Ili­ja Tro­ja­now / Ju­li Zeh: An­griff auf die Frei­heit

Ilija Trojanow / Juli Zeh: Angriff auf die Freiheit

Ili­ja Tro­ja­now / Ju­li Zeh: An­griff auf die Frei­heit

Wenn man die er­sten Sei­ten die­ses Bu­ches liest, kann ei­nem tat­säch­lich angst und ban­ge wer­den. Man glaubt in ei­nem to­ta­len Über­wa­chungs­staat zu le­ben oder auf ihn fast zwangs­läu­fig, oh­ne Ret­tung, zu­zu­steu­ern. Das Mu­ster, wel­ches die Au­toren da­bei ver­wen­den, ist be­kannt: Vom Ein­zel­fall wird auf das All­ge­mei­ne ge­schlos­sen. Da vor dem G8-Gip­fel in Hei­li­gen­damm 2007 von De­mon­stran­ten Ge­ruchs­pro­ben ge­nom­men und ar­chi­viert wur­den, wird sug­ge­riert, dies sei all­ge­mei­ne po­li­zei­tech­ni­sche Pra­xis. Dass es sich bei­spiels­wei­se in Ham­burg um ins­ge­samt zwei Fäl­le han­del­te, bleibt na­tür­lich au­ßen vor (ge­nau wie die an­schlie­ßen­de Dis­kus­si­on um die­se in­ak­zep­ta­ble Vor­ge­hens­wei­se).

Da wer­den, so die Be­haup­tung, die Fin­ger­ab­drücke auf mei­ner Kaf­fee­tas­se um­ge­hend al­len so­ge­nann­ten An­ti-Ter­ror-Be­hör­den ge­mel­det (falls sie nicht schon längst be­kannt sind). Die Mög­lich­keit, dass pri­va­te E‑Mails ab­ge­fan­gen und ge­le­sen wer­den kön­nen, führt zu der Fest­stel­lung, dass je­de ver­schick­te E‑Mail ei­nem un­ver­schlos­se­nen Brief gleicht, der welt­weit von je­dem In­ter­es­sier­ten mit In­ter­net­zu­gang ein­ge­se­hen wer­den kann. (Als »Be­grün­dung« heißt es la­pi­dar, dass fast al­le Browser…Sicherheitslücken ha­ben.) In die­sem Zu­sam­men­hang auf den gu­ten, al­ten Brief als Ge­heim­nis­wah­rer zu ver­wei­sen, er­scheint schon sehr ko­misch – als könn­te nicht je­der Brief eben­falls ge­öff­net wer­den. Wohl ge­merkt: kann. Aber man liest un­will­kür­lich: wird.

RFID-Chips in Geld­schei­nen, ein Chip, der ins Hals­fleisch ei­nes neu­ge­bo­re­nen Kin­des ein­ge­pflanzt wird, Pa­ti­en­ten­kar­te, Nackt­scan­ner – über­all Hor­ror­vi­sio­nen, ob als per­ver­ses Ge­dan­ken­spiel oder als zur Dis­kus­si­on ge­stell­tes Pro­jekt in­ter­es­siert kaum noch. Was mög­lich ist, gilt prak­tisch schon als Rea­li­tät. Wer »Te­le­po­lis« liest, wird vie­les wie­der­erken­nen; die Au­toren zi­tie­ren aus­gie­big aus die­sem Ma­ga­zin und he­ben es als vor­bild­li­ches jour­na­li­sti­sches Flag­schiff her­aus. Aus­ge­rech­net »Spie­gel-On­line« wird noch häu­fi­ger zi­tiert; ca. 90% der Quel­len sind on­line ab­ruf­bar und wer­den am En­de des Bu­ches auf­ge­führt [was den Le­ser über­rascht, da es im Text kei­ne Fuß­no­ten gibt]).

»Di­stan­zie­ren Sie sich vor Pa­nik­ma­che und Skand­al­lust« – Ger­ne.

Et­li­ches lässt sich auch ge­gen die Au­toren sel­ber ver­wen­den. Et­wa wenn sie (be­rech­tig­ter­wei­se) ei­ne Mas­sen­ver­äng­sti­gung durch die ver­meint­li­che Be­dro­hung durch den Ter­ro­ris­mus kon­sta­tie­ren und fra­gen, war­um sich die Me­di­en an vor­der­ster Front ein­span­nen las­sen. Aber: Was an­de­res als ei­ne »Ver­äng­sti­gung« wird hier äu­ßerst sug­ge­stiv be­trie­ben? Und: Sind pro­gno­sti­zier­te Schreckens­sze­na­ri­en für die Mas­sen­me­di­en so viel in­ter­es­san­ter und glaub­haf­ter als die rea­len Ein­schrän­kun­gen un­se­rer Grund­rech­te? Leicht ab­wei­chend könn­te man mit ähn­li­cher Be­rech­ti­gung fra­gen: Sind pro­gno­sti­zier­te Schreckens­sze­na­ri­en was die ver­meint­lich schlei­chen­de Ent­rech­tung der Bür­ger an­geht für sie so viel in­ter­es­san­ter als not­wen­di­ge Dis­kus­sio­nen über das sinn­vol­le und not­wen­di­ge Um­ge­hen mit den neu­en Tech­no­lo­gien und Mög­lich­kei­ten? Lei­der: Die Fra­ge wird aber nicht ge­stellt, son­dern mit Be­dro­hungs­sze­na­ri­en zu­ge­deckt. Am En­de heißt es dann tat­säch­lich: Di­stan­zie­ren Sie sich vor Pa­nik­ma­che und Skand­al­lust.

Leich­ter ist an­de­ren ge­ra­ten als sel­ber prak­ti­ziert. Wo­bei das Klap­pern laut sein muss, um heut­zu­ta­ge über­haupt ge­hört zu wer­den. Da wird dann schlicht­weg un­ser Wer­te­sy­stem ab­ge­schafft und die An­ti-Ter­ror-Maß­nah­men der EU mit dem Er­mäch­ti­gungs­ge­setz der Na­tio­nal­so­zia­li­sten 1933 und ein Staat in Selbst­ver­tei­di­gung mit der Aus­schal­tung der SA von 1934 durch Hit­ler ver­gli­chen (und die­ser Ver­gleich noch ver­tei­digt). Die na­he­lie­gen­de hi­sto­ri­sche Par­al­le­le zu den Not­stands­ge­set­zen 1968 er­zeugt na­tür­lich kaum die glei­che Em­pö­rungs­mu­sik wie der wuch­ti­ge Na­zi-Ver­gleich. Und auch die Idea­li­sie­rung bei­spiels­wei­se der ame­ri­ka­ni­schen »Bill of Rights« ist ein biss­chen ge­schichts­klit­ternd: Hat doch die­ses zwei­fel­los wun­der­bar klin­gen­de Do­ku­ment die Ent­rech­tung, Ver­trei­bung und Er­mor­dung der In­dia­ner in den USA nicht auf­hal­ten kön­nen.

