Eu­phe­mis­men in der Po­li­tik – (II.) Wett­be­werb

Wenn Po­li­ti­ker Wirt­schafts­be­grif­fe über­neh­men, soll­te man hell­hö­rig wer­den. Nicht sel­ten wer­den po­li­tisch-ge­sell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen öko­no­mi­siert. Da­bei kommt in der Re­gel nichts Gu­tes her­aus – we­der äs­the­tisch noch po­li­tisch.

Ex­em­pla­risch kann man das am Wort »Wett­be­werb« se­hen. Die­ser Be­griff ist in den letz­ten Jah­ren zum Fe­tisch ge­wor­den. Fast im­mer, wenn ei­ne Dif­fe­renz in po­li­ti­schen Ge­sprä­chen nicht weg­ver­han­delt wer­den kann, kom­men die Volks­ver­tre­ter auf die ne­bu­lö­se For­mu­lie­rung, dass jetzt eben der »Wett­be­werb« ent­schei­de.


Das geht von der (ge­woll­ten) Un­mög­lich­keit, sich in Bil­dungs­fra­gen auf ein­heit­li­che Stan­dards in­ner­halb von Bun­des­län­dern fest­zu­le­gen über die un­ter­schied­li­chen Re­ge­lun­gen zum Nicht­rau­cher­schutz bis zu der im­mer noch un­ge­lö­sten Pro­ble­ma­tik ein­heit­li­cher So­zi­al­stan­dards in­ner­halb der EU (da hel­fen noch so pom­pö­se Ver­trags­ver­an­stal­tun­gen nicht).

Der deut­sche Fö­de­ra­lis­mus ist bei­spiels­wei­se so ein Quell des »Wett­be­werbs«. Als wür­den Fa­mi­li­en mit ih­ren Kin­dern mal eben so von Nordhein-West­fa­len nach Ba­den-Würt­tem­berg um­zie­hen, weil sie das dor­ti­ge Schul­sy­stem bes­ser fin­den oder nach Bay­ern, weil sie nicht ein­mal mehr Rau­cher­zim­mer in Gast­stät­ten wün­schen.

»Wett­be­werb« im­pli­ziert – das wis­sen die­se Herr­schaf­ten mei­stens nicht so ge­nau – un­ter an­de­rem glei­che Markt­vor­aus­set­zun­gen und die sind bei ei­ner Kon­kur­renz zwi­schen Bun­des­län­dern (oder in­ner­halb der EU trans­na­tio­nal) nur theo­re­tisch ge­ge­ben. »Wett­be­werb« dient al­so als Eu­phe­mis­mus in der Po­li­tik, wenn man nicht in der La­ge war, sich auf ei­nen Kon­sens in ei­ner be­stimm­ten Fra­ge zu ei­ni­gen (bei­spiels­wei­se aus Gel­tungs­sucht). Da man dies nicht zu­ge­ben möch­te, wird eben – mit ei­ner po­si­ti­ven For­mu­lie­rung – der »Wett­be­werb« ge­stärkt.

In ei­nem an­de­ren Fall ist »Wett­be­werb« für Po­li­ti­ker die Um­schrei­bung, Leu­ten Dienst­lei­stungs­be­ru­fe schön zu re­den, von de­nen sie nicht le­ben kön­nen. Das sieht man jetzt an der Min­dest­lohn­dis­kus­si­on über die Brief­zu­stel­ler. In Dienst­lei­stungs­be­ru­fen ist per se der An­teil der Per­so­nal­ko­sten am Ko­sten­auf­kom­men ei­nes Un­ter­neh­mens noch hö­her als in klas­si­schen Pro­duk­ti­ons­un­ter­neh­men. Wenn man Brief­zu­stel­ler­mo­no­po­le für Bil­ligst­dienst­lei­stun­gen (hier: Brief­ver­sand) auf­hebt, so geht dies fast nur über den Preis, d. h. der neue An­bie­ter muss den Preis der Post für die Zu­stel­lung ei­nes Brie­fes un­ter­bie­ten. Der Nor­mal­brief beim bis­he­ri­gen Mo­no­po­li­sten Deut­sche Post ko­stet 0,55 Eu­ro in Deutsch­land. Bei der PIN-AG ko­stet die­ser Brief 0,52 Eu­ro (er muss al­ler­dings zu ei­ner PIN-Fi­lia­le ge­bracht wer­den; die sind we­sent­lich we­ni­ger ge­streut als die gel­ben Brief­kä­sten). Bei First Mail nur 0,44 Eu­ro (al­ler­dings mit Zu­stel­lungs­gren­zen).

