Kom­po­nie­ren­de Com­pu­ter

Kön­nen wir in Zu­kunft auf künst­le­ri­sche Krea­ti­vi­tät ver­zich­ten?

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Der 1979 in Pa­ris ge­bo­re­ne Brat­schist An­toi­ne Ta­me­stit, der ein wei­tes Re­per­toire von Bach und Mo­zart bis Schnitt­ke und Neu­wirth be­herrscht, hat­te sei­ne er­sten grö­ße­ren Auf­trit­te im Al­ter von zwan­zig Jah­ren. Seit­dem hat sich vie­les ver­än­dert, der Stel­len­wert von Vi­de­os und so­zia­len Netz­wer­ken prä­ge längst auch die Klas­si­sche Mu­sik. »Je­der möch­te be­rühmt sein, schnell be­rühmt vor al­lem. Ich den­ke, es ist wich­tig, zu der klas­si­schen Mu­sik an sich zu­rück­zu­kom­men«, sag­te er un­längst im In­ter­view mit der Pots­da­mer Zei­tung. Da­für müs­se man sich ih­re Ge­schich­te an­schau­en, als es kei­ne Vi­de­os und kei­ne Elek­tri­zi­tät gab. Wich­tig sei, sich Zeit zu neh­men. »Ich ver­su­che das, in­dem ich Bü­cher le­se oder manch­mal ei­nen ge­sam­ten Tag da­mit ver­brin­ge, ei­ne ein­zi­ge Par­ti­tur zu stu­die­ren. Ich ge­he in dem Punkt ei­nen ent­ge­gen­ge­setz­ten Weg, was nicht be­deu­tet, dass ich nicht auch Teil mei­ner Zeit sein muss. Aber um Kunst zu pro­du­zie­ren, mußt du ir­gend­wie ein biß­chen lang­sa­mer sein und ein Ge­hirn ha­ben, das nicht über­schwemmt von ir­rele­van­ten In­for­ma­tio­nen ist.«

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Hier ei­ne ganz an­de­re Stim­me, sie ge­hört dem 1976 in Is­ra­el ge­bo­re­nen Hi­sto­ri­ker und Best­sel­ler­au­tor Yu­val No­ah Ha­ra­ri. In sei­nem Buch Ho­mo De­us stellt er dem Le­ser Da­vid Co­pe vor, ei­nen – in­zwi­schen eme­ri­tier­ten – Mu­si­ko­lo­gie­pro­fes­sor von der Uni­ver­si­ty of Ca­li­for­nia. Co­pe hat Com­pu­ter­pro­gram­me zur Er­stel­lung von Kla­vier­kon­zer­ten und Cho­rä­len, Sym­pho­nien und Opern ge­schrie­ben. Sein er­stes Werk zur Er­zeu­gung sol­cher Wer­ke war der EMI (Ex­pe­ri­ments in Mu­si­cal In­tel­li­gence), der auf Mu­sik in der Ma­nier von Jo­hann Se­ba­sti­an Bach spe­zia­li­siert war. »Es dau­er­te sie­ben Jah­re«, schreibt der en­thu­si­as­mier­te Ha­ra­ri, »doch als Co­pe da­mit fer­tig war, kom­po­nier­te EMI 5.000 Cho­rä­le à la Bach in ei­nem ein­zi­gen Tag. En­thu­sia­sti­sche Zu­hö­rer prie­sen die mit­rei­ßen­de Vor­füh­rung und er­klär­ten er­regt, wie sehr die Mu­sik ihr in­ner­stes We­sen be­rührt hät­te. Sie wuß­ten nicht, daß sie mehr von EMI als von Bach ge­schaf­fen wor­den war, und als man ih­nen die Wahr­heit ent­hüll­te, re­agier­ten die ei­nen mit ver­drieß­li­chem Schwei­gen, wäh­rend die an­de­ren sich laut­stark er­ei­fer­ten.«

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Com­pu­ter kön­nen nur ei­nes, aber das sehr gut, und vor al­lem schnell: Rech­nen. Wenn so ei­ne Ma­schi­ne im­stan­de ist, ein Le­bens­werk wie das von Bach in we­ni­gen Ta­gen zu pro­du­zie­ren, wird man zu­erst ein­mal sa­gen: Wow! Im zwei­ten oder drit­ten Mo­ment wird aber man sich fra­gen, wer das al­les wann hö­ren soll? Wird mit der­ar­ti­gen Mas­sen von »krea­ti­ven« Pro­duk­ten nicht Krea­ti­vi­tät rest­los ent­wer­tet? Und der näch­ste Zwei­fel: Sind die Er­geb­nis­se wirk­lich so gut? Wer ent­schei­det, was gut ist? Ha­ra­ris Vor­zei­ge­fi­gur, der Mu­sik­pro­fes­sor, meint oh­ne­hin, daß die Be­deu­tung ei­nes Mu­sik­stücks im Ohr des Hö­rers lie­ge. Wo­mit wir frei­lich zu dem Schluß kä­men, Kunst sei aus­schließ­lich sub­jek­tiv, in­ter­sub­jek­ti­ve Wer­tun­gen und Dis­kus­sio­nen sinn­los. Über Ge­schmäcker läßt sich nicht strei­ten. Und in der Tat sind die kunst­kri­ti­schen Dis­zi­pli­nen mitt­ler­wei­le weg­ge­bro­chen, re­du­zie­ren sich Stel­lung­nah­men im Kul­tur­be­reich auf per­sön­li­che Ge­schmacks­ur­tei­le (die streng­ge­nom­men kei­ne »Ur­tei­le« sind), ent­schei­det im­mer mehr der sta­ti­stisch eru­ier­te, in Ran­kings dar­ge­stell­te Mas­sen­ge­schmack des Main­streams.

Ha­ra­ri un­ter­schlägt die ge­sam­te Vor­ge­schich­te von EMI, die da­mit be­ginnt, daß der In­for­ma­ti­ker als jun­ger Mann ziem­lich er­folg­los elek­tro­ni­sche Mu­sik elek­tro­ni­sche Mu­sik kom­po­nier­te, bis er 1981 ei­ne schöp­fe­ri­sche Blocka­de durch­leb­te. In der Fol­ge ent­wickel­te er sein Le­bens­pro­jekt, klas­si­sche Mu­sik durch Com­pu­ter­pro­gram­me au­to­ma­tisch ge­ne­rie­ren zu las­sen. Hört man Co­pe zu, wie es schon 1997 ein Jour­na­list der New York Times tat, so klingt sein An­spruch be­schei­den. Er be­zwei­felt, daß EMI je­mals ei­ne ech­te Her­aus­for­de­rung für le­ben­de Kom­po­ni­sten dar­stel­len könn­te. Er ver­steht sein Pro­gramm als Werk­zeug, als Tool, mit dem auch kom­po­si­to­risch un­be­gab­te Mu­sik­lieb­ha­ber re­spek­ta­ble Stücke her­vor­brin­gen kön­nen. Das gan­ze Phä­no­men paßt al­so eher in den Kon­text des Ver­falls der Re­zep­ti­ons­fä­hig­keit bei gleich­zei­ti­gem Auf­stieg des di­let­tie­ren­den Pro­du­zen­ten­tums von Aber­mil­lio­nen Usern. Al­le kön­nen kom­po­nie­ren, nie­mand Mu­sik hö­ren. Al­le kön­nen Ge­dich­te schrei­ben, nie­mand liest wel­che. Al­le stel­len mit­hil­fe von Zei­chen- und Mal-Tools Ge­mäl­de her, die kein Mensch au­ßer ih­nen se­hen will.

Ei­ni­ge von Co­pes Com­pu­ter­kom­po­si­tio­nen fin­det man auf ver­schie­de­nen Ton­trä­gern bei Ama­zon. Sie schei­nen nicht son­der­lich be­liebt zu sein. Der Hype der neun­zi­ger Jah­re ist längst ab­ge­klun­gen. »Pret­ty cool and good mu­sic«, schreibt ein Ama­zon-Re­zen­sent über die CD Vir­tu­al Bach. Und fügt hin­zu: »It’s ni­ce, but it’s hard to find on­line.« Thanks, Mr. Cu­sto­mer, da­mit ist das We­sent­li­che ge­sagt!

