Loui­se Ri­chard­son: Was Ter­ro­ri­sten wol­len

Louise Richardson: Was Terroristen wollen

Loui­se Ri­chard­son:
Was Ter­ro­ri­sten wol­len

Der Un­ter­ti­tel des Bu­ches Was Ter­ro­ri­sten wol­len ver­spricht nicht zu­viel: Die Ur­sa­chen der Ge­walt und wie wir sie be­kämp­fen kön­nen. Loui­se Ri­chard­son, Po­li­tik­pro­fes­so­rin aus Har­vard, hat sich jahr­zehn­te­lang mit Ter­ro­ris­mus be­schäf­tigt und die­sen wis­sen­schaft­lich un­ter­sucht. Das vor­lie­gen­de Buch ist da­bei so­wohl ei­ne populär­wissenschaftliche Zu­sam­men­fas­sung ih­rer Un­ter­su­chun­gen als auch Weg­wei­ser, wie demo­kratische und li­be­ra­le Rechts­staa­ten mit die­ser Be­dro­hung um­ge­hen kön­nen, die ja – auch das wird im Lau­fe der Lek­tü­re deut­lich – kein neu­ar­ti­ges Phä­no­men dar­stellt (und auch nicht ei­ner be­stimm­ten Kul­tur zu­ge­schrie­ben wer­den kann).

Die Tat­sa­che, dass Ri­chard­son Irin ist und auch selbst als Ju­gend­li­che mit dem Ter­ro­ris­mus der IRA (bzw. PIRA) kon­fron­tiert wur­de, bringt noch ei­ne zu­sätz­li­che Fa­cet­te in die­ses Buch hin­ein (die je­doch nur sehr de­zent und am An­fang er­wähnt wird). So be­rich­tet die Au­torin sehr wohl, wie die In­fil­tra­ti­on im El­tern­haus, in der Schu­le und un­ter Freun­den wie ei­ne Art schlei­chen­des Gift in ihr fort­schritt und die­ses für Ter­ro­ri­sten und ih­re An­hän­ger ty­pi­sche di­cho­to­mi­sche Welt­bild er­zeug­te. Und sie schil­dert ihr Erwek­kungserlebnis, wel­ches sie schlag­ar­tig »be­kehr­te«, als sie auf dem Dach­bo­den ein Fo­to des On­kels fand, der als wi­der­stän­di­scher Frei­heits­held in der Fa­mi­lie ge­fei­ert wur­de, auf dem Fo­to je­doch aus­ge­rech­net ei­ne bri­ti­sche Uni­form trug und al­le My­then­ge­schich­ten, je­ne er­in­ner­te Hi­sto­rie, die von Ge­nera­ti­on zu Ge­nera­ti­on im­mer wei­ter­erzählt wur­de, auf ei­nen Schlag zu Lü­gen mu­tier­ten.

Was ist Ter­ro­ris­mus?

Zu­nächst ein­mal de­fi­niert Ri­chard­son den Be­griff des Ter­ro­ris­mus (bzw. des Ter­ro­ri­sten), was ab­so­lut not­wen­dig ist, denn »Ter­ror« und »Ter­ro­rist« fin­den in­zwi­schen in­fla­tio­när Ver­wen­dung – auch und ge­ra­de in den Me­di­en und auch in voll­kom­men an­de­ren Zusammen­hängen (bspw. »Te­le­fon­ter­ror« oder »Wirt­schafts­ter­ror« für Devisen­spekulationen).

Ter­ro­ris­mus be­deu­tet ein­fach, für po­li­ti­sche Zwecke plan­mä­ssig und ge­walt­sam ge­gen Zi­vi­li­sten vor­zu­ge­hen. So die ein­fa­che, aber durch­aus sinn­vol­le De­fi­ni­ti­on von Ri­chard­son. Sie­ben Merk­ma­le las­sen sich hier­aus ab­lei­ten:

  • - Ter­ro­ris­mus ist po­li­tisch mo­ti­viert.
  • - Wenn nicht ge­walt­sam vor­ge­gan­gen wird (bzw. Ge­walt an­ge­droht wird), ist es nicht Ter­ro­ris­mus.
  • - Zweck von Ter­ro­ris­mus ist nicht, den Feind zu be­sie­gen, son­dern ei­ne Bot­schaft zu ver­kün­den.
  • - Der Ter­ror­akt und die Op­fer ha­ben in der Re­gel sym­bo­li­sche Be­deu­tung. Ter­ro­ri­sten ar­bei­ten sehr stark mit psy­cho­lo­gi­schen Wir­kun­gen ih­rer An­schlä­ge – auch und ge­ra­de in Be­zug auf plu­ra­li­sti­sche De­mo­kra­ti­en und ih­re Be­richt­erstat­tung über die Ak­tio­nen.
  • - Ter­ro­ris­mus sei – so Ri­chard­sons The­se, die die­se je­doch als um­strit­ten dar­stellt, ei­ne Vor­ge­hens­wei­se von Grup­pen auf sub­staat­li­cher Ebe­ne, nicht von Staa­ten. Da­mit ist nicht ge­meint, dass Staa­ten nicht Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen, die in an­de­ren Län­dern ope­rie­ren, un­ter­stüt­zen kön­nen (das ge­schieht ja durch den Iran und Sy­ri­en bei­spiels­wei­se – aber auch, das ver­schweigt Ri­chard­son nicht, durch die USA). Auch wird nicht be­strit­ten, dass es durch Staa­ten sel­ber ter­ro­ri­sti­sche An­grif­fe ge­ge­ben hat wie bei­spiels­wei­se die Bom­bar­de­ments der Al­li­ier­ten im Zwei­ten Welt­krieg (gip­felnd in den Atombombenab­würfen über Ja­pan), aber auch – na­tür­lich – die Bom­bar­de­ments der Na­zis auf Gross­bri­tan­ni­en (und Rot­ter­dam und Bel­grad). Letzt­lich macht sie auch in den Re­gie­run­gen wäh­rend der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on ei­nen Staats­ter­ro­ris­mus »von oben« aus. Al­ler­dings – und das wird im Lau­fe des Bu­ches deut­lich – muss Ter­ro­ris­mus pri­mär als sub­staat­li­ches Agie­ren ver­stan­den wer­den (hier­nach rich­ten sich auch die Ab­wehr­mass­nah­men).
  • - Op­fer des Ter­ro­ris­mus und »Pu­bli­kum«, das die Ter­ro­ri­sten zu er­rei­chen ver­su­chen, sind nicht iden­tisch.
  • - Das letz­te und wich­tig­ste Merk­mal des Ter­ro­ris­mus ist, dass er sich be­wusst ge­gen Zi­vi­li­sten rich­tet. Das un­ter­schei­det ihn von an­de­ren For­men po­li­ti­scher Ge­walt, auch vom eng ver­wand­ten wie dem Gue­ril­la­krieg. Das Tö­ten von Nicht­kämp­fen­den ist kein Un­fall oder un­be­ab­sich­tig­ter Ne­ben­ef­fekt, […] son­dern stra­te­gisch ge­plant. In dem die Zi­vil­be­völ­ke­rung prak­tisch in Kol­lek­tiv­haf­tung ge­nom­men wird, schal­ten Ter­ro­ri­sten die Un­ter­schei­dung zwi­schen Zi­vi­li­sten und Kämp­fern aus. Das bei­spiels­wei­se al­le Ame­ri­ka­ner Steu­ern be­zah­len ge­nügt ih­nen, al­le Ame­ri­ka­ner pau­schal als un­mit­tel­bar Be­tei­lig­te an­zu­grei­fen. Die­se ei­gent­lich un­sin­ni­ge Be­trach­tung wird spä­ter, wenn es um Stra­te­gi­en zur Ter­ror­be­kämp­fung geht, ei­ne ge­wis­se Rol­le spie­len, denn sie kann durch­aus auch »um­ge­kehrt« wer­den.
  • Wich­tig ist, dass die Re­gie­rungs­form ei­nes Staa­tes, der Op­fer von Ter­ror­an­schlä­gen wird, nicht die De­fi­ni­ti­on von Ter­ro­ris­mus ver­än­dert. Die The­se, dass aus­schliess­lich demo­kratische Staa­ten Op­fer von Ter­ror­ak­ten sein kön­nen, da sie doch fried­li­che For­men der Op­po­si­ti­on auf in­sti­tu­tio­nel­ler Ebe­ne er­mög­li­chen, ver­wirft Ri­chard­son aus­drück­lich. Auch ei­ner ir­gend­wie le­gi­ti­men Art des Ter­ro­ris­mus, so­fern er nur »un­se­ren« Wertvor­stellungen ent­spricht, al­so qua­si ge­gen au­to­kra­ti­sche oder ras­si­sti­sche Sy­ste­me, muss das Wort ge­re­det wer­den. Ter­ro­ris­mus bleibt Ter­ro­ris­mus, so­fern die o. g. Kri­te­ri­en er­füllt sind.

    Hier­von macht Ri­chard­son die mo­ra­li­sche Le­gi­ti­ma­ti­on im Dis­kurs ab­hän­gig: So­lan­ge wir nicht be­reit sind, ei­ner Grup­pe, de­ren Zie­le wir tei­len, den­noch das Eti­kett Ter­ro­ri­sten an­zu­hän­gen, wenn sie zum er­rei­chen die­ser Zie­le plan­voll Zi­vi­li­sten an­greift, wer­den wir nie­mals in der La­ge sein, ei­ne wir­kungs­vol­le in­ter­na­tio­na­le Zu­sam­men­ar­beit ge­gen den Ter­ro­ris­mus zu­stan­de zu brin­gen.

    Ei­ne Ver­mi­schung des Be­griffs des Ter­ro­ris­mus mit dem des »Frei­heits­kämp­fers« lässt sie eben­falls nicht zu. Dass Ter­ro­ri­sten be­haup­ten, sie sei­en Frei­heits­kämp­fer, heisst nicht, dass wir ih­nen das zu­ge­ste­hen soll­ten…

    Grund­sätz­li­che oder be­grenz­te Zie­le?

    In ei­ner Ma­trix sor­tiert Ri­chard­son Zie­le und Un­ter­stüt­zung von Ter­ro­ris­mus. Sie un­ter­schei­det be­gren­ze Zie­le und grund­sätz­li­che Zie­le. In­ner­halb die­ser Zie­le unter­scheidet sie dann zwi­schen en­ge­rem und iso­lier­tem Ver­hält­nis zur Ge­mein­schaft.

