und »nur« Schrift­stel­ler bleibt – das ist für Aus­weis ge­nug.

    Ja, das mag al­les Par­tei­nah­me sein. Soll es in die­sem Fall viel­leicht auch. Wä­re das so schlimm?

  5. zu #1 und #2 – Und Je­sus sag­te zu je­dem ein­zel­nen von ih­nen: Du bist es selbst...!
    Erst mal kurz zum Ma­nie­ris­mus: Der kann ja un­ter­hal­tend und wei­ter­hin er­hel­lend sein, wenn je­mand ein be­stimm­tes Ding zu sei­nen Hö­he­punk­ten an Raf­fi­nes­sen her­aus­kit­zelt; dann mag man ihn halt, und dann nicht mehr.

    Zu Bern­hard fast 100% Über­ein­stim­mung. (Ein ganz Ähn­li­che sei­ner­zeit war die Du­ras, die all­seits bren­nend in­ter­es­sier­te – und dann war sie ir­gend­wann über­setzt und „durch“, und mit ihr ei­ne Schreib­wei­se, in der noch mehr zu stecken schien, die aber schon zur Me­cha­nik leer­lief und klap­per­te.

    Ist aber sol­cher­art Des­il­lu­si­on nicht bei je­der­mann ir­gend­wann fäl­lig, zu­min­dest mög­lich?
    Ich er­in­ne­re mich, nach der „Nie­mands­bucht“ war ich so er­schöpft, dass es mir wirk­lich reich­te an ge­wis­sen Un­ter­strö­mun­gen in dem spe­zi­el­len Ton­fall, des­sen Qua­li­tät ich doch an­ders­wie wei­ter­hin schätz­te. (Die Jour­na­le brach­ten dann für mich wie­der die Er­fri­schung; über­haupt merk­te ich, dass mir der sich be­wusst sti­li­sie­ren­de „Epi­ker“ Hand­ke – ob­wohl stets sich auch noch ein­mal im­ma­nent be­grün­dend und ein­leuch­tend – auf ein­mal we­ni­ger wert war, als der in sei­ner er­sten Wahr­neh­mung im­mer wie­der Hell­sich­ti­ge, doch eher Un­ge­form­te – der gleich­sam Wa­che im Vor­feld sei­ner Form. Ich be­ken­ne, heu­te sind mir das Un­ter­wegs-Buch und das Fels­fen­ster fast die lieb­sten von ihm.

    (Und, bei­läu­fig ge­fragt: Kann im Wahr­neh­men nicht schon ei­ne Ge­wis­ses an „Vor­for­mung“ oder „For­ma­tie­rung“ stecken, mit an­de­ren Wor­ten ein ge­wis­ser „Ma­nie­ris­mus“? Ich wä­re dem ge­gen­über, wo im­mer es frucht­bar ist, doch of­fen.)

    (Die er­sten Wink­ler-Sa­chen sind in mir tief ab­ge­sackt als ei­ne dunk­le, star­ke Mas­se, aber in sich / in mir nicht mehr le­ben­dig, wäh­rend ich die bit­te­ren Oran­gen bald gleich noch mal kau­fen muss­te – die blaue Suhr­kamp Aus­ga­be – weil die er­ste so zer­le­sen und ab­ge­grif­fen war. So et­was ist bei mir im­mer ein Hin­weis.)

    Wie sie Wink­lers Selbst­ver­ständ­nis bei der Di­cho­to­mie Fik­ti­on / Au­then­ti­zi­tät wie­der­ge­ben, leuch­tet mir un­mit­tel­bar ein. Das weiß so­gar ein mar­gi­na­ler Schrei­ber wie ich, dass der Text et­was ganz ei­ge­nes for­dert, das mit der „nur“ gu­ten Er­fin­dung oder „nur“ der Wahr­heit kei­ne Kom­pro­mis­se zu schlie­ßen hat – es scheint mir da so­gar et­was Ab­so­lu­tes zu ge­ben, das als „Kunst“ (oder eben in sei­nen je an­zu­le­gen­den Gra­den des Ge­lin­gens) we­der Er­klä­run­gen noch Recht­fer­ti­gun­gen mehr braucht, son­dern aus­schließ­lich nach sei­nen ei­ge­nen Ge­set­zen lebt, selbst wnen die noch gar nicht for­mu­liert sind – sonst wä­re es letzt­lich „nur“ Hand­werk (auch wenn es gu­tes wä­re, im Sennet’schen Sin­ne).

