Jo­chen Schim­mang: Das Be­ste, was wir hat­ten

Ein fu­ri­os-me­lan­cho­li­scher, manch­mal sen­ti­men­ta­ler Be­ginn. Gre­gor Korff, 1948 ge­bo­ren, durch­schrei­tet in Ge­dan­ken sei­ne Kind­heit und Ju­gend. Vom Vor­harz ins Frie­si­sche ge­kom­men, für sei­ne Mit­schü­ler mit ei­nem Ge­heim­nis [ausgestattet]…das er gar nicht hat­te, ent­wickelt sich ei­ne Freund­schaft zu Nott (der spä­ter ein An­walt in der links­al­ter­na­ti­ven Sze­ne wird). Man rich­tet sich heim­lich ei­ne al­te, bau­fäl­li­ge Hüt­te ein, be­schäf­tigt sich mit den Beat­les und dem Pro­f­u­mo-Skan­dal (vor al­lem mit Chri­sti­ne Kee­ler), hat kurz­fri­stig Re­spekt vor dem bri­ti­schen Post­räu­ber Biggs, re­zi­tiert Beckett (den man nur teil­wei­se ver­steht), spielt Schach und lässt ir­gend­wann zwei Schwe­stern (die Füch­sin­nen) ins Re­fu­gi­um hin­ein (und Gre­gor er­in­nert sich an Re­ni Fuchs und sei­ne auf­kom­men­de Lust).

Jochen Schimmang: Das Beste was wir hatten

Jo­chen Schim­mang: Das Be­ste was wir hat­ten

Dann die Stu­den­ten­zeit in Ber­lin (der seit Schul­aus­flug­ta­gen un­ge­lieb­ten Stadt), die (Zufalls-)Bekanntschaft mit Lea (im Raum des Mög­li­chen hät­te ja ein­gangs der Par­ty durch­aus auch ei­ne an­de­re Blick­rich­tung ge­le­gen), da­durch Ge­folg­schaft und Funk­ti­on in ei­ner K-Grup­pe. An­fang der 70er Jah­re geht Lea in den Un­ter­grund (er hört nie mehr von ihr). Die Fuss­ball­trup­pe der PL/PI (»Pro­le­ta­ri­sche Linke/Parteiinitiative«) bleibt noch, die­se selt­sa­me Trup­pe von Träu­mern und Ver­spreng­ten; für die Au­gen­blicke des Spiels schei­nen al­le Pro­ble­me und Dif­fe­ren­zen ge­tilgt. Hier lernt er Leo Mürks ken­nen (das Hein­rich-Böll-Ge­sicht), der nach Köln ging (und Uli Go­er­gen [spä­ter Pro­fes­sor] und Carl Schel­ling). Der kom­mu­ni­sti­sche Or­den ver­liert trotz des Fuss­balls schnell sei­nen Reiz; der schlei­chen­den In­fil­tra­ti­on wi­der­steht er, schreibt ei­nen Ab­schieds­brief, ver­lässt Ber­lin und geht »in den We­sten« zu­rück.


Im Spät­som­mer 1974 muss­te die­ser Mo­ment ge­we­sen sein, in den Gre­gor Korff ganz scheu be­gann, sein Land zu lieben…Seine ge­wag­te De­mo­kra­tie, de­ren Kanz­ler vor ein paar Mo­na­ten über ei­nen me­dio­kren Spi­on ge­stürzt war. Da­nach nach Spey­er an die Hoch­schu­le für Ver­wal­tungs­wis­sen­schaf­ten; Gre­gor fühl­te sich ge­parkt, nicht ge­for­dert. Schliess­lich die Be­geg­nung mit dem Mann, der heu­te (zum Zeit­punkt sei­ner Re­fle­xio­nen) Mi­ni­ster ist. 1982 wird Gre­gor des Mei­sters Hirn und da be­ginnt ja auch die »gei­stig-mo­ra­li­sche Wen­de« (und man ist nicht schlecht über­rascht, dass dies da­mals mehr als nur ein Re­gie­rungs­er­klä­rungs­schlag­wort ge­we­sen sein soll).