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An­toi­ne Ta­me­stit legt bei der Be­schrei­bung sei­nes künst­le­ri­schen Selbst­ver­ständ­nis­ses und sei­ner Pra­xis Wert auf Lang­sam­keit, Kon­zen­tra­ti­on, Ver­sen­kung. Die Art, wie er sich auf ein Kon­zert vor­be­rei­tet, be­zeich­net das Ge­gen­teil von Mul­ti­tas­king und Auf­merk­sam­keits­zer­streu­ung. Er ist ein in­ter­pre­tie­ren­der Künst­ler, doch ähn­li­ches wird auch für Kom­po­ni­sten, Ma­ler und Dich­ter gel­ten. De­ren Wer­ke ent­ste­hen im Wi­der­stand ge­gen die täg­li­che Ei­le (die die mei­sten von ih­nen ge­wiß auch er­fah­ren), ge­gen die quan­ti­fi­zie­ren­de Le­bens­ein­stel­lung, ge­gen das Schie­len auf kurz­fri­sti­ge Er­geb­nis­se, die sich »rech­nen«. Hier liegt ei­ner der Grün­de, wes­halb künst­le­ri­sches Schöp­fer­tum nicht an Al­go­rith­men de­le­giert wer­den kann. Es ist viel­leicht nicht ein­mal so sehr die In­di­vi­dua­li­tät, die ir­re­du­zi­ble Dif­fe­renz, der so­ge­nann­te »un­ver­wech­sel­ba­re Stil«, der die­se spe­zi­fisch mensch­li­che Tä­tig­keit aus­macht. Ver­ständ­lich, daß sich Künst­ler auf den Schlips ge­tre­ten füh­len, wenn be­haup­tet wird, ih­re Ar­beit kön­ne von Al­go­rith­men über­nom­men wer­den. »Ich fürch­te je­doch, Ly­dia Misch­kul­nig ist Ly­dia Misch­kul­nig ist Ly­dia Misch­kul­nig und bleibt auf mich an­ge­wie­sen«, schloß sie ei­nen Es­say zu die­sem The­ma. Aber wa­ren Künst­ler nicht im­mer über­flüs­sig? Sind sie nicht die be­sten Bei­spie­le da­für, daß wir als mensch­li­che Ge­mein­schaft auf das Über­flüs­si­ge nicht ver­zich­ten kön­nen?

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Bei ei­ner der Auf­füh­run­gen von Co­pes EMI-Mu­sik war auch der In­for­ma­ti­ker Dou­glas R. Hof­stadter zu­ge­gen. Die­ser hat­te 1979 in sei­nem Best­sel­ler Gö­del, Escher, Bach de­fi­ni­to­risch ge­äu­ßert: »Mu­sik ist ei­ne Spra­che von Ge­füh­len, und so­lan­ge Com­pu­ter­pro­gram­me kei­ne Ge­füh­le be­sit­zen, die so kom­plex sind wie die mensch­li­chen, wer­den sie nie­mals ein schö­nes Kunst­werk pro­du­zie­ren.« Kom­ple­xe Ge­füh­le aber kön­nen Al­go­rith­men und Ro­bo­ter bis­her nur in Wer­ken der Sci­ence-Fic­tion vor­wei­sen, und selbst da fragt sich, ob es sich nicht um Si­mu­la­tio­nen han­delt. Hof­stadter, der 1997 den Vor­sitz bei ei­ner Ver­an­stal­tung an der Uni­ver­si­ty of Ore­gon in­ne­hat­te, wo EMI ge­gen »rich­ti­ge«, von Men­schen ge­mach­te Mu­sik an­trat, zeig­te sich bei die­ser Ge­le­gen­heit zu­tiefst ver­un­si­chert. Im sel­ben Jahr trat der Schach­com­pu­ter Deep Blue ge­gen Gar­ri Kas­parow an; das Schach­spiel läßt sich auf Re­chen­ope­ra­tio­nen und Vor­her­sa­gen re­du­zie­ren, und je grö­ßer die Da­ten­men­gen sind, die ein Spie­ler, ob mensch­lich oder künst­lich, ge­spei­chert hat und ein­set­zen kann, de­sto er­folg­rei­cher wird er sein. Aber bei Mu­sik geht es um Ge­füh­le, nicht aus­schließ­lich um Kom­po­si­ti­ons­tech­ni­ken (Har­mo­nie­leh­re, Rhyth­mik, Ge­samt­ar­chi­tek­tur ei­nes Werks), die Men­schen durch eif­ri­ges Stu­di­um er­ler­nen kön­nen. Letz­ten En­des blieb Hof­stadter bei sei­ner An­sicht: «Wenn ich zu­fäl­lig im Ra­dio drei Se­kun­den EMI hö­re und mich fra­ge, was das ist, wür­de ich ant­wor­ten: Bach. Aber wenn ich das Stück 20 oder 30 Se­kun­den lau­fen las­se, macht es kei­nen Sinn mehr. Es ist, als wür­de ich zu­fäl­lig zu­sam­men­ge­wür­fel­te Ver­se ei­nes So­netts von John Keats hö­ren. Du fragst dich, was mit Keats an je­nem Tag los war. Hat­te er zu­viel ge­trun­ken?” Ein Ori­gi­nal­kunst­werk als Gan­zes kön­ne durch den Ein­satz von Com­pu­ter­pro­gram­men al­lein nicht ent­ste­hen. Be­sten­falls et­was wie Kühl­schrank­poe­sie. Dar­in hat sich der Avant­gar­de­dich­ter Franz Jo­sef Czer­nin einst ver­sucht.

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Selbst dann, wenn man EMI-Kom­po­si­tio­nen auf­grund sei­nes per­sön­li­chen Ge­schmacks wun­der­bar fin­det, es kann im­mer nur um Imi­ta­tio­nen ge­hen. Ei­nen ei­ge­nen Stil ha­ben Co­pes Al­go­rith­men nicht ent­wickeln kön­nen. Die fu­tu­ri­sti­sche Kunst­tech­no­lo­gie bleibt auf die Ver­gan­gen­heit fi­xiert, nicht an­ders als kri­mi­nel­le Fäl­scher, die al­te Kunst­wer­ke »täu­schend echt« nach­ma­chen, um da­mit Käu­fer kö­dern, die na­tür­lich im­mer wie­der auf sie her­ein­ge­fal­len sind. Oder, mit den Wor­ten ei­ner EMI zwei­fel­los ge­wo­ge­nen Mu­si­ke­rin, der Pia­ni­stin Lin­da Bur­man-Hall, die in ei­nem Kla­vier­kon­zert à la Mo­zart auf­ge­tre­ten war: «Es fühl­te sich ein biß­chen an­ders an, als wie wenn man ein nor­ma­les Mo­zart-Stück spielt. Aber es war doch so ähn­lich wie ein Werk aus der­sel­ben Pe­ri­ode. Al­so, es kam un­ge­fähr hin.« Bur­man-Hall hebt her­vor, daß EMI dann am be­sten sei, wenn die Ma­schi­ne »apol­li­ni­sche«, al­so mit ra­tio­nal nach­voll­zieh­ba­ren Tech­ni­ken ar­bei­ten­de Kom­po­ni­sten wie Bach oder Mo­zart nach­ah­me; bei Beet­ho­ven oder auch bei Carl Phil­ipp Ema­nu­el Bach, dem Sohn Jo­hann Se­ba­sti­ans, sei­en die Er­geb­nis­se viel be­schei­de­ner.