Angst sells

Da wird mit der ver­meint­li­chen Er­folg­lo­sig­keit der ein­zel­nen Maß­nah­men (Vi­deo­über­wa­chung, Ra­ster­fahn­dung, E‑Pass) ar­gu­men­tiert oh­ne zu fra­gen, wo­zu die­se Maß­nah­men über­haupt die­nen sol­len. Es wird sug­ge­riert, die Po­li­zei wol­le sich quer durch die Da­tei­en der Com­pu­ter der Bür­ger le­sen und auch die Steu­er­iden­ti­fi­ka­ti­ons­num­mer wird ver­teu­felt (wo­bei den Au­toren si­cher­lich klar ist, dass auch jetzt schon ih­re Da­ten auf den Rech­nern ge­spei­chert sein dürf­ten).

Angst sells wird ein Ka­pi­tel über­schrie­ben – und auch hier zei­gen drei Fin­ger der Hand auf den Zei­gen­den zu­rück. Na­tür­lich wur­den und wer­den die Wahr­schein­lich­kei­ten und Sze­na­ri­en ei­nes Ter­ror­an­griffs über­trie­ben dar­ge­stellt. Aber wie wür­de man ei­ner Flug­ge­sell­schaft ent­ge­gen­tre­ten, die die War­tung ih­rer Flug­zeu­ge nach­läs­sig be­treibt – mit dem Ar­gu­ment der Un­wahr­schein­lich des Aus­falls be­stimm­ter tech­ni­scher Tei­le? In­dem Trojanow/Zeh ei­ne Nä­he zwi­schen der Vor­ge­hens­wei­se der Bush-Re­gie­rung (Home­land Se­cu­ri­ty Pre­si­den­ti­al Di­rec­ti­ve) und der Maß­nah­men der EU und Deutsch­lands zie­hen, be­trei­ben sie ge­nau das Spiel, was sie an­de­ren vor­wer­fen.

So wird dann das »Eche­lon« noch ein­mal her­vor­ge­holt – ein Ab­hörin­stru­men­ta­ri­um in­ner­halb des Ge­heim­dien­stes NSA, das es schon Jahr­zehn­te gibt (lei­der auch auf deut­schem Bo­den) und – hier könn­te man ja auch wie­der die Ar­gu­men­ta­ti­on der Au­toren ver­wen­den – die An­schlä­ge des 11. Sep­tem­ber auch nicht ver­hin­dern konn­te. Die Or­well-Phan­ta­sien feh­len na­tür­lich nicht (das er­in­nert dann tat­säch­lich an die Volks­zäh­lungs­dis­kus­si­on in den 80er Jah­ren) und so­gar Jo­sef K. muss her­hal­ten. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ist, so wird na­he­ge­legt, noch der ein­zi­ge Hü­ter der Grund­rech­te. Al­ler­dings liegt die Be­to­nung auf dem »noch«, denn auch hier bahnt sich of­fen­sicht­lich Bö­ses an: …so­lan­ge die­se [die Ver­fas­sung, d. i. das Grund­ge­setz] noch von den Ver­fas­sungs­rich­tern in Karls­ru­he ver­tei­digt wird.

Wer die Be­den­ken der Au­toren nicht teilt, fin­det sich schnell in der Fi­gur des Achim An­ge­paßt wie­der – ein nai­ver Selbst­be­trü­ger, der Da­ten­schüt­zer für pa­ra­no­ide Wich­tig­tu­er hält und nichts von den Ver­än­de­run­gen in un­se­rer Ge­sell­schaft wis­sen will. Sein Porte­mon­naie wölbt sich vor lau­ter Pla­stik: Payback- und Kun­den­kar­ten… – al­les na­tür­lich auch Aus­weis sei­ner la­ten­ten Dumm­heit. Achim wird zum vollendete[n] Un­ter­tan – die Licht­ge­stalt ist der Le­ser, der den Brei der Au­toren bis zum En­de aus­löf­felt (der Ge­hor­sam wird na­tür­lich auch hier er­war­tet – da­für folgt das Lob auf dem Fu­ße: Sie, lie­ber Le­ser, sind be­stimmt kein nar­ziss­tisch ver­an­lag­ter, ra­batt­gie­ri­ger Un­ter­tan wie Achim An­ge­paßt). Ja, tat­säch­lich – man wird sei­nen Geg­nern im­mer ähn­li­cher: Die Welt ist…in Schwarz und Weiß un­ter­teilt – die­ser Be­fund der Ter­ror­jä­ger trifft merk­wür­di­ger­wei­se ge­nau so auf die Mah­ner und War­ner zu, die auch ih­rer­seits war­nen: Wer sich nur dann an sei­ne Grund­rech­te er­in­nert, wenn er sich per­sön­lich ge­schä­digt fühlt, hat ent­we­der nicht ver­stan­den, wor­um es geht, oder zeigt sich schlicht ver­ant­wor­tungs­los.

Er­laubt ist nur, was nicht ge­fällt

Wie gut, das es Ot­to De­pen­heu­er gibt, der in sei­nem Buch »Selbst­be­haup­tung des Rechts­staa­tes« das »Feind­recht« wie­der ein­füh­ren möch­te und die Wehr­haf­tig­keit der De­mo­kra­tie un­ter Um­stän­den mit ei­nem »Bür­ger­op­fer« ver­knüpft. Lei­der ge­nü­gen den Au­toren die Re­kur­se De­pen­heu­ers auf Carl Schmitt, um ihn zu des­avou­ie­ren. Wo dies nicht reicht, wird die Mo­dell­haf­tig­keit des Ka­ta­stro­phen­den­kens an­ge­grif­fen. Wo­bei Zeh als Ju­ri­stin wis­sen müss­te, dass die­se Art der kon­stru­ier­ten, fiktive[n] Ver­suchs­an­ord­nun­gen durch­aus bei der Dis­kus­si­on mo­ra­li­scher Pro­ble­me prak­ti­ziert wird.

Auf ei­ne de­tail­lier­te Aus­ein­an­der­set­zung lässt man nicht ein; da muss die Em­pö­rungs­rhe­to­rik rei­chen. Da als Quel­le zur De­pen­heu­er-Re­zep­ti­on auch die­ser Ar­ti­kel her­an­ge­zo­gen wird, hät­te man we­nig­stens er­wäh­nen kön­nen, dass ei­ne brei­te Front von Staats­recht­lern mit dem Ver­fas­sungs­rich­ter Udo di Fa­bio an der Spit­ze De­pen­heu­ers The­sen strikt und gut be­grün­det ab­leh­nen.