Prag­ma­tis­mus statt Ex­al­tiert­heit

Rück­blen­den an dem Tag, der ein un­ge­wöhn­li­ches Jahr­zehnt be­en­det. Die Er­war­tun­gen an die Zu­kunft sind hoch und die Un­ge­wiss­hei­ten gross. Es ist Sil­ve­ster 1989. Korff ze­le­briert das köst­li­che Al­lein­sein in sei­nem Haus in Kö­nigs­win­ter; er möch­te so­gar von den Nach­barn, ei­ner gut­si­tu­ier­ten Be­am­ten­fa­mi­lie, die ein biss­chen auf­wen­dig fei­ert, nicht wahr­ge­nom­men wer­den und ver­dun­kelt die Woh­nung. Korffs Er­in­ne­run­gen an das Jahr 1969: kon­tin­genz­ver­haf­tet ist die­ser An­ti-Held, der fest­stellt, dass win­zi­ge Än­de­run­gen (zum Bei­spiel ob und wann man vor zwan­zig Jah­ren auf ei­ne Par­ty ge­gan­gen ist), klein­ste Zu­fäl­lig­kei­ten die­ses Le­ben und die Rich­tung, die es nimmt, be­stim­men (und man hü­te sich Kon­tin­genz mit Schick­sals­gläu­big­keit zu ver­wech­seln, dann be­kommt er ei­nen Wut­aus­bruch, als loh­ne es sich da­für).

Man möch­te im­mer so wei­ter­le­sen; wünscht, dass es nicht so bald auf­hört. Aber ir­gend­wann, am 1. Ja­nu­ar 1990 (so ab Sei­te 60), be­ginnt nicht nur das neue Jahr­zehnt (und die tur­bu­len­te Zeit des­sen, was man Wie­der­ver­ei­ni­gung nennt – mit Korff als Be­ra­ter des Mi­ni­sters, der dann spä­ter als In­nen­mi­ni­ster auf­grund der Er­eig­nis­se um ei­nen Po­li­zei­ein­satz zu­rück­trat [ge­meint ist na­tür­lich Ru­dolf Sei­ters; der Na­me fällt al­ler­dings nie, den­noch ist die Zu­ord­nung ein­deu­tig]), son­dern der Ro­man wech­selt lang­sam von der Re­mi­nis­zenz, die zu­wei­len so schön be­schwö­rend er­zählt (oder er­zäh­lend her­bei­be­schwört?) wird in die Dar­stel­lung der Er­eig­nis­se. Leo Münks, Gre­gors be­ster (und fast ein­zi­ger) Freund, ist beim Staatschutz – »Si­cher­heit vor Frei­heit!« (es stellt sich her­aus, dass er schon zu Stu­den­ten­zei­ten dort war). Sein Va­ter ist ge­stor­ben und wir ler­nen die Ver­hält­nis­se des ei­ni­ge Jah­re äl­te­ren ken­nen; Re­fle­xio­nen über den Va­ter, die Her­kunft aus der rhei­ni­schen Pro­vinz, die Kar­rie­ren, wie sie da­mals noch mög­lich wa­ren und die Selbst­tö­tung der Mut­ter. Le­os Frau Ani­ta (deut­lich jün­ger) hat ein (rein se­xu­ell do­mi­nier­tes) Ver­hält­nis mit Gre­gor (was sie nach ei­nem knap­pen Jahr be­en­det). Ir­gend­wann wis­sen den­noch al­le da­von; der Freund­schaft tut dies kei­nen Ab­bruch (es wird schlicht­weg aus­ge­spart). Prag­ma­tis­mus statt Ex­al­tiert­heit – wie die­ses Her­um­fah­ren Gre­gors mit dem ir­gend­wann ur­alten Borg­ward und dem Ein­sau­gen des Im­biß­bu­den­char­mes.

Drei Jah­re vor­her Gre­gors Lieb­schaft zu Son­ja, die er so­gar hei­ra­ten woll­te, aber dann plötz­lich war sie (wört­lich) spur­los ver­schwun­den. Und plötz­lich, 1990, trifft er sie un­ver­hofft in der Spiel­bank Aa­chen wie­der. Leo, der Son­ja schon da­mals nicht moch­te, be­ginnt zu re­cher­chie­ren – und man stellt fest, dass Son­ja ei­ne Sta­si-Agen­tin ist (der BND hat­te ge­schlampt und ei­ne Ko­in­zi­denz zu ei­nem Gift­mord an ei­nem Mit­ar­bei­ter über­se­hen).

