Wenn Wi­der­stand Pflicht wür­de

Mei­ne letz­te Äu­ße­run­gen auf die­ser Sei­te zur Ta­ges­ak­tua­li­tät der Pan­de­mie liegt jetzt mehr als ein Jahr zu­rück. Da­mals ver­fiel ich kurz der Ge­fahr, mich in täg­li­chen Be­find­lich­kei­ten aus­zu­las­sen, die am En­de noch we­ni­ger als mei­ne Buch­be­spre­chun­gen von In­ter­es­se ge­we­sen wä­ren. Die­se schrei­be ich ja ei­gent­lich nur, um mich sel­ber mei­ner Lek­tü­re zu ver­ge­wis­sern; die Pu­bli­ka­ti­on hat eher dis­zi­pli­na­ri­sche Funk­ti­on.

Seit Ja­nu­ar 2020 le­be ich nun in Augs­burg und rück­blickend be­trach­tet, war es – streng ge­nom­men – nur rund ei­ne Wo­che »Nor­ma­li­tät«. Denn nach ei­ner Wo­che tauch­te der er­ste Fall der neu­en Vi­rus-Er­kran­kung »Co­ro­na« in Deutsch­land auf. Und zwar in Augs­burg. Da­mals lach­ten wir noch.

Sechs, sie­ben Wo­chen spä­ter dann der »Lock­down«. Ich ge­be zu, dass ich es zu­nächst ei­ne span­nen­de Zeit fand. Na­tür­lich bin ich pri­vi­le­giert: ich ha­be kei­ne Kin­der, die ich be­schäf­ti­gen muss, kei­nen Ar­beits­platz, den ich er­rei­chen soll­te und auch sonst kei­ner­lei Ver­pflich­tun­gen. Ein biss­chen war es ein Aus­flug in ei­ne fast un­be­schwer­te Kind­heit. Man blieb zu Hau­se (was ich im­mer am lieb­sten tat). Vor­über­ge­hend stell­te man per­sön­li­che Kon­tak­te ein bzw. re­du­zier­te sie auf ein Min­dest­maß. Ostern 2020 hieß es plötz­lich, dass man Mas­ken tra­gen soll­te, was mir von Be­ginn an schon merk­wür­dig vor­kam, es nicht ein­mal er­wo­gen, son­dern so­gar, ta­ges­schau in Zu­sam­men­ar­beit mit dem Ge­sund­heits­mi­ni­ste­ri­um, als mehr oder we­ni­ger nutz­los dar­ge­stellt wur­de.

Wie auch im­mer, man kram­te sei­ne al­te Näh­ma­schi­ne her­vor und ba­stel­te Mas­ken (An­lei­tun­gen gab es im In­ter­net). Än­de­rungs­schnei­de­rei­en häng­ten ih­re Pro­duk­te ins Fen­ster. Bald gab es auch No­bel­mar­ken, die ih­re Krea­tio­nen im In­ter­net an­bo­ten. Ich er­griff die Ge­le­gen­heit, ein biss­chen ehe­ma­li­ge Hei­mat her­auf­zu­be­schwö­ren, und be­stell­te ei­ni­ge Mas­ken bei Bo­rus­sia Mön­chen­glad­bach. War­um nicht.

Die Bil­der, die ei­nem aus Ita­li­en, Spa­ni­en und ei­ni­ge Mo­na­te spä­ter aus den USA er­reich­ten, er­zeug­ten Angst. Sze­na­ri­en vom Bun­des­in­nen­mi­ni­ste­ri­um, die, nach au­ßen dran­gen (si­cher­lich ei­ne kon­trol­lier­te Ak­ti­on), ver­stärk­ten die­se noch. Spä­ter wur­de be­kannt, dass es ge­ra­de­zu ein Auf­trag ge­we­sen war, die Be­dro­hun­gen mög­lichst dra­stisch dar­zu­stel­len.

