Die »Wie-es-uns-gefällt«-Aussenpolitik

In sei­ner Dis­ser­ta­ti­on »Spra­che und Au­ßen­po­li­tik – Der deut­sche und US-ame­ri­ka­ni­sche Dis­kurs zur An­er­ken­nung Kroa­ti­ens« schreibt Ralf Pio­trow­ski:

An­fang No­vem­ber 1991 wur­de die di­plo­ma­ti­sche An­er­ken­nung Slo­we­ni­ens und Kroa­ti­ens er­klär­tes Ziel deut­scher Au­ßen­po­li­tik. Bis zu die­sem Zeit­punkt hat­te Deutsch­land sei­ne Po­li­tik der An­er­ken­nung als na­tio­na­le Posi­tion an­ge­se­hen, die im EG-Rah­men nicht aus­rei­chen­de Un­ter­stüt­zung fand. Von nun an kon­zen­trier­ten sich die di­plo­ma­ti­schen Be­mü­hun­gen dar­auf, die Part­ner­staa­ten der Eu­ro­päi­schen Ge­mein­schaft auf dem ein­ge­schla­ge­nen Weg zu hal­ten. Falls sich dies als nicht mög­lich er­wei­sen soll­te, soll­te die An­er­ken­nung not­falls im Al­lein­gang voll­zo­gen wer­den. Am 8. No­vem­ber 1991, wäh­rend des NA­TO-Gip­fels in Rom, rich­te­te US-Prä­si­dent Bush an Bun­des­kanz­ler Kohl ei­ne De­mar­che. Wa­shing­ton be­schul­dig­te Deutsch­land, die in­ter­na­tio­na­len Be­mü­hun­gen zu unter­wandern, in­dem es die Re­pu­bli­ken da­zu er­mu­ti­ge, ih­re Unab­hängigkeit durch­zu­set­zen. Die deut­sche Re­gie­rung fuhr dessen­ungeachtet mit ih­rer An­er­ken­nungs­po­li­tik fort. Mit­te No­vem­ber infor­mierte Bun­des­kanz­ler Kohl Prä­si­dent Mit­te­rand of­fi­zi­ell über die deut­schen Plä­ne, Kroa­ti­en an­er­ken­nen zu wol­len. Mit­te­rand ge­gen­über recht­fer­tig­te Kohl die­ses Vor­ge­hen mit Ver­weis auf in­nen­po­li­ti­schen Druck aus ver­schie­de­nen Rich­tun­gen. En­de No­vem­ber wa­ren Kohl und Gen­scher zu der Über­zeu­gung ge­langt, Deutsch­land kön­ne die An­er­ken­nung Slo­weniens und Kroa­ti­ens not­falls oh­ne ei­nen EG-Kon­sens voll­zie­hen, oh­ne da­mit die Ver­ein­ba­run­gen mit den EG-Part­nern zu ver­let­zen. Bundes­kanzler Kohl kün­dig­te am 27. No­vem­ber wäh­rend ei­ner Haus­haltsdebatte die di­plo­ma­ti­sche An­er­ken­nung „noch vor dem Weih­nachtsfest“ an.


Die ter­ri­to­ria­le In­te­gri­tät ei­nes Lan­des, Be­stand­teil sämt­li­cher eu­ro­päi­scher Über­einkommen (be­gin­nend bei KSZE) wur­de zu Gun­sten des »Selbst­be­stim­mungs­rechts der Völ­ker« er­setzt. Man nennt so et­was ei­nen Pa­ra­dig­men­wech­sel. Da­mit die Be­grün­dung für die­se 180 Grad-Wen­dung nicht all­zu vie­le Fra­gen auf­wirft, be­gann die EG, wie Pio­trow­ski pro­to­kol­liert, ih­re min­de­stens nach au­ssen hin neu­tra­le Po­si­ti­on zu ver­än­dern:

An­fang De­zem­ber ho­ben die EG-Au­ßen­mi­ni­ster die Sank­tio­nen ge­gen Kroa­ti­en, Slo­we­ni­en, Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na und Ma­ze­do­ni­en auf und be­schlos­sen po­si­ti­ve Kom­pen­sa­ti­ons­maß­nah­men für die »kooperations­bereiten« Re­pu­bli­ken. Mit die­sen Maß­nah­men ging die Eu­ro­päi­sche Gemein­schaft zu ei­ner Po­li­tik der Par­tei­nah­me über. Die Wirtschafts­sanktionen ge­gen Ju­go­sla­wi­en gal­ten jetzt aus­schließ­lich für Ser­bi­en und Mon­te­ne­gro.