Gre­gor weiss von den Er­geb­nis­sen der Re­cher­chen noch nichts, aber plötz­lich gibt es so et­was wie ei­ne Er­lö­sung: Son­ja kam ihm entgegen…Er ging lä­chelnd auf sie zu; dann merk­te er selbst, wie ihm von ei­nem Mo­ment auf den an­de­ren das Lä­cheln ver­rutsch­te und sein Ge­sicht ei­nen ent­gei­ster­ten Ein­druck an­nahm, auch wenn er es nicht se­hen konn­te. Die Er­lö­sung ist Son­jas Ent­zau­be­rung im Au­ge Gre­gors (wie er spä­ter Ani­ta fragt, als sie das »Ver­hält­nis« be­en­det, ob er nun für sie ent­zau­bert ist) – ei­ne ir­rever­si­ble Ab­wen­dung; un­er­klär­lich. Son­ja merkt es. Kurz da­nach ent­kommt sie dem Staats­schutz er­neut. Die An­ge­le­gen­heit kommt in die Pres­se; Gre­gor ist in sei­nem Amt ge­ra­de in die­ser fra­gi­len Zeit nicht mehr halt­bar. Mit ge­press­ter Stim­me ver­ab­schie­det ihn der Mi­ni­ster. Und er be­ginnt von sei­ner Ab­fin­dung, sei­nem Er­spar­ten zu le­ben, trifft sich re­gel­mä­ssig mit dem frei­en Geist Pe­ter Glotz zum Es­sen und nimmt ei­ne mä­ssig do­tier­te Do­zen­tur an, die ihm von Go­er­gen ver­mit­telt wird und ihn ein­mal pro Wo­che nach Frank­furt führt.

Dickes Trink­geld zum Ab­schied

Und dann zieht Carl Schel­ling, in­zwi­schen Ar­chi­var, in die Nach­bar­schaft von Leo und Ani­ta nach Köln. Ein höf­li­cher, zu­rück­hal­ten­der Mann, der wun­der­bar kocht. Aber lei­der be­lässt es Jo­chen Schim­mang nicht da­bei: Nicht ge­nug, dass Gre­gor durch ei­ne Sta­si-Frau um sei­nen Job ge­bracht wur­de (war­um nur die­ses Mo­tiv fragt sich der Le­ser), nein, auch Carl hat sein Ge­heim­nis. Er ist Mit­glied in ei­ner an­ar­chi­sti­schen Or­ga­ni­sa­ti­on (Grup­pe Au­gust Reins­dorf); Leo kommt ihm auf die Schli­che (nicht oh­ne Re­spekt liest er die Un­ter­grund­pu­bli­ka­tio­nen res pu­bli­ca und ver­folgt die harm­lo­sen aber durch­aus in­tel­li­gen­ten »Ak­tio­nen« der Or­ga­ni­sa­ti­on). Carl wird ver­haf­tet, als er Spreng­stoff für ei­nen ge­plan­ten An­schlag auf das Nie­der­wald­denk­mal in Emp­fang nimmt und dra­ko­nisch zu fünf Jah­ren Haft ver­ur­teilt. Gre­gor sam­melt bei fi­nanz­kräf­ti­gen und pro­mi­nen­ten Leu­ten Gel­der (sehr kon­spi­ra­tiv im Um­schlag!), um pu­bli­zi­stisch Carls Frei­las­sung in ganz­sei­ti­gen An­zei­gen in über­re­gio­na­len Zei­tun­gen zu for­dern. Le­os Frau Ani­ta wirkt im Hin­ter­grund mit und schliess­lich wird Carl tat­säch­lich be­freit, und zwar ge­walt­sam.

Wie durch ein Wun­der ge­lingt die Ak­ti­on und Carl kann in Am­ster­dam mit neu­er Iden­ti­tät un­ter­tau­chen. Gre­gor, der ak­tiv dar­an be­tei­ligt war (und –Kon­tin­genz! – Re­ni bei der Ak­ti­on als Hel­fe­rin kurz wie­der­sieht), wird zwar be­fragt, aber man schöpft kei­nen Ver­dacht; die Herold’sche Ra­ster­fah­nung bleibt er­folg­los. Al­ler­dings ver­liert er sei­ne Do­zen­tur, die Woh­nung wird ihm ge­kün­digt und sein Borg­ward ist nicht mehr zu re­pa­rie­ren. Die Es­sen mit Pe­ter Glotz gibt es seit des­sen Um­zug nach Er­furt auch nicht mehr. Noch ei­ne Tat muss her, das freud- und er­eig­nis­lo­se Le­ben auf­zu­pep­pen. Er schleu­dert zwei Farb­ei­er wäh­rend ei­ner Po­di­ums­dis­kus­si­on, un­ter an­de­rem auf ei­nen Pro­fes­sor, den er noch zu sei­ner Be­ra­ter­zeit in die Macht­zen­tra­le ein­ge­bracht hat­te, zum Re­den­schrei­ber des Dicken wur­de und der sich als Ver­tre­ter der neu­en, Ber­li­ner Re­pu­blik ge­riert (und man fragt sich aber­mals, ob das sein muss­te).

