Hans Her­bert von Ar­nim: Volks­par­tei­en oh­ne Volk

Hans Herbert von Arnim: Volksparteien ohne Volk

Hans Her­bert von Ar­nim: Volks­par­tei­en oh­ne Volk

»Das Ver­sa­gen der Po­li­tik« will Hans Her­bert von Ar­nim in sei­nem Buch »Volks­par­tei­en oh­ne Volk« – ja, was? – auf­li­sten, ent­wickeln, ent­hül­len? Aber au­ßer ein paar Be­mer­kun­gen über die Subventions­politik zur an­son­sten eher als Ba­sti­on des frei­en Mark­tes auftreten­den Eu­ro­päi­schen Uni­on und ei­ner zweit­klas­si­gen Politiker­schelte hin­sicht­lich ih­rer Ver­säum­nis­se was die ak­tu­el­le Finanz­krise an­geht, er­fährt man über ein po­ten­ti­el­les Politik­versagen kaum et­was.

Denn so weit kommt von Ar­nim ein­fach zu sel­ten, weil er nur zwei gro­ße The­men hat: Par­tei­en- und Po­li­tik­er­fi­nan­zie­rung und das Wahl­recht, wel­ches, so die The­se, den Volks­wil­len nicht nur nicht aus­drückt, son­dern igno­riert. Auch wenn ei­nem die­se Themen­be­schränkung als Grün­de für ei­ne im­mer wei­ter be­haup­te­te Politikver­drossenheit ein biss­chen ein­di­men­sio­nal er­schei­nen – war­um nicht neue Argum­ente le­sen, die dann viel­leicht je­ne Un­ter­su­chun­gen re­la­ti­vie­ren, die in man­geln­der Kon­si­stenz der Po­li­tik (bei­spiels­wei­se durch all­zu an­bie­dern­de Aus­rich­tung der Pro­gram­ma­tik an je­weils ak­tu­el­le Um­fra­ge­trends) als Haupt­grund für ei­ne sich breit­ma­chen­de Po­li­tik­mü­dig­keit aus­ma­chen?

Aber auch hier ver­sagt von Ar­nim, der mit mar­ki­gen, manch­mal al­ber­nen Sprü­chen agi(ti)ert. Da­bei über­tönt die em­pö­re­risch da­her­kom­men­de Kra­wall­rhe­to­rik lei­der die Ernst zu neh­men­den, wich­ti­gen Ein­wän­de, die sich na­tür­lich auch im Buch fin­den. Weil aber ir­gend­wann al­les nur noch ver­fas­sungs­wid­rig ist und po­li­ti­sches Han­deln all­zu pau­schal nur noch auf Macht und Geld re­du­ziert wer­den, fin­den sich schnell kei­ne ad­äqua­ten Be­grif­fe mehr für tat­säch­lich grenz­wer­ti­ge, wenn nicht gar verfassungs­inkompatible Zu­stän­de.

Und so nimmt sich von Ar­nim dann auch das Grund­ge­setz vor. Es be­ru­he in Wahrheit…gar nicht auf dem Wil­len des Vol­kes, sei dem Volk gar ok­troy­iert wor­den. Die Bür­ger hät­ten ihm nie zu­ge­stimmt, we­der di­rekt durch Volks­ab­stim­mung noch in­di­rekt. Es ge­be kei­ne de­mo­kra­ti­sche Le­gi­ti­ma­ti­on des Grund­ge­set­zes. We­der lässt von Ar­nim die Ra­ti­fi­zie­run­gen durch die ein­zel­nen Län­der­par­la­men­te 1949 gel­ten (er er­wähnt sie zur Si­cher­heit erst gar nicht) noch ver­mag er sich der an­son­sten ver­brei­te­ten The­se an­zu­schlie­ssen, das Grund­ge­setz sei durch die Wahl­be­tei­li­gung an der er­sten Bundes­tagswahl 1949 so­zu­sa­gen in­di­rekt vom Volk ak­zep­tiert wor­den. Wenn er tat­säch­lich die­ser Mei­nung ist, dann fragt man sich al­ler­dings, war­um lau­fend das Grund­ge­setz zum Maß­stab all sei­ner Be­trach­tun­gen ge­macht wird.

Ne­ben die­sen ha­ne­bü­chen­den Be­haup­tun­gen, die mit ef­fekt­ha­sche­ri­schen At­ti­tü­den gar­niert wer­den, gibt es Un­ge­nau­ig­kei­ten en mas­se bis hin zu Feh­lern. Es ist na­tür­lich le­gi­tim, dass ein Au­tor sei­ne The­sen auch poin­tiert und so­gar po­le­misch setzt. Hier­bei darf es je­doch al­lei­ne aus Grün­den der in­tel­lek­tu­el­len Red­lich­keit nicht zu be­wuss­ten Ver­drehungen, fal­schen Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen oder Aus­las­sun­gen kom­men.

So lässt von Ar­nim nicht da­von ab zu be­haup­ten, die po­li­ti­sche Klas­se (er ver­wen­det die­sen Be­griff aus­schließ­lich pe­jo­ra­tiv) ha­be sich mit der Zeit das Wahl­recht nach ih­rem Gu­sto an­ver­wan­delt. Nach ei­ner Be­stä­ti­gung sucht man al­ler­dings ver­ge­bens – die letz­te gra­vie­ren­de Ver­än­de­rung, die er an­spricht, war die Ein­füh­rung der 5%-Klausel. Das von ihm ve­he­ment be­kämpf­te Ver­hält­nis­wahl­recht, wel­ches mit Lan­des­li­sten ope­riert, ist dem Gei­ste nach (im Bund – und hier­um geht es haupt­säch­lich) prak­tisch nie ver­än­dert wor­den. In ei­nem an­de­ren Sin­ne mu­tet die Kla­ge, die Ab­ge­ord­ne­ten än­der­ten das Grund­ge­setz fast nach Be­lie­ben reich­lich merk­wür­dig an wenn er an­de­rer­seits lau­fend Kor­rek­tu­ren und Än­de­run­gen an­mahnt. Es ist be­dau­er­lich, dass sich von Ar­nim nicht viel mehr auf die tat­säch­lich exi­stie­ren­den Fehl­kon­struk­tio­nen kon­zen­triert und im­mer auch gleich die »Sy­stem­fra­ge« mit­stellt. Er kommt ei­nem manch­mal wie ein Feld­herr vor, der auf dem Schlacht­feld den Sitz der Uni­form hö­her be­wer­tet als die Aus­rü­stung sei­ner Sol­da­ten.

Sein Fu­ror geht so weit, dass er das ge­sam­te Pro­ze­de­re zur Bun­des­tags­wahl als ir­re­gu­lär ver­wirft, weil (an­geb­lich) Vor­ga­ben des Grund­ge­set­zes (wel­ches ja ei­gent­lich als il­le­gi­tim an­ge­se­hen wird) ver­letzt wer­den. Wir hät­ten, so von Ar­nim, in Wahr­heit gar kein de­mo­kra­ti­sches Wahl­recht. Selbst die Erst­stim­me bei der Bun­des­tags­wahl sei kei­ne Per­so­nen­wahl, wie sie ge­for­dert wür­de, son­dern ei­ne Par­tei­en­wahl, da der Bür­ger bei der Kür des Wahl­kreis­kan­di­da­ten nicht be­tei­ligt war. Von Ar­nim schlägt hier Vor­wah­len im Sin­ne der USA vor, oh­ne aus­zu­füh­ren, wie dies ab­lau­fen soll. Muß man sich dann als Wäh­ler für ei­ne Par­tei re­gi­strie­ren las­sen (Da­ten­schutz!) oder dür­fen nur Par­tei­mit­glie­der ab­stim­men (vie­les spricht da­für, dass er die er­ste Mög­lich­keit fa­vo­ri­siert)? Wie soll da­bei kon­kret der Ein­fluß der Par­tei­en re­du­ziert wer­den, wird es doch nur ei­ne Wahl in­ner­halb der je­wei­li­gen Par­tei­mit­glie­der ge­ben? Am Ran­de sei be­merkt, dass das Vor­wahl­sy­stem in den USA po­li­ti­sche Fi­gu­ren wie Rea­gan oder Bush jr. nicht ver­hin­dert hat. Un­lo­gisch, wenn er ei­ner­seits ve­he­ment für in­ner­par­tei­li­che De­mo­kra­tie ein­tritt – an­de­rer­seits dann Kan­di­da­tu­ren von meh­re­ren Be­wer­bern als Kampf­ab­stim­mung dis­kre­di­tiert.

Ge­gen die 5%-Klausel und für das Mehr­heits­wahl­recht

Auf quä­lend lan­gen Li­sten führt von Ar­nim die heu­te schon »si­che­ren« Wahl­krei­se für die Bun­des­tags­wahl im Sep­tem­ber 2009 auf – Wahl­krei­se, in de­nen die Di­rekt­kan­di­da­ten ei­ner be­stimm­ten Par­tei teil­wei­se seit Jahr­zehn­ten re­üs­sie­ren. Si­cher sind die Wahl­krei­se, weil dort die Par­tei­zu­ge­hö­rig­keit des Kan­di­da­ten al­lei­ne schon aus­reicht, um ge­wählt zu wer­den (bei­spiels­wei­se Wahl­krei­se in Bay­ern – CSU; im Ruhr­ge­biet – SPD). Un­klar bleibt, wie ei­ne Vor­wahl dies än­dern soll. Spielt doch, wie von Ar­nim mehr­fach be­tont, die Per­son an sich gar kei­ne Rol­le, son­dern nur die Par­tei­zu­ge­hö­rig­keit. Kein Wort auch da­zu, wie bzw. wer den Vor­wahl­kan­di­da­ten ih­re »Caucus«-Wahlkämpfe be­zah­len sol­len. Zu Recht gei­ßelt von Ar­nim den Sta­tus quo, dass die Par­tei­en alt­ein­ge­ses­se­ne Kan­di­da­ten ge­gen­über in­ner­par­tei­li­chen Her­aus­for­de­rern fi­nan­zi­ell und per­so­nell stark be­gün­sti­gen. Aber wie soll dies im Fal­le von Vor­wah­len an­ders ge­re­gelt wer­den?

Da von Ar­nim mit gro­ßem sprach­li­chem Fu­ror be­reits die Erst­stim­men als undemo­kratisches Ge­scha­cher ver­wirft, gibt es dann kaum noch rhe­to­ri­sche Steigerungs­möglichkeiten die Li­sten­wahl per Zweit­stim­me zu kri­ti­sie­ren. Auch hier er­kennt er nichts als Ge­kun­gel. Vie­les was er hier an­führt, ist zwar rich­tig aber eben längst je­dem nor­mal po­li­tisch in­ter­es­sier­ten als Är­ger­nis be­kannt. Ve­he­ment wen­det sich der Au­tor ge­gen die »Ab­si­che­rung« pro­mi­nen­ter Po­li­ti­ker auf Lan­des­li­sten. Das Ar­gu­ment, der Wäh­ler­wil­le wer­de aus­ge­höhlt, wenn bei­spiels­wei­se ein im Wahl­kreis un­ter­le­ge­ner Kan­di­dat über die Li­ste doch noch in den Bun­des­tag ein­zie­he, wird al­ler­dings nicht kon­se­quent zu En­de ge­dacht.

Zwar führt er mit gro­ßer Aki­ri­bie Wahl­krei­se auf, in de­nen bei der letz­ten Bun­des­tags­wahl zwei, drei, ja teil­wei­se vier wei­te­re Kan­di­da­ten zu­sätz­lich zum Ge­win­ner über die je­wei­li­gen Lan­des­li­sten ih­rer Par­tei­en in den Bun­des­tag ein­ge­zo­gen wa­ren. Die Li­sten­ab­si­che­rung füh­re meist da­zu, dass be­stimm­te Kan­di­da­ten, die von Par­tei­en auf die­se Po­si­ti­on ge­hievt wor­den sei­en, in je­dem Fall in den Bun­des­tag ein­zie­hen wür­den. Zwei­fel­los ist dies ku­ri­os. Und fast fol­ge­rich­tig tritt von Ar­nim plötz­lich mit gro­ßer Ve­he­menz für das (re­la­ti­ve) Mehr­heits­wahl­recht im Bund ein.

Der Le­ser ist nun al­ler­dings ver­wirrt: Auf Sei­te 56 wird fest­ge­stellt, dass die Fünfprozent­klausel die Grund­rech­te der frei­en Wahl und Wähl­bar­keit der Bür­ger und der Chancen­gleichheit der Par­tei­en schwer beeinträchtig[e] (die Ge­fahr der Zer­split­te­rung des Par­la­ments sieht er nicht als ge­ge­ben) und auf Sei­te 152 schimpft er nun über die Macht der klei­nen Züng­lein-an-der-Waa­ge-Par­tei­en, ins­be­son­de­re na­tür­lich der FDP, die 41 Jah­re die Re­gie­rung be­stimmt ha­be. Dies lau­fe auf ei­ne Ent­mach­tung des Gros der Wäh­ler hin­aus. Was denn nun – Mehr­heits­wahl­recht oder Ver­hält­nis­wahl­recht oh­ne 5%-Klausel? Von Ar­nim macht gar kei­ne An­stal­ten, die­sen Wi­der­spruch auch nur ir­gend­wie zu auf­zu­lö­sen.