Kürz­lich hat sich auch ein chi­ne­si­scher Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­kon­zern in der Nach­ah­mung ei­nes Klas­si­kers ver­sucht, und zwar ei­nes eher dio­ny­si­schen, vul­go ro­man­ti­schen: Tech­ni­ker von Hua­wei voll­ende­ten Schu­berts Un­voll­ende­te. Wo­zu ei­gent­lich, wird man sich fra­gen. Hat so ein gro­ßes Frag­ment nicht sei­nen ei­ge­nen Reiz? Füh­len sich un­se­re per­fek­tio­ni­sti­schen In­for­ma­ti­ker wirk­lich durch der­lei Un­voll­kom­men­hei­ten ge­stört? Oder ging es oh­ne­hin nur um ei­ne Wer­be- oder Pro­pa­gan­da­ak­ti­on? Der Mu­sik­kri­ti­ker der Neu­en Zür­cher Zei­tung at­te­stier­te den chi­ne­si­schen Com­pu­ter­künst­lern, noch nicht sehr weit ge­kom­men zu sein bei der »Er­grün­dung der Schöp­fungs­ge­heim­nis­se des Abend­lan­des«. Das Re­sul­tat sei »fast zu schlecht, um sich dar­über Ge­dan­ken zu ma­chen, et­was in der Art von »Fahr­stuhl­mu­sik des mitt­le­ren 20. Jahr­hun­derts«.

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Mu­si­ka­li­sche Kom­po­si­tio­nen schaf­fen For­men, er­rich­ten Ver­hält­nis­se zwi­schen ein­zel­nen Form­ele­men­ten, bil­den Struk­tu­ren – ih­nen eig­net für sich ge­nom­men aber kein In­halt. Die­se Ei­gen­schaft tei­len sie mit der Ma­the­ma­tik (und In­for­ma­tik). Es ist nicht über­ra­schend, daß Ma­the­ma­ti­ker häu­fig mu­si­ka­lisch be­gabt sind, wäh­rend sie zu an­de­ren Kunst­for­men kei­nen pri­vi­le­gier­ten Zu­gang ha­ben. In der Li­te­ra­tur und in der bil­den­den Kunst, aus­ge­nom­men die ab­strak­te, ist das an­ders, Form­be­wußt­sein ver­bin­det sich hier mit In­hal­ten, Aus­sa­ge­in­ten­tio­nen, Aus­drucks­be­dürf­nis­sen. Al­lein schon aus die­sem Grund dürf­te es pro­ble­ma­ti­scher sein, Com­pu­ter­pro­gram­me Li­te­ra­tur pro­du­zie­ren zu las­sen. Man kann es na­tür­lich tun, und es wird auch ge­tan, doch In­ten­tio­nen, Ge­fühls­aus­druck, Ent­schei­dun­gen über In­hal­te, Be­zug­nah­me zu Wel­ten wird man ih­nen nicht ein­hau­chen kön­nen. Sol­che Pro­gram­me ge­hen mit Kor­po­ra um, die ih­nen ein­ge­speist wur­den und die sie ana­ly­sie­ren, sie füh­ren Be­feh­le aus und ge­hor­chen Re­geln. In die­sem Sinn sind sie grund­sätz­lich kon­for­mi­stisch, wäh­rend künst­le­ri­scher Aus­druck als mensch­li­che Tä­tig­keit oft ge­nug von Re­geln und Re­gel­mä­ßig­kei­ten ab­weicht. Kunst ist in po­ten­zier­tem Maß Ge­brauch mensch­li­cher Frei­heit. Wie Da­vid Co­pes EMI – und im Un­ter­schied zu mensch­li­chen Künst­lern – kön­nen Al­go­rith­men in kur­zer Zeit aber­tau­sen­de »Wer­ke« aus­spucken. Bei der Aus­stel­lung »Künst­li­che In­tel­li­genz?« im Wie­ner Tech­ni­schen Mu­se­um kön­nen sich die Be­su­cher der­zeit (2021) von ei­nem »Ge­dich­te-Bot« – war­um nicht Poe­bot, das wä­re ein hüb­scher Mar­ken­na­me! – ein »per­sön­li­ches« Ge­dicht aus­stel­len las­sen. Auf Wunsch be­kommt man es im Hand­um­dre­hen in die Hand.

Die­se und an­de­re in­ter­es­san­te In­for­ma­tio­nen fin­de ich in ei­nem Auf­satz des öster­rei­chi­schen Au­tors Gün­ter Val­la­ster. Er gibt ei­nen Über­blick über die Ge­schich­te tech­nisch ori­en­tier­ter Dich­tung, mit den Vor­läu­fern im Ba­rock, den mo­der­ni­sti­schen Strö­mun­gen zu Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts und der Kon­kre­ten Poe­sie nach dem zwei­ten Welt­krieg. Vom er­sten com­pu­ter­ge­ne­rier­ten Ge­dicht, das Nan­ni Ba­le­stri­ni – der spä­te­re Stadt­guer­ril­le­ro – 1961 ver­faß­te, ist es noch ein ziem­lich wei­ter Weg bis zu den in­tel­li­gen­ten, d. h. »lern­fä­hi­gen« und da­her ver­gleichs­wei­se selb­stän­di­ge­ren Poe­sie­al­go­rith­men des 21. Jahr­hun­derts, die mit­un­ter als Au­toren oder Dich­ter be­zeich­net wer­den (die Ver­fas­ser des Pro­gramms selbst sind ih­re »El­tern«). Bei al­ler fort­ge­schrit­te­nen Di­gi­tal­tech­nik se­he ich in der zeit­ge­nös­si­schen Tech­no­poe­sie al­ler­dings nichts, was nicht Kon­kre­te Poe­sie und Pop­art schon vor sech­zig, sieb­zig Jah­ren hin­ter sich ge­bracht hät­ten. Es läuft je­weils dar­auf hin­aus, an­ge­stamm­ten Be­reich der Li­te­ra­tur, in wel­chem Bild­lich­keit, Mu­si­ka­li­tät und in­ten­tio­na­les (oder re­fe­ren­ti­el­les) Spre­chen im­mer aufs neue in­te­griert wer­den, zu ver­las­sen und die Pro­duk­ti­on zu ra­di­ka­li­sie­ren, in­dem man ei­ne die­ser Sei­ten ab­so­lut setzt: Laut­ge­dich­te, vi­su­el­le Ge­dich­te, Kon­zept­kunst. Zu­fall und Se­ria­li­tät in die krea­ti­ven Pro­zes­se ein­ge­führt…

War al­les schon da. Muß man es wie­der­ho­len? Val­la­ster bricht ei­ne Lan­ze für die Pa­ti­na der Re­tro-Avant­gar­de. Das ist na­tür­lich Ge­schmacks­sa­che. Ich für mei­nen Teil ha­be die ju­gend­li­che Be­gei­ste­rung für Kon­kre­te Poe­sie, Da­da­is­mus, Fu­tu­ris­mus über­wun­den – und schät­ze Jandl, Gom­rin­ger und Kon­sor­ten im­mer noch. No­ra, die Toch­ter Eu­gen Gom­rin­gers, führt die vä­ter­li­che Tra­di­ti­on wei­ter, kehrt das Spie­le­ri­sche am Sprach­spiel her­vor, rückt ab von avant­gar­di­sti­scher Ra­di­ka­li­tät, sucht die »avan­cier­ten« Tech­ni­ken mit Aus­sa­ge­in­ten­tio­nen zu ver­bin­den und schafft das locker. Das ist ihr Weg, ei­ner von vie­len, im wei­ten Feld der Li­te­ra­tur.