    Um es mit dem von Ih­nen ein­ge­brach­ten Wort zu sa­gen: Der „Schwin­del“ ist der blo­ßen Wahr­heit ja oft über­le­gen. Und das be­reits, weil er wie­der­um an al­le denk­ba­ren Wahr­hei­ten an­zu­schlie­ßen oder sie auf­zu­schlie­ßen fä­hig ist (wäh­rend die ei­ne klei­ne Wahr­heit am En­de nur bei sich ist).

    Al­ler­dings – jetzt kann ich’s ja sa­gen – bin ich da in Wirk­lich­keit auch nicht sta­li­ni­stisch, nicht ein­mal klein­lich, weil ich weiß, dass es in der ei­ge­nen Per­son eh Be­grün­dun­gen gibt, ge­ben muss, die in kei­ne Er­klä­rungschub­la­den mehr pas­sen. Und an wem soll­te man sich denn als Künst­ler mes­sen, wenn nicht am „Höch­sten“ (al­so dem chri­sti­chen Stell­ver­tre­ter-Dis­po­si­tiv schlecht­hin: Der Künst­ler als der, der sich stell­ver­tre­tend für al­le... ). Ge­fähr­lich, als zu Ta­ge tre­ten­der An­spruch, war das noch für Al­brecht Dü­rer oder Leo­nar­do et­wa. Bei den heu­te not­wen­di­gen Über­bie­tungs­stra­te­gi­en wür­de ich das ge­ra­de bei sol­chen, bei al­lem Schwin­deln doch „Ernst­haf­ten“ wie Wink­ler, im­mer zu­ge­ste­hen.

    Von da­her ist auch solch ei­ne Le­bens­aus­gangs­si­tua­ti­on nie un­er­heb­lich. Wahr­schein­lich gibt es so­gar ei­nen Neid dar­auf bei den eher „for­mal“ sich in ih­rer Kunst Be­grün­den­den, die den Schmerz oder ir­gend­ein ih­re Kunst ur-kräf­ti­gen­des Dra­ma dann mit über­rei­cher Theo­rie-Ab­son­de­run­gen aus­gleich und wo­mög­lich über­la­gern müs­sen.

    (Mir fiel neu­lich ein al­tes „Text-Buch“ von Hei­ßen­büt­tel in die Hän­de – wie in­ter­ess­nat war das mal al­les! Und wie leer kam es mir auf ein­mal vor, nichts, das mich ei­nen Mo­ment län­ger be­rührt hät­te. Und die gan­ze Max Ben­se-Schu­le scheint heu­te nur mehr ihr ei­ge­nes Er­be, ei­ne Fuß­no­te, wei­ter nichts, auch wenn ein paar da tap­fer wei­ter ma­chen.)

    Zu die­sem Stell­ver­tre­ter-Ding passt dann die Ho­mo­se­xua­li­tät, Sie nen­nen es das „Stig­ma“, und es ist ja ei­ne er­prob­te Ge­ste der Selbst­auf­er­le­gung, um ein Au­ßen­sei­ter­tum und ei­ne Be­son­der­heit zu be­grün­den. Kann sein, dass, weil ich da schon im­mer miss­trau­isch wur­de – und Ho­mo­se­xua­li­tät als sol­che mich nie in­ter­es­sier­te (of­fen ge­stan­den nervt sie mich oft eher) – , ich des­we­gen ei­ne ge­wis­se Re­ser­ve über­haupt ge­gen­über sol­chen Stra­te­gi­en ha­be. Manch­mal kann man se­hen, wie frucht­bar sie sind, aber oft rei­chen sie nicht, meist sind sie Bei­werk, Ko­lo­rit, ein Tup­fer „Un­der­ground“.