Das dicke Trink­geld, als wol­le er ein für al­le Mal Ab­schied neh­men für die Kell­ne­rin im Ca­fé Mül­ler-Lang­hardt (auch wie­der so ein Korff­sches Re­fu­gi­um) vor den »Ta­ten« als ei­ne Art Vor­ah­nung. Und beim Ab­schied von Leo und Ani­ta dann noch ein­mal die­se Me­lan­cho­lie, die­ses Schwel­gen im Mo­rast von Er­in­ne­run­gen, wel­ches Schim­mang so vir­tu­os be­herrscht, weil es sou­ve­rän an fal­schen Idyl­li­sie­run­gen vor­bei­schrammt (ab­ge­se­hen viel­leicht von die­ser Bo­ris-Becker-ge­winnt-Wim­ble­don-Er­zäh­lung, die et­was scha­blo­nen­haft als Ex­em­pel für die al­te Bun­des­re­pu­blik her­hal­ten muss): Ein Tag im Mai 1989, bei den Rhein­wie­sen, beim Pick­nick, dann in ei­ner Gar­ten­ko­lo­nie – aus­ge­rech­net dort! – »in ei­ner Ecke ganz hin­ten Le­os Chef und Gre­gor ist so­fort an die The­ke ge­gan­gen und hat be­zahlt, und dann ha­ben wir uns so schnell wie mög­lich aus dem Staub ge­macht.« »Stimmt, ja«, lach­te Leo, »ich er­in­ne­re mich. Wie die er­tapp­ten Schul­schwän­zer.« Gre­gor sag­te: »Nein, wie die, die noch ein­mal da­von­ge­kom­men sind.« »Rich­tig.« Nach ei­ner kur­zen Pau­se sag­te Ani­ta: »Das war doch das Be­ste, was wir ge­habt ha­ben!« Sel­ten hat man grif­fi­ger und tref­fen­der ein Epo­che­n­en­de in ei­ner sol­chen kur­zen Se­quenz ge­spie­gelt.

Ei­gen­ar­ti­ge Am­bi­va­lenz

Und dann, die Rhein­ufer­stra­sse in nörd­li­cher Rich­tung mit Ani­tas al­tem Au­to fah­rend plötz­lich fünf­zig Me­ter links die­ser Schup­pen. Ei­ne Zeit­ma­schi­ne in die Ju­gend. Und tat­säch­lich: Ein Jun­ge und ein Mäd­chen, viel­leicht 14, le­ben dort kon­spi­ra­tiv. Sie hal­ten Gre­gor an­fangs für ei­nen Po­li­zi­sten und wol­len ihn aus­fra­gen. Da­bei er­zählt er ih­nen sein gan­zes Le­ben (bis der Kaf­fee al­le ist) und das Mäd­chen ball­te im­mer wie­der ih­re Hän­de zu Fäu­sten. Und ganz am Schluss, dann, wenn wir so ger­ne ge­wusst hät­ten, was die­ser Gre­gor Korff denn nun macht so ganz oh­ne Be­ruf und Freun­de – jetzt, im span­nend­sten Mo­ment, ist das Buch zu En­de. »Und…wohin ge­hen Sie jetzt?«, frag­te das Mäd­chen. »Ich weiß noch nicht, Ziem­lich weit weg, glau­be ich.« Da geht er, der Lo­ne­so­me-Cow­boy der Bon­ner Re­pu­blik.

