Mal­te Her­wig: Der gro­sse Kalanag

Malte Herwig: Der grosse Kalanag

Mal­te Her­wig: Der gro­sse Kalanag

2013 leg­te der Au­tor Mal­te Her­wig ei­ne ein­drucks­voll re­cher­chier­te Stu­die zur so­ge­nann­ten »Flak­hel­fer«- Ge­nera­ti­on vor, aus der her­vor­ging, dass et­li­che der­je­ni­gen, die man (voll­kom­men zu Recht) als die Säu­len der neu­en, de­mo­kra­ti­schen und plu­ra­li­sti­schen Bun­des­re­pu­blik be­zeich­ne­te, mit 17 oder 18 Jah­ren, al­so 1944 und auch noch 1945, Mit­glied in der NSDAP ge­wor­den wa­ren. Und dies, so das Er­geb­nis der Nach­for­schun­gen, mit ih­rem je­weils aus­drück­li­chem Wis­sen, da es kei­ne »au­to­ma­ti­schen« Par­tei­mit­glied­schaf­ten gab. Her­wig ging es da­bei nicht um die Dif­fa­mie­rung der Le­bens­lei­stung von Men­schen wie Hans-Diet­rich Gen­scher, Die­ter Hil­de­brandt, Wal­ter Jens oder Die­ter Wel­lers­hoff (um nur ei­ni­ge zu nen­nen). Was ihn um­trieb war das be­haup­te­te oder wo­mög­lich im Lau­fe der Zeit tat­säch­lich ein­ge­tre­te­ne Ver­ges­sen. Selbst ein­deu­ti­ge Be­le­ge ver­moch­ten bei den mei­sten kein Ein­se­hen zu er­zeu­gen. Die Em­pö­rung der Be­wun­de­rer der Prot­ago­ni­sten ließ er nicht gel­ten. Bio­gra­fien dürf­ten nicht ge­glät­tet wer­den, sie soll­ten ge­ra­de in ih­rer Wi­der­sprüch­lich­keit ge­zeigt wer­den, um die Lei­stun­gen da­nach rich­tig be­ur­tei­len zu kön­nen.

Hat­ten sie nach 1945 über­haupt ei­ne an­de­re Wahl als das Schwei­gen? Was wä­re aus ei­nem Gün­ter Grass ge­wor­den, wenn er bei­spiels­wei­se in­ner­halb der Grup­pe 47 sei­ne Dienst­zeit in ei­ner SS-Pan­zer­di­vi­si­on frei­mü­tig zu­ge­ge­ben hät­te? Hät­te Hans-Diet­rich Gen­scher In­nen- und spä­ter Au­ßen­mi­ni­ster wer­den kön­nen, wenn sei­ne NSDAP-Mit­glied­schaft be­kannt ge­wor­den wä­re? War das En­ga­ge­ment für die neue deut­sche De­mo­kra­tie ei­ne Form der Süh­ne, ei­ne Form der Bu­ße im An­ge­sicht ei­ner le­bens­lang emp­fun­de­nen und/oder spä­ter ver­dräng­ten Scham?

Her­wig scheint fas­zi­niert zu sein von die­ser Form der Ver­wand­lungs­fä­hig­keit von Men­schen. Ei­ni­ge Jah­re spä­ter ver­ant­wor­te­te er ei­nen wun­der­ba­ren Pod­cast über die so­ge­nann­ten Hit­ler-Ta­ge­bü­cher. Der Ver­wand­lungs­künst­ler hieß dies­mal Kon­rad Ku­jau, der sich als ima­gi­nä­rer Adolf Hit­ler in ei­ne Art Rausch ge­schrie­ben hat­te. Auf­klä­re­risch woll­te die­ser Fäl­scher nicht wir­ken, son­dern nur sein Ver­mö­gen auf­bes­sern. Da­her be­trog er. Die Op­fer wa­ren zu­nächst ein gut­gläu­bi­ger Jour­na­list, der die Sto­ry sei­nes Le­bens wit­ter­te und ein paar Blatt­ma­cher. Spä­ter dann Mil­lio­nen Le­ser.