Man kann na­tür­lich für ein Mehr­heits­wahl­recht sein – aber es wür­de ja die von ihm für min­de­stens eben­so wich­tig er­ach­te­ten Pro­ble­me der Par­tei­en- und Po­li­tik­er­fi­nan­zie­rung nicht lö­sen. Zwar wür­de es beim Mehr­heits­wahl­recht auf Bun­des­ebe­ne so­fort kei­ne Ko­ali­tio­nen mehr ge­ben (die tat­säch­lich min­de­stens in ei­ner Grau­zo­ne agie­ren, da der aus­ge­han­del­te Ko­ali­ti­ons­ver­trag sel­ber nicht Ge­gen­stand de­mo­kra­ti­scher Le­gi­ti­ma­ti­on ist) – aber wie re­agiert man bei kon­trä­ren Mehr­heits­ver­hält­nis­sen im Bun­des­rat (ei­ne Pro­ble­ma­tik, die von Ar­nim dem Ver­hält­nis­wahl­recht an­la­stet, was ziem­lich un­ge­nau ist)? Die de­mo­kra­ti­sche Le­gi­ti­ma­ti­on des Ver­mitt­lungs­aus­schus­ses zwi­schen Bun­des­tag und Bun­des­rat kommt er­staun­li­cher­wei­se beim ihm nicht vor.

Ei­ner­seits be­klagt von Ar­nim ei­ne zu star­ke Do­mi­nanz von CDU/CSU und SPD – an­de­rer­seits will er das Mehr­heits­wahl­recht. Hier geht er nur un­deut­lich auf Stroh­mei­ers und gar nicht zum Bei­spiel auf Po­iers Kom­pro­miss­vor­schlä­ge ein. Bei­de ver­su­chen Misch­for­men zwi­schen Mehr­heits- und Ver­hält­nis­wahl­recht zu ent­wickeln, um klei­ne­ren Par­tei­en zu­min­dest teil­wei­se Teil­nah­me zu­zu­ge­ste­hen, oh­ne ih­nen – wie bis­her – die Po­si­ti­on des »Kö­nigs­ma­chers« zu ver­schaf­fen.

Es ist über­ra­schend, dass von Ar­nims Bild des Wäh­lers of­fen­sicht­lich nicht das Be­ste zu sein scheint, ob­wohl er doch so ve­he­ment für des­sen Rech­te ein­tritt. Er zi­tiert das Spöt­ter­wort von der »Be­sen­stiel-Theo­rie«, die zy­nisch fest­stellt, in be­stimm­ten Wahl­krei­sen wür­de selbst ein Be­sen­stiel ge­wählt, vor­aus­ge­setzt er ha­be die rich­ti­ge Par­tei­zu­ge­hö­rig­keit. Hier nimmt er das Ur­teil des Wäh­lers schon vor­weg, weil er das ak­tu­el­le Wahl­ver­hal­ten ein­fach aus der Ver­gan­gen­heit ab­lei­tet; die Mög­lich­keit ei­ner Än­de­rung des Stimm­ver­hal­tens zieht er gar nicht ins Kal­kül. Wenn er den po­li­ti­schen Par­tei­en un­ter­stellt, die be­han­del­ten die Wäh­ler wie Stimm­vieh, so be­treibt er in die­sem Mo­ment nichts an­de­res.

Ku­mu­lie­ren und pa­na­schie­ren und die Di­rekt­wahl des Mi­ni­ster­prä­si­den­ten

Des­wei­te­ren wird be­haup­tet, die Fein­hei­ten des Ver­hält­nis­wahl­rechts (bspw. die Pro­ble­ma­tik der Über­hang­man­da­te) sei­en dem Wäh­ler nicht ver­mit­tel­bar. Gleich­zei­tig wird je­doch für fle­xi­ble Li­sten plä­diert, in de­nen man pa­na­schie­ren und ku­mu­lie­ren kann (die un­ter­schied­li­chen Mög­lich­kei­ten wer­den lei­der nur sehr ober­fläch­lich er­ör­tert; es ist na­tür­lich ein­fa­cher, Pa­ro­len zu dre­schen statt Auf­klä­rung zu ver­su­chen). Er fei­ert die­se fle­xi­blen Li­sten, die in vie­len Bun­des­län­dern auf kom­mu­na­ler Ebe­ne ein­ge­führt sind (ins­be­son­de­re Ba­den Würt­tem­berg kommt hier ei­ne Vor­bild­rol­le zu), er­klärt aber we­der war­um die Wahl­be­tei­li­gun­gen auf kom­mu­na­ler Ebe­ne deut­lich un­ter de­nen der Bundes­tagswahl lie­gen noch wie vie­le Wäh­ler von die­ser Mög­lich­keit Ge­brauch ge­macht ha­ben oder ein­fach nur (wie ge­habt) das »Li­sten­kreuz« ab­ga­ben. Kann es sein, dass von Ar­nim die An­stren­gun­gen für den Wäh­ler un­ter­schätzt, die dar­in be­stehen, sich mit al­len Per­so­nen auf der Li­ste aus­ein­an­der­zu­set­zen (am sie­he am Bei­spiel von Hes­sen, wie kom­plex die­ses Wahl­sy­stem ist)? (Über die Spott­na­men für die el­len­lan­gen Wahl­zet­tel liest man auch nichts.)

Selt­sam, dass es von Ar­nim nicht in den Sinn kommt an das pas­si­ve Wahl­recht des Bür­gers zu er­in­nern bzw. die Mög­lich­keit der Par­ti­zi­pa­ti­on des Bür­gers über die Par­tei­en darzu­stellen. Zwar er­läu­tert er die Pro­ble­ma­tik von so­ge­nann­ten Ochsentour[en] und die viel­leicht de­mo­ti­vie­ren­den Er­fah­run­gen in­ner­halb von Par­tei­struk­tu­ren. Den­noch bleibt zu fra­gen, war­um er die­se Mög­lich­kei­ten aus­schließ­lich ne­ga­tiv kon­no­tiert. Oder ob hier ein Feind­bild zu do­mi­nant aus­ge­prägt ist?

Den auf den er­sten Blick in­ter­es­san­ten Ge­dan­ken, in den Bun­des­län­dern den Minister­präsidenten di­rekt wäh­len zu las­sen, ent­wickelt von Ar­nim lei­der auch nicht wei­ter. Der Re­kurs auf die Di­rekt­wah­len zum Bür­ger­mei­ster in den Kom­mu­nen ver­kennt ja die Tat­sa­che, dass Län­der­re­gie­run­gen über den Bun­des­rat di­rek­te Ein­fluss­mög­lich­kei­ten im Bund ha­ben. Was, wenn der di­rekt­ge­wähl­te Mi­ni­ster­prä­si­dent ei­nem mehr­heit­lich op­po­si­tio­nel­len Lan­des­par­la­ment ge­gen­über steht? Wie wird dann das Lan­des­ka­bi­nett ge­bil­det und wie wird die­se Form der »Co­ha­bi­ta­ti­on« im Bun­des­rat zu Bu­che schla­gen? Wie ver­trägt sich die­ser Vor­schlag mit der Aus­sa­ge, Mi­ni­ster­prä­si­dent in ei­nem deut­schen Bundesland…[sei] ei­ner der schön­sten Jobs der Welt, da man »Herr­scher al­ler Reu­ssen« sei und wie ein Kö­nig re­gie­ren kön­ne. Wür­de die­ses Ver­hal­ten nicht durch ei­ne Di­rekt­wahl noch ge­för­dert? Man ver­misst auch die Er­läu­te­rung, war­um die­se ein­zel­ne Maß­nah­me den degeneriert[en] Fö­de­ra­lis­mus, je­nes un­se­li­ge Er­be der Be­sat­zungs­mäch­te (wie geschichts­vergessen von Ar­nim doch zu sein scheint), re­vi­ta­li­sie­ren soll. Denn – so führt er an an­de­rer Stel­le im Buch schlüs­sig aus: die Län­der­par­la­men­te ha­ben im­mer we­ni­ger zu ent­schei­den. Auch hier al­so In­kon­si­sten­zen, Un­klar­hei­ten, Un­aus­ge­go­re­nes.

Na­tür­lich wird auch die in­zwi­schen in den Main­stream­me­di­en an­ge­kom­me­ne Pro­ble­ma­tik der so­ge­nann­ten Über­hang­man­da­te er­ör­tert. Zu­nächst wird er­läu­tert, war­um Überhang­mandate ver­fas­sungs­wid­rig sein sol­len (die­se Mei­nung hat kei­nen Be­stand beim Ver­fassungsgericht) und dann wid­met sich der Au­tor der tat­säch­li­chen Ent­schei­dung des Ge­richts be­züg­lich des »ne­ga­ti­ven Stimm­ge­wichts«, d. h. des Pa­ra­do­xons, dass bei be­stimm­ten Kon­stel­la­tio­nen ein Stim­men­zu­ge­winn ei­ner Par­tei scha­det.

Das Knei­fen des Au­tors vor der Kom­ple­xi­tät

Vor­ge­schla­gen wird, die Über­hang­man­da­te durch ein so­ge­nann­tes Gra­ben­wahl­sy­stem ab­zu­schaf­fen, wel­ches Wahl­kreis- und Li­sten­wahl trennt und da­mit das ne­ga­ti­ve Stimm­ge­wicht ver­un­mög­licht. Wie sich das dann al­ler­dings mit der Kla­ge über die auf­ge­bläh­ten Par­la­men­te ver­trägt, bleibt un­klar. Von Ar­nim ar­gu­men­tiert hier al­ler­dings auch wie­der un­ge­nau. So wird sug­ge­riert, Über­hang­man­da­te und das Pa­ra­do­xon des ne­ga­ti­ven Stimm­ge­wichts sei­en iden­tisch. Dass je­doch nicht je­des Über­hang­man­dat au­to­ma­tisch den Ef­fekt des ne­ga­ti­ven Stimm­ge­wich­tes nach sich zieht, ist schwer zu ent­decken. Wer ge­naue De­tails ha­ben will, wird hier al­lein­ge­las­sen und muss auf Wi­ki­pe­dia aus­wei­chen. Wenn’s ein biss­chen kom­plex wird, kneift der Au­tor.

Die Kri­tik am Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ob des Ur­teils, mit der Be­sei­ti­gung der Pro­ble­ma­tik des ne­ga­ti­ven Stimm­ge­wichts dem Ge­setz­ge­ber bis 2011 Zeit zu las­sen nutzt von Ar­nim zu ei­ner Sua­da wi­der die Be­set­zungs­mo­da­li­tä­ten des Ge­richts. Sei­nen dies­be­züg­li­chen Än­de­rungs­vor­schlag fin­det man aus­ge­rech­net im Ka­pi­tel über den Bun­des­prä­si­den­ten (den er vom Volk wäh­len las­sen möch­te): Die­ser sol­le doch die Rich­ter er­nen­nen. Man kennt dies ja aus den USA – dort be­setzt der Prä­si­dent die Rich­ter des Su­pre­me Court (und ze­men­tiert oft auf Jahr­zehn­te sei­ne po­li­ti­sche Rich­tung); die Se­nats­an­hö­rung ist meist nur ei­ne Form­sa­che. Vom wem soll die bun­des­prä­si­dia­le Ent­schei­dung an­ge­hört wer­den? Oder ei­ne Pri­se Ab­so­lu­tis­mus nach Deutsch­land? Nein, dan­ke.

Das zwei­te Spe­zi­al­the­ma von Ar­nims ist die Ver­gü­tung der Po­li­ti­ker (in­klu­si­ve Ruhe­gelder), de­ren Äm­ter­häu­fung und die Par­tei­en­fi­nan­zie­rung. Dass hier trotz ei­ni­ger klei­ner Fort­schrit­te der letz­ten Jah­re ei­ni­ges im Ar­gen liegt, ist be­kannt. Es lie­gen al­ler­dings hier­zu ge­nug Vor­schlä­ge auf dem Tisch. Bei von Ar­nim er­fährt man da­zu lei­der we­nig. Statt­des­sen wird der Le­ser mit al­len mög­li­chen Zah­len bom­bar­diert. Die­se wer­den auch noch ge­bets­müh­len­haft wie­der­holt. So er­fährt man bei­spiels­wei­se auf den Sei­ten 336, 337 und 353 das Eu­ro­pa­par­la­men­ta­ri­er im Mo­nat 17.540 Eu­ro für Mit­ar­bei­ter aus­ge­ben dür­fen. Und es gibt min­de­stens fünf Stel­len im Buch, die die äqui­va­len­te Sum­me für deut­sche Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te aus­wei­sen.

Die Spra­che ist bei die­sem The­ma be­son­ders def­tig. So wird der Be­trag, den ein Mi­ni­ster als Ab­ge­ord­ne­ter zu­sätz­lich zu sei­nem Mi­ni­ster­ge­halt be­zieht lau­fend als Schwarz­geld apo­stro­phiert. Par­tei­spen­den wer­den im­mer mit Kor­rup­ti­on gleich­ge­setzt. Fron­tal wird das Sy­stem der staat­li­chen Par­tei­en­fi­nan­zie­rung der Bun­des­re­pu­blik an­ge­grif­fen – um aus­ge­rech­net das bri­ti­sche Sy­stem als vor­bild­haft dar­zu­stel­len: Der in­ten­si­ve po­li­ti­sche Wett­be­werb, den das Mehr­heits­wahl­recht be­gün­stigt, hat mit da­zu bei­getra­gen, dass dort prak­tisch kei­ne staat­li­che Par­tei­en­fi­nan­zie­rung exi­stiert. Von Ar­nim ver­wech­selt in der Ei­le staat­li­che Par­tei­en­fi­nan­zie­rung, die auf fest­ge­setz­ten, pau­scha­len Zu­wen­dun­gen be­ruht (bspw. Wahl­kampf­ko­sten­er­stat­zung und Auf­wands­pau­scha­le der Ab­ge­ord­ne­ten, de­ren Hö­he man ja durch­aus dis­ku­tie­ren kann) mit ei­nem Spe­sen­sy­stem, wel­ches der­zeit in Groß­bri­tan­ni­en die Re­gie­rung ob sei­nes Miss­brauchs­po­ten­ti­als er­schüt­tert. Wider­sprüchlich ist sei­ne Hal­tung auch da­hin­ge­hend, wenn ei­ner­seits (be­rech­tig­ter­wei­se) hef­tig ge­gen Lob­by­is­mus von Wirt­schaft und Ver­bän­den ge­wet­tert wird, an­de­rer­seits die an­gel­säch­si­schen Fi­nan­zie­rungs­mo­del­le, die hier­auf im we­sent­li­chen ba­sie­ren, gou­tiert wer­den. Ei­ne se­riö­se Be­hand­lung die­ser The­ma­tik sieht an­ders aus.