Ent­ge­gen al­ler War­nun­gen vor ei­ner Es­ka­la­ti­on des Ju­go­sla­wi­en-Kon­flik­tes, for­mu­liert so­wohl in­ner­halb der EU als auch in den USA und den Ver­ein­ten Na­tio­nen blieb die deut­sche Re­gie­rung Kohl/Genscher bei der For­cie­rung der An­er­ken­nung Kroa­ti­ens und Slo­we­ni­ens. Pio­trow­ski be­schreibt dies äu­sserst prä­zi­se; der Aus­riss auf dem 3. Ka­pi­tel sei­ner Dis­ser­ta­ti­on (hier als PDF her­un­ter­zu­la­den) ist äu­sserst in­ter­es­sant. War­um Gen­scher in die­sem Fall sei­ne an­son­sten stets auf Kon­sens aus­ge­rich­te­te Po­li­tik (den so­ge­nann­ten »Gen­sche­ris­mus«) zu Gun­sten die­ser ein­sei­ti­gen Par­tei­nah­me ver­liess, bleibt ein Rät­sel. (Auch das teil­wei­se zu­gäng­li­che Buch von Klaus Pe­ter Zeid­ler ver­mag nur an­satz­wei­se Er­klä­run­gen ab­zu­ge­ben, zeigt aber in­ter­es­san­te Ver­flech­tun­gen mit ein­zel­nen, of­fen­sicht­lich ein­fluss­star­ken rechts­kon­ser­va­ti­ven EG-Par­la­men­ta­ri­ern.)

Letzt­lich hat der Zer­fall Ju­go­sla­wi­ens sei­nen (vor­läu­fi­gen?) End­punkt erst im Fe­bru­ar die­ses Jah­res mit der Se­zes­si­on des Ko­so­vo er­fah­ren. Die­se Schritt – wie auch die an­de­ren Ab­spal­tun­gen im ehe­ma­li­gen Ju­go­sla­wi­en – wa­ren und sind un­ter Völ­ker­recht­lern durch­aus um­strit­ten – vor al­lem die Me­tho­den, wie sie um­ge­setzt und be­grün­det wur­den. Vie­le hat­ten im Vor­feld auf ei­ne Ko­so­vo-An­er­ken­nung dar­auf hin­ge­wie­sen, dass mit der fra­gi­len Grund­la­ge Tür und Tor für an­de­re Se­zes­si­ons­be­we­gun­gen ge­öff­net wer­den.

Der seit An­fang des Mo­nats zum Krieg es­ka­lier­te Kon­flikt um Süd­os­se­ti­en, neu ent­facht durch den wahn­sin­ni­gen Ver­such des ge­or­gi­schen Prä­si­den­ten Saa­ka­schwi­li, die ab­trün­ni­ge Pro­vinz mit mi­li­tä­ri­scher Ge­walt ge­fü­gig zu ma­chen, of­fen­bart nun ein­mal mehr die Dop­pel­mo­ral des We­stens. Na­tür­lich in­ter­es­siert sich Russ­land für die »Selbstbe­stimmung« der Ab­cha­si­en und Süd-Os­se­ti­en gar nicht, son­dern be­nutzt die Abspal­tungsbestrebungen ei­ni­ger War­lords, um in ei­ner bil­li­gen Re­tour­kut­sche dem We­sten sei­ne Dop­pel­zün­gig­keit vor­zu­füh­ren: Man er­kennt ein­fach bei­de ge­or­gi­schen Pro­vin­zen (wie ge­sagt, Ab­cha­si­en be­sitzt schon län­ger ei­nen freie­ren Sta­tus) als sou­ve­r­än­de Staa­ten an. Und aus­ge­rech­net die­je­ni­gen, die sich 1992 ve­he­ment (und ge­gen al­le Ver­nunft) für das »Selbst­be­stim­mungs­recht der Völ­ker« ein­setz­ten und Ju­go­sla­wi­en, den kran­ken Pa­ti­en­ten, mit ei­ner ge­ziel­ten Gift­sprit­ze um­brach­ten – aus­ge­rech­net die­se Po­li­ti­ker (bzw. de­ren Nach­fol­ger im Gei­ste) po­chen nun auf die »ter­ri­to­ria­le In­te­gri­tät« Ge­or­gi­ens.