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Aber Re­tro-Avant­gar­de? Das all­ge­mei­ne Pu­bli­kum ist auf die­se Wei­se si­cher nicht zu er­rei­chen, auch nicht die Min­der­heit, die sich über­haupt für – fast hät­te ich ge­sagt: ech­te – Li­te­ra­tur in­ter­es­siert. Tech­no­poe­sie spielt sich heu­te in Zir­keln von Spe­zia­li­sten ab, sie wird eher aus­ge­stellt und an­ge­schaut als ge­le­sen, mehr ge­macht als re­zi­piert. Fort­schrei­ten­de Aus­dif­fe­ren­zie­rung: IT-Poe­sie als Sub­gen­re ex­pe­ri­men­tel­ler Li­te­ra­tur. »Auch hin­ter der IT-Poe­sie ste­hen Men­schen, die poe­ti­sche Ideen, Kon­zep­te und for­sche­ri­sche Fra­ge­stel­lun­gen er­sin­nen, die Pro­gram­me da­zu schrei­ben, das Da­ten­ma­te­ri­al oder ein Text­kor­pus zu­sam­men­stel­len und aus den in den Pro­gramm­läu­fen er­mit­tel­ten Er­geb­nis­sen aus­wäh­len. Von sich aus macht ein Rech­ner (noch) nichts Li­te­ra­ri­sches«, schreibt Val­la­ster, und da­mit hat er recht. Je­mand wie ich, der sich seit Jahr und Tag in den Ge­fil­den des­sen her­um­treibt, was die Avan­cier­ten als »Low-Tech-Li­te­ra­tur« be­zeich­nen, stel­le ich ganz schlicht die Wer­tungs­fra­ge: Hat das denn äs­the­ti­sche Qua­li­tät? Bei­spiels­wei­se die­ses mit­hil­fe ei­ner Pro­gram­mier­spra­che er­stell­te Ge­dicht Ru­by von Nick Mont­fort, Pro­fes­sor am Mas­sa­chu­setts In­sti­tu­te for Tech­no­lo­gy, von dem ich hier die bei­den er­sten »Stro­phen« – im Grun­de ge­nom­men wä­re al­les hier un­ter An­füh­rungs­zei­chen zu stel­len – zi­tie­re, weil der Rest im sel­ben Ton wei­ter­geht:

           amid the ca­re
           and lo­se your air
           bet­ter be wing
           ano­t­her the­re

           a di­stant ca­re
           a lo­af of ne’er
           by lo­gic dust
           and by the da­re

Und so wei­ter. Der Dich­ter-Pro­fes­sor hat sei­nem Pro­gramm be­foh­len, in je­der Stro­phe ein­mal zu rei­men, ein­mal nicht. Die An­zahl der Sil­ben ist im­mer gleich, Ver­ben sind sel­ten, kaum Syn­tax vor­han­den, kei­ne rich­ti­gen Sät­ze, aber im­mer­hin Wort­kom­bi­na­tio­nen, die man als sol­che (an)erkennen kann: Es ist nicht bloß aus­ge­schüt­te­tes Sprach­ma­te­ri­al, wie wenn man das Scrabb­le-Säck­chen auf den Tisch leert oder die Ma­gnet­poe­sie am Kühl­schrank durch­ein­an­der­bringt. Das Ge­dicht Ru­by wirkt auf mich ein­tö­nig, oh­ne Aus­sa­ge, die Form un­in­ter­es­sant, selbst die net­te Ver­bin­dung »lo­gic dust«, lo­gi­scher Staub, löst in sol­chem Kon­text nur Ach­sel­zucken aus. Wo­zu das Gan­ze? Auch in der Selbst­zweck­haf­tig­keit der Kunst: Das ist nicht ein­mal pa­ra­si­tär.

In an­de­ren Fäl­len stellt sich die Fra­ge, ob die Feh­ler- und Stüm­per­haf­tig­keit der Tex­te, die se­man­ti­sche Hol­pe­rig­keit oder, wohl­wol­lend for­mu­liert, die von den ge­bräuch­li­chen Nor­men ab­wei­chen­de Spra­che nun be­ab­sich­tigt ist oder nicht, et­wa in ei­nem Ge­dicht des slo­wa­ki­schen Poe­bots Li­za Gen­n­art, das eben­falls von Val­la­ster zi­tiert wird. Sy­ste­ma­ti­sches Ab­wei­chen ge­hört min­de­stens seit dem Be­ginn der Mo­der­ne zur Dich­ter­spra­che, die ei­ne Fremd­spra­che in­ner­halb ei­ner ge­ge­be­nen Spra­che kon­sti­tu­iert. Bei com­pu­ter­ge­ne­rier­ten Tex­ten wird die Fra­ge, ob ech­te Ab­wei­chung oder zu­fäl­li­ge Feh­ler, un­ent­scheid­bar, weil kei­ne Aus­sa­ge­in­ten­ti­on jen­seits des Be­fehls »Dich­te uns mal was!« vor­liegt. Ich zi­tie­re Li­za: »Und dar­um geht es: un­be­dingt nur, daß es nichts be­deu­tet.« Al­so rei­nes Spiel? Blo­ße De­ko­ra­ti­on? Oder be­deu­tet auch die­se Aus­sa­ge über die Be­deu­tungs­lo­sig­keit ein­fach nur – nichts? Und war­um ha­ben die El­tern Li­zas ge­ra­de die­ses Text­stück aus­ge­wählt? Wel­ches ist ih­re In­ten­ti­on? Be­zie­hen sie die Aus­sa­ge auf das Funk­tio­nie­ren ih­res Bots? Geht es dar­um?

Hin­ter all die­sen Ak­ti­vi­tä­ten, wenn »Krea­ti­vi­tät« auf Ma­schi­nen ab­ge­wälzt wird, steht kei­ne Per­son – es sei denn, der Pro­gram­mie­rer, der uns je­doch nichts sa­gen will, au­ßer daß »es« funk­tio­niert. Der Au­tor ist ab­ge­schafft, aber loh­nen sich In­ter­pre­ta­tio­nen, loh­nen sich über­haupt Lek­tü­ren, wenn man das zu Le­sen­de auf kei­ne Per­son be­zie­hen kann, sei sie auch na­men­los, ein un­be­kann­ter Mei­ster? Was will uns der Au­tor sa­gen? Die­se ge­wiß sehr nai­ve Fra­ge rührt an den Keim des­sen, was man »Ver­ste­hen« nennt. Was will uns der Al­go­rith­mus sa­gen? Li­te­ra­tur oh­ne Au­tor scheint mir un­ge­fähr so span­nend wie ein Schach-Wett­be­werb, bei dem nur Com­pu­ter ge­gen­ein­an­der an­tre­ten. Spe­zia­li­sten und Freaks wer­den sich an den Kal­ku­la­ti­ons­kün­sten der »Geg­ner« de­lek­tie­ren, nor­ma­le Schach­freun­de aber wer­den sich bald ab­wen­den. Da­bei geht beim Schach­spiel um rein for­ma­le Pro­zes­se. Li­te­ra­tur in­te­griert In­halt und Form, oder sie ist kei­ne, be­sten­falls Grenz­be­reichs­kunst.

In der so­ge­nann­ten Neu­en Mu­sik hat die Elek­tro­nik längst Ein­zug ge­hal­ten. Es han­delt sich da­bei in der Re­gel nicht um au­to­ma­ti­sier­te Kom­po­si­tio­nen, elek­tro­ni­sche Ma­schi­nen sind ein­fach nur In­stru­men­te, die sich ge­ge­be­nen­falls mit tra­di­tio­nel­len – »Low Tech« – zu­sam­men­span­nen las­sen, so daß sie ge­mein­sam tö­nen. Noch in der prä­di­gi­ta­len Epo­che hat­ten et­wa Mau­ricio Ka­gel oder Lui­gi No­no Kla­vier und Ton­band kom­bi­niert. Die au­to­ma­ti­schen Kom­po­si­tio­nen Da­vid Co­pes ar­bei­ten mit tra­di­tio­nel­len künst­le­ri­schen Ver­fah­ren, sie sol­len »so klin­gen, wie…«: Bach, Mo­zart etc. Im Glücks­fall so­gar: bes­ser. In der Li­te­ra­tur kä­me man nicht auf die Idee, im 21. Jahr­hun­dert ei­ne gro­ße Zahl von Ro­ma­nen à la Goe­the, Balzac oder Do­sto­jew­ski durch Al­go­rith­men an­fer­ti­gen zu las­sen (ich weiß nicht, ob das auch mach­bar ist). Oder doch? Viel­leicht für den Haus­ge­brauch… Je­der, buch­stäb­lich je­der, der ei­nen Per­so­nal­com­pu­ter zu be­die­nen weiß, kann sich sein Mei­ster­werk schaf­fen. Wir brau­chen kei­ne al­ten Mei­ster mehr, weil wir dank Elek­tro­nik und aus­ge­klü­gel­ter Pro­gram­me selbst wel­che sind. Auch hier gilt: Der Kun­de ist Kö­nig!