Mit ähn­li­cher Ver­ve geht es Rein­hard Mer­kel an den Kra­gen, der seit ei­ni­gen Jah­ren in be­stimm­ten Not­hil­fe- und Ret­tungs­si­tua­tio­nen die An­wen­dung von Fol­ter mo­ral­phi­lo­so­phisch be­grün­det. Da­bei ist es ein Do­ku­ment der In­kon­se­quenz des Den­kens, wenn am En­de nach ve­he­men­ter Ab­leh­nung von Mer­kels The­sen dann plötz­lich kon­sta­tiert wird: Als Pri­vat­per­son darf der Po­li­zist wie je­der an­de­re Bür­ger un­ter ex­tre­men und dem­nach sel­te­nen Um­stän­den mög­li­cher­wei­se ei­nen An­grei­fer fol­tern, um sich und an­de­re zu ret­ten. Als staat­li­ches Or­gan darf er das nicht. (Un­klar bleibt, ob der Po­li­zist sei­ne Uni­form vor­her aus­zie­hen soll.)

War­um al­so die­ser Alar­mis­mus? Da­bei wä­re doch – auch dies ein Zi­tat aus dem Buch – der Ver­such, Zu­sam­men­hän­ge von ih­rer rhe­to­ri­schen Über­hö­hung zu befreien…noch lan­ge kei­ne »Ver­harm­lo­sung«. Aber an­ders funk­tio­niert wohl die Ma­schi­ne nicht. Angst wird mit Angst be­ant­wor­tet; Hor­ror­vi­si­on mit Hor­ror­vi­si­on. Rhe­to­ri­sche Hy­ste­rie auf bei­den Sei­ten. Da man sich sta­ti­stisch und mo­ra­lisch im Recht fühlt, glaubt man, der Zweck hei­li­ge die Mit­tel.

Pas­sa­gen, die ei­nen se­riö­sen Dis­kurs be­grün­den könn­ten, blei­ben un­ter­ent­wickelt. Na­tür­lich be­steht die Ge­fahr der me­dia­len Vor­ver­ur­tei­lung von Ter­ror­ver­däch­ti­gen. Ob bei uns von ei­ner »Ent­mensch­li­chung« des mut­mass­li­chen Ter­ro­ri­sten spre­chen muss, ist al­ler­dings frag­lich. Aber als Be­leg für den Main­stream in den Me­di­en ein­fach das Wort »Ter­ror­ver­däch­ti­ger« (in al­len Va­ria­tio­nen) zu zäh­len (bei »taz« und »NZZ«) und nach 2001 ei­ne explosionsartig[e] Ver­meh­rung die­ses Be­grif­fes fest­zu­stel­len, ist un­ge­fähr so aus­sa­ge­fä­hig, als woll­te man mit der An­zahl des Wor­tes »Lie­be« in ei­nem Text des­sen Fried­fer­tig­keit nach­wei­sen.

Statt Grund­satz­dis­kus­si­on Ver­schwö­rungs­theo­rie

Statt das Plä­doy­er für ei­ne Grund­satz­de­bat­te dar­über, wie sich an­ge­sichts ver­än­der­ter tech­no­lo­gi­scher, wirt­schaft­li­cher und po­li­ti­scher Be­din­gun­gen das Ver­hält­nis von Frei­heit und Si­cher­heit ins Gleich­ge­wicht brin­gen läßt, spe­ku­lie­ren die Au­toren lie­ber über die tat­säch­li­chen Be­weg­grün­de für den schlei­chen­den Grund­rech­te­ab­bau: Was wir er­le­ben, ist kein »Krieg ge­gen den Ter­ror«, son­dern ei­ne Re­ak­ti­on auf das neue po­li­ti­sche Zeit­al­ter nach 1989/90 so­wie ein gi­gan­ti­scher, welt­wei­ter Ver­tei­lungs­kampf um den Zu­griff auf ei­ne neue Res­sour­ce: In­for­ma­ti­on.

Ein paar Sät­ze wei­ter wird deut­lich was ge­meint ist: Dem Staat (der Wirt­schaft, den In­sti­tu­tio­nen, der Po­li­zei, etc) ge­hen die neu­en Frei­hei­ten, die in der Glo­ba­li­sie­rung und vor al­lem im In­ter­net lie­gen, schlicht­weg zu weit. Es ist die Angst vor Kon­troll­ver­lust, die zu im­mer re­strik­ti­ve­ren Me­cha­nis­men grei­fen lässt. Plötz­lich, so die The­se, wird der Bür­ger durch die neu­en In­for­ma­ti­ons­tech­ni­ken frei und kann sich mit »Netz­wer­ken« neu or­ga­ni­sie­ren und po­si­tio­nie­ren. Er wird, so die An­nah­me, re­bel­lisch und – un­kon­trol­lier­ba­rer. Da­bei sind die Po­li­ti­ker letzt­lich auch nur noch Ma­rio­net­ten ei­ner über­mäch­ti­gen Mei­nungs­ma­schi­ne. Die Ge­fahr des Ter­ro­ris­mus wer­de in­stru­men­ta­li­siert, um neue, au­to­ri­tä­re Struk­tu­ren ein­zu­füh­ren. Die ver­blüf­fen­de Ein­hel­lig­keit in der Me­di­en­land­schaft tut dann wohl ein Üb­ri­ges. Denn auch sie be­trei­be – man ahnt es ja schon – das Ge­schäft mit der Ver­un­si­che­rung. Aber im­mer­hin gibt es ein­mal die Selbst­ein­sicht: Man könn­te zum Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker wer­den.

Vie­les spricht da­für, dass die Dia­gno­se, man wol­le die in­for­ma­tio­nel­len neu­en Frei­hei­ten der Bür­ger, die das In­ter­net bie­tet, be­wusst ein­schrän­ken, ei­ne Selbst­über­schät­zung der ei­ge­nen Mit­tel dar­stellt. Denn zu Recht be­to­nen Trojanow/Zeh ja, dass das In­ter­net mit­nich­ten ein rechts­frei­er Raum sei, wie so häu­fig be­haup­tet wird. Hin­zu kommt, dass sich die po­li­tisch en­ga­gier­te und or­ga­ni­sier­te »Netz­welt« zwar für den Na­bel der Welt hält, aber letzt­lich nur ei­ne Min­der­heit dar­stellt, die sich im Phä­no­men der »Pi­ra­ten­par­tei« ih­re Par­al­lel­welt in­sti­tu­tio­na­li­siert hat. Man schreibt sich zwar die Bür­ger­rech­te auf die Fah­nen, letzt­lich aber ver­fech­tet man li­ber­tär-an­ar­chi­sche Po­li­tik­ent­wür­fe in ei­nem klei­nen Seg­ment, wäh­rend die tat­säch­li­chen, »real-life«-Probleme, als »Scheiß« schlicht­weg ver­drängt wer­den.