Die­je­ni­gen, die nicht mü­de wur­den, Ju­go­sla­wi­ens »ter­ri­to­ria­le In­te­gri­tät« zu zer­schla­gen be­stehen nun aus­ge­rech­net dar­auf. Und die­je­ni­gen, die in der Se­zes­si­on Tsche­tsche­ni­ens Ter­ro­ri­sten am Werk sa­hen und die ter­ri­to­ria­le Ein­heit Russ­lands mit al­len (wirk­lich fast al­len) Mit­teln vor­nah­men, aus­ge­rech­net die­je­ni­gen po­chen nun auf das Selbstbe­stimmungsrecht von Süd­os­se­ti­en. Nach­fol­gen­de Ge­nera­tio­nen wer­den sich ge­nau wie Zeit­genossen mit ei­nem IQ > 80 mit Grau­sen von sol­chen »Po­li­ti­kern« ab­wen­den.

Der für Kri­sen­fäl­le kon­zi­pier­te NA­TO/­Russ­land-Rat wur­de von sei­ten der EU auf Eis ge­legt (um noch här­te­ren Sank­tio­nen vor­zu­beu­gen), statt ihn für den Fall, wo­für er ge­schaf­fen wur­de, ein­zu­set­zen. Das ist un­ge­fähr so, als wür­de je­mand bei ei­nem auf­kom­men­den Brand das Was­ser für die Feu­er­wehr erst ein­mal ab­dre­hen.

Der We­sten frönt der­weil wie­der sei­nem Lieb­lings­mon­ster: den Rus­sen (vor­mals: die So­wjets). Er hof­fiert den cho­le­ri­schen Ha­sar­deur Saa­ka­schwi­li und blen­det Kern­punk­te und -ver­säum­nis­se der ge­or­gi­schen Au­ssen­po­li­tik non­cha­lant aus. Chri­sti­an Schmidt-Häu­er, zur Zeit des Kal­ten Krie­ges Kor­re­spon­dent für die ARD aus der So­wjet­uni­on, schreibt in sei­ner Be­spre­chung des Bu­ches »Die Au­ßen­po­li­tik Ge­or­gi­ens« von Sil­ke Klein­hanß:

Den Kon­flikt um Süd­os­se­ti­en bra­chen die Ge­or­gi­er 1989 vom Zaun, als sie Ge­or­gisch zur ein­zi­gen Staats­spra­che die­ser au­to­no­men Re­pu­blik er­klär­ten. In ihr le­ben vor al­lem Ala­nen, die ei­ne mit dem Ira­ni­schen ver­wand­te Spra­che spre­chen. Da das staat­li­che Ge­walt­mo­no­pol in den er­sten Jah­ren der Un­ab­hän­gig­keit Ge­or­gi­ens von kri­mi­nel­len Mi­li­zen pri­va­ti­siert wur­de, fie­len de­ren War­lords 1992 in das un­bot­mä­ßi­ge Ab­cha­si­en ein. Statt Sold gal­ten Plün­de­run­gen als Be­loh­nung. Die Ver­ant­wor­tung für die­ses Staats­ver­sa­gen schiebt Tbi­lis­si al­lein Russ­lands In­tri­gen zu. Klein­hanß stellt kei­nes­wegs in Ab­re­de, dass Mos­kau die Kon­flik­te dank­bar nährt und hü­tet oder dass die se­zes­sio­ni­sti­schen Re­gio­nen heu­te ma­fiö­se En­kla­ven sind. Doch Ge­or­gi­ens an­ti­rus­si­sche Au­ßen­po­li­tik dient vor al­lem der De­fi­ni­ti­on der ei­ge­nen Na­ti­on, de­ren Be­völ­ke­rungs­clans nicht in de­mo­kra­ti­sche In­sti­tu­tio­nen ge­lei­tet wer­den.