Und nun legt der Tho­mas-Mann-Ken­ner und Pe­ter-Hand­ke-Bio­graph Mal­te Her­wig ei­ne Le­bens­be­schrei­bung über ei­nen ge­wis­sen Hel­mut Schrei­ber vor, der sich einst »Ka­la Nag« und dann, in den 1950er Jah­ren, »Der gro­ße Kalanag« nann­te.

Ich ge­ste­he, dass ich von die­sem Mann nie et­was ge­hört hat­te. Das hat zwei Grün­de. Zum ei­nen war ich vier Jah­re alt, als Schrei­ber starb. Und zum an­de­ren war er ein Zau­be­rer, ein Ma­gi­er, oder, wie man spä­ter sag­te, »Il­lu­sio­nist« (was ich tref­fen­der fin­de). Aber Zau­be­rer und Il­lu­sio­ni­sten ha­ben mich selbst als Kind nie in­ter­es­siert. Ich fin­de de­ren Vor­stel­lun­gen lang­wei­lig, ver­mut­lich weil ich doch zu sehr Ra­tio­na­list bin und mich (bis heu­te) im­mer be­tro­gen füh­le, wenn ich die­se Kunst­stücke se­he, die dar­auf ba­sie­ren, dass mir et­was ver­bor­gen bleibt.

Na­tür­lich macht dann das Buch doch neu­gie­rig. Zu­nächst das Co­ver. Die­ser äl­te­re Mann, der auf dem er­sten Blick ein biss­chen an Heinz Er­hardt er­in­nert, im Schat­ten­spiel mit sei­nen Hän­den. Dar­un­ter die knal­lig ro­te Schrift. Mit der Er­wäh­nung von »Hit­lers Zau­be­rer« im Un­ter­ti­tel ist der Ein­stieg so­fort da. Das Buch be­ginnt denn auch mit ei­ner klei­nen Sze­ne, ei­ner Vor­be­rei­tung ei­nes Zau­be­rers vor sei­nem Auf­tritt. Die Sze­ne en­det mit »Der Füh­rer er­war­tet dich jetzt«. Dann ein Sprung nach Lon­don 1951, ein aus­ver­kauf­ter Saal, atem­be­rau­ben­des Tem­po, Kunst­stück auf Kunst­stück, ei­ne Re­vue von drei Stun­den. Da sind selbst die sonst so zu­rück­ge­nom­me­nen Eng­län­der be­gei­stert und fra­gen sich, wie je­mand sechs Jah­re nach dem Zu­sam­men­bruch ei­ne der­ar­ti­ge Show auf die Bei­ne stel­len kann. Und wo­her die Re­qui­si­ten stam­men. Die wei­te­re Lek­tü­re lie­fert mög­li­che Er­klä­run­gen.

Mehr als 470 Sei­ten um­fasst Her­wigs Buch (da­von 50 Sei­ten An­mer­kun­gen), auf­ge­teilt in 39 Ka­pi­teln, die nur zu Be­ginn sze­nisch ge­setzt sind, da­nach wird es als­bald chro­no­lo­gisch. Er­gänzt wird dies mit ei­nem klei­nen Bild­teil in der Mit­te.

Schrei­ber wird 1903 als Sohn ei­nes Tex­til­kauf­manns in Backnang Stutt­gart1 ge­bo­ren. Sehr früh be­ginnt er zu zau­bern, ent­wickel­te ei­ne gro­ße Ge­schick­lich­keit und vor al­lem war sei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­fä­hig­keit mit dem ima­gi­nä­ren, spä­ter rea­len Pu­bli­kum stark aus­ge­prägt. Be­harr­lich ging er sei­nen Weg, was der Va­ter, der Zau­be­rei als brot­lo­se Kunst emp­fand, nicht ger­ne sah. Der Jun­ge such­te so­gar sei­ne Ido­le auf und zau­ber­te vor ih­nen. Sie wa­ren be­gei­stert von sei­nem »sug­ge­sti­ven Charme«, er­ken­nen das Ta­lent. Mit 13 trat er das er­ste Mal vor Pu­bli­kum auf, mit 16 wur­de der »klei­ne An­ge­ber« in den Ma­gi­schen Zir­kel auf­ge­nom­men und zau­ber­te vor Kriegs­ver­sehr­ten.