Leo ist mit 51 aus­ge­brannt und sucht ei­nen Weg zur Früh­pen­sio­nie­rung; Gre­gor hat letzt­lich nur die acht Jah­re rich­tig ge­ar­bei­tet, bricht mit 46 end­gül­tig al­le Zel­te ab und ver­zich­tet auf wei­te­re Pro­te­gie­run­gen. Die Loya­li­tät be­stand zur Bon­ner Re­pu­blik, die­sem brä­si­gen und manch­mal spie­ssi­gen Pro­vi­so­ri­um, das al­lei­ne durch die Aus­wahl der Haupt­stadt schon vor Grö­ssen­wahn ge­feit war. An­ders wie vie­le ih­rer Ge­nera­ti­on ent­decken Gre­gor und Leo die­ses Land, an dem sie Wohl­ge­fal­len hatte[n], nicht erst im Ver­lust als er­hal­tens­wer­tes Ge­bil­de. Ihr Struk­tur­kon­ser­va­tis­mus mün­det in der Ent­täu­schung über die Preis­ga­be der Wer­te die­ses Pro­vi­sio­ri­ums in ei­ne tie­fe Le­thar­gie, die Po­li­ti­ker wie Kohl nach­träg­lich fast pro­gres­siv er­schei­nen las­sen. Da­her hat Korff durch­aus Par­al­le­len zu Ko­ep­pens Kee­ten­heuve (frei­lich be­sitzt er nicht des­sen in­tel­lek­tu­el­le Po­tenz, da­her ist er im­mu­ni­siert ge­gen den Sui­zid). Bei­de ver­wei­gern sich auf ih­re Art dem po­li­ti­schen Zeit­geist­strom, statt ihn ak­tiv mit zu ge­stal­ten. Dem Neu­en ste­hen sie ab­leh­nend und mit dem läh­men­den Ge­fühl der Ohn­macht ge­gen­über. Zu gross scheint der Ekel, der von der (ver­meint­lich?) neu­en Zeit aus­geht.

Da­bei bleibt im Buch der po­li­ti­sche Gre­gor Korff ei­gen­ar­tig am­bi­va­lent, wo­bei man die­se In­kon­si­stenz nicht un­be­dingt beim Prot­ago­ni­sten fest­macht, son­dern eher beim Au­tor: De­zi­dier­ter Carl Schmitt-Ken­ner (aber kein Adept und da­her ist er ihn auch am En­de leid), pri­vat eher links-al­ter­na­ti­ve Sym­pa­thi­en, dann das fast selbst­ver­ständ­li­che An­neh­men des An­ge­bots zum Po­li­tik­be­ra­ter im Um­feld der Kohl-Re­gie­rung 1982 – und plötz­lich das (Wieder-)Entdecken (?) ei­nes an­ar­chi­schen Kerns, ob­wohl er doch schon als Schach­spie­ler in der Hüt­te als De­fen­siv­künst­ler be­schrie­ben wur­de und vom Ge­rech­tig­keits­fu­ror ei­nes Carl, der beim »Jes­se James«-Western mit den Zäh­nen ge­knirscht und manch­mal die Fäu­ste ge­ballt hat­te und kei­ner [war], der sich ab­fin­det, weit ent­fernt war (und dies ganz si­cher oft ge­nug be­dau­ert hat­te).

Schim­mangs »Das Be­ste, was wir hat­ten« ist in den ge­lun­gen­sten Mo­men­ten ein ele­gi­scher Ab­ge­sang auf die Bon­ner Re­pu­blik und den so oft ver­kann­ten (und de­nun­zier­ten) deut­schen Pro­vin­zia­lis­mus. Ob­wohl das Buch 1994 en­det, schei­nen die Schrö­der-Jah­re der »nor­ma­len Re­pu­blik« schon ih­re Schat­ten vor­aus zu wer­fen. Na­tür­lich ist die­ses arg holz­schnitt­ar­ti­ge, dann doch ge­le­gent­lich ver­klä­ren­de Ur­teil nicht »ge­recht«, da es auch Brü­che und Ver­wer­fun­gen in der Bon­ner Re­pu­blik gab und vor al­lem die eher trü­ben End-80er Jah­re in mil­de­rem Licht er­schei­nen, als sie tat­säch­lich wa­ren (im­mer­hin galt Kohl im Sep­tem­ber 1989 ei­ni­gen Par­tei­freun­den als Ana­chro­nis­mus und man plan­te auf dem Par­tei­tag den dann ge­schei­ter­ten Putsch). Und man­che Sze­nen ins­be­son­de­re im drit­ten Teil, als Korff bei­spiels­wei­se im Farb­ei­er­wer­fen plötz­lich ei­ne Ak­ti­on von 1969 als Ur­er­fah­rung er­in­nert, die nun, in ganz an­de­rem Zu­sam­men­hang, voll­endet wer­den muss, wir­ken dann doch arg auf­ge­setzt.