Über­ra­schen­der­wei­se senk­ten sich die Zah­len rasch. Die mei­sten Ein­schrän­kun­gen des Lock­downs wur­den auf­ge­ho­ben. Der Fuß­ball roll­te wie­der – mit aus­ge­feil­ten »Hy­gie­ne­kon­zep­ten«, ob­wohl PCR-Tests knapp wa­ren. Ge­schäf­te und die Ga­stro­no­mie konn­ten wie­der öff­nen. Auch Gren­zen zu Nach­bar­län­dern, die man über­ra­schen­der­wei­se auch schlie­ßen konn­te, öff­ne­ten wie­der. Der Som­mer konn­te be­gin­nen. Der Bun­des­ge­sund­heits­mi­ni­ster ver­sprach, dass es nie mehr zu ei­nem Lock­down kom­men müss­te. Gleich­zei­tig kam je­doch be­reits re­la­tiv früh die Mel­dung auf, dass der Kar­ne­val 2021 prak­tisch aus­zu­fal­len ha­be. Das pass­te nicht.

Im Som­mer war das ein­zi­ge Zei­chen ei­ner Pan­de­mie die Mas­ke, die man tra­gen muss­te. Im Re­stau­rant gab man die Adres­se an. Mach­bar. Ei­ne zwei­te Wel­le wur­de war als Mög­lich­keit an­ge­dacht, aber grö­ße­re War­nun­gen hier­zu gab es über­ra­schen­der­wei­se nicht. Ob­wohl je­der wis­sen konn­te, dass Vi­rus­in­fek­tio­nen sehr sel­ten nach ei­ner Wel­le ein­ge­dämmt wer­den. Im­mer noch star­ben Hun­der­te Men­schen (das bes­ser­te sich erst lang­sam). Be­son­ders die Al­ten­hei­me wa­ren be­trof­fen. Die Über­le­ben­den ver­ein­sam­ten; kaum je­mand war dar­auf ein­ge­stellt, wie sie ri­si­ko­los Be­su­che emp­fan­gen konn­ten.

Ins­ge­samt herrsch­te das Ge­fühl vor, dass man noch ei­ne Zeit lang Groß­ver­an­stal­tun­gen ein­däm­men muss­te. Das war’s dann. Um Tests für al­le brauch­te man sich nicht mehr küm­mern. Als Bay­ern dies ver­such­te, kam so­fort der »Populismus«-Vorwurf. Die Al­ten blie­ben in ih­ren Ge­t­tos, wenn sie nicht ge­stor­ben wa­ren. Tests für das Pfle­ge­per­so­nal spar­te man sich weit­ge­hend. Es wa­ren teil­wei­se auch nicht ge­nü­gend Ba­sis­chemi­ka­li­en da­für vor­han­den (was ab­so­lut lä­cher­lich ist). Lie­ber te­ste­te man Fuß­ball­spie­ler. Schu­len wur­den di­gi­tal nicht auf­ge­rü­stet, Luft­fil­ter nicht mehr an­ge­schafft bzw. die vor­han­de­nen nicht ak­ti­viert. Die Co­ro­na-App, für ‑zig Mil­lio­nen ein­ge­rich­tet, blieb weit­ge­hend wir­kungs­los, ver­staub­te auf den Smart­phones (hier kann man nach­le­sen, wie man da­mals da­mit um­ging). Lau­ter­bach und Dro­sten gin­gen in Ur­laub. Al­les schien in But­ter. Auch – und das war das Fa­ta­le – für die Po­li­tik. Denn au­ßer Kar­ne­val für 2021 ab­sa­gen, tat man: nichts.

Im Sep­tem­ber, Ok­to­ber gin­gen die In­zi­denz­zah­len wie­der hoch. Un­ter an­de­rem durch Rei­se­rück­keh­rer (nicht nur aus Mal­lor­ca son­dern auch bspw. aus der Tür­kei). Wäh­rend an­de­re Län­der Tests vor der Ein­rei­se ver­lang­ten oder gar Qua­ran­tä­ne vor­sa­hen, durf­te man in Deutsch­land oh­ne jeg­li­che Vor­sichts­maß­nah­men ein­rei­sen. Erst Mo­na­te spä­ter kam man auf die »Idee«, das da et­was im Ar­gen lie­gen könn­te.