    Die so­zi­al­re­vo­lu­tio­nä­ren Be­we­gun­gen in Eu­ro­pa (z. B. die RAF oder die ro­ten Bri­ga­den in Ita­li­en) ver­folg­ten »grund­sätz­li­che Zie­le«, d. h. die Zer­schla­gung ei­nes gan­zen po­li­ti­schen Sy­stems. Ihr Ver­hält­nis zur Ge­mein­schaft war eher iso­liert. Ri­chard­sons The­se ist – ver­ein­facht dar­ge­stellt – dass Ter­ro­ri­sten mit grund­sätz­li­chen, sy­stem­zer­stö­re­ri­schen For­de­run­gen dau­er­haft kei­ne gro­sse Re­so­nanz in der Be­völ­ke­rung fin­den wer­den und so­mit mit­tel­fri­stig schei­tern. Ih­re Ma­trix hier­zu zeigt ei­ne Men­ge die­ser Terroror­ganisationen, von de­nen ein Gross­teil schon nicht mehr oder kaum noch ak­tiv ist. Kei­ne ein­zi­ge hier­von ist di­rekt mit ei­ner brei­ten Zu­stim­mung in der Be­völ­ke­rung auf­ge­führt.

    Al­ler­dings ist – das gibt Ri­chard­son zu – al-Qai­da un­ter Um­stän­den ein Son­der­fall: Hier ist die Ver­mi­schung zwi­schen pan­ara­bisch-na­tio­na­li­sti­scher Rhe­to­rik und der re­li­gi­ös kon­no­tier­ten Ar­gu­men­ta­ti­on neu. Ri­chard­son ru­bri­ziert al-Qai­da als Or­ga­ni­sa­ti­on mit »grund­sätz­li­chen Zie­len«, was sie durch­aus im wei­te­ren Ver­lauf ih­res Bu­ches be­fragt.

    We­sent­lich schwie­ri­ger ist die An­ge­le­gen­heit bei den Or­ga­ni­sa­tio­nen, die »be­grenz­te Zie­le« for­mu­lie­ren, al­so bei­spiels­wei­se Se­zes­si­ons­be­we­gun­gen oder so­ge­nann­te Befreiungs­bewegungen. Ge­lingt es sol­chen Or­ga­ni­sa­tio­nen ei­ne en­ge Ver­an­ke­rung für ih­re Zie­le in der Be­völ­ke­rung zu er­rei­chen, so ist ei­ne Be­kämp­fung sehr schwie­rig. Als Bei­spiel hier­für wer­den un­ter an­de­rem die al-Ak­sa-Mär­ty­rer­bri­ga­den, die bas­ki­sche ETA, die ta­mi­li­sche LTTE, die kur­di­sche PKK und der »Leuch­ten­de Pfad« in Pe­ru ge­nannt.

    Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen blei­ben al­ler­dings, trotz even­tu­el­ler Un­ter­stüt­zung in Tei­len der Be­völ­ke­rung, im­mer in ei­nem un­glei­chen Kampf die schwä­che­re Par­tei. Die­se Er­kennt­nis hat spä­ter si­gni­fi­kan­te Aus­wir­kun­gen auf die Stra­te­gie zur Be­kämp­fung des Ter­ro­ris­mus.

    Ve­he­ment sträubt sich Ri­chard­son da­ge­gen, Ter­ro­ri­sten a prio­ri jeg­li­che Mo­ral abzu­sprechen (was sie auch ex­em­pla­risch be­legt). Ter­ro­ri­sten in die Ecke ir­ra­tio­na­ler Ver­rück­ter zu stel­len, macht eben­falls kei­nen Sinn. Ri­chard­son ver­wer­tet hier ei­ge­ne Er­leb­nis­se in work­sho­p­ähn­li­chen Ver­an­stal­tun­gen mit »Ak­ti­vi­sten«. Das En­ga­ge­ment von Ter­ro­ri­sten ent­springt durch­aus ra­tio­na­len Be­weg­grün­den.

    Schlüs­sig zeigt Loui­se Ri­chard­son, dass die von be­stimm­ten Krei­sen ger­ne vor­ge­nom­me­ne Ver­wechs­lung von Em­pa­thie mit Sym­pa­thie ei­ne bil­li­ge, aber durch­aus mas­sen­wirk­sa­me rhe­to­ri­sche Vol­te ist, um das Ge­gen­über, wel­ches um Kon­flikt­lö­sung be­müht ist, zu dif­fa­mie­ren. Die »Fal­ken« ge­hen da­mit ei­ne ge­wis­se Al­li­anz mit den Ter­ro­ri­sten ein (und de­ren »Fal­ken«). Ter­ror­be­kämp­fer und Ter­ro­ri­sten be­din­gen sich ge­gen­ein­an­der, las­sen oft – trotz ra­tio­na­ler Grün­de da­ge­gen – nicht von­ein­an­der los, in dem sie auf ih­ren Stand­punk­ten be­har­ren. Am En­de des Bu­ches be­legt Ri­chard­son, dass et­li­che ter­ro­ri­sti­sche Kon­flik­te durch die­se Vor­ge­hens­wei­se nur un­nö­tig in die Län­ge ge­zo­gen wur­den.

    Ne­ben aus­führ­li­chen hi­sto­ri­schen Ab­ris­sen zu Ter­ro­ris­mus in der Ge­schich­te un­ter­sucht Ri­chard­son na­tür­lich auch die Ur­sa­chen. Sie kommt zu dem Schluss, dass es hier kei­ne mo­no­kau­sa­len Er­klä­run­gen gibt, al­so auch Ver­all­ge­mei­ne­run­gen falsch sind. Die Ebe­ne des in­di­vi­du­el­len Ter­ro­ri­sten, der die ter­ro­ri­sti­sche Or­ga­ni­sa­ti­on und die des sie finan­zierenden Staa­tes kön­nen al­le mög­li­chen Grün­de lie­fern. Auf ge­sell­schaft­li­cher ebe­ne sind so­zio-öko­no­mi­sche Fak­to­ren wie et­wa Ar­mut und Un­gleich­heit mög­li­che Ur­sa­chen, auf trans­na­tio­na­ler Ebe­ne kön­nen Re­li­gi­on und Glo­ba­li­sie­rung wel­che sein.

    Ent­frem­dung vom Sta­tus quo

    Un­ter­schie­den wer­den muss zwi­schen den Ter­ro­ri­sten sel­ber auf un­ter­schied­li­chen Hier­ar­chie­ebe­nen und de­ren Sym­pa­thi­san­ten, und zwar ins­be­son­de­re was die Mo­ti­ve an­geht. Bei den An­füh­rern han­delt es sich meist um ge­bil­de­te Leu­te, die dem Ter­ro­ris­mus ei­ne in­tel­lek­tu­el­le (und/oder re­li­giö­se) Un­ter­füt­te­rung ge­ben. Ri­chard­son zi­tiert ei­ne Un­ter­su­chung, die er­gab, dass rund zwei Drit­tel von 179 al-Qai­da-Mit­glie­dern der Mit­tel- bzw. Ober­schicht zu­zu­ord­nen wa­ren (Ak­ti­vi­sten eth­no­na­tio­na­li­sti­scher Or­ga­ni­sa­tio­nen stam­men al­ler­dings eher auch klas­si­schen Ar­bei­ter­schich­ten).

    De­tail­liert un­ter­sucht Ri­chard­son was Leu­te da­zu treibt, in Ter­ro­ris­mus ih­re Ausdrucks­möglichkeit zu fin­den. Sie zieht am Ran­de auch Ele­men­te der youth-bul­ge-Theo­rie Gun­nar Hein­sohns zu Ra­te (den sie al­ler­dings nicht er­wähnt). Am En­de kommt sie zu dem Schluss, dass Ter­ro­ris­mus im we­sent­li­chen aus ei­nem töd­lich Cock­tail her­rührt, der aus drei Zu­ta­ten zu­sam­men­ge­mixt ist: per­sön­li­che Ent­täu­schung, ei­ne gut­hei­ssen­de Ge­sell­schaft (sie nennt dies auch Kom­pli­zen­ge­sell­schaft) und ei­ne le­gi­ti­mie­ren­de Ideo­lo­gie. Da­bei setzt Ter­ro­ris­mus ei­ne Ent­frem­dung vom Sta­tus quo vor­aus. Er ge­deiht im­mer dort sehr gut, wenn sich Men­schen un­ge­recht be­han­delt füh­len und sich charis­matische An­füh­rer her­aus­kri­stal­li­sie­ren, die die­se Ver­hält­nis­se er­klä­ren, ei­ne Grup­pe or­ga­ni­sie­ren und für de­ren Ef­fi­zi­enz sor­gen.

    Re­li­gio­nen kön­nen ei­ne Rol­le bei ter­ro­ri­sti­schen Ak­ti­vi­tä­ten spie­len, müs­sen es aber nicht. Dies führt Ri­chard­son am Bei­spiel zahl­rei­cher sä­ku­la­rer Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen aus. Dort, wo re­li­giö­se Dik­tio­nen ge­braucht wer­den, die­nen sie häu­fig da­zu Kon­flik­te zu ab­so­lu­tie­ren. Re­li­gi­ös mo­ti­vier­te Ter­ro­ri­sten sind häu­fi­ger be­reit, grö­sse­re Op­fer­zah­len in Kauf zu neh­men. (Wenn Gott das Pu­bli­kum ist, dann muss man sich kei­ne Ge­dan­ken dar­um ma­chen, es mög­li­cher­wei­se vor den Kopf zu sto­ssen.) In der Pra­xis ver­mi­schen sich je­doch häu­fig re­li­giö­se und na­tio­na­li­sti­sche Mo­ti­ve. Au­sser­dem ist re­li­giö­se Mo­ti­va­ti­on mit­nich­ten auf den Is­lam be­schränkt, was auch an Bei­spie­len u.a. aus Eu­ro­pa il­lu­striert wird.