Der Va­ter rang ihm ein Phi­lo­so­phie­stu­di­um in Mün­chen ab, was früh ab­ge­bro­chen wur­de. Sei­ne Lie­be, die Fa­bri­kan­ten­toch­ter Ruth Jun­kers, konn­te er nicht hei­ra­ten; er war nicht stan­des­ge­mäß für die In­du­stri­el­len­fa­mi­lie. Die un­ehe­li­che Toch­ter Bri­git­te, die 1924 ge­bo­ren wur­de, ver­lor er bald aus den Au­gen. Er schlug sich durch als Dra­ma­turg und Über­set­zer, kam zum Film, stieg auf vom Fak­to­tum zum Auf­nah­me­lei­ter. Die Zau­be­rei bleibt sei­ne Lei­den­schaft. Er lei­te­te mit 18 die Münch­ner Orts­grup­pe des Ma­gi­schen Zir­kels, or­ga­ni­siert Kon­gres­se, trat seit 1922 in Schwa­bing als »be­kann­ter Ama­teur-Zau­ber­künst­ler und Psychologe….cand. phil. Hel­mut Schrei­ber« auf, we­nig spä­ter wird dar­aus der »Dr. Schrei­ber«. Mit 19. Wo­bei er sich auch schon mal äl­ter mach­te. Im­mer mal wie­der wird er Dok­tor ge­nannt wer­den und wi­der­spricht nicht. Wenn auf ei­ner Ein­la­dung »Dr.« steht, setzt er manch­mal ein klei­nes »i« zwi­schen die Buch­sta­ben.

Her­wig ver­steht es, die bei­den Le­ben Schrei­bers le­ben­dig wer­den zu las­sen. Hier der Film­mensch, der mit Grö­ßen wie Al­fred Hitch­cock zu­sam­men­kam und spä­ter zahl­rei­che Fil­me ver­ant­wor­te­te (meist seich­te Un­ter­hal­tungs­kost), ins­be­son­de­re als er von Mün­chen nach Ber­lin zur To­bis ging und dort Pro­duk­ti­ons­lei­ter wur­de. Und dort der »Ama­teur-Zau­be­rer«, der flam­men­de Auf­sät­ze über das We­sen der Zau­ber­kunst schrieb. Schrei­ber streb­te ei­nen »sau­be­ren« Zau­be­rer-Ver­ein an, oh­ne die da­mals sehr ge­schätz­ten Ok­kul­ti­sten, frei von Hell­se­he­rei­en oder Spi­ri­tis­mus. Zau­be­rei war für ihn Hand­werk, nein: Kunst. Er ließ kei­nen Zwei­fel dar­an, dass sie mit Il­lu­si­on zu tun hat, das Ge­gen­teil des­sen, was Spi­ri­tis­mus und ih­re Ab­le­ger be­trie­ben, die für ihn Be­trü­ger wa­ren. Plä­dier­te er hier für rück­halt­lo­se Auf­klä­rung, so ver­folg­te Schrei­ber ex­zes­siv und hart die »Ver­rä­ter«, die die Tricks der Zau­be­rer sei es auf der Büh­ne oder in Schrift­form auf­deck­te. Sie wa­ren für ihn »Schäd­lin­ge der Zau­ber­kunst«.

(Üb­ri­gens ist Her­wig auch kein Ver­rä­ter – man er­tappt sich da­bei, die Schil­de­run­gen von Schrei­bers Tricks als ei­ne be­son­de­re Form von Fol­ter zu le­sen. Denn wie es geht, sagt auch er nicht. Eh­ren­sa­che. Si­cher­lich mein Pro­blem, dass mich das un­zu­frie­den zu­rück­lässt.)

In den 1920er Jah­ren wähl­te er den Künst­ler­na­men »Ka­la Nag«, nach ei­ner Fi­gur aus Ru­dy­ard Ki­plings »Dschun­gel­buch«. Schrei­ber war Funk­tio­när und Theo­rie- und Takt­ge­ber, wäh­rend er im­mer wei­ter an sei­nen Auf­trit­ten feil­te und neue Tricks ein­stu­dier­te, die er bis­wei­len scham­los von an­de­ren Kol­le­gen stahl. Der an­geb­lich vom ihm kre­ierten Zau­ber­spruch »Sim­sa­la­bim«, den er bis zu sei­nem Tod ver­wen­de­te, war wohl eben­falls nicht sein Ein­fall.