Par­al­lel zu den stei­gen­den In­zi­denz­zah­len wur­den die Mel­dun­gen über ge­lun­ge­ne For­schungs­ent­deckun­gen für Impf­stof­fe zahl­rei­cher. Im Ok­to­ber stie­gen die Zah­len der­art, dass man sich, um die Weih­nachts­ta­ge wie­der halb­wegs »nor­mal«, d. h. im Krei­se der Fa­mi­lie zu ver­brin­gen, zu ei­nem wei­te­ren Lock­down ent­schloss. Dann kam ei­ne Mu­ta­ti­on, die noch in­fek­tiö­ser ist. Wei­ter so. Aber bald kön­ne man sich imp­fen las­sen. Da wuss­te man noch nicht, dass Frau Mer­kel ih­rer Auf­ga­be nicht nach­ge­kom­men war. Sie hat­te dem Impf­stoff für Deutsch­land nicht ein­ge­kauft, ih­ren Ge­sund­heits­mi­ni­ster zu­rück­ge­pfif­fen, son­dern dies de­le­giert an die EU. Die hat­ten aber kei­ne Ah­nung, wie man mit mul­ti­na­tio­na­len Kon­zer­nen knap­pe Pro­duk­te ver­han­delt. Und sie küm­mer­te sich auch nicht mehr dar­um.

Ein baye­ri­scher Wun­der­zwerg ver­pflich­te­te sei­ne Un­ter­ta­nen jetzt da­zu, Mas­ken zu tra­gen, wie sie nor­ma­ler­wei­se In­du­strie­ar­bei­ter bspw. zum Lackie­ren ver­wen­den. OP-Mas­ken wür­den zwar ge­nau so gut funk­tio­nie­ren, aber man muss Ak­ti­on zei­gen. Plötz­lich wa­ren die Stoff­mas­ken nicht mehr si­cher. War­um ei­gent­lich? Da­mit je­der die­se »FFP2«-Maske be­kom­men konn­te, sub­ven­tio­nier­te man mit­tels fäl­schungs­si­che­ren Zet­tel­chen Apo­the­ker mit Un­sum­men.

Das Ka­rot­ten-Prin­zip

Von nun an galt das Ka­rot­ten-Prin­zip. Man kennt das Bild: Ein Mann sitzt auf ei­nem Esel. Um die­sen zum Wei­ter­ge­hen zu ani­mie­ren, hält er ihm mit ei­ner An­gel ei­ne Mohr­rü­be vor die Na­se. So läuft der Esel im­mer wei­ter.

Die Mohr­rü­ben wech­sel­ten: Sie hie­ßen Er­wei­tern der »Kon­takt­be­schrän­kun­gen« zu Weih­nach­ten (nie­man­den wuss­te mehr, was gilt), Imp­fen, Selbst­tests, Öff­nun­gen. Bis da­hin: Nur noch ei­nen Lock­down. Da­nach nur noch wei­te­re vier Wo­chen. Trom­meln in den Talk­shows, Schreckens­sze­na­ri­en. Schu­len auf, Schu­len zu. Schnell­tests ja. Nein, sagt Mer­kel. No-Co­vid-Ak­ti­vi­sten, die glau­ben, man kön­ne in Mit­tel­eu­ro­pa ein Vi­rus aus­rot­ten. Wei­te­rer Lock­down nur mit Fri­sö­ren jetzt. Nur noch Ostern. Dann kam es zum Knall: Der klei­ne Oster­lock­down (der in Wirk­lich­keit nur an­dert­halb Ta­ge zu­sätz­lich ge­we­sen wä­re) wur­de man­gels or­ga­ni­sa­to­ri­scher Mög­lich­kei­ten zu­rück­ge­nom­men. Frau Mer­kel ent­schul­dig­te sich. Und heul­te sich bei An­ne Will aus. Wäh­rend­des­sen ver­öden die In­nen­städ­te, geht den Klein­ge­wer­be­trei­ben­den die Luft aus, dro­hen Exi­stenz­ver­nich­tun­gen.

Seit­dem ge­hen die Zah­len wie­der hoch, wenn auch nicht auf dem Ni­veau, wie dies pro­gno­sti­ziert wur­de – bis­her und zum Glück. Da Mer­kel die Mi­ni­ster­prä­si­den­ten nicht auf ei­ne ein­heit­li­che Re­ge­lung zwin­gen kann, ver­sucht sie dies nun mit ei­ner Ver­schär­fung des In­fek­ti­ons­schutz­ge­set­zes. Die Län­der­be­fug­nis­se wür­den zu Gun­sten des Bun­des ein­ge­schränkt bzw. par­ti­ell auf­ge­ho­ben. Aber nicht nur die­se. Auch die Grund­rech­te des Bür­gers sol­len per Ukas, prä­si­den­ten­gleich, re­gle­men­tiert wer­den. Et­was, was aus­drück­lich nicht im Grund­ge­setz vor­ge­se­hen ist.