    Al­le Ter­ror­be­we­gun­gen ha­ben zwei Ar­ten von Zie­len: Kurz­fri­sti­ge or­ga­ni­sa­to­ri­sche und lang­fri­sti­ge, po­li­ti­sche, wo­bei Letz­te­re ei­nen er­heb­li­chen po­li­ti­schen Wan­del voraus­setzen. Die­se Un­ter­schei­dung ist es­sen­ti­ell. Ri­chard­son un­ter­schei­det hier­zu die pri­mä­ren von den se­kun­dä­ren Mo­ti­ven. Die pri­mä­ren Mo­ti­ve lie­gen in der je­wei­li­gen po­li­ti­schen Ziel­set­zung – die­se ist in den Ter­ror­be­we­gun­gen durch­aus un­ter­schied­lich ver­an­kert (bei­spiels­wei­se Se­zes­si­on, Ab­zug ei­ner Be­sat­zungs­macht oder Er­rich­tung ei­ner an­de­ren Staats­form). In­ter­es­sant die The­se, dass vie­le pri­mä­re Zie­le nur re­la­tiv un­deut­lich und va­ge for­mu­liert sind, und hier kaum de­tail­liert durch­dach­te Kon­zep­te für die Zu­kunft ent­wickelt wur­den. Das er­klärt war­um, nach­dem ein sol­ches Ziel er­reicht wur­de, oft die Aus­füh­rung voll­kom­men un­ko­or­di­niert und un­be­frie­di­gend ver­läuft – die (ein­sti­ge) Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on hat­te zwar ei­nen prä­zi­ses Feind­bild, aber kei­ne Vor­stel­lung, was nach des­sen Be­sei­ti­gung zu tun ist.

    Ra­che – Ruhm – Re­ak­ti­on

    Die se­kun­dä­ren Mo­ti­ve hin­ge­gen sind bei na­he­zu al­len Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen gleich. Sie be­stehen aus dem, was Ri­chard­son auf die Kurz­for­mel der drei Rs bringt: Ra­che, Ruhm, Re­ak­ti­on.

    Al­le Ter­ro­ri­sten trach­ten nach Ra­che, Ruhm und Re­ak­ti­on. Das Phä­no­men der Ra­che durch­zieht die Recht­fer­ti­gun­gen und Pam­phle­te al­ler Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen. Bei al­ler em­pi­ri­schen Be­weis­füh­rung ver­nach­läs­sigt Ri­chard­son ein we­nig, dass Ra­che be­son­ders dort auf be­son­ders frucht­ba­ren Bo­den fal­len wird, wo Rechts­struk­tu­ren nicht aus­rei­chend ver­an­kert sind oder schlicht­weg ei­ne star­ke Kor­rup­ti­on gel­ten­des Recht nicht zu­lässt. Zu recht be­tont sie, dass Ra­che­ge­lü­sten aus Sicht der Ter­ror­be­kämp­fung schwie­rig beizu­kommen ist – au­sser da­hin­ge­hend, nicht je­nen Ent­schul­di­gun­gen zu lie­fern, die zur Ge­walt grei­fen wol­len.

    Ruhm ist ein wei­te­res, wich­ti­ges Mo­tiv für Ter­ro­ris­mus. Die Ak­teu­re son­nen sich in der Aufmerk­samkeit, die sie er­lan­gen. Oft ge­nug sind ih­re An­schlä­ge auch noch reich­lich sym­bo­li­scher Na­tur (das Pa­ra­de­bei­spiel ist na­tür­lich wie­der der An­schlag auf die Twin-Towers als Sym­bol des Ka­pi­ta­lis­mus). Der Ruhm spielt auch in­ner­halb der je­wei­li­gen Or­ga­ni­sa­ti­on ei­ne ge­wis­se Rol­le, und zwar wenn es sich um de­zen­tral agie­ren­de Ein­hei­ten han­delt.

    Ri­chard­son warnt je­doch da­vor, die durch die An­schlä­ge welt­weit her­vor­ge­ru­fe­ne Auf­merk­sam­keit als Be­leg für das »Funk­tio­nie­ren« des Ter­ro­ris­mus zu wer­ten. Wenn dem so wä­re, dann könn­te man ein­fach die Be­richt­erstat­tung über Ter­ror­ak­te ein­stel­len (sie zi­tiert Mar­ga­ret That­cher, die ein­mal vom »Sauer­stoff ent­zie­hen« sprach). Ab­ge­se­hen da­von, dass dies in de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaf­ten gar nicht mög­lich ist, wür­de dies auch wie­der­um Ter­ro­ri­sten zu noch grö­sse­ren At­ten­ta­ten an­sta­cheln.

    Der in­ter­es­san­te­ste Punkt, der nicht so­fort auf der Hand liegt, spä­ter je­doch in der Gegen­strategie ei­nen wich­ti­gen He­bel bie­tet, be­zeich­net Ri­chard­son als Re­ak­ti­on. Durch ih­re Aktion(en) kom­mu­ni­zie­ren Ter­ro­ri­sten mit der Welt. Man nennt das »Pro­pa­gan­da durch die Tat«. Durch ih­re Aktion(en) wol­len sie Reaktion(en) her­vor­ru­fen. Es ist be­merkenswert – und das zeigt Ri­chard­son an vie­len Bei­spie­len – das vie­le Re­ak­tio­nen ex­akt so aus­fal­len, wie die Ter­ro­ri­sten es wol­len – näm­lich die Es­ka­la­ti­ons­spi­ra­le der drei Rs be­feu­ern, statt zu de­es­ka­lie­ren. Das, wenn man so will, Ge­nia­le am Ter­ro­ris­mus ist […], dass er Re­ak­tio­nen her­vor­ruft, die öf­ter im In­ter­es­se der Ter­ro­ri­sten sind als in dem der Op­fer. Ins­be­son­de­re dann ha­ben die Ter­ro­ri­sten in dop­pel­ter Wei­se ihr Ziel er­reicht, wenn es ih­nen ge­lingt, de­mo­kra­ti­sche Staa­ten zu dra­ko­ni­schen Mass­nah­men zu ver­lei­ten, um da­mit die Stim­mig­keit ih­rer Pro­pa­gan­da zu be­le­gen.

    Selbst­mord­at­ten­tä­ter sind we­der per se re­li­gi­ös noch Ir­re

    Zu den be­ein­druckend­sten Ka­pi­teln des Bu­ches ge­hört je­nes über Selbst­mord­at­ten­tä­ter. Ri­chard­son räumt mit der The­se auf, dass Selbst­mord­an­schlä­ge re­li­giö­se Kon­no­ta­tio­nen be­nö­ti­gen. Aus­führ­lich un­ter­sucht sie ins­be­son­de­re die LTTE (»Li­be­ra­ti­on Ti­gers of Ta­mil Eelam« [»Be­frei­ungs­ti­ger von Ta­mil Eelam«], der eth­no­na­tio­na­li­sti­schen Separatisten­organisation der Ta­mi­len auf Sri Lan­ka) und de­ren qua­si ri­tua­li­sier­ten Ein­sät­ze von Selbst­mord­at­ten­ta­ten.

    An­fang der 80er Jah­re wur­den Selbst­mord­at­ten­ta­te wäh­rend des li­ba­ne­si­schen Bürger­krieges von sä­ku­la­ren Ter­ro­ri­sten so­zu­sa­gen »neu ent­deckt« und in die Neu­zeit trans­feriert. Die An­schlä­ge von 1983 auf die ame­ri­ka­ni­sche Bot­schaft in Bei­rut (80 To­te) und auf das Haupt­quar­tier der US-Ma­ri­nes (241 To­te) sorg­ten da­für, dass sich die USA auf dem Li­ba­non zu­rück­zo­gen (die Ter­ro­ri­sten hat­ten ihr Ziel er­reicht und noch heu­te dient es der al-Qai­da-Pro­pa­gan­da als Be­leg für die »Feig­heit« Ame­ri­kas). Die LTTE hat­te die­se Tak­tik über­nom­men. Und bis zur Es­ka­la­ti­on der Selbst­mord­tak­tik bei den Auf­ständischen im Irak hat­ten die LTTE mehr Selbst­mord­an­schlä­ge durch­ge­führt als je­de an­de­re Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on.

    Psy­cho­pa­then und ähn­li­che in­sta­bi­le Cha­rak­te­re sind von den Füh­rern für sol­che Ak­tio­nen aus­drück­lich nicht er­wünscht; sie wür­den die Ef­fi­zi­enz die­ses Mit­tels in­fra­ge stel­len. Es gibt har­te Aus­wahl­ver­fah­ren, wer für ei­ne Ak­ti­on »be­ru­fen« ist. Selbst­mord­at­ten­tä­ter sind in der Re­gel kei­ne blind­wü­ti­gen Fa­na­ti­ker, die spon­tan und un­be­herrscht re­agie­ren. Ih­re Ak­tio­nen sind ge­plant. Sie wer­den in ih­ren Or­ga­ni­sa­tio­nen ent­spre­chend ge­schult und ge­zielt auf ih­ren Ein­satz hin­ge­führt. Ih­re Ak­tio­nen sind ef­fi­zi­ent (d. h. – um es hart zu for­mu­lie­ren – bil­lig und ef­fekt­voll) und er­fül­len die drei Rs per­fekt.

    Im Ge­gen­satz zu den ak­tu­el­len, is­la­mi­stisch mo­ti­vier­ten Selbst­mord­at­ten­tä­tern, ist die LTTE ei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on bar je­der re­li­giö­sen Kom­po­nen­te (ähn­lich wie die PKK, die auch Selbst­mord­an­schlä­ge, al­ler­dings in we­sent­lich ge­rin­ge­rem Aus­mass, durch­ge­führt hat). Es han­delt sich um ei­ne rein sä­ku­la­re, se­zes­sio­ni­sti­sche Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on. Ih­re Hin­ga­be an die Sa­che nährt sich aus dem Hass auf den Feind und den Wunsch, sich für des­sen Über­griffe zu rä­chen, nicht aus dem Glau­ben an Gott. Und es gibt ein um­fang­rei­ches, fest­ge­leg­tes In­stru­men­ta­ri­um, in dem At­ten­tä­ter (und ih­re Fa­mi­li­en) in Pu­bli­ka­tio­nen und Schrei­nen qua­si­re­li­giö­se Hel­den­ver­eh­rung ge­nie­ssen.

    Ma­nichäi­sches Welt­bild – auf bei­den Sei­ten

    Wie ist nun dem Ter­ro­ris­mus bei­zu­kom­men? Aus­führ­lich do­ku­men­tiert Ri­chard­son zu­nächst, wie die Bush-Ad­mi­ni­stra­ti­on nach dem 11. Sep­tem­ber auf die­sen Me­ga­schlag re­agiert hat. Und sie stellt nüch­tern und oh­ne in pri­mi­ti­ves Bush-Bashing zu ver­fal­len fest: Es war na­he­zu al­les falsch, was ge­macht wur­de.