    Und schon das bringt mich dann da­zu ein­zu­se­hen – und da wei­che ich viel­leicht von Ih­nen ab –, dass die Ver­zweif­lung viel­leicht doch bes­ser echt sein soll­te (Pa­so­li­ni), wenn es im Durch­schei­nen des Tex­tes nach all sei­ner Les­ar­ten und sei­ner Zeit zu sei­nem „Ge­halt“ kom­men muss, zu ei­nem ei­ge­nen Schwe­re­grad – letzt­lich zur Be­rech­ti­gung des Tex­tes un­ter al­lem son­sti­gen Text (denn da wird es ja doch ent­schie­den).

    Ich weiß, das klingt jetzt et­was es­sen­zia­li­stisch, ist aber dann viel­leicht doch auch wie­der un­um­gäng­lich als Ab­wä­gung: was bleibt von all dem? Nicht im Sin­ne ei­nes wei­te­ren Ran­kings, son­dern der Be­stim­mung von et­was Grö­ße­rem in­ner­halb der Li­te­ra­tur, dann ei­ner Ge­samt­be­we­gung von Ein­zel­nen, die dann auch uns Le­sern ei­ne Ori­en­tie­rung zwi­schen al­len gibt. Letzt­end­lich hal­te ich das für wei­ter­füh­rend.

    Da wä­re dann viel­leicht auch der Be­rüh­rungs­punkt zu den The­sen von Wel­lers­hoff, der ja auch über das Schwer­sag­ba­re manch­mal fast so et­was wie ei­ne Ta­xo­no­mie ver­sucht. (Das ist wo­mög­lich sein „Tech­ni­sches“, das dann als bloß not­wen­dig her­ein­zu­neh­men Ge­wuss­tes sein letzt­li­cher Man­gel an Lei­den­schaft oder Ver­zweif­lung war – auch ein „Dra­ma“ als nicht-erst­ran­gi­ger Künst­ler.)

    Bei Ih­rem Schluss fol­ge ich Ih­nen, be­zo­gen auf Wink­ler, wie­der ganz, und mich über­zeug­te letzt­lich im­mer auch des­sen grö­ße­re Ernst­haf­tig­keit statt der Ver­su­chung ei­ner Ma­sche (statt Ma­ni­ris­mus) oder der blo­ßen Skan­da­li­sie­rung. Er hät­te sich si­cher auch ei­nen „kom­mo­de­ren“ Platz im Öster­rei­chi­schen aus­su­chen kön­nen.

    (Und Par­tei­nah­men sind na­tür­lich über­haupt nicht schlimm. Nur fiel nach mei­nen Les­ar­ten ih­rer Bei­trä­ge bis­her der zu Wink­ler auf ein­mal doch eher her­aus. Oder hat­te es et­was mit dem Vor­red­ner zu tun? Manch­mal ant­wor­tet man, af­fek­tiv an­ge­spro­chen, ja auch eher auf Ton­la­gen denn auf Ar­gu­men­te. Wo­ge­gen auch nichts zu sa­gen wä­re. Schließ­lich sind wir kei­ne „Jour­na­li­sten“.)

    ***

    Da fällt mir noch ein Mo­ment ein, das ich ge­stern nicht mehr ein­bau­en woll­te. (Ich weiß, ich bin im­mer zu lang.)

    Näm­lich, dass der ge­mein­sa­me Zug der öster­rei­chi­schen Li­te­ra­tur eben viel­leicht das Mo­no­ma­ne wä­re. Das fin­det sich näm­lich auch noch bei Bach­mann und so­gar bei May­röcker, bei Stif­ter wie bei Ma­ri­an­ne Fritz... wäh­rend es im Deut­schen viel­leicht nicht Aus­nah­me­cha­ra­ter, aber doch eher ab­seits der son­sti­gen Ge­mein­sam­kei­ten lä­ge.