Nein, es geht nicht um das kin­di­sche »wer-hat-angefangen«-Spiel. Es geht dar­um, ei­ne Ob­jek­ti­vi­tät wal­ten zu las­sen, sie we­nig­stens zu ver­su­chen. Die »Ant­wor­ten« Russ­lands auf den mi­li­tä­ri­schen Akt Ge­or­gi­ens wa­ren un­ver­hält­nis­mä­ssig – so­weit man dies be­ur­tei­len kann. Aber sie wa­ren will­kom­me­ne Nah­rung, um den We­sten von rus­si­scher Sei­te vorzu­führen und ha­ben in ih­rer Bru­ta­li­tät Fak­ten ge­schaf­fen. Po­li­ti­ker mit Weit­sicht und Ver­nunft sind im Mo­ment auf bei­den Sei­ten rar. Statt­des­sen re­gie­ren af­fekt­ge­steu­er­te Po­li­ti­ke­ri­mi­ta­tio­nen. Das kann dann noch ge­fähr­lich wer­den.

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10 Kommentare zu »Die »Wie-es-uns-gefällt«-Aussenpolitik«:

  1. Köppnick sagt:

    Im Kol­le­gen­kreis ha­ben wir heu­te fol­gen­de Fra­gen dis­ku­tiert und kei­ne ein­deu­ti­gen Ant­wor­ten ge­fun­den:
    – Ist es denk­bar, dass der ge­or­gi­sche Prä­si­dent aus ei­ge­nem An­trieb ge­han­delt hat?
    – War das zeit­li­che Zu­sam­men­tref­fen mit den Olym­pi­schen Spie­len Zu­fall?
    – Ist es Zu­fall, dass Oba­mas Wahl­chan­cen durch die­sen Kon­flikt ge­min­dert wer­den?
    – Was wur­de in den 2+4-Gesprächen bzgl. der Er­wei­te­rung der Na­to schrift­lich fi­xiert bzw. münd­lich ver­si­chert?

    #1

  2. Peter sagt:

    Vie­len Dank für die­se Stel­lung­nah­me, der ich zu 100% zu­stim­men kann. In den letz­ten Ta­gen hat­te ich schon teil­wei­se dass Ge­fühl, die Welt nicht mehr zu ver­ste­hen. Die­ser Kon­flikt ist po­li­tisch die fas­zi­nie­rend­ste Si­tua­ti­on (wenn ich so zy­nisch sein darf) seit lan­gem, bei der sich vie­le de­mas­kie­ren, aber auch ei­ni­ge ein Ur­teils­ver­mö­gen be­zeu­gen, dass ich ih­nen nicht zu­ge­traut hät­te. Wie mit ei­ner Lu­pe wird die La­ge der Welt aus den Hin­ter­zim­mern auf die gro­ße Büh­ne ge­bracht, wo­bei auch mir et­was mul­mig wird. Un­ter­be­wusst kommt mir im­mer wie­der die Ku­ba-Kri­se in den Kopf.

    #2

  3. #1 Köpp­nick – Ver­su­che von Ant­wor­ten
    -Ist es denk­bar, dass der ge­or­gi­sche Prä­si­dent aus ei­ge­nem An­trieb ge­han­delt hat?
    Ich hal­te es für wahr­schein­lich. Der Mann soll Cho­le­ri­ker sein.

    - War das zeit­li­che Zu­sam­men­tref­fen mit den Olym­pi­schen Spie­len Zu­fall?
    Nein, er emp­fand das ver­mut­lich als gu­te Idee.

    - Ist es Zu­fall, dass Oba­mas Wahl­chan­cen durch die­sen Kon­flikt ge­min­dert wer­den?
    Die Fra­ge im­pli­ziert, dass die USA bzw. Bush & Co. da­hin­ter­stecken. Ich kann mir das nicht vor­stel­len, weil die mi­li­tä­ri­sche Re­ak­ti­on der Rus­sen vor­aus­zu­be­rech­nen war. Sie ha­ben es viel­leicht ge­wusst und nicht ab­ge­ra­ten, aber be­foh­len ha­ben sie es kaum. Dass Oba­ma die Es­ka­la­ti­on der La­ge nicht ent­ge­gen­kommt, ist klar. Er hat mit Bi­den als Vi­ze dar­auf re­agiert und kei­nen Wirt­schafts­pro­fes­sor ge­nom­men, son­dern ei­nen Au­ssen­po­li­ti­ker.

    - Was wur­de in den 2+4-Gesprächen bzgl. der Er­wei­te­rung der Na­to schrift­lich fi­xiert bzw. münd­lich ver­si­chert?
    Die 2+4 Ge­sprä­che re­gel­ten (we­nig­stens of­fi­zi­ell) nur den Sta­tus des wie­der­ver­ei­nig­ten Deutsch­land. (Hier ein Telt­schik-In­ter­view. Hät­te nicht ge­dacht, mit dem noch ein­mal so schnell über­ein zu stim­men.)