    An­ge­fan­gen von der Rhe­to­rik bis zu den Ak­tio­nen im In­ne­ren (»Pa­tri­ot-Act«) bis zu den Krie­gen in Af­gha­ni­stan und na­tür­lich ins­be­son­de­re im Irak – Ri­chard­son se­ziert die Feh­ler ei­ner nach dem an­de­ren.

    Der gröss­te Feh­ler war wohl, die Me­ta­pho­rik des »Krie­ges« ein­zu­set­zen und Terrorbe­kämpfung so­mit als rein mi­li­tä­ri­sche Ak­ti­on zu ver­ste­hen. Mit dem Sta­tus des »Krie­ges« hat man letzt­lich nicht nur den Ter­ro­ri­sten als gleich­wer­ti­gen Kämp­fer an­er­kannt, ihn al­so auf die glei­che Stu­fe ge­stellt, son­dern auch des­sen Ak­ti­on wie ge­wünscht be­ant­wor­tet. Statt den Ter­ro­ris­mus als ei­nen kri­mi­nel­len Akt dar­zu­stel­len und ihn kri­mi­na­li­stisch zu be­han­deln, wird durch die über­bor­den­de Bild­haf­tig­keit ei­nes »Krie­ges« das Vo­ka­bu­lar des Geg­ners – in­klu­si­ve des ma­nichäi­schen Welt­bil­des – über­nom­men. Ri­chard­son schliesst nicht aus, dass dies auch des­halb ge­schah, um mit dem In­stru­ment der »Kriegs­er­klä­rung« die Exe­ku­ti­ve mit mehr Macht aus­zu­stat­ten. Ein be­lieb­ter Kniff, ins­be­son­de­re in po­li­tisch la­bi­len Sy­ste­men.

    Par­al­lel zur kri­mi­na­li­sti­schen Ver­fol­gung der Hin­ter­män­ner des An­schla­ges hät­te man die pri­mä­ren Mo­ti­ve der An­schlä­ge mit un­ter­su­chen müs­sen. Wel­ches sind die For­de­run­gen der Ter­ro­ri­sten? Sind die­se tat­säch­lich so ab­strus und un­er­füll­bar? Wel­che trans­na­tio­na­len Feh­ler hat die US-Au­ssen­po­li­tik in den letz­ten Jah­ren be­gan­gen? Wie ha­ben die Ver­bün­de­ten ähn­lich ge­la­ger­te Fäl­le ge­löst (bei­spiels­wei­se hät­te man auf die bri­ti­schen Er­fah­run­gen mit der IRA zu­rück­grei­fen kön­nen)? Wie hät­te man frucht­bar die So­li­da­ri­tät an­de­rer Na­tio­nen mit den Ver­ei­nig­ten Staa­ten nach den An­schlä­gen ver­wen­den kön­nen? All dies Ver­säum­nis­se, die heu­te sehr schwer oder gar nicht mehr auf­zu­ho­len sind.

    Und schliess­lich: Wie will man »Krieg ge­gen den Ter­ror« füh­ren? Ter­ror ist ei­ne Emo­ti­on. Wie will man da­ge­gen krie­ge­risch d. h. mi­li­tä­risch vor­ge­hen? Ri­chard­son führt aus, dass die­ser »Krieg ge­gen den Ter­ror« mi­li­tä­risch nicht ge­winn­bar ist und so­gar zu­sätz­li­che Re­kru­tie­run­gen für den Ter­ro­ris­mus er­zeu­gen kann. Zwar gibt es Bei­spie­le aus Ar­gen­ti­ni­en und Chi­le aus den 70er und 80er Jah­ren, die zei­gen, dass ter­ro­ri­sti­sche Ak­ti­vi­tä­ten, die lo­kal auf­tre­ten, mi­li­tä­risch aus­ge­merzt wer­den kön­nen. Aber das, so Ri­chard­son ein­drucks­voll, ist für de­mo­kra­ti­sche Rechts­staa­ten nicht durch­führ­bar. Die ge­nann­ten Län­der wa­ren Dik­ta­tu­ren und konn­ten mit Mit­teln vor­ge­hen, die sich für den Rechts­staat ver­bie­ten.

    Der zy­pri­sche Na­tio­na­list Ge­or­gi­os Gri­vas mein­te ein­mal: »Mit ei­nem Pan­zer fängt man […] kei­ne Feld­maus – das kann ei­ne Kat­ze bes­ser.« Ri­chard­son: Dem Ter­ro­ris­mus den Krieg zu er­klä­ren und da­für ei­ne Ar­mee in den Kampf zu schicken, ist so et­was Ähn­li­ches, wie mit ei­nem Pan­zer ei­ne Feld­maus zu fan­gen.

    Mit ei­nem Hand­streich wird ne­ben­bei auch das dümm­li­che Ge­schwätz von Her­fried Münk­ler von den »asym­me­tri­schen Krie­gen« weg­ge­fegt. Ver­mut­lich kennt sie we­der Münk­ler noch des­sen The­se, die in Deutsch­land in Er­man­ge­lung ver­nünf­ti­gen Den­kens vor ei­ni­gen Jah­ren durch vor­ei­li­ge Feuil­le­to­ni­sten und po­li­ti­sche Kom­men­ta­to­ren hof­fä­hig wur­de. Ri­chard­son zeigt, dass ein sol­ches Den­ken falsch und un­hi­sto­risch ist und zu kon­tra­pro­duk­ti­ven Schluss­fol­ge­run­gen und Stra­te­gi­en führt.

    Die fal­schen Re­ak­tio­nen auf die An­schlä­ge des 11. Sep­tem­ber ha­ben die Welt ver­än­dert

    Ri­chard­sons Schluss: Es ist da­her nicht ganz rich­tig, dass ‘der 11. Sep­tem­ber un­se­re Welt ver­än­der­te’, wie Prä­si­dent Bush es aus­drück­te. Viel­mehr war es un­se­re Re­ak­ti­on auf den 11. Sep­tem­ber, die die Welt ver­än­der­te. Die Ame­ri­ka­ner er­lit­ten ei­nen Ter­ror­an­griff, der in sei­ner Grö­ssen­ord­nung und Zer­stö­rungs­kraft oh­ne Bei­spiel war, und ver­lo­ren da­durch ihr Si­cher­heits­ge­fühl und ihr Au­gen­mass. Wo­bei – das ist im­ma­nent – Po­li­tik ge­ra­de dar­in be­stan­den hät­te, Si­cher­heits­ge­fühl und Au­gen­mass in der ge­bo­te­nen Re­la­ti­on zum Terror­akt in der Be­völ­ke­rung zu er­hal­ten, in dem ana­ly­tisch das Pro­blem an­geht.

    Bei­spiel­los der Hy­ste­ri­sie­rungs­grad, der dann in der lü­gen­haf­ten Ar­gu­men­ta­ti­on über an­geb­li­che Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen des Irak (und der Ko­ope­ra­ti­on zwi­schen Osa­ma bin La­den und Sad­dam Hus­sein) führ­te. Ri­chard­son führt be­ein­druckend aus, wie hy­ste­risch und mit we­nig Sach­kennt­nis die­se Dis­kus­si­on ge­führt wur­de.

    Mit die­sen Er­kennt­nis­sen aus­ge­stat­tet er­ahnt der Le­ser na­tür­lich, wel­che Lösungs­möglichkeiten die Au­torin vor­schlägt. Sie sind al­le­samt nicht be­son­ders spek­ta­ku­lär und dürf­ten eher mit­tel- und lang­fri­stig zu Er­fol­gen füh­ren, wäh­rend für schwa­che Po­li­ti­ker fast ein Zwang zu kurz­fri­sti­gem Ak­tio­nis­mus zu be­stehen scheint. Ri­chard­son stellt sechs gol­de­ne Re­geln auf:

      1. Ein ver­tret­ba­res und er­reich­ba­res Ziel er­rei­chen.


    Nicht das »Bö­se« gilt es zu be­sie­gen, son­dern die is­la­mi­sti­sche Mi­li­tanz ko­or­di­niert zu stop­pen. Ein wei­te­res Ziel könn­te sein, den Ver­gel­tungs­im­puls ein­zu­däm­men. Hier­für sind Zwangs- und Be­schwich­ti­gungs­mass­nah­men par­al­lel er­for­der­lich. Zwangs­mass­nah­men – auf rechts­staat­li­cher Ba­sis – nur ge­gen die un­mit­tel­ba­ren Ge­walt­tä­ter und Be­schwich­tungs­mass­nah­men, um po­ten­ti­el­le Re­kru­tie­run­gen auf­zu­hal­ten.

      2. Nach den ei­ge­nen Prin­zi­pi­en le­ben.


    Nicht der De­mo­kra­tie- und Wer­te­ex­port in ko­lo­nia­ler Ma­nier ist ge­meint, son­dern das An­wen­den der ei­ge­nen Wer­te auf sich sel­ber. Ri­chard­son ist der Mei­nung, dass De­mo­kra­ti­en per se durch ih­re li­be­ra­le und of­fe­ne Ge­sell­schaft nicht an­fäl­li­ger ge­gen Ter­ro­ris­mus sind. Sie be­zeich­net un­se­re de­mo­kra­ti­schen Prin­zi­pi­en nicht als Ein­schrän­kung un­se­rer Mög­lich­kei­ten ge­gen­über Ter­ro­ri­sten vor­zu­ge­hen, son­dern als un­se­re stärk­ste Waf­fe. Auf die Idee der Not­wen­dig­keit ei­ner »Selbst­be­haup­tung des Rechts­staa­tes« kommt Ri­chard­son nicht im Traum. Fast pa­the­tisch das Be­kennt­nis zu Ge­or­ge Wa­shing­ton und sei­nem Ver­hal­ten ge­gen­über bri­ti­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen im ame­ri­ka­ni­schen Un­ab­hän­gig­keits­krieg.