    Bei dne deut­schen Schrift­stel­lern wä­re das Ge­mein­sa­me eher das Ver­mit­teln­de, das (letzt­lich kan­tisch) um wei­te­re Selbst­auf­klä­rung Be­müh­te. (Und das wo­mög­lich, weil auch die zu be­wäl­ti­gen­de zacki­ge deut­sche Ob­rig­keit in ih­rem Cha­rak­ter et­was an­de­res war als die wal­zer-be­schwing­te K.u.K.-Autoritäten?)

    Aber auch das ist wie­der nur ein Schnell­schuss...

  6. zu #5 – @en-passant

    Ja, ich muss zu­ge­ben: Auch mich lang­weilt die Aus­stel­lung von Ho­mo­se­xua­li­tät (oder an­de­rer se­xu­el­ler For­men) als blo­sser »Auf­stockung«, als, wie Sie es tref­fend nen­nen, Ma­sche. Ich fand dies bei Wink­ler auch eher lang­wei­lig, dach­te es aber als au­then­tisch und ähn­lich wie Mi­cha­el war ich lan­ge der Mei­nung, Wink­ler sei auch in Wirk­lich­keit ho­mo­se­xu­ell. Nun er­fährt man, dass er ver­hei­ra­tet ist und zwei Kin­der hat (gut, das ei­ne schliesst das an­de­re nicht aus). Aber: Was hät­te es am li­te­ra­ri­schen Wert sei­ner Bü­cher ge­än­dert? (Mich al­so wie­der da­bei er­tappt, Ur­tei­le für wich­ti­ger zu neh­men als die Li­te­ra­tur sel­ber.)

    Und ja, ich glau­be auch, dass die Ver­zweif­lung nicht ganz er­schwin­delt wer­den kann. Sie soll­te schon ir­gend­wie vor­han­den sein. Sonst wür­den ja die­se Schreib­schu­len »funk­tio­nie­ren« (sie funk­tio­nie­ren aus an­de­ren Grün­den – aber eben nicht aus li­te­ra­ri­schen). Aber die vor­han­de­ne Ver­zweif­lung ge­nügt eben al­lei­ne nicht. Sie schafft nicht au­to­ma­tisch li­te­ra­ri­sche Qua­li­tät (ich weiss na­tür­lich, dass ich Ih­nen hier ei­ne Bin­sen­weis­heit sa­ge und dass Sie das wis­sen).

    Die »mo­der­ne Li­te­ra­tur­kri­tik« weiss das nicht mehr. Sie hält den blo­ssen Roh­stoff schon für aus­rei­chend. Hier­in liegt ei­ne Ge­fahr, weil Pro­sa wie von Wink­ler, die mit el­len­lan­gen Sät­zen da­her­kommt und ei­ne ho­he Li­te­ra­ri­zi­tät »ein­klagt«, als schwie­rig an­ge­se­hen und zur Sei­te ge­scho­ben wird.

    Noch et­was zum Ma­nie­ris­mus: Wo­hin die­se im ne­ga­ti­ven Sin­ne füh­ren kann sieht man – fin­de ich – schön bei der Je­li­nek (ob­wohl ich ge­ste­hen muss, schon vor ei­ni­gen Jah­ren auf­ge­hört zu ha­ben, sie zu le­sen).

  7. tut mir Leid, dass ich hier al­les durch­ein­an­der ge­macht ha­be...
    Aber es wür­de mich doch noch in­ter­es­sie­ren: Was sa­gen Sie zu der (zu­ge­ge­ben et­was simp­len) The­se mit der grö­ße­ren öster­rei­chi­schen Mo­no­ma­nie als Mo­tor für ver­gleichs­wei­se dann so­viel »in­ten­si­ve­ren« li­te­ra­ri­schen Out­put? ?