Je­den ge­fun­de­nen Feh­ler hy­ste­ri­siert von Ar­nim so­fort. Vo­ka­beln wie Äm­ter­pa­tro­na­ge oder Kar­tell-Par­tei­en oder le­ga­li­sier­te Vet­tern­wirt­schaft sind an der Ta­ges­ord­nung. Kor­rup­ti­on von Ab­ge­ord­ne­ten sei straf­los, wird ernst­haft be­haup­tet. Ve­he­ment wird die EU an­ge­grif­fen, die mit der neu­en Wahl­pe­ri­ode die Ver­gü­tun­gen der EU-Par­la­men­ta­ri­er ver­ein­heit­licht hat (7.500 Euro/Monat). Man er­fährt, dass ein bul­ga­ri­scher Ab­ge­ord­ne­ter nun rd. 605% mehr ver­dient als vor­her. Von Ar­nim tritt für ei­ne kauf­kraft­ge­mä­sse Ver­gü­tung ein, d. h. der Bul­ga­re sei mit sei­nen bis­he­ri­gen 1.036 Eu­ro an­ge­mes­sen be­zahlt.

Pein­lich­kei­ten, Aus­las­sun­gen, Ma­ni­pu­la­tio­nen

Des­wei­te­ren wer­den Rech­nun­gen auf­ge­führt, in de­nen ein lu­xem­bur­gi­scher Ab­ge­ord­ne­ter et­wa 75.000 Ein­woh­ner re­prä­sen­tiert, ein deut­scher je­doch 830.000. In über­bor­den­der Po­le­mik heisst es, dass die Stim­me ei­nes Lu­xem­bur­gers elf­mal mehr Wert sei als die Stim­me ei­nes Deut­schen. Deutsch­land sei im EU-Par­la­ment un­ter­re­prä­sen­tiert. Auch hier ist von Ar­nims Wi­der­sprüch­lich­keit über­deut­lich: Ei­ner­seits be­klagt er ei­ne zu auf­ge­bläh­te EU-Ad­mi­ni­stra­ti­on, an­de­rer­seits wür­de ei­ne ein­woh­ner­ge­mä­sse Be­set­zung des EU-Par­la­ments ge­nau da­zu füh­ren. Des­wei­te­ren ver­gisst er, dass die pro­zen­tu­al et­was gross­zü­gi­ge­re Be­rück­sich­ti­gung ge­ra­de der klei­nen Län­der po­li­tisch ge­wollt ist. Die tat­säch­li­chen de­mo­kra­ti­schen De­fi­zi­te in der EU-Ad­mi­ni­stra­ti­on spie­len lei­der nur ei­ne un­ter­ge­ord­ne­te Rol­le.

Ei­ni­ges ist ge­ra­de­zu pein­lich. Et­wa wenn er schreibt, dass das Eu­ro­päi­sche Par­la­ment kein ein­heit­li­ches eu­ro­päi­sches Volk ver­tritt. Als Be­leg führt er Ar­ti­kel 189 EG-Ge­setz an, in dem es heißt: »Das Eu­ro­päi­sche Par­la­ment be­steht aus Ver­tre­tern der Völ­ker der in der Ge­mein­schaft zu­sam­men­ge­schlos­se­nen Staa­ten…« Von Ar­nims Schluß: Deut­sche EU-Ab­ge­ord­ne­te ver­tre­ten al­so das deut­sche Volk, fran­zö­si­sche Ab­ge­ord­ne­te das fran­zö­si­sche, und pol­ni­sche EU-Ab­ge­ord­ne­te ver­tre­ten das pol­ni­sche Volk. Das be­deu­tet aber, dass die Ab­ge­ord­ne­ten sich…nach dem Re­fe­renz­rah­men ih­res je­wei­li­gen Her­kunftslandes rich­ten soll­ten und nicht nach ein­heit­li­chen ge­samt­eu­ro­päi­schen Maß­stäben, die es eben­so we­nig gibt wie ein ein­heit­li­ches eu­ro­päi­sches Volk. Ab­ge­se­hen da­von, dass im Ge­setz gar kei­ne Re­de von ei­nem europäische[n] Volk ist: Gra­vie­ren­der ist die ge­woll­te Fehl­deu­tung des Ge­set­zes­tex­tes, dass das Par­la­ment aus Ver­tre­tern der Völ­ker be­stehe und die Schluß­fol­ge­rung hier­aus, dass die­se Ver­tre­ter dann die In­ter­es­sen der Na­ti­on zu ver­tre­ten hät­ten. Da­bei ist ex­akt das Ge­gen­teil in­ten­diert, was sich ja u. a. in der von ihm eben­falls hef­tig kri­ti­sier­ten Frak­ti­ons­bil­dung in­ner­halb des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments zeigt (wenn auch in der Pra­xis die na­tio­na­len Ego­is­men auch im Europa­parlament im­mer wie­der auf­schei­nen).

Zwang­haft sei­ne Ver­su­che, Ri­chard von Weiz­säcker, ei­nen Kri­ti­ker des Par­tei­en- und Par­tei­en­fi­nan­zie­rungs­sy­stems der Bun­des­re­pu­blik, als Kron­zeu­gen für sei­ne The­sen zu in­stru­men­ta­li­sie­ren. Weiz­säcker ha­be, so sug­ge­riert von Ar­nim, da­von ge­spro­chen, dass die Par­tei­en den Staat als Beu­te be­trach­ten wür­den. Tat­säch­lich stammt die­se For­mu­lie­rung aus ei­nem In­ter­view in der »Zeit«, in dem von Weiz­säcker die­se For­mu­lie­rung je­doch für das Vor­ge­hen der Par­tei­en (prä­zi­ser: der SPD) im Ber­li­ner Fi­nanz­skan­dal An­fang der 80er Jah­re ver­stan­den wis­sen woll­te (»In Ber­lin ha­ben wir stär­ker als an­der­wärts in den letz­ten Jah­ren ei­ne Par­tei­en­ko­ali­ti­on und vor al­lem ei­ne füh­ren­de Re­gie­rungs­par­tei er­lebt, die sich den Staat zur Beu­te ge­macht hat. Die Äm­ter­pa­tro­na­ge hat nir­gends den hie­si­gen Um­fang an­ge­nom­men.« Von Weiz­säckers Ein­schät­zung war da­mals al­ler­dings nicht ganz un­ei­gen­nüt­zig – er wur­de 1981 bei Neu­wah­len zum Re­gie­ren­den Bür­ger­mei­ster von Ber­lin ge­wählt.) Und von Weiz­säckers Vor­wurf der »Macht­ver­ses­sen­heit« aus dem Jahr 1992 ist zwar pro for­ma an al­le Par­tei­en ge­rich­tet (Stich­wort: Über­par­tei­lich­keit des Bun­des­prä­si­den­ten) – hat­te je­doch in Wirk­lich­keit das »Prin­zip Kohl« im Au­ge (ob­wohl von Weiz­säcker dies heu­te re­la­ti­viert). Von Ar­nim ver­schweigt ein­fach den Kon­text, in dem bei­de Be­mer­kun­gen ste­hen und ver­ein­nahmt den ehe­ma­li­gen Bun­des­prä­si­den­ten auf die­se plum­pe Wei­se.

Mit an­de­ren Sach­ver­hal­ten nimmt er es auch nicht so ge­nau. Ein klei­ner Feh­ler nur, wenn in der Be­trach­tung der Grund­man­dats­klau­sel auf Sei­te 58 der PDS nach der Wahl 2002 nur ein Man­dat zu­ge­schrie­ben wird, auf Sei­te 65 dann die kor­rek­te Zahl (zwei) er­scheint. Grö­ßer schon der Irr­tum, Re­gie­rungs­wech­sel im Bund sei­en in der Ver­gan­gen­heit meist nicht durch Wah­len, son­dern durch Bil­dung neu­er Ko­ali­tio­nen er­folgt. Das stimmt für 1966 und 1982, aber nicht für 1969, 1998 und 2005. Al­ler­dings ist von Ar­nim bei 1969 an­de­rer Mei­nung: er führt zwar aus, dass mit der Wahl Gu­stav Hei­ne­manns zum Bun­des­prä­si­den­ten im Mai 1969 die FDP si­gnal­haft zur SPD um­ge­schwenkt wä­re und dar­auf­hin die SPD von der fast schon si­che­ren Ei­ni­gung mit CDU/CSU das Mehrheitswahl­recht ein­zu­füh­ren, ab­ge­rückt sei um ei­ne mög­li­che Ko­ali­ti­on mit der FDP nicht zu ge­fähr­den (die­sen Sach­ver­halt er­wähnt er min­de­stens vier Mal) – dann je­doch setzt er das Mär­chen von der Igno­ranz des Wäh­ler­wil­lens in die Welt, weil die SPD sich als zweit­stärkste Par­tei mit der FDP ge­gen den ehe­ma­li­gen Ko­ali­ti­ons­part­ner zu­sam­men­ge­tan ha­be – und dies ob­wohl durch­aus Min­der­hei­ten­re­gie­run­gen ak­zep­tiert wür­den.

We­sent­lich ele­men­ta­rer als die­se Klei­nig­kei­ten ist es da, wenn akri­bisch die Ver­gü­tun­gen der Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten der Län­der, in de­nen 2009 ge­wählt wird auf­ge­führt wer­den und ex­em­pla­risch für al­le an­de­ren Bun­des­län­der er­schei­nen, aber ein Ge­gen­bei­spiel vor­ent­hal­ten wird. Denn im­mer­hin gibt es mit der seit 2005 in Nord­rhein-West­fa­len gül­ti­gen Ver­gü­tungs­ver­ord­nung der Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten auch ein po­si­ti­ves Mo­dell. Dort wur­den die Diä­ten zwar dra­stisch er­höht. Aber im Ge­gen­zug fie­len al­le steu­er­frei­en Pau­scha­len weg und die Ab­ge­ord­ne­ten müs­sen selbst für ih­re Al­ters­ver­sor­gung und ih­re Kran­ken­ver­si­che­rung sor­gen. Das Mo­dell fand so­gar die Zu­stim­mung des Bun­des der Steu­er­zah­ler. Hier­von fin­det sich kein Wort in die­sem Buch.

Schäu­men­de Em­pö­rungs­rhe­to­rik

Man er­schrickt, dass von Ar­nim of­fen­bar auf ver­fas­sungs­theo­re­ti­schem Ge­biet Wissens­lücken zu be­sit­zen scheint – oder ei­ne ge­spiel­te Nai­vi­tät zur Schau stellt. Abge­sehen von der öko­no­mi­schen Kom­po­nen­te (die Dop­pe­la­li­men­tie­rung ist in der Tat ein Ärger­nis) sug­ge­riert der Au­tor, dass ein Mi­ni­ster, der zu­gleich auch Ab­ge­ord­ne­ter im Par­la­ment ist, das Prin­zip der Ge­wal­ten­tei­lung ver­letzt. Die Kon­troll­funk­ti­on des Par­la­ments sei ad ab­sur­dum ge­führt, wenn ein Mi­ni­ster über sei­nen »ei­ge­nen« Ge­setz­ent­wurf ab­stim­men wür­de. Vor­der­grün­dig hat von Ar­nim hier recht. Er er­wähnt je­doch nicht, dass die­se Ge­wal­tentren­nung, die er hier ver­fech­tet, mit dem Prin­zip der Ge­wal­ten­tei­lung gar nicht ge­meint ist. Ein An­fän­ger­feh­ler – oder vor­sätz­li­che Täu­schung des Le­sers?

Mo­der­ne Staats­recht­ler spre­chen längst von ei­ner Ge­wal­ten­ver­schrän­kung und wol­len die Le­gis­la­ti­ve eher in der Funk­ti­on der (par­la­men­ta­ri­schen) Op­po­si­ti­on ver­or­ten, da der Par­la­men­ta­ri­er der Regierungsfraktion(en) in der Re­gel min­de­stens be­fan­gen ist (über die pro­ble­ma­ti­sche Ge­pflo­gen­heit des »Frak­ti­ons­zwangs« fin­den sich in dem Buch nur we­ni­ge, er­staun­li­cher­wei­se eher be­schwich­ti­gen­de Be­mer­kun­gen). Na­tür­lich könn­te in der Bun­des­re­pu­blik die Tren­nung von Mi­ni­ster­amt und Man­dat fest­ge­schrie­ben wer­den (was si­cher­lich ein Vor­teil wä­re), den­noch ist es völ­lig un­an­ge­mes­sen, die­se Fra­ge der­art zu skan­da­li­sie­ren.

Das Buch ist durch­setzt von lo­gi­schen Fehl­schlüs­sen des Au­tors; meist ver­un­glück­te Ver­su­che, po­le­misch-scharf zu sein. So mag man ja den Chef­volks­wirt der Deut­schen Bank für ei­ne frag­wür­di­ge Fi­gur hal­ten, aber war­um sei­ne Pro­gno­se von En­de Fe­bru­ar 2009, die Wirt­schaft bre­che um 5% im lau­fen­den Jahr ein mit der Be­mer­kung kom­men­tiert wird, dass Wal­ter da­bei aus­blen­de­te, dass es die Ban­ken selbst wa­ren, die Der­ar­ti­ges verur­sacht ha­ben und wei­ter ver­ur­sa­chen, bleibt ein Rät­sel. Wal­ters Wirt­schafts­pro­gno­se ist ei­ne Er­war­tung an die Zu­kunft – die Ur­sa­chen­for­schung ist na­tür­lich (erst ein­mal) ein an­de­res Feld.