Schrei­ber ar­bei­te­te wei­ter in der Film­bran­che, mach­te Kar­rie­re, flog nach Hol­ly­wood. Von Ber­lin ging es 1938 zur Ba­va­ria nach Mün­chen, wo er es bis zum Pro­duk­ti­ons­chef brach­te. 1936 – mit 29 Jah­ren – wur­de er Prä­si­dent des »Ma­gi­schen Zir­kel«. Von nun an galt nur noch sein Wort. Ihm ge­lang es, dass die Na­zis, die zu­nächst der Ma­gie skep­tisch ge­gen­über stan­den, den »Ma­gi­schen Zir­kel« in die Reichs­kul­tur­kam­mer, »Fach­grup­pe Ar­ti­stik«, ein­glie­der­ten. Schrei­ber ver­ord­ne­te als »Prä­si­dent« sei­nen Zau­be­r­er­kol­le­gen ein­deu­ti­ge Vor­schrif­ten, wie sie ih­re Vor­füh­run­gen im Sin­ne des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus aus­zu­stat­ten hat­ten. Fremd­klin­gen­de Na­men (er leg­te sei­nen »Ka­la Nag« eben­falls ab), »Fri­vo­li­tä­ten« je­der Art und Hin­ter­grund­mu­sik von jü­di­schen Kom­po­ni­sten wur­den un­ter­sagt. Zu­wi­der­hand­lun­gen sank­tio­niert.

Sein An­trag auf Par­tei­mit­glied­schaft wur­de erst 1939 ge­neh­migt, da es ei­nen län­ge­ren Auf­nah­me­stopp gab. Schrei­ber zau­ber­te mehr­mals vor Hit­ler, un­ter an­de­rem auch auf dem Ober­salz­berg und ent­wickel­te ein freund­schaft­li­ches Ver­hält­nis zu ei­nem sei­ner Ad­ju­tan­ten. Er wur­de für die Na­tio­nal­so­zia­li­sten zum Syn­onym für das Zau­bern. Weih­nach­ten 1938 gab es ei­ne gro­ße Zau­ber­show bei Fa­mi­lie Gö­ring in Car­in­hall. Die­ses Ka­pi­tel ist glän­zend er­zählt und wahr­lich zum Fürch­ten.

Nicht al­le Na­zis wa­ren so be­gei­stert wie die Gö­rings. Go­e­b­bels, mit dem Schrei­ber al­lei­ne durch sei­ne Film­tä­tig­keit häu­fi­ger zu tun hat­te, blieb miss­trau­isch. Her­wig be­legt, dass Schrei­ber bis­wei­len mit sei­nen Ein­ga­ben und Wün­schen, die vor al­lem die Zau­be­rer in­ner­halb der Kul­tur­or­ga­ni­sa­tio­nen bes­ser stel­len soll­ten, schei­ter­te. Er über­schätz­te sei­nen Ein­fluss. Von vie­len dürf­te er als »Hof­narr im Smo­king« wahr­ge­nom­men wor­den sein.

Aus Schrei­bers Film­wir­ken sticht die Pro­duk­ti­on »Ro­bert und Bert­ram« (Re­gie: Heinz Dep­pe) aus dem Jahr 1939 be­son­ders un­an­ge­nehm her­aus, gilt der Strei­fen doch als an­ti­se­mi­ti­sches Mu­si­cal, an dem Schrei­ber gro­ßen An­teil hat­te. Aus­schnit­te aus dem Film zei­gen, mit wel­chen an­ti­se­mi­ti­schen Kli­schees der Film agiert. Da­her über­rascht die Aus­sa­ge, dass Schrei­ber trotz­dem kein An­ti­se­mit aus Über­zeu­gung ge­we­sen sein soll. Zwar be­rei­cher­te er sich, als sein Freund Max Heil­bron­ner, mit dem er ei­ne ge­mein­sa­me Fir­ma hat­te, 1933 floh. Ei­nen Kon­takt zwi­schen den bei­den gab es nie mehr. An­de­rer­seits soll Schrei­ber aber auch lan­ge noch jü­di­sche An­ge­stell­te bei der Ba­va­ria be­schäf­tigt ha­ben. Er war kein Ideo­lo­ge, son­dern han­del­te »prag­ma­tisch«, d. h. er han­del­te so, wie er da­von ei­nen Vor­teil hat­te. Schrei­bers An­ga­ben bei den Ent­na­zi­fi­zie­rungs­be­hör­den nach dem Krieg, in de­nen er sich so­gar als Mit­wis­ser und Un­ter­stüt­zer von Wi­der­stands­ak­tio­nen dar­stel­len woll­te, wer­den auf­grund aus­gie­bi­ger Nach­for­schun­gen deut­lich in das Land der Le­gen­den ver­wie­sen.