  8. noch ei­ne ver­spae­te­te kurz be­mer­kung zu in­ner­ho­fer und so
    ist ja ei­ne schoe­ne un­ter­hal­tung zwi­schen »en pas­sant« und keu­sch­nig, was ich un­ten in klam­mern set­ze« hat­te ich schon vor ein paar ta­gen hier de­po­niert aber es scheint ver­schwirrt zu sein. al­so: muss shake­speare selbst ver­zwei­felt ge­we­sen sein oder konn­te er sich dass nur vor­stel­len und dan da­fu­er ue­ber­zeu­gen­de von men­schen ver­sta­end­li­che wor­te, me­ta­phern zu fin­den.

    das wel­lers­hof zi­tat ist schon in­ter­res­sant wenn man es in ver­bin­dung bringt mit dem oe­strei­chi­schen ka­tho­li­zis­mus der wohl mehr vom heid­ni­schen beha­elt als die nach­fol­ge des pro­te­sta­tis­mus?

    ir­gend­wie kam mir berhnard eher erz­dumm vor!

    ich ha­be lei­der nicht al­les von wink­ler bis jetzt ge­le­sen, ein­fach ei­ne fra­ge der zeit, al­so kann ich sei­ne wei­ter­ent­wick­lung nicht be­ur­tei­len, aber apro­pos ho­mo­se­xua­li­ta­et, er­stens gibts da ge­nau so viel un­ter­schei­dun­gen zu tref­fen wie bei der he­te­ro, aber viel­leich hat’s ihn dan ge­lang­weilt: war­um is ge­net ho­mo­se­xu­al ge­wor­den, doch aus rei­ner ein­sam­keit als weg­ge­be­nes von der mut­ter kind... und dann der selbst­hass den so ein kind dar­aus le­bens­lang zieht.... jour­nal de vo­leur auch ei­ni­ge an­de­re sa­chen ist mir ein wert­vol­les buch. al­so hier das ver­lo­ren ge­gan­ge­ne 2te com­ment: »Ich er­in­ne­re mich, dass ich Hand­ke bat doch dem In­ner­ho­fer Buch »Schö­ne Ta­ge« ei­ne Emp­feh­lung für den Klap­pen­text zu schrei­ben. Das woll­te er aber nicht tun, mit der Be­grün­dung, dass In­ner­ho­fer im­mer das sel­be Buch schrei­be. Das stimm­te schon, Handke’s Zu­rück­hal­tung fand ich trotz­dem was wir auf Ame­ri­ka­nisch »hard as­sed« nen­nen. Das Buch kam gut an, es war eins der er­sten von Uri­zen Books ver­leg­ten, aber wei­ter hab ich auch nicht mit In­ner­ho­fer ge­macht. Viel­leicht war er je­mand der nach­dem er sein un­ge­heu­res Trau­ma ab­ge­schrie­ben und auf sei­ne Art durch­ge­ar­bei­tet hat, ei­nen an­dern Be­ruf hät­te auf­neh­men sol­len; oder so­gar Bau­er wer­den was ich je­den­falls für ei­nen der eh­ren­wür­dig­sten und schön­sten Be­ruf hal­te, trotz der ih­re Kin­der trau­ma­tie­sie­ren­den Bau­ern! Ob der In­ner­ho­fer das er­wägt hat, ich weiss nicht ge­nug über ihn Be­scheid. Al­so Wink­ler hat sich ent­wickelt und was da noch zu er­war­ten ist steht of­fen.
    Der Aus­druck »sprach­lich über­zeu­gend« wä­re Au­ten­zi­tät vor­zu­zie­hen, was da mehr auf die Dia­lek­tik zwi­schen Le­ser und Ge­le­se­nem hin­deu­ted, Hand­ke so­wie Wink­ler [der ja auch vom bild­li­chen bei sich im Ver­gleich mit Bern­hard spricht] ha­ben das bild­li­che Fun­da­ment, das ja hin­ter je­dem Wort, wenn auch un­ter­be­wusst liegt. Die er­ste Spra­che, auch die Traum­spra­che ‑in­ne­re not­wen­dig­keit sich mit­zu­tei­len auch sich selbst – geht ja auf die­se Wei­se vor; man sieht das an den er­sten und äl­te­sten Al­pha­be­ten, was für ei­ne An­rei­hung von Bil­dern das sind; am leich­sten of­fent­sich­lich an den Ja­pa­ni­schen und Chi­ne­si­schen Cha­rak­tä­ren, Ideo­gram­men. Auch Spra­che ver­langt eben nach ewi­ger Er­neue­rung. Durs Grün­bein soll­te man nicht un­ter wich­ti­gen Deut­schen Schrift­stel­lern ver­ges­sen, mehr wich­ti­ge aus der eh­mah­li­gen DDR?? Ich mit mei­ner Ar­beit an ei­ge­nem Zeug und dem Hand­ke Pro­jekt komm mir in der Zwi­schen­zeit un­ge­heur un­be­le­sen vor, ein Fach Idi­ot, ei­ne lang­sa­me Rei­se auf ei­nem Fracht­schiff um die Welt mit meh­re­ren gro­ssen Kof­fern voll Bü­cher wä­re nö­tig mich wie­der halb­wegs be­le­sen zu ma­chen.«