Was bei Wal­ter noch wie ei­ne Epi­so­de er­scheint, wird in der Ar­gu­men­ta­ti­on um den Fö­de­ra­lis­mus hei­kel. Ein Grund­pro­blem des deut­schen Fö­de­ra­lis­mus sieht von Ar­nim im unangemesse[n] Zu­schnitt der Län­der, der auf der Will­kür der frü­he­ren west­li­chen Be­sat­zungs­mäch­te be­ruht. Hier­aus er­ge­be sich als fa­ta­le Fol­ge des Aus­blei­bens ei­ner durchgreifende[n] Ge­biets­re­form der so­ge­nann­te Fi­nanz­aus­gleich, der wirt­schaft­lich stär­ke­re Län­der zu Aus­gleich­zah­lun­gen an schwä­che­re ver­pflich­te. Auch die­se Kon­klu­si­on bleibt ge­heim­nis­voll: Meint von Ar­nim, dass Bun­des­län­der neu kon­zi­piert ge­hö­ren (die Re­du­zie­rung auf neun oder gar sechs ist im­mer wie­der im Ge­spräch)? Wenn ja, wie? Sol­len sich wirt­schaft­lich schwä­che­re Län­der zu­sam­men­schlie­ßen oder soll es ein »Patenschafts­modell« ge­ben? Was, wenn sich die Wirt­schafts­lei­stung in den ein­zel­nen Län­dern än­dert? Oder, ein biss­chen wei­ter ge­fasst: Wie sieht sei­ne Vor­stel­lung ei­nes bes­se­ren Fö­de­ra­lis­mus aus? Will er über­haupt ei­nen? Oder will er den Fö­de­ra­lis­mus ab­schaf­fen? Wenn ja, was kommt statt­des­sen?

De­tail­lier­te Vor­schlä­ge zur bes­se­ren Par­tei­en­fi­nan­zie­rung bleibt er eben­so schul­dig wie ei­ne Aus­dif­fe­ren­zie­rung des von ihm fa­vo­ri­sier­ten Mehr­heits­wahl­rechts. Sein em­pha­tisch vor­ge­tra­ge­nes Plä­doy­er für mehr Bür­ger­be­tei­li­gung er­schöpft sich in sym­bo­li­sche Kan­di­da­ten­wah­len, die an­son­sten kon­tur­los blei­ben. War­um wird der Le­ser mit wohl­fei­len Phra­sen ab­ge­speist, statt ihm aus­ge­ar­bei­te­te Mo­del­le und Ent­wür­fe vor­zu­le­gen?

Schäu­men­de Em­pö­rungs­rhe­to­rik ver­sperrt mehr als nur ge­le­gent­lich den Blick aufs We­sent­li­che. Als ein dröh­nen­des Sprach­rohr wird Os­kar La­fon­tai­ne apo­stro­phiert – man ist ge­neigt, die­ses At­tri­but als ge­lun­ge­ne Cha­rak­te­ri­sie­rung auf den Au­tor sel­ber anzu­wenden. Er be­rei­tet ei­nen Ein­topf zu, des­sen zwei­fel­los vor­han­de­nen gu­ten Zu­ta­ten in der Mas­se der ver­dor­be­nen Bei­ga­ben na­he­zu ver­schwin­den. Die Lek­tü­re die­ser zä­hen, red­un­dan­ten und teil­wei­se ge­hirn­wä­sche­ri­schen 370-Sei­ten-Schrift ist für den auch nur ru­di­men­tär po­li­tisch vor­ge­bil­de­ten Le­ser rei­ne Zeit­ver­schwen­dung.

Hans Her­bert von Ar­nims Ver­dien­ste in der Ver­gan­gen­heit sind un­be­streit­bar, aber mit sol­chen nichts­sa­gen­den Pam­phle­ten ent­wickelt er sich lei­der zum Die­ter Boh­len der Par­tei­en­for­scher. Das schmerzt dop­pelt. Denn es geht ja um mehr als Herrn von Ar­nim.


Die kur­siv ge­druck­ten Pas­sa­gen sind Zi­ta­te aus dem be­spro­che­nen Buch.

31 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. An­schei­nend ein ty­pi­scher Schnell­schuss ...
    ... den ich Her­bert von Ar­nim nicht zu­ge­traut hät­te. Wenn man sich die der­zei­ti­ge schwe­re Ver­trau­ens­kri­se vor al­lem der (ehe­ma­li­gen) Volks­par­tei­en an­sieht, dann spie­len Par­tei­en- und Po­li­tik­er­fi­nan­zie­rung und das Wahl­recht si­cher­lich auch ei­ne Rol­le. Al­ler­dings lässt sich z. B. die Fra­ge nach der Ver­fil­zung zwi­schen pri­vat­wirt­schaft­li­chen Groß­un­ter­neh­men und staat­li­chen Or­ga­nen, die sich z. B. im »Aus­lei­hen« von Ex­per­ten an Mi­ni­ste­ri­en zeigt, nicht al­lein auf fi­nan­zi­el­le As­pek­te her­un­ter­bre­chen. Auch er­staunt es mich, wenn er of­fen­bar glaubt, es gä­be noch so et­was wie »si­che­re Wahl­krei­se«.
    Für wirk­lich ge­fähr­lich hal­te ich sei­ne Aus­sa­ge, das Grund­ge­setz be­ru­he in Wahr­heit gar nicht auf dem Wil­len des Vol­kes, es sei dem Volk ok­troy­iert wor­den. Das ent­spricht be­kannt­lich der Ar­gu­men­ta­ti­on der Neo­na­zis, die sich freu­dig dar­auf stür­zen wer­den, dass »so­gar ein Ar­nim« ih­nen recht gibt. Ich fürch­te, dass es noch wei­te­re Stel­len in dem Buch gibt, die sich aus dem Zu­sam­men­hang rei­ßen und als Pro­pa­gan­da für ein au­to­ri­tä­res Staats­mo­dell miss­brau­chen las­sen.

  2. »Kopf ab!«
    Ich ken­ne nicht den ge­sam­ten Ar­gu­men­ta­ti­ons­zu­sam­men­hang, aber was die »Mei­nung« des Vol­kes an­geht, möch­te ich doch mal kurz mei­ne star­ken Zwei­fel an­mel­den. Und das, auch was die ver­meint­lich auf­ge­klär­te­ren (oft nur glei­och­gül­ti­ge­ren) Stadt­men­schen an­geht, die jün­ge­ren, gut­ver­die­nen­den, die »im Le­ben ste­hen«... (Ge­ra­de die ha­ben oft gar kei­ne Zeit nach­zu­den­ken – viel­leicht des­halb die­se al­ten Re­fle­xe?)

    Sie­he Eu­ro­pa-Ver­druss. Sie­he die Ver­klä­rung wei­ter, auch jün­ge­rer Be­völ­ke­rungs­tei­le zur Ge­schich­te ih­rer DDR. Sie­he die Vor­be­hal­te ge­gen die »Über­frem­dung«. (Der »Bahn­hof in Tür­ken­hand«, im Zug kas­sie­ren Russ­land­deut­sche ab – und die sind so­wie­so oft Schuld... jetzt so­gar für un­se­ren mie­sen Ruf in Ägyp­ten – steht ja auch in BILD.)

    Zwar nur an­ek­do­tisch, aber auch ich ten­die­re (wie­der, mehr und mehr) da­zu, die rea­len Er­leb­nis­se über die ab­strak­ten, oft vom Wunsch­den­ken ge­lei­te­ten Idea­le zu stel­len: Im Su­per­markt neu­lich ei­ne Sto­ry, die ein paar (gar nicht so äl­te­re) Leu­te ein­an­der er­zähl­ten über ei­nen (wg. Lah­mar­schig­keit und Wi­der­sprü­che in­ner­halb der Ju­stiz) frei ge­las­se­nen Kin­der­schän­der ir­gend­wo in der Nä­he. (Wo, hat­te ich lei­der nicht mit­be­kom­men.)

    Die be­wuss­te Ur­tei­le mö­gen bei dem The­ma be­son­ders ir­ra­tio­nal sein (oder vor­ra­tio­nal?, als Teil von un­re­flek­tier­ten, »ge­sun­den« Re­fle­xen?).

    Ob das Volk teils doch oh­ne Kopf ist bzw. das Grund­ge­setz nicht doch ein Teil ei­nes auf­ok­troy­ier­ten Ver­nunft­zu­sam­men­hangs – wenn er auch weit­ge­hend ein­ge­se­hen wird – kann da durch­aus von je­man­den, der dar­über nach­denkt mal in Zwei­fel ge­zo­gen wer­den. Und das hat mas­siv zu tun mit dem »Kopf«, al­so der Po­li­tik in ei­ner über­kom­ple­xen Welt. Ein Ge­setz oder ei­ne all­ge­mei­ne Kon­sens- & Ver­hal­tens­ra­tio a la Ha­ber­mas kann gro­ße Tei­le mensch­li­cher Ver­hal­tens­lo­gi­ken eben doch nicht ab­bil­den. Das Nicht-Dis­ku­tier­te, das Ver­fem­te aber gärt.

    Das ist kein Für­spruch für »Kopf ab!« – Sprü­che u.ä. Aber weg­dis­ku­tie­ren kann man die­ses »Un­be­ha­gen in der Kul­tur« eben auch nicht. Ich glau­be, das Pro­blem ist eher das aus­zu­blen­den, ganz ähn­lich wie An­ti­se­mi­tis­mus und Na­zis­mus – ich ver­mu­te, die sind le­ben­di­ger als wir uns zu­ge­ste­hen wol­len. Die Bar­ba­rei ist im­mer ganz nah.

     

  3. @MMarheinecke
    Die »si­che­ren Wahl­krei­se« li­stet er sei­ten­wei­se auf; es sind (na­tür­lich) al­le baye­ri­schen und auch so­was wie Clop­pen­burg für CSU bzw. CDU und auch ei­ni­ge im Ruhr­ge­biet für die SPD. Sei­ne Aus­sa­ge geht da­hin, dass die Be­set­zung des Bun­des­ta­ges zu 75% be­reits fest­steht – ent­we­der über die ‘Be­sen­stiel-Wahl­krei­se’ oder über si­che­re Li­sten­plät­ze. Ganz von der Hand zu wei­sen ist die­se Fest­stel­lung nicht – aber sie wür­de durch sei­ne Vor­schlä­ge nicht un­be­dingt ver­än­dert (son­dern viel­leicht eher noch ze­men­tiert). Ide­en wir Be­gren­zung der Le­gis­la­tur­pe­ri­oden auf ma­xi­mal zwei (à fünf Jah­re dann viel­leicht) oder/und Quo­ten für of­fe­ne Li­sten­kan­di­da­ten feh­len gänz­lich.

    @en-passant
    Na­ja, ganz so schwarz se­he ich nicht. Mie­ser Ruf in Ägyp­ten weil ei­ne Di­stan­zie­rung oder Ver­ur­tei­lung nicht stan­te pe­de er­folg­te? Ich fin­de das lä­cher­lich. Und Frau Mer­kel be­sucht die Erd­be­ben­op­fer in Ita­li­en und ver­knüpft ih­re fi­nan­zi­el­le Hil­fe mit den Wehr­machts­ver­bre­chen von 1944. Wie­viel Ab­laß darf es denn sein?

    Und dann wie­der d’accord, was das Gä­ren des Nicht-Dis­ku­tier­ten an­geht. Na­tür­lich ist Eu­ro­pa so­zu­sa­gen ok­troy­iert, d. h. es ist oh­ne Dis­kurs der Be­völ­ke­rung als Heil­mit­tel ver­kauft wor­den und sie glau­ben fest­stel­len zu kön­nen, dass es das Ge­gen­teil ist. Und je­mand wie von Ar­nim li­stet das Geld auf, was die EU-Ab­ge­ord­ne­ten ko­sten – oh­ne auf­zu­li­sten, was an sinn­lo­sen EU-Sub­ven­tio­nen auf­ge­bracht wird (das nur mit zwei Zei­len). Aber das »Un­be­ha­gen an der Kul­tur« geht nicht weg, nur weil man es leug­net. Es geht aber auch nicht weg, wenn je­mand wie von Ar­nim in ra­sen­der Rhe­to­rik je nach La­ge für und dann wie­der ge­gen et­was ist – und das in ei­nem Buch. Das ist pu­re Er­zeu­gung von Un­be­ha­gen; das Ge­gen­teil ei­nes Dis­kur­ses: Kra­wall­rhe­to­rik.

  4. Es gibt in der Ge­sell­schaft ja durch­aus ein Un­be­ha­gen an­ge­sichts der par­la­men­ta­ri­schen De­mo­kra­tie. Daß die Le­gi­ti­mi­tät der Ver­fas­sung in­fra­ge ge­stellt wür­de, hab ich al­ler­dings noch nicht er­fah­ren müs­sen. Rein sub­jek­tiv möch­te ich aber auch nicht wirk­lich, daß ein Ver­fas­sungs­ent­wurf ei­ner ge­ra­de an­satz­wei­se ent­na­zi­fi­zier­ten Be­völ­ke­rung zur Ab­stim­mung ge­stellt wor­den wä­re. Die mir be­kann­ten Be­den­ken rich­ten sich eher ge­gen die stän­di­gen Kor­rek­tu­ren und Auf­wei­chun­gen ge­ra­de der Grund­rech­te ei­ner­seits und dem Aus­blei­ben ei­nes ge­samt­deut­schen Ver­fas­sungs­pro­zes­ses nach der Wen­de an­de­rer­seits. von Ar­nim steckt wohl im Di­lem­ma je­des Au­tors : er muß – in ei­nem be­stimm­ten Zeit­rah­men – nach­lie­fern. Und da schien es schlicht Schlag­wor­te zu ge­ben, die ein neu­es Buch recht­fer­ti­gen, ei­nen Auf­hän­ger al­so. Und in der Tat gibt es sie ja auch. Eu­ro­pa ist ein un­über­sicht­li­ches, recht­lich im­mer noch viel­deu­ti­ges Ge­bil­de, und das Span­nungs­feld na­tio­na­ler Sou­ve­rä­ni­tät ge­gen po­li­ti­scher Ver­ei­ni­gung wird uns noch jahr­zehn­te­lang er­hal­ten blei­ben, auf der ge­sell­schaft­li­chen Ebe­ne se­he ich wohl noch län­ger kei­ne wirk­li­che Ak­zep­tanz der EU und lei­der auch kei­ne tra­gen­den Ver­su­che, dem sei­tens der EU, aber auch der Bun­des­re­gie­rung, ent­ge­gen­zu­wir­ken. Die Fra­ge nach der Leg­in­tini­tät von Ko­ali­tio­nen – und da­mit von Kor­rek­tu­ren am Wahl­pro­gramm – stellt sich mir über­haupt nicht : Die Wäh­ler wis­sen um das Wahl­sy­stem und dar­um, daß die­ses meist Kom­pro­mis­se er­for­der­lich macht, be­wuß­te­re Wäh­ler las­sen das so­gar in ih­re Wahl­ent­schei­dung ein­flie­ßen und ver­su­chen, Kor­rek­ti­ve zu set­zen.... Ei­ne ab­so­lu­te Mehr­heit ei­ner im Bun­des­tag ver­tre­te­nen Par­tei wä­re mir ein Graus....