Un­sin­ni­ge und über­grif­fi­ge Maß­nah­men, wie Ver­weil- oder Be­her­bungs­ver­bo­te, Mas­ken­pflicht drau­ßen oder, am un­sin­nig­sten, nächt­li­che Aus­gangs­sper­ren zwi­schen 21.00 und 5.00 Uhr könn­ten dann nicht mehr von der Ge­richts­bar­keit auf­ge­ho­ben wer­den. Al­lein­zu­stän­dig wä­re dann nur noch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (s. Möl­lers wei­ter un­ten). Und dies hat­te mehr als ein­mal si­gna­li­siert, dass man die Re­gie­rung nicht blockie­ren wür­de.

Ge­plant sind gra­vie­ren­de Aus­set­zun­gen von Grund­rech­ten – per Er­mäch­ti­gung

Das all­um­fas­sen­de Staats­ver­sa­gen, bspw. bei der Impf­stoff­be­schaf­fung (aber nicht nur dort) wird jetzt mit der nicht ver­hält­nis­mä­ßi­gen Ein­schrän­kung der Frei­heits­rech­te ver­deckt. Nur weil ein paar gut­si­tu­ier­te Life­style-Lin­ke, die oh­ne­hin von zu Hau­se ar­bei­ten kön­nen für »har­ten Lock­down« ein­tre­ten und sich in apo­ka­lyp­ti­schen Sze­ne­rien über­schla­gen, heißt es im Ent­wurf des In­fek­ti­onschutz­ge­set­zes nun bei­spiels­wei­se:

»Die Grund­rech­te der kör­per­li­chen Un­ver­sehrt­heit (Ar­ti­kel 2 Ab­satz 2 Satz 1 des Grund­ge­set­zes), der Frei­heit der Per­son (Ar­ti­kel 2 Ab­satz 2 Satz 2 des Grund­ge­set­zes), der Frei­zü­gig­keit (Ar­ti­kel 11 Ab­satz 1 des Grund­ge­set­zes) und der Un­ver­letz­lich­keit der Woh­nung (Ar­ti­kel 13 Ab­satz 1 des Grund­ge­set­zes) wer­den ein­ge­schränkt und kön­nen auch durch Rechts­ver­ord­nun­gen nach Ab­satz 6 ein­ge­schränkt wer­den.«

»Die­se Vor­schrift gilt nur für die Dau­er der Fest­stel­lung ei­ner epi­de­mi­schen La­ge von
na­tio­na­ler Trag­wei­te nach § 5 Ab­satz 1 Satz 1 durch den Deut­schen Bun­des­tag.«

Die­se Er­mäch­ti­gung gilt bei der »Sie­ben-Ta­ge-In­zi­denz« ober­halb des Schwel­len­wer­tes von 100. An­de­re Kri­te­ri­en (Si­tua­ti­on auf den In­ten­siv­sta­tio­nen, To­des­zah­len, Impf­quo­ten, Re­la­ti­on Tests/Resultaten) wer­den nicht er­wähnt.

Das Framing in vie­len Me­di­en (vor al­lem der öf­fent­lich-recht­li­chen) ist deut­lich: Wer nicht für die­se Er­mäch­ti­gung des Bun­des ist, ist ge­gen die Be­kämp­fung der Pan­de­mie. Al­les an­de­re sei Leug­nung »der Wis­sen­schaft«. Dass es die­se nicht als ho­mo­ge­ne Mas­se gibt – ge­schenkt.

Das Weg­sper­ren der ge­sam­ten Be­völ­ke­rung ist, ins­be­son­de­re der­zeit, nicht al­ter­na­tiv­los. Si­cher­lich könn­te man ei­nen kur­zen, har­ten Lock­down in Er­wä­gung zie­hen. Aber das in die­ser Zeit die Po­li­tik ih­re Haus­auf­ga­ben macht, ist nicht zu er­war­ten. Man kann dies bei den Schu­len se­hen: Hier ge­schieht seit Mo­na­ten nichts (was eben Sa­che der Län­der und Kom­mu­nen wä­re). Durch Aus­gangs­sper­ren oder das Schlie­ßen von Au­ßen­ga­stro­no­mie löst man die­se Pro­ble­me al­ler­dings nicht.