    Ent­spre­chend scharf geht sie mit Not­ver­ord­nun­gen und Rechts­ver­bie­gun­gen ins Ge­richt. Bei­des sei falsch und un­ter­mi­nie­re den Rechts­staat – das, was die Ter­ro­ri­sten er­rei­chen wol­len. In dem man den Ter­ro­ri­sten den Krieg er­klärt ha­be, ih­nen aber gleich­zei­tig den Sta­tus ge­mäss der Gen­fer Kon­ven­ti­on ver­wei­ge­re, lie­fert man Fut­ter für die anti­amerikanische Pro­pa­gan­da auf der Welt. Ei­ne De­mo­kra­tie, die ih­re ei­ge­nen Wer­te miss­achtet, kann na­tur­ge­mäss auch kei­ne Strahl­kraft nach au­ssen ent­wickeln und büsst jeg­li­che Le­gi­ti­ma­ti­on ein. Wenn Ge­or­ge W. Bush je­doch stän­dig die »Über­le­gen­heit un­se­rer Wer­te« preist – wor­in be­stehen die­se denn in Wirk­lich­keit, wenn man ih­nen sel­ber nicht traut? (Und – das er­wähnt Ri­chard­son er­staun­li­cher­wei­se nicht – lau­fend de­mo­kra­ti­sche Wah­len, de­ren Aus­gang nicht ins po­li­ti­sche Kon­zept passt, schlicht­weg igno­riert, an­de­rer­seits je­doch die De­mo­kra­tie ex­por­tie­ren möch­te.)

      3. Den Feind ge­nau ken­nen.


    Ri­chard­son plä­diert für ge­naue und aus­führ­li­che Ge­heim­dien­st­ar­beit und für die In­fil­tra­ti­on von Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen. Zu Hau­se kön­nen In­for­ma­tio­nen durch die Ein­bin­dung der loya­len mus­li­mi­schen Be­völ­ke­rung ge­won­nen wer­den. Die­se Mass­nah­men müs­sen im Re­spekt vor die­sen Men­schen ge­sche­hen. Statt­des­sen wer­den sie po­ten­ti­ell pau­schal zu Ver­däch­ti­gen er­klärt.

      4. Die Ter­ro­ri­sten von ih­ren Ge­mein­schaf­ten lö­sen.


    Ter­ro­ri­sten be­nö­ti­gen zwin­gend die Un­ter­stüt­zung der Be­völ­ke­rung. Wich­tig da­her, stil­le Sym­pa­thie oder gar Rück­halt in der An­hän­ger­schaft durch ver­trau­ens­bil­den­de Mass­nahmen aus­zu­dün­nen. Ziel muss es sein, dass die Un­ter­stüt­zung für das plan­mä­ssi­ge Tö­ten von Zi­vi­li­sten (al­so das, was oben als Ter­ro­ris­mus de­fi­niert wur­de) kei­ne Sym­pa­thie mehr be­kommt.

    Ri­chard­son ist kei­ne Träu­me­rin und ver­mu­tet si­cher­lich rich­tig, dass die Un­ter­stüt­zung Is­ra­els den USA in der ara­bi­schen Welt im­mer ge­wis­se Pro­ble­me schaf­fen dürf­te. Aber in dem bei­spiels­wei­se bei der Be­wer­tung von Ak­tio­nen und po­li­ti­schen Hand­lun­gen die glei­chen Mass­stä­be an­ge­setzt wer­den, könn­te die USA in der ara­bi­schen Be­völ­ke­rung we­nig­stens ei­nen ge­wis­sen Re­spekt zu­rück­ge­win­nen.
    Als au­sser­or­dent­lich pro­ble­ma­tisch ist da­bei die Un­ter­stüt­zung der doch so stark auf »De­mo­kra­tie« und »Men­schen­rech­te« ori­en­tier­ten Po­li­tik der USA für Dik­ta­tu­ren wie Ägyp­ten oder Sau­di-Ara­bi­en, die aus geo­po­li­ti­schen und/oder öko­no­mi­schen Grün­den zu Al­li­ier­ten er­klärt wer­den. Mit Recht weist sie dar­auf hin, dass al-Qai­da ge­ra­de die­se Re­gime ob ih­rer Selbst­herr­lich­keit und po­li­ti­schen Un­ter­drückungs­ap­pa­ra­te an­greift und de­ren Füh­rer stür­zen will.

    Ei­nen in­ter­es­san­ten Fall macht Ri­chard­son bei der Tsu­na­mi-Hil­fe der USA für In­do­ne­si­en aus. Vor dem Tsu­na­mi war Um­fra­gen zu­fol­ge das Bild der USA in der Be­völ­ke­rung mehr­heit­lich ne­ga­tiv; es gab durch­aus Re­kru­tie­run­gen von al-Qai­da, die in den be­kann­ten Ter­ror­an­schlä­gen mün­de­ten. Nach­dem je­doch die weit­ge­hend be­din­gungs­lo­se Tsu­na­mi-Hil­fe der USA an­ge­lau­fen war und auch sicht­ba­re Er­fol­ge zeig­te, än­der­te sich das Bild in der Be­völ­ke­rung dra­ma­tisch, wie sie durch spä­ter durch­ge­führ­te Um­fra­gen be­legt.

    Mit dem Vor­schlag ei­nes gross an­ge­leg­ten, mög­lichst von an­de­ren Na­tio­nen mit unter­stützten um­fas­sen­den Ent­wick­lungs­plans (ähn­lich et­wa dem Mar­shall­plan) for­mu­liert Ri­chard­son ein in­ter­es­san­tes Ziel, wel­ches je­doch sehr gut durch­dacht wer­den muss, da­mit es nicht als Neo­ko­lo­nia­lis­mus aus­ge­legt und miss­deu­tet wer­den kann.

      5. Ver­bün­de­te su­chen.


    Ri­chard­son plä­diert hier für ei­ne Trans­na­tio­na­li­sie­rung von Ge­heim­dien­sten und Re­gie­run­gen.

    Die­ser Punkt hat teil­wei­se Über­schnei­dun­gen mit Punkt Nr. 3. Bei­de Re­geln ha­ben – das soll nicht ver­schwie­gen wer­den – Schön­heits­feh­ler, die sich zum Teil in der Au­ssen­po­li­tik der USA der letz­ten Jahr­zehn­te ge­zeigt ha­ben und prä­gnant mit der For­mel »Der Feind mei­nes Fein­des ist mein Freund« sub­su­miert wer­den kann. Ver­mut­lich schwebt Ri­chard­son aber so et­was wie ei­ne ge­mein­sa­me Al­li­anz vor, wie sie im Kal­ten Krieg mehr oder we­ni­ger un­ter den NA­TO-Ver­bün­de­ten ge­herrscht hat. Das Pro­blem hier­bei ist – das wird durch­aus am Ran­de the­ma­ti­siert – das die Ge­heim­dien­ste der­art un­kon­trol­lier­bar er­schei­nen und ver­zweigt sind, dass schon ei­ne Ko­or­di­na­ti­on in­ner­halb der USA schwie­rig ge­nug ist. Hier­für müss­ten na­tür­lich Struk­tu­ren ge­strafft wer­den.

      6. Ge­duld ha­ben und das Ziel im Blick be­hal­ten.


    Die oben be­schrie­be­nen Mass­nah­men be­din­gen Zeit und Ge­duld und man soll­te nicht bei je­dem neu­en An­schlag in al­te Ver­gel­tungs­me­cha­nis­men zu­rück­fal­len.

    Ver­ant­wor­tungs­ethik vs. Ge­sin­nungs­ethik

    Die Er­fah­run­gen vie­ler Kon­flik­te zei­gen, dass Ter­ro­ris­mus aus­ge­trock­net wer­den kann, so dass An­zahl und Ve­he­menz der An­schlä­ge mit­tel­fri­stig dau­er­haft re­du­ziert wird – und am En­de ganz ver­schwin­det. Dort, wo die pri­mä­ren, po­li­ti­schen Mo­ti­ve zu­min­dest teil­wei­se be­rech­tigt sein kön­nen, müs­sen sie auch dis­ku­tiert wer­den. Se­zes­sio­nen oder Befreiungs­kämpfe kön­nen auch im­mer in Kom­pro­mis­sen (stär­ke­re Au­to­no­mie; Zeit­plan für den Ab­zug von Trup­pen un­ter gleich­zei­ti­gen Mass­nah­men zur Fe­sti­gung öko­no­mi­scher und po­li­ti­scher Struk­tu­ren) min­de­stens teil­be­frie­det wer­den.

    Bei al-Qai­da sieht die Au­torin ein biss­chen schwär­zer. Hier ver­mi­schen sich trans­na­tio­na­le For­de­run­gen mit re­li­giö­sen Im­pli­ka­tio­nen. Was je­doch bis­her ver­nach­läs­sigt wur­de, ist beispiels­weise de­zi­dier­ter die Dif­fe­renz von is­la­mi­sti­schem Fun­da­men­ta­lis­mus ei­ner­seits und mus­li­mi­schem Na­tio­na­lis­mus an­de­rer­seits zu ana­ly­sie­ren und für die ei­ge­nen Hand­lun­gen frucht­bar zu ma­chen.

    Ri­chard­son fragt im Buch al­ler­dings durch­aus be­rech­tigt, war­um die USA nicht Mit­te der 90er Jah­re ih­re Trup­pen aus Sau­di-Ara­bi­en bei­spiels­wei­se in die Emi­ra­te oder in den Golf zu­rück­ge­zo­gen ha­ben; un­mit­tel­bar not­wen­dig wa­ren sie dort nicht. Wä­re es so un­mög­lich ge­we­sen, die­se auch in ge­mä­ssig­ten mus­li­mi­schen Krei­sen mit Un­be­ha­gen ver­folg­te Be­sat­zung zu be­en­den? Aus Äu­sse­run­gen füh­ren­der al-Qai­da-Füh­rer hät­te man zwar die­sen Ab­zug un­ter Um­stän­den mit wei­ter­ge­hen­den For­de­run­gen be­züg­lich an­de­rer mus­li­mi­scher Län­der be­ant­wor­tet und für nicht aus­rei­chend er­ach­tet – aber gro­sse Tei­le der ara­bi­schen Be­völ­ke­rung wä­ren viel we­ni­ger sen­si­bi­li­siert ge­we­sen.

    Kühl sum­miert Ri­chard­son am Schluss des Bu­ches, die Bush-Ad­mi­ni­stra­ti­on ver­hal­te sich der Tra­di­tio­nen des Lan­des un­wür­dig. Und wei­ter heisst es: Beim Kampf ge­gen den Ter­ro­ris­mus müs­sen un­se­re In­ter­es­sen und un­se­re Ethik ein­deu­tig im Ein­klang ste­hen.