  5. Ein­spruch
    ge­ra­de an­satz­wei­se ent­na­zi­fi­zier­ten Be­völ­ke­rung
    Das ist – mit Ver­laub – na­tür­lich Un­sinn. Und wor­in lä­ge denn die Al­ter­na­ti­ve? War­um hat man in Deutsch­land Angst vor in­sti­tu­tio­na­li­sier­ten Mehr­hei­ten in Deutsch­land und nicht in den USA oder Frank­reich? Als wä­ren hier Wei­ma­rer Ver­hält­nis­se. (Im Oba­ma-Hype ent­decke ich in Wirk­lich­keit tat­säch­lich ei­ne Hoff­nung auf die »gu­te Dik­ta­tur« – sie trügt.)

    Und was ist ei­ne Gro­ße Ko­ali­ti­on an­de­res als ei­ne ab­so­lu­te Mehr­heit? Ei­ne, die wie man in Öster­reich sieht, auf Dau­er schäd­li­cher für ei­ne De­mo­kra­tie ist, als Mehr­heits­re­gie­run­gen oder Ko­ali­tio­nen zwi­schen dis­pa­ri­tä­ri­schen Part­nern.

    An­fang der 80er Jah­re schien schon ein­mal die Welt un­ter­zu­ge­hen als die Volks­zäh­lung an­stand – und was ha­ben die Au­gu­ren für Sze­na­ri­en ge­malt, die al­le nicht ein­ge­tre­ten sind (u. a. weil es ein funk­tio­nie­ren­des BVerfG gab).

    In­ter­es­sant, dass man ei­ner­seits dem Volk nichts zu­traut, an­de­rer­seits auf Grund­rech­te re­kur­riert. Wo ist das Ver­trau­en – ein gro­sses Wort – in die Kraft des Ar­gu­ments, des Dis­kur­ses?

    Über die Le­gi­ti­ma­ti­on von Ko­ali­tio­nen gibt es in­ter­es­san­te Über­le­gun­gen bei Möl­lers; wo­bei die­ses Buch über­haupt sehr emp­feh­lens­wert ist (auch wenn es mir dann manch­mal zu op­ti­mi­stisch da­her­kommt).

  6. Ich mein­te, um das klar­zu­stel­len, die deut­sche Be­völ­ke­rung von 1949, nicht die heu­ti­ge, auch wenn ich Volks­ent­schei­de ge­ne­rell skep­tisch se­he. Ei­ne jetzt neu­ge­fass­te Ver­fas­sung wä­re auch in mei­nen Au­gen oh­ne Bür­ger­be­tei­li­gung min­de­stens pro­ble­ma­tisch – viel­leicht hat man des­halb ganz dar­auf ver­zich­tet.
    Ei­ne Gro­ße Ko­ali­ti­on ist na­tür­lich ei­ne ab­so­lu­te Mehr­heit, aber eben auch ei­ne Ko­ali­ti­on, die den Durch­marsch ei­nes un­ge­hemm­ten Par­tei­pro­gram­mes durch­aus ver­hin­dern könn­te. Daß sie nicht der Ide­al­fall ist, be­strei­te ich nicht, daß sie bei ei­ner so­wie­so vor­han­de­nen An­nä­he­rung der bei­den Volks­par­tei­en eher Pro­ble­me auf­wirft als löst, sei eben­falls zu­ge­ge­ben. Und ei­ne Dau­er­ein­rich­tung kann und darf so et­was selbst­ver­ständ­lich nicht sein, weil dann die par­la­men­ta­ri­sche De­mo­kra­tie ver­mut­lich ero­diert. Ver­pflich­ten müß­te man aber bei­de Par­tei­en auf Ent­schei­dun­gen ge­ne­rell, auf halt­ba­re Kom­pro­mis­se, die auch da­nach nur dann ge­än­dert wer­den dürf­ten, wenn es neue Fak­ten gibt, im be­son­de­ren. Der­zeit wer­den Ent­schei­dun­gen so ge­trof­fen, daß sie mit der Wahl ei­ner an­de­ren Ko­ali­ti­on eh re­vi­diert wer­den, um dann ei­ge­ne Ideo­lo­gie zu ver­tre­ten – sie­he Pfle­ge und Krank­heit – oder sie wer­den ganz aus­ge­setzt, weil man sich nicht ei­ni­gen will oder kann, oder weil ge­ra­de Wahl­kampf an­steht. Was die­se Gro­ße Ko­ali­ti­on dau­er­haft be­wirkt hat, kann man wohl erst ge­rau­me Zeit nach de­ren En­de be­wer­ten. Soll­te durch die Wahl im Herbst er­neut ei­ne Gro­ße Ko­ali­ti­on zu­stan­de kom­men, wä­re sie ver­mut­lich in­sta­bi­ler als die jetzt agie­ren­de, da die SPD in ihr wohl kein Land ge­win­nen kann – wie auch jetzt nicht....

  7. Okay,
    Du mein­test ei­ne Volks­ab­stim­mung über das GG 1949. Sor­ry, das hat­te ich an­ders ver­stan­den.

    Von Ar­nim mo­niert (na­tür­lich) auch, dass 1990 nicht über ei­ne neue, ge­mein­sa­me Ver­fas­sung ab­ge­stimmt wur­de und mel­det auch hier ver­fas­sungs­recht­li­che Be­den­ken an. Auch das hal­te ich nicht für ei­nen Ein­wand ge­gen das Grund­ge­setz.

    Ich bin sehr für ein re­la­ti­ves Mehr­heits­wahl­recht im Bund (und auch in den Län­dern), weil die Er­fah­rung eh zeigt, dass Bun­des­tag und Bun­des­rat fast im­mer kon­trä­re Mehr­heits­ver­hält­nis­se auf­wei­sen. Das Ver­hält­nis­wahl­recht hal­te ich aus vie­len Grün­den für schlecht; haupt­säch­lich des­halb, weil klei­ne Par­tei­en in Po­si­tio­nen kom­men, in de­nen sie auf­grund ih­res Wahl­er­geb­nis­ses nicht ge­hö­ren.

    Soll­te es im Herbst zu ei­ner Fort­set­zung der GK kom­men, so gä­be es im Bun­des­rat für die FDP ei­ne Ve­to­mög­lich­keit – de fac­to hät­ten wir ei­ne CDU/C­SU/SPD/F­DP-Re­gie­rung, die ir­gend­wann nichts mehr be­we­gen kann.

    Be­dau­er­lich bei den Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen 2005 war, dass über al­le Po­li­tik­fel­der je­weils ein Kom­pro­miss ge­fun­den wer­den muss­te und nicht be­stimm­te Punk­te ei­nem La­ger so­zu­sa­gen ex­klu­siv zu­ge­ord­net wur­de. Das Er­geb­nis sieht man bspw. in der Ge­sund­heits­po­li­tik – den Ge­sund­heits­fonds will nie­mand, ist aber das ein­zi­ge, wor­auf man sich ei­ni­gen konn­te.

    Stim­men die Vor­her­sa­gen und rech­net man die öster­rei­chi­schen Ver­hält­nis­se mit hin­ein ero­diert die Mehr­heit der GK suk­zes­si­ve je län­ger sie an­hält. in Deutsch­land wird man 2009 viel­leicht noch 63–64% be­kom­men (statt > 70%); ir­gend­wann nur noch knapp über 50%, usw.

  8. Na, das wä­re dann doch hef­tig, der jet­zi­gen Be­völ­ke­rung ein »an­satz­wei­se ent­na­zi­fi­ziert« zu be­schei­ni­gen. Nee, so bös­ar­tig / pes­si­mi­stisch bin ich denn doch nicht. ;) Und aus mei­ner Sicht muß es kei­ne neue Ver­fas­sung ge­ben, auch wenn ich mir durch den Ein­fluß der Be­dürf­nis­se Ost­deutsch­lands ei­ne et­was deut­li­che­re so­zia­le Aus­rich­tung ver­spro­chen hät­te. Ich fand das GG vor al­lem in den 20 er­sten Ar­ti­keln im­mer gut, so­fern sie durch nach­träg­li­che Än­de­run­gen nicht suk­zes­si­ve be­schnit­ten wur­den... (Ich bin al­ler­dings aus dem We­sten der Re­pu­blik, Ost­deut­sche ha­ben da ver­mut­lich ein et­was grö­ße­res Be­dürf­nis...)

  9. Das wun­dert mich kaum, dass:
    ...« Er kommt ei­nem manch­mal wie ein Feld­herr vor, der auf dem Schlacht­feld den Sitz der Uni­form hö­her be­wer­tet als die Aus­rü­stung sei­ner Sol­da­ten«.... da der auch aus ei­ner Fa­mi­lie stammt die fu­er je­de hun­dert Ge­ne­rä­le dem Preu­ssen­land nur ei­nen Dich­ter lie­fer­te! Man schau nur nach wie vie­le von Arnim’s da im drit­ten Reich noch im Mi­li­tär wa­ren. Dass das noch biss­chen an­hält ist zu er­war­ten. Ver­wand­ter 2ten oder 3ten Gra­des von mir. Ei­ner, der Gerd von, wur­de glaub ich In­spec­teur der Bun­des­wehr, er der jüng­ste und sei­ne drei äl­te­ren Brü­der -De­do, Dit­loff + Bernd – ka­men bei uns au­sser­halb Bre­men im Herbst 1944 an, per Pfer­de­wa­gen, aus Meck­len­burg,
    An­fang mei­ner »Idyl­li­schen Jah­re« die so bis 1947 dau­er­ten. Da wa­ren die Gross­müt­ter, ge­bo­re­ne von Ein­sie­del, Schwe­stern. Ein von Ein­sie­del, ein On­kel war dann ei­ne zeit­lang der äl­te­ste Bun­des­tag Ab­ge­or­de­te und glaub ich er­öff­ne­te das Par­li­a­ment, und ge­hör­te der PDS an!
    Ich wer­de mich spä­ter auch über das ge­ring­ste, oder ge­rin­ge­re all der Ue­bel, der De­mo­kra­tie, noch aus­las­sen.

  10. Vie­len Dank!
    Auf­grund Ih­rer Re­zen­si­on bin ich mir nun si­cher, dass ich mir die­ses Buch nicht zu kau­fen brau­che.

  11. Tja, wenn man al­so so viel Geld spart
    in dem man von Keu­sch­nig ne gu­te Re­zen­si­on liest,
    soll­te man dann viel­leicht ein vier­tel oder we­nig­stens ’nen
    Zehn­tel an den Re­zen­zen­ten Schicken, man tut’s doch dem
    Steu­er Be­ra­ter und an­de­ren Prie­stern??? Ich den­ke nur. m.r.

  12. Er er­wähnt je­doch nicht, dass die­se Ge­wal­ten­tren­nung, die er hier ver­fech­tet, mit dem Prin­zip der Ge­wal­ten­tei­lung gar nicht ge­meint ist. Ein An­fän­ger­feh­ler – oder vor­sätz­li­che Täu­schung des Le­sers?

    Viel­leicht trübt mei­ne Mü­dig­keit den Blick, aber im Prin­zip ist es doch rich­tig, dass ein Mi­ni­ster der über sein Ge­setzt ab­stimmt die Ge­wal­ten­tei­lung (teil­wei­se) au­ßer Kraft setzt (selbst wenn es na­tür­lich rich­tig ist, dass die Ab­ge­ord­ne­ten der ei­ge­nen Par­tei »be­fan­gen« sind), denn es ge­schieht doch ge­nau das, was man ver­hin­dern will, näm­lich dass sich zu­viel Macht ei­ner Hand sam­melt (wenn man das ei­ne Man­dat als An­fang sieht).

  13. Ge­wal­ten­tei­lung heisst nicht Ge­wal­ten­tren­nung. Na­tür­lich darf das Gre­mi­um, wel­ches die Ge­set­ze for­mu­liert nicht al­lei­ne über sie be­schlie­ssen. Aber als Be­stand­teil des Par­la­ments kön­nen sie durch­aus zu­stim­men. Wo setzt man denn den He­bel an? Beim Vor­sit­zen­den ei­nes Aus­schus­ses, der mit dem Mi­ni­ster und des­sen Stab das Ge­setz er­ar­bei­tet hat? Darf der als Ab­ge­ord­ne­ter auch nicht ab­stim­men? Wenn Ge­wal­tentren­nung das Prin­zip wä­re, dürf­ten ja tat­säch­lich die Ab­ge­ord­ne­ten der Regierungspartei(en) nicht ab­stim­men. Um­ge­kehrt müss­te ja dann ein Ab­ge­ord­ne­ter, der zum Mi­ni­ster er­nannt wird, sein Man­dat nie­der­le­gen.