Im Mit­tel­teil ver­liert sich Her­wig lei­der bis­wei­len et­was zu sehr in die Dar­stel­lung der In­ter­na in der Zau­ber­ge­sell­schaft. Die Aus­füh­run­gen über Ha­nus­sen und des­sen my­ste­riö­sen Tod sind noch span­nend, aber die an­de­ren Klein­krie­ge er­mü­den bis­wei­len. Das gilt auch für die »Re­bel­li­on« zu Be­ginn der 1940er Jah­re als ein ge­wis­ser Fre­do Mar­vel­li ge­gen die Al­lü­ren des »Herrn Prä­si­den­ten« sti­chel­te. Mar­vel­li, der ei­gent­lich Fritz Jäckel hieß und gleich­alt­rig war, griff Schrei­ber fron­tal an, be­schimpf­te ihn un­flä­tig, hielt sich na­tür­lich für den bes­se­ren Ma­gi­er. Schließ­lich wur­de er aus dem Zir­kel ent­fernt und Schrei­ber sprach ein »Kon­takt­ver­bot« aus, was gleich­be­deu­tend war mit dem wirt­schaft­li­chem Ru­in. Nach 1945 er­neu­er­te Mar­vel­li sei­ne Feind­se­lig­kei­ten ge­gen Schrei­ber, der nun nicht mehr Prä­si­dent war, und un­be­dingt sei­nen »Per­sil­schein« von den Al­li­ier­ten woll­te. All­zu sehr konn­te der Re­bell al­ler­dings nicht die Na­zi-Kar­te bei Schrei­ber spie­len. War er doch sel­ber vor Fi­gu­ren wie Ru­dolf Heß auf­ge­tre­ten und eben­falls Par­tei­mit­glied ge­we­sen.

Fahrt be­kommt das Buch dann wie­der in der Schil­de­rung der Schreiber’schen Be­mü­hun­gen der Rein­wa­schung nach 1945. Zwar trat er schon rasch nach En­de des Krie­ges vor all­li­ier­ten Sol­da­ten auf, aber das Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ver­fah­ren stock­te. Und dies ob­wohl er sich ih­nen als Ver­mitt­ler an­dien­te und be­hilf­lich bei der Be­schaf­fung des so­ge­nann­ten »Na­zi-Gol­des« war. Er führ­te die Ame­ri­ka­ner zu di­ver­sen Stel­len, an de­nen De­vi­sen und Gold­bar­ren ver­gra­ben wa­ren. Er­staun­li­cher­wei­se wuß­te Schrei­ber im­mer ge­nau, wie­viel fehl­te; Tei­le des Schat­zes fand man schließ­lich in sei­nem Haus. Den­noch er­hielt er ein Do­ku­ment, dass er zu Dien­ste ge­we­sen war, aber nicht den er­sehn­ten »Per­sil­schein«. Die Ame­ri­ka­ner ga­ben sich mit sei­nen An­ga­ben nicht zu­frie­den. Her­wig do­ku­men­tiert Schrei­bers Lü­gen (in­klu­si­ve Leug­nung der Par­tei­mit­glied­schaft; ein Fo­to, auf dem er das Par­tei­ab­zei­chen trägt, wur­de re­tou­chiert) und Schön­re­de­rei­en.