Zwar emp­feh­len Trojanow/Zeh die »Pi­ra­ten­par­tei« nicht (sie er­wäh­nen sie gar nicht und ver­wen­den auch nicht ih­ren al­ber­nen Slang), aber ih­re Auf­li­stung der im Bun­des­tag ver­tre­te­nen Par­tei­en und de­ren »Sün­den­re­gi­ster« ist durch­aus er­nüch­ternd (wo­bei Rot-Grün zu po­si­tiv ge­se­hen wird, denn das Luft­si­che­rungs­ge­setz, wel­ches 2006 in Karls­ru­he schei­ter­te, wur­de nicht vom un­ge­lieb­ten Mi­ni­ster Schäub­le ein­ge­bracht, son­dern war ein Re­likt aus der rot-grü­nen Re­gie­rungs­zeit). Al­len­falls die FDP kommt in Be­zug auf die Bür­ger­rech­te noch ei­ni­ger­ma­ßen gut weg.

Auf den letz­ten bei­den Sei­ten ist dann plötz­lich An­laß zum Op­ti­mis­mus. Wor­in die­ser be­steht, bleibt nach all der rhe­to­ri­schen Alarm­stim­mung un­klar, denn kurz vor­her wur­de die bri­ti­sche De­mo­kra­tie schon zu Gra­be ge­tra­gen, die, so die Pro­gno­se, an ih­rem ei­ge­nen Si­cher­heits­wahn zu Grun­de ge­hen dürf­te. Dann wird dem Le­ser ein­ge­häm­mert, nicht so fahr­läs­sig sei­ne Da­ten zur Ver­fü­gung und ins Netz zu stel­len (ein wich­ti­ger Ein­wand für­wahr), aber auch hier bleibt es nur bei recht ein­fa­chen Ap­pel­len wie Ver­tei­di­gen Sie Ih­re Ge­heim­nis­se.

Als se­riö­se Dis­kus­si­ons­grund­la­ge taugt das Buch kaum. Wer über­all Kon­troll­wahn er­kennt, sich in sei­ner Angst (nicht vor dem Ter­ro­ris­mus, son­dern vor ei­nem au­to­ri­tä­ren Staat) ein­rich­ten möch­te und be­stä­tigt se­hen will, kommt auf sei­ne Ko­sten. Am Schluss gibt’s dann ein biss­chen Kampf-für-die-Frei­heit-Rhe­to­rik. Mehr wird aber nicht ge­bo­ten.


Die kur­siv ge­setz­ten Pas­sa­gen sind Zi­ta­te aus dem be­spro­che­nen Buch

19 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich ken­ne das Buch nicht, aber die Men­ta­li­tät kommt mir be­kannt vor
    Es ist an­schei­nend die Men­ta­li­tät der von mir we­nig ge­schätz­ten »Un­ter­gangs­pro­phe­ten«, die ich eher sei­tens der »Fein­de der of­fe­nen Ge­sell­schaft« ken­ne, je­ner et­wa, die Bür­ger­rech­te ein­schrän­ken, weil der Ge­fahr des Ter­or­ris­mus oder ge­walt­sa­mer Un­ru­hen sol­che »ein­schnei­den­den Maß­nah­men« for­dern wür­den. Wenn – nach ei­ge­nen Ver­ständ­nis – Bür­ger­recht­ler sol­che Schwarz-in-Schwarz-Sze­na­ri­en an die Wand ma­len, sind sie ih­ren Geg­nern tat­säch­lich ver­dammt ähn­lich ge­wor­den. Al­ler­dings hal­te ich, je­den­falls bis ich das Buch ken­ne, eher die al­te »Jour­na­li­sten­re­gel« dass nur ei­ne schlech­te Nach­richt ei­ne gu­te Nach­richt sei, für den Haupt­grund der Pa­nik­ma­che – und of­fen­sicht­lich ein ge­rüt­tel­tes Maß an (tech­ni­scher) Nai­vi­tät. (Die man, ne­ben­bei, bei den »Pi­ra­ten« nicht fin­det – in die­sen Krei­sen weiß man eben, wie man E‑Mails ver­schlüs­selt oder an­onym im Web surft. Die Nai­vi­tät vie­ler »Pi­ra­ten« ist dann auch eher po­li­ti­scher Na­tur – Stich­wort: Jun­ge-Frei­heit-Af­fä­re.)
    Ju­li Zeh schät­ze ich sehr für ih­re im Grenz­be­reich zur Sci­ence Fic­tion an­ge­sie­del­ten dys­to­pi­schen Ro­ma­ne. Ir­gend­wie ha­be ich den Ver­dacht, dass »An­griff auf die Frei­heit« ei­ne Dys­to­pie in Sach­büch­form sein könn­te.
    Noch mal zur »Pi­ra­ten­pa­tei«: Die »Pi­ra­ten« sind ei­ne sehr jun­ge und ent­spre­chend un­er­fah­re­ne Par­tei. Die Bür­ger­rech­te ha­ben sie sich m. E. zu­recht auf die Fah­nen ge­schrie­ben, wäh­rend ei­ne Dis­kus­si­on über li­ber­tär-an­ar­chi­sche Po­li­tik­ent­wür­fe au­ßer­halb des klei­nen Seg­ments der Me­di­en­dis­tri­bu­ti­on über das In­ter­net hin­aus die Par­tei in ih­rer jet­zi­gen Ver­fas­sung wohl aus­ein­an­der­spren­gen wür­de. (So, wie die in­ner­par­tei­li­che De­bat­te bei den »Grü­nen« über den »öko­lo­gi­schen Um­bau der Ge­sell­schaft« in den 80er-Jah­ren mehr­mals fast die »Grü­nen« zer­legt hät­te – die aber zum Zeit­punkt der De­bat­ten das Sta­di­um der rei­nen »Um­welt-Pro­test­par­tei« schon hin­ter sich hat­te.)
    Nach mei­ne Be­ob­ach­tun­gen ver­drän­gen die »Pi­ra­ten« die tat­säch­li­chen Pro­ble­me au­ßer­halb des In­ter­nets nicht als un­wich­ti­gen »Scheiß« (schließ­lich be­steht sie, an­ders als es ein Kli­schee will, zum über­wie­gen­den Teil nicht aus nur vor dem Bild­schirm hocken­den »Nerds«), son­dern sind sich klar dar­über, dass es ih­nen (bis­her noch) an Kom­pe­ten­zen für an­de­re Po­li­tik­fel­der fehlt. Im­mer­hin gibt es An­sät­ze, die über die rei­ne »In­ter­net-Po­li­tik« hin­aus­wei­sen – et­wa bie­tet das The­ma »Gen­pa­ten­te« An­schluss­mög­lich­kei­ten an die Um­welt­be­we­gung. Aber bis­her sind das nur An­sät­ze.
    Es ist m. E. gut und wich­tig, dass es die »Pi­ra­ten­par­tei« gibt, aber noch fehlt ihr ei­ni­ges zur ernst zu neh­men­den Bür­ger­rechts­par­tei. (Zu ei­nem ge­wis­sen Gra­de ist das so­gar der man­geln­de Ernst – sie sind kei­ne Spaß­par­tei, vie­le ih­rer Mit­glie­der füh­ren sich aber so auf.)