    Ich se­he die Pro­ble­ma­tik im Ar­beits­auf­wand und in der Ver­gü­tung durch­aus – aber das hier Rechts­staatsürin­zi­pi­en ver­letzt wer­den, hal­te ich für rei­nen Alar­mis­mus.

    Mo­der­ne Staats­theo­re­ti­ker ge­hen heu­te eher da­von aus, dass die Ge­wal­ten über die Po­si­tio­nen Op­po­si­ti­on und Re­gie­rung ge­teilt und auch ge­trennt wer­den.

  14. Viel­leicht liegt es an den Be­griff­lich­kei­ten (ei­ne Tei­lung kann ja durch­aus Tren­nung be­deu­ten).

    Par­la­men­ta­ris­mus kann an­ders ei­gent­lich nicht funk­tio­nie­ren, denn sonst müss­te die Op­po­si­ti­on Ge­set­ze be­schlie­ßen.

    Mo­der­ne Staats­theo­re­ti­ker ge­hen heu­te eher da­von aus, dass die Ge­wal­ten über die Po­si­tio­nen Op­po­si­ti­on und Re­gie­rung ge­teilt und auch ge­trennt wer­den.

    Das über­zeugt mich nicht recht. Theo­re­tisch viel­leicht, aber da bis zur näch­sten Wahl mit­un­ter viel Zeit ist, kann die Op­po­si­ti­on nicht all­zu viel ma­chen, au­ßer Kri­tik üben und Miss­stän­de auf­zei­gen. Aber was dann? Ei­nen Miss­trau­ens­an­trag stel­len? Um für den ei­ne Mehr­heit zu be­kom­men, ist das Ge­wis­sen der Ab­ge­ord­ne­ten (der Re­gie­rungs­frak­ti­on) ent­schei­dend.

  15. @Metepsilonema
    Ich ha­be im Bei­trag ei­nen Auf­satz ver­linkt, der die The­se ein biss­chen il­lu­striert.

    Wie funk­tio­niert denn die Ge­wal­ten­tei­lung zwi­schen Par­la­ment und Re­gie­rung? Das Par­la­ment ist doch in der Pra­xis auch nicht »neu­tral«, weil es doch aus Ab­ge­ord­ne­ten auch der Regierungspartei(en) zu­sam­men­ge­setzt ist. Zwar gibt es kein im­pe­ra­ti­ves Man­dat, aber wie sieht es denn tat­säch­lich mit der Ge­wis­sens­frei­heit des Ab­ge­ord­ne­ten aus? Was, wenn ent­schei­den­de Ab­stim­mun­gen in­zwi­schen na­ment­lich statt­fin­den? Bei­spiels­wei­se ge­stern, als in Schles­wig Hol­stein über die Auf­lö­sung des Land­tags ab­ge­stimmt wur­de. SPD-»Abweichler« hat­ten auf­grund des Ab­stim­mungs­ver­fah­rens (per Hand­he­ben) kei­ne »Chan­ce«; die­ser kampf­hund­ähn­li­che SPD-Chef dort hät­te die gleich exe­ku­tiert.

    Du hast recht wenn Du sagst, dass ei­ne Kon­trol­le durch die Op­po­si­ti­on da­hin­ge­hend nicht kon­se­quent funk­tio­nie­ren kann, weil die­se ja im­mer in der Min­der­heit ist. Den­noch nicht aus­ge­sagt, dass die Re­gie­runs­gab­ge­ord­ne­ten »Stimm­vieh« sind. Op­po­si­ti­on be­deu­tet ja auch: Auf ei­ner an­de­ren par­la­men­ta­ri­schen Ebe­ne (in Deutsch­land durch den Bun­des­rat) Kon­trol­le aus­zu­üben.

    Was ist mit der Ge­wal­ten­tei­lung wenn es um die Er­nen­nung von Ju­stiz­be­am­ten oder Rich­tern geht? Wer­den hier nicht auch Grau­zo­nen be­tre­ten, die der »rei­nen Leh­re« wi­der­spre­chen?

    Die Idee der Ge­wal­tentren­nung stammt aus ei­ner Zeit, da es kei­ne Kon­trol­le für die Re­gie­rung (die meist au­to­kra­tisch agier­te) gab. Das Prin­zip ist im­mer noch rich­tig und wich­tig. Ich se­he nur nicht da­durch ge­fähr­det, dass vier oder sechs Mi­ni­ster auch gleich­zei­tig Ab­ge­ord­ne­te sind und über ih­re ei­ge­nen Ge­setz­ent­wür­fe mit ab­stim­men. Ich se­he es eher durch das still­schwei­gen­de Vor­aus­set­zen ei­nes im­pe­ra­ti­ven Man­dats ge­fähr­det – was von Ar­nim nur in zwei Ne­ben­sät­zen in­ner­halb von fast 400 Sei­ten an­klin­gen lässt.

    Die Kon­trol­le der Re­gie­rung durch des Par­la­ment be­darf an­de­rer Über­le­gun­gen als sie in dem Buch ge­äu­ssert wer­den. Da­her sprach ich po­le­misch von ei­nem »An­fän­ger­feh­ler« von Ar­nims, der ei­ne For­ma­lie kri­sti­siert statt das Pro­blem in der Brei­te zu er­fas­sen.

  16. Ja, den ha­be ich ge­le­sen (den ver­link­ten Ab­schnitt). Mein Pro­blem da­mit ist, dass er kan­tig und um­ständ­lich ge­schrie­ben ist: Ich ver­ste­he den Au­tor nicht in je­der Hin­sicht.

    Den Bun­des­rat ha­be ich ver­ges­sen, rich­tig. Trotz­dem – aber da sind wir ei­ner Mei­nung -, wä­re mehr Ab­stim­mungs­frei­heit für Ab­ge­ord­ne­te wün­schens­wert, und zu­gleich müss­te man den Ein­fluss al­ler Par­tei­mit­glie­der (»der Ba­sis«) stär­ken, und ih­nen maß­geb­li­chen Ein­fluss auf die Rei­hung und Auf­stel­lung der Ab­ge­ord­ne­ten zu er­mög­li­chen. Denn nur dann ist die größ­te Schwie­rig­keit (die Nicht­be­rück­sich­ti­gung für die näch­ste Wahl, wo­bei die Be­kannt­heit ei­nes Ab­ge­ord­ne­ten ihr ent­ge­gen­steht) sei­ne ab­wei­chen­de Mei­nung auch zu ver­tre­ten ab­ge­schwächt, bzw. aus­ge­räumt.

    Sonst hast du na­tür­lich recht, von Ar­nim macht aus ei­ner Maus ei­nen Ele­fan­ten.

  17. Wie kann man die Ab­stim­mungs­frei­heit stär­ken?
    Mein er­ster Re­flex: Al­le Ab­stim­mun­gen ge­heim zu ma­chen. Dann ha­be ich ge­le­sen: Man will mehr Trans­pa­renz und wis­sen, wie »mein« Ab­ge­ord­ne­ter ab­ge­stimmt hat. Auch wie­der nach­voll­zieh­bar. Dann aber muss an über­le­gen: Es ist nicht »mein« Ab­ge­ord­ne­ter – er hat kein im­pe­ra­ti­ves Man­dat vom Wäh­ler, son­dern ist nur sei­nem Ge­wis­sen ver­ant­wort­lich. Die­se Ge­wis­sens­ent­schei­dung kann je­doch durch die ge­hei­me Ab­stim­mung per­ver­tiert wer­den (»Ra­che«).

    Mei­nes Er­ach­tens kommt nur ei­ne Mi­schung aus meh­ren Punk­ten in­fra­ge:

    - Über es­sen­ti­el­le Ent­schei­dun­gen ist ge­heim ab­zu­stim­men.
    – Ab­ge­ord­ne­te sind nur für ma­xi­mal drei Wahl­pe­ri­oden à je 4 Jah­re wähl­bar.
    – Es darf nach dem Man­dat fünf Jah­re kei­ne wirt­schaft­li­che Tä­tig­keit aus­ge­übt wer­den, die mit dem vor­an­ge­gan­ge­nen po­li­ti­schen Man­dat in Ver­bin­dung zu brin­gen ist.
    – Das Wahl­recht wird ver­än­dert (ich blei­be mal da­bei; trotz al­ler Ein­wän­de, die ich durch­aus se­he).
    – Es wird ein Quo­rum für par­tei­lo­se Kan­di­da­ten ein­ge­führt.
    – Ab­ge­ord­ne­ten sind al­le an­de­ren Tä­tig­kei­ten un­ter­sagt. Al­so kei­ne Auf­sichts­rat- oder son­sti­gen Po­sten. Da­für er­hal­ten sie ei­ne ho­he Ver­gü­tung – al­ler­dings oh­ne Pen­si­ons­an­sprü­che.

  18. Wel­che Ab­stim­mungs­frei­heit?

    Ab­ge­ord­ne­ten sind al­le an­de­ren Tä­tig­kei­ten un­ter­sagt. Al­so kei­ne Auf­sichts­rat- oder son­sti­gen Po­sten. Da­für er­hal­ten sie ei­ne ho­he Ver­gü­tung – al­ler­dings oh­ne Pen­si­ons­an­sprü­che.

    Im Prin­zip wür­de ich dies auch be­vor­zu­gen. Die Pra­xis sieht aber heu­te mei­stens an­ders aus, da die Kom­ple­xi­tät der Fra­gen häu­fig so hoch ist, dass nur aus­ge­wie­se­ne Fach­leu­te in der La­ge sind, re­le­van­te Aus­sa­gen zu ma­chen. In den sel­ten­sten Fäl­len wird dies ein Ab­ge­ord­ne­ter kön­nen, so dass Fremd­in­ter­es­sen in Form von Be­ra­tern auf die­sem We­ge im­ma­nent be­tei­ligt sind. Bei ver­wal­tungs­recht­li­chen Fra­gen könn­te dies meist noch von Mit­ar­bei­tern der Mi­ni­ste­ri­en be­werk­stel­ligt wer­den. Bei den zu­kunfts­wei­sen­den Ent­schei­dun­gen han­delt es sich aber sel­ten um rein po­li­ti­sche oder ver­wal­tungs­tech­ni­sche Fra­gen wie noch zu Zei­ten Ade­nau­ers oder Brandts. Viel­leicht ist es das, was ei­nen Miß­fel­der pro­du­ziert.

    Und wie viel kommt da­von noch beim Wäh­ler an? Bei wel­chen Fra­gen kann sich der 08/15-Wäh­ler noch ei­ne ei­ge­ne Mei­nung bil­den, wie z.B. bei der Ost­po­li­tik? Ei­gent­lich bei den we­nig­sten, was na­tür­lich di­rekt zu Po­li­tik­ver­dros­sen­heit füh­ren muss, wenn kei­ne Kau­sal­zu­sam­men­hän­ge von Po­li­tik und Rea­li­tät mehr er­kannt wer­den kön­nen. Ich hat­te ja ge­le­gent­lich an­ge­deu­tet, dass ich auf Grund des ge­rin­gen Kennt­nis­stan­des des Wahl­vol­kes die De­mo­kra­tie im we­sent­li­chen für Au­gen­wi­sche­rei hal­te, die nur das Ab­ge­lei­ten in die Ex­tre­me ver­hin­dern kann. Ich be­haup­te, dass nicht mal ein Pro­mil­le der Wäh­ler bei den re­le­van­ten The­men wie En­er­gie, Gesundheit/Pflege, Ren­te, Fi­nan­zen und Au­ßen­po­li­tik auch nur ober­fläch­li­ches Wis­sen hat.

  19. @Peter42
    Die Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten von NRW er­hal­ten ja be­reits re­la­tiv ho­he Diä­ten – und müs­sen da­bei ih­re Al­ters­ver­sor­gung sel­ber vor­neh­men.

    Das Pro­blem des Ex­per­ten­tums exi­stiert zwei­fel­los – was ja noch eher da­für spricht, dass Ab­ge­ord­ne­te sich nicht noch in Auf­sichts­rä­ten tum­meln sol­len. Der Grad ei­nem ge­wis­sen Lob­by­is­mus nicht zu er­lie­gen ist si­cher­lich schmal; im Zwei­fel ist es ein­fa­cher, den sich an­bie­ten­den »Ex­per­ten« zu neh­men statt nach ei­nem un­ab­hän­gi­gen zu su­chen. Das Pro­blem dürf­te in­zwi­schen sein, dass der Be­griff des »Ex­per­ten« nicht ge­schützt ist – man sieht ja in der Ban­ken- und Fi­nanz­welt, was die­se Leu­te für Ein­schät­zun­gen ab­ge­ge­ben hat­ten.

    Ich bin mir nicht so ganz si­cher, ob die Kom­ple­xi­tät, die man im­mer so pro­kla­miert nicht auch ein biss­chen Flucht vor dem ein­fa­chen Han­deln dar­stellt. Na­tür­lich ist Atom­kraft bzw. Atom­ener­gie ein kom­ple­xes The­ma. Aber es lässt sich, wenn man es möch­te, »her­un­ter­bre­chen« auf ent­schei­den­de und auch ein­fa­che Fra­gen – die der Ent­sor­gung bspw. und der Be­hand­lung der zu ent­sor­gen­den Pro­duk­te. Kei­ne Im­biß­bu­de in Deutsch­land darf ihr ab­ge­lau­fe­nes Öl ein­fach in den Aus­guss kip­pen – in­so­fern sind be­stimm­te Sa­chen mei­nes Er­ach­tens in der Kon­se­quenz recht ein­fach.

  20. Das Für und Wi­der der Atom­kraft wä­re mir gar nicht ein­ge­fal­len, da al­le we­sent­li­chen Ar­gu­men­te seit Jah­ren auf dem Tisch lie­gen.