    Loui­se Ri­chard­son ist prag­ma­ti­sche Ver­ant­wor­tungs­ethi­ke­rin und ei­ne An­hän­ge­rin von lang­fri­sti­gen, stra­te­gi­schen Po­li­tik­zie­len. Schnel­le Re­ak­tio­nen, die auf dem Markt für ei­ne kur­ze Zeit bil­li­ge Mei­nungs­punk­te brin­gen, sind ihr fremd, weil es sich da­bei eben nicht um Po­li­tik han­delt.

    Die Lek­tü­re die­ses Bu­ches im­mu­ni­siert ge­gen Scharf­ma­cher je­der Art und lässt die gän­gi­gen, ge­sin­nungs­ethi­schen Mo­ral­apo­stel wie stein­zeit­li­che Krie­ger er­schei­nen, die mit ei­ner ar­chai­schen Wol­lust die Ge­walt­spi­ra­le der Ter­ro­ri­sten wil­lig und ger­ne über­neh­men und ih­nen in punk­to Ak­ti­on und Re­ak­ti­on im­mer ähn­li­cher wer­den. Ide­en, wie bei­spiels­wei­se in Af­gha­ni­stan mit den ge­mä­ssig­ten Ta­li­ban zu ver­han­deln, er­schei­nen da­nach we­der ab­surd noch kä­me ein ver­nünf­tig den­ken­der Mensch auf den Ge­dan­ken, die Ver­fech­ter als »Ter­ror­freun­de« zu de­nun­zie­ren. Ri­chard­sons Buch, ob­wohl ins­be­son­de­re im zwei­ten Teil stark auf die USA re­flek­tie­rend, ist auch und ge­ra­de für den Eu­ro­pä­er von In­ter­es­se und von ge­ra­de un­ver­zicht­ba­rer Not­wen­dig­keit. Es bie­tet ei­ne Fül­le von Quer­ver­wei­sen und wei­ter­füh­ren­den Schrif­ten zu ein­zel­nen As­pek­ten. Es soll­te als zeit­ge­mä­sses Stan­dard­werk be­trach­tet wer­den. Da­nach kann der Dis­kurs be­gin­nen. Da­nach. Nicht da­vor.

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    9 Kommentare zu »Loui­se Ri­chard­son: Was Ter­ro­ri­sten wol­len«:

    1. Köppnick sagt:

      Dei­ne Re­zen­si­on ge­fällt mir sehr gut. Was die Au­torin für die USA her­aus­ge­ar­bei­tet hat, kann 1:1 auf Is­ra­el und un­se­ren pa­ra­noi­den Herrn Schäub­le über­tra­gen wer­den.

      #1

    2. blackconti sagt:

      Wie­der mal ei­ne Re­zen­si­on, die Neu­gier­de weckt. Der näch­ste Be­such kommt Mit­te Ja­nu­ar und hat das Buch dann hof­fent­lich im Ge­päck. Be­stellt ha­be ich es je­den­falls so­fort.

      #2

    3. Ein an­der­mal hof­fent­lich mehr.
      Zwei Din­ge:

      a) Sieht Ri­chard­son Ter­ro­ris­mus auch als so­zia­les Phä­no­men? Das scheint mir aus­ge­klam­mert zu blei­ben. Oder ha­be ich et­was über­le­sen? Wä­re Ar­muts­be­kämp­fung an man­chen Or­ten nicht auch Ter­ro­ris­mus­be­kämp­fung? Oder zu­min­dest die Mög­lich­keit »Gut­punk­te« zu sam­meln? Die Ka­ta­stro­phen­hil­fe geht in die Rich­tung, ist aber ei­gent­lich et­was an­de­res. Wenn wir bei­spiels­wei­se an den Li­ba­non den­ken: Die His­bol­lah ist so­zi­al stark ver­an­kert, das gibt ihr Rück­halt, und macht das Pro­blem erst zu dem was es ei­gent­lich ist. Der Rück­halt in der Be­völ­ke­rung müss­te mi­ni­miert wer­den, le­se ich, aber was tun wenn er der­art ver­an­kert ist? Da hilft »Gut­punk­te« sam­meln auch nichts.

      b) Die Sa­che mit der »Re­li­gi­on«. Ich be­haup­te – al­ler­dings oh­ne Be­wei­se – dass »re­li­giö­se«, qua­si-, oder pseu­do­re­li­giö­se Bin­dun­gen Selbs­mord­at­ten­tä­ter (die mei­sten je­den­falls) in ih­rem Tun be­för­dern, oder die­ses erst mög­lich ma­chen. Sich für das »gro­ße Gan­ze« zu op­fern, ob­wohl man »der Sa­che« ei­gent­lich sein gan­zes Le­ben die­nen kann (dann doch viel ef­fi­zi­en­ter) trägt deut­lich ir­ra­tio­na­le Spu­ren. Es braucht doch ir­gend­ei­ne »Ideo­lo­gie«, ir­gend­et­was, das die Angst vor dem Tod nimmt, ir­gend­ei­ne Ver­spre­chung, et­was Er­fül­len­des, das die gro­ße Lee­re des To­des auf­fül­len mag! Dar­um auch pseu­do­re­li­gi­ös: Na­tio­na­lis­mus (Pan­ara­bis­mus) ver­mag so et­was zu lei­sten, oder den­ken wir an die po­li­ti­sche Ido­la­trie des 20. Jahr­hun­derts (Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, Sta­li­nis­mus), usw.

      Re­li­gi­on ist hier aus­schließ­lich funk­tio­nal zu den­ken. Aber oh­ne ei­ne sol­che Bin­dung je­den­falls, kann ich mir das kaum vor­stel­len.

      Wi­der­spre­chen nicht die von Dir er­wähn­ten ri­tua­li­sier­ten Selbst­mord­at­ten­ta­te (LTTE) der The­se, dass die Re­li­gi­on (im oben an­ge­führ­ten Sin­ne) kei­ne Rol­le spielt. De­fi­niert Ri­chard­son Re­li­gi­on? Aber wenn sie aus­führ­lich auf LTTE ein­geht, müss­te das zu klä­ren sein.

      Kurz­um: Ist Ri­chard­sons Ana­ly­se mög­li­cher Wei­se zu sehr auf po­lit­wis­sen­schaft­li­che As­pek­te fo­kus­siert?

      #3

    4. Sieht Ri­chard­son Ter­ro­ris­mus auch als so­zia­les Phä­no­men?
      Ich ha­be das ein biss­chen ver­kür­zend dar­ge­stellt, sonst wär’s zu lang ge­wor­den. Sie sieht kei­ne mo­no­kau­sa­len Ur­sa­chen. Da­bei ist Ter­ro­ris­mus auch ein so­zia­les Phä­no­men, aber nicht pri­mär. Ri­chard­son be­legt, dass bei­spiels­wei­se die At­ten­tä­ter des 11. Sep­tem­ber nicht »arm« oder aus ar­men Ver­hält­nis­sen stam­men. Ähn­li­ches gilt für die At­ten­tä­ter von Ma­drid und Lon­don, Sie zeigt, dass die­se Leu­te nach au­ssen hin be­stens in­te­griert schie­nen.

      Die His­bol­lah ist so­zi­al stark ver­an­kert, das gibt ihr Rück­halt, und macht das Pro­blem erst zu dem was es ei­gent­lich ist. Der Rück­halt in der Be­völ­ke­rung müss­te mi­ni­miert wer­den, le­se ich, aber was tun wenn er der­art ver­an­kert ist? Da hilft »Gut­punk­te« sam­meln auch nichts.
      Ge­nau die­se so­zia­le Ver­an­ke­rung spricht sie auch an. Die His­bol­lah en­ga­giert sich so­zi­al, hat aber auch po­li­ti­sche Zie­le, für den sie Ter­ro­ris­mus ein­setzt. Es gilt die­se po­li­ti­schen Zie­le zu des­avou­ie­ren bzw. die Un­ter­stüt­zung in der Be­völ­ke­rung für die­se Zie­le ab­zu­bau­en.

      Na­tio­nal­so­zia­lis­mus und Sta­li­nis­mus ha­ben nicht mit Selbst­mord­an­schlä­gen ope­riert, ob­wohl sie qua­si­re­li­giö­se Er­lö­sung ver­spra­chen.

      Wi­der­spre­chen nicht die von Dir er­wähn­ten ri­tua­li­sier­ten Selbst­mord­at­ten­ta­te (LTTE) der The­se, dass die Re­li­gi­on (im oben an­ge­führ­ten Sin­ne) kei­ne Rol­le spielt.
      Nein. Mit »ri­tua­li­sier­ten Selbst­mord­at­ten­ta­ten« mei­ne ich das Pro­ze­de­re der Ak­tio­nen an sich; es wird aus­führ­lich be­schrie­ben (bis zum letz­ten Es­sen mit dem LT­TE-Füh­rer). Die LTTE ist ei­ne sä­ku­la­re Or­ga­ni­sa­ti­on, die sich aus dem Hass ge­gen die »Be­sat­zer« speist. Na­tür­lich über­nimmt hier der Na­tio­na­lis­mus qua­si­re­li­giö­se Zü­ge. Was er aber de­fi­ni­tiv nicht schürt, ist ei­ne Jen­seits­hoff­nung oder –ver­hei­ssung. Der Selbst­mord­at­ten­tä­ter weiss, dass er tot sein wird und der Ruhm sei­ner Tat strahlt nur auf die Fa­mi­lie. Ri­chard­son führt aus, dass die Or­ga­ni­sa­ti­on sich vor Be­wer­bern nicht ret­ten kann und sehr gro­ssen Zu­lauf hat. Die Or­ga­ni­sa­ti­on setzt das In­stru­ment der Selbst­mord­at­ten­ta­te sehr ra­tio­nal ein. Da­her kann man kei­ne ir­ra­tio­na­len, cho­le­ri­schen Amok­läu­fer ge­brau­chen. Die Per­so­nen, die sich da­für be­reit er­klä­ren, se­hen of­fen­sicht­lich kei­ne an­de­re Mög­lich­keit, sich in der po­li­ti­schen Dis­kus­si­on ein­zu­brin­gen, als die­se ein­ma­li­ge Tat. (Ein ge­wis­ses Ohn­machts­ge­fühl ist ja auch dem west­li­chen De­mo­kra­tie­an­hän­ger ge­le­gent­lich nicht fremd.)