Wie kön­nen Fir­men, die zum gro­ssen Teil erst noch die In­fra­struk­tur für Brief­sen­dun­gen auf­bau­en müs­sen, mit die­sen letzt­lich in der Sum­me mar­gi­na­len Er­spar­nis­sen für die Kun­den re­üs­sie­ren? Es geht letzt­lich nur mit deut­lich ein­ge­schränk­ten Lohn­ko­sten der ein­zel­nen Mit­ar­bei­ter. Die Po­li­tik be­nennt dies trotz­dem als Fort­schritt, weil der (gei­zi­ge) Ver­brau­cher es als Zu­mu­tung emp­fin­det, sei­ne we­ni­gen Brie­fe im Jahr (den Rest er­le­digt er per E‑Mail) an­stän­dig zu be­zah­len. Er möch­te lie­ber 30 oder 40 Cent im Jahr spa­ren. Das wird als »ver­brau­cher­freund­lich« ein­ge­stuft – und der »Wett­be­werb« hoch­ge­hal­ten. Über die Hin­ter­tür muss dann al­ler­dings, wenn es nach der CDU geht, die Ge­mein­schaft den Rest zu den Hun­ger­löh­nen be­zah­len – ent­we­der über Kom­bi­löh­ne (so das Mo­dell) oder über So­zi­al­lei­stun­gen (Sta­tus quo). Den bil­li­gen Brief be­zah­len dann al­le teu­rer. Viel­leicht kommt ir­gend­wann ein­mal je­mand auf die Idee, und ver­kauft das als So­li­da­ri­tät.

Merk­wür­di­ger­wei­se mö­gen Po­li­ti­ker den »Wett­be­werb« in ei­nem Punkt gar nicht: In ih­rer Par­tei; bei ih­ren Äm­tern – bei sich sel­ber. Tritt zum Vor­sitz ei­ner Par­tei ne­ben dem von al­len aus­ge­klün­gel­ten Kan­di­da­ten ein zwei­ter an, dann ist das ei­ne »Kampf­kan­di­da­tur«. Wil­lig stim­men die me­dia­len Mas­sen­hy­ste­ri­ker ein: Es gibt ei­nen »Füh­rungs­streit«. Schnell ist dann die Par­tei »ge­spal­ten«. An­ders­wo be­zeich­net man das viel­leicht als de­mo­kra­ti­sche Kul­tur. Oder eben als »Wett­be­werb«. Aber die­sen Wett­be­werb möch­te man dann nicht.

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ach ja, der Wett­be­werb! Aber der ist ja nicht nur in der Po­li­tik ein Eu­phe­mis­mus, son­dern auch in der Wirt­schaft wird er doch nur als Schlag­wort ver­wen­det. Wie sonst wä­ren die fort­wäh­ren­den Preis­ab­spra­chen und Kar­tell­rechts­ver­stö­ße zu er­klä­ren.
    Dass in z.B. der Bau­bran­che fast je­der Auf­trag über Ab­spra­chen ver­ge­ben wird, da­von könn­te ich auf Grund jah­re­lan­ger Er­fah­rung gan­ze Opern sin­gen. „Wett­be­werb“ ist nicht ein­mal mehr ein Eu­phe­mis­mus, die­ser Be­griff ist DIE Lü­ge des ka­pi­ta­li­sti­schen Sy­stems.

  2. tre­ten fast im­mer in Oli­go­pol­struk­tu­ren auf. Ich glau­be ja, dass sie in be­stimm­ten Si­tua­tio­nen gar nicht zu ver­hin­dern sind und so­gar teil­wei­se fast not­wen­dig. An­son­sten wür­de ein Ver­drän­gungs­wett­be­werb zu rui­nö­sen Un­ter­bie­tun­gen füh­ren – und ir­gend­wann dann das Mo­no­pol (oder ma­xi­mal ein Duo­pol) üb­rig­blei­ben, was dann noch sehr viel hö­he­re Prei­se zur Fol­ge hät­te.

    Sie ha­ben na­tür­lich Recht, dass »Wett­be­werb« et­was sehr theo­re­ti­sches ist. Was den Be­griff ja im po­li­ti­schen noch an­greif­ba­rer macht.