    Was ist aber mit der lang­fri­sti­gen En­er­gie­stra­te­gie? Die schwie­ri­ge In­te­gra­ti­on der al­ter­na­ti­ven En­er­gi­en in ei­nem In­du­strie­land, die An­teil­nah­me am klei­ner wer­den­den Ku­chen der fos­si­len En­er­gie­trä­ger mit all sei­nen Fol­gen für die Au­ßen­po­li­tik, der Kon­flikt zwi­schen Kli­ma­po­li­tik und En­er­gie­ver­brauch und schluss­end­lich auch der Kon­flikt zwi­schen En­er­gie­ein­spa­rung und Brut­to­so­zi­al­pro­dukt. All das un­ter ei­nen Hut zu be­kom­men, ist ei­ne Her­ku­les­auf­ga­be die so­wohl enor­mes Wis­sen aus vie­len Ka­te­go­ri­en, als auch stra­te­gi­sches Den­ken ver­langt. Und das ver­langt von den Po­li­ti­kern auch Fä­hig­kei­ten die all­ge­mein dra­ma­tisch bes­ser be­zahlt wer­den (so fühlt sich wahr­schein­lich mo­men­tan ein bul­ga­ri­scher Eu­ro­pa­ab­ge­ord­ne­ter).

    Das hilf­lo­se Rum­ge­krüm­mel Stein­mei­ers z.B. ist da eher pein­lich. Es ist eben die Kunst der Po­li­tik, das The­ma zu er­ken­nen, das man aus den vie­len her­aus­greift und dem Wäh­ler prä­sen­tiert. So wie die FDP das mo­no­the­ma­ti­sche Steu­er­sen­ken noch als hilf­reich ge­gen Läu­se pro­pa­giert, se­hen wir bei der SPD ge­ra­de das The­men­hop­ping. Da sind dei­ne For­de­run­gen schon sehr viel wei­ter.

  21. @Gregor

    Grund­sätz­lich kann man nicht er­war­ten, dass man ei­nen Rah­men schaf­fen kann, der Miss­brauch oder Un­zu­läng­lich­kei­ten völ­lig ab­schafft – was man aber tun kann, ist ihn zu ver­bes­sern und sie we­ni­ger wahr­schein­lich ma­chen. Dei­nen Vor­schlä­gen stim­me ich zu, wo­bei ich Wahl­rechts­fra­gen da­von un­ab­hän­gig dis­ku­tie­ren wür­de. Bei der zeit­li­chen Ein­schrän­kung der Ab­ge­ord­ne­ten­tä­tig­keit ge­be ich zu be­den­ken, dass 12 bzw. 15 Jah­re zwar ei­nen lan­gen Zeit­raum dar­stel­len, der aber auch ein Hemm­schuh sein kann: Für je­man­den der sich da­zu be­ru­fen fühlt, der län­ger blei­ben möch­te, der sei­ne Sa­che tat­säch­lich gut macht – und: Wer weiß, dass er bald wie­der »raus« ist, be­ginnt erst recht Kon­tak­te zu knüp­fen, und ne­ben­bei tä­tig zu wer­den. An­de­rer­seits kann er in an­de­re Gre­mi­en, an an­de­re Po­sten ge­lan­gen oder ins Eu­ro­pa­par­la­ment wech­seln.

    Für sehr wich­tig halt ich (was Du mit dem Quo­rum auch in­di­rekt an­sprichst), dass das Nach­rücken von neu­en Kan­di­da­ten bzw. der Wett­be­werb er­leich­tert wird (man er­hält auf die Fra­ge nach dem po­li­ti­schen Tä­tig­wer­den im­mer wie­der Ant­wor­ten, dass man sich Par­tei­struk­tu­ren beu­gen muss, und kei­ne Chan­ce hat in die Li­sten zu ge­lan­gen). Das sprä­che dann wie­der da­für die Ab­ge­ord­ne­ten­zeit zu be­schrän­ken.

    @Peter42

    De­mo­kra­tie braucht Zeit (um et­was Wer­bung in ei­ge­ner Sa­che zu ma­chen).

    Grund­sätz­lich gilt: Je ge­nau­er man sich mit ei­nem Pro­blem be­schäf­tigt, de­sto kom­pli­zier­ter wird es, und de­sto mehr Zeit muss man in­ve­stie­ren.

    De­mo­kra­tie ist (auch) ei­ne Bring­schuld. Der Bür­ger soll­te sich mit Po­li­tik be­fas­sen, und zwar in dem zeit­li­chen Rah­men der ihm zur Ver­fü­gung steht. Er muss nicht über al­les be­scheid wis­sen (er ist ja nicht al­lei­ne), und nicht al­le De­tails ken­nen: Man kann Pro­ble­me her­un­ter bre­chen (wie Gre­gor schon fest­ge­stellt hat), es gibt Me­di­en über die man sich in­for­mie­ren kann, und po­li­ti­sche Pro­gram­me zu le­sen – das ist m.E. mehr ei­ne Fra­ge des Wol­lens denn des Kön­nens (wenn wir vom Zeit­auf­wand ein­mal ab­se­hen). Das Bil­den ei­ner ei­ge­nen Mei­nung ist durch die viel grö­ße­re Ver­füg­bar­keit an Quel­len heu­te leich­ter denn je (was schwie­ri­ger wur­de ist die Ver­läss­lich­keits­prü­fung von Quel­len).

    Was die Pro­ble­ma­tik der ex­ter­nen Ex­per­ten und Be­ra­ter an­geht: Po­li­tik stellt ja auch et­was wie ei­nen In­ter­es­sens­aus­gleich dar: Man darf sich nicht im­mer auf nur ei­nen Ex­per­ten ver­las­sen bzw. kann man je­mand der ei­ne ge­gen­tei­li­ge Mei­nung ver­tritt hin­zu­zie­hen. Schlecht ist nicht die Prä­senz von In­ter­es­sen, son­dern de­ren un­glei­che Ge­wich­tung.

  22. @Metepsilonema
    Ich fin­de, 12 Jah­re sind ei­ne lan­ge Zeit (15 wä­re mir schon zu­viel), wo­bei ei­ne »Ver­schie­bung« hin zu ei­nem an­de­ren Par­la­ment aus­ge­schlos­sen sein müss­te.

    Den Zeit­raum noch en­ger zu be­gren­zen hal­te ich für pro­ble­ma­tisch. Wir ver­lan­gen auf der ei­nen Sei­te, dass sich Po­li­ti­ker in ih­re Äm­ter ein­ar­bei­ten – an­de­rer­seits sol­len sie aber kei­ne »Be­rufs­po­li­ti­ker« sein. Da­mit der Ef­fekt der Po­sten­be­schaff­nung nicht zu früh ein­tritt, soll­te ei­ne ge­wis­se »Si­cher­heit« ge­ge­ben wer­den.

    Das The­ma »Bring­schuld« des Bür­gers hal­te ich für ei­nen sehr wich­ti­ge Kom­po­nen­te, die lei­der sehr oft ver­nach­läs­sigt wird. Dei­ne The­se, dass De­mo­kra­tie Zeit braucht, stimmt zwar, aber ich wür­de sie ger­ne ein biss­chen ab­ge­wan­delt se­hen: De­mo­kra­tie braucht Prio­ri­tät! Wo­bei ich nichts da­ge­gen ha­be, wenn ei­enr sagt, er hat kein In­ter­es­se an Po­li­tik bzw. kein In­ter­es­se, sich mit Po­li­tik zu be­schäf­ti­gen. Dann soll­te er je­doch m. E: gleich­zei­tig das Jam­mern und la­gen über »die« Po­lit­ker blei­ben las­sen. Ent­we­der – oder. (Wo­bei ich noch nicht ein­mal über die Be­reit­schaft re­de, sich in die »Och­sen­tour« der Par­tei­en ein­bin­den zu las­sen – das ist in der Tat sehr be­denk­lich und dass man hier­vor zu­rück­schreckt, kann ich sehr gut ver­ste­hen.)

    @Peter42
    Me­tep­si­lo­n­e­mas letz­ter Satz »Schlecht ist nicht die Prä­senz von In­ter­es­sen, son­dern de­ren un­glei­che Ge­wich­tung.« fin­de ich sehr wich­tig. Er ist in der Kon­se­quenz sehr nah an Möl­lers’ The­sen. Ich hal­te Lob­by­is­mus per se nicht für schlimm – nor­ma­ler­wei­se müss­te es rei­chen, ihn als sol­chen zu er­ken­nen und dann rich­tig ge­wich­ten zu kön­nen. Auch Green­peace be­treibt Lob­by­is­mus – es ist nur sehr ge­schickt, wie die­ser in der Öf­fent­lich­keit (1.) gar nicht als sol­cher wahr­ge­nom­men wird und (2.) als »gut« gilt.

  23. @Gregor
    Es geht mir nicht um Lob­by­is­mus, der ne­ben sei­nen häss­li­chen Sei­ten ja auch ein­fach In­for­ma­ti­ons­ge­winn be­deu­ten kann. Die An­for­de­run­gen an den Ab­ge­ord­ne­ten dies nur in die­sem Sin­ne zu nut­zen, sind aber fast schon über­mensch­lich. Es geht mir um die Fäl­le, bei de­nen die Ge­set­zes­tex­te di­rekt von Mit­ar­bei­tern der be­trof­fe­nen Fir­men ge­schrie­ben wur­den, da die Kom­pe­tenz in der Po­li­tik ein­fach nicht mehr vor­han­den war (und da­mit erst recht nicht beim Wäh­ler). Das ist nicht mehr ge­sund und wird in Zu­kunft auf Grund der kom­ple­xer wer­den­den Welt ver­mut­lich öf­ter der Fall sein.

    @Metepsilonema
    Dan­ke für den Link. Mein Men­schen­bild sieht je­doch deut­lich dü­ste­rer aus, da du da­von aus­gehst, dass ei­ne Zu­mu­tung prin­zi­pi­ell ak­zep­tiert wird. Ich glau­be aber gro­ße Tei­le der Be­völ­ke­rung er­hal­ten nur ei­ne In­for­ma­ti­onmen­ge, wie man sie ge­ra­de nicht ver­mei­den kann.
    Könn­te man die Sprün­ge der Auf­merk­sam­keit mes­sen, die Lei­stun­gen der Au­gen­mus­keln, die Pen­del­be­we­gun­gen der See­le und al­le die An­stren­gun­gen, die ein Mensch voll­brin­gen muß, um sich im Fluß ei­ner Stra­ße auf­recht zu hal­ten, es kä­me ver­mut­lich ... ei­ne Grö­ße her­aus, mit der ver­gli­chen die Kraft, die At­las braucht, um die Welt zu stem­men, ge­ring ist, und man könn­te er­mes­sen, welch un­ge­heu­re Lei­stung heu­te schon ein Mensch voll­bringt, der gar nichts tut. Ro­bert Mu­sil, Der Mann oh­ne Ei­gen­schaf­ten
    In ei­ner Grup­pe von ca. vier­zig Men­schen meist hö­he­rer Bil­dung z.B. wur­de ei­ne Wo­che vor der Eu­ro­pa­wahl ge­fragt, wel­che Wäh­rung in Kroa­ti­en gilt. Kei­ner wuss­te es, was nicht schlimm ist. Es wuss­te aber auch kei­ner, ob Kroa­ti­en Mit­glied der EU ist. Man war der Mei­nung, dass auch Län­der au­ßer­halb der EU den Eu­ro ein­ge­führt ha­ben. Die aben­teu­er­lich­sten The­sen mal ganz au­ßen vor ge­las­sen. Pars pro to­to.

    Noch ein klei­nes Bei­spiel mei­ner De­mo­kra­tie­mü­dig­keit: In mei­ner Hei­mat­stadt woll­te die Stadt Ver­sor­ger pri­va­ti­sie­ren. Der Wi­der­stand war groß und ein Bür­ger­ent­scheid schmet­ter­te dies ab. Zwei Jah­re spä­ter mein­te die Stadt es wä­re an der Zeit ei­ne er­neu­ten Ver­such zu wa­gen, was aber wie­der mit dies­mal knap­per Mehr­heit nicht ge­lang. Wei­te­re zwei Jah­re spä­ter war die Wahl­be­tei­li­gung so ge­ring, dass Was­ser­werk etc. ver­kloppt wer­den konn­ten. Mitt­ler­wei­le ist klar (wie zu er­war­ten), dass es sich nur um ein Stroh­feu­er im Haus­halt han­del­te und die Fol­ge­ko­sten für die Bür­ger groß sind. Ich brau­che nicht zu er­wäh­nen, dass wei­te­re zwei Jah­re spä­ter nicht ab­ge­stimmt wur­de, ob die Ver­sor­ger wie­der von der Stadt über­nom­men wer­den soll­ten. Das war im Klei­nen. Im Gro­ßen ist es dann die Ab­stim­mung der Iren die nicht passt und ein­fach nach Scham­frist wie­der­holt wird (als Frank­reich so ab­stimm­te, ging das nicht). Auch ei­ne ge­wähl­te Ha­mas oder ein ge­wähl­ter Ah­ma­di­ned­schad darf ge­trost als il­le­gi­tim be­han­delt wer­den. Nicht das die­se Wahl­sie­ger an­ge­nehm wä­ren. Aber wenn man schon Wah­len for­dert, soll­te man auch mit den Er­geb­nis­sen le­ben kön­nen.

  24. @Gregor
    De­mo­kra­tie braucht Prio­ri­tät! Selbst­ver­ständ­lich, aber ich wüss­te nicht wie man sich ihr an­ders als über die Zeit­pro­ble­ma­tik nä­hern soll­te. Hast Du ei­ne an­de­re Idee bzw. ei­nen an­de­ren Zu­gang?