Der Staats­recht­ler Chri­stoph Möl­lers hat ei­ne um­fas­sen­de Stel­lung­nah­me zu dem Ent­wurf vor­ge­legt, de­ren Lek­tü­re un­be­dingt zu emp­feh­len ist (pdf). Er fürch­tet u. a., dass die­se Maß­nah­men das Ver­trau­en in­ner­halb der Be­völ­ke­rung nicht er­hö­hen, son­dern un­ter Um­stän­den so­gar in das Ge­gen­teil um­schla­gen könn­ten. Auch sei­ne Aus­füh­run­gen über die Ver­fas­sungs­kon­for­mi­tät sind in­ter­es­sant.

Für mich ist ein­deu­tig: Die­ser Ent­wurf des In­fek­ti­ons­schutz­ge­set­zes (pdf) darf nicht Rea­li­tät wer­den. Es ist die Ver­pflich­tung je­des Bür­gers mit ge­walt­lo­sen Mit­teln ge­gen die­se Er­mäch­ti­gungs­maß­nah­men vor­zu­ge­hen (GG Art. 20, Abs. 4). An­dern­falls wird hier ein Prä­ze­denz­fall für an­de­re de­fi­nier­te »Not­la­gen« ge­schaf­fen. Man soll, so hört man sehr oft, den An­fän­gen weh­ren. Oft ge­nug ist dies ein biss­chen pa­nisch. Hier nicht.

Wi­der­stand ist dann Pflicht. Impf­ter­min statt Aus­gangs­sper­re.

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Der Bei­trag weck­te vie­les. Er­in­ne­run­gen. Im März 2020 die Auf­for­de­rung, Bit­te (aus mei­nem Pra­ger Um­feld) Mas­ken zu nä­hen. Er­warb ei­ne Näh­ma­schi­ne, be­gann mit dem Nä­hen. Ab dem 15.6.2020 ver­kehr­ten wie­der in­ter­na­tio­na­le Zü­ge von und nach Prag. An­fang Ju­li ei­ne Bahn­rei­se nach Öster­reich, um die 82jährige Ma­ma zu se­hen. Mit Mas­ke. Bei der Rück­rei­se der Un­ter­schied: in Öster­reich Mas­ken­pflicht, in Tsche­chi­en bloß ei­ne Emp­feh­lung. Das Buch von Ha­rald Sal­fell­ner DIE SPANISCHE GRIPPE ge­le­sen und mit­ten­drin im kaf­ka­es­ken Prag und dem von Hašek und sei­nem bra­ven Sol­da­ten Schwe­jk. Wahr­neh­men, In­ne­hal­ten und Re­bel­li­on — das ha­be ich im Som­mer 2020 ver­in­ner­licht und fand es be­stä­tigt durch ei­nen wei­te­ren Öster­reich Auf­ent­halt im Au­gust an­läss­lich der Salz­bur­ger Fest­spie­le. Im Lan­des­thea­ter fühl­te ich mich si­cher, nicht in der In­nen­stadt von Prag, wo an­fangs Ju­li die Pan­de­mie Be­frei­ung auf der Karls­brücke ge­fei­ert wur­de. Im Herbst zeig­ten sich die Aus­wir­kun­gen, ich be­gab mich in die Iso­la­ti­on, da sich in Prag kaum noch je­mand um Ab­stand, Mas­ke scher­te. Ei­gen­ver­ant­wor­tung? Na­he­zu un­be­kannt. Die SPANISCHEN GRIPPE ver­zeich­ne­te in Prag laut Sal­fell­ner vier Wel­len. War­te, um mich für ei­nen Impf­ter­min re­gi­strie­ren zu kön­nen. Wenn ich die Woh­nung ver­las­se tra­ge ich ei­ne FFP2 Mas­ke. Als hilf­reich er­wie­sen sich Bü­cher um in Kon­takt mit der Au­ßen­welt zu blei­ben. Dan­ke, Be­gleit­schrei­ben.

  2. Ein ge­sell­schaft­li­cher Schei­de­weg, der deut­lich sicht­bar im Um­gang mit den­je­ni­gen wur­de, de­nen das Ge­setz spe­zi­fi­schen Schutz be­fiehlt. Spä­te­stens seit die­sem Zeit­punkt liegt die Ver­pflich­tung klar auf der Hand. Al­le Er­mäch­ti­gungs­maß­nah­men wa­ren dar­in vor­ge­zeich­net, sind dar­aus ab­leit­bar.

