Jür­gen Pe­ter­sen: Re­prä­sen­ta­ti­on in De­mo­kra­ti­en

Jürgen Petersen: Repräsentation in Demokratien

Jür­gen Pe­ter­sen:
Re­prä­sen­ta­ti­on in De­mo­kra­ti­en

»Der Kern mo­der­ner De­mo­kra­ti­en ist die Repräsent­ation«. So steht es auf dem Rück­deckel des Bu­ches »Re­prä­sen­ta­ti­on in De­mo­kra­ti­en«. Aber was be­deu­tet das? Wie ver­ste­hen die Re­prä­sen­tan­ten ih­re Re­prä­sen­ta­ti­on? Wem gilt sie? Nur den Wäh­lern oder gar al­len, die sich im geo­gra­fi­schen Be­reich des Re­prä­sen­tan­ten be­fin­den? Wel­cher Art und wel­chen In­hal­tes sind die hand­lungs­struk­tu­rie­ren­den Kon­zeptionen von Re­prä­sen­ta­ti­on in de­mo­kra­ti­schen Syst­emen? Und: Gibt es Un­ter­schie­de zwi­schen den Reprä­sentationsmodellen bei­spiels­wei­se in Deutsch­land und den USA?

Der Au­tor Dr. Jür­gen Pe­ter­sen ist wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter an der Uni­ver­si­tät Frank­furt und Re­se­arch As­so­cia­te am dor­ti­gen Zen­trum für Nord­ame­ri­ka-For­schung (ZENAF). Er ver­sucht die­se Fra­gen zu be­ant­wor­ten und be­dient sich da­bei ei­nes denk­bar ein­fa­chen Mit­tels: der Be­fra­gung. Da­bei steht er vor dem Di­lem­ma, eben­falls ein re­prä­sen­ta­ti­ves Er­geb­nis vor­zu­le­gen, was er durch­aus the­ma­ti­siert, wenn auch nicht ganz über­zeu­gend (da­zu spä­ter).

Pe­ter­sen hat­te zwei mit­tel­gro­ße Uni­ver­si­täts­städ­te aus­ge­sucht – Ann Ar­bor in Michigan/­USA und Göt­tin­gen in Niedersachsen/Deutschland. Aus die­sen »durchschnitt­lichen« Städ­ten wur­den Po­li­ti­ker in so­ge­nann­ten Eli­ten­in­ter­views in­ter­viewt. Die Be­fra­gun­gen wur­den in of­fe­nen, nar­ra­ti­ven und ak­teurs­zen­trier­ten Ge­sprä­chen durch­ge­führt (sie dau­er­ten je nach Ver­lauf im Schnitt ca. 75 Mi­nu­ten [das va­ri­ier­te je­doch von 20 bis 140]), auf­ge­zeich­net und an­schlie­ßend tran­skri­biert. In Göt­tin­gen wur­den sie im No­vem­ber und De­zem­ber 2002, in Ann Ar­bor im März und April 2003 vor­ge­nom­men. Es wur­den je­weils 6 Mit­glie­der des »Stadt­rats« (bzw. »Ci­ty Coun­cils« [be­mer­kens­wert: der »Ci­ty Coun­cil« in Ann Ar­bor be­stand aus zehn Mit­glie­dern – der ver­gleich­ba­re Stadt­rat in Göt­tin­gen aus 46]), 3 Mit­glie­der des »Mi­chi­gan House of Re­p­re­sen­ta­ti­ve«, 2 Mit­glie­dern des »Mi­chi­gan Se­na­te« und äqui­va­lent da­zu 3 Mit­glie­der des nie­der­säch­si­schen Land­tags be­fragt. Den Ab­schluss bil­de­ten je 2 In­ter­views von Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten bzw. dem US »House of Re­p­re­sen­ta­ti­ves«.

Aus­schnitt­wei­se wird im Buch aus den In­ter­views zi­tiert. Da­bei mag es zwar aus Grün­den der Au­then­ti­zi­tät vor­teil­haft sein, die Aus­sa­gen der US-Po­li­ti­ker (wie auch Pas­sa­gen aus an­gel­säch­si­scher Fach­li­te­ra­tur) im eng­li­schen Ori­gi­nal zu zi­tie­ren, für den deut­schen Le­ser ist dies je­doch min­de­stens är­ger­lich, ge­le­gent­lich ei­ne Zu­mu­tung (im um­ge­kehr­ten Fall dürf­te schließ­lich auch nie­mand ei­nem ame­ri­ka­ni­schen Le­ser die Aus­sa­gen der Göt­tin­ger Po­li­ti­ker in deut­scher Spra­che »zu­mu­ten« wol­len). Eben­falls au­ßer­ge­wöhn­lich ist, dass die zi­tier­ten Po­li­ti­ker mit Pseud­ony­men be­dacht wer­den, was im Klein­ge­druck­ten des Bu­ches ver­schwin­det. Da­bei wer­den zahl­rei­che Kri­te­ri­en be­nannt, nach de­nen sie mit ih­ren Real­namen ver­mut­lich iden­ti­fi­zier­bar wä­ren. Dass ge­wähl­te bzw. sich zur Wahl stel­len­de Reprä­sentanten Aus­sa­gen zu ih­rem je­wei­li­gen Ver­ständ­nis von Re­prä­sen­ta­ti­on nur un­ter Pseud­onym ab­ge­ben, er­scheint sehr un­ge­wöhn­lich. War­um so ver­fah­ren wur­de bleibt von Pe­ter­sen un­the­ma­ti­siert, was über­ra­schend ist, da er an­son­sten je­de Klei­nig­keit bis in den letz­ten (wis­sen­schaft­li­chen) Win­kel ana­ly­siert und aus­leuch­tet.

Un­mög­lich, die zahl­rei­chen Ver­wei­se des Au­tors in die theo­re­ti­sche po­li­tik-wis­sen­­schaf­t­­li­che Li­te­ra­tur über Re­prä­sen­ta­ti­on in De­mo­kra­ti­en, die er in die­sem Buch auf­fä­chert und spä­ter dann zum In­stru­men­ta­ri­um sei­ner Aus­wer­tun­gen macht, zu­sammenfassen zu wol­len. Der Kern des Bu­ches – die In­ter­views und de­ren kon­tex­tu­el­le Ein­bet­tung in die je­wei­li­ge po­li­ti­sche Kul­tur des Lan­des – liegt zwi­schen Sei­te 80 und Sei­te 200. Da­nach wer­den auf et­was mehr als ein­hun­dert Sei­ten de­tail­rei­che und klu­ge Ana­ly­sen an­ge­stellt.

Die grund­le­gen­den Dif­fe­ren­zen zwi­schen dem Ver­ständ­nis von po­li­ti­scher Par­ti­zi­pa­ti­on des Bür­gers zwi­schen den USA und Deutsch­land tre­ten schon wäh­rend der Wie­der­ga­be von Kern­aus­sa­gen der In­ter­views der je­wei­li­gen Re­prä­sen­tan­ten zu Ta­ge. Pe­ter­sen ver­schärft die­se noch, da er ins­be­son­de­re bei sei­nen Aus­füh­run­gen zu den Äu­ße­run­gen der deut­schen Po­li­ti­ker ei­nen leicht ab­schät­zi­gen Un­ter­ton an­schlägt. Ge­gen En­de des Bu­ches gibt er die­se sub­jek­ti­ve Sicht­wei­se, die deut­lich mehr Sym­pa­thi­en für das ame­ri­ka­ni­sche »Syst­em« er­ken­nen lässt, of­fen zu. Ob Pe­ter­sen da­bei die wis­sen­schaft­li­che Ob­jek­ti­vi­tät ver­letzt, mö­gen an­de­re be­ur­tei­len. Für den an deut­scher Po­li­tik in­ter­es­sier­ten Le­ser las­sen sich des­sen un­ge­ach­tet er­staun­li­che Ein­sich­ten ge­win­nen.

Sach­po­li­ti­ker, Bür­ger­re­prä­sen­tant, Po­li­tik­ge­stal­ter

Im Lau­fe des Bu­ches ent­wirft Pe­ter­sen drei »Po­li­ti­ker­mo­del­le«: Sach­po­li­ti­ker, Bürger­politiker oder Bür­ger­re­prä­sen­tant und Po­lit­ge­stal­ter (na­tur­ge­mäß kom­men die­se Typo­logisierungen ver­ein­fa­chend da­her; ge­wis­se ge­gen­sei­ti­ge Durch­drin­gun­gen wer­den konzed­iert und auch the­ma­ti­siert). Der Sach­po­li­ti­ker ist vor al­lem ein deut­sches Phän­omen. Er ent­wickelt ei­ne deut­li­che Af­fi­ni­tät zum Po­li­ti­ker als Be­ruf, der sich sehr stark an Par­tei und Frak­ti­on bin­det und sich die­sen Or­ga­nen ver­ant­wort­lich fühlt. Die Bür­ger sind hier letzt­lich nur »Ent­sen­der«. Der Re­prä­sen­tant sieht sich da­bei we­ni­ger als Re­prä­sen­tant des Bür­gers, son­dern sei­ner Par­tei.

In­ter­es­sant ist, dass dies be­reits auf der Lo­kal­ebe­ne in Göt­tin­gen gän­gi­ge Pra­xis zu sein scheint. Schon hier se­hen sich die Stadt­ra­tre­prä­sen­tan­ten als pro­fes­sio­nel­le Ak­teu­re (auch wenn dies mit ih­rer fi­nan­zi­el­len Ver­gü­tung nicht un­be­dingt zu­sam­men­passt). Mit Pit­kin sieht der Au­tor die­ses Den­ken als Frei­brief für Hand­lungs­frei­heit des Re­prä­sen­tan­ten oh­ne Re­spon­si­bi­li­täts­ver­pflich­tung bzw. oh­ne Ver­ant­wort­lich­keit dem »ein­fa­chen« Bür­ger ge­gen­über. Hier­mit wird ein ty­pi­sches Merk­mal deut­schen Po­li­tik­ver­ständ­nis­ses of­fen­bar, was Pe­ter­sen fast bis zur Schmerz­gren­ze im­mer wie­der be­tont. Par­tei­en in Deutsch­land neh­men ge­nau je­nen Platz zwi­schen Staat und Ge­sell­schaft ein, von dem aus sie einer­seits die Bür­ger po­li­tisch mo­bi­li­sie­ren und in­te­grie­ren und an­de­rer­seits den Staat gesell­schaftlich öff­nen und de­mo­kra­ti­sie­ren. In den Frak­tio­nen fin­det der Aus­tausch unter­einander statt, da nie­mand zu al­len The­men­be­rei­chen aus­rei­chend in­for­miert ist. Ein wesent­licher Be­stand­teil die­ser sach­po­li­ti­schen Her­an­ge­hens­wei­se ist der »Ex­per­te«. Sach­politik folgt Ex­per­ten­an­hö­run­gen und wird dem­zu­fol­ge als »ver­nünf­tig« be­trach­tet. Auf die Pro­ble­ma­tik die­ses Ex­per­ten­tums geht Pe­ter­sen am Ran­de ein.

Viel sel­te­ner fin­den sich in Deutsch­land die an­de­ren bei­den Re­prä­sen­ta­ti­ons­for­men. Da wä­re zu­nächst der Bür­ger­re­prä­sen­tant, der in Ann Ar­bor vor al­lem auf lo­ka­ler Ebe­ne den Sta­tus als Po­li­ti­ker fast em­pört ab­lehnt und sich so­gar ge­gen­über »den Po­li­ti­kern« ab­grenzt. Im­ma­nent sind ihm Eh­ren­amt­lich­keit, kur­ze Wahl­pe­ri­oden, ein star­ker Ein­fluss von Bür­gern auf po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen, ho­her Grad an Of­fen­heit und Öf­fent­lich­keit po­li­ti­scher Pro­zes­se, die ei­ge­ne Un­ab­hän­gig­keit und Ent­schei­dungs­frei­heit. Der Bür­gerrepräsentant sieht sein Amt als tem­po­rä­re Über­nah­me ei­ner Bür­ger­pflicht. Meist ge­schieht dies oh­ne di­rek­ten sach­li­chen Über­bau und ist rein per­so­nen­be­zo­gen. Zwar wer­den die Par­tei­en in den USA nicht ganz aus­ge­blen­det (sie fi­nan­zie­ren und or­ga­ni­sie­ren bei­spiels­wei­se Wahl­kämp­fe), aber sie spie­len in kei­nem Fall ei­ne der­art do­mi­nan­te Rol­le wie in Deutsch­land.

Schließ­lich gibt es noch den Po­li­tik­ge­stal­ter, der ei­ne ge­mein­wohl­ori­en­tier­te Su­che nach ge­setz­ge­be­ri­schen Kom­pro­mis­sen für die je­wei­li­ge obe­re Ebene…verbunden mit der Kon­zep­ti­on po­li­ti­scher In­hal­te im Sin­ne kon­kre­ter, plu­ra­li­sti­scher In­ter­es­sen sucht. Er ist der klas­si­sche Kom­pro­miss­su­cher und wür­de da­mit fast dem dis­kurs­ethi­schen Ide­al ent­spre­chen.

Der Bür­ger ist nur Wäh­ler

Im wei­te­ren Ver­lauf der Be­spre­chung der In­ter­views aus Ann Ar­bor er­gibt sich durch­aus ei­ne Ver­schie­bung des Re­prä­sen­ta­ti­ons­ge­dan­kens. Ein we­nig grob zu­sam­men­ge­fasst kann man sa­gen: Je hö­her die Po­si­ti­on ist, die ver­tre­ten wird (al­so auf Lan­des- oder gar Bundes­ebene), je fer­ner wird der Ge­dan­ke, un­mit­tel­bar Re­prä­sen­tant der Bür­ger (oder auch nur Wäh­ler; ein im Buch durch­aus the­ma­ti­sier­ter Un­ter­schied) zu sein. Die­se durch­aus vor­han­de­ne Dif­fe­renz fällt in Ann Ar­bor deut­li­cher aus als in Göt­tin­gen, weil dort be­reits auf lo­ka­ler Ebe­ne der ein­zel­ne Bür­ger eher als stö­rend emp­fun­den wird (was an den un­ter­schied­li­chen Äu­ße­run­gen zu per­sön­li­chen Kon­tak­ten ab­zu­le­sen ist – in den USA ist dies selbst­ver­ständ­lich und er­wünscht, in Deutsch­land eher nicht). In Deutsch­land wird der »un­or­ga­ni­sier­te« Bür­ger eher als Ge­gen­part zum Po­li­ti­ker be­trach­tet. An­lie­gen soll er wenn mög­lich in Petition(en) vor­brin­gen, was ihn letzt­lich auf ei­ne Bitt­stel­ler­funk­ti­on re­du­ziert.

Skep­tisch be­trach­tet man in Deutsch­land auch Bür­ger­initia­ti­ven, die sich (meist auf lo­ka­ler Ebe­ne) ei­nem An­lie­gen de­zi­diert wid­men. Nicht ganz un­be­rech­tigt for­mu­lie­ren die Po­li­ti­ker ih­re Vor­be­hal­te da­hin­ge­hend, dass hier meist nur ei­ne Min­der­hei­ten­mei­nung ar­ti­ku­liert wird (das Wort der »schwei­gen­den Mehr­heit« spielt in die­se Rich­tung). Wenn die In­itia­ti­ve ei­ne ge­wis­se Grö­ße er­reicht hat und das An­lie­gen Wi­der­hall fin­det, wird ei­ne partei­politische Ver­ein­nah­mung ver­sucht. Ge­lingt dies nicht, schwin­det das In­ter­es­se wie­der. Erst auf sehr gro­ßer, in­sti­tu­tio­na­li­sier­ter Ebe­ne wer­den dann po­li­ti­sche Forder­ungen wie­der zur Kennt­nis ge­nom­men. Zu­sam­men­ge­fasst be­steht in Deutsch­land ei­ne Di­stanz zur brei­te­ren po­li­ti­schen Par­ti­zi­pa­ti­on durch die Bür­ger, so­fern sie sich nicht in den da­für vor­ge­se­he­nen In­sti­tu­tio­nen (vor al­lem Par­tei­en, aber auch Ge­werk­schaf­ten, Ver­bän­den oder Or­ga­ni­sa­tio­nen) statt­fin­det. Die­se Fi­xie­rung In­sti­tu­tio­nen ge­gen­über spie­gelt sich ja auch in der An­sicht, dass, wer an Po­li­tik mit­ar­bei­ten möch­te, dies in ei­ner Par­tei zu tun ha­be. [Die­se Fi­xie­rung auf In­sti­tu­tio­nen lässt sich schön bei Chri­stoph Möl­lers nach­le­sen.]

Die Aus­nah­me ist die al­le vier (oder fünf) Jah­re statt­fin­den­de Wahl. Er­staun­lich das of­fe­ne Ein­ge­ständ­nis, dass man Wahl­kämp­fe als »In­for­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen« für den Bür­ger sieht, der für die näch­ste Le­gis­la­tur­pe­ri­ode die po­li­ti­sche Rich­tung vor­gibt. Nach Ab­ga­be der Stim­me ist dann sein Teil »er­le­digt«. Nur als Wäh­ler ist der Bür­ger ak­ti­ver Sou­ve­rän. Dies hat, wie Pe­ter­sen glaubt her­aus­ge­fun­den zu ha­ben, mit ei­ner grund­sätz­lich eher ne­ga­ti­ven Sicht auf den »Bür­ger« zu tun: Ihm wird so­wohl das In­ter­es­se an Po­li­tik wie sach­po­li­ti­sches Wis­sen ab­ge­spro­chen. Zu­min­dest die In­ter­views mit den Göt­tin­ger Po­li­ti­kern le­gen die­sen Schluss tat­säch­lich na­he.

Das Ge­mein­wohl in den USA und Deutsch­land

Die Un­ter­schie­de zwi­schen der po­li­ti­schen Re­prä­sen­ta­ti­ons­kul­tur in den USA und Deutsch­lands sind oh­ne die je­wei­li­ge Ge­mein­wohl­de­fi­ni­ti­on nicht er­klär­bar. Pe­ter­sen geht hier­auf aus­führ­lich ein und die­se Ka­pi­tel ge­hö­ren zu den in­ter­es­san­te­sten in die­sem Buch.

Bei den Göt­tin­ger Po­li­ti­kern fällt der Aus­druck kaum; er wird höch­stens in­di­rekt be­nannt oder um­schrie­ben (bei­spiels­wei­se: »das gro­ße Gan­ze«). Des­wei­te­ren ist auch die De­fi­ni­ti­on des Ge­mein­wohls – oder des »gro­ßen Gan­zen« – arg un­kon­kret und wird mit spitz­fin­di­ger Flos­kel­haf­tig­keit ab­ge­han­delt. Sach­ge­rech­te Po­li­tik, so wird sug­ge­riert, ist an sich gut für den Wahl­kreis wie für Deutsch­land, für die Bür­ger im Wahl­kreis wie für die Ver­bän­de auf Lan­des­ebe­ne – und da­mit auch ge­mein­wohl­ori­en­tiert. Hier sind es we­ni­ger die Reprä­sentanten selbst, wel­che ge­mein­wohl­ori­en­tier­te Sach­po­li­tik für al­le her­stel­len, son­dern viel­mehr die In­sti­tu­tio­nen des po­li­ti­schen Rau­mes ins­ge­samt. Es wird in und mit In­sti­tu­tio­nen Po­li­tik für die Bür­ger ge­macht, nicht un­be­dingt mit ih­nen (im­mer so­fern es sich um »un­or­ga­ni­sier­te« Bür­ger han­delt). Sach­ge­setz­lich­keit statt Volks­wil­len (wo­bei in die­sem Mo­ment in­si­nu­iert wird, dass Volks­wil­len er­stens ho­mo­gen und zwei­tens als im­peratives Man­dat exi­stiert und des­sen Um­set­zung im­mer wün­schens­wert ist). Oder, um es po­si­tiv zu for­mu­lie­ren: »Ver­hand­lungs­staat« statt Durch­set­zung ideo­lo­gi­scher Po­li­tik­ent­wür­fe.