Ach hät­te doch der Au­tor da oder dort ein biss­chen ge­kürzt, seufzt der Le­ser. Oder, noch bes­ser, hät­te er die­sen gan­zen chro­no­lo­gisch-er­zähl­ten Plot be­gin­nend 1990, der im zwei­ten und drit­ten Teil 1992 wie­der ein­setzt, ein­fach auch als Wie­der­ho­lun­gen mä­an­dernd viel­leicht zur (so­ge­nann­ten) Jahr­tau­send­wen­de von ei­ner In­sel im At­lan­tik aus er­in­nernd, wie­der-ho­lend er­zäh­len las­sen.

Aber man ist am En­de froh, die­ses Buch ge­le­sen zu ha­ben.


Die kur­siv ge­druck­ten Pas­sa­gen sind Zi­ta­te aus dem be­spro­che­nen Buch.
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7 Kommentare zu »Jo­chen Schim­mang: Das Be­ste, was wir hat­ten«:

  1. tinius sagt:

    Okay : neu­gie­rig, sehr neu­gie­rig. ;) War­um fällt mir zum The­ma »Bon­ner Re­pu­blik« der von mir zwar ge­le­se­ne, aber – ich den­ke – im­mer noch un­ver­dau­te Wolf­gang Ko­ep­pen ein ? Je­den­falls hast Du es wie­der ein­mal ge­schafft, mein Blick­feld (und mei­nen Wunsch­zet­tel) zu er­wei­tern.

    #1

  2. Wich­ti­ge Kor­rek­tur...
    an mei­nem Text: Das Ver­hält­nis Le­os und Gre­gors zur Bon­ner Re­pu­blik hat­te ich tat­säch­lich falsch dar­ge­stellt, weil ich zwei Wör­ter ver­ges­sen hat­te (in­zwi­schen kor­ri­giert):

    An­ders wie vie­le ih­rer Ge­nera­ti­on ent­decken Gre­gor und Leo die­ses Land, an dem sie Wohl­ge­fal­len hatte[n], nicht erst im Ver­lust als er­hal­tens­wer­tes Ge­bil­de.

    Hier liegt auch die wich­tig­ste Par­al­le­le zu Ko­ep­pens Kee­ten­heuve. Ich fin­de Ko­ep­pens »Treib­haus« heu­te im­mer noch sehr le­sens­wert und dicht (neu­lich gab es ei­ne seh rge­lun­ge­ne Hör­spiel­adap­ti­on mit Axel Mil­berg). Er ist nicht frei von Ma­nie­ris­men, was dem Prot­ago­ni­sten und des­sen ly­ri­sche Par­al­lel­welt ge­schul­det zu sein scheint. Die Bon­ner Re­pu­blik war für Kee­ten­heuve prak­tisch mit der Wie­der­be­waff­nung be­en­det. Die­sen Akt emp­fand er (und mit ihm vie­le an­de­re) als Akt der Nor­ma­li­tät – wie wei­land 1990/91 all das, was man dann »Ber­li­ner Re­pu­blik« nennt.

    #2

  3. en-passant sagt:

    »Prag­ma­tis­mus statt Ex­al­tiert­heit«
    Von Schim­mang ha­be ich vor Jah­ren mal was ge­le­sen. Und ob­wohl ich mich – zu mei­ner Schan­de – an De­tails nicht mehr er­in­ne­re, weiß ich noch, dass es sehr an­ge­nehm zu le­sen ge­we­sen war und ich oft ein­ver­stan­den ge­we­sen war und öf­ter mal so was ähn­li­ches ge­dacht hat­te wie: Kön­nen ei­nem die Rea­li­sten nicht doch die Welt bes­ser er­klä­ren als die Sti­li­sten (die Künst­ler)? Sind die Mit­tel­la­gen nicht doch in der Mehr­heit ge­gen­über den Aus­nah­men im Le­ben? Kurz: Ist das, was man hat, nicht doch bes­ser als die (oft so un­ge­rech­ten und im­mer auch blin­de­ren) Idea­le oder die Vor­stel­lun­gen da­von, sie zu er­rei­chen?