    In­ter­es­sant ist, dass es dort, wo die Po­li­tik Wett­be­werb künst­lich er­zeu­gen woll­te, im­mer zu Kar­tell­struk­tu­ren ge­kom­men ist. Man sieht das bei­spiels­wei­se in der deut­schen Strom­wirt­schaft oder auch im Mo­bil­funk­be­reich (dort gibt es vier Netz­be­trei­ber, die sich an­fangs ei­nen Preis­wett­be­werb ge­lie­fert ha­ben, aber sich in­zwi­schen im Prin­zip jetzt ei­nig schei­nen – so­fern man dies im Ta­rif­dschun­gel über­haupt be­ur­tei­len kann). Im Mo­bil­funk­be­reich ist ja jetzt die EU ein­ge­schrit­ten, in dem man die Prei­se für Aus­lands­mo­bil­te­le­fo­na­te »ge­deckelt« hat. Das ist na­tür­lich zu­nächst ein­mal das Ge­gen­teil von »Wett­be­werb« und gleich­zei­tig das Zu­ge­ständ­nis, dass die­ser nicht funk­tio­niert hat.

  3. ‘Spra­che dich­tet und denkt nicht nur für mich, sie be­dingt* mich auch, je un­be­wuß­ter ich mich ihr über­las­se’.
    Eu­phe­mis­men sind ein we­sent­li­cher Be­stand­teil der all­ge­mei­nen Ver­ding­li­chungs­stra­te­gie. Die eher ’sport­li­che’ Kon­no­ta­ti­on von Wett­be­werb soll die Tat­sa­che ver­schlei­ern, dass es letzt­lich dar­um geht, die ‘an­ge­spitz­ten Ell­bo­gen’ zur Norm zu er­klä­ren. Wir se­hen in der Wirt­schaft die Sug­ge­sti­on von ‘Kon­kur­renz’ auf dem En­er­gie­sek­tor, wo die gro­ßen de fac­to Mo­no­po­li­sten durch Aus­grün­dung von Toch­ter­fir­men den Wett­be­werbs­ge­dan­ken nach der De­vi­se per­ver­tie­ren, Kon­kur­renz be­le­be das Ge­schäft. Das tut sie zwei­fel­los – wenn es nicht im­mer nur das ei­ge­ne wä­re...!

    *‘ver­ding­licht

  4. Auf dem En­er­gie­sek­tor gibt es ja durch die mehr oder we­ni­ger re­gio­na­le Auf­tei­lung (die von ei­ni­gen Ge­mein­den und Städ­ten ge­le­gent­lich auf­ge­bro­chen wur­de) gar kei­nen Wett­be­werb und – streng ge­nom­men – noch nicht ein­mal ein Oli­go­pol.

    In­so­fern ist na­tür­lich – auch da hat black­con­ti Recht – Wett­be­werb von Un­ter­neh­men nicht er­wünscht. Es sei denn, sie sel­ber drän­gen als zu­sätz­li­cher Wett­be­wer­ber auf den Markt von an­de­ren. An­son­sten ist man (die Wirt­schaft) da lie­ber pro­tek­tio­ni­stisch.