Pe­ter­sen ar­bei­tet her­aus, dass der Be­griff des Ge­mein­wohls auch aus hi­sto­ri­scher Sicht in Deutsch­land im­mer noch am­bi­va­lent be­trach­tet wird, wenn nicht gar ne­ga­tiv kon­no­tiert ist. Be­leg da­für ist auch die teil­wei­se re­flex­haf­te Ab­leh­nung von Ro­bert Ha­becks Schrift über ei­nen neu for­mu­lier­ten ge­mein­wohl­ori­en­tier­ten, lin­ken Pa­trio­tis­mus. Liest man Pe­ter­sens Aus­füh­run­gen ge­nau, so könn­te man ver­mu­ten, dass er glaubt, dass die­se Re­ser­viert­heit dem Ge­mein­wohl­den­ken ge­gen­über der Po­li­tik nicht be­son­ders unan­genehm ist. Dies steht im Ge­gen­satz zur fast em­pha­ti­schen Ge­mein­wohl-De­fi­ni­ti­on in den USA, der in na­he­zu al­len ge­sell­schaft­li­chen Schich­ten brei­ter Kon­sens ist.

Die­ser Kern­be­stand an Ide­en des »Ame­ri­can creed« um­fasst die Idea­le von Frei­heit, Gleich­heit, An­ti-Eta­tis­mus, In­di­vi­dua­lis­mus und Po­pu­lis­mus – kurz und grif­fig als »Ame­ri­ka­nis­mus« be­zeich­net. Die­ser Ame­ri­ka­nis­mus ist in den USA un­um­strit­ten und, po­pu­lär for­mu­liert, Ziel und Ba­sis al­len po­li­ti­schen Han­delns. Der frap­pie­rend­ste Unter­schied zum deut­schen (Neo)-Korporatismus liegt im ame­ri­ka­ni­schen An­ti-Eta­t­is­mus; in Deutsch­land spielt der Staat ei­ne do­mi­nan­te Rich­tungs- und Für­sor­ge­rol­le, was in den USA un­be­kannt und auch weit­ge­hend un­ge­wollt ist.

In den USA gibt es nun ver­schie­de­ne In­ter­pre­ta­tio­nen die­ses Grund­kon­sen­ses, die sich in Pha­sen von Kon­flikt und Re­form prag­ma­tisch ge­gen­sei­tig durch­drun­gen ha­ben und nicht im­mer ein­fach zu tren­nen sind. Pe­ter­sen un­ter­sucht aus­führ­lich und packend die bei­den Haupt­in­ter­pre­ta­tio­nen: ei­ne »li­be­ra­le« und ei­ne »re­pu­bli­ka­ni­sche« Va­ri­an­te. (Der Au­tor weist dar­auf hin, dass die bei­den Be­grif­fe ide­en­ge­schicht­lich und nicht par­tei­po­li­tisch zu ver­ste­hen sind; auch wenn es durch­aus mög­lich ist, auf­grund der Cha­rak­te­ri­sie­run­gen par­tei­po­li­ti­sche Zu­ord­nun­gen vor­zu­neh­men.)

Die re­pu­bli­ka­ni­sche Va­ri­an­te ver­wen­det sehr stark den Be­griff der ho­mo­ge­nen ‘com­mu­ni­ty’, die als kon­sti­tu­ie­ren­der Maß­stab gilt. Kern des po­si­tiv be­setz­ten re­publikanischen ‘community’-Begriffs ist: Der Bür­ger muss, eben­so wie der Po­li­ti­ker, die Ge­mein­schaft als ’sei­ne’ po­li­tisch-so­zia­le Ein­heit wahr­neh­men und ei­ne so­li­da­ri­sche Iden­ti­tät mit ihr ge­ne­rie­ren. Wäh­rend der Li­be­ra­lis­mus dar­auf ver­traut, dass aus dem in­ter­es­sen­ge­lei­te­ten Han­deln der Ein­zel­nen in der Sum­me das Be­ste für al­le ent­steht, so ist die re­pu­bli­ka­ni­sche Va­ri­an­te auf ei­ne ex­pli­zi­te Vor­stel­lung des Ge­mein­wohls aus­ge­rich­tet. Statt Plu­ra­li­tät soll Ei­nig­keit die Wil­lens­bil­dung der Ge­mein­schaft be­stim­men.

In der re­pu­bli­ka­ni­schen Va­ri­an­te wird das Gemeinwohl…durch zi­vil­ge­sell­schaft­li­ches En­ga­ge­ment ak­tiv her­ge­stellt, wäh­rend es in der li­be­ra­len Ver­si­on im Re­gel­fall aus der Kon­kur­renz al­ler In­ter­es­sen au­to­ma­tisch ent­steht und die Po­li­tik nur im Ein­zel­fall re­gelnd ein­grei­fen soll. In­so­fern ste­hen sich in der li­be­ra­len und der re­pu­bli­ka­ni­schen Tra­di­ti­on zwei ver­schie­de­ne Kon­zep­tio­nen des Ge­mein­wohl­be­grif­fes ge­gen­über. Ei­ner­seits ein pro­ze­du­ra­ler, plu­ra­li­sti­scher Be­griff des ‘pu­blic in­te­rest’, an­de­rer­seits ein appellat­orischer, sub­stan­ti­el­ler Be­griff des ‘com­mon good’.

Die zen­tra­le Dif­fe­renz der zwei ide­al­ty­pi­schen Kon­zep­tio­nen von Re­prä­sen­ta­ti­on ist die Konstrukt­ion des Ver­hält­nis­ses zwi­schen ge­sell­schaft­li­cher und staat­li­cher Sphä­re, das eng mit dem un­ter­schied­li­chen Bild des in­di­vi­du­el­len Bür­gers ver­bun­den ist (wo­bei in re­pu­bli­ka­ni­scher wie li­be­ra­ler Tra­di­ti­on De­mo­kra­tie von ‘un­ten’ her, vom Bür­ger im Wahl­kreis ge­dacht wird). Li­be­ral, so Pe­ter­sen, wird hier als ne­ga­ti­ve Frei­heit de­fi­niert. Im­ma­nent ist ih­re deut­lich kon­zep­tio­nel­le Di­stan­zie­rung von Ge­sell­schaft und Staat, von Bür­gern und Re­prä­sen­tan­ten. Die re­pu­bli­ka­ni­sche Va­ri­an­te (die Pe­ter­sen durch­aus mit kom­mu­ni­ta­ri­sti­schen Ele­men­ten durch­drun­gen sieht) ver­fech­tet ei­ne »Pro­gram­ma­tik« der positive[n] Frei­heit zur Selbst­re­gie­rung, was ei­ne gleich­be­rech­tig­te und star­ke lo­ka­le Be­tei­li­gung al­ler Bürger…in der ‘com­mu­ni­ty’ be­deu­tet. Da­bei wird in bei­den Konstrukt­ionen ei­ne ak­ti­ve Teil­nah­me am öf­fent­li­chen Le­ben ge­for­dert. In der li­be­ra­len Re­fle­xi­on soll sie aber auf die Ge­sell­schaft be­schränkt blei­ben, wäh­rend sie in der republik­anischen ge­nu­in po­li­tisch ge­dacht wird.

Aus­wir­kun­gen auf die Re­prä­sen­ta­ti­ons­kul­tur

Über­trägt man die­se Welt­an­schau­un­gen (li­be­ral oder re­pu­bli­ka­nisch) auf die Reprä­sentationsproblematik, so er­ge­ben sich in­ter­es­san­te Aus­wir­kun­gen. Li­be­ral kon­stru­ier­te Re­prä­sen­ta­ti­on bleibt…im po­li­tisch-kul­tu­rel­len Ide­al vol­ler Wi­der­sprü­che: Der Bür­ger ist ei­ner­seits po­li­ti­scher In­ter­es­sen­ma­xi­mie­rer, wird aber als Wäh­ler auch zum Kon­trol­leur; er kon­trol­liert so­wohl die Ein­hal­tung der In­ter­es­sen­ver­tre­tung als auch des li­be­ra­len Ver­spre­chens, als Re­prä­sen­tant neu­tra­ler Ver­mitt­ler zu sein; der Re­prä­sen­tant ist Po­li­tik­ge­stal­ter, des­sen in­di­vi­dua­li­sti­sche Selbst­sicht als mög­lichst un­ab­hän­gi­ger Ak­teur es ihm er­mög­licht, in Di­stanz zu ei­ge­nen und frem­den In­ter­es­sen ei­ne Lö­sung gesell­schaftlich re­ge­lungs­be­dürf­ti­ger Pro­ble­me zu su­chen; die Su­che soll dem Gemein­wohl die­nen, aber gleich­zei­tig nicht ei­ne spe­zi­fisch in­halt­li­che Gemeinwohlvor­stellung prä­fe­rie­ren. Die welt­an­schau­lich ho­mo­ge­ne com­mu­ni­ty des republik­anischen Mo­dells kennt die­se Wi­der­sprü­che na­tur­ge­mäß nicht.

Ver­ein­facht lässt sich al­so sa­gen: der Bür­ger­re­prä­sen­tant folgt eher dem re­pu­bli­ka­ni­schen, der Po­li­tik­ge­stal­ter mehr dem li­be­ra­len Mo­dell. Der »deut­sche« Sach­po­li­ti­ker fin­det inner­halb die­ser Ka­te­go­ri­en kei­ne di­rek­te Ent­spre­chung, ten­diert je­doch trotz der heraus­gestellten gro­ßen Dif­fe­ren­zen und dem Hang zur Über-In­sti­tu­tio­na­li­sie­rung zum heter­ogenen li­be­ra­len Ent­wurf. Die Dif­fe­ren­zen in der Re­prä­sen­ta­ti­ons­kul­tur in den bei­den Län­dern las­sen sich auf ei­nen knap­pen Nen­ner brin­gen: Im Göt­tin­ger Fall kon­stru­ier­ten die Po­li­ti­ker Re­prä­sen­ta­ti­on vor­wie­gend über ei­ne af­fir­ma­ti­ve Er­zäh­lung von institut­ionellen Rou­ti­nen, wäh­rend dies in Ann Ar­bor stär­ker über Be­zü­ge auf ideal­typische Kon­zep­ti­on ge­schah.

Pe­ter­sen un­ter­sucht nicht di­rekt, ob die­se Form der durch­aus ein­ge­schränk­ten Re­prä­sen­ta­ti­on im deut­schen »Fall« ein Grund für die so häu­fig be­klag­te Po­li­tik- oder Po­li­ti­ker­ver­dros­sen­heit ist (bzw. ob die­se Stim­mung über­haupt zu­trifft). Dies hät­te si­cher­lich den Rah­men sei­ner Un­ter­su­chung ge­sprengt. Lei­der ver­gisst er aber auch, den zu re­prä­sen­tie­ren­den Bür­ger in ir­gend­ei­ner Form zu Wort kom­men zu las­sen. Par­al­lel mit den In­ter­views in Ann Ar­bor und Göt­tin­gen hät­te man ja durch­aus ei­nen Quer­schnitt von Bür­gern be­fra­gen kön­nen, wie sie sich re­prä­sen­tiert füh­len. Dies un­ter­blieb je­doch.

Ge­ra­de bei der Be­trach­tung des deut­schen Po­li­tik­mo­dells wä­re es er­hel­lend ge­we­sen fest­zu­stel­len, ob die Bür­ger mit die­ser in­sti­tu­tio­na­li­sier­ten, schein­bar an­ti-par­ti­zi­pa­ti­ven Re­prä­sen­ta­ti­ons­kul­tur nicht viel­leicht so­gar ein­ver­stan­den sind. In ei­nem In­ter­view im Jahr 1992 sug­ge­rier­te der da­ma­li­ge Bun­des­prä­si­dent Ri­chard von Weiz­säcker ei­ne »Art von Vor­teils­auf­tei­lung zwi­schen Po­li­tik und Ge­sell­schaft.« Von Weiz­säcker wei­ter: »In der Ge­sell­schaft steht die Er­hal­tung ma­te­ri­el­ler Vor­tei­le im Vor­der­grund. Im po­li­ti­schen Sy­stem do­mi­niert die Kunst des Par­tei­en­kampfs un­ter­ein­an­der. Es geht…um Wohlstands­erhaltung ge­gen Macht­er­hal­tung.« Von ei­nem »stil­len Kon­sens zwi­schen Öffent­lich­keit und Par­tei­en« moch­te von Weiz­säcker zwar nicht spre­chen. Den­noch ist die The­se in­ter­es­sant, der Bür­ger de­le­gie­re mit der Ab­ga­be sei­ner Stim­me die po­li­ti­sche (und ge­sell­schaft­li­che) Ver­ant­wor­tung an die ent­spre­chen­den po­li­tisch Han­deln­den, um nicht wei­ter mit den Pro­ble­men be­fasst zu wer­den. Von Weiz­säcker äu­ßer­te dies im Rah­men der Dis­kus­si­on um ei­ne zu star­ke Do­mi­nanz der Par­tei­en, was er sei­ner­zeit in über­ra­schend deut­li­chen Wor­ten for­mu­lier­te. Der Ge­dan­ke, das Volk sei ei­gent­lich mit der De­le­ga­ti­on der Pro­ble­me an die Po­li­tik ein­ver­stan­den, kam bei der Kri­tik an von Weiz­säcker da­mals zu kurz.

Ver­wen­det man Pe­ter­sens hi­sto­ri­sche Kurz­dar­stel­lung der po­li­ti­schen Kul­tur Deutsch­lands (er sieht im­mer noch ein gä­ren­des Ob­rig­keits­den­ken beim deut­schen Bür­ger), so könn­te man den Spieß auch durch­aus um­dre­hen: Der Bür­ger de­le­giert mit sei­ner (wohl über­legten) Stim­me die (vul­go: sei­ne) Ver­ant­wor­tung an die sich ihm zur Wahl stel­len­den Pro­tagonisten. Es wird nicht mehr ge­tan, was die Ob­rig­keit be­fiehlt (hier­für exi­stie­ren hin­reichende Struk­tu­ren), son­dern die Ob­rig­keit er­hält ei­nen zwar zeit­lich be­fri­ste­ten, aber an­son­sten un­ein­ge­schränk­ten Ge­stal­tungs­auf­trag. Erst wenn sich der Volks­wil­le dia­me­tral ent­ge­gen­ge­setzt zum In­sti­tu­ti­ons­wil­len ver­hält oder das Wohl­stands­ver­spre­chen nicht mehr er­füllt wird (oder aus öko­no­mi­schen Grün­den er­füllt wer­den kann), wird pro­te­stiert.

Für die­se The­se spricht, dass kom­mu­na­le Bür­ger­ent­schei­de sel­ten auf die er­for­der­li­che An­zahl der Min­dest­stim­men kom­men. Zwar ge­lingt es im­mer häu­fi­ger, sol­che Abstimm­ungen (eben­falls mit­tels kom­pli­zier­ter in­sti­tu­tio­na­li­sier­ter Tech­ni­ken) herbei­zuführen – aber die Re­so­nanz bleibt in den mei­sten Fäl­len er­nüch­ternd. Oft wird das erforder­liche Quo­rum der Min­dest­stim­men nicht er­reicht und/oder die Ab­stim­mungs­be­tei­li­gung ist zu nied­rig (Bei­spiel aus dem Re­gie­rungs­be­zirk Düs­sel­dorf; pdf) Man könn­te hier­aus auch ei­ne weit­ge­hen­de Zu­frie­den­heit mit dem Sta­tus quo her­aus­le­sen. Tat­säch­lich gibt es ver­ein­zelt Stim­men, die sin­ken­den Wahl­be­tei­li­gun­gen nicht un­be­dingt als Merk­mal ei­ner la­ten­ten Un­zu­frie­den­heit oder Po­li­tik-Re­si­gna­ti­on se­hen.

Pe­ter­sen, der ja durch­aus »pro-ame­ri­ka­nisch« ist, the­ma­ti­siert nur in ei­ner Fuß­no­te, dass die Wahl­be­tei­li­gung in den USA zu­meist deut­lich un­ter den ver­gleich­ba­ren Zah­len in Deutsch­land liegt. Wenn denn die Re­prä­sen­ta­ti­ons­mo­del­le in den USA zu­min­dest auf lo­ka­ler Ebe­ne »bür­ger­nä­her« sind – wie er­klärt man die Be­tei­li­gung bei kom­mu­na­len Wah­len in Ann Ar­bor von 15–25% der re­gi­strier­ten (!) Wäh­ler (bei gleich­zei­ti­gen Kon­gress­wah­len be­trug sie 2002 42,2%)? Ein Ab­ge­ord­ne­ter aus Ann Ar­bor wird da­mit zi­tiert, wie er sei­ne rea­le Re­prä­sen­ta­ti­ons­quo­te aus­rech­net und auf 8% al­ler Bür­ger kam, die im sei­ne Stim­me ge­ge­ben hat­ten. Bei den Rats­wah­len in Göt­tin­gen wur­den im­mer­hin Wahl­be­tei­li­gun­gen von deut­lich über 40% er­zielt (pdf). Lei­der geht Pe­ter­sen nicht dar­auf ein, war­um Wah­len zu »re­prä­sen­ta­ti­ons­fer­ne­ren« Par­la­men­ten (Lan­des- oder gar Bun­des­wah­len) mit deut­lich hö­he­ren Wahl­be­tei­li­gun­gen ein­her ge­hen – und zwar so­wohl in den USA als auch in Deutsch­land. Ei­gent­lich müss­te doch der kom­mu­na­le Be­reich, der un­mit­tel­bar in die Le­bens­ver­hält­nis­se der Bür­ger ein­greift, von vi­ta­le­rem In­ter­es­se sein.

Pe­ter­sen be­rück­sich­tigt durch sei­ne Aus­wahl ei­ner nie­der­säch­si­schen Stadt auch nicht die Mög­lich­kei­ten von Mehr­stimm­wahl­sy­ste­men bei­spiels­wei­se in Hes­sen, Ba­den-Würt­te­m­berg oder Bay­ern. Hier ist es mög­lich durch Ku­mu­lie­ren und Pa­na­schie­ren Wah­len ver­stärkt zu per­so­na­li­sie­ren und sich von star­ren Par­tei­li­sten zu eman­zi­pie­ren.