  9. Al­so Shake­speare war si­cher sehr ver­zwei­felt, das zeigt ja ge­ra­de sein fast ein­sa­mes Ta­lent, mar­gi­na­le Be­ge­ben­hei­ten in dann doch sol­che gleich­nis­haf­te Hö­hen des nur mit nach­sicht, al­so Hu­mor zu durch­drin­gen­den „Mensch­li­chen“ zu he­ben (UND sich viel­leicht auch selbst un­ter­halt­sam zu be­frei­en).

    Und der ar­me „hard as­sed“ Hand­ke – war er nicht im­mer groß­zü­gig mit Zu­spruch für Kol­le­gen? Da muss man sich auch mal Klein­lich­keit lei­sten dür­fen, find ich.

    Und wenn das Öste­rei­chi­sche die Ver­en­gung so­zu­sa­gen auf das Wech­sel­spiel spe­zi­fisch eng- oder ge­gen­ein­an­der ge­führ­ter Ex­tre­me ist? Hass und Lie­be (al­le Ösis zu ih­rer ja doch wirk­lich schö­nen „Hei­mat“) , Sprach­mo­no­ma­nie und Stumpf­sinn (Bern­hard), Wort­spiel und hell­sich­ti­ges, un­er­bitt­li­ches Den­ken (Je­li­nek), In­ge­nieur­stum und hoch­gra­di­ges Schei­tern „am Werk“ (Mu­sil).
    Ich neh­me das „Mo­no­ma­ni­sche“ zu­rück und ver­däch­ti­ge die Öster­rei­cher al­so ei­ner grö­ße­ren (mu­ti­ge­ren?) Nä­he zum Ex­trem (und zum in­di­vi­du­ell auf sich ge­nom­men Lei­den dar­an).
    (Mei­ne Bei­spie­le sind na­tür­lich will­kür­lich – al­ler­dings auch noch aus­bau­fä­hig.)
    (Und klar, sol­che na­tio­na­len Ste­reo­ty­pen sind im­mer blöd – aber al­le Na­tio­nen ori­en­tie­ren sich so ge­gen­ein­an­der. Es geht hier nicht mehr um Ra­tio­na­li­tät. Auch Vor­ur­tei­le ber­gen in sich ein Ver­ste­hens­mo­ment.)

    Bei der Au­then­ti­zi­tät weiß ich noch nicht recht... es gibt ja meh­re­re!