Als ihm der Bo­den un­ter den Fü­ßen zu heiß wur­de, ver­ließ Schrei­ber kur­zer­hand Frau (er hat­te 1940 ge­hei­ra­tet) und Kind (seit 1943 ei­ne Toch­ter, die er pi­kan­ter­wei­se eben­falls Bri­git­te nann­te) und fuhr nach Ham­burg, in der Hoff­nung, die dor­ti­ge bri­ti­sche Be­sat­zungs­macht sei nicht so streng. Zu den High­light des Bu­ches zählt die Wie­der­ga­be des Ge­dächt­nis­pro­to­kolls ei­nes ame­ri­ka­ni­schen Of­fi­ziers, der Schrei­bers Frau An­ne­lie­se 1946 (sie war da­mals 26) ver­hör­te, um den Auf­ent­halts­ort ih­res Man­nes her­aus­zu­fin­den. Am En­de war nicht mehr klar, wer wen ver­hört.

Schließ­lich ge­lang es Schrei­ber, in Ham­burg auf­tre­ten zu dür­fen. Er nann­te sich nun »Kalanag«, zim­mer­te wie­der ein Pro­gramm von zwei, drei Stun­den zu­sam­men, in de­nen er 60 Num­mern prä­sen­tier­te. Sie wur­de im­mer wei­ter aus­ge­baut, mit Live­mu­sik und Tän­ze­rin­nen. Ne­ben ihm wur­de »Glo­ria de Vos« der Star – Schrei­bers Frau An­ne­lie­se.

Der Auf­stieg ist atem­be­rau­bend; die Leu­te lechz­ten nach »Ver­ges­sen und Ver­gnü­gen« und lie­ßen sich be­reit­wil­lig »ver­zau­bern«. Wen in­ter­es­sier­te da noch die Ver­gan­gen­heit die­ses Man­nes? Der Tross wur­de im­mer grö­ßer; En­de der 1950er Jah­re ging Kalanag mit 22 to Ge­päck und 75 Mit­ar­bei­tern auf Welt­tour­nee und fei­er­te fast über­all rausch­haf­te Er­fol­ge. 17 Mal zog er sich wäh­rend ei­ner Vor­stel­lung um. Er ließ Au­tos auf der Büh­ne ver­schwin­den, zau­ber­te Ge­trän­ke auf Wunsch je­sus­gleich aus Was­ser und zer­säg­te (s)eine Frau. Was kaum auf­fiel: Sei­ne Show war ge­spickt mit be­zahl­ter Schleich­wer­bung – er nahm al­les.

Als »Glo­ria« sich von dem un­treu­en Ehe­mann schei­den ließ und nicht mehr mit ihm auf­trat, über­nahm Ani­ta, ei­ne der Tän­ze­rin­nen, die Rol­le. Sie konn­te nicht mit­hal­ten, die Show wur­de we­ni­ger gla­mou­rös, sank zu ei­ner »tem­po­rei­chen Ver­blüf­fungs­ope­ret­te«. Hin­zu kam, dass in den 1960er Jah­ren die Zeit der gro­ßen Shows lang­sam zu En­de ging. Es be­gann, wie Her­wig ein biss­chen süf­fi­sant an­merkt, die Epo­che der Stadt­hal­len. Und auch das Fern­se­hen be­stimm­te mehr und mehr das Frei­zeit­ver­hal­ten. Als das so­ge­nann­te Ade­nau­er-Fern­se­hen auf den Plan kam und ei­nen Un­ter­hal­tungs­chef such­te, stieß man auf Schrei­ber, der auch ent­spre­chen­de Pi­lot­sen­dun­gen pro­du­zier­te. Das Ver­fas­sungs­ge­richt un­ter­sag­te je­doch das ge­plan­te Staats­fern­se­hen; nichts da­von ging je auf Sen­dung. Er setz­te sich zur Ru­he, zau­ber­te in klei­nem Rah­men. »Sa­lon­ma­gie«. Er ist En­de 50. Wie schreibt sein Bio­graph: »Er war früh­reif und al­ter­te spä­ter um­so schneller.»1963 schmie­de­te er neue Plä­ne, ei­ner da­von: ei­ne gi­gan­ti­schen Tour­nee durch die DDR. Aber der Tod kam ihm zu­vor; Weih­nach­ten ver­starb Schrei­ber an ei­nem Herz­in­farkt. Mit 60.