      Ne­ben den An­schlä­gen der LTTE kön­nen auch sehr vie­le Selbst­mord­at­ten­ta­te im li­ba­ne­si­schen Bür­ger­krieg in den 80er Jah­ren als Ak­tio­nen sä­ku­la­rer Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen ein­ge­stuft wer­den, so­wie die Ak­tio­nen der PKK. Ri­chard­son wehrt sich nur ge­gen die Ab­so­lu­tie­rung, dass Re­li­gi­on un­be­dingt er­for­der­lich sei. Sie ist – das ist si­cher­lich rich­tig – »hilf­reich«, aber of­fen­sicht­lich nicht not­wen­dig.

      Ob Ri­chard­sons Ana­ly­se zu sehr auf po­li­tik­wis­sen­schaft­li­che As­pek­te fo­kus­siert ist, ver­mag ich nicht zu sa­gen. Hier­für müss­te man wis­sen, wie Du das meinst. Ih­re Ana­ly­sen und Hand­lungs­an­wei­sun­gen sind na­tür­lich ziem­lich »an­stren­gend« und for­dern von den po­li­ti­schen Eli­ten des We­stens ein gro­sses Mass an Em­pa­thie und Ein­satz­wil­len. Das ist deut­lich et­was an­de­res, als die kor­rup­ten »Eli­ten« in ei­ni­gen Län­dern, die vom Ter­ro­ris­mus be­droht sind, mit Geld und an­de­ren Zu­wen­dun­gen ru­hig zu stel­len oder ih­nen sel­ber die Be­kämp­fung zu über­las­sen (bspw. in Ägyp­ten sind die­se Feh­ler ge­macht wor­den).

      Wel­che an­de­ren As­pek­te soll­te man zur Ter­ro­ris­mus­be­ämp­fung her­an­zie­hen?

      #4

    5. Ich se­he mein Kom­men­tar war miss­ver­ständ­lich.

      Ich ken­ne es aus ei­ge­ner Er­fah­rung, und neh­me an, dass auch an­de­re nicht da­ge­gen ge­feit sind: Kommt man aus ei­ner be­stimm­ten Fach­rich­tung, denkt man auf be­stimm­te Art und Wei­se, und ar­bei­tet mit ei­ner be­stimm­ten Me­tho­dik. Man kann das kom­pen­sie­ren, aber die Scheu­klap­pen wird nie­mand kom­plett los. Ge­ra­de bei Phä­no­me­nen wie dem Ter­ro­ris­mus, die vie­le Wur­zeln ha­ben, wer­den Fach­leu­te – z.B. ein Is­lam­ex­per­te, ein So­zio­lo­ge, ein Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler – ver­schie­den ge­wich­te­te Ant­wor­ten ge­ben. Dar­an dach­te ich.

      Zur Re­li­gi­on: Wir sind ei­nig dar­in, dass in­sti­tu­tio­na­li­sier­te Re­li­gi­on kei­ne not­wen­di­ge Vor­aus­set­zung für Ter­ror ist. Wenn ich aber z.B. die IRA mit LTTE (kor­ri­gie­re mich bit­te, falls ich falsch lie­ge) ver­glei­che, dann se­he ich, dass er­ste­re kaum, letz­te­re aber sehr wohl Selbst­mord­at­ten­ta­te ver­übt ha­ben. Ich fol­ge­re dar­aus, dass dem Ter­ror der Selbst­mord nicht not­wen­di­ger Wei­se in­ne­wohnt (ich glau­be auch hier­in sind wir ei­nig). Nun fra­ge ich mich war­um das das ei­ne Mal so ist, und dann wie­der nicht. Ei­ne mög­li­che Er­klä­rung: »En­er­gi­en«, Kräf­te (ich fin­de ge­ra­de kein bes­se­res Wort), die sonst in dem was wir als Re­li­gi­on be­zeich­nen, ge­bun­den sind, kön­nen, wenn sie »frei« wer­den, an­der­wer­ti­ge Fo­ci fin­den. Zum Bei­spiel: sä­ku­la­re Ideo­lo­gi­en, wie den Na­tio­na­lis­mus. Erst dann sind Men­schen zu Hand­lun­gen wie dem Selbst­mord­at­ten­tat be­reit. Da braucht es kei­ne Psy­cho­pa­then, oder Ir­re, es reicht voll­kom­men, wenn Bin­dun­gen her­ge­stellt wer­den, die nicht per se vor­han­den sind, die aber mög­lich sind, und die man als »re­li­gi­ös« (aber im funk­tio­na­len, nicht in­sti­tu­tio­na­li­sier­ten Sin­ne) be­zeich­nen kann. Ei­ne »Er­satz­re­li­gi­on«, die den Tod über­höht (das über das »blo­ße« In­di­vi­du­um hin­aus­weist), aber nicht un­be­dingt Er­lö­sung ver­spre­chen muss. Da­her mein Re­kurs auf den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus und den Sta­li­nis­mus. Der Kampf für den Füh­rer bis zur letz­ten Pa­tro­ne, die Hin­ga­be von al­lem, »be­weist« ge­nau ei­ne sol­che Bin­dung. Du hast selbst­ver­ständ­lich Recht, das gip­fel­te da­mals nicht in Selbst­mord­an­schlä­gen (hät­te im Land- und Luft­krieg auch nicht all­zu­viel Sinn), aber sehr wohl zu be­din­gungs­lo­ser Ge­folg­schaft.

      [Man den­ke zum Bei­spiel an das NS-Lied »Vor­wärts, vor­wärts« in dem Zei­len wie »Deutsch­land, du wirst leuch­tend stehn /Mögen wir auch un­ter­gehn.« oder »Uns’re Fah­ne flat­tert uns voran/Uns’re Fah­ne ist die neue Zeit/Und die Fah­ne führt uns in die Ewigkeit!/Ja die Fah­ne ist mehr als der Tod!« vor­kom­men. Un­ter­gang, Tod, Ewig­keit: da gibt es kein kon­kre­tes Ver­spre­chen, aber die emo­tio­na­le Bin­dung ist ge­wiss hoch.]

      Ich kann mir wie ge­sagt schwer vor­stel­len, dass man aus ra­tio­na­ler Über­le­gung zum Selbst­mord­at­ten­tä­ter wird. Ich glau­be ger­ne, dass Selbst­mord­at­ten­tä­ter ra­tio­nal han­deln, aber ih­re Bin­dung, und da­mit ih­re Über­zeu­gung spei­sen sich aus ei­ner an­de­ren Quel­le. Aber wie er­klärt Ri­chard­son denn die Mo­ti­ve der Selbst­mord­at­ten­tä­ter? Den ho­hen Zu­lauf? Wo­her kommt der?

      [...] Sie zeigt, dass die­se Leu­te nach au­ssen hin be­stens in­te­griert schie­nen.

      Glaubst Du, dass ein po­li­ti­sches Mo­tiv, ei­nen be­stens in­te­grier­ten Men­schen, der zu­dem – wie das durch­aus der Fall war – ge­bil­det sein kann, da­zu bringt zum (Selbstmord)attentäter zu wer­den? Die Ar­mut fällt als Er­klä­rung weg. Aber da muss es noch an­de­re Fak­to­ren ge­ben, wie emp­fun­de­ne Un­ge­rech­tig­keit und Ar­ro­ganz (Wirt­schaft, Po­li­tik) Mus­li­men (mus­li­mi­schen Staa­ten) ge­gen­über, viel­leicht grund­le­gen­de As­pek­te un­se­rer mo­der­nen Ge­sell­schaf­ten, die nur ein un­er­füll­tes, lee­res Da­sein er­mög­li­chen, aber si­cher auch Hass (nur wo­her?), das Ge­fühl Ver­lie­rer zu sein (oder das für an­de­re zu emp­fin­den), da bin ich mir si­cher. Wenn man nur nach dem »trocke­nen«, po­li­ti­schen Mo­tiv sucht, geht man fehl, das »mo­ti­viert« ein­fach zu we­nig.

      Im Fal­le der His­bol­lah geht es mir fol­gen­der­ma­ßen: Ein­mal den­ke ich, dass die po­li­ti­schen Zie­le egal sind, so­lan­ge die so­zia­le Ver­an­ke­rung vor­han­den ist, dann wie­der um­ge­kehrt. Ob­wohl den mei­sten Men­schen die so­zia­le Si­che­rung viel wich­ti­ger als die Po­li­tik ist (die bracht man nicht um zu über­le­ben).

      Wel­che an­de­ren As­pek­te soll­te man zur Ter­ro­ris­mus­be­ämp­fung her­an­zie­hen?

      Dar­über muss ich noch nach­den­ken.

      Ge­ne­rell: Ri­chard­son hat mit Si­cher­heit ein gu­tes Buch ge­schrie­ben, in die­sem Sin­ne ist mei­ne Kri­tik nicht fun­da­men­tal ge­meint.

      #5

    6. Köppnick sagt:

      Selbst­mord­at­ten­ta­te
      Ich er­in­ne­re mich an ei­nen Spiel­film über den Viet­nam­krieg, in dem man ei­nen Viet­cong in ei­nen Un­ter­stand lau­fen sieht. Ei­ne Se­kun­de spä­ter ex­plo­diert die­ser Un­ter­stand. Hier ist das Selbst­mord­at­ten­tat je nach Sicht­wei­se ei­ne Tat in ei­nem re­gu­lä­ren Krieg oder ei­ner Wi­der­stands­be­we­gung.

      Viel­leicht soll­te man die Un­ter­su­chung des Phä­no­mens »Selbst­mord­at­ten­tä­ter« ganz sim­pel als Ko­sten-Nut­zen-Rech­nung be­gin­nen: Selbst­mord­at­ten­ta­te wer­den wahr­schein­lich, wenn der po­ten­zi­el­le At­ten­tä­ter den Wert sei­nes (zu­künf­ti­gen) Le­bens als ge­ring­er­wer­tig er­ach­tet als den Wert des Nut­zens / Scha­dens durch sein At­ten­tat. Die­se Be­trach­tungs­wei­se lässt Raum für in­di­vi­du­el­le, re­li­giö­se und ge­sell­schaft­li­che Ur­sa­chen. Auf je­den Fall darf man als Au­ßen­ste­hen­der nicht ver­su­chen, mo­ra­li­sche Be­wer­tungs­maß­stä­be zu­grun­de zu le­gen, weil der Selbst­mord­at­ten­tä­ter sich selbst ja als im Recht emp­fin­det.