  2. Na­tür­lich ist es lei­der so, dass nur ei­ne schlech­te Nach­richt ei­ne Nach­richt ist. Die bei­den Au­toren stecken dem­nach in ei­nem Di­lem­ma, dass sie sel­ber ent­spre­chend wahr­neh­men, aber mei­nes Er­ach­tens nicht die Kraft ha­ben, zu »über­win­den« (ich weiss, gro­ße Wor­te).

    Der im Zu­sam­men­hang mit der »Pi­ra­ten­par­tei« häu­fig auf­ge­brach­te Ver­gleich mit den Grü­nen ist in mei­nen Au­gen nicht be­son­ders zu­tref­fend. Die Grü­nen hat­ten von An­fang an meh­re­re Po­li­tik­fel­der: Um­welt­po­li­tik im all­ge­mei­nen mit An­ti-Atom­kraft im spe­zi­el­len; Fe­mi­nis­mus; Frie­dens­po­li­tik (Nachrüstung/Doppelbeschluss); al­ter­na­ti­ver Le­bens­stil (Re­si­du­en der 68er-Be­we­gung); An­ti­dis­kri­mi­nie­rung. Will sa­gen: Die Fel­der pass­ten mit­ein­an­der und er­gänz­ten sich teil­wei­se so­gar. Au­ßer­dem ist die emo­tio­na­le Be­trof­fen­heit, die von der Um­welt­be­we­gung aus­ging grö­ßer als die Pro­ble­ma­tik, die in der Pi­ra­ten­par­tei ar­ti­ku­liert wird (das ist frei­lich ei­ne Be­haup­tung).

    Der Re­kurs auf die Pi­ra­ten­par­tei – ich will das noch ein­mal sa­gen – ist von mir her­aus­ge­bracht; er spielt im Buch kei­ne Rol­le. Wo­bei ich­nicht ganz weiß war­um: Woll­te man nicht oder konn­te man nicht (zeit­lich)?

  3. Ei­ne gran­dio­se Re­zen­si­on, in der sehr schön die Par­al­le­len zwi­schen den – um im Jar­gon zu blei­ben – An­grei­fern und den An­ge­grif­fe­nen her­aus­ge­ar­bei­tet wer­den. Ver­fol­gungs­wahn (und das da­mit ver­bun­de­ne Miss­trau­en) herrscht auf bei­den Sei­ten.
    Wer re­al exi­stie­ren­de Po­li­zi­sten kennt, weiß ge­nau, dass sich kaum ei­ner die­ser Ord­nungs­hü­ter um wei­te­re Über­wa­chungs­pflich­ten reißt: Man ist ja schon froh, wenn man trotz der al­lent­hal­ben gras­sie­ren­den Per­so­nal­not die Kern­auf­ga­ben oh­ne Über­stun­den be­wäl­tigt.
    Und wer re­al exi­stie­ren­de In­ter­net-Afi­ci­o­na­dos kennt, weiß ge­nau, dass kaum ei­ner die­ser Netz­jun­kies kri­mi­nel­le Ab­sich­ten hegt, die über den ei­nen oder an­de­ren il­le­ga­len Down­load hin­aus­ge­hen.
    Na­tür­lich gibt es kon­troll­be­ses­se­ne Po­li­zi­sten und Po­li­ti­ker so­wie Ver­bre­cher, die sich der di­gi­ta­len Me­di­en be­die­nen, doch de­ren Zahl wird in der je­wei­li­gen Ver­schwö­rungs­pa­ra­noia gna­den­los über­trie­ben.
    Aber ja: Alar­mis­mus kommt im­mer bes­ser an als ei­ne aus­ge­wo­ge­ne, ent­spann­te Be­trach­tung.

  4. Na­tür­lich ha­be ich das Buch nicht ge­le­sen, wie soll­te ich, aber da Dei­ne Re­zen­sio­nen den In­halt Dei­ner Buch­vor­stel­lun­gen im­mer ad­äquat wie­der­ga­ben, ver­traue ich Dir blind. Wenn ich es rich­tig ver­stan­den ha­be, so li­sten die Au­toren die­ses Bu­ches je­de Men­ge be­kann­ter und we­ni­ger be­kann­ter, le­ga­ler und il­le­ga­ler Da­ten­miss­brauchs- und Über­wa­chungs­fäl­le auf und pro­ji­zie­ren die­se in die Zu­kunft. Die Au­toren se­hen die Ge­sell­schaft auf dem We­ge in den Über­wa­chungs­staat und ver­ste­hen das Buch wohl als Denk­an­stoss und War­nung.
    Nun hältst Du ja mit Dei­ner kri­ti­schen Mei­nung nicht hin­ter dem Berg, fin­dest das Buch zu ver­all­ge­mei­nernd, teil­wei­se un­lo­gisch und alar­mi­stisch,. Als Dis­kus­si­ons­grund­la­ge kaum ge­eig­net.
    Das mag ja sein, aber al­lein ein akri­bi­sches Kom­pen­di­um der Fäl­le von Da­ten­sam­me­lei und Über­wa­chung, le­gal oder il­le­gal, und ih­re Ver­öf­fent­li­chung in Buch­form ist für mich schon ein Wert an sich. Zu­erst sind es im­mer nur Ein­zel­fäl­le, aber nach und nach wer­den die dann zum Nor­mal­fall. Und na­tür­lich wer­den e‑mails von ir­gend­wel­chen Dien­sten mit­ge­le­sen, nicht von Men­schen, son­dern von Com­pu­tern, die nach Reiz­wor­ten su­chen. Auch der Chip un­ter der Haut ist nur ei­ne Fra­ge der Zeit. Der Chip im Pass und das bio­me­tri­sche Fo­to sind er­ste Vor­läu­fer. Na­tür­lich wird das al­les un­ter dem Be­griff „Si­cher­heit“ ver­kauft und na­tür­lich wird das dann von ei­ner me­di­en­be­ar­bei­te­ten Ge­sell­schaft ak­zep­tiert. Der An­griff auf die Frei­heit fin­det statt und al­lein der Ti­tel sagt mir, dass das Buch so schlecht nicht sein kann. Und wenn’s wirk­lich schlecht wä­re, hät­test Du’s ja auch gar nicht vor­ge­stellt.

