An­na Baar: Nil

Anna Baar: Nil

An­na Baar: Nil

Ein Mensch sitzt in ei­nem Raum, ver­däch­tig ei­nes nicht nä­her de­fi­nier­ten De­likts. Ei­ne Ver­hör­si­tua­ti­on; ein Wär­ter, ei­ne Ka­me­ra­frau. Ein Fet­zen Pa­pier als In­diz (für was?), ein Über­bleib­sel ei­nes Au­to­da­fés? Die Uhr tickt zwar, aber im Leer­lauf; die Zeit ist nicht ab­les­bar. Was ist ge­sche­hen?

Nicht ein­mal das Ge­schlecht des Ich-Er­zäh­lers ist klar. Als Be­ruf wird »Er­fin­der« an­ge­ge­ben, ein Er­fin­der von Fort­set­zungs­ge­schich­ten, die in Frau­en­ma­ga­zi­nen er­schei­nen. Der Chef­re­dak­teur be­steht nun auf ein En­de. Egal, wel­ches. Die Frist läuft (im Ge­gen­satz zur Uhr). Die Auf­ga­be stürzt die Er­zäh­le­rin (ich neh­me die weib­li­che Form) in ei­ne exi­sten­ti­el­le Schaf­fens­kri­se. Da­bei ver­selb­stän­di­gen sich die Fi­gu­ren und be­gin­nen ein na­he­zu phy­sisch emp­fun­de­nes Ei­gen­le­ben zu füh­ren. Die ei­ge­ne Exi­stenz ver­schwimmt, die Ge­gen­wart ver­schwin­det in der Kind­heit. Der Va­ter ein Tier­pfle­ger (oder gar Zoo­be­sit­zer?), die Mut­ter streng und do­mi­nant; die Rol­len sind klar ver­teilt. Ein ver­lo­re­ner, ums Le­ben ge­kom­me­ner Bru­der? Gar ein Mord? Wer weiß. Es gibt Su­per-8-Fil­me von der Fa­mi­lie, ton­los, aber trotz­dem im Nach­hin­ein er­schreckend. Ein Rück­blen­de auf ein Weih­nach­ten, ein Ge­schenk, der Wunsch, es mö­ge kein Buch sein und es war doch ei­nes und die Re­ak­ti­on des »ver­schro­be­nen« Kin­des. Da­bei ist es ein Buch mit lee­ren Blät­tern, aber selbst hier be­stimmt die Mut­ter, was von wem hin­ein­ge­schrie­ben wird.

Den gan­zen Bei­trag »Er­zäh­len ist ein ge­fähr­li­ches Spiel« hier bei Glanz und Elend wei­ter­le­sen.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hab’ da mal rein­ge­le­sen, weil die Re­zen­si­on neu­gie­rig macht.
    Fol­gen­des Zi­tat aus dem An­fangs­ka­pi­tel; es geht um den Be­such des Zoos, Ar­beits­stel­le des Va­ters. Der Ab­satz be­ginnt mit ei­ner ima­gi­nä­ren Fra­ge:
    »Wo­vor fürch­test du dich? – Mei­ne Be­klem­mung aber rühr­te nicht von der Furcht vor den ar­men Ge­schöp­fen jen­seits der rie­si­gen Git­ter, son­dern von mei­nem Ekel vor sei­nem dum­men Wahn, die In­sas­sen zu be­herr­schen. Recht mä­ßig herrscht doch nur, wer das Wil­de nicht ein­sperrt und schwächt, son­dern in Frei­heit be­zähmt.«
    Das ist ein wel­li­ges mund­mal­mi­ges Deutsch, nicht be­son­ders ein­gän­gig. In­halt­lich streift die Au­torin hef­tig die Leit­plan­ke zum Ab­sur­den. Ich le­se die Ge­gen­über­stel­lung von zwei Ge­füh­len, wel­che das Er­leb­nis­sub­jekt zu­gleich hat. Oder die Ge­füh­le kom­men hin­ter­ein­an­der in der Er­in­ne­rung... Ver­bun­den sind die­se Kom­ple­xe mit der Zu­schrei­bung von Kau­sa­li­tät, ge­nau­er ei­ner rich­ti­gen und ei­ner hy­po­the­tisch zwei­ten Kau­sa­li­tät. Dass ei­ne Be­klem­mung von ei­ner Furcht »kommt«, ist we­nig­stens un­plau­si­bel.
    Der nach­fol­gen­de Satz ist bei­na­he ge­schei­tert, oder aber ich ha­be die In­spi­ra­ti­on ein­fach nicht ver­stan­den. Hier wur­de ver­sucht, ei­ne Dia­lek­tik aus­zu­for­mu­lie­ren. Kommt mir vor wie Fried­rich Schil­ler auf LSD. Es wird viel ge­herrscht, und frei ge­las­sen, und dann doch schluss­end­lich ge­bän­digt. Ein ein­zi­ger Sa­lat! Es geht noch so apo­dik­tisch wei­ter nach die­sem Zi­tat...
    Ver­ehr­ter Lo­thar Struck, wa­ren Sie mal wie­der zu nett?!

  2. Ich weiß lei­der nicht, was »mund­mal­mig« be­deu­ten soll. Tat­säch­lich ist das Ab­sur­de, oder bes­ser, das Sur­rea­le, ein Stil­mit­tel des Ro­mans. Da­für wä­re es viel­leicht nö­tig, ihn in Gän­ze zu le­sen. »Fried­rich Schil­ler auf LSD« klingt hin­ge­gen fürs Er­ste nicht schlecht. Ich wei­ge­re mich aber, Fi­gu­ren ei­nen Rausch zu at­te­stie­ren, nur weil ich ih­re Wahr­neh­mun­gen nicht nach­voll­zie­hen kann.

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