»Re­prä­sen­ta­ti­on in De­mo­kra­ti­en« ist ein in­ter­es­san­tes Buch. Sei­ne Lek­tü­re ist loh­nend und durch­aus emp­feh­lens­wert. Auch wenn der Le­ser ins­be­son­de­re zu Be­ginn mit ei­ner Viel­zahl von The­sen und theo­re­ti­schen Er­ör­te­run­gen zu Re­prä­sen­ta­ti­on in De­mo­kra­ti­en kon­fron­tiert und mit ei­nem über­bor­den­den Dis­ser­ta­ti­ons­jar­gon (der auch spä­ter ge­legentlich her­vor­bricht) trak­tiert wird. Man muss zur Kennt­nis neh­men: Hier wur­de ein­deu­tig nicht für ein brei­tes Pu­bli­kum ge­schrie­ben. Man kann das be­dau­ern – oder die Her­aus­for­de­rung an­neh­men.


Die kur­siv ge­setz­ten Stel­len sind Zi­ta­te aus dem be­spro­che­nen Buch.

30 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Po­li­ti­ker­ty­pen: Was mir nicht ganz ein­sich­tig ist, es könn­te sich doch ten­den­zi­ell auch an­ders her­um ver­hal­ten, dass näm­lich ein bür­ger­na­her Re­prä­sen­tant eher Sach­po­li­ti­ker sein müss­te, ge­ra­de auf Grund der Bür­ger­bin­dung, und um­ge­kehrt, dass man von der Sa­che auf Grund des Frak­ti­ons­zwangs ab­sieht. Frei­lich, auf Grund der ge­rin­ge­ren Ver­füg­bar­keit von In­for­ma­tio­nen müss­te der Bür­ger­po­li­ti­ker eher Spe­zia­list für ein oder ei­ni­ge Ge­bie­te sein.

    Wähler/Bürger: Ist das nicht ein Wi­der­spruch zwi­schen dem Vor­herr­schen des Po­li­ti­kers als Bür­ger­re­prä­sen­ta­ten ei­ner­seits, und der Ab­leh­nung (Stö­ren) des Bür­gers be­reits auf lo­ka­ler Ebe­ne?

    Ge­mein­wohl: Gibt Pe­ter­sen ei­ne De­fi­ni­ti­on o.ä., was er un­ter Ge­mein­wohl ver­steht? Ich hät­te näm­lich eher ei­ne um­ge­kehr­te Be­deu­tung er­war­tet: In Deutsch­land grö­ßer, was ich z.B.an der ver­pflich­ten­den staat­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung fest­ma­chen wür­de (es wird kon­kret für das all­ge­mei­ne Wohl ge­sorgt, was sei­ne Wich­tig­keit un­ter­streicht, auch wenn man es nicht de­fi­nie­ren will oder kann, aber es muss ir­gend­ei­ne Vor­stel­lung da­von ge­ben). Es kommt mir eher vor dass Pe­ter­sen sich hier auf ge­sell­schaft­li­che Idea­le (li­be­ral, re­pu­bli­ka­nisch) be­zieht, aber eben nicht auf ein kon­kre­tes Ge­mein­wohl (al­so: wie es ent­ste­hen kann, und nicht wie es im po­li­ti­schen Han­deln ver­stan­den wird). Und kann man die li­be­ra­le Va­ri­an­te tat­säch­lich als Ge­mein­wohl ver­ste­hen? Ist das zu­min­dest teil­wei­se sehr stark auf in­di­vi­du­el­le Frei­heit ge­rich­te­te ame­ri­ka­ni­sche Ge­sell­schafts­ver­ständ­nis nicht das Ge­gen­teil ei­nes Ge­mein­wohls (weil es nicht be­wusst »ge­schaf­fen« wird)?

    Kom­mu­na­le Ebe­ne: So­lan­ge das Wohl­stands­ver­spre­chen ei­ni­ger­ma­ßen in­takt ist, dann in­ter­es­siert die kom­mu­na­le Ebe­ne we­nig, da sie a) un­per­sön­lich (klei­ne Ge­mein­den sind aus­drück­lich aus­ge­nom­men, ja ich wür­de so­gar sa­gen, dass es sich dort an­ders ver­hält), b) un­be­deu­tend (so­lan­ge al­les et­wa gleich bleibt), und c) ein­fach we­ni­ger »span­nend« ist (was hei­ßen soll: Die neue Kon­zert­hal­le in­ter­es­siert mich erst, wenn ich hin­ge­hen kann; wäh­rend­des­sen drän­gen Af­gha­ni­stan, Welt­wirt­schafts­kri­se oder Bun­des­po­li­tik [auch die greift stark in die Le­bens­ver­hält­nis­se ein] vor – The­men gibt es ja ge­nug).

  2. Die Ty­pi­sie­run­gen wer­den von Pe­ter­sen in der be­schrie­be­nen Art ge­setzt. Ob das nun rich­tig for­mu­liert ist...

    Auf ei­ne di­rek­te, ei­gen­stän­di­ge For­mu­lie­rung von Ge­mein­wohl ver­zich­tet er und ar­bei­tet das un­ter­schied­li­che Ver­ständ­nis – je nach »Ide­al« – her­aus.

    In­ter­es­sant Dei­ne Idee, dass der So­zi­al­staat prak­tisch ein Teil ei­nes Ge­mein­wohl-Den­kens ist. Das ist er viel­leicht in­so­fern, als der »so­zia­le Frie­den« durch ei­ne größt­mög­li­che so­zia­le »Ver­sor­gung« ge­si­chert ist. Das ist aber da­mit eher nicht ge­meint. Auf der kom­mu­na­len Ebe­ne wird das deut­lich: Ist die Um­ge­hungs­stra­ße im Sin­ne des »Ge­mein­wohls« (hier muss man die fra­gen, die um­gan­gen wer­den wie die­je­ni­gen, die dar­un­ter wie­der­um zu lei­den ha­ben)?

    In Düs­sel­dorf gibt es ein­mal im Jahr (im März) ei­nen »Dreck-weg-Tag«. Frei­wil­li­ge tref­fen sich in ei­nem von der Stadt or­ga­ni­sier­ten Rah­men und be­trei­ben Müll­samm­lung auf Flä­chen, die von der Stadt­rei­ni­gung nicht oder nur sel­ten ge­rei­nigt wer­den (Wäl­der, Parks, S-Bahn­hö­fe, usw). Die­se »Gemeinwohl«-Aktion ist nicht un­um­strit­ten. Geg­ner wen­den ein, sie zahl­ten Steu­ern und die Stadt beu­te so­zu­sa­gen die Frei­wil­li­gen aus, um Gel­der zu spa­ren. Wei­ter­hin kann man da­ge­gen be­haup­ten, dass da­durch die »wil­den Müll­hal­den« nach­träg­lich ak­zep­tiert wer­den. Oh­ne di­rek­te Kennt­nis­se zu be­sit­zen be­haup­te ich, dass ei­ne sol­che Ak­ti­on in den USA sehr viel we­ni­ger auf die­se Ein­wän­de tref­fen wür­de.

    Dei­ne Ar­gu­men­te hin­sicht­lich ei­nes ge­rin­ge­ren In­ter­es­ses bei kom­mu­na­len An­ge­le­gen­hei­ten sind in­ter­es­sant. Viel­leicht kommt noch da­zu, dass es »leich­ter« ist vom Stamm­tisch oder Dis­kus­si­ons­fo­rum aus den Nah­ost­kon­flikt »zu lö­sen«, als auf den Nach­barn zu­zu­ge­hen, mit dem man sich seit Jah­ren zankt.

  3. Noch ein paar er­gän­zen­de Be­mer­kun­gen zum Ge­mein­wohl
    Pe­ter­sen ar­bei­tet her­aus, dass in den USA ge­le­gent­lich beim Ge­mein­wohl­griff ei­ne Ver­schie­bung statt­fin­det, und zwar vom ‘com­mon good’ zum ‘com­mon ground’. Hier­mit soll ei­ne ge­mein­sa­me Schnitt­men­ge aus un­ter­schied­li­chen oder auch ent­ge­gen ge­setz­ten in­halt­li­chen Po­si­tio­nen re­flek­tiert wer­den. ‘Com­mon good’ ist da­bei so et­was wie die Ur-Form des Ge­mein­wohls, wel­ches, so Pe­ter­sen, qua­si schon vor­ab exi­stent ist und nur noch ge­fun­den wer­den muss, wäh­rend ‘com­mon ground’ ei­ne Art Kon­sens-Su­che dar­stellt.

    Die­se Un­ter­schei­dun­gen über­zeu­gen mich ehr­lich ge­sagt nicht. Ge­mein­wohl ist nicht per se exi­stent, son­dern im­mer ein kon­sen­su­el­ler Pro­zess, der dann je­doch kon­sti­tu­tiv für an­de­re (bei­spiels­wei­se neu in ei­ne Ge­mein­schaft kom­men­de) ist.

    Die Fra­ge bleibt, wor­in sich die­ses Ge­mein­wohl zeigt. Denn es gibt in mo­der­nen De­mo­kra­ti­en Ge­set­ze und In­sti­tu­tio­nen, die die­se Ge­set­ze über­wa­chen und, wenn nö­tig, Recht spre­chen. Ge­mein­wohl­den­ken zeigt sich al­so vor­her und ist nicht von oben zu ver­ord­nen. Gleich­zei­tig darf der Be­griff nicht »ver­wäs­sert« wer­den; er muss ei­ne ge­wis­se Stand­fe­stig­keit zei­gen. Er ist meist lo­kal ziem­lich eng ge­fasst – meist be­zo­gen auf ei­ne Stadt; in den USA so­gar auf das »ward«, ei­ne Art Stadt­teil oder Vier­tel. Letz­te­res ist pro­ble­ma­tisch, da di­rek­te Ge­mein­wohl-Kon­flik­te dro­hen. Zu weit kann die­ser Be­griff sel­ten ge­braucht wer­den, um nicht min­de­stens in Pa­thos­ver­dacht zu kom­men (in Deutsch­land geht das gar nicht).

    Wer wagt ei­ne De­fi­ni­ti­on?

    Am Ran­de, aber ernst ge­meint (und nicht für Dich, me­tep­si­lo­n­e­ma): Wo sind ei­gent­lich die Po­lit­kom­men­ta­to­ren ge­blie­ben, die bei je­der sich bie­ten­den Ge­le­gen­heit ih­re »Anti«-Parolen zum Be­sten ge­ben und sich mit der Po­lit-At­ti­tü­de ei­nes Kämp­fers für die Frei­heit par­fü­mie­ren? Reicht de­ren Ta­lent nur für bil­li­ge Pa­ro­len oder Schlag­zei­len-Kom­men­ta­re? Dann sol­len sie bit­te in al­le Zu­kunft die­se Platt­form mei­den.

    Und wo sind die po­li­ti­schen Uto­pi­sten ver­blie­ben, die wun­den­leckend die Aus­weg­lo­sig­keit des ak­tu­el­len Sy­stems be­kla­gen? Und wo sind die Ver­fech­ter ei­ner stär­ke­ren Par­ti­zi­pa­ti­on des Bür­gers, die bei je­dem Volks­ent­scheid, der ih­nen nicht passt wie Klein-Za­ches her­um­to­ben?

  4. Auf die Ge­fahr hin, daß es Ih­nen ein we­nig lä­stig er­scheint, be­gin­ne ich »von hin­ten«. Sie schrei­ben:

    »Wo sind ei­gent­lich die Po­lit­kom­men­ta­to­ren ge­blie­ben, die bei je­der sich bie­ten­den Ge­le­gen­heit ih­re »Anti«-Parolen zum Be­sten ge­ben und sich mit der Po­lit-At­ti­tü­de ei­nes Kämp­fers für die Frei­heit par­fü­mie­ren? Reicht de­ren Ta­lent nur für bil­li­ge Pa­ro­len oder Schlag­zei­len-Kom­men­ta­re? Dann sol­len sie bit­te in al­le Zu­kunft die­se Platt­form mei­den.«

    Mein er­ster Ge­dan­ke, als ich das las, war, wel­che Laus Ih­nen da über die Le­ber ge­lau­fen sein könn­te. Der zwei­te, war­um Sie uns die­se nicht kurz vor­stel­len. Der drit­te, wen zum Hen­ker Sie ei­gent­lich mei­nen (könn­ten).

    Ich kom­me nicht dar­auf. Viel­leicht ist mir zu­viel ent­gan­gen, aber ei­ne Flut von »Anti«-Parolen und Po­lit-At­ti­tü­den von Frei­heits­kämp­fern der Kom­men­ta­to­ren Ih­res Blogs er­in­ne­re ich nicht, schon gar nicht »bei je­der sich bie­ten­den Ge­le­gen­heit«. Oder ist das be­reits ei­ne »Anti«-Parole?

    Im­mer­hin, bei die­sem er­sten Teil Ih­rer An­mer­kung »Am Ran­de« kann ich mir noch vor­stel­len, daß Sie auch mich mei­nen könn­ten, hiel­te es dann aber auch für sach­lich un­zu­tref­fend, da mein Ta­lent auch bei un­se­rem letz­ten Streit doch wei­ter reich­te als »nur für bil­li­ge Pa­ro­len und Schlag­zei­len-Kom­men­ta­re«.

    Bei dem hier je­doch bin ich je­der Vor­stel­lung ab­hold:

    »Und wo sind die po­li­ti­schen Uto­pi­sten ver­blie­ben, die wun­den­leckend die Aus­weg­lo­sig­keit des ak­tu­el­len Sy­stems be­kla­gen? Und wo sind die Ver­fech­ter ei­ner stär­ke­ren Par­ti­zi­pa­ti­on des Bür­gers, die bei je­dem Volks­ent­scheid, der ih­nen nicht passt wie Klein-Za­ches her­um­to­ben?«

    Wer hat Sie denn der­art an­ge­fres­sen?

    Wo­mit ich, chro­no­lo­gisch wei­ter zu­rück ge­hend, zu Ih­rem Kom­men­ta­ren bei Twit­ter kom­me:

    »Ko­misch, da re­den im­mer al­le von Bür­ger­be­tei­li­gung. Aber wenn das Er­geb­nis nicht ge­fällt, re­den die glei­chen von man­geln­der Li­be­ra­li­tät.«

    Wor­auf ich Ih­nen dort ent­geg­ne­te:

    »Ei­nen Mehr­heits­ent­scheid für il­li­be­ral zu hal­ten, be­dingt kei­ne Geg­ner­schaft zu mehr Bür­ger­be­tei­li­gung.«

    Denn es ist über­haupt kein Wi­der­spruch dar­in, mehr Bür­ger­be­tei­li­gung zu for­dern und den Aus­gang ei­nes kon­kre­ten Bür­ger­ent­schei­des für falsch oder für il­li­be­ral oder für bei­des zu hal­ten. Auch dann nicht, wenn man im nach­hin­ein deut­li­che (öf­fent­li­che) Kri­tik am Aus­gang die­ses kon­kre­ten Ent­schei­des übt.

    Je­den­falls für mich ist das pro­blem­los ver­ein­bar. Sie ver­stie­gen sich aber in der Er­wi­de­rung so­gar zu ei­ner noch stei­le­ren The­se:

    »Aber es zeigt das wah­re Ver­ständ­nis von dem, was man an­son­sten ge­mein­hin als »De­mo­kra­tie« ein­for­dert.«

    Wie das denn? Ist ei­ne Mehr­heits­ent­schei­dung et­wa sa­kro­sant? Un­fehl­bar? Bar je­der Kri­tik­wür­dig­keit? Ist, wer die Mehr­heits­ent­schei­dung kri­ti­siert, nun in sei­nem De­mo­kra­tie­ver­ständ­nis zwei­fel­haft? Hat die un­ter­le­ge­ne Sei­te al­so für­der­hin zu schwei­gen, wenn ihr De­mo­kra­tie­ver­ständ­nis nicht ins Zwie­licht ge­ra­ten soll?

    Es wä­re das En­de ei­ner je­den sinn­vol­len op­po­si­tio­nel­len Tä­tig­keit.

    Denn die­se be­steht ja ge­nau dar­in, Mehr­heits­ent­schei­dun­gen zu kri­ti­sie­ren, in Fra­ge zu stel­len, ob in ei­nem Par­la­ment oder ei­nem son­sti­gen re­prä­sen­ta­ti­ven Or­gan oder bei Bür­ger­ent­schei­den in und an der Öf­fent­lich­keit macht ei­gent­lich kei­nen Un­ter­schied.

    War­um Sie mich bei Twit­ter nun hier­her ver­wie­sen ha­ben, er­schließt sich mir nur be­dingt. Si­cher, man kann hier aus­führ­li­cher dis­ku­tie­ren. Rich­tig pas­send zu Ih­rer, die­ser Buch­be­spre­chung will es mir aber nicht schei­nen, da doch sehr spe­zi­ell.

    Ih­re Buch­be­spre­chung in­des ist her­aus­ra­gend! Viel­leicht er­reicht sie mich be­son­ders, weil mich auch das The­ma sehr in­ter­es­siert. In vie­len son­sti­gen Fäl­len er­freue ich mich oft ein­fach nur an Ih­rer in­halt­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung mit dem je­wei­li­gen Buch, ha­be aber eben oft we­nig Be­zü­ge da­zu. Ich ha­be dem­nächst Ge­burts­tag und mir die­ses Buch auf­grund die­ser Be­spre­chung ge­wünscht. Wo­mit es das zwei­te Buch wird, in des­sen Be­sitz ich auf­grund ei­ner Be­spre­chung von Ih­nen ge­lan­ge. Und so will ich auch da­zu noch ein paar Wor­te ver­lie­ren, ob­wohl ich mich da­mit in mir un­si­che­re Fahr­was­ser be­ge­be.

    Ich se­he es wie Me­tep­si­lo­n­e­ma, auf kom­mu­na­ler Ebe­ne sind die mei­sten Ent­schei­dun­gen eher von ge­rin­ger Aus­wir­kung auf mei­ne kon­kre­te Le­bens­pla­nung und die der mir na­he­ste­hen­den:

    Ge­sund­heits­vor­sor­ge und Ge­sund­heits­we­sen – Bund
    Bil­dung – Land
    So­zia­les (ALG I und II) – Bund & Land
    Ren­te – Bund
    Zen­sur­be­stre­bun­gen durch Sperr­ge­set­ze so­wie Ver­schär­fun­gen beim Ur­he­ber­recht durch Ein­füh­rung ei­nes »Lei­stungs­schutz­rech­tes«, JMStV usw. – Bund &/oder Land
    Da­ten­schutz – Bund &/oder Land
    Steu­er­ge­setz­ge­bung (da ich der­zeit kein Un­ter­neh­mer [Ge­wer­be­steu­er] bin) – Bund &/oder Land
    Rauch­ver­bo­te in sämt­li­chen öf­fent­li­chen Räu­men (al­so auch sämt­li­chen Eck-Knei­pen) – Land
    etc.

    Ob die Du­den­stra­ße in Ber­lin ei­nen Fahr­rad­weg er­hält oder nicht, und wenn, ob erst in 5 Jah­ren, in­ter­es­siert mich schon deut­lich we­ni­ger.