9

Ly­dia Misch­kul­nig fragt zu­recht: Wer wird das Gu­te vom Schlech­ten fil­tern? Bis­her war die ge­läu­fi­ge Ant­wort: Der Li­te­ra­tur- oder Mu­sik­kri­ti­ker, der et­was von der Sa­che ver­steht. So­wie an­de­re Au­toren, Mu­si­ker, Ma­ler. Leu­te mit Er­fah­rung. Und auch mit Ge­schmack, ja, aber jen­seits zu­fäl­li­ger Vor­lie­ben: Ei­nen gu­ten Mu­sik­ge­schmack muß man sich erst ein­mal er­wer­ben. Doch in der di­gi­ta­len Welt, de­ren Mas­sen­me­di­en sich »de­mo­kra­tisch« und »so­zi­al« nen­nen, wo de fac­to aber Laut­stär­ke, Wer­be­stra­te­gien und Ma­ni­pu­la­ti­on tri­um­phie­ren, ist man auf Au­to­ri­tä­ten, Eli­ten und Ex­per­ten nicht gut zu spre­chen. Das Er­geb­nis des­sen se­hen wir in letz­ter Zeit im­mer öf­ter: Ah­nungs­lo­se, ego­isti­sche Selbst­dar­stel­ler kom­men ans Ru­der. Dem­ge­gen­über se­he ich nur ei­ne red­li­che, für Künst­ler im Grun­de ge­nom­men selbst­ver­ständ­li­che Hal­tung: Auf Er­fah­rung, Sach­wis­sen, Bil­dung, Ein­füh­lungs­ver­mö­gen, In­ter­pre­ta­ti­ons­kunst zu be­stehen, ge­gen Wind und Wet­ter. Wenn wir un­ter­ge­hen müs­sen, dann lie­ber mit ech­ter Schu­bert- und Mo­zart­mu­sik.

© Leo­pold Fe­der­mair

13 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ih­re Hal­tung kann ich nach­voll­zie­hen. Es liegt mir auch fern, sie um­stim­men zu wol­len, je­doch möch­te ich im Fol­gen­den dar­le­gen, war­um ich in ei­ni­gen Punk­ten mitt­ler­wei­le zu ge­gen­tei­li­gen Auf­fas­sun­gen ge­langt bin.
    Größ­ten­teils liegt das wohl an Da­ni­el Den­nett. Ge­gen des­sen Na­tu­ra­lis­mus hat­te ich mich an­fangs auch mit star­ken Ge­füh­len, den Ih­ri­gen nicht un­ähn­lich, ge­sträubt: Nein, das Be­wusst­sein, muss doch et­was Ir­re­du­zi­bles sein, das ist doch mehr als so ei­ne schnö­de Neu­ro­nen­si­mu­la­ti­on je her­vor­brin­gen wird. Aber da lie­ße sich gleich ei­ner sei­ner Tricks an­wen­den: Was, wenn wir die­ses Über­le­gen­heits­ge­fühl, das du ge­gen­über der Neu­ro­nen­si­mu­la­ti­on emp­fin­dest, die­ser ein­impf­ten? Die­se al­so nun auch her­um­stol­zier­te, mit der fe­sten Über­zeu­gung, sie sei mehr als ei­ne blo­ße Si­mu­la­ti­on? Ver­wisch­ten sich dann nicht ir­gend­wann die Gren­zen so sehr, dass wir die­ser »Si­mu­la­ti­on« nur schwer­lich das Be­wusst­sein ab­spre­chen könn­ten? Ge­ra­de weil uns zu die­sem, bei ei­nem Ge­gen­über, ja im­mer die In­tro­spek­ti­on fehlt.
    Klar hat die Ge­gen­sei­te die­sen letz­ten Teil auch als Ar­gu­ment ver­wen­den wol­len. So Tho­mas Na­gel, der »ar­gu­men­tier­te«, nie­mand kön­ne nach­emp­fin­den, wie es sich von in­nen her an­füh­le ei­ne Fle­der­maus zu sein. Nur wird hier schwer­lich et­was be­wie­sen, son­dern wie so meist, die­ses my­sti­sche, ir­re­du­zi­ble Die­ses-We­sen-Sein, die­se In­nen­er­fah­rung ein­fach ge­setzt.
    Wo­mög­lich ist dies die vier­te(?) ko­per­ni­ka­ni­sche Wen­de, dass dem Ich-Be­wusst­sein sein Nim­bus ab­ge­spro­chen wird, wenn es sich nicht mehr um ei­nen gött­li­chen Hauch und Ein­zig­ar­ti­ges han­delt, son­dern die Na­tur ein Kon­ti­nu­um sol­cher Zu­stän­de in Tie­ren her­vor­bringt und auch ei­ner Ma­schi­ne ein sol­cher nicht prin­zi­pi­ell ab­ge­spro­chen wer­den kann. Dem­nach soll­te auch die Kunst sich schlech­ter­dings dar­auf be­ru­fen.

    Frucht­bar für mich war auch Den­netts Kri­tik an un­be­grün­de­ten »In­tui­tio­nen«. Et­was das wir viel­leicht mit Al­pha­go ge­se­hen ha­ben, wo die Ma­schi­ne ei­ni­ges an jahr­hun­de­te­al­ten In­tui­tio­nen (Jo­se­ki) über Bord ge­wor­fen hat. Wo­bei Go wohl noch in dem Pro­zess steckt, den Schach schon durch­lau­fen hat.

    Ihem Ein­wurf:
    »Li­te­ra­tur oh­ne Au­tor scheint mir un­ge­fähr so span­nend wie ein Schach-Wett­be­werb, bei dem nur Com­pu­ter ge­gen­ein­an­der an­tre­ten. Spe­zia­li­sten und Freaks wer­den sich an den Kal­ku­la­ti­ons­kün­sten der »Geg­ner« de­lek­tie­ren, nor­ma­le Schach­freun­de aber wer­den sich bald ab­wen­den.«

    Muss ich so zwei­fach ent­ge­gen­hal­ten, dass
    1. Schach­com­pu­ter­wett­be­wer­be tat­säch­lich ih­ren Reiz ha­ben, auch für Ama­teu­re (z.B. wenn sie so ana­ly­siert wer­den: https://www.youtube.com/watch?v=QSZRJNiz8ac )
    2. Die Li­te­ra­tur­kri­tik vor­aus­ei­lend den Tod des Au­tors be­reits 1967 ver­kün­de­te.

    Für die Schach­spie­ler sind die En­gi­nes längst Te­le­sko­pe ge­wor­den, wei­ter zu blicken. So soll­ten die Com­pu­ter doch auch ein­mal Fähr­rä­der für den Geist wer­den. Ge­ra­de als je­mand, der sein täg­lich Brot mit di­gi­ta­len Er­zeug­nis­sen ver­dient, bin ich da im­mer skep­ti­scher was die glo­ba­len Ge­menge­la­gen be­trifft. Aber all­ge­mein ge­se­hen: War­um soll­ten wir ei­nen Un­ter­schied ma­chen zwi­schen ei­nem Ar­te­fakt, z.B. ei­ner Mu­sik­auf­nah­me, und ei­nem Ar­te­fakt, das von ei­nem Ar­te­fakt er­stellt wur­de, z.B. dem Com­pu­ter­pro­gramm, dass ei­ne Par­ti­tur in ei­ne Or­che­ster­auf­nah­me um­wan­delt. – Von letz­te­rem las ich auch ein paar er­hei­tern­de Din­ge: z.B. dass da­mit die­se Auf­nah­men nicht zu glatt und feh­ler­los wirk­ten, noch »künst­lich« klei­ne Bo­gen­quiet­scher oder ähn­li­ches ein­ge­baut wür­den und dass die teu­re­ren Va­ri­an­ten die­ser Pro­gram­me schon die Klang­far­ben ein­zel­ner Or­che­ster ver­wechs­lungs­echt nach­emp­fän­den. Das ficht die Kunst doch nicht an.