  5. Ich glau­be ja, dass sie in be­stimm­ten Si­tua­tio­nen gar nicht zu ver­hin­dern sind und so­gar teil­wei­se fast not­wen­dig.
    Ge­nau­so ist es. Wenn Sie bei ei­ner Aus­schrei­bung ein Lei­stungs­ver­zeich­nis aus­fül­len, d.h. ein An­ge­bot ab­ge­ben, dann er­hält im­mer der Gün­stig­ste den Zu­schlag. Das Pro­blem ist nur, dass der Gün­stig­ste nicht un­be­dingt der Gün­stig­ste ist, weil im in den ein­zel­nen Po­si­tio­nen des LV’s je­de Men­ge Un­klar­hei­ten ver­steckt sind, die kal­ku­la­to­risch kaum zu er­fas­sen sind. Wenn ich mich al­so be­mü­he, ein voll­stän­di­ges Ge­werk an­zu­bie­ten, mit al­len ge­mäß der Er­fah­rung not­wen­di­gen Lei­stun­gen, auch wenn sie nur un­zu­rei­chend be­schrie­ben sind, wo­zu ich ge­mäß den je­der Aus­schrei­bung vor­ge­schal­te­ten „Allgmei­nen Vor­be­mer­kun­gen“ ver­pflich­tet bin, so wer­de ich im End­preis zu teu­er sein. Viel­leicht bin ich Zwei­ter, was mir aber au­ßer ei­nem wohl­wol­len­den Dan­ke­schön nichts nutzt. Den Auf­trag er­hält der Bil­lig­ste. Was al­so ist zu tun, denn man hat , sa­gen wir, 20 Mit­ar­bei­ter, für die am 1. des Mo­nats die Löh­ne fäl­lig wer­den., die So­zi­al­ver­si­che­run­gen und die Lohn­steu­ern? Da kann man es sich gar nicht lei­sten bei be­stimm­ten Auf­trä­gen nicht Er­ster zu sein und um das si­cher­zu­stel­len, wird nun ge­mau­schelt. Ei­ne der gän­gig­sten Me­tho­den ist, dass man be­reits bei der Er­stel­lung der Aus­schrei­bung be­tei­ligt ist. Das wird von al­len gro­ßen Pla­nungs- und In­ge­nieur­bü­ros so ge­hand­habt, dass sie aus­füh­ren­de Fir­men zur Pla­nung hin­zu­zie­hen, ja oft­mals ganz von die­sen durch­füh­ren las­sen. Na­tür­lich wer­den jetzt Non­sens­po­si­tio­nen in gro­ßen Stück­zah­len in die Lei­stungs­be­schrei­bun­gen ein­ge­baut, bzw. rea­le Po­si­tio­nen, die beim Bau dann in gro­ßen Men­gen an­fal­len, als klei­ne Ne­ben­säch­lich­kei­ten aus­ge­schrie­ben. In Kennt­nis die­ser Ge­ge­ben­hei­ten wird dann im er­ste­ren Fall der Preis sehr nied­rig, im zwei­ten Fall sehr hoch an­ge­setzt. Da­nach ist es dann kei­ne Fra­ge mehr, wer den Zu­schlag er­hält.
    Ei­ne wei­te­re gän­gi­ge Me­tho­de rui­nö­sen Wett­be­werb zu um­ge­hen ist die Mel­dung je­der An­fra­ge an den ent­spre­chen­den Bran­chen­ver­band. Frü­her ging das hoch­of­fi­zi­ell, heu­te ist es kar­tell­recht­lich ver­bo­ten, wird aber un­ter der Hand nach wie vor wei­ter­ge­führt. Der Ver­band legt dann fest, wer den Auf­trag er­hält, d.h. al­le an­de­ren An­bie­ter ge­ben hö­he­re An­ge­bo­te ab. Nach und nach kommt je­der dann an die Rei­he. Der Tricks gibt es noch un­zäh­li­ge mehr.
    Die­se gan­ze Li­ta­nei ha­be ich nur auf­ge­schrie­ben, um klar­zu­stel­len, war­um ich bei je­der Er­wäh­nung des Be­griffs „Wett­be­werb“, als Ban­ner hoch­ge­hal­ten von den Of­fi­zi­el­len in Po­li­tik und Wirt­schaft, nur höh­nisch auf­la­chen kann.

  6. Min­dest­lohn
    Wir hat­ten ge­stern bei der Weih­nachts­fei­er ei­ne Dis­kus­si­on dar­über. Tat­säch­lich sind ein flä­chen­decken­der Min­dest­lohn und bran­chen­ein­heit­li­che Ta­rif­löh­ne die ein­zi­ge Mög­lich­keit, dass »Wett­be­werb« nicht da­durch statt­fin­det, dass man ver­sucht, bei den Ar­bei­ten­den die Lohn­ko­sten nied­ri­ger zu drücken als in den an­de­ren Fir­men der ei­ge­nen Bran­che, son­dern in der Pro­duk­ti­on der Pro­duk­te und den son­sti­gen Ab­läu­fen.

    Der Wi­der­stand in der Wirt­schaft wird sich al­so aus zwei Grün­den spei­sen:
    – Ein­heit­li­che Löh­ne be­gren­zen den »Wett­be­werb« auf die Pro­duk­ti­on und die Pro­duk­te. Man wür­de dann schnel­ler mer­ken, dass vie­le Fir­men na­he­zu gleich sind.
    – Min­dest­löh­ne sind ei­ne Al­ter­na­ti­ve zu Kom­bi­löh­nenen etc. Die Wirt­schaft ist ge­zwun­gen, ih­re Ar­beits­kräf­te selbst zu be­zah­len und da­zu nicht die So­zi­al­kas­sen des Staa­tes zu miss­brau­chen.