    »Ver­wen­det man Pe­ter­sens hi­sto­ri­sche Kurz­dar­stel­lung der po­li­ti­schen Kul­tur Deutsch­lands (er sieht im­mer noch ein gä­ren­des Ob­rig­keits­den­ken beim deut­schen Bür­ger), so könn­te man den Spieß auch durch­aus um­dre­hen: Der Bür­ger de­le­giert mit sei­ner (wohl über­leg­ten) Stim­me die (vul­go: sei­ne) Ver­ant­wor­tung an die sich ihm zur Wahl stel­len­den Prot­ago­ni­sten. Es wird nicht mehr ge­tan, was die Ob­rig­keit be­fiehlt (hier­für exi­stie­ren hin­rei­chen­de Struk­tu­ren), son­dern die Ob­rig­keit er­hält ei­nen zwar zeit­lich be­fri­ste­ten, aber an­son­sten un­ein­ge­schränk­ten Ge­stal­tungs­auf­trag. Erst wenn sich der Volks­wil­le dia­me­tral ent­ge­gen­ge­setzt zum In­sti­tu­ti­ons­wil­len ver­hält oder das Wohl­stands­ver­spre­chen nicht mehr er­füllt wird (oder aus öko­no­mi­schen Grün­den er­füllt wer­den kann), wird pro­te­stiert.«

    Das se­he ich ge­nau­so. Wo­bei ich hier­bei durch­aus auch Wand­lun­gen zu er­ken­nen glau­be, die durch das In­ter­net, wenn nicht ver­ur­sacht, so doch ex­trem be­gün­stigt wer­den. Bür­ger­be­tei­li­gung und vor al­lem Bür­ger­or­ga­ni­sa­ti­on wer­den zu­se­hends leich­ter, da von den tra­di­tio­nel­len Mul­ti­pli­ka­to­ren im­mer un­ab­hän­gi­ger. Die ver­än­der­ten Wer­te­vo­stel­lun­gen der nach­wach­sen­den Ge­nera­tio­nen, die rein bio­lo­gisch be­dingt an Ein­fluß in der Ge­sell­schaft ge­win­nen, be­schleu­ni­gen die­sen Pro­zeß zu­sätz­lich.

    Herz­li­chen Dank für die­se Be­spre­chung. Ich freue mich auf die Lek­tü­re, auch wenn sie »ins­be­son­de­re zu Be­ginn mit ei­ner Viel­zahl von The­sen und theo­re­ti­schen Er­ör­te­run­gen zu Re­prä­sen­ta­ti­on in De­mo­kra­ti­en kon­fron­tiert und mit ei­nem über­bor­den­den Dis­ser­ta­ti­ons­jar­gon (der auch spä­ter ge­le­gent­lich her­vor­bricht) trak­tiert«, das hat sie ge­le­gent­lich mit der Be­spre­chung ge­mein, was die­se bes­ser, wenn auch schwe­rer ver­dau­lich macht. Ich will je­den­falls die Her­aus­for­de­rung an­neh­men.

  5. Mich hat nie­mand »an­ge­fres­sen«. ich be­ob­ach­te nur seit ei­ner ge­rau­men Zeit, dass po­li­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung spe­zi­ell im In­ter­net nur aus Pa­ro­lendre­scherei be­steht (und da­mit die mas­sen­me­dia­le po­li­ti­sche Dis­kus­si­on nur spie­gelt). Wer sich die­sem Trend an­schliesst, be­kommt enorm viel Zu­wen­dung – wer dies nicht macht und sich so­zu­sa­gen sy­stem­im­ma­nent be­tä­tigt, wird »lie­gen­ge­las­sen«. Es gab in an­de­ren Blogs Bei­spie­le da­für, wie nach neu­en Mög­lich­kei­ten für de­mo­kra­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung und Par­ti­zi­pa­ti­on ge­sucht wur­de – wenn man aber dies­be­züg­lich Vor­schlä­ge macht, kommt meist – nichts. Das äh­nelt in­zwi­schen kla­gen­den Wasch­wei­bern, die letzt­lich we­der ih­re Si­tua­ti­on er­ken­nen wol­len noch sie än­dern. Sie kla­gen nur um des kla­gens wil­len.

    Dass Sie hier Twit­ter-Ver­kehr pu­bli­zie­ren, fin­de ich in­ter­es­sant. Nein, ich fin­de es ei­gent­lich un­ge­hö­rig. Aber las­sen wir das. Es ist be­zeich­nend, dass dieh­je­ni­gen, die stän­dig mehr Par­ti­zi­pa­ti­on ver­lan­gen mit den Er­geb­nis­sen von die­ser Mehr-Teil­nah­me dann nicht ein­ver­stan­den sind, wenn es nicht in ih­ren Kram passt. Da sie aber ge­gen die Ent­schei­dung an sich nicht sein kön­nen, zwei­fels sie de­ren Le­gi­ti­ma­ti­on an. Das geht be­stens, wenn man sich die Teil­nah­me vor­nimmt. Da wird dann in ra­bu­li­sti­scher Form die Mehr­heit zur Min­der­heit. Das hat man der All­machts­phan­ta­sie zu tun, dass man sel­ber glaubt, in Be­sitz der »rich­ti­gen« Mei­nung zu sein und die­se so­zu­sa­gen im Al­lein­ver­tre­tungs­an­spruch zu ar­ti­ku­lie­ren. Der­art re­duk­tio­ni­stisch funk­tio­nie­ren to­ta­li­tä­te Sy­te­me üb­ri­gens auch – aber das brau­che ich Ih­nen nicht zu er­klä­ren.

    Na­tür­lich sind Mehr­heits­ent­schei­dun­gen nicht sa­kro­sant. Sie sind schlicht­weg zu ak­zep­tie­ren. Der Un­ter­schied dürf­te Ih­nen be­kannt sein. Das de­mo­kra­ti­sche Prin­zip fußt auf die­sem Mehr­heits­prin­zip – ob es ei­nem ge­fällt oder nicht (ich sel­ber ha­be da Vor­be­hal­te, aber lei­der kei­nen bes­se­ren Ge­gen­ent­wurf. Sie et­wa? Dann bit­te her da­mit!)

    Es geht nicht dar­um, ob Mehr­heits­ent­schei­dun­gen »rich­tig« oder »falsch« sind. Sie sind, so­zu­sa­gen. Das ist das Prin­zip. Ein Prin­zip, dass üb­ri­gens auch im­mer bei po­li­ti­schen Ak­tio­nen an­ge­wandt wird. Bei­spiels­wei­se mit Un­ter­schrif­ten­ak­tio­nen. Wie ge­gen Vor­rats­da­ten­spei­che­rung. Da un­ter­schrei­ben dann 100.000 Leu­te. Das hat aber tat­säch­lich nur Re­le­vanz, so lan­ge sich nicht 100.001 da­ge­gen wen­den. Häu­fig wird über­se­hen, dass sol­che Ak­tio­nen per se gar kei­ne Mehr­hei­ten auf­zei­gen, son­dern Min­der­hei­ten sind. Neh­men Sie die Nach­rü­stungs­de­mon­stra­tio­nen in der Bun­des­re­pu­blik 1982. Dort de­mon­strier­ten in Bonn ei­ne Mil­li­on Men­schen (viel­leicht auch mehr). Da­mals leb­ten rd. 60 Mil­lio­nen Men­schen in Deutsch­land. Be­deu­tet das nun, dass die 1 Mio. die 60 Mio. »ver­tre­ten«, re­prä­sen­tie­ren? Oder be­deu­tet es, dass die an­de­ren 59 Mio. mit der Nach­rü­stung ein­ver­stan­den wa­ren?

    Oder, noch in­ter­es­san­ter, der ak­tu­el­le Bür­ger­ent­scheid in Ham­burg, der das »län­ge­re Ler­nen« auf ei­ner Pri­mar­schu­le ge­kippt hat. Geht es nach der Re­prä­sen­ta­ti­on, wä­re das durch­ge­wun­ken wor­den (auch die SPD in der Bür­ger­schaft war da­für). Der Bür­ger­be­scheid hat es ge­kippt, d. h. das Quo­rum wur­de er­reicht. Es ist zwar kei­ne Ent­schei­dung ei­ner Mehr­heit, aber die Ent­schei­dung der Mehr­heit der­je­ni­gen, die ab­ge­stimmt ha­ben. So funk­tio­niert die­ses Sy­stem.

    Man kann ja mit dem ak­tu­el­len Re­prä­sen­ta­ti­ons­sy­stem un­zu­frie­den sein. Man kann mehr Bürg­her­be­scheid an­mah­nen. Aber man kann nicht sein Fähn­chen in den WInd hän­gen und den Bür­ger­be­scheid nur dann gül­tig neh­men, wenn er nach ei­ge­nem Gu­sto aus­fällt.

    Und das hat sehr wohl mit die­sem Bei­trag zu tun.

    Jetzt zum kom­mu­na­len Be­reich: Ich hal­te es für ab­surd, dass man sich von kom­mu­na­len Er­eig­nis­sen nicht be­trof­fen fühlt. Es ist doch re­le­vant, ob vor mei­nem Haus ei­ne Stra­sse ge­baut wer­den soll oder nicht. Oder ob ein Koh­le­kraft­werk er­rich­tet wer­den soll und der Dreck mit dem Wind in mei­ne Rich­tung kommt. Wie die Stadt/Kommune wirt­schaf­tet. Wenn schon Bür­ger­be­tei­li­gung von Bür­gern im­mer an­ge­mahnt wird: war­um be­kom­men sol­che The­men kei­ne Re­le­vanz? Man lebt doch nicht in der Vir­tua­li­tät?

    Mei­ne The­se: Die Kom­ple­xi­tät die­ser kom­mu­nal­po­li­ti­schen The­men ist gross. Ei­ne Trans­pa­renz ist häu­fig nicht ge­ge­ben, da die Be­richt­erstat­tung nicht »aus al­len Roh­ren« kommt. Meist gibt es nur ei­ne Lo­kal­zei­tung, die we­nig bis kei­ne Hin­ter­grün­de auf­zeigt son­dern nur be­schreibt. Über Ge­sund­heits­po­li­tik, Ren­ten­bei­trä­ge, Da­ten­schutz und den Is­ra­el-Kon­flikt gibt es fast täg­lich in al­len Me­di­en In­for­ma­tio­nen; auch Hin­ter­grün­de und di­ver­gie­ren­de Mei­nun­gen. Da ent­ste­hen Mei­nun­gen (ob die­se im­mer »kor­rekt« sind, ist ei­ne an­de­re Sa­che).

    Die Ent­schei­dung, ob »mei­ne« Stadt ihr Ta­fel­sil­ber in Form ei­nes »Cross-Bor­der-Laa­sing« ver­scher­belt oder nicht, hät­te ich schon ger­ne selbst ge­trof­fen. Ich wet­te aber, wenn man ei­ne Be­fra­gung un­ter den Düs­sel­dor­fern ma­chen wür­de – die we­nig­sten wüss­ten da­von.

  6. »Mich hat nie­mand »an­ge­fres­sen«.«

    Ent­schul­di­gung, aber es liest sich so.

    »ich be­ob­ach­te nur seit ei­ner ge­rau­men Zeit, dass po­li­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung spe­zi­ell im In­ter­net nur aus Pa­ro­lendre­scherei be­steht (und da­mit die mas­sen­me­dia­le po­li­ti­sche Dis­kus­si­on nur spie­gelt). Wer sich die­sem Trend an­schliesst, be­kommt enorm viel Zu­wen­dung – wer dies nicht macht und sich so­zu­sa­gen sy­stem­im­ma­nent be­tä­tigt, wird »lie­gen­ge­las­sen«. Es gab in an­de­ren Blogs Bei­spie­le da­für, wie nach neu­en Mög­lich­kei­ten für de­mo­kra­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung und Par­ti­zi­pa­ti­on ge­sucht wur­de – wenn man aber dies­be­züg­lich Vor­schlä­ge macht, kommt meist – nichts. Das äh­nelt in­zwi­schen kla­gen­den Wasch­wei­bern, die letzt­lich we­der ih­re Si­tua­ti­on er­ken­nen wol­len noch sie än­dern. Sie kla­gen nur um des kla­gens wil­len.«

    Das In­ter­net in sei­ner Brei­te ent­hält na­tur­ge­mäß auch mehr Brei­te als Tie­fe. Je­der kann dort hin­ter­las­sen, was im­mer ihm im Kopf her­um­spukt. Und die mei­sten Men­schen ha­ben eben nicht die höch­sten An­sprü­che an sich. Dar­aus nun zu schlie­ßen, die De­bat­ten dort, im In­ter­net, be­schränk­ten sich auf die An­spruchs­lo­sig­keit, ist in mei­nen Au­gen Un­sinn. Fünf Ge­gen­bei­spie­le:

    Phil­ip Ban­se
    netzpolitik.org
    Car­ta
    Pe­ter Kru­se
    und na­tür­lich
    Ste­fan Nig­ge­mei­er

    Sie ken­nen na­tür­lich sel­ber zahl­rei­che Ge­gen­bei­spie­le. Et­li­che ha­ben Sie ja auch selbst ver­linkt. –>
    Die­se wer­den al­so mit­nich­ten lie­gen­ge­las­sen, Sie be­wei­sen schon selbst das Ge­gen­teil.

    Al­le in ih­rer Art sehr spe­zi­ell. »Pa­ro­lendre­scherei« je­doch fin­det man dort kaum oder gar nicht. Ei­ne Ähn­lich­keit zu den »kla­gen­den Wasch­wei­bern« ha­ben auch Sie: Sie schimp­fen, ze­tern schon fast, blei­ben aber auch auf die Nach­fra­ge hin die kon­kre­te Ant­wort schul­dig.
    Gleich­zei­tig, im deut­li­chen Kon­trast zu den »kla­gen­den Wasch­wei­bern des In­ter­nets«, sind Sie je­doch Teil ei­ner Ge­gen­kul­tur des An­spruchs im In­ter­net.

    Al­so: Stel­len Sie uns nun die Laus kurz vor, die Ih­nen über die Le­ber ge­lau­fen ist? :-)

    »Dass Sie hier Twit­ter-Ver­kehr pu­bli­zie­ren, fin­de ich in­ter­es­sant. Nein, ich fin­de es ei­gent­lich un­ge­hö­rig. Aber las­sen wir das.«

    Zwei­mal wie­so? Wie­so fin­den Sie das un­ge­hö­rig? Und wie­so soll­ten wir das las­sen?
    Erst ha­be ich mich ei­nes un­ge­hö­ri­gen Ver­hal­tens be­zich­ti­gen zu las­sen? (Twit­ter ist schließ­lich öf­fent­lich, wie Sie wis­sen.) Und dar­an an­schlie­ßend ha­be ich die Nach­fra­ge zu un­ter­las­sen, wie­so öf­fent­li­che Zi­ta­te ei­ner öf­fent­li­chen Äu­ße­rung un­ge­hö­rig sein sol­len?

    Ich ha­be das al­so un­wi­der­spro­chen hin­zu­neh­men? Das ist un­ge­hö­rig, nicht die Zi­ta­te sind es!

    »Es ist be­zeich­nend, dass dieh­je­ni­gen, die stän­dig mehr Par­ti­zi­pa­ti­on ver­lan­gen mit den Er­geb­nis­sen von die­ser Mehr-Teil­nah­me dann nicht ein­ver­stan­den sind, wenn es nicht in ih­ren Kram passt. Da sie aber ge­gen die Ent­schei­dung an sich nicht sein kön­nen, zwei­fels sie de­ren Le­gi­ti­ma­ti­on an. Das geht be­stens, wenn man sich die Teil­nah­me vor­nimmt. Da wird dann in ra­bu­li­sti­scher Form die Mehr­heit zur Min­der­heit. Das hat man der All­machts­phan­ta­sie zu tun, dass man sel­ber glaubt, in Be­sitz der »rich­ti­gen« Mei­nung zu sein und die­se so­zu­sa­gen im Al­lein­ver­tre­tungs­an­spruch zu ar­ti­ku­lie­ren. Der­art re­duk­tio­ni­stisch funk­tio­nie­ren to­ta­li­tä­te Sy­te­me üb­ri­gens auch – aber das brau­che ich Ih­nen nicht zu er­klä­ren.«

    Ich ge­hö­re auch zu je­nen, die re­gel­mä­ßig mit den Er­geb­nis­sen die­ser Mehr-Teil­nah­me nicht ein­ver­stan­den sind. Näm­lich min­de­stens im­mer dann, wenn sie mir nicht in den Kram pas­sen, ich al­so ein Teil ei­nes Min­der­hei­ten-Vo­tums war. Des­halb zweif­le ich al­ler­dings nicht de­ren Le­gi­ti­ma­ti­on an, ent­schei­de mich aber hin und wie­der da­für, am Zu­stan­de­kom­men ei­ner neu­en Mehr­heit mit­zu­wir­ken. Ich be­trach­te das als Teil ei­nes nor­ma­len de­mo­kra­ti­schen Pro­zes­ses, der ein stän­di­ges Rin­gen um Mehr­hei­ten ist. Miß­trau­isch wer­de ich dann, wenn mir das un­ter Be­ru­fung auf ei­nen ein­mal ge­trof­fen Mehr­heits­ent­scheid un­ter­sagt wer­den soll.

    Au­ßer­dem ge­hö­re auch ich zu je­nen Men­schen, die die ei­ge­ne Mei­nung für rich­tig hal­ten. Je­den­falls so­lan­ge, wie die­se mir nicht über­zeu­gend wi­der­legt ist. Ge­schieht ei­ne mich über­zeu­gen­de Wi­der­le­gung, so än­de­re ich mei­ne Mei­nung. Ich hal­te dann eben­falls mei­ne Mei­nung für rich­tig, dies­mal die neue, ge­än­der­te.

    Was ist dar­an »be­zeich­nend«? Ist das nicht bei al­len Men­schen so? Was hat das jetzt mit All­machts­phan­ta­si­en zu tun?

    Und to­ta­li­tä­re Sy­ste­me funk­tio­nie­ren an­ders: Da dür­fen Ent­schei­dun­gen näm­lich nie oder fast nie in Fra­ge ge­stellt wer­den. We­der vor­her noch nach­her. Klingt pa­ra­dox? Ist doch vor­her noch gar kei­ne Ent­schei­dung? Ist aber trotz­dem so. Ich ha­be es er­lebt. Of­fen­bar muß ich Ih­nen das er­zäh­len.

    Ich stel­le Ent­schei­dun­gen, auch Mehr­heits­ent­schei­dun­gen in Bür­ger­ent­schei­den, in Fra­ge, wann im­mer es mich deucht! Vie­le tau­send, dar­un­ter auch ich, ha­ben da­für im Sep­tem­ber und Ok­to­ber ’89 ganz be­wußt ihr und mein Le­ben ris­kiert (ich se­he noch die Schüt­zen­pan­zer vor mir so­wie die Dro­hun­gen ei­nes Kampf­grup­pen­kom­man­deurs in der LVZ), daß ich das kann – und darf. Daß sie das kön­nen – und dür­fen.

    »Na­tür­lich sind Mehr­heits­ent­schei­dun­gen nicht sa­kro­sant. Sie sind schlicht­weg zu ak­zep­tie­ren. Der Un­ter­schied dürf­te Ih­nen be­kannt sein. Das de­mo­kra­ti­sche Prin­zip fußt auf die­sem Mehr­heits­prin­zip – ob es ei­nem ge­fällt oder nicht (ich sel­ber ha­be da Vor­be­hal­te, aber lei­der kei­nen bes­se­ren Ge­gen­ent­wurf. Sie et­wa? Dann bit­te her da­mit!)«

    Das de­mo­kra­ti­sche Prin­zip fußt aber eben auch auf der Op­po­si­ti­ons­mög­lich­keit, wie ich schon aus­führ­te. Ich beu­ge mich der Mehr­heits­ent­schei­dung, was aber nicht zwin­gend be­deu­tet, daß ich sie stets als auf Dau­er, als letzt­gül­tig, ak­zep­tie­re, oder gar, sie stets nicht be­kämp­fe – mit al­len de­mo­kra­ti­schen Mit­teln, die mir zur Ver­fü­gung ste­hen.