    Ich hof­fe, ich ha­be mei­ne ei­ge­ne Po­si­ti­on ei­ni­ger­ma­ßen um­rei­ßen kön­nen: Dass das »elek­tro­ni­sche Ge­hirn« als sol­ches kei­ne Her­aus­for­de­rung des mensch­li­chen Gei­stes dar­stel­len soll­te, au­ßer die­ser ver­krampft sich im Glau­ben an sei­ne Al­lein­stel­lungs­merk­ma­le (um dann in all die­sen »ge­schla­gen« zu wer­den) – lei­der sind aber wohl ge­sell­schaft­li­che und öko­no­mi­sche Di­gi­tal­um­wäl­zun­gen im Gan­ge, die ei­ni­ger Kunst den Gar­aus ma­chen wer­den, dies ist je­doch ge­son­dert da­von zu be­trach­ten.

  2. Bach und Mo­zart sind For­ma­li­sten. Üb­ri­gens auch Pro­ko­fi­ev. Es ist für je­den Mu­si­ko­lo­gen ein Ver­gnü­gen, die Re­geln und Struk­tu­ren auf­zu­schlüs­seln. Mit die­sem ana­ly­ti­schen Er­kennt­nis­sen las­sen prin­zi­pi­ell Pro­gram­me schrei­ben, die ei­ne for­mal iden­ti­sche Kom­po­si­ti­on her­vor­brin­gen.
    Aber nach 30 Se­kun­den, al­so ei­ner »se­ri­el­len Wahr­neh­mung«, merkt man wie Hof­sta­ed­ter, dass et­was nicht stimmt. Ich wür­de bes­ser sa­gen, dass et­was fehlt. Es gibt eben nicht nur die for­ma­le Ord­nung. Die­ser Man­gel fällt um so deut­li­cher ins Ge­wicht, je frei­er der Kom­po­nist ver­fährt. Nie­mand zwingt Dich, in ei­ner So­na­te un­be­dingt ei­ne Va­ria­ti­on des zwei­ten The­mas am En­de der Durch­füh­rung zu brin­gen. Au­ßer Du bist ein Com­pu­ter! Dann musst Du es lei­der ma­chen. Von ei­nem me­ta-tech­ni­schen Stand­punkt aus ist die »Krea­ti­vi­tät« der Pro­gram­me stark ein­ge­schränkt. Dem­ge­gen­über kennt der Mensch (ver­stan­den als in­ne­re Er­fah­rung) ei­ne Di­men­si­on, die er selbst nicht zu 100% kon­trol­lie­ren kann: Krea­ti­vi­tät ist über­wie­gend die Quel­le von Un­sinn, und erst mit et­was Übung wird dar­aus ei­ne Kunst­fer­tig­keit zur Ge­ne­rie­rung von »Über­ra­schungs­sinn«. Das mit dem Un­sinn ha­ben die Pro­gram­me schon ganz gut drauf. Aber da fehlt ja wohl noch was...

  3. Zur Öko­no­mie der Kunst: Die Kunst ist ei­ner der un­fair­sten Wett­be­wer­be, an de­nen man teil­neh­men kann. Die Er­folgs­sta­ti­stik (ge­mes­sen an Pro­mi­nenz, Ein­kom­men, kul­tu­rel­les Ge­dächt­nis) folgt ei­ner Pa­re­to-Ver­tei­lung. Be­deu­tet: The Win­ner ta­kes it all, und Shake­speare führt seit lan­gem die Be­sten­li­ste an.
    Die Fra­ge, ob das Gu­te das Schlech­te fil­tern wird, ist er­schreckend na­iv. Wer das noch nicht ge­merkt hat, der soll­te am be­sten gar nicht an­tre­ten. Das Schlech­te wird voll­stän­dig und für al­le Zei­ten un­wi­der­ruf­lich vom Gu­ten ge­fil­tert.
    Das Aus­sie­ben über­steigt auch die un­mit­tel­ba­ren sub­jek­ti­ven Ge­schmacks­fra­gen, und bringt tat­säch­lich ei­ne öko­no­mi­sche Di­men­si­on ins Spiel. Zur Er­in­ne­rung: die Fra­ge, wel­ches Buch wür­dest Du mit Dir auf ei­ne ein­sa­me In­sel neh­men, un­ter­liegt dem Prin­zip »Knapp­heit«.
    Die Mensch­heit hat ge­nau das­sel­be Pro­blem. Man hat nicht ge­nug Zeit. Man muss aus­wäh­len. Man sucht Rat. Man kriegt die be­kann­ten Ant­wor­ten... Wie sich spä­ter her­aus­stellt, sind die mei­stens rich­tig.
    Se­lek­ti­on funk­tio­niert. Und wie in der Na­tur kann man das grau­sam fin­den, oder die Ef­fi­zi­enz be­wun­dern.
    Ich wüss­te nicht, war­um sich die Künst­ler vor den Com­pu­tern fürch­ten sol­len. Sie müs­sen sich vor dem Ver­ges­sen fürch­ten.

  4. Vor zwei Jah­ren er­schien ein Buch von Kath­rin Pas­sig mit dem Ti­tel »Viel­leicht ist das neu und er­freu­lich«. Der Un­ter­ti­tel lau­tet: »Tech­nik. Li­te­ra­tur. Kri­tik.« Pas­sig gilt – war­um auch im­mer – nicht nur als Au­torin, son­dern auch als Schrift­stel­le­rin, wo­bei ihr ein­zi­ges »Werk« ei­ne Er­zäh­lung dar­stellt, mit der sie den Bach­mann­preis 2006 ge­wann.

    In dem Buch (wohl ei­ne Sum­me ei­ner Vor­le­sungs­rei­he) nimmt sie de­zi­diert Stel­lung zu kul­tur­kri­ti­schen Äu­ße­run­gen über Li­te­ra­tur, Poe­sie und Li­te­ra­tur­kri­tik. Der Te­nor – sa­lopp zu­sam­men­ge­fasst: Al­les nicht so schlimm. Al­les nur Ge­re­de von Leu­ten, die in al­ten Struk­tu­ren auf­ge­wach­sen sind und nicht da­mit klar­kom­men.

    Sie nimmt ein­deu­tig ei­ne po­si­ti­ve Hal­tung zum Bei­spiel zu Ge­dich­ten ein, die von Com­pu­tern er­stellt wur­den. Pas­sig glaubt, »dass künst­li­che In­tel­li­genz, an der ja nicht erst seit ge­stern, son­dern schon seit Jahr­zehn­ten ge­forscht wird, in­zwi­schen manch­mal ganz brauch­ba­re Tex­te lie­fert« und be­schreibt, wie sie Bots pro­gram­miert hat, um Va­ri­an­ten von Ge­dich­ten zu er­zeu­gen.

    Für sie ist kein Un­ter­schied dar­in, ob die­se ein Mensch di­rekt ver­fasst hat oder nicht. Schließ­lich hat es min­de­stens ir­gend­wann ei­nes Men­schen be­durft, den Bot (das Pro­gramm) zu er­schaf­fen. Ent­schei­dend bleibt dann nur, ob das Ge­dicht »gut« sei oder nicht (sie ist hier recht un­ideo­lo­gisch und führt ein Bei­spiel an, mit des­sen Resultat[en] sie nicht zu­frie­den ist).