  5. Ob ei­nem das passt oder nicht: Dort, wo Da­ten­samm­lun­gen mög­lich sind, wer­den sie auch frü­her oder spä­ter durch­ge­führt. Für mich stellt sich im­mer noch die Fra­ge, wer die­se Samm­lun­gen dann aus­wer­tet, denn selbst die Re­sul­ta­te, die von Com­pu­tern er­zeugt wer­den, müs­sen nach­be­ar­bei­tet wer­den.

    Ein Bei­spiel für die Dis­kus­si­ons­kul­tur ist die so­ge­nann­te Pa­ti­en­ten­kar­te, die es theo­re­tisch er­mög­licht, das Ge­sund­heits­pro­fil des Pa­ti­en­ten in den Chip auf der Kran­ken­kas­sen­kar­te ein­zu­ar­bei­ten. Hor­ren­de Dop­pel­un­ter­su­chun­gen wür­den ein­ge­spart. Ist der Pa­ti­ent auf Rei­sen, wä­ren al­le Da­ten schnell ver­füg­bar. Statt die­se Cau­sa nun mit ih­ren Vor­tei­len (und na­tür­lich auch Ge­fähr­dun­gen) zu dis­ku­tie­ren, wer­den alar­mi­sti­sche Sze­na­ri­en durch­de­kli­niert oder For­de­run­gen ge­stellt, die die Vor­tei­le »auf­fres­sen« wür­den. Mit die­ser Form des Tech­nik­fol­gen-Dis­kur­ses wür­de heu­te nicht ein­mal mehr die EC-Kar­te im­ple­men­tiert. Wäh­rend­des­sen neh­men im­mer wei­ter al­le mög­li­chen Leu­te an Ra­batt­ak­tio­nen und Preis­aus­schrei­ben teil und wun­dern sich, wenn die­se Da­ten an­der­wei­tig ver­wen­det wer­den (das wur­den sie im­mer schon, nur sind die Fol­gen heu­te an­de­re).

    (Die Tat­sa­che, das ich hier ein Buch be­spre­che ist nicht gleich­be­deu­tend da­mit, dass ich es emp­feh­le.)

  6. An­ge­sichts der gal­lo­pie­ren­den Zu­nah­me der Über­wa­chun­gen und der da­mit ver­bun­de­nen Miss­bräu­che se­he ich die vor­ge­brach­ten kri­ti­schen Ar­gu­men­te eher als läss­li­che ‘Sün­den’ der Au­toren.

    Im­ho ist es ein­fach zu viel ver­langt, ein hof­fent­lich kom­mer­zi­ell er­folg­rei­ches Buch zu schrei­ben, wel­ches in je­der Hin­sicht ge­recht ab­wä­gend ge­schrie­ben ist.

    Die Prot­ago­ni­sten des to­ta­len Über­wa­chungs­staats müss­ten da schon eher in die Ver­ant­wor­tung ge­zo­gen wer­den!

  7. #5
    Ob ei­nem das passt oder nicht: Dort, wo Da­ten­samm­lun­gen mög­lich sind, wer­den sie auch frü­her oder spä­ter durch­ge­führt. Für mich stellt sich im­mer noch die Fra­ge, wer die­se Samm­lun­gen dann aus­wer­tet, denn selbst die Re­sul­ta­te, die von Com­pu­tern er­zeugt wer­den, müs­sen nach­be­ar­bei­tet wer­den.

    Ich glau­be du un­ter­schätzt die Trag­wei­te des Da­ta Mi­nings. Es ist deut­lich sicht­bar, dass vie­le Fach­leu­te auf­ge­ge­ben ha­ben, das The­ma zu kom­mu­ni­zie­ren, da schlicht un­mög­lich. Nur die wil­de­sten Aus­wüch­se wie Par­ty­fo­tos auf Stu­diVZ etc. schaf­fen es in das Be­wusst­sein der Öf­fent­lich­keit. Ei­ni­ge ha­be wohl schon ge­hört, dass die Stra­ße in der sie woh­nen über die Bo­ni­tät ent­schei­det. Was die Ver­net­zung von Da­ten be­werk­stel­ligt, kann sich kaum noch ei­ner vor­stel­len. Und da­bei ist der Staat noch der klei­ne­re Sün­der.

  8. Sor­ry, aber das mit den »gu­ten« und »schlech­ten« Wohn­vier­teln gab es im­mer schon. (Und auch ich hat­te sei­ner­zeit auf­grund ei­ner sehr schlech­ten »Schufa«-Auskunft aus mei­ner Fa­mi­lie »zu lei­den« ge­habt.)

    Mag sein, das im Ein­zel­fall mei­ne Re­ak­ti­on auf Hy­ste­rie tat­säch­lich manch­mal zu be­schwich­ti­gend aus­fällt. Aber wenn von ei­nem »to­ta­len Über­wa­chungs­staat« schwa­dro­niert wird, so zeigt dies nur frap­pie­ren­de Ah­nungs­lo­sig­keit. Das ist in et­wa so, wie schlech­te Ärz­te ei­ne Er­käl­tung grund­sätz­lich »Grip­pe« nen­nen und An­ti­bio­ti­ka ver­schrei­ben. Wenn man’s dann wirk­lich mal braucht, hilft’s nicht mehr.

  9. Frü­her wuss­te viel­leicht ein Sach­be­ar­bei­ter das ein oder an­de­re. Heu­te ist es ein Da­tum wie die Haus­num­mer. Und was bei ei­ner Grip­pe zu tun ist, weiß man im All­ge­mei­nen. Hier spre­chen wir aber von ei­ner Krank­heit, von der noch kei­ner weiß, wel­che Sym­pto­me sie ha­ben wird. Gar nicht zu re­den von der sich ak­tu­ell ma­ni­fe­stie­ren­den bös­ar­ti­gen Mu­ta­ti­on RFID, die es er­laubt dei­nen lin­ken Schuh welt­weit ein­deu­tig dir zu­zu­ord­nen. Das ist der Stoff aus der pes­si­mi­sti­sche Sci­ence-Fic­tion ge­macht ist.

    Nach dem was du schreibst, hat das Au­toren­duo die Pro­ble­ma­tik nicht rich­tig erfasst/beschrieben bzw. ideo­lo­gisch miss­braucht. Das Pro­blem ist aber durch Tech­nik, die es bis­her nicht gab, vor­han­den. Es ist schlicht ei­ne an­de­re Welt.

  10. Be­stimm­te Stadt­vier­tel sind/waren nicht nur ein­zel­nen Sach­be­ar­bei­tern be­kannt – sie sind (bspw. bei Groß­städ­ten) auch teil­wei­se über­re­gio­nal be­kannt (wer z. B. ei­ne Adres­se in der Bronx in New York, hat, wird an­ders »an­ge­se­hen«, als wohn­te er in Man­hat­tan; ähn­li­ches gilt für Ber­lin-Kreuz­berg).