    »Es geht nicht dar­um, ob Mehr­heits­ent­schei­dun­gen »rich­tig« oder »falsch« sind. Sie sind, so­zu­sa­gen. Das ist das Prin­zip.«

    Sie sind – bis auf ei­nen even­tu­el­len Wi­der­ruf durch neue Mehr­hei­ten.

    »Man kann ja mit dem ak­tu­el­len Re­prä­sen­ta­ti­ons­sy­stem un­zu­frie­den sein. Man kann mehr Bürg­her­be­scheid an­mah­nen. Aber man kann nicht sein Fähn­chen in den WInd hän­gen und den Bür­ger­be­scheid nur dann gül­tig neh­men, wenn er nach ei­ge­nem Gu­sto aus­fällt. «

    Wer nimmt denn den Bür­ger­ent­scheid nicht gül­tig? Wen mei­nen Sie? Wo hän­gen denn die Fähn­chen im Wind?

    »Jetzt zum kom­mu­na­len Be­reich: Ich hal­te es für ab­surd, dass man sich von kom­mu­na­len Er­eig­nis­sen nicht be­trof­fen fühlt. Es ist doch re­le­vant, ob vor mei­nem Haus ei­ne Stra­sse ge­baut wer­den soll oder nicht. Oder ob ein Koh­le­kraft­werk er­rich­tet wer­den soll und der Dreck mit dem Wind in mei­ne Rich­tung kommt. Wie die Stadt/Kommune wirt­schaf­tet. Wenn schon Bür­ger­be­tei­li­gung von Bür­gern im­mer an­ge­mahnt wird: war­um be­kom­men sol­che The­men kei­ne Re­le­vanz? Man lebt doch nicht in der Vir­tua­li­tät? «

    Das stimmt na­tür­lich. Des­halb schrieb ich auch »eher«. Viel­leicht un­ter­lie­ge ich in die­ser Hin­sicht auch ei­ner grund­sätz­li­chen Fehl­ein­schät­zung, die mit Ih­rer ge­äu­ßer­ten The­se zu­sam­men­hängt:

    »Die Kom­ple­xi­tät die­ser kom­mu­nal­po­li­ti­schen The­men ist gross. Ei­ne Trans­pa­renz ist häu­fig nicht ge­ge­ben, da die Be­richt­erstat­tung nicht »aus al­len Roh­ren« kommt. Meist gibt es nur ei­ne Lo­kal­zei­tung, die we­nig bis kei­ne Hin­ter­grün­de auf­zeigt son­dern nur be­schreibt. Über Ge­sund­heits­po­li­tik, Ren­ten­bei­trä­ge, Da­ten­schutz und den Is­ra­el-Kon­flikt gibt es fast täg­lich in al­len Me­di­en In­for­ma­tio­nen; auch Hin­ter­grün­de und di­ver­gie­ren­de Mei­nun­gen. Da ent­ste­hen Mei­nun­gen (ob die­se im­mer »kor­rekt« sind, ist ei­ne an­de­re Sa­che).

    Die Ent­schei­dung, ob »mei­ne« Stadt ihr Ta­fel­sil­ber in Form ei­nes »Cross-Bor­der-Laa­sing« ver­scher­belt oder nicht, hät­te ich schon ger­ne selbst ge­trof­fen. Ich wet­te aber, wenn man ei­ne Be­fra­gung un­ter den Düs­sel­dor­fern ma­chen wür­de – die we­nig­sten wüss­ten da­von.«

    Wahr­schein­lich stimmt das. Aber auch das wird sich wan­deln, den­ke ich. Auch auf kom­mu­na­ler Ebe­ne wer­den die Mo­no­po­le der Mul­ti­pli­ka­to­ren ero­die­ren oder tun es be­reits. Es dau­ert na­tur­ge­mäß et­was län­ger, da bei­spiels­wei­se 0,15% der Re­gens­bur­ger im In­ter­net ei­ne an­de­re Wirk­mäch­tig­keit ha­ben als 0,15% al­ler Deut­schen, al­lein schon der schie­ren An­zahl we­gen.

  7. @Peter Vieh­rig
    Nur kurz: Die von ih­nen ver­link­ten Blog sind in et­wa so ori­gi­nell als wür­de ich auf FAZ oder SZ ver­wei­sen, wenn mich je­mand nach gu­ten über­re­gio­na­len Pu­bli­ka­tio­nen fragt. Es sind üb­ri­gens fast aus­schließ­lich Me­di­en-Blogs (die sich al­len­falls mit Me­di­enpo­li­tik am Ran­de be­schäf­ti­gen). »Car­ta« fin­de ich da­bei eher ten­den­zi­ös. Grund­le­gen­de de­mo­kra­tie­theo­re­ti­sche Er­ör­te­run­gen fin­den in den ge­nann­ten Blogs nicht bzw. kaum statt.

    Wenn Sie mich als ze­ternd emp­fin­den, kann ich den Ein­druck nicht zer­streu­en. Im Ge­gen­satz zu vie­len Be­kennt­nis­trä­gern ver­su­che ich mit mei­nen tat­säch­lich be­schei­de­nen Mit­teln Sach­ver­hal­te zu be­fra­gen. Und nicht nur her­um­zu­jam­mern.

    An­son­sten sind die Ar­gu­men­te aus­ge­tauscht; es ob­liegt dem Le­ser sei­ne Schlüs­se zu zie­hen.

  8. Nur kurz:

    »Im Ge­gen­satz zu vie­len Be­kennt­nis­trä­gern ver­su­che ich mit mei­nen tat­säch­lich be­schei­de­nen Mit­teln Sach­ver­hal­te zu be­fra­gen. Und nicht nur her­um­zu­jam­mern.«

    Das weiß ich. Und das schät­ze ich. Sehr.

    Des­halb ir­ri­tier­te mich auch die Aus­nah­me so sehr, dar­auf be­zog ich mich:

    »Wo sind ei­gent­lich die Po­lit­kom­men­ta­to­ren ge­blie­ben, die bei je­der sich bie­ten­den Ge­le­gen­heit ih­re »Anti«-Parolen zum Be­sten ge­ben und sich mit der Po­lit-At­ti­tü­de ei­nes Kämp­fers für die Frei­heit par­fü­mie­ren? Reicht de­ren Ta­lent nur für bil­li­ge Pa­ro­len oder Schlag­zei­len-Kom­men­ta­re? Dann sol­len sie bit­te in al­le Zu­kunft die­se Platt­form mei­den.

    Und wo sind die po­li­ti­schen Uto­pi­sten ver­blie­ben, die wun­den­leckend die Aus­weg­lo­sig­keit des ak­tu­el­len Sy­stems be­kla­gen? Und wo sind die Ver­fech­ter ei­ner stär­ke­ren Par­ti­zi­pa­ti­on des Bür­gers, die bei je­dem Volks­ent­scheid, der ih­nen nicht passt wie Klein-Za­ches her­um­to­ben?«

    Mir ist un­klar ge­blie­ben, wen Sie mei­nen. Auch, ob Sie mich als Teil de­rer an­se­hen, die »bei je­der sich bie­ten­den Ge­le­gen­heit ih­re »Anti«-Parolen zum Be­sten ge­ben und sich mit der Po­lit-At­ti­tü­de ei­nes Kämp­fers für die Frei­heit par­fü­mie­ren«, ha­ben Sie of­fen­ge­las­sen.

    Wie­so ich mich un­ge­hö­rig ver­hal­ten ha­ben soll, eben­falls.

    Und schließ­lich:

    Darf ich al­so in Zu­kunft bei Ih­nen wei­ter­hin kom­men­tie­ren? Oder soll ich »bit­te in al­le Zu­kunft die­se Platt­form mei­den«?

    Kon­kre­te Fra­gen, auf die ich kon­kre­te Ant­wor­ten er­war­te.

    Ger­ne auch per E-Mail, wenn Ih­nen das lie­ber ist.

  9. @Peter Vieh­rig
    Ob Sie sich den Schuh an­zie­hen, den ich im vir­tu­el­len Raum ge­stellt ha­be, ob­liegt Ih­nen. Ich hat­te durch­aus ei­ni­ge Leu­te im Blick – die sich bis­her (na­tür­lich!) nicht ge­mel­det ha­ben.

    Was mich enorm ge­är­gert hat war das An­ti-von-der-Ley­en-Po­sting mit Ak­ti­ons­bild nach dem Mink­mar-In­ter­view. Es hat­te di­rekt mit dem The­ma nichts zu tun, au­ßer das Mink­mar von der Ley­en als re­spek­ta­ble Bun­des­prä­si­den­ten­kan­di­da­ten emp­fand. Es war ja just an ei­nem der bei­den Ta­ge, als sie von den Me­di­en schon fast als de­si­gniert ge­han­delt wur­de. Da kam so­fort das kin­di­sche »Zens­ur­su­la« und die »Lüg­ne­rin«. Die­se Art der Ve­he­menz schreckt mich ab (so be­rech­tigt sie im De­tail auch sein mag). Da­bei wird so­fort ad ho­mi­nem »ar­gu­men­tiert« und sehr ein­sei­tig. Es ist – da­bei blei­be ich – voll­kom­men un­po­li­tisch, von der Ley­en auf ihr si­cher­lich eher lä­cher­li­ches In­ter­net­sper­ren-Ge­setz zu re­du­zie­ren und ih­re so­zi­al­po­li­ti­schen Ak­ti­vi­tä­ten dba­ei voll­ends zu ver­ges­sen. Das ist ten­den­zi­ös.

    Twit­ter-Mel­dun­gen ge­hö­ren zu Twit­ter. Ich ver­mei­de, dort gross­ar­tig zu »dis­ku­tie­ren« (was ja auch gar nicht geht). Aus die­sem für sich ge­nom­men sehr spe­zi­el­len Me­di­um in ein an­de­res Me­di­um zu trans­for­mie­ren, al­so Aus­sa­gen zu zi­tie­ren, hal­te ich für falsch. Zwar wird das voll­stän­di­ge Zi­tat wie­der­ge­ge­ben, aber da­bei wird über­se­hen, dass die­ses Me­di­um ein na­tur­ge­mäß ver­ein­fa­chen­des ist. Ich fand das schon bei Nig­ge­mei­ers Ka­chel­mann-Twit­ter-Ent­rü­stung pro­ble­ma­tisch. Letzt­lich ist Twit­ter ei­ne Art Darm­aus­gang des In­ter­net-Stamm­ti­sches. Durch et­li­che Tweets nach dem Nicht­rau­cher-Ent­scheid in Bay­ern (»Nicht­rau­cher-Fa­schos« war noch das harm­lo­se­ste) kann man al­ler­dings wun­der­bar fest­stel­len, wie dünn die Fir­nis der Zi­vi­li­sa­ti­on ist.

    War­um ei­ne Ent­schei­dung, den an­de­ren mit ge­sund­heits­schäd­li­chem Rauch nicht be­lä­sti­gen zu kön­nen, il­li­be­ral ist, er­schliesst sich mir nach 50 Jah­ren Rau­cher-In­to­le­ranz üb­ri­gens nicht. Na­tür­lich steht es Ih­nen zu, die­se Ent­schei­dung zu kri­ti­sie­ren. Aber dar­um geht es gar nicht. Es geht dar­um, dass Sie das Mehr­heits­prin­zip an­grei­fen. Das hiel­te ich per se für sehr in­ter­es­sant, wenn man in der La­ge wä­re, Al­ter­na­ti­ven und Gren­zen zu be­nen­nen. Als blo­sse Mei­nung oder gar Af­fekt ist mir so­was im­mer zu we­nig.

    Es geht nicht dar­um, ob Sie kom­men­tie­ren sol­len oder nicht. Mei­ner Mei­nung nach kom­men­tie­ren Sie hier viel zu we­nig. Ich bin al­ler­dings ein Ver­fech­ter des the­men­be­zo­ge­nen Kom­men­tars (was ge­le­gent­li­che Ab­schwei­fun­gen nicht aus­schliesst). Ich re­agie­re sehr all­er­gisch (viel­leicht zu all­er­gisch?) wenn ich das Ge­fühl ha­be, das je­mand nur sei­ne Mei­nung ab­set­zen möch­te – oh­ne gross­ar­tig den Kon­text des Bei­tra­ges oder der an­de­ren Kom­men­ta­re zu be­rück­sich­ti­gen.

  10. Ein Ver­such
    Ge­mein­wohl ist das, was im In­ter­es­se al­ler ist (ich weiß, das ist sehr all­ge­mein, aber es ist der Punkt von dem ich aus­ge­hen wür­de). Oder das, was die Grund­la­ge der Ge­mein­schaft, der Ge­sell­schaft, des Staa­tes ist; Grund­la­ge im Sin­ne des­sen, wes­we­gen man sich ent­schlos­sen hat et­was ge­mein­schaft­lich zu or­ga­ni­sie­ren oder zu ver­wirk­li­chen. Ich se­he dar­in zu­nächst vor al­lem ein ma­te­ri­ell be­ding­tes Wohl, bzw. Hand­lun­gen die die­ses för­dern oder be­din­gen (des­halb auch der Ge­dan­ke an den So­zi­al­staat). Wie weit die­ses Ge­mein­wohl ge­fasst ist, dar­über kann man treff­lich strei­ten, ge­nau­so wie über sei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on (was m.E. das ist, was Pe­ter­sen als Ge­mein­wohl be­zeich­net). z.B. Wie weit be­trifft so­zia­le Ab­si­che­rung oder ei­ne in­tak­te Um­welt das Ge­mein­wohl? Wer hat wel­chen Bei­trag zu lei­sten? etc...

    Ich wür­de sa­gen, dass das Ge­mein­wohl sei­nen Ur­sprung in den ma­te­ri­el­len Män­geln und Her­aus­for­de­run­gen der frü­hen Um­welt des Men­schen hat (man schloss sich zu grö­ße­ren Grup­pen zu­sam­men, falls man das nicht oh­ne­hin aus Nei­gung tat, weil man über­le­ben woll­te) – heu­te sieht es (bei uns) frei­lich an­ders aus: Es geht nicht mehr pri­mär dar­um zu ver­hin­dern, dass je­mand ver­hun­gert oder von wil­den Tie­ren an­ge­fal­len wird.

    Zum Kom­mu­na­len (Dein Hin­weis zur In­trans­pa­renz ist sehr wich­tig): Ich selbst ent­schei­de mich (und das ist auch ein Zeit­kon­flikt) meist für die hö­her lie­gen­den Ebe­nen, weil sie in­ter­es­san­ter und wich­ti­ger er­schei­nen (nicht not­wen­di­ger Wei­se sind). Und es ist, wie Du es schon an­sprichst auch ei­ne Fra­ge von Ge­mein­schafts­ge­fühl: Fühlt man sich auch von den An­ge­le­gen­hei­ten im Be­zirk be­trof­fen, die ei­nen selbst nicht be­tref­fen? Oder die nur pe­ri­pher be­rüh­ren? z.B. Die Er­rich­tung ei­nes Kin­der­spiel­plat­zes, ob­wohl man kei­ne Kin­der hat. Ei­ner Park­ga­ra­ge, ob­wohl man mit Au­tos nichts am Hut hat? Es ist ein we­nig selt­sam, aber wenn ich mich selbst an­se­he, dann gibt es schon ei­ne ge­wis­se Ab­sti­nenz der na­hen und näch­sten po­li­ti­schen Ebe­ne ge­gen­über. Viel­leicht auch, weil es nur klei­ne Po­li­tik ist...

  11. Ge­mein­wohl
    Ich glau­be, dass man Ge­mein­wohl nicht mit im­mer ab­strak­ter wer­den­den So­zi­al­ver­si­che­rungs­sy­ste­men so­zu­sa­gen »ver­wech­seln« darf. Ein Bei­spiel ist da für mich die Ein­füh­rung der Pfle­ge­ver­si­che­rung in Deutsch­land (das ge­schah 1995 – und ist üb­ri­gens ne­ben­bei ein Be­leg da­für, dass Blüm den de­mo­gra­phi­schen Fak­tor sehr wohl ge­nau ein­zu­schät­zen wuss­te und da­her be­wusst ei­ne fahr­läs­si­ge Ren­ten­po­li­tik zu La­sten der Jün­ge­ren be­trieb).

    Mit der Pfle­ge­ver­si­che­rung wur­de die Pfle­ge äl­te­rer und ge­brech­li­cher Men­schen in­sti­tu­tio­na­li­siert. Dies war u. a. der Tat­sa­che ge­schul­det, dass die Fa­mi­li­en nicht mehr »un­ter ei­nem Dach« leb­ten (al­lei­ne aus be­ruf­li­chen Grün­den war dies im­mer schwie­ri­ger – Stich­wort: Zwang zur Mo­bi­li­tät des Er­werbs­tä­ti­gen). Die Pfle­ge des un­mit­tel­ba­ren An­ge­hö­ri­gen wur­de von der »Le­bens­per­spek­ti­ve« des Kin­des so­zu­sa­gen ab­ge­kop­pelt (in der Zu­kunft ah­ben die zu Pfe­le­gen­den viel­leicht gar kei­ne Kid­ner mehr). Men­schen, die sich – aus wel­chen Grün­den auch im­mer – die­ser frü­her mo­ra­li­schen Pflicht ent­zo­gen hat­ten, wa­ren so­zu­sa­gen »ent­la­stet«. Der Staat über­nahm die­se Auf­ga­be nun, die wei­land ei­ne Ver­pflich­tung des Ein­zel­nen war.

    Hier­für müs­sen al­le be­zah­len (die Re­ge­lung ist ge­setz­lich und zwin­gend vor­ge­schrie­ben; von »Ver­si­che­rung« kann gar kei­ne Re­de sein). In der Sum­me dürf­te – trotz sehr vie­ler Schwach­stel­len und Pro­ble­me – die Ver­sor­gung äl­te­rer Men­schen bes­ser ge­re­gelt sein als vor 1995 – vor al­lem wenn man be­rück­sich­tigt, dass seit­dem die Mo­bi­li­tät und auch der In­di­vi­dua­lis­mus noch mehr zu­ge­nom­men ha­ben dürf­te.

    Dient al­so die Pfle­ge­ver­si­che­rung dem Ge­mein­wohl? Viel­leicht da­hin­ge­hend, dass ei­ne ni­vel­lie­ren­de, für al­le gül­ti­ge, in­sti­tu­tio­na­li­ser­te Re­ge­lung ge­fun­den wur­de (in den USA wä­re so et­was un­be­denk­bar). Aber han­delt es sich hier­bei nicht letzt­lich nur um ei­ne pro­fa­ne De­le­ga­ti­on ge­sell­schaft­lich re­le­van­ter Auf­ga­ben an die All­ge­mein­heit, die mit­tels fi­nan­zi­el­ler Auf­wen­dun­gen ver­gü­tet wird? Und, das ist ein wich­ti­ger As­pekt: Wird ge­mein­wohl nicht auf die­se Wei­se bis zur Un­kennt­lich­keit ab­stra­hiert?