    Ei­nen KI-Text sol­le man nicht per se ver­wer­fen son­dern bes­ser fra­gen: »Wer hat die Tem­pla­tes ge­schrie­ben, so wie bei Rac­ter? Un­ter Ver­wen­dung wel­ches Ma­te­ri­als? Gab es Ge­le­gen­heit, vor der Ver­öf­fent­li­chung noch heim­lich al­les Un­gram­ma­ti­sche oder Un­in­ter­es­san­te raus­zu­wer­fen?«

    Ich will das nicht wei­ter aus­füh­ren. Ent­schei­dend scheint mir zu sein, dass ver­sucht wird, die Au­tor­schaft auf ei­ne zwei­te Ebe­ne zu he­ben. Man kann das als Ver­wäs­se­rung oder als Prä­zi­sie­rung ver­ste­hen. Ver­wäs­se­rung da­hin­ge­hend, dass ich nur ei­ne Ma­schi­ne er­schaf­fen ha­be, die et­was aus­führt. De­ren Pro­dukt ist – im Ge­gen­satz zu Fer­ti­gungs- oder Dienst­lei­stungs­ro­bo­tern – nicht streng an ei­ner Lei­stung ge­kop­pelt, son­dern »lernt« so­zu­sa­gen Krea­ti­vi­tät.

    Aber, und das ist die Fra­ge, ist das »Krea­ti­vi­tät«? Und/oder: Ist die Aus­wahl des Men­schen aus dem »An­ge­bot« des Ge­dicht-Bots eben­falls »Krea­ti­vi­tät«?

    Im Link von @phorkyas über den Wett­be­werb der bei­den Schach­ma­schi­nen (vie­len Dank da­für) heisst es am En­de: Kein Mensch kann so spie­len. Aber der Mensch kann es nach­voll­zie­hen, war­um Stock­fi­sh so ge­spielt hat. Nun ist Schach streng ge­nom­men ein em­pi­ri­sches Spiel. Hier kommt es auf die Re­chen­tie­fe an: Wel­ches Pro­gramm kann tie­fer rech­nen? Am En­de steht ein Re­sul­tat, ei­ne »Wahr­heit« – Ge­winn, Ver­lust oder Re­mis. So et­was gibt es m. E. in der Li­te­ra­tur nicht.

  5. @die_kalte_Sophie

    Ich wüss­te nicht, war­um sich die Künst­ler vor den Com­pu­tern fürch­ten sol­len. Sie müs­sen sich vor dem Ver­ges­sen fürch­ten.

    Ich wuss­te doch, dass un­ter der har­ten Scha­le ein Ro­man­ti­ker-Kern schlum­mert.

    In­ter­es­sant ist üb­ri­gens, ob das Ver­ges­sen durch den »Com­pu­ter« bzw. des­sen Soft­ware am En­de nicht so­gar be­schleu­nigt wird. Im­mer­hin kann man die fast 2000 Jah­re al­ten Evan­ge­li­en heu­te noch ent­zif­fern. Ob Da­tei­en der­art ro­bust sind, muss sich erst noch er­wei­sen.

  6. [Die Fra­ge, ob das Ver­ges­sen durch den »Com­pu­ter« bzw. des­sen Soft­ware am En­de nicht so­gar be­schleu­nigt wird...]
    Ma­the­ma­tisch bin ich da über­fragt. Es könn­te sein, weil Pa­re­to-Ver­tei­lun­gen ei­nen Kick-Off Aus­gang ha­ben. Ir­gend­wann sind die er­folg­lo­sen (mei­stens ver­lie­ren­den) Teil­neh­mer raus, und die Über­le­ben­den ma­chen die Ral­ley wei­ter un­ter sich aus. Der In­put von neu­en Spie­lern folgt in der Re­gel ei­ner Nor­mal­ver­tei­lung, die im Lau­fe der Zeit im­mer wie­der in die Pa­re­to-Kur­ve trans­for­miert wird. Man kann das far­big il­lu­strie­ren, dann sieht man wie die Nor­ma­los sich im Pool (Hin­ter­grund) lang­sam ver­tei­len.
    Mo­dell-theo­re­tisch ist das schon an­spruchs­voll: wenn ich re­gel­mä­ßig (sa­gen wir al­le 20 Jah­re; Ge­nera­tio­nen­takt) ein En­sem­ble von Teil­neh­mern in den »Kunst­markt« ein­schleu­se, die sich dann ge­gen­sei­tig die Pfrün­de ab­ja­gen, wer­den ei­ni­ge we­ni­ge an die Spit­ze des Er­folgs klet­tern, ei­ni­ge hal­ten sich im Mit­tel­feld und die mei­sten wer­den aus­sor­tiert.
    An die Spit­ze, heißt, sie kön­nen im dia­chro­nen Wett­be­werb für sehr lan­ge Zeit be­stehen, –ei­ne Vor­stel­lung, die von un­se­rer Le­bens­er­fah­rung stark ab­weicht, denn es wä­re so, als ob auch die Ver­stor­be­nen noch wei­ter »kon­kur­rie­ren«. Um­ge­kehrt wird sich so man­cher ar­me Po­et da­ge­gen ver­wah­ren, wenn der himm­li­sche Schieds­rich­ter (=Ge­set­ze der Ma­the­ma­tik) be­reits zu Leb­zei­ten be­kannt gibt: »Du bist raus!«.
    Tat­säch­lich wird die Nor­mal­ver­tei­lung bei den Künst­lern ja am schlech­ten En­de auf­ge­stockt, wenn die AI auch noch mit­ma­chen darf. »Noch viel mehr Di­let­tan­ten als üb­lich«, wä­ren dann im Wett­be­werb. Ge­nau dar­auf­hin müss­te man das Mo­dell be­fra­gen: ist die Wahr­schein­lich­keit raus­zu­flie­gen bei der Ein­be­zie­hung »künst­li­cher In­tel­li­gen­zen«, al­so vie­ler dra­ma­tisch un­be­gab­ter Teil­neh­mer, hö­her als nur bei ei­ner rein mensch­li­chen Sta­ti­stik...
    [Kann das mal eben je­mand pro­gram­mie­ren?!]

  7. @die_kalte_Sophie

    Ehr­lich ge­sagt, ver­ste­he ich kein Wort. Es ging mir dar­um, ob Da­tei­en ir­gend­wann ein­mal schlicht­weg mit der dann exi­stie­ren­den Soft­ware nicht mehr re­kon­stru­ier­bar sind. Me­cha­nisch ist das ja heu­te bspw. mit der VHS-Cas­set­te so. Der si­cher­ste Weg, et­was zu spei­chern, was nicht mehr pro­blem­los sicht­bar ist, be­steht dar­in, et­was auf ei­ner Vi­deo­kas­set­te ab­ge­spei­chert zu ha­ben.

    Ich ge­ste­he, dass ich ge­spal­ten bin. Es gibt Au­toren, die sich über ih­ren Tod hin­aus ver­be­ten ha­ben, dass ih­re Wer­ke als E‑Books er­schei­nen (bspw. Grass). Ich glau­be, dass dies we­sent­lich da­zu bei­tra­gen wird, dass die­se Au­toren we­ni­ger re­zi­piert wer­den dürf­ten. Ins­be­son­de­re dürf­te das für den uni­ver­si­tä­ren Be­reich gel­ten.

    Wie es in 30, 40 Jah­ren aus­sieht, ist ei­ne an­de­re Sa­che. Wird die E‑­Book-Soft­ware dann noch Do­ku­men­te von heu­te le­sen kön­nen? Viel­leicht ist das gar nicht be­ab­sich­tigt und wird zum Ge­schäfts­mo­dell: neue E‑­Book-For­ma­te, die dann wie­der käuf­lich er­wor­ben wer­den müs­sen. Die Bü­cher, das Pa­pier, blei­ben.