      Was über­wie­gend zu gel­ten scheint: Selbst­mord­at­ten­tä­ter kom­men aus Grup­pen, d.h. Grup­pen­zie­le wer­den hö­her ge­wich­tet als das ei­ge­ne Le­ben. Das ist uns des­halb so un­heim­lich, weil bei uns das In­di­vi­du­um ei­nen ho­hen Stel­len­wert hat und weil bei uns ein lan­ges und im Ver­gleich zu an­de­ren Ge­gen­den bzw. Zei­ten sor­gen­ar­mes Le­ben die Re­gel ist.

      Die Is­la­mi­sten ver­än­dern bei­de Sei­ten der Ko­sten-Nut­zen-Rech­nung: Auf der in­di­vi­du­el­len Sei­te wird das Selbst­mord­ver­bot des Is­lam durch das Ver­spre­chen ei­nes bes­se­ren (und un­end­lich lan­ge wäh­ren­den) Le­bens nach dem Tod über­kom­pen­siert. Auf der Grup­pen­sei­te wird be­haup­tet, dass es der Grup­pe durch das At­ten­tat sehr viel bes­ser als vor­her ge­hen wird. Der At­ten­tä­ter muss das a prio­ri glau­ben, weil er kei­ne Mög­lich­keit der Über­prü­fung hat. Zur Fe­sti­gung die­ses Glau­bens wird in­ner­halb der Grup­pe der Mär­ty­rer-Kult ze­le­briert. Auch das wirkt wie­der auf bei­de Sei­ten der Rech­nung.

      #6

    7. Ich zi­tie­re aus Ri­chard­sons Buch (kur­siv):

      Selbst­mord­ter­ro­ris­mus ist zu­tiefst be­un­ru­hi­gend, weil er ein Mass an Fa­na­tis­mus für ei­ne Sa­che er­ken­nen lässt, das uns ziem­lich fremd ist...Keine Straf­an­dro­hung kann wohl ei­ne Per­son be­ein­flus­sen, die be­reit ist, sich selbst um­zu­brin­gen. Und ein As­pekt, der nicht zu un­ter­schät­zen ist und von Köpp­nick be­reits an­ge­spro­chen wur­de: Mit der Be­reit­schaft, das ei­ge­ne Le­ben zu ge­ben, massen sich Ter­ro­ri­sten ei­ne mo­ra­li­sche Über­le­gen­heit an, die mit un­se­rer Vor­stel­lung von ih­rer mo­ra­li­schen Ver­derbt­heit nicht in Ein­klang zu brin­gen ist.

      Ri­chard­son hü­tet sich, mo­no­kau­sa­le Ur­sa­chen für Selbst­mord­an­schlä­ge zu po­stu­lie­ren – al­so bei­spiels­wei­se kul­tu­rel­le Dif­fe­ren­zen. Sie schränkt das so­gar ein: Wenn Ter­ro­ri­sten sich selbst tö­ten, um an­de­re um­zu­brin­gen, ist das ein Ver­hal­ten, das voll­kom­men mit je­nem von Sol­da­ten durch al­le Epo­chen hin­weg über­ein­stimmt. Mi­li­tär­hi­sto­ri­ker ha­ben uns schon vor ge­rau­mer Zeit dar­ge­legt, dass es lei­den­schaft­li­che Loya­li­tät ge­gen­über dem klei­nen Hau­fen der Mit­strei­ter ist, die jun­ge Män­ner aus den Schüt­zen­lö­chern und über die Grä­ben treibt. Das mag über­ra­schend er­schei­nen, denn wir den­ken bei Selbst­mord­at­ten­ta­ten an in­di­vi­du­el­le Hand­lun­gen, tat­säch­lich ist aber kein Fall be­kannt, wo ein Ter­ro­rist ein­fach für sich be­schloss, Mär­ty­rer zu wer­den, sich Spreng­stoff zu be­sor­gen und ei­nen Plan zu ent­wer­fen. Viel­mehr spiel­te bei je­der be­kann­ten Mär­ty­rer­ope­ra­ti­on ei­ne Grup­pe ei­ne we­sent­li­che Rolle...Eine Mär­ty­rer­ope­ra­ti­on er­for­dert im Durch­schnitt die Un­ter­stüt­zung durch rund zehn Mit­strei­ter. Über­all auf der Welt re­ser­vie­ren Ge­sell­schaf­ten ih­re höch­sten Eh­ren für die­je­ni­gen, die für ihr Land ihr Le­ben ga­ben...

      Als hi­sto­ri­sche Bei­spie­le zieht sie die Ze­lo­ten und As­sas­si­nen her­an – und ar­bei­tet auch die Un­ter­schie­de zu heu­te her­aus.

      Spä­ter heisst es: Die be­lieb­te The­se, dass Selbst­mord­ter­ro­ri­sten ver­zwei­felt oder ver­rückt sei­en, wird durch sämt­li­che For­schun­gen zu die­sem The­ma wi­der­legt. Selbst­mord­at­ten­tä­ter han­deln nicht al­lein; sie wer­den von ei­ner Grup­pe aus­ge­wählt, aus­ge­bil­det, über­wacht und unterstützt...Die Vor­stel­lung, Ar­mut trei­be die Men­schen zum Selbst­mord­ter­ro­ris­mus, wird eben­falls von den Le­bens­läu­fen der Freiwl­li­gen wi­der­legt – vom Ägyp­ter Mo­ham­med At­ta mit sei­nem Di­plom in Stadt­pla­nung bis hin zum Bri­ten Shehzad Tan­weer, dem Sohn ei­nes er­folg­rei­chen mit­tel­stän­di­schen Ge­schäfts­manns. Den­noch trifft es zu, dass be­ruf­lich er­folg­rei­che Men­schen sich nicht frei­wil­lig für Selbst­mord­mis­sio­nen mel­den, und vie­le von de­nen, die es tun, aus wirt­schaft­lich de­so­la­ten Ge­bie­ten wie dem Ga­za­strei­fen kom­men.

      Am En­de kommt sie als Mo­ti­va­ti­on auf die drei Rs...

      #7

    8. Köppnick sagt:

      @Gregor
      Über­all auf der Welt re­ser­vie­ren Ge­sell­schaf­ten ih­re höch­sten Eh­ren für die­je­ni­gen, die für ihr Land ihr Le­ben ga­ben...

      Das hat­te ich auch ge­dacht und da­bei Stauf­fen­berg, den kom­mu­ni­sti­schen Wi­der­stand im 3. Reich u.ä. im Hin­ter­kopf, aber mir nicht ge­traut zu schrei­ben. Aber letzt­lich un­ter­schei­det sich hier nur un­se­re Be­wer­tung der Ta­ten, die Dy­na­mik der Grup­pe, die Grup­pen­psy­cho­lo­gie ist ähn­lich.

      Ich muss­te auch an ei­ne lan­ge zu­rück­lie­gen­de An­mer­kung von Gru­ber den­ken, der da­mals sinn­ge­mäß ge­sagt hat: Da mensch­li­ches Le­ben end­lich ist (und, mei­ne Er­gän­zung, er­setz­bar und re­pro­du­zier­bar), wird es zu ei­ner Res­sour­ce, die zu an­de­ren Res­sour­cen ins Ver­hält­nis ge­setzt wird. Er hat­te das da­mals im Zu­sam­men­hang des Ver­hal­tens von Po­li­ti­kern zu Atom­kraft­wer­ken und de­ren Fol­gen ge­schrie­ben. Es passt aber über­all, jeg­li­ches mensch­li­ches Han­deln be­ein­flusst letzt­lich ei­ge­nes und frem­des mensch­li­ches Le­ben.

      #8

    9. @Köppnick
      Ich glau­be, man braucht nicht ein­mal an den Wi­der­stand zu den­ken. Sol­da­ten­ver­eh­rung exi­stiert na­he­zu über­all. (In Deutsch­land kol­li­dier­te das nach 1945 mit den nach und nach be­kannt wer­den­den Ein­zel­hei­ten des Ver­nich­tungs­kriegs der Na­tio­nal­so­zia­li­sten und de­ren Mas­sa­ker. Da hat­te man nun ei­ner­seits die »ge­fal­le­nen« Sod­la­ten, die für das »Va­ter­land« ge­kämpft hat­ten und ver­ehrt wer­den soll­ten [die so­zia­le Kom­po­nen­te ist nicht ganz un­wich­tig da­bei] – an­de­rer­seits hat­ten sie ei­nem, Ver­bre­cher­re­gime »ge­dient«. Man log sich jahr­zehn­te­lang mit der Le­gen­de der »sau­be­ren Wehr­macht« in die Ta­sche und ver­such­te zu tren­nen, was grö­ssen­teils un­trenn­bar mit­ein­an­der ver­knüpft war.)

      Man be­ach­te den Eu­phe­mis­mus »ge­fal­len« für ge­tö­te­te Sol­da­ten. Im eng­li­schen nennt man das »kil­led in ac­tion«. Sie ha­ben auf Grab­stei­nen ein an­de­res Zei­chen. Sie sind nicht »ein­fa­che To­te«, son­dern durch ih­ren EIn­satz er­hält ihr Ster­ben ei­nen »Sinn«. Das hat zwar nicht die Di­men­si­on von Selbst­mord­at­ten­ta­ten, aber sie ist im­mer im­pli­zit mit­zu­den­ken.

      War­um die LTTE Selbst­mord­at­ten­tae ver­übt, die IRA aber nicht hat auch mit der »Tra­di­ti­on« zu tun. Im an­ti­ko­lo­nia­li­sti­schen Kampf in In­di­en (und wohl auch Cey­lon) gab es auch ver­ein­zelt Selbst­mord­ak­tio­nen. Ei­ni­ge Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen sind ver­netzt und »ent­decken« neue Ar­ten des Ter­ro­ris­mus so­zu­sa­gen »neu«.

      Im me­dia­len Re­ak­ti­ons­wett­lauf ha­ben Selbst­mord­an­schlä­ge – ins­be­son­de­re, wenn sie sich ge­gen »uns« rich­ten – ei­ne sehr gro­sse Wir­kung, da sie uns nach wie vor ver­stö­ren. Die An­füh­rer der Or­ga­ni­sa­tio­nen wis­sen das; Ri­chard­son führt Be­le­ge hier­zu an.

      #9