Dis­kurs­ethik und De­mo­kra­tie

Ei­ni­ge Wort­mel­dun­gen, Be­ur­tei­lun­gen und Stel­lung­nah­men zu Pe­gi­da sind ein An­lass, um über die Grund­la­gen und die Wich­tig­keit des öf­fent­li­chen Dis­kur­ses1 als Mit­tel der Ver­hand­lung (über Po­li­tik) in De­mo­kra­ti­en nach­zu­den­ken; da­ne­ben gibt es ei­ne Rei­he bei­na­he täg­lich an­ge­wand­ter rhe­to­ri­scher Tricks, die die Me­tho­dik und die Kon­zep­ti­on des ra­tio­na­len Dis­kur­ses un­ter­lau­fen und ma­ni­pu­lie­ren: Man ist schein­bar Teil­neh­mer, setzt sich aber auf Grund von Schein­ar­gu­men­ten, un­sach­li­chen An­grif­fen, Täu­schun­gen, usw. durch. — Da die­ser dis­kur­si­ve Rah­men als Kern un­se­rer De­mo­kra­ti­en im­mer wie­der, nein, man muss sa­gen: lau­fend au­ßer Kraft ge­setzt wird, gilt es re­gel­mä­ßig auf ihn hin­zu­wei­sen und ihn ein­zu­for­dern, als Re­gel­werk, das letzt­lich al­len po­li­ti­schen Dis­kus­sio­nen und Ent­schei­dun­gen zu Grun­de liegt und für Trans­pa­renz und Nach­voll­zieh­bar­keit sorgt.

Aus­gangs­punkt Ta­ges­po­li­tik
In der ta­ges­po­li­ti­schen und par­la­men­ta­ri­schen Dis­kus­si­on wird im­mer wie­der ei­ne Ge­sprächs­ver­wei­ge­rung aus mo­ra­li­schen Grün­den ar­ti­ku­liert: Der po­li­ti­sche Geg­ner ver­tre­te ei­ne Po­si­ti­on die in­dis­ku­ta­bel sei; er be­fin­de sich nicht – hier kön­nen ver­schie­de­ne For­mu­lie­run­gen, je nach Ge­gen­stand oder po­li­ti­scher Rich­tung, ein­ge­fügt wer­den – auf ei­ner Art »ge­mein­sa­men Grund«, den man mit al­len an­de­ren (als Selbst­verständnis) tei­le. Er ste­he au­ßer­halb des­sen, was mo­ra­lisch trag­bar sei und ein Ge­spräch oder ei­ne Aus­ein­an­der­set­zung sei­en erst mög­lich, wenn die­ser (der ei­ge­ne) Stand­punkt ak­zep­tiert wer­de, in an­de­ren Wor­ten: Die Vor­aus­set­zung für ei­nen Dis­kurs sind nicht des­sen Prin­zi­pi­en und Re­geln, son­dern ei­ne be­stimm­te po­li­ti­sche Posi­tionierung, die zu­erst ein­ge­nom­men wer­den muss; der Dis­kurs wird da­bei, das ist wich­tig, als ver­mittelnde, schlich­ten­de und ent­schei­den­de In­stanz aus­ge­schal­tet (im Re­gel­fall geht es bei die­sen For­de­run­gen nicht um das, was man de­mo­kra­ti­schen Kon­sens nennt). — Die Zu­wei­sung die­ser Po­si­ti­on (bzw. ih­re Zu­rück­wei­sung) wird von den Par­tei­en nicht ge­teilt, et­wa der Vor­wurf, dass man sich nicht auf dem Bo­den der Hu­ma­ni­tät be­fin­de, und fast im­mer post­wen­dend zu­rück­ge­wie­sen; die­se Set­zun­gen wer­den al­so ein­sei­tig vorge­nommen und von al­len Be­tei­lig­ten als Ab­gren­zung wahr­ge­nom­men. Sie müs­sen nicht zwin­gend zwi­schen eta­blier­ten Par­tei­en er­fol­gen, son­dern kön­nen auch zu außer­parlamentarischen Be­we­gun­gen oder De­mon­stra­tio­nen hin ar­ti­ku­liert wer­den. — Dass sol­che Ab­gren­zun­gen ei­ne po­li­ti­sche (meist wohl par­la­men­ta­ri­sche) Zu­sam­men­ar­beit im Fal­le ge­mein­sa­mer In­ter­es­sen nicht aus­schlie­ßen, zeigt, dass sie auch tak­tisch-stra­te­gi­scher Na­tur sei­en kön­nen; des­sen un­ge­ach­tet stel­len sie für man­che den­noch ei­ne Vor­be­din­gung für ei­ne po­li­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung jeg­li­cher Art, die dis­kur­si­ve mit ein­ge­schlos­sen, dar. — Die Be­fürch­tung die mit­schwingt, ist, dass sich über das Spre­chen mit den fal­schen Leu­ten, fal­sche Ge­dan­ken, Mei­nun­gen und An­sich­ten aus­brei­ten könn­ten, dass die Ver­hand­lung über sie be­reits ei­nen Akt der Recht­fer­ti­gung dar­stel­le.

Die Sub­ver­si­vi­tät des Dis­kur­ses
Dies deu­tet auf das sub­ver­si­ve Ele­ment des ra­tio­na­len Dis­kur­ses hin: Er ist nicht durch (po­li­ti­sche) Wert­vor­stel­lun­gen be­grün­det, son­dern al­lei­ne durch kom­mu­ni­ka­ti­ve und dis­kurs­ethi­sche Prin­zi­pen oder Re­geln: Dis­ku­tie­ren kann man über al­les, so­lan