    Die tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten dür­fen nicht aus dem Au­ge ver­lo­ren wer­den, aber auch hier war­ne ich vor vor­ei­li­gen Schlüs­sen. (Die RFID-Pro­ble­ma­tik wird ja im Buch durch­aus an­ge­spro­chen.)

  11. Sor­ry für mei­ne Stur­heit, aber jetzt dis­ku­tie­ren wir lei­der nur die Schwä­che des Bei­spiels. Der Mensch ist si­cher ein fan­ta­sti­scher Mu­ster­er­ken­ner. Ab ei­ner ge­wis­sen Signifikanz/Datenmenge muss er aber pas­sen, wäh­rend ein­fa­che Sta­ti­stik­ver­fah­ren noch kla­re Aus­sa­gen er­lau­ben.

    Nur al­lein der Auf­wand den Fir­men be­trei­ben, um an die Da­ten zu kom­men, soll­te Be­weis ge­nug sein, dass sie re­le­vant sind. Und das wird nicht ge­macht, um mir die Wün­sche von den Lip­pen ab­zu­le­sen.

  12. @Peter
    Für mich stellt sich da­bei im­mer auch die Fra­ge wie sorg­sam Un­ter­neh­men Da­ten ana­ly­sie­ren, und ob sich Feh­ler nicht oft ge­gen­tei­lig, näm­lich im Ver­lust von Kun­den aus­wir­ken (man hat mir ein­mal von Sei­ten ei­nes Un­ter­neh­mens auf Grund ir­gend­wel­cher Da­ten, et­was völ­lig fal­sches nach­ge­sagt, und um ein Haar als Kun­den ver­lo­ren).

  13. Un­ter­neh­men hor­ten Da­ten um Markt­pro­fi­le zu er­stel­len. Je­der Ama­zon-Be­stel­ler weiss das und wun­dert sich ge­le­gent­lich über die »emp­foh­le­nen« Bü­cher. Das ist ein Grund da­für, dass ich Bü­cher (oder über­haupt ir­gend et­was) nur in sehr sel­te­nen Fäl­len bei sol­chen Da­ten­samm­lern be­stel­le. Aber auch »mein Buch­händ­ler« kennt auch mei­ne Vor­lie­ben. Das soll er doch auch, oder?

  14. @Metepsilonema
    Da­ta Mi­ning ist ein recht neu­es Ge­biet und da­her noch nicht im­mer 100%-tig. Mitt­ler­wei­le sind die Ver­fah­ren aber schon ziem­lich fort­ge­schrit­ten. Die Mög­lich­keit der ge­ziel­ten An­ge­bo­te, Er­weckung von per­so­nen­be­zo­ge­nen Be­dürf­nis­sen etc. sind für Wer­be­trei­ben­de pa­ra­die­sisch.

    @Gregor
    Das soll er doch auch, oder?
    In­ter­es­sant wird das Gan­ze erst durch das Zu­sam­men­füh­ren von Da­ten un­ter­schied­li­cher Quel­len zu ei­nem Ge­samt­pro­fil. Wenn du dich bei Ama­zon an­ge­mel­det hast und dann auf ei­ne an­de­re Sei­te wech­selst, die zum glei­chen Wer­be­netz­werk ge­hört (dou­ble­click war da ei­ner der Vor­rei­ter), bist du dort per IP-Num­mer auch be­kannt oh­ne ei­ne An­mel­dung vor­ge­nom­men zu ha­ben. Im Lau­fe der Zeit bist du durch Samm­lung un­ter­schied­lich­ster Da­ten der all­seits be­schwo­re­ne glä­ser­ne Mensch. Und nicht als Vi­si­on.

  15. „Das Pro­blem ist aber durch Tech­nik, die es bis­her nicht gab, vor­han­den. Es ist schlicht ei­ne an­de­re Welt.“ schrieb „Pe­ter 42“ und er hat recht. Com­pu­ter ha­ben die un­mensch­li­che Ei­gen­schaft, nichts zu ver­ges­sen und sie er­mög­li­chen es, auf Knopf­druck al­le be­kann­ten Fak­ten über ein In­di­vi­du­um so­fort ver­füg­bar zu ma­chen, zu wel­chem Zweck auch im­mer. Oh­ne Com­pu­ter gä­be es die­se Da­ten­sam­mel­wut nicht, weil so ein Da­ten­wust mit Kar­tei­kä­sten und dem mensch­li­chen Ge­hirn in ver­nünf­ti­gen Zeit­rah­men gar nicht zu be­wäl­ti­gen wä­re. Da man die Ge­fahr durch die­se „un­mensch­li­chen“ Ei­gen­schaf­ten des Com­pu­ters so­fort er­kann­te, wur­den die Da­ten­schutz­ge­set­ze ver­ab­schie­det und die­se he­cheln nun wie der Ha­se hin­ter dem Igel her. Die An­zei­chen meh­ren sich, dass der Ha­se bald er­schöpft auf­gibt. Die­ser Wett­lauf ist nicht zu ge­win­nen und in­so­fern ist der An­griff auf die Frei­heit kein bös­wil­li­ger An­griff ir­gend­wel­cher dunk­len Mäch­te, son­dern er ist sy­stem­im­ma­nent und er­folgt schlei­chend. Schö­ne neue Welt.

    (Dass Du die­ses Buch nicht »emp­fielst« er­gibt sich ja aus Dei­ner Be­spre­chung. Dass ei­ne Be­spre­chung hier aber gleich­zei­tig auch zur Lek­tü­re und da­mit zum Ver­gleich mit Dei­ner Wer­tung an­regt ist Dir doch auch be­wusst ?)

  16. Nicht der Com­pu­ter ist schuld – der Mensch! Die An­thro­mor­phi­sie­rung, die ei­ne Art Ab­so­lu­ti­on für das mensch­li­che We­sen brin­gen soll, fin­de ich zu ein­fach, ja gro­tesk.

    Ob man gleich von ei­nem »glä­ser­nen Men­schen« spre­chen muss, be­zweif­le ich trotz­dem. So kau­fe ich bei ei­ner On­line-Apo­the­ke für meh­re­re Men­schen Me­di­ka­men­te ein; auch für äl­te­re Men­schen. Auf­grund mei­ner Be­stel­lun­gen lie­sse sich nur ein voll­kom­men ir­re­gu­lä­res Pro­fil von mir er­stel­len (ver­mut­lich wä­re ich, wür­de ich all die­se Me­di­ka­men­te al­lei­ne neh­men, schon längst tot).

    Was viel zu we­nig deut­lich wird: Der Kon­su­ment sel­ber hat mehr in der Hand, als er denkt. Das kommt in dem Buch nur in we­ni­gen Zei­len vor. Hin­zu kommt, dass al­les mit­ein­an­der ver­mischt wird...