  3. Letz­te Wo­che hat Ali­ce Wei­del im BT ein ein­drucks­vol­les Plä­doy­er für die Frei­heit und die Le­bens­qua­li­tät der (im Ver­gleich zu Mit­glie­dern der Bun­des­re­gie­rung...) be­schei­den re­si­die­ren­den Leu­te ge­hal­ten. Da wuss­te ich, dass die Po­li­tik ver­rückt ge­wor­den ist. So­gar die Lin­ke hat ih­re Zu­nei­gung zur Frei­heit aus dem Kel­ler ge­holt. Das Land steht Kopf. Die po­li­ti­schen »Ex­tre­mi­sten« müs­sen die bür­ger­li­che Frak­ti­on am Durch­re­gie­ren hin­dern. Die FDP klagt, wahr­schein­lich. Das Ge­setz zum Wie­der­auf­bau-Fond (nach dem Krieg, OT Macron) hat man noch mit­ge­tra­gen.
    So vie­le Häupt­lin­ge, und so vie­le Un­ter­ta­nen. Da ver­flu­che ich den Tag, als sich mir der Li­be­ra­lis­mus als po­li­ti­sche Phi­lo­so­phie er­schloss. Da­mit bringt man sich selbst in ei­ne ex­trem aka­de­mi­sche Po­si­ti­on. Stän­dig die­se War­nun­gen in den Wind spre­chen zu müs­sen. Ich ha­be das Ge­fühl, ich bin ein Schieds­rich­ter in ei­nem Sa­do-Ma­so-Club. Die Re­geln ent­spre­chen über­haupt nicht mei­nen Grund­über­zeu­gun­gen, aber die Teil­neh­mer ver­fü­gen ja selbst über das Re­gime; al­so fängst du an zu pre­di­gen, von Frei­heit, Mut und Op­ti­mis­mus. Da­mit sich die lie­ben Klei­nen nicht sinn­los ge­gen­sei­tig weh­tun. Aber ir­gend­wie hat der Club schon et­was ziem­lich Ab­tör­nen­des...

  4. @die_kalte_Sophie

    Wenn man Twit­ter ver­folgt, dann ge­ben sich dort die Be­für­wor­ter ei­nes »har­ten Lock­down«, »jetzt«, die Tür­klin­ke in die Hand. So­viel Ma­so­chis­mus ha­be ich sel­ten ge­se­hen. Meist kommt das von Leu­ten, die kei­ne Ga­stro­no­mie ha­ben, kein Ge­schäft son­dern eher von zu Hau­se ar­bei­ten. Ein Groß­teil sind auch El­tern, die ein­fach ih­re Kin­der nicht in die Schu­le schicken wol­len. Da­für ha­be ich voll­stes Ver­ständ­nis. Dass man das Schul­jahr nicht aus­ge­setzt hat – das ver­ste­he ich wirk­lich nicht. Aber dann wä­ren die Be­schwer­den der Dop­pel­ver­die­ner oder Al­lein­er­zie­her ge­kom­men, die nicht wis­sen, was sie mit den Spröß­lin­gen ma­chen sol­len.

    Ich glau­be nicht, dass es zu er­folg­rei­chen Kla­gen in Karls­ru­he kom­men wird; das Ver­fas­sungs­ge­richt hat ja schon mehr­mals Ver­ständ­nis für die Maß­nah­men si­gna­li­siert.

    Span­nend wird es spä­ter: Ei­nen In­di­zi­denz­wert von 100 (oder von mir aus auch 200) wird man m. E. über Mo­na­te und Jah­re in be­stimm­ten Re­gio­nen im­mer ha­ben. Wenn sich 20–30% nicht imp­fen las­sen, dann wird die Zahl der In­fi­zier­ten im­mer bei 0,1% bzw. 0,2% lie­gen. Zu­mal auch wie­der neue Mu­ta­tio­nen dro­hen, die man al­ler­dings nicht da­mit be­kämpft, die Ein­rei­se für Pri­vat­per­so­nen durch Grenz­schlie­ßun­gen auf­zu­he­ben bzw. mit Qua­ran­tä­ne­maß­nah­men zu er­schwe­ren. Statt­des­sen sperrt man lie­ber al­le weg.