    [EDIT: Aus Über­sichts­grün­den wur­de der Tag der Kom­men­tie­rung ver­än­dert]

  7. Im Zwei­fel wird ein Un­ter­neh­men kei­ne Ar­beits­kräf­te mehr ein­stel­len und »Pro­duk­ti­on« (d. h. auch die von Dienst­lei­stun­gen) ver­la­gern. Das ge­schieht u. a. mas­siv in den so­ge­nann­ten Call­cen­tern.

    Der Staat als Na­tio­nal­staat steckt in ei­nem Di­lem­ma: Ei­ner­seits wan­dern Un­ter­neh­men, die ei­ne sub­sti­tu­ier­ba­re Lei­stung an­ders­wo gün­sti­ger be­kom­men, ein­fach ab. Um dies zu­min­dest in ei­ni­gen Tei­len (Bran­chen und/oder geo­gra­fi­schen Be­rei­chen) zu ver­hin­dern, wer­den dann Sub­ven­tio­nen be­zahlt, die wie­der­um von al­len an­de­ren auf­ge­bracht wer­den müs­sen.

    Die Ge­werk­schaf­ten, die jahr­zehn­te­lang die »Ta­rif­au­to­no­mie« (noch so ein Eu­phe­mis­mus) hoch­ge­hal­ten ha­ben und bei je­der Ge­le­gen­heit dar­auf be­har­ren, for­dern plötz­lich das Ein­grei­fen des Staa­tes – was sie vor­her im­mer ve­he­ment ab­ge­lehnt ha­ben. Und zwar dann, wenn sie nicht mehr in der La­ge sind, ih­re Ta­rif­vor­stel­lun­gen um­zu­set­zen. Wo­zu denn dann noch Ge­werk­schaf­ten?

    An zwei Punk­ten muss man an­set­zen: Er­stens muss man in der Be­völ­ke­rung die »Geiz ist geil«-Mentalität zu­rück­schrau­ben und ver­su­chen zu ver­mit­teln, dass gu­te Pro­duk­te (in der Re­gel) eben ih­ren Preis ha­ben und das die­ser auch ei­ne so­zia­le Kom­po­nen­te be­inhal­tet. Und zwei­tens – das ist we­sent­lich wich­ti­ger – müs­sen, min­de­stens was die EU an­geht, ein­heit­li­che So­zi­al­stan­dards im­ple­men­tiert wer­den, die Ver­la­ge­run­gen und Fremd­ar­bei­ter­schaft nicht mehr lu­kra­tiv ma­chen.

    Mit der not­wen­di­gen »Wett­be­werbs­fä­hig­keit« wur­de ja sei­ner­zeit auch das Zeit­ar­beits­ge­setz in der Bun­des­re­pu­blik der­art er­wei­tert, dass die Un­ter­neh­men (hier tat­säch­lich Pro­duk­ti­ons­be­trie­be) prak­tisch un­be­grenzt bil­li­ge Zeit­ar­beits­kräf­te be­schäf­ti­gen kön­nen, die für we­sent­lich ge­rin­ge­res Geld die glei­che Ar­beit wie »re­gu­lä­re« Ar­beits­kräf­te ma­chen. Das Re­sul­tat ist, dass suk­zes­si­ve die­se »re­gu­lä­ren« Ar­beits­kräf­te ab­ge­baut wer­den – zu Gun­sten der frei »kon­ver­tier­ba­ren« Zeit­ar­bei­ter (die – pi­kant am Ran­de – un­ter »Be­schaf­fungs­ko­sten« ver­bucht wer­den, und nicht un­ter »Per­so­nal«).

    Um die So­zi­al­kas­sen in 30 oder 40 Jah­ren zu ent­la­sten, müss­te man üb­ri­gens so­fort auch al­le 400 Eu­ro-Jobs ab­schaf­fen und gleich­zei­tig mas­si­ve und wirk­sa­me Schwarz­ar­beits­kon­trol­len ein­füh­ren. Dann wä­ren Un­ter­neh­men ge­zwun­gen, wie­der mehr re­gu­lä­re Be­schäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se aus­zu­schrei­ben – bis... sie­he oben.

    [EDIT: Aus Über­sichts­grün­den wur­de der Kom­men­tar-Tag ver­än­dert.]