    Wahr­schein­lich wie­der so ein Fall, wo man aus ei­ge­nem Un­ver­mö­gen ei­nem wei­te­ren Weg ins Bes­se­re nicht ge­recht wer­den kann. (Und das gilt dann wohl eben­so für das Buch wie über die dar­in be­han­del­te Zeit.)

    ***

    Und zu Ko­ep­pen noch kurz: Es lie­fen neu­lich im­mer mal wie­der (auf DLF & WDR) Hör­spiel­adap­tio­nen zu sei­ner Tri­lo­gie. Ab­so­lut an­hö­rens­wert! Auch wenn man die­sen re­tro­spek­ti­ven Ak­zent et­was zu­rück­nimmt! Das war für mich – zu­mal mit den Ab­stän­den zu den Le­ser­er­fah­run­gen – sel­ber ei­ne Über­ra­schung!

     

    #3

  4. @en-passant
    Schö­ner Ge­dan­ke, dass das »was man hat« viel­leicht doch bes­ser ist als die uto­pi­sti­schen Pa­ra­die­se. Der Volks­mund sagt das ja ganz prag­ma­tisch – der Spruch mit dem Spat­zen in der Hand... (wo­bei wir bei Spat­zen wie­der bei Hand­ke wä­ren). Der Nach­teil ist im­mer nur, dass man das, was man »hat« oft ge­nug erst dann zu schät­zen weiss, wenn es nicht mehr ver­füg­bar ist. Der Zau­ber zeigt sich erst im Ver­ge­hen. Das ist auch ei­ne Sa­che der Le­bens­füh­rung. (Und knüpft dann ein biss­chen an die Idyl­len-Dis­kus­si­on an.)

    Ich hat­te das »Treib­haus« als Hör­spiel-Ad­ap­ti­on ge­hört (mit Axel Mil­berg) und emp­fand es als sehr ge­lun­gen. Kee­ten­heuve zieht mich ei­ner­seits an, sein Pie­tis­mus stösst mich aber auch an­de­rer­seits ab. Es ist sel­ten, dass ich Prot­ago­ni­sten die Selbst­tö­tung ver­üb­le – hier ist aber so ein Fall.

    #4

  5. Phorkyas sagt:

    Ko­ep­pen
    Auch wenn ich das Buch ver­mut­lich nicht schaf­fen wer­de, bin ich doch froh, so wie­der auf das »Treib­haus« ge­sto­ssen wor­den zu sein, das schon wie­der in den un­ge­le­se­nen Bü­chern zu ver­sin­ken droh­te..

    #5

  6. die kalte Sophie sagt:

    Nicht ge­le­sen, nicht mal die­sel­be Ge­nera­ti­on. Den­noch ei­ne Ver­mu­tung: die Sen­ti­men­ta­li­tät zieht al­le Kraft aus dem (man hö­re und stau­ne!) ei­nen Um­stand, dass »man« in ei­ner ge­nau er­fass­ten Zeit­span­ne zwi­schen Brandt und Kohl nicht mit der Re­gie­rung über Kreuz lag, und auf­grund der Ab­senz des Kon­flikts und der mög­li­chen Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem Staat »mit Wohl­ge­fal­len« auf sein Land blicken konn­te. Die­ser li­te­ra­risch aus­ge­feil­ten Ein­sicht wür­de ich gern ein Denk­mal set­zen.
    Mit Wohl­ge­fal­len! Dass ich nicht la­che...

    #6

  7. Nein, so ein­fach ist das nicht. Brandt schaff­te es, dass ei­ni­ge den »Weg durch die In­sti­tu­tio­nen« wähl­ten (statt Stra­ßen­kampf und dann spä­ter Ter­ro­ris­mus). Bei den In­tel­lek­tu­el­len be­fürch­te­te man, dass man nun, mit Brandt als Bun­des­kanz­ler, nichts mehr zu kri­ti­sie­ren ha­be bzw. erst ein­mal ge­zwun­gen sei, zu schwei­gen. Das än­der­te sich ganz schnell; schon vor Guil­lau­me. Die So­li­da­ri­tät zu Schmidt nach ’74 hielt nicht lan­ge. Er war für vie­le nur das ge­rin­ge­re Übel.

    Schim­mangs Buch trifft den Sound der Zeit schon ganz gut. Mehr als »Wohl­ge­fal­len« durf­te man da­mals nicht zei­gen, sonst wä­re man Na­tio­na­list ge­we­sen.

    #7