  17. Zu­kunfts­angst
    Auch ich ha­be die­ses Buch nicht ge­le­sen, aber Ih­re Re­zen­sio­nen kön­nen ei­nem doch im­mer wei­ter­hel­fen, wenn man z.B. rat­los auf der Su­che nach ei­nem Ge­schenk für Freund/in vor dem Bü­cher­re­gal steht.
    An­hand des Ma­te­ria­les, das Sie her­aus­ge­ar­bei­tet ha­ben, wür­de ich sa­gen, dass die­ses Buch ei­ne Art Bot­schaft ent­hält, die die Au­toren da­zu be­wegt hat, sich da­mit zu be­fas­sen und durch­aus auch uns zum Nach­den­ken an­re­gen soll­te.
    Ich wür­de je­doch nicht pau­schal von ei­ner Ge­sell­schaft mit voll­kom­me­ner Frei­heit und Pri­vat­sphä­re aus­ge­hen, im­mer wie­der ha­ben ei­nem die Po­li­ti­ker und Funk­tio­nä­re, die be­deu­ten­den Per­sön­lich­kei­ten die­ses Sy­stems, mit ins­ge­hei­men oder pri­va­ten Fehl­trit­ten über­rascht, und wer weiß, was sich sonst noch al­les un­ter dem Man­tel des Still­schwei­gens ver­birgt.

    Ich wür­de NIEMALS sa­gen, dass al­le Aspek­te, die in dem Buch al­ler­dings et­was zu hy­ste­risch an­ge­klun­gen zu sein schei­nen, nicht exi­stent sein KÖNNTEN, be­son­ders in­ner­staat­li­che In­sti­tu­tio­nen un­ter der Amts­zeit von W. Schäub­le ha­ben den ka­te­go­ri­schen Im­pe­ra­tiv et­was an­ders aus­ge­legt als un­ser­eins, vom ame­ri­ka­ni­schen Ge­heim­dienst ganz zu schwei­gen. Ich ken­ne je­man­den, der durch­aus be­grün­det be­haup­ten kann, dass al­le »Epi­de­mien« der letz­ten Jah­re (SARS, Vo­gel­grip­pe, Schwei­negrip­pe etc.) ei­ne Er­fin­dung der ame­ri­ka­ni­schen In­no­va­ti­on wa­ren. Ehr­lich­ge­sagt kann ich das durch­aus nach­voll­zie­hen.

    Na­tür­lich ist es wich­tig, dass des­we­gen nicht in Pa­nik ver­sinkt, und ich den­ke, wenn man sich so ganz spöt­tisch denkt, die Ge­fahr durch Ter­ro­ris­mus oder Seu­chen sei durch die Me­di­en nur hoch­ge­puscht wor­den und der Staat se­he zu, dass die ge­hei­men Ak­ten schön für im­mer ver­schwin­den, dann fühlt man sich gleich viel si­che­rer. Es mag zwar nicht un­be­dingt sehr wis­sen­schaft­lich zu sein, ein­fach die schein­ba­re Ab­sur­di­tät zur Rea­li­tät zu ma­chen, aber we­nig­stens kann man sich dann noch oh­ne hy­ste­ri­sche Angst vor der »Neu­en Grip­pe« in die Öf­fent­lich­keit wa­gen.

    Letzt­end­lich kä­me ich zu dem Schluss, dass die Bot­schaft des Bu­ches noch brauch­bar wä­re, es an­son­sten je­doch eher Mit­tel­maß ist. Aber das Ge­gen­teil von »gut« ist be­kannt­li­cher­wei­se »gut ge­meint«.
    Mir hat die­se Ren­zen­si­on je­doch et­was ge­bracht, näm­lich die Idee, wie man der­ar­ti­ge Kri­tik eher for­mu­lie­ren soll­te, als ei­ne Art über­stei­ger­tes Gleich­nis, was durch sei­ne vor­der­grün­di­ge Ir­rea­li­tät und Ab­sur­di­tät viel we­ni­ger an den Ver­stand, als vor al­lem an das Herz des Men­schen ap­pel­liert.

    [EDIT: 2009-09-21 19:46]

  18. Po­li­ti­ker ha­ben im Ter­ro­ris­mus ein sehr dank­ba­res Feld ge­fun­den, um sich zu pro­fi­lie­ren. An­de­re Po­li­tik­fel­der ma­chen sie im­mer mehr zu wehr­lo­sen und hilf­lo­sen Ge­stal­ten (nicht zu­letzt des­we­gen, weil sie sich nicht ei­ni­gen kön­nen oder – in der Öko­no­mie – zahn­los ge­wor­den sind). Die Angst vor der ter­ro­ri­sti­schen Be­dro­hung schafft ei­ne Fo­lie, die dem Bür­ger sug­ge­rie­ren soll, man küm­me­re sich um ihn.

    Dass die Ge­fahr in Eu­ro­pa Op­fer ei­nes Ter­ror­an­schlags zu wer­den prak­tisch zu ver­nach­läs­si­gen ist, ist ja längst ei­ne Bin­sen­weis­heit. Aber auch die Tat­sa­che, das Flug­rei­sen si­cher sind, lässt die Leu­te trotz­dem Angst vor dem Flie­gen ha­ben, ob­wohl die Au­to­fahrt zum Flug­ha­fen viel ge­fähr­li­cher ist. Hier wie dort spielt das Aus­ge­lie­fert­sein, das Fremd­be­stimm­te si­cher­lich ei­ne Rol­le. Je­der will sel­ber ent­schei­den, wann er sich um­brin­gen will – aber eben nicht die­se Ent­schei­dung an ei­nen Ter­ro­ri­sten de­le­gie­ren oder ei­nen schlam­pi­gen Flug­zeug­inge­nieur.

    Wie mit Ter­ro­ris­mus um­zu­ge­hen ist, kann man im Buch von Loui­se Ri­chard­son sehr schön nach­le­sen.

    Es be­steht m. E. kein Grund zur Zu­kunfts­angst, was ei­ne glo­ba­le Ter­ro­ris­mus-Se­rie an­geht. Da gibt es an­de­re, wich­ti­ge­re Pro­ble­me. Da die­se aber nicht so greif­bar und eher schlei­chend da­her­kom­men (Kli­ma­wan­del), wer­den sie nicht ent­spre­chend wahr­ge­nom­men.

    Die Hy­ste­rie vor der Ter­ror­angst mit ei­ner ähn­lich ge­la­ger­ten Hy­ste­rie vor dem to­ta­li­tä­ren Staat zu ver­mi­schen, hal­te ich al­ler­dings für ähn­lich un­sin­nig.

    [EDIT: 2009-09-21 20:05]