  5. Kla­gen müs­sen hel­fen. Was bleibt denn sonst an Mög­lich­kei­ten der »Par­ti­zi­pa­ti­on«. Ich ha­be in den letz­ten Mo­na­ten mei­ne de­mo­kra­ti­sche Grund­hal­tung ge­än­dert. Nach den Dis­kus­sio­nen... kommt die Kla­ge. Das ist mein post­kom­mu­ni­ka­ti­ves Mo­dell. [Ich weiß gar nicht mehr, wie hieß die­ser Theo­rie-Schlumpf, der auf der Ba­sis von Mas­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on das welt­bür­ger­li­che Zeit­al­ter an­bre­chen sah...]
    Es hat das Schreck­li­che im Prin­zip schon be­gon­nen. Zi­tat von Di Fa­bio: »Es gilt zu er­ken­nen, dass heu­te in west­li­chen Kern­staa­ten... die Ge­sell­schaft ei­nen Kon­for­mi­täts­druck auf­baut und den Rechts­staat in sei­nen For­men und Ver­fah­ren in die De­fen­si­ve bringt...«. Aus dem Ka­pi­tel: Die Frei­heit der Po­li­tik als Ri­si­ko der Ge­sell­schaft.
    Die Über­schrift muss man sich auf der Zun­ge zer­ge­hen las­sen. Dass die Po­li­tik ein Ri­si­ko birgt, wur­de of­fen­bar er­folg­reich ver­ges­sen. Da ste­hen wir nun, und sind al­le auf To­ta­li­ta­ris­mus ge­eicht, und er­war­ten den Ein­bruch »ins Sy­stem« durch ei­nen (selbst au­to­no­men) Usur­pa­tor. Da­bei ent­geht uns die sy­stem­kon­for­me To­ta­li­sie­rung, die ei­ne Mehr­heits­ge­sell­schaft durch »po­li­tisch-mo­ra­li­sche Ver­hal­tens­an­wei­sun­gen« er­rei­chen kann. Die To­ta­li­sie­rung zielt gar nicht auf die Auf­he­bung der Ge­wal­ten­tei­lung son­dern ver­wirk­licht sich über die Ein­schär­fun­gen von Ideen und mo­no­to­nes »Ver­hal­tens­trai­ning«. Man kann es be­reits am Un­be­ha­gen über den Be­griff »Main­stream« er­ken­nen: die Lem­min­ge lä­cheln das weg, und die Kri­ti­ker ha­ben höch­ste Not zu er­klä­ren, was ge­nau da­mit ei­gent­lich nicht stimmt.
    Als Hob­by-Theo­re­ti­ker glau­be ich, dass nach dem weit aus­grei­fen­den Kom­mu­ni­ka­ti­ons-Kon­zept (Ha­ber­mas hieß der Schlumpf, jetzt fällt’s mir wie­der ein) der Be­griff des »Ver­hal­tens« für die un­mit­tel­bar näch­ste Zeit ana­ly­tisch wich­tig wird. Al­les was man Kom­mu­ni­ka­ti­on nann­te (theo­re­tisch auf das Ver­nunft-Kon­zept ge­münzt), war in echt (al­so im all­ge­mei­nen Voll­zug) nur Ver­hal­ten. Da­mit will ich nicht sa­gen, dass uns die »wah­re Kom­mu­ni­ka­ti­on« im­mer noch fehlt. Im Ge­gen­teil, die Ver­nunft ent­fal­tet sich nicht durch/über Kom­mu­ni­ka­ti­on, das ist Blöd­sinn ex ca­the­dra.
    Wir müs­sen uns von der Il­lu­si­on ver­ab­schie­den, dass Mas­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on die Mög­lich­keit der Kon­trol­le durch das In­di­vi­du­um be­inhal­tet. MK ist aus­schließ­lich »au­ßen­ak­tiv«.
    Und wenn ir­gend­wo ei­ne »De­bat­te« statt­fin­det, kann man da­von aus­ge­hen, dass die Ver­ein­nah­mungs­ap­pa­ra­te auf Hoch­tou­ren lau­fen. (Schön in die­sem Zu­sam­men­hang, dass auch All­ge­mein­be­grif­fe wie »De­bat­te« ei­nen kon­zi­den Sinn ha­ben, der al­len die­sel­be »War­nung« über­mit­telt... Ir­gend­wie fair.).
    De­mo­kra­tie, ich has­se Dich!