    Kann Ge­mein­wohl der­art ge­stal­tet wer­den? Mit Zwang? Dein Kri­te­ri­um, dass es im In­ter­es­se al­ler ist, ist zwei­fel­los er­füllt. Auch die Kran­ken­ver­si­che­rung ist im In­ter­es­se al­ler. Die Um­ge­hungs­stra­sse ist auch im In­ter­es­se al­ler – al­ler, die von ihr ent­la­stet wer­den und we­ni­ger Ver­kehrs­lärm er­war­ten. Hier be­gin­nen aber schon die Pro­ble­me: Die Um­ge­hung sel­ber pro­du­ziert neue Pro­ble­me, da bis­her ver­kehrs­ru­hi­ge Zo­nen stär­ker be­la­stet wer­den. Wer sind al­so »al­le«? Kann man die schnö­de Zäh­lung her­an­zie­hen und dann so­zu­sa­gen nach Mehr­heit ent­schei­den?

    Noch ein über­spitz­te­res Bei­spiel: Dient es dem Ge­mein­wohl, wenn Se­ri­en­ver­bre­cher auf Dau­er ein­ge­sperrt blei­ben? Oder geht im Zwei­fel das in­di­vi­du­el­le Recht der Straf­tä­ters auf Wie­der­ein­glie­de­rung in die Ge­sell­schaft vor? Wie sieht die Ab­wä­gung bei Trieb­tä­tern aus?

    Dient ein Thea­ter­neu­bau, der hun­der­te von Mil­lio­nen Eu­ro ko­stet, dem Ge­mein­wohl? Oder soll­te man das Geld bes­ser in Stadt­bi­blio­the­ken stecken, von de­nen sich viel mehr Leu­te an­ge­spro­chen füh­len und die­se be­su­chen wer­den?

    Tat­sa­che ist – ge­ra­de in Deutsch­land: Wer das Ge­mein­wohl her­an­zieht, wird häu­fig schief an­ge­se­hen, weil so et­was wie »Ge­mein­schaft« im­mer noch dis­kre­di­tiert ist. Lin­ke fa­seln zwar von »So­li­da­ri­tät« und ver­ges­sen im­mer mehr da­bei, dass dies kei­ne Ein­bahn­stra­sse sein kann. Ge­mein­wohl müss­te m. E. viel mehr aus der »pas­si­ven« Ecke blo­sser fi­nan­zi­el­ler oder auch nur mo­ra­li­scher Ver­gü­tung her­aus­ge­holt wer­den und in kon­kre­ten Ak­tio­nen für al­le (und von al­len) sicht­bar ge­macht wer­den.

    An­de­rer­seits: Im­mert mehr Auf­ga­ben, bei­spiels­wei­se in Al­ten­hei­men im­mer mehr von »Eh­ren­amt­li­chen« über­nom­men, die da­für fi­nan­zi­ell sehr schlecht ver­gü­tet wer­den, wäh­rend die Trä­ger ih­re ge­spar­ten fi­nan­zi­el­len Mit­tel in frag­wür­di­gen Pro­jek­ten aus­ge­ben.

    An­de­rer­seits: WIe ist Ge­mein­wohl in ei­ner Ge­sell­schaft über­haupt ver­mit­tel­bar, die ih­re wich­tig­sten Wer­te im In­di­vi­dua­lis­mus und Kon­sum sieht? Er­scheint da nicht je­der frei­wil­li­ge Müll­samm­ler wie ein exo­ti­scher Trot­tel?

    Kom­mu­nal­po­li­tik
    ich ge­ste­he ja sel­ber, dass mich kom­mu­na­le Po­li­tik kaum in­ter­es­siert. An lo­ka­len Ab­stim­mun­gen be­tei­li­ge ich mich zwar (und muss mir vor­her ein biss­chen müh­sam die In­for­ma­tio­nen be­sor­gen), aber letzt­lich be­schäf­tigt es mich kaum. Mei­ne The­se da­zu ist, dass man sich die Aus­weg­lo­sig­keit des po­li­ti­schen En­ga­ge­ments nicht da­durch auf­zei­gen las­sen will, dass man sich für kom­mu­na­le The­men in­ter­es­siert und en­ga­giert. D. h.: Man will nicht di­rekt ent­täuscht wer­den. Da­her wen­det man sich lie­ber den The­men zu, die man von vorn­her­ein nicht be­ein­flus­sen kann.

  12. Ver­wechs­lung?
    Im Grun­de ist das Pro­blem, das Du an­sprichst ja in mei­ner De­fi­ni­ti­on ent­hal­ten, weil sie sehr all­ge­mein ist, und das Kri­te­ri­um »im In­ter­es­se al­ler« sehr bald be­rührt wird. Das zwei­te ist, dass in un­se­rer Über­fluss­ge­sell­schaft der an­de­re aus der Sicht ma­te­ri­el­ler Le­bens­grund­la­gen, nur be­dingt ge­braucht wird (als Pro­du­zent und Ver­tei­ler, aber we­ni­ger als so­zia­les Ge­gen­über), da oh­ne­hin al­les vor­han­den ist (die so­zia­le In­ter­ak­tio­nen, die sich er­ge­ben, wenn man ge­mein­sam auf die Jagd ge­hen muss, und da­bei Ge­fah­ren be­wäl­tigt, exi­stie­ren nicht mehr). Die Aus­wüch­se die Du oben be­schreibst, und völ­lig zu­recht kri­ti­sierst er­ge­ben sich m.E. aus den ge­ra­de ge­nann­ten Grün­den (nicht zwangs­läu­fig viel­leicht, aber als ei­ne Mög­lich­keit): Die Or­ga­ni­sa­ti­on brei­tet sich im­mer wei­ter aus, wird fein­glied­ri­ger, ab­strak­ter, er­fasst im­mer mehr, weil be­stimm­te Auf­ga­ben ein­fach er­füllt sind, und an­de­re, »lä­stig er­schei­nen­de«, auf Grund ge­än­der­ter Be­din­gun­gen, ih­rer Er­fül­lung har­ren (z.B. die Pfle­ge). Ich den­ke, das ist auch ei­ne Pro­ble­ma­tik der Mo­der­ne über­haupt.

    Ähn­lich ver­hält es sich mit dem Pro­blem­lö­sen (dein Thea­ter-, Bi­blio­theks-, und Um­fah­rungs­stra­ssen­bei­spiel): Je­de Pro­blem­lö­sung schafft wie­der neue Pro­ble­me und Schwie­rig­kei­ten (ha­be ich hier ein­mal zu the­ma­ti­sie­ren ver­sucht). Da­mit muss man wohl (un­ter den Vor­aus­set­zun­gen der Mo­der­ne) le­ben, und be­stimm­te Ent­schei­dun­gen ab­wä­gen.

    Al­so: Be­trifft Ge­mein­wohl (auch) et­was an­de­res, als die ma­te­ri­el­len Le­bens­grund­la­gen? Und wenn ja, was könn­te das sein (ich kom­me da nicht so recht wei­ter)? Oder be­deu­tet Ge­mein­wohl im Grun­de selbst für et­was zu sor­gen, und es nicht »aus­zu­la­gern«?

    [Tut mir leid, mein Ant­wort­ver­hal­ten ist im Mo­ment fürch­ter­lich...]

    [EDIT: 2010-07-30 08:23]

  13. Das ist auch mei­ne Fra­ge
    Be­trifft Ge­mein­wohl (auch) et­was an­de­res, als die ma­te­ri­el­len Le­bens­grund­la­gen? Und wenn ja, was könn­te das sein (ich kom­me da nicht so recht wei­ter)? Oder be­deu­tet Ge­mein­wohl im Grun­de selbst für et­was zu sor­gen, und es nicht »aus­zu­la­gern«?

    Zu ei­ner be­frie­di­gen­den Ant­wort bin ich nicht ge­kom­men. Zwei­fel­los liegt ein »Ge­mein­wohl­ef­fekt« dar­in, dass es Leu­te gibt, die pro­fes­sio­nell al­te Men­schen pfle­gen. Aber dies ist letzt­lich dann »her­un­ter­ge­bro­chen« auf ei­ne rei­ne Dienst­lei­stung, al­so ma­te­ria­li­siert. Aber das ist es ei­gent­lich nicht.

    Ge­mein­wohl als Ver­hal­ten de­fi­niert: Es ist das nicht un­mit­tel­bar auf Be­loh­nungs­ef­fek­te zie­len­de, über ei­ge­ne Ego­is­men hin­aus­ge­hen­de (viel­leicht so­gar aus­klam­mern­de?) Han­deln des Bür­gers. Wohl wis­send, es nie al­len recht ma­chen zu kön­nen.

    [Es kommt ja nicht auf Ge­schwin­dig­keit beim Kom­men­tie­ren oder Nach­den­ken an, son­dern auf Qua­li­tät. Und da­hin­ge­hend fin­de ich das ganz in Ord­nung hier.]

    [EDIT: 2010-07-30 08:39]

  14. Ge­mein­wohl als Ver­hal­ten de­fi­niert: Es ist das nicht un­mit­tel­bar auf Be­loh­nungs­ef­fek­te zie­len­de, über ei­ge­ne Ego­is­men hin­aus­ge­hen­de (viel­leicht so­gar aus­klam­mern­de?) Han­deln des Bür­gers.

    Ja. Aber die­ses Han­deln ist uns ganz selbst­ver­ständ­lich: Bei Freun­den oder Ver­wand­ten, et­wa. Das heißt es müss­te (im Fall des Ge­mein­wohls) ei­gent­lich Per­so­nen be­tref­fen, zu de­nen kei­ne der­ar­ti­gen Bin­dun­gen be­stehen, den an­de­ren, de­nen, die wir nicht ken­nen, und das ist wahr­schein­lich ei­nes der Pro­ble­me un­se­rer in­di­vi­dua­li­sier­ten »Ge­sell­schaft«, dass wir im­mer mehr für uns le­ben...

    [EDIT: 2010-08-09 09:54]

  15. @Metepsilonema
    Da­her hat­te ich das mit den »ei­ge­nen Ego­is­men« bzw. de­ren Aus­klam­me­rung ein­ge­fügt.

    Ich möch­te ehr­lich ge­sagt nicht das »Fass« des In­di­vi­dua­lis­mus auf­ma­chen. zu­mal wohl al­le mög­li­chen Kom­men­ta­to­ren ab­ge­sprun­gen sind und sich viel­leicht lie­ber über Goog­le oder die näch­ste Volks­zäh­lung auf­re­gen (das ist bil­li­ger). Aber ich bin mir gar nicht si­cher, ob un­se­re Ge­sell­schaft so­viel ego­isti­scher ge­wor­den ist. In Stam­mes­ge­sell­schaf­ten ha­ben sich Ego­is­men viel­leicht stär­ker ge­zeigt, wer­den nur nach­träg­lich von uns aus­ge­blen­det bzw. idea­li­siert. Tat­säch­lich ha­ben wir heu­te in den so­ge­nann­ten west­li­chen Zi­vi­li­sa­tio­nen kaum noch Exi­stenz-Äng­ste zu be­stehen wie viel­leicht wei­land der Ne­an­der­ta­ler.

    Man könn­te al­ler­dings die The­se auf­stel­len, dass, je or­ga­ni­sier­ter und in­sti­tu­tio­na­li­sier­ter ei­ne Ge­sell­schaft wird, je in­di­vi­dua­li­sti­scher und auch ego­isti­scher wird sie wie­der, weil die »na­tür­li­chen« mensch­li­chen Em­pha­sen an In­sti­tu­tio­nen de­le­giert wer­den. Das an­de­re Ex­trem – ei­ne Art an­ar­chi­sche Ge­sell­schaft – »funk­tio­niert« na­tür­lich auch nicht (s. »Herr der Flie­gen«)

    [EDIT: 2010-08-11 16:11]

  16. nach­ge­reicht
    Lie­ber Gre­gor,

    dan­ke für Dei­ne in­zwi­schen bei­na­he ver­jähr­te Ein­la­dung – und für den kri­ti­schen Sei­ten­hieb. Schel­te an­ge­nom­men. Dir wird ver­mut­lich nicht ent­gan­gen sein, dass ich auch mei­ne ei­ge­nen vier vir­tu­el­len Wän­de ver­nach­läs­si­ge. Grün­de für die­sen mehr oder we­ni­ger an­hal­ten­den Rück­zug kann ich mir selbst nicht ein­mal ge­nau nen­nen. Um­so nach­hal­ti­ger aber ha­ben da­für in den ver­gan­ge­nen Wo­chen Dei­ne Ge­dan­ken zu Pe­ter­sens Buch in mei­nem Hin­ter­kopf ge­gärt; hier al­so ei­ni­ge Ein­wän­de als Dis­kus­si­ons­an­ker, wenn Du sie an­neh­men möch­test.

    Als grund­sätz­lich äu­ßerst be­dau­er­lich emp­fin­de ich, dass Pe­ter­sen sich auf ein Mo­dell be­schränkt, das le­dig­lich zwei In­stan­zen der po­li­ti­schen Wil­lens­bil­dung kennt: den Wäh­ler und den Po­li­ti­ker. Mei­nes Er­ach­tens hät­te die Stu­die mehr Schär­fe, mehr Rea­li­täts­nä­he ge­won­nen, wenn Pe­ter­sen in den In­ter­views nicht nur an­ge­spro­chen hät­te, wie sich Po­li­ti­ker ih­ren Wäh­lern ver­pflich­tet füh­len, son­dern wie sie sich in den Strö­men der Macht­struk­tu­ren ver­or­ten, de­nen sie als po­li­ti­sche Ver­tre­ter aus­ge­setzt sind. Wäh­rend Pe­ter­sen das Ge­mein­wohl zu de­fi­nie­ren ver­sucht: Was zählt das po­li­ti­sche Man­dat ge­gen­über der Frak­ti­on, der Par­tei? Dem Par­tei­en­staat? Wie viel wiegt das Ge­wis­sen ge­gen­über der Ein­fluss­nah­me durch Lob­by­or­ga­ni­sa­tio­nen? Wel­che Zwän­ge herr­schen, die ei­nen Po­li­ti­ker von sei­ner Auf­ga­be als Volks­ver­tre­ter ent­fer­nen, ent­frem­den? Wie wirkt sich die (mög­li­che) me­dia­le Auf­merk­sam­keit auf die ge­wis­sen­haf­te Wahr­neh­mung re­prä­sen­ta­ti­ver Auf­ga­ben aus? Kurz­um: Wenn sich Po­li­ti­ker (und Par­tei­en) le­dig­lich aus for­ma­ler Be­stä­ti­gungs­not her­aus ih­re Le­gi­ti­ma­ti­on in pe­ri­odi­schen Wah­len be­stä­ti­gen las­sen und die Sphä­re po­li­ti­scher Ent­schei­dun­gen zu ei­nem für Bür­ger un­zu­gäng­li­chen Par­al­lel­uni­ver­sum ein­schät­zen: wel­che Im­pe­ra­ti­ve de­fi­nie­ren dann die­se ab­ge­kop­pel­te po­li­ti­sche Sphä­re? Die Fra­ge al­so, wie – d.h. auf wel­chen We­gen, über wel­che Ka­nä­le, dank wel­cher Ex­per­ti­se – Po­li­tik ver­han­delt wird und wer­den darf, stellt Pe­ter­sen nicht, wäh­rend sie aber für sei­ne Über­le­gun­gen zur Bür­ger­nä­he bzw. -fer­ne mei­nes Er­ach­tens nach von aus­schlag­ge­ben­der Be­deu­tung ist.

    Dar­an knüpft zum Bei­spiel fol­gen­de Be­ob­ach­tung an: Je hö­her die Po­si­ti­on ist, die ver­tre­ten wird (al­so auf Lan­des- oder gar Bun­des­ebe­ne), je fer­ner wird der Ge­dan­ke, un­mit­tel­bar Re­prä­sen­tant der Bür­ger Ich fra­ge mich pro­vo­kan­ter­wei­se – und zu mei­ner ei­ge­nen Ver­wun­de­rung, wenn ich ehr­lich bin – ob das zwangs­läu­fig ei­ne Art „po­li­ti­sche Ent­frem­dung“ be­deu­tet. Ist es nicht im Ge­gen­teil eher sinn­voll, ei­nen Volks­ver­tre­ter, der für ein bun­des­wei­tes Res­sort zu­stän­dig ist, von der un­mit­tel­ba­ren Rück­bin­dung an und Ver­ant­wort­lich­keit ge­gen­über sei­ner – im Ver­hält­nis zu sei­nem po­li­ti­schen Amt – ja re­la­tiv klei­nen Wäh­ler­ba­sis frei­zu­spre­chen? Wä­re er dann nicht tat­säch­lich „Sach­po­li­ti­ker“, weil vor­nehm­lich ei­ner das Ge­mein­wohl be­tref­fen­den Sa­che ge­gen­über ver­ant­wort­lich? In wel­cher Ab­hän­gig­keit al­so sol­len / kön­nen Kom­pe­tenz bzw. Zu­stän­dig­keit und Re­prä­sen­ta­ti­ons­pflicht ste­hen?

    be­steht in Deutsch­land ei­ne Di­stanz zur brei­te­ren po­li­ti­schen Par­ti­zi­pa­ti­on durch die Bür­ger, so­fern sie sich nicht in den da­für vor­ge­se­he­nen In­sti­tu­tio­nen (vor al­lem Par­tei­en, aber auch Ge­werk­schaf­ten, Ver­bän­den oder Or­ga­ni­sa­tio­nen) statt­fin­det. Die­se Fi­xie­rung In­sti­tu­tio­nen ge­gen­über spie­gelt sich ja auch in der An­sicht, dass, wer an Po­li­tik mit­ar­bei­ten möch­te, dies in ei­ner Par­tei zu tun ha­be. Stimmt, zu mei­nem aus­ge­spro­chen gro­ßen Be­dau­ern. Ha­be die Er­fah­rung selbst ma­chen dür­fen. (Über Och­sen­tou­ren ha­ben wir ja schon dis­ku­tiert.)

    Ein­ge­ständ­nis, dass man Wahl­kämp­fe als »In­for­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen« für den Bür­ger sieht, der für die näch­ste Le­gis­la­tur­pe­ri­ode die po­li­ti­sche Rich­tung vor­gibt. Nach Ab­ga­be der Stim­me ist dann sein Teil »er­le­digt«. Die Pas­sa­ge bringt mei­nen ein­lei­ten­den Fra­gen­ka­ta­log viel­leicht noch­mals auf den Punkt: Wer trägt dann die Haupt­ver­ant­wor­tung für die Aus­ge­stal­tung kon­kre­ter Po­li­tik? Wenn der Bür­ger au­ßen vor bleibt: Wer be­schafft dann das Sach­ver­ständ­nis?