    #3

  4. Köppnick sagt:

    Ein in­ter­es­san­ter Link in die­sem Zu­sam­men­hang: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/28/28555/1.html

    Was man häu­fig in die­sem Zu­sam­men­hang auch fin­det, ist die Be­haup­tung der An­we­sen­heit von bis zu 1000 is­rae­li­schen Mi­li­tär­be­ra­tern in Ge­or­gi­en. Hier ha­be ich aber au­ßer bei den üb­li­chen Ver­däch­ti­gen kei­ne Quel­len ge­fun­den, de­nen ich in die­ser Fra­ge Ver­trau­en schen­ken wür­de, wäh­rend ich die Te­le­po­lis zwar für par­tei­isch, aber ver­trau­ens­wür­dig hal­te.

    War­um ich nach 2+4 ge­fragt ha­be: Ich glau­be mich zu er­in­nern, dass Gor­bat­schov bzw. der So­wjet­uni­on zu­ge­si­chert wur­de, dass die Na­to sich nicht nach Osten er­wei­tert. Das be­zog sich wohl da­mals auf das DDR-Ter­ri­to­ri­um, da die wei­te­re Ent­wick­lung der So­wjet­uni­on nicht ab­seh­bar war.

    Für die Lö­sung des Kon­flikts zwi­schen Russ­land und der Na­to gibt es zwei Mög­lich­kei­ten: Die Na­to löst sich auf oder Russ­land wird auf­ge­nom­men. Oh­ne ei­ne von den bei­den Maß­nah­men wird die Auf­nah­me je­des wei­te­ren Lan­des an den Gren­zen Russ­land von den Rus­sen als Af­front be­trach­tet, zu Recht.

    #4

  5. Hei­se hal­te ich nicht für durch­gän­gig ver­trau­ens­wür­dig; ge­le­gent­lich er­scheint es mir als ei­ne Platt­form für kru­de Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker.

    Das Mo­dell des NA­TO/­Russ­land-Ra­tes war so falsch nicht, aber das man es in dem Mo­ment be­en­det, wo es ge­braucht wür­de, ist schon merk­wür­dig. Mit­tel­fri­stig muss­te klar sein, dass ei­ne Ex­pan­si­on der NATO »vor der Haus­tür« Russ­lands für die Rus­sen Gren­zen hat. Die­se schei­nen mit dem schwach­sin­ni­gen Ra­ke­ten­schild er­reicht zu sein. Na­tür­lich ist es ein gu­ter Vor­wand für Russ­land, wie­der Stär­ke zu zei­gen. Die Me­tho­den, die man wählt, sind die ses 19. Jahr­hun­derts (Macht­po­li­tik und Mi­li­tär). Die Chi­ne­sen ma­chen das ele­gan­ter – über die Wirt­schaft. Da­von ist Russ­land mei­len­weit ent­fernt. Hin­zu kommt, dass die Roh­stof­fe, die Russ­land im Mo­ment öko­no­misch Vor­tei­le brin­gen, nicht ewig spru­deln wer­den. Die öko­no­mi­sche Be­deu­tungs­lo­sig­keit Russ­lands ist vor­pro­gram­miert.

    #5

  6. Köppnick sagt:

    Ich wür­de Russ­land nicht so schnell ab­schrei­ben. BSP im Ver­gleich je Ein­woh­ner:
    Chi­na 2006: 1100$, 2008: 1740$ =+58%
    Russ­land 2006: 2610$, 2008: 4460$ =+71%
    Deutsch­land 2006: 25270$, 2008: 30690$ =+21%

    D.h. Russ­land ist pro Kopf der Be­völ­ke­rung schon wei­ter als Chi­na und die Zu­wäch­se sind so­wohl ab­so­lut als auch re­la­tiv hö­her. Der Blick auf Chi­na täuscht et­was, weil es 9x mehr Ein­woh­ner hat. Und das En­de der ho­hen Prei­se auf En­er­gie und Roh­stof­fe wer­den wir nicht mehr er­le­ben.