  6. Par­don, der »kon­zi­de Sinn« wur­de durch un­ge­schick­te Fin­ger ver­ur­sacht. Ein kon­zi­ser Sinn schweb­te mir vor, aber die Lu­zi­di­tät hat sich wohl da­zwi­schen ge­mo­gelt.

  7. Die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mo­del­le sind eben nur Mo­del­le. In der Pra­xis sieht das an­ders aus: Im öf­fent­li­chen Raum wer­den Mei­nun­gen, Ver­hal­tens­wei­sen trotz In­ter­net und »so­zia­ler Me­di­en« im­mer noch mit Tür­hü­ter­pra­xis ge­formt. Die Pan­de­mie zeigt das sehr schön, aber schon in an­de­ren Kri­sen­sze­na­ri­en der letz­ten De­ka­de kann man das er­ken­nen: Ob Fi­nanz­kri­se, Flücht­lings­strö­me oder En­er­gie­kon­zep­te für die Zu­kunft – es gibt ei­nen Mei­nungs­kor­ri­dor, der be­dient wird. Was au­ßer­halb liegt, bleibt ver­bor­gen. Wer öf­fent­lich-recht­li­che Me­di­en nutzt, be­kommt nie Zah­len zu den Be­le­gun­gen der In­ten­siv­sta­tio­nen, er er­hält kei­ne zu­ver­läs­si­gen Da­ten über die In­te­gra­ti­on der Flücht­lin­ge seit 2015ff. Die­sen Raum be­set­zen Ak­ti­vi­sten – sei es rechts oder links. So ent­ste­hen Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen. Je mehr man dann da­ge­gen kom­mu­ni­ziert, um­so deut­li­cher die La­ger­bil­dung.

    Es ist auf Twit­ter un­mög­lich, Ar­gu­men­te ge­gen das – Ach­tung: rich­ti­ger Na­me: »Be­völ­ke­rungs­schutz­ge­setz« zu for­mu­lie­ren, oh­ne nicht bin­nen we­ni­ger Mi­nu­ten ei­nen Co­ro­na-Leug­ner zum Zu­stim­mer zu be­kom­men (der ei­nem so­fort er­klärt, dass man mit Imp­fun­gen ge­chippt wird) oder sel­ber in die­ses La­ger über­führt zu wer­den.

    Kla­gen vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt dürf­ten wenn über­haupt nur in Mo­na­ten ei­nen Er­folg ha­ben. Das Ge­richt ist lei­der zu ei­nem Werk­zeug der Le­gis­la­ti­ve ge­wor­den.

    (PS: Hier die Ab­stim­mungs­re­sul­ta­te zum »Be­völ­ke­rungs­schutz­ge­setz«. Die­je­ni­ge, die Kanz­le­rin wer­den möch­te, hat sich – wie fast al­le »Grü­nen« – ent­hal­ten.

  8. Dass die Mo­del­le falsch sind, fin­de ich schon be­mer­kens­wert. Der ach so ra­tio­na­le We­sten weiß al­so gar nicht, wie er sel­ber tickt?! So vie­le »Theo­re­ti­ker« und noch im­mer so vie­le Fra­gen... Ich ha­be Ant­wor­ten bei Bion, Tur­quet und Kern­berg ge­fun­den, die Auf­schluss ge­ben, war­um die »De­bat­ten­teil­neh­mer« den Be­zie­hungs­dia­log im­mer vor die Sach­fra­gen stel­len. Die so­zia­len Me­di­en bil­den die ele­men­ta­ren Be­dürf­nis­se kom­plett ab: Zu­ge­hö­rig­keit, Ko­ope­ra­ti­on, Or­ga­ni­sa­ti­on, Ero­tik, Stär­ke, Iden­ti­tät, etc. Und dann kommt lan­ge nichts, und schließ­lich ein paar Fra­gen von Mensch­heits-er­schüt­tern­dem In­ter­es­se. Ho­mo sa­pi­ens sa­pi­ens.
    ***
    Ja, Karls­ru­he war ei­ne Ent­täu­schung. Der Se­nat ist wohl der Mei­nung, dass wir die Aus­höh­lung der Staat­lich­keit bes­ser un­ter uns klä­ren. »Ist eu­er Ri­si­ko, wenn ihr die Schul­den an­de­rer Staa­ten ab­si­chert...«. Da hat der Se­nat ir­gend­wie recht. Wir tra­gen das!