    The­se in­ter­es­sant, der Bür­ger de­le­gie­re mit der Ab­ga­be sei­ner Stim­me die po­li­ti­sche (und ge­sell­schaft­li­che) Ver­ant­wor­tung an die ent­spre­chen­den po­li­tisch Han­deln­den, um nicht wei­ter mit den Pro­ble­men be­fasst zu wer­den. […] Man könn­te hier­aus auch ei­ne weit­ge­hen­de Zu­frie­den­heit mit dem Sta­tus quo her­aus­le­sen. Tat­säch­lich gibt es ver­ein­zelt Stim­men, die sin­ken­den Wahl­be­tei­li­gun­gen nicht un­be­dingt als Merk­mal ei­ner la­ten­ten Un­zu­frie­den­heit oder Po­li­tik-Re­si­gna­ti­on se­hen. Ich er­in­ne­re mich va­ge an ei­ne Rei­he „kon­ser­va­ti­ver“ Schrif­ten aus den 60ern, die in An­leh­nung an Schum­pe­ters Po­li­tik­ver­ständ­nis ge­nau die­sen Ge­dan­ken aus­brei­ten. Ich bin der Über­zeu­gung, dass das kei­ne blo­ße The­se, son­dern tat­säch­li­che Rea­li­tät ist. Ei­ne Er­klä­rungs­su­che für die­ses Bie­der­mei­er­tum wä­re oh­ne Zwei­fel ei­ne se­pa­ra­te Dis­kus­si­on wert; ih­re je­wei­li­ge Rol­le spie­len mei­nes Er­ach­tens: der Par­tei­en­staat, der (noch) sehr gut dar­in funk­tio­niert, sich sei­nen ei­ge­nen Nach­wuchs zu si­chern, und sei­ne äu­ßerst eli­tä­re Hal­tung; die brei­te po­li­ti­sche So­zia­li­sie­rung, dass Po­li­tik par­la­men­ta­risch, und nicht po­pu­li­stisch ge­formt zu sein hat; der da­durch sta­bi­li­sier­te Ein­druck, dass über Po­li­tik be­rich­tet, sie aber nicht mit­be­stimmt wer­den kann; das Dog­ma, dass der Markt über dem Ge­mein­wohl steht und der Markt nur von ei­ni­gen we­ni­gen Groß­spie­lern sta­bi­li­siert wer­den kann; Kon­sum­über­fluss und über­bor­den­der In­di­vi­dua­lis­mus, My­thos der Selbstver­wirk­li­chung und dar­aus re­sul­tie­rend: Sor­ge um das Selbst, die vor vie­les an­de­re ge­setzt wird. (voll­kom­men un­voll­stän­dig, fällt mir auf, aber ich las­se das mal so ste­hen ...)

  17. Stich­wort­ar­ti­ge Ent­geg­nun­gen
    Viel­leicht ist mei­ne Be­spre­chung von Pe­ter­sens Buch tat­säch­lich ein biss­chen ein­sei­tig bzw. nicht kom­plex ge­nug. Et­li­che Dei­ner Fra­gen wer­den min­de­stens an­ge­ris­sen. Ich konn­te sie je­doch nicht auf­neh­men – dann wä­re es noch län­ger ge­wor­den. Da­her stich­wort­ar­tig ei­ni­ge Er­läu­te­run­gen (Dei­ne Aussagen/Fragen kur­siv ge­setzt).

    ...son­dern wie sie sich in den Strö­men der Macht­struk­tu­ren ver­or­ten, de­nen sie als po­li­ti­sche Ver­tre­ter aus­ge­setzt sind.
    In­di­rekt wird das deut­lich, weil Pe­ter­sen sehr wohl die Loya­li­tät zur Par­tei und das Ver­hält­nis der Loya­li­tät zwi­schen par­tei und Bür­ger an­spricht.

    Wäh­rend Pe­ter­sen das Ge­mein­wohl zu de­fi­nie­ren ver­sucht
    Das de­fi­niert er nicht – er bil­det nur die bei­den un­ter­schied­li­chen ge­mein­wohl-De­fi­ni­tio­nen in den USA ab und stellt die­se dem ei­gent­li­chen Feh­len die­ses Ge­dan­kens der Bun­des­re­pu­blik ge­gen­über. Dies aber – im Rah­men der Stu­die – eher neu­tral; nicht wer­tend.

    Die Fra­ge al­so, wie – d.h. auf wel­chen We­gen, über wel­che Ka­nä­le, dank wel­cher Ex­per­ti­se – Po­li­tik ver­han­delt wird und wer­den darf, stellt Pe­ter­sen nicht, wäh­rend sie aber für sei­ne Über­le­gun­gen zur Bür­ger­nä­he bzw. -fer­ne mei­nes Er­ach­tens nach von aus­schlag­ge­ben­der Be­deu­tung ist.
    Das stimmt so nicht. Die »Ver­pflich­tung« des po­li­ti­schen Man­dats in­ner­halb der Frak­ti­on wird schon er­ör­tert. Und die sich hier­aus er­ge­ben­den Kon­fli­ke. Pe­ter­sen ist al­ler­dings keim Pam­phle­tist, der in Staats­an­walts­ma­nier den »Par­tei­en­staat« an­greift. Dies wür­de sein Selbst­ver­ständ­nis als Wis­sen­schaft­ler tan­gie­ren.

    Die­se Zu­rück­nah­me emp­fand ich bei der Lek­tü­re durch­aus als an­ge­nehm, zu­mal sie ja nicht durch­gän­gig ist. Pe­ter­sen prä­fe­riert sehr wohl ein Mo­dell und steht der deut­schen Re­prä­sen­ta­ti­ons­de­mo­kra­tie ziem­lich skep­tisch ge­gen­über.

    Wer trägt dann die Haupt­ver­ant­wor­tung für die Aus­ge­stal­tung kon­kre­ter Po­li­tik? Wenn der Bür­ger au­ßen vor bleibt: Wer be­schafft dann das Sach­ver­ständ­nis?
    Wer sagt denn, dass der Bür­ger »au­ßen vor« bleibt bzw. blei­ben muß? Er hat ja sehr wohl die Mög­lich­keit, sich ak­tiv in die Po­li­tik »ein­zu­schal­ten«. Das ist eben im ame­ri­ka­ni­schen Sy­stem of­fen­sicht­lich we­sent­lich selbst­ver­ständ­li­cher. Es scheint auch – das iste ine Schluß­fol­ge­rung von mir – eher ak­zep­tiert zu sein als in Deutsch­land. Hier ist ein po­li­ti­sches En­ga­ge­ment eher su­spekt, was dann auch wie­der mit dem Selbst­ver­ständ­nis po­li­tisch Ak­ti­ver zu tun hat, die, wie Pe­ter­sen schreibt, sich in Deutsch­land schon auf kom­mu­na­ler Ebe­ne als »Po­li­ti­ker« ver­ste­hen, wäh­rend sie in den USA eher als »pri­mus in­ter pa­ris« an­ge­se­hen wer­den (auch dies ei­ne Schluß­fol­ge­rung mei­ner­seits).

    Die Di­cho­to­mie »Po­li­tik ./. Bür­ger« ist in Deutsch­land sehr viel stär­ker aus­ge­prägt als in den USA. Ich fra­ge mich, ob dies mit der De­le­ga­ti­ons­the­se, die von von Weiz­säcker ab­ge­lei­tet ha­be, et­was zu tun hat.

    In wel­cher Ab­hän­gig­keit al­so sol­len / kön­nen Kom­pe­tenz bzw. Zu­stän­dig­keit und Re­prä­sen­ta­ti­ons­pflicht ste­hen?
    Dar­um geht das gan­ze Buch.

    Ist es emp­feh­lens­wert, dass Re­prä­sen­ta­ti­on als »im­pe­ra­ti­ves Man­dat« ge­se­hen wird? Oder stellt der Kan­di­dat ein »An­ge­bot« an den Wäh­ler dar, dem er dann – tat­säch­lich im wört­li­chen Sinn – das »Ver­trau­en« zu­spricht? Und was ist mit The­men, die der Re­prä­sen­tant nicht ad hoc zu be­ur­tei­len ver­mag? Wem ver­traut er? Ist ei­ne »Ex­per­ten­re­pu­blik« er­stre­bens­wert? Ich ha­be den Ein­druck, Pe­ter­sen sieht hier gro­ße Vor­be­hal­te.

    Das Pro­blem ist aber m. E. nicht, dass Fehl­ent­schei­dun­gen ge­trof­fen wer­den. Ein pro­blem wä­re es nur, wenn Fehl­ent­schei­dun­gen in­sti­tu­tio­nell nicht mehr kor­ri­giert wer­den kön­nen. Oder?

    der Par­tei­en­staat, der (noch) sehr gut dar­in funk­tio­niert, sich sei­nen ei­ge­nen Nach­wuchs zu si­chern, und sei­ne äu­ßerst eli­tä­re Hal­tung; die brei­te po­li­ti­sche So­zia­li­sie­rung, dass Po­li­tik par­la­men­ta­risch, und nicht po­pu­li­stisch ge­formt zu sein hat; der da­durch sta­bi­li­sier­te Ein­druck, dass über Po­li­tik be­rich­tet, sie aber nicht mit­be­stimmt wer­den kann; das Dog­ma, dass der Markt über dem Ge­mein­wohl steht und der Markt nur von ei­ni­gen we­ni­gen Groß­spie­lern sta­bi­li­siert wer­den kann; Kon­sum­über­fluss und über­bor­den­der In­di­vi­dua­lis­mus, My­thos der Selbst­ver­wirk­li­chung und dar­aus re­sul­tie­rend: Sor­ge um das Selbst, die vor vie­les an­de­re ge­setzt wird...
    Sor­ry, das ist mir viel zu holz­schnitt­ar­tig ge­dacht ge­dacht. Es führt üb­ri­gens zu den Bür­ger­ent­schei­den auf kom­mu­na­ler Ebe­ne wie­der zu­rück, die in den Kom­men­ta­ren auch ei­ne Rol­le spie­len: Wenn dem so ist – war­um ist die Be­tei­li­gung bei den un­mit­tel­bar in mei­ner Le­bens­welt zur Ent­schei­dung an­ste­hen­den Pro­ble­me fast im­mer sehr ge­ring? War­um ge­hen nur 38% zu Volks­ab­stim­mun­gen über ein kom­mu­na­les The­ma, wenn sich – an­geb­lich – so vie­le vom po­li­ti­schen Sy­stem ver­nach­läs­sigt füh­len?

    Ich ha­be ei­ne The­se: In Wirk­lich­keit ge­fal­len sich vie­le po­li­tisch In­ter­es­sier­te in ih­rer fa­ta­li­sti­schen Hal­tung. Nicht we­ni­ge er­göt­zen sich an der ak­tu­el­len Stüm­pe­rei der schwarz-gel­ben Re­gie­rung. Je­der Rück­tritt ei­nes Amts­trä­gers be­stä­tigt ih­re schlech­te Mei­nung. Tat­säch­lich ken­ne ich Grü­ne, die froh wa­ren, dass die Grü­nen 2005 in die Op­po­si­ti­on ge­hen konn­ten. Da ließ es sich doch bes­ser kri­ti­sie­ren. Das ab­stru­se Spiel der »Op­po­si­ti­on«, die per se erst ein­mal ge­gen (fast) Al­les ist, was die Re­gie­rung möch­te, kann ja je­den Tag be­ob­ach­ten. Der po­li­tisch sich leicht de­il­lu­sio­niert ge­ben­de Bür­ger treibt die­ses Spiel noch ein biss­chen ex­tre­mer: Für ihn ist ein Po­li­ti­ker nur noch ein Par­tei-Ap­pa­rat­schik. Was sie an­de­ren vor­wer­fen, be­trei­ben sie sel­ber. Es gibt der­zeit zwei Grup­pen, mit de­nen man so et­was »darf« – ei­ne da­von sind die Po­li­ti­ker. Wenn man in ähn­li­che Pau­scha­li­sie­rungs­mu­ster bei Aus­län­dern oder Hartz-IV-Emp­fän­gern ver­fal­len wür­de (s. We­ster­wel­le) wä­re das Ge­schrei – zu Recht! – rie­sen­groß.

    Das führt zu Aus­wüch­sen auch bei In­tel­lek­tu­el­len. Zu Grass braucht man nichts sa­gen. Neu­lich aber mein­te Claus Pey­mann, Deutsch­land feh­le ein Po­li­ti­ker wie Ber­lus­co­ni, an den man sich rei­ben kön­ne; die deut­schen Po­li­ti­ker wä­ren zu glatt. Die­se Aus­sa­ge zeigt die Ver­blö­dung Pey­manns aufs Schön­ste.

    Was Pe­ter­sens Buch in in­ter­es­san­ter Wei­se zeigt: Das von uns her­ab­las­send be­trach­te­te po­li­ti­sche Sy­stem der USA ist min­de­stens auf kom­mu­na­ler Ebe­ne in­te­grie­ren­der als das Deut­sche.

  18. her­aus­ge­grif­fen
    Dan­ke für Dei­ne »Ori­en­tie­rungs­ga­be«. Ehe wir uns in zu vie­len par­al­lel auf­ge­grif­fe­nen Ar­gu­men­ten ver­hed­dern, darf ich mich viel­leicht auf ein An­lie­gen kon­zen­trie­ren, das sich wie ein ro­ter Fa­den durch mei­ne Re­ak­ti­on auf Pe­ter­sens Buch zieht.

    Die »Ver­pflich­tung« des po­li­ti­schen Man­dats in­ner­halb der Frak­ti­on wird schon er­ör­tert. Und die sich hier­aus er­ge­ben­den Kon­fli­ke. Pe­ter­sen ist al­ler­dings keim Pam­phle­tist, der in Staats­an­walts­ma­nier den »Par­tei­en­staat« an­greift. Dies wür­de sein Selbst­ver­ständ­nis als Wis­sen­schaft­ler tan­gie­ren.

    Die­se Zu­rück­nah­me emp­fand ich bei der Lek­tü­re durch­aus als an­ge­nehm, zu­mal sie ja nicht durch­gän­gig ist. Pe­ter­sen prä­fe­riert sehr wohl ein Mo­dell und steht der deut­schen Re­prä­sen­ta­ti­ons­de­mo­kra­tie ziem­lich skep­tisch ge­gen­über.

    Ein Schlag­wort, hät­te ich es ein­ge­bracht, hät­te mein Be­har­ren auf die vie­len Fra­gen nach Ver­ant­wor­tung und Ver­pflich­tung auf den Punkt ge­bracht: Mir fehlt in vie­len po­li­ti­schen The­men die Trans­pa­renz – und in den Par­tei­en der Wil­le zur Trans­pa­renz. O.K., zu­ge­ge­ben – da­mit ha­be ich ein zwei­tes Schlag­wort an­ge­deu­tet: Es geht mir um Trans­pa­renz und Lob­by­is­mus.

    Oft, ach was: viel zu häu­fig ha­be ich in­zwi­schen den Pau­schalein­druck, Bür­ger wer­den nicht für voll ge­nom­men und Wäh­ler zu Ab­nickern de­gra­diert, die Ent­schei­dun­gen le­gi­ti­miert, die an an­de­rer Ort und Stel­le (näm­lich nicht öf­fent­lich) be­reits ent­schie­den wor­den sind (oder ent­schie­den wer­den). Das »den Sach­ver­halt zur Wahl stel­len« bzw. »ei­ne Dis­kus­si­on über die­sen oder je­nen Sach­ver­halt füh­ren« wird zur rei­nen, kon­se­quenz­ar­men Form­sa­che. (Ganz ab­ge­se­hen da­von, dass es auch Po­li­ti­ker gibt, die sich in die­ser Sta­ti­sten­rol­le se­hen; z.B. hier.) An die­ser Vier­ecks­be­zie­hung zwi­schen Wäh­ler, Po­li­ti­ker, Par­tei und ver­deckt ein­fluss­neh­men­der Lob­by rei­be ich mich – und bin ver­wun­dert, dass ei­ne Stu­die über Vor­stel­lun­gen po­li­ti­scher Re­prä­sen­ta­ti­on die­se Be­zie­hungs­fol­gen au­ßen vor lässt. Wo bleibt so­zu­sa­gen ihr Ab­gleich mit der »Rea­li­tät« po­li­ti­scher Re­prä­sen­ta­ti­on?

  19. Lob­by­is­mus ist die Aus­re­de des Be­que­men
    Na­ja, Pe­ter­sen lässt die­se Ver­bin­dun­gen nicht »au­ßen vor«. Er sieht sie nur nicht do­mi­nie­rend. Und das mit dem Lob­by­is­mus – ist ja ei­ne durch­aus am­bi­va­len­te Sa­che. Was ist Lob­by­is­mus ei­gent­lich? Sind die so­ge­nann­ten »Ver­brau­cher­schüt­zer« nicht auch Lob­by­isten? Den­noch hat mich noch nie­mand von die­sen selbst­er­nann­ten Schüt­zern ge­fragt, ob ich von ih­nen re­prä­sen­tiert wer­den möch­te. (Möch­te ich üb­ri­gens nicht.)

    Es macht mich fas­sungs­los wenn ehe­ma­li­ge Ge­sund­heits­mi­ni­ster den Ein­fluss der Lob­bys der Phar­ma­in­du­strie und/oder der Ärz­te be­kla­gen. Was be­deu­tet das? Hat­ten Lob­by­isten Fa­mi­li­en­mit­glie­der ent­führt und das Le­ben die­ser be­droht, falls ei­ne Po­si­tiv­li­ste be­schlos­sen wür­de? Wur­den Po­li­ti­ker bei au­ßer­ehe­li­chen Sex­spie­len ge­filmt? Wel­che Lei­chen hat­ten die Po­li­ti­ker mit die­sen Leu­ten im Kel­ler, um sich von Ih­nen ein­schüch­tern zu las­sen? Ich stel­le mal ei­ne stei­le The­se auf (liest eh’ kei­ner mehr mit): Lob­by­is­mus ist ein schö­nes Schein­ar­gu­ment von Po­li­ti­kern zur Ver­brä­mung ih­rer ei­ge­nen Un­tä­tig­keit. Lob­by­is­mus be­deu­tet für sie: Ich konn­te nicht an­ders, weil es sonst zu un­be­quem ge­wor­den wä­re (Ärz­te­streik!). Oder Lob­by­is­mus be­deu­tet: Ich mach’ es mir ein­fach, weil ich mich nicht mit meh­re­ren In­ter­es­sen­grup­pen gleich­zei­tig an­le­gen will – um beim Bei­spiel Ge­sund­heits­po­li­tik zu blei­ben: mit Ärz­ten, Kas­sen UND Pa­ti­en­ten. Man wählt dann den ein­fach­sten Weg: man be­la­stet Pa­ti­en­ten, weil die am schlech­te­sten »or­ga­ni­siert« sind – und wenn sich al­le Po­li­ti­ker mehr oder we­ni­ger ei­nig sind (in der Nicht­be­la­stung der so­ge­nann­ten Lob­by­grup­pen), dann kön­nen wir hübsch wei­ter­ma­chen.

    Na­tür­lich exi­stie­ren Lob­by­grup­pen und na­tür­lich ver­su­chen die­se Ein­fluss zu ge­win­nen. Aber der Ein­fluss wird ih­nen ge­währt. Es ist kein Na­tur­ge­setz – es ist ei­ne Maß­nah­me ei­ner po­li­ti­schen Klas­se, die den Weg des ge­ring­sten Wi­der­stands geht, um sich auf Dau­er im Wohn­zim­mer des Wal­tens ein­zu­rich­ten.