Wie nicht an­ders zu er­war­ten, be­schäf­tig­te Schrei­ber noch Jah­re nach sei­nem Tod die Er­ben. Was hat­te es mit den ge­heim­nis­vol­len sie­ben Schlüs­seln auf sich? Gab es ir­gend­wo Schatz­tru­hen? Bank­schließ­fä­cher in der Schweiz? Re­ste vom Na­zi-Schatz? Nie­mand fand es her­aus.

Kalanag zau­ber­te sei­ne Ver­gan­gen­heit ein­fach weg. Sie­ben Jah­re hat Her­wig für die Re­kon­struk­ti­on be­nö­tigt, mehr als 50 Jah­re nach des­sen Tod. Er las Schrei­bers Me­moi­ren (nicht im­mer ei­ne zu­ver­läs­si­ge Quel­le), forsch­te in al­ten Zeit­schrif­ten des Ma­gi­schen Zir­kels nach, las sei­ne Auf­sät­ze, be­frag­te Zau­be­rer, die ihn zum Vor­bild hat­ten, wie den im letz­ten Jahr ver­stor­be­nen Sieg­fried Fisch­ba­cher. Er be­frag­te Schrei­bers Toch­ter und sprach mit ehe­ma­li­gen Tän­ze­rin­nen, die ih­ren ein­sti­gen Chef durch­aus po­si­tiv dar­stel­len. Lang­sam hebt sich so der Vor­hang.

Schrei­ber tat das, was so vie­le Deut­sche nach 1945 mach­ten. Si­cher: Nur die we­nig­sten wa­ren der­art in das Na­zi-Sy­stem ein­ge­bun­den, bie­der­ten sich ge­ra­de­zu den Macht­ha­bern an. Schrei­ber steht für Her­wig ex­em­pla­risch für die Fa­ma der »Stun­de Null«. Aber, und das bringt die­ses Buch mit gro­ßer Deut­lich­keit her­vor, zeigt das nicht, dass nicht nur Hel­mut Schrei­ber, son­dern auch gro­ße Tei­le Deutsch­lands 1945 Mei­ster der Il­lu­si­on wa­ren, al­so das es ei­ne be­trächt­li­che Zahl »klei­ner Kalanags« gab? Ist nicht – um beim Flak­hel­fer-Buch an­zu­knüp­fen – auch im­mer ein biss­chen ent­schei­dend, wie man sich da­nach ver­hal­ten hat? Schrei­ber war 42 als das Drit­te Reich zu­sam­men­brach. Zeig­te er auch nur ein­mal für ei­ne Mi­nu­te so et­was wie Reue? Hier­über fin­det sich nichts. Da­mals auf sei­ne Ver­gan­gen­heit an­ge­spro­chen, ver­harm­lo­ste er, mach­te sich klei­ner (was er sonst stets ver­mied).

Ge­glaubt ha­be er nur »was auch an an­de­rer Stel­le be­legt wird«, so Mal­te Her­wig in sei­nem Nach­wort. Kein Zwei­fel dar­an. Und doch in­ter­pre­tiert der Bio­graph das rast­lo­se Le­ben des Star­zau­be­rers bi­lan­zie­rend als ein­sa­mes Da­sein: »Der gro­ße Kalanag blick­te hin­ter die Ku­lis­sen sei­nes ei­ge­nen Le­bens und ent­deck­te dort ei­ne gro­ße Lee­re«. Ein Ge­trie­be­ner sei­nes Ehr­gei­zes. All die­se In­tri­gen, die­ses Fremd­ge­hen, die Ju­gend­lie­be, »Glo­ria«, zwei Kin­der, mit de­nen ihm nichts ver­band, der Ruhm, das Geld – nichts da­von zähl­te. Und so wird aus der Ge­schich­te des gro­ßen Kalanag ei­ne Mo­ri­tat über ei­nen aus der »ver­lo­re­ne Ge­nera­ti­on«. Die Kunst ist es, sie we­der als An­kla­ge noch als Recht­fer­ti­gung zu for­mu­lie­ren. Das ist Mal­te Her­wig mit die­sem le­sens­wer­ten und span­nend er­zähl­ten Buch weit­ge­hend ge­lun­gen.


  1. wieder einmal ein Fehler in der Wikipedia, nachdem ich die Stelle im Buch nicht mehr wiedergefunden hatte 

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