  8. [Sor­ry, war et­was tech­nisch. Und in theo­re­ti­scher Hin­sicht noch nicht ein­mal was­ser­dicht.]
    Ich ver­ste­he die Be­mer­kung über die Spei­cher­me­di­en. Es zeich­nen sich zwei ar­chi­va­ri­sche Sy­ste­me ab, die Un­ter­schie­de auf­wei­sen. Kei­nes der Ar­chi­ve ist un­zer­stör­bar, das wä­re zu­nächst egal. Aber die In­put- und Out­put-Ka­nä­le sind deut­lich ver­schie­den. Das In­ter­net ist per se schon ein Spei­cher, aber es hält nicht be­son­ders lan­ge. Bin über­fragt, wie groß die Ver­gäng­lich­keits­span­ne im Mo­ment ist. Da­zu müss­te es Stu­di­en ge­ben. Ga­ran­tiert un­ter 30 Jah­re, ver­mut­lich we­ni­ger als 10...
    Wir müs­sen auf­pas­sen, dass wir den »Ar­beits­spei­cher« In­ter­net nicht mit ei­nem Ar­chiv gleich­set­zen. Das ist viel­leicht kul­tur­ge­schicht­lich re­le­vant: wenn das In­ter­net (auch in Zu­kunft) ein tran­si­en­ter Spei­cher ist, dann kann sich kein Au­tor »mit Ewig­keits­an­spruch« dar­auf ver­las­sen. Das Mot­to »Pu­blish-and-die-peace­ful­ly« wür­de sich als bit­ter­bö­se Iro­nie ent­pup­pen. Der Au­tor braucht Er­ben­ge­mein­schaf­ten, Stif­tun­gen, Tru­sted Pu­blishers, die sei­ne Wer­ke für un­be­stimmt lan­ge Zeit in Ver­kehr brin­gen. Sie be­treu­en das je­weils fa­vou­ri­sier­te lo­ka­le Spei­cher­me­di­um.
    Ein Au­tor wie Grass ver­traut auf die Be­druckung von Holz­ab­fäl­len. Für den (mo­dell­haft be­schrie­be­nen) vir­tu­el­len Er­folg ist das prak­tisch egal. Die Kunst­re­zep­ti­on ist ein Nach­fra­ge-Markt, das lässt sich schwer­lich ver­än­dern.

  9. Der Au­tor braucht all das, was Sie be­schrei­ben. Und er braucht Men­schen, die sich sei­ner bzw. sei­nem Werk über­haupt noch er­in­nern. Was nutzt das ab­ge­spei­cher­te Me­di­um (in der Bi­blio­thek oder in der Cloud – das ist gleich­gül­tig), wenn es nicht »nach­ge­fragt« wird.

    Kann das ge­steu­ert wer­den? Ich glau­be, nur be­grenzt. Stif­tun­gen kann es ge­ben, aber wer nimmt dann den »Ur­he­ber« noch zur Hand? Es ist doch fast nur noch Krampf, wie Au­toren, die den Büch­ner-Preis be­kom­men, ei­nen Bo­gen von Büch­ner zur Ge­gen­wart schla­gen wol­len. Aber wer kennt Büch­ners Werk sa­gen wir in 50 Jah­ren noch? (Blick in die Kaf­fee­tas­se auf das Jahr 2070: Über­schrift ei­nes Ar­ti­kels »Wer war Ge­org Büch­ner?«)

  10. Hmmm, ver­ste­he... Die Mo­der­ne streckt sich schon ei­ne Zeit lang hin, und be­son­ders »vor­ne« wird’s ziem­lich dy­na­misch. Stimmt schon, da wird der ei­ne oder an­de­re Un­sterb­li­che auf der Strecke blei­ben. Stif­ter, Kel­ler, No­va­lis, Büch­ner, Fon­ta­ne... Wer ist der Näch­ste auf der Plan­ke?! – Aus dem 19. Jahr­hun­dert könn­te so ei­ni­ges un­ter die Rä­der kom­men. Nietz­sche und Hei­ne werden’s über­le­ben.
    Was hel­fen könn­te, wä­re ein »Pa­te«. Zu je­der Zeit, al­so auch in Zu­kunft, müss­te es ei­nen Be­gei­ster­ten ge­ben, der die Qua­li­tät sei­nes Idols ver­steht und dem Pu­bli­kum be­greif­lich ma­chen kann. Das setzt na­tür­lich in­ten­si­ve Er­fah­run­gen und ei­ne reich­hal­ti­ge Bil­dung vor­aus. Bei­spiel: Slo­ter­di­jk hat mir neu­lich Stir­ner er­klärt (in: »Die schreck­li­chen Kin­der der Neu­zeit«). Da wä­re ich fast vom Stuhl ge­fal­len.
    Neu­es Pa­ra­dig­ma: je­der Un­sterb­li­che braucht ei­nen »Wer­be­fach­mann« in der Ge­gen­wart, an­son­sten be­steht die Ge­fahr des kul­tu­rel­len Ex­itus.
    [Aber ist das so viel an­ders, als es wir bis­her ge­macht ha­ben?!]

  11. Er­in­nert dann doch an »Fah­ren­heit 451«, wo ei­ne dys­to­pi­sche Welt be­schrie­ben wird, in der Men­schen ver­bo­te­ne Bü­cher, die ver­nich­tet wer­den, aus­wen­dig ler­nen, da­mit sie spä­ter wie­der re­kon­stru­iert wer­den kön­nen. Die Fra­ge ist dann nur: Was, wenn der Pa­te stirbt?

    Ich glau­be, dass wir erst am An­fang ei­ner Ent­li­te­ra­ri­sie­rung ste­hen. Noch gibt es »back lists«, noch sind Klas­si­ker lie­fer­bar. Aber nur, weil sie noch nach­ge­fragt wer­den. Wenn Schu­len ir­gend­wann hier aus­fal­len, quel­len noch ein­mal 20, 30 Jah­re die An­ti­qua­ria­te über. Die Schwel­le zum Ramsch dürf­te sin­ken.

    Nietz­sche und Hei­ne wer­den es über­le­ben? Ihr Wort in Got­tes Ohr. Ich ma­che mir Sor­gen um Goe­the und Shake­speare, Tol­stoi und Cer­van­tes. Aber in dem Mo­ment, in dem ich das schrei­be, fra­ge ich mich. Wo­zu? Dann bin ich längst...

  12. @»Was, wenn der Pa­te stirbt?!« – Al­so bit­te... Wer sagt denn, dass es ei­ne Trans­mis­si­ons­lücke gibt?! Das ist doch un­ge­zü­gel­ter Pes­si­mis­mus. Un­ser kul­tu­rel­les Sy­stem (Spar­te Li­te­ra­tur) hängt doch nicht es­sen­zi­ell an der Wa­re Buch.
    Sie ver­mu­ten rich­tig, dass die Auf­la­gen der Klas­si­ker bald sehr klein wer­den. Das wird viel­leicht in Hän­de von La­den-Ver­le­gern wie »Buch­haus Losch­witz« ge­hen. Nur so als Bei­spiel. Small is be­au­ti­ful!
    Und wenn das nicht ren­tiert, Haus­num­mer bei No­va­lis oder Stir­ner, dann kön­nen Sie im­mer noch ein Book-on-de­mand krie­gen.
    Ihr Pro­blem ist, dass sie den klei­nen Zah­len miss­trau­en. In der Nä­he des Sel­te­nen lau­ert im­mer die fie­se fet­te NULL, – und das wä­re in der Tat schreck­lich. Aber das ist nicht un­be­dingt das, was pas­sie­ren wird.

  13. Li­te­ra­tur hängt – ob man das mag oder nicht – an »Pa­pier«. Elek­tro­ni­sche For­ma­te wer­den es nicht ad­äquat er­set­zen kön­nen. Aber ähn­lich wie die Zei­tung als Re­likt aus der Ver­gan­gen­heit gilt (»Holz­me­di­en«) und das Le­sen am Smart­pho­ne oder Com­pu­ter im­mer mehr do­mi­niert, dürf­te Li­te­ra­tur, die ja noch ein­mal ei­ne län­ge­re Auf­merk­sam­keit ver­langt, ir­gend­wann nur noch von ei­ner sehr klei­nen Min­der­heit re­zi­piert wer­den.

    Was man der­zeit er­lebt, ist ja der Be­ginn ei­nes Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­ses, des­sen En­de weit­ge­hend un­be­kannt sein dürf­te. Ich er­in­ne­re mich noch an die Tan­te-Em­ma-Lä­den in mei­ner Ju­gend. Als es er­ste »Su­per­märk­te« gab hieß es, dass sich das nicht durch­set­zen wer­de. Bin­nen ei­ner De­ka­de än­der­te sich das.

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