    In­so­fern kann Lob­by­is­mus in ei­ne Stu­die, die das Ver­hält­nis zwi­schen Wäh­ler und ge­wähl­tem Re­prä­sen­tan­ten un­ter­sucht, tat­säch­lich kei­ne do­mi­nie­ren­de Rol­le spie­len. Schließ­lich hat der Wäh­ler die Mög­lich­keit, den / die Po­li­ti­ker, die dem Lob­by­is­mus »nach­ge­ben« ab­zu­wäh­len.

  20. Lob­by­is­mus
    Das The­ma lohnt durch­aus ei­ne Aus­ein­an­der­set­zung: Ein Lob­by­ist ist je­mand, der In­ter­es­sen ver­tritt, und Tat­sa­chen be­wusst an­ders dar­stellt, als sie tat­säch­lich aus­se­hen. Das heißt nicht, dass er lügt, aber min­de­stens schön re­det oder Din­ge in ein be­stimm­tes Licht stellt, über- oder un­ter­treibt. In die­sem Sin­ne sind wohl die mei­sten Or­ga­ni­sa­tio­nen, In­sti­tu­tio­nen und Un­ter­neh­men, auch NGOs oder eben Ver­brau­cher­schüt­zer Lob­by­isten.

    Ei­ne Ge­fahr für die Po­li­tik se­he ich dort, wo der wil­li­ge Po­li­ti­ker (al­so der der dem Lob­by­is­mus ent­ge­gen tre­ten will) nicht zwi­schen den »un­ver­stell­ten« Tat­sa­chen und dem Lob­by­is­mus un­ter­schei­den kann. In der Tat ist es ja oh­ne wei­te­res denk­bar, dass ei­ne ge­schickt vor­ge­tra­ge­ne, in­ter­es­sen­ge­lei­te­te Po­si­ti­on nicht oh­ne wei­te­res auf­zu­decken ist: Als ein Ex­per­te auf ei­nem be­stimm­ten Ge­biet, kann ich oh­ne wei­te­res plau­si­bel ar­gu­men­tie­ren, und da­bei Lob­by­ist sein, ein­fach in dem be­stimm­te Ein­wän­de oder Ar­gu­men­te weg­ge­las­sen wer­den, die zwar be­deu­tend, aber nicht oh­ne wei­te­res er­sicht­lich sind.

    Ein Par­la­men­ta­ri­er, der sich auf Grund ei­ner an­ste­hen­den Ab­stim­mung oder ei­ner Ge­set­zes­vor­la­ge in­ner­halb kur­zer Zeit in­for­mie­ren muss, könn­te durch­aus in ei­ne sol­che Fal­le tap­pen, oder viel­leicht so­gar wi­der bes­se­ren Wis­sens tap­pen müs­sen, ein­fach weil die Kom­ple­xi­tät man­cher The­ma­ti­ken und der Zeit­druck ent­spre­chend ge­la­gert sind, und viel­leicht nie­mand an­ders In­for­ma­tio­nen an­bie­tet.

  21. In ei­ner Ra­di­odis­kus­si­on ging es neu­lich dar­um, ob man Volks­ent­schei­de in Deutsch­land auch auf Bun­des­ebe­ne zu­las­sen soll­te. Die Dis­kus­si­ons­füh­rung und die Art und Wei­se der Ar­gu­men­ta­ti­on der Geg­ner hat mei­ne bis­her eher re­strik­ti­ve Mei­nung hier­zu auf­ge­weicht.

    Als ei­ner der Grün­de, war­um man Volks­ent­schei­de auf Bun­des­ebe­ne NICHT zu­las­sen soll­te, wur­de ver­blüf­fen­der­wei­se der Lob­by­is­mus an­ge­führt. Die Ver­tre­ter des Sta­tus quo mein­ten tat­säch­lich, ein Ab­ge­ord­ne­ter sei bes­ser da­vor ge­feit, den ein­zel­nen Lob­by­grup­pen zu wi­der­ste­hen als das »Volk«, wel­ches in ei­ner Me­di­en­kam­pa­gne ma­ni­pu­lier­bar wä­re. Dass es ge­nü­gend Bei­spie­le da­für gibt, wie Lob­by­grup­pen Ge­set­zes­tex­te prak­tisch for­mu­liert hat­tenm wur­de nicht the­ma­ti­siert. Als Grund, den Lob­by­is­mus nicht zu ver­teu­feln kann man tat­säch­lich an­füh­ren, dass, wenn al­le In­ter­es­sen­grup­pen glei­cher­ma­ßen Lob­by­is­mus be­trei­ben, ei­ne Art Aus­gleich ent­steht. Dies auf ei­ni­ge we­ni­ge Ent­schei­dungs­trä­ger zu fo­kus­sie­ren, ist al­ler­dings nicht ganz un­ge­fähr­lich, da nach au­ßen nur die pu­bli­zier­ten Lob­by­kam­pa­gnen sicht­bar sind – die »ver­steck­ten« je­doch eher nicht.

    Den­noch ha­be ich vor Lob­by­isten merk­wür­di­ger­wei­se we­nig Angst. Der Zeit­geist be­stimmt eh die Rich­tung. Galt es in den 90er und 00er Jah­ren als Kon­sens, ge­gen Atom­kraft zu sein, wird dies po­li­tisch jetzt wie­der op­por­tun – um nur ein Bei­spiel zu nen­nen. Die So­lar­ener­gie-Lob­by spielt da­bei zwar ei­ne Rol­le, aber nicht die ent­schei­den­de. Die Atom­lob­by in Deutsch­land ist al­ler­dings ziem­lich blö­de: Sie schal­tet in vie­len über­re­gio­na­len Zei­tun­gen ei­ne ganz­sei­ti­ge An­zei­ge, um Lauf­zeit­ver­län­ge­run­gen durch­zu­set­zen und we­nig Geld da­für zu be­zah­len. Da­mit pro­vo­ziert man ex­akt das Ge­gen­teil. Sie ha­ben das Prin­zip Mer­kel nicht ver­stan­den. Wer sich zu­erst be­wegt, hat ver­lo­ren...

  22. Was ich ver­ges­sen ha­be
    Der EU-Ab­ge­ord­ne­te Ka­ras (ÖVP) mein­te un­längst er sein auch ein Lob­by­ist. Mich ent­täuscht das, weil es ein Po­li­tik­ver­ständ­nis of­fen­bart, das ich für kon­tra­pro­duk­tiv hal­te, und das sich vom dis­kur­si­ven Ide­al ab­wen­det (vor al­lem auch weil der Be­tref­fen­de ein Bür­ger­fo­rum Eu­ro­pa 2010 ins Le­ben ge­ru­fen hat – was soll man nun da­von hal­ten?). Aber viel­leicht se­he ich das zu eng...

  23. Noch ein Nach­trag
    Und wenn Po­li­ti­ker grund­sätz­lich Lob­by­isten wä­ren, dann stün­de der Bür­ger tat­säch­lich als ei­ne Art letz­ter Trot­tel da...

  24. Na­ja, wenn man den Be­griff des Lob­by­is­mus der­art weit aus­dehnt, dann wä­re auch je­der Bür­ger ein Lob­by­ist in ei­ge­ner Sa­che. Na­tür­lich ist ein Re­prä­sen­tant kein Eu­nuch, der mei­nungs- und le­bens­frei auf die Welt kommt.

    Ka­ras’ Hal­tung, ein Pa­pier nicht zu un­ter­schrei­ben, wel­ches sich ge­gen den EIn­fluss von Fi­nanz­lob­by­isten aus­spricht, ist m. E. voll­kom­men rich­tig. Ich ver­ste­he das Ge­jam­mer nicht. Er sagt ja durch­aus: Ich ent­schei­de, mit wem ich mich tref­fe. Wenn man jetzt qua­si als Ge­gen­pol mehr al­ter­na­ti­ves Lob­by­ing nach­fragt, ist das – da stim­me ich ihm eben­falls zu – ein Ein­ge­ständ­nis der ei­ge­nen Über­for­de­rung. Statt Ge­gen­lob­by­is­mus ein­zu­for­dern, soll­ten die ent­spre­chen­den Re­prä­sen­tan­ten viel­leicht ein biss­chen Welt­wirt­schaft pau­ken?!

    Ka­ras sagt nichts an­de­res: Ich ent­schei­de selb­stän­dig – als »Spre­cher der Zi­vil­ge­sell­schaft«. Das meint er da­mit, wenn er sich als Lob­by­ist in ei­ge­ner Sa­che sieht.

  25. Ka­ras Hal­tung das Pa­pier nicht zu un­ter­schrei­ben ist auch völ­lig in Ord­nung. Er sag­te, dass er Lob­by­ist sei, in­so­fern [als dass] ich für das, was ich für rich­tig hal­te, lob­by­ie­re. Da­für ver­su­che ich Mehr­hei­ten zu fin­den und Ak­teu­re zu be­ein­flus­sen.

    Im Ide­al­fall soll­te sich Po­li­tik (in ei­ner De­mo­kra­tie) vor al­lem auf Kri­tik und Ar­gu­ment be­zie­hen. Rea­li­sti­scher ge­se­hen, wird das nicht im­mer der Fall sein, und es ist auch gar nicht il­le­gi­tim, aber es gibt ei­ne Gren­ze, die lei­der im­mer öf­ter über­schrit­ten wird. Das Re­sul­tat ist dann ge­nau je­ne (Europa)Politik die wir bis zum Über­druss ken­nen, und die nichts an­de­res als Wer­bungs- und Über­zeu­gungs­ar­beit am Bür­ger ist – mit Kri­tik und Ar­gu­ment hat sie nichts mehr zu tun. Und ge­nau­so kann man Ka­ras’ Satz ver­ste­hen, und zu­min­dest er­scheint er mir be­denk­lich für je­man­den, der ein Bür­ger­fo­rum in­iti­iert das sich (auch) kri­tisch mit Eu­ro­pa aus­ein­an­der­set­zen soll.

  26. Es ist ja nicht ein­mal...
    »Wer­bungs- und Über­zeu­gungs­ar­beit«. Es ist blo­sse, pri­mi­ti­ve, Pro­pa­gan­da (ich weiss sehr wohl um die Di­men­si­on die­ses Wor­tes; es ist be­wusst ge­wählt). Da­bei schreckt man vor Falsch- und Halb­wahr­mel­dun­gen nicht zu­rück, preist et­was, was mit dem ei­gent­li­chen Ge­gen­stand (der EU) nichts zu tun hat. In Deutsch­land re­du­zier­ten sich die Fei­er­lich­kei­ten zum 50. Ju­bi­lä­um des EWG-Ver­tra­ges 2007 dar­auf, Kin­der und Ju­gend­li­che zu zei­gen, die das »freie Rei­sen« als Er­run­gen­schaft prie­sen. Das ist zwei­fel­los schön, aber nach mehr als 50 jah­ren als Quint­essenz ei­ner vier­mal (oder mehr?) um­be­nann­ten Or­ga­ni­sa­ti­on ein biss­chen we­nig. Wenn es be­son­ders schlecht um die EU in der öf­fent­li­chen Mei­nung steht, gibt es ir­gend­ei­ne In­itia­ti­ve ei­nes Kom­mis­sars, der die Han­dy-Ge­sprä­che im Aus­land ver­bil­ligt. Das wird dann als Vor­teil der EU dar­ge­stellt. Da­bei könn­te der Ver­brau­cher für je­des Aus­lands-Han­dy­ge­spräch locker das Fünf­fa­che be­zah­len, wenn man ihm das Geld, was er über Steu­er­gel­der an die EU ab­führt, las­sen wür­de.

    Ka­ras’ Satz, er lob­by­ie­re für das, was er für rich­tig emp­fin­det, ist m. E. der Kern­satz, der das Re­prä­sen­ta­ti­ons­we­sen in der De­mo­kra­tie be­fragt. Letzt­lich ist es un­mög­lich, al­le Bür­ger zu re­prä­sen­tie­ren. Das ge­lingt noch nicht ein­mal mit al­len Wäh­lern – selbst hier gibt es im­mer Dif­fe­ren­zen. Der ge­wähl­te Re­prä­sen­tant ist al­so im­mer das »klein­ste Übel«. Mei­ne Stim­me für ihn ist ein Ver­trau­ens­vor­schuss. Die Über­ein­stim­mun­gen mit ihm sind am höch­sten – da­her wäh­le ich ihn. Fällt er in ir­gend­ei­ner Form ab (oder ich ha­be mich ge­irrt), wäh­le ich ihn nicht mehr.

    Wir soll­ten die Ent­sa­kra­li­sie­rung der Po­li­tik be­trei­ben, da­mit sie nicht von an­de­ren be­trie­ben wird. Zum Bei­spiel: Ein Kom­pro­miss ist nicht faul, er ist ei­ne Ent­schei­dung, die kon­sen­su­ell ge­fun­den wur­de.

  27. Ein har­tes Ur­teil, aber wahr­schein­lich zu­tref­fend (au­ßer man ist sehr wohl­wol­lend). Und manch ei­ner wird sa­gen: Das Wahl­volk be­kommt, was es ver­dient.

    Was soll das Ziel der Ent­sa­kra­li­sie­rung sein? Ei­ne nüch­ter­ne Sicht von Po­li­tik?

  28. Ei­ne »Ent­sa­kra­li­sie­rung« der Po­li­tik wä­re das Ge­gen­teil des­sen, was al­le der­zeit wün­schen, die vom Phä­no­men Oba­ma schwa­dro­nie­ren. Man sieht ja, wie schnell hier Er­nüch­te­run­gen auf­tre­ten kön­nen. Po­li­tik soll­te sich nicht mit der Au­ra des »Wir ma­chen das schon« um­ge­ben, son­dern Per­spek­ti­ven für mit­tel- und lang­fri­sti­ge Ent­wick­lun­gen auf­zei­gen. Da­zu ge­hört das EIn­ge­ständ­nis, dass es heut­zu­ta­ge in kaum ei­nem Po­li­tik­feld ei­ne »rich­ti­ge« und »fal­sche« Po­li­tik gibt, son­dern nur das we­ni­ger fal­sche ge­tan wer­den kann. Das Wahl­volk soll­te nüch­tern über Fol­gen von Ent­schei­dun­gen auf­ge­klärt wer­den. Dann soll­ten die ge­trof­fe­nen Ent­schei­dun­gen ei­ne ge­wis­se Zeit be­kom­men, um ih­re Wir­kung zu ent­fal­ten. Er­gän­zun­gen soll­ten vor­ge­nom­men wer­den, aber nur, so­lan­ge die Ba­sis ei­ner Ent­schei­dung nicht aus­ge­höhlt wird.

    Be­stes Bei­spiel in Deutsch­land: Ren­te mit 67. De fac­to ist das für vie­le der heu­te 40–50jährigen ei­ne Ren­ten­kür­zung, da sie spä­te­stens mit 62, 63 aus ih­rem Ar­beits­platz ge­drängt wer­den. Ent­we­der sie ver­sor­gen sich dann die Zeit bis zur Ren­te von ih­rem Er­spar­ten (was kaum je­mand ver­mag) oder man nimmt Ab­schlä­ge bei der Ren­te in Kauf – die üb­ri­gens dau­er­haft sind. Das wuss­te man, als man die­se Ent­schei­dung traf – woll­te man aber na­tür­lich nicht sa­gen. In­zwi­schen ist die SPD, die das fe­der­füh­rend be­schlos­sen hat­te, nicht mehr an der Re­gie­rung und stellt auf ein­mal fest: Das ist ja ei­ne Ren­ten­kür­zung – und be­harrt dar­auf, die »Ren­te mit 67« aus­zu­set­zen, bis 50% der über 60jährigen so­zi­al­ver­si­chungs­pflich­tig be­schäf­tigt sind. Al­so nie. So macht man kei­ne Po­li­tik.

    Rich­ti­ge Po­li­tik wä­re ge­we­sen, die Bei­trags­be­mes­sungs­gren­ze für die Ren­ten­ver­si­che­rung an­zu­he­ben, die Mög­lich­kei­ten der »Früh­ver­ren­tun­gen« für Un­ter­neh­men auf Ko­sten der So­zi­al­kas­sen ab­zu­schaf­fen, die Ren­ten ab ei­ner ge­wis­sen Sum­me ein­zu­frie­ren und dann erst die­se »Ren­te mit 67« ein­zu­füh­ren.

    In an­de­ren Po­li­tik­fel­dern ru­dert die SPD jetzt auch zu­rück. Aber was ist das ein Bild von Po­li­tik: Ei­ne Par­tei ist 11 Jah­re an der Re­gie­rung bzw, an ei­ner Re­gie­rung be­tei­ligt. Und an­dert­halb Jah­re nach­dem sie nicht mehr in der Re­gie­rung ist, stellt sie all das, was sie in den 11 Jah­ren vor­her (mit)beschlossen hat­te, in Fra­ge.

    Und das, ob­wohl man dies da­mals als tol­le und ab­so­lut not­wen­di­ge Re­for­men fei­er­te. Die Sa­che sel­ber wird durch die­se Form der »Po­li­tik« nicht mehr ge­löst, son­dern nur auf Schlag­wor­te, die den je­wei­li­gen Zeit­geist tref­fen, re­du­ziert. Das ge­schieht aber nur, weil man vor­her die Er­war­tun­gen der­ar­tig hoch­ge­schrie­ben hat. Die Des­il­lu­sio­nie­rung folgt auf dem Fu­ße – und wird aus Grün­den des Po­pu­lis­mus auch noch for­ciert.

    Noch kurz ein an­de­res Bei­spiel – die deut­sche Ein­heit. Ein Mu­ster­bei­spiel für über­zo­ge­ne Er­war­tungs­hal­tun­gen, die man un­ge­hin­dert zu­ge­las­sen hat­te. Füh­ren­de Po­li­ti­ker der da­ma­li­gen Zeit spra­chen von der »Por­to­kas­se«, mit der die Ein­heit zu »fi­nan­zie­ren« sei. Das Ge­gen­teil war der Fall – die Fir­men wur­den ab­ge­wickelt bzw. muss­ten (nach volks­wirt­schaft­li­chen Rech­nun­gen) ab­ge­wickelt wer­den. Man be­zahl­te den Leu­ten lie­ber die Ar­beits­lo­sig­keit. Ho­he Er­war­tun­gen konn­ten nicht ein­ge­löst wer­den. Hät­te man das al­les ei­ne Num­mer klei­ner ge­macht und die Leu­te »mit­ge­nom­men« statt zu ali­men­tie­ren, wä­re es an­ders aus­ge­gan­gen.

  29. Schö­ne Bei­spie­le
    Das wä­re ein sehr ver­nünf­ti­ger An­satz, aber ge­ra­de die Vor­wah­len wie sie in den USA statt­ge­fun­den ha­ben, pro­du­zie­ren ei­nen an­de­ren Stil – oder sa­gen wir: Weil sich ei­ner (ei­ne Par­tei) dem­entspre­chend ver­hält, tun es die an­de­ren auch (buh­len um Wäh­ler, Wer­bung, ver­kau­fen ei­nes be­stimm­ten Er­schei­nungs­bilds, etc.). Es liegt schein­bar nicht im In­ter­es­se der Po­li­ti­ker ent­sa­kra­li­sie­rend zu wir­ken, weil sie an­ders (noch ge­nug) Er­folg ha­ben.