    @Peter
    De­mo­kra­tie ver­kraf­tet, dass sich nicht je­der um Po­li­tik küm­mert, al­ler­dings soll­te das schon ei­ne deut­li­che Mehr­heit tun (In­for­ma­ti­on muss auch im­mer so do­siert sein, dass sie den Emp­fän­ger nicht lahm­legt, d.h. klei­ne Do­sen sind even­tu­ell bes­ser als zu gro­ße – schö­nes Zi­tat!). Ich glau­be schon, dass Men­schen Zu­mu­tun­gen ak­zep­tie­ren kön­nen, wenn sie die­se als Not­wen­dig­keit ein­se­hen (au­ßer­dem ist De­mo­kra­tie ja nicht nur Zu­mu­tung). Falls dem nicht so ist, dann ist in der Tat frag­lich, ob De­mo­kra­tie funk­tio­nie­ren kann, und da­mit sind wir auch schon bei der Sy­stem­fra­ge: Was kann ei­ne brauch­ba­re Al­ter­na­ti­ve sein? Ich ste­he da ziem­lich rat­los da (was aber durch­aus nichts be­deu­ten muss). Ich ver­ste­he auch gut, dass man de­mo­kra­tie­mü­de sein kann, und ich selbst se­he im­mer wie­der, dass mein Wis­sen und mei­ne Be­mü­hun­gen nicht aus­rei­chen. Aber wo­für rei­chen sie nicht? Um ein Ide­al zu er­fül­len? Dann soll­te uns das viel­leicht so­gar ein we­nig po­si­tiv stim­men. Oder man fragt an­ders her­um: Wel­ches Sy­stem bie­tet die ge­ring­sten Nach­tei­le?

    Rich­tig ist, dass Ab­stim­mun­gen zu Far­ce wer­den, wenn man so oft ab­stim­men lässt bist das Er­geb­nis passt, da darf sich kein Mensch wun­dern, dass vie­le eu­ro­pa­mü­de sind. Gab es bei der Ab­stim­mung in Dei­ner Hei­mat­stadt kei­ne Ver­bind­lich­keit (das wun­dert mich, zwei Jah­re sind kein Zeit­raum der ei­ne neue Ab­stim­mung recht­fer­ti­gen wür­de)?

    Es geht mir um die Fäl­le, bei de­nen die Ge­set­zes­tex­te di­rekt von Mit­ar­bei­tern der be­trof­fe­nen Fir­men ge­schrie­ben wur­den, da die Kom­pe­tenz in der Po­li­tik ein­fach nicht mehr vor­han­den war (und da­mit erst recht nicht beim Wäh­ler).

    Es wä­re wich­tig zu wis­sen, ob das den Ab­ge­ord­ne­ten tat­säch­lich nicht be­wusst war, oder ob sie den Lob­by­is­mus ge­bil­ligt ha­ben (z.B. weil er ih­ren ei­ge­nen In­ter­es­sen und An­sich­ten ent­sprach oder sie sich Vor­tei­le bei Wah­len er­hoff­ten; hier ein schö­nes Bei­spiel).

  25. @Metepsilonema – Prio­ri­tät und Zeit
    Zeit ist zu un­ge­nau. Man kann si­cher­lich ganz schnell nach­wei­sen, dass der »nor­ma­le« Bür­ger viel mehr »freie« Zeit (= Zeit, in der er nicht mit­tel- oder un­mit­tel­bar für sei­nen Le­bens­un­ter­halt zu sor­gen hat) zur Ver­fü­gung hat als bspw. noch in den 1950er Jah­ren. Die­se freie Zeit führt je­doch nicht zwangs­läu­fig zu ei­nem Mehr an bspw. kul­tu­rel­ler oder po­li­ti­scher Be­schäf­ti­gung. Statt­des­sen hat ei­ne Frei­zeit­in­du­strie die »Ver­wal­tung« die­ser frei­en Zeit über­nom­men – Stich­wort Event­kul­tur. Das Fern­se­hen, an­fangs als Bil­dungs­me­di­um ge­dacht (nicht Er­zie­hungs­me­di­um üb­ri­gens; das wird ger­ne ver­wech­selt), hat hier kläg­lich ver­sagt (was teil­wei­se Schuld der Po­li­tik ist).

    Die Leu­te ha­ben mehr freie Zeit, ver­brin­gen die­se je­doch mit­nich­ten mit dem Le­sen po­li­ti­scher Hin­ter­grün­de oder hoch­gei­sti­ger Li­te­ra­tur. Das Pro­blem ist na­tür­lich be­kannt. Die Ver­lockun­gen de Frei­zeit­in­du­strie sind ein­fach zu gross. Die Be­schäf­ti­gung mit Po­li­tik hat kei­ne Prio­ri­tät.

    Dein Dik­tum: De­mo­kra­tie braucht Zeit bleibt na­tür­lich rich­tig. Aber al­le »Ein­rich­tun­gen« von Zeit sind da­hin­ge­hend ge­schei­tert, dass man eben nicht die Par­tei­pro­gram­me liest oder sich über al­ter­na­ti­ve En­er­gi­en in­for­miert, son­dern lie­ber auf die Kir­mes geht oder ein Fuss­ball­spiel kon­su­miert.

    Ich glau­be, dass das Zeit­ar­gu­ment letzt­lich ei­ne Aus­re­de der­je­ni­gen ist, die ihr Des­in­ter­es­se da­mit ver­brä­men.

    Peter42 ant­wor­te ich noch se­pa­rat

  26. Die Fra­ge ist im­mer wer mit dem »nor­ma­len Bür­ger« ge­meint ist: Ein Stu­dent? Ein Pen­sio­nist? Ei­ne al­lein ste­hen­de Mut­ter? Ei­gent­lich ha­be ich da­zu vor ei­ni­ger Zeit ei­nen Ar­ti­kel an­ge­dacht. Mal se­hen...

    Aber ich ver­ste­he Dich schon, ich saß z.B. Frei­tag abends mit Freun­den zu­sam­men: Die gan­zen drei Stun­den fiel kein ein­zi­ges Wort über Po­li­tik.

  27. Die gan­zen drei Stun­den fiel kein ein­zi­ges Wort über Po­li­tik.
    Das fin­de ich in der Kon­se­quenz gar nicht so schlimm. D. h. wenn es ei­ne Ent­schei­dung be­wusst ge­gen Po­li­tik ist. Was mir miss­fällt ist die­se An­spruchs­hal­tung, die Leu­te an die Po­li­tik he­gen, aber sel­ber nicht be­reit sind, hier­für auch et­was ein­zu­brin­gen (= Bring­schuld!).

  28. @Peter42
    Es gibt zwei Pro­ble­me, die Du an­sprichst.

    Zu­nächst sagst Du: Ich glau­be aber gro­ße Tei­le der Be­völ­ke­rung er­hal­ten nur ei­ne In­for­ma­ti­onmen­ge, wie man sie ge­ra­de nicht ver­mei­den kann.
    Das mag ja sein, aber ver­ant­wort­lich hier­für ist der Bür­ger sel­ber. Er hat näm­lich tat­säch­lich (in den mei­sten Fäl­len) die Mög­lich­keit sei­ne In­for­ma­tio­nen zu ver­voll­stän­di­gen, zu ak­tua­li­sie­ren, zu di­ver­si­fi­zie­ren und zu klas­si­fi­zie­ren. Dies je­doch setzt ein ir­gend­wie ge­ar­te­tes En­ga­ge­ment oder auch nur ein In­ter­es­se vor­aus. Wenn dies fehlt (sie­he un­ten zum The­ma De­mo­kra­tie und Zeit) ist das gar nicht schlimm – aber dann soll­te man we­der das gro­sse Kla­gen be­gin­nen, noch – und ich weiss, was ich sa­ge – sich an Wah­len be­tei­li­gen. Ich hal­te es tat­säch­lich für sinn­vol­ler, wenn bei ei­ner Wahl nur die Leu­te ab­stim­men, die ein In­ter­es­se an po­li­ti­schen Er­eig­nis­sen ha­ben. Der Ap­pell, doch bit­te zur Wahl zu ge­hen, nur um dann »zur Wahl zu ge­hen«, geht mir nicht von den Lip­pen; ich hal­te ihn für falsch. (So ganz wür­de ich ei­ne Art »Wahl­qua­li­fi­ka­ti­on« nicht ab­leh­nen, in der der Stimm­be­rech­tig­te ei­ni­ge ele­men­ta­re Fra­gen zu be­ant­wor­ten hat, be­vor sei­ne Stim­me ge­wer­tet gibt – dies ist je­doch mit dem Gleich­heits­grund­satz un­ter den heu­ti­gen Ge­sichts­punk­ten, wie dies in­ter­pre­tiert wird, nicht zu ma­chen.)

    Zum The­ma Volks­ab­stim­mun­gen und die »un­be­que­men Mehr­hei­ten« lie­sse sich viel sa­gen. Nur so­viel: Das The­ma ist ja nicht neu. In der Schweiz wur­de re­la­tiv oft der Bei­tritt der Schweiz zur UNO dis­ku­tiert. Dann gab es ei­ne Ab­stim­mung – sie ging ne­ga­tiv aus. Ein paar Jah­re spä­ter wur­de wie­der dar­über ab­ge­stimmt und sie­he, plötz­lich gab es (wenn ich mich recht er­in­ne­re ei­ne knap­pe) Mehr­heit da­für. Merk­wür­di­ger­wei­se kommt jetzt nie­mand mehr auf Idee für ein Re­fe­ren­dum, den Aus­tritt aus der UNO zu for­dern.

    Gar kein Zwei­fel dar­an, dass die De­mo­kra­tie Scha­den nimmt, wenn die Wahl der Bür­ger igno­riert wird bzw. so lan­ge ge­wählt wird, bis die Geg­ner ka­pi­tu­lie­ren und das Er­geb­nis »stimmt«. Es kann na­tür­lich sein, dass sich zwi­schen­zeit­lich an­de­re Ar­gu­men­te er­ge­ben ha­ben, die ei­ne er­neu­te Ab­stim­mung recht­fer­ti­gen könn­ten. Das Pro­blem wä­re evtl. zu lö­sen, wenn die Sach­ver­hal­te, über die ab­ge­stimmt wür­de, in glei­chem Ma­ße zeit­lich fi­xiert wä­ren, wie bei­spiels­wei­se die Le­gis­la­tur­pe­ri­ode. Wenn es al­so ei­ne Ab­stim­mung für oder wi­der den ver­kauf des Was­ser­werks gibt, dann ist die Ent­schei­dung – egal wie sie aus­fällt – für vier Jah­re bin­dend.

    @metepsilonema – Bring­schuld
    Sie exi­stiert, aber sie kann höch­stens mo­ra­lisch ein­ge­for­dert wer­den. Mein Vor­schlag oben (Stich­wort »Wahl­qua­li­fi­ka­ti­on«) wi­der­sprä­che dem Gleich­heits­ge­dan­ken, den wir der­zeit kon­sen­su­ell pfle­gen. Lang­fri­stig kom­men wir aber nicht drum­her­um, Leu­ten, die die­se Bring­schuld nicht in ir­gend­ei­ner Form er­brin­gen und nach­wei­sen kön­nen, von grund­le­gen­den Ent­schei­dun­gen zu­nächst ein­mal aus­zu­neh­men. Aber die­ses The­ma ist hei­kel.

  29. @Gregor
    Ich fürch­te fast, dass al­le Ver­su­che die­se Bring­schuld »ein­zu­for­dern« schei­tern müs­sen, bzw. eher das Ge­gen­teil be­wir­ken, denn so bald man beim Test durch­fällt, wird man ant­wor­ten: »Wenn man mich nicht ha­ben will dann eben nicht...« – oder oh­ne­hin über die Eig­nungs­prü­fung er­bost sein.

  30. @metepsilonema

    ...und da­mit sind wir auch schon bei der Sy­stem­fra­ge: Was kann ei­ne brauch­ba­re Al­ter­na­ti­ve sein? Ich ste­he da ziem­lich rat­los da...

    Ich glau­be nicht, dass sich die Sy­stem­fra­ge stellt. Durch die Glo­ba­li­sie­rung hat sich aber bei uns ei­ne Schief­la­ge er­ge­ben, auf die re­agiert wer­den muss. So­lan­ge noch je­des Jahr mehr zu ver­tei­len war, wur­de die sy­stem­im­ma­nen­te Un­ge­rech­tig­keit ni­vel­liert. In der heu­ti­gen mul­ti­plen Man­gel­wirt­schaft tritt dies viel deut­li­cher zu Ta­ge und er­for­dert ei­ne Lö­sung. Man er­set­ze schon mal in den Kampf­lie­dern Ar­bei­ter durch Dienst­lei­ster.

    @Gregor

    ...aber ver­ant­wort­lich hier­für ist der Bür­ger sel­ber. Er hat näm­lich tat­säch­lich (in den mei­sten Fäl­len) die Mög­lich­keit sei­ne In­for­ma­tio­nen zu ver­voll­stän­di­gen...

    Schwie­rig. Es ist ja kein neu­es Pro­blem, dass ge­ra­de die ge­mä­ßigt lin­ken Par­tei­en ein Mo­bi­li­sie­rungs­pro­blem ha­ben. Das Er­geb­nis ei­ner Wahl wird un­ter der An­nah­me der feh­len­den Wich­tig­keit für Tei­le der Be­völ­ke­rung im­mer nicht re­prä­sen­ta­tiv sein. Die Schuld­fra­ge kann mei­ner Mei­nung nach da­bei nicht non­cha­lant den Men­schen sel­ber ge­ben wer­den, wenn sie nie in der La­ge wa­ren die­se Schuld so zu er­ken­nen. Das er­in­nert mich an die­se fan­ta­sti­sche Öff­nung des Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­mark­tes, bei der man Oma Ka­wup­ke an den Kopf schmeisst, dass sie doch hät­te er­ken­nen müs­sen, dass sie zwi­schen 20:00 und 21:00 Uhr an Werk­ta­gen mehr te­le­fo­niert als Sonn­tags­mor­gens in Ent­fer­nun­gen zwi­schen 100 und 150 km. Wenn man durch ein Han­di­cap noch be­nach­tei­ligt wird und da­mit ei­nen sich selbst­ver­stär­ken­den Pro­zess hat, wird die Schuld­fra­ge pro­ble­ma­tisch.