    Und was die Na­to be­trifft: Hier ge­he ich zu 100% mit »mei­ner« Par­tei kon­form. Die Exi­stenz ei­ner mi­li­tä­ri­schen Al­li­anz führt prak­tisch da­zu, dass sehr leicht mi­li­tä­ri­sche Mit­tel er­wo­gen wer­den, wo al­le an­de­ren noch nicht aus­ge­schöpft wa­ren. Und Mit­glieds­län­der wer­den schnell in Kon­flik­te ein­be­zo­gen, die von den Mei­nungs­füh­rern im Ver­bund für not­wen­dig ge­hal­ten wer­den, weil sie de­ren ei­ge­nen In­ter­es­sen nut­zen.

    #6

  7. tinius sagt:

    Wenn Russ­land das Gas ab­stellt oder auch nur mas­siv ver­teu­ert, wird es in Deutsch­land erst ein­mal recht schnell un­ge­müt­lich. Wie die Ab­hän­gig­keit an­de­rer eu­ro­päi­scher Staa­ten aus­sieht, weiß ich nicht. Selbst Al­ter­na­ti­ven brau­chen Zeit und wer­den deut­lich teue­rer, da ein Lie­fer­stop ja gleich­zei­tig ei­ne glo­ba­le Ver­knap­pung be­deu­tet.
    Ich bin, ehr­lich ge­sagt, leicht be­un­ru­higt, daß die Kon­fron­ta­ti­on sich noch fort­setzt oder stei­gert. Denn auch Bi­den hat ge­stern in sei­ner Par­tei­tags­re­de ge­meint, daß man Russ­land voll ver­ant­wort­lich ma­chen sol­le. Und die Po­si­ti­on des re­pu­bli­ka­ni­schen La­gers scheint mir eher beim jet­zi­gen Han­deln und Ar­gu­men­tie­ren zu blei­ben. (Und Bush hat auch noch min­de­stens bis En­de De­zem­ber Zeit, wei­te­res Un­heil an­zu­rich­ten, was man in die­ser Fra­ge nun gar nicht un­ter­schät­zen soll­te.) Ich den­ke, die al­te NATO exi­stiert als hand­lungs­fä­hi­ge Run­de eh nur noch be­dingt, von da­her im Sin­ne der »al­tes Eu­ro­pa – neu­es Eu­ro­pa« – Dis­kus­si­on die­se mas­si­ve Aus­deh­nung gen Osten, um den USA et­was »treue­re«, vor al­lem aber un­kri­ti­sche­re Va­sal­len zu­zu­füh­ren.

    #7

  8. Jeeves sagt:

    Ich kann den Ar­ti­kel nur un­ter­schrei­ben. Nur ein­mal war ich et­was ver­blüfft, und zwar bei Ih­rem klei­nen – bei Ih­nen un­ge­wohn­ten – Ein­schub:
    »...ge­nau wie Zeit­ge­nos­sen mit ei­nem IQ > 80...«

    #8

  9. Gas ab­stel­len hal­te ich für zwar mög­lich, aber an­de­rer­seits auch schwie­rig. Denn Gas wird durch Pipe­lines ver­kauft, und die kann man nicht mal eben so »um­le­gen«, bei­spiels­wei­se nach Chi­na. Russ­land braucht auch Eu­ro­pa, und sei es als Kun­de.

    Die Ab­hän­gig­keit ins­be­son­de­re West­eu­ro­pas vom (rus­si­schen) Gas ist na­tür­lich ei­ner ver­fehl­ten En­er­gie­po­li­tik ge­schul­det. Das La­men­to über den teu­ren Gas­preis kann ich dem­zu­fol­ge nur in Gren­zen nach­voll­zie­hen; die Dä­mo­nise­rung von »Ga­z­prom« halt­ze ich für un­se­ri­ös – mit glei­cher Mün­ze könn­te man Shell, BP oder Exxon auch dä­mo­ni­sie­ren.

    Die rich­ti­gen Kon­se­quen­zen – ei­ne ver­nünf­ti­ge, neue En­er­gie­po­li­tik – be­treibt man nur halb­her­zig. Letzt­lich sind die be­stehe­nen En­er­gi­en noch zu bil­lig.

    Die Rhe­to­rik von Biden/Obama muss wohl so sein, sonst kommt ir­gend­wann Mc­Cain im Kampf­an­zug an und be­kommt 75%. Die Bil­dung der Massen in den USA ist ziem­lich schlecht; sie ist sehr emp­fäng­lich für sol­che Rhe­to­rik. Mich wi­dert das an.

    #9

  10. Na, da bin ich ein­mal po­le­misch...

    #10