    Et­wa die, die be­rech­nend weiß, dass sie im­mer ei­ne ge­mach­te ist; dann auch die, die sich qua­si in der Spra­che schon be­wusst ist, wie sie ei­ne her­ge­stell­te sein muss, aber sich dann doch auf ei­ne das ab­bil­dend hin­ter sich las­sen­de Wei­se fin­det (im spe­zi­fisch Künst­le­ri­schen, et­wa auch ei­nes Hand­ke mit dem Wil­len zum Epi­schen und zur Be­schrei­bung) (da ist aber auch der des ro­man no­veau et­wa der „Hor­nis­sen“ nicht weit); aber auch die „na­iv“ sich schöp­fen­de (als je selbst­ver­ges­sen sich fin­den­de) Au­then­ti­zi­tät, die dann als ge­lun­ge­ne Er­zäh­lung ganz un­theo­re­tisch, gleich­sam nä­her an der Welt über­zeugt.

    Das Künst­li­che, da wo es über sich sel­ber im Irr­tum ist, kann ja sel­ber wie­der qua­si „na­tür­lich“ von et­was zeu­gen, und wä­re es nur als Über­stei­ge­rung, der et­was ei­ge­nes deut­lich zu ma­chen ge­lingt.

    Und, das al­les hin­ter sich zu las­sen: Ver­sucht das nicht je­der, sein Ding auf­ge­hen zu las­sen im Text, wo es et­was „Hö­he­res“ be­rührt (an das man nicht al glau­ben muss), al­les oh­ne Be­grün­dun­gen rich­tig ist? Und wenn es nur schlich­te Schön­heit wä­re. Von mir aus auch dann oh­ne Ver­zweif­lung. Wenn sie noch kei­ne ver­lach­te ist...

    Usw.

  10. @en-passant – Zum Mo­no­ma­ni­schen
    Tja, was ist mo­no­man? Ist es das Aus­ufern­de, das Nie-En­den­de? Da fällt mir noch Mu­sil ein und der »Öster­reich-Un­gar« Kaf­ka. Im­mer am glei­chen Buch schrei­bend. Oder ist das »Eu­pho­rie«? Nein. Oder gleich me­ga­lo­man?

    Ich ver­su­che, ei­nen deut­schen Schrift­stel­ler zu fin­den. Tho­mas Mann? Der hat auch »dicke Bü­cher« ge­schrie­ben. Aber mo­no­man? Nein. Die Emo­ti­on war hier wohl ver­steckt, in ei­nen An­zug ver­packt; schön warm an­ge­zo­gen. Oder – ko­misch – Her­mann Lenz und des­sen Eu­gen-Rapp-Ro­ma­ne? Lenz schreibt im­mer ei­ne glei­che Grund­stim­mung auf; aber in ei­ner Chro­no­lo­gie (des Le­bens von Eu­gen Rapp), ei­ne Ent­wick­lung. Kei­ne Krei­se, die ins Nir­wa­na ver­lau­fen oder in die Hoff­nungs­lo­sig­keit (ob­wohl es am Ende…naja).

    Aber war­um sind die­se Öster­rei­cher mo­no­man oder ha­ben die­sen Hang da­zu? Viel­leicht weiss der psy­cho­ana­ly­ti­sche Mi­cha­el Ro­loff hier­zu mehr. Ich weiss nur, als ich wei­land durch Wien im Ta­xi fuhr und mit dem Fah­rer ins Ge­spräch über Tho­mas Bern­hard kam: Er kann­te den. Er moch­te ihn nicht (und den »Pief­ke« Pey­mann – er wuss­te, dass ich auch ei­ner war – auch nicht). Aber er kann­te ihn, hat­te ihn ge­le­sen und fand es scha­de, dass er tot war. Für solch’ ein Pu­bli­kum lohnt es sich doch, oder? Die Deut­schen mö­gen Grass nicht, weil er bei der Waf­fen-SS war oder Wil­ly Brandt moch­te. Aber sie ha­ben ihn nicht (oder nur sehr we­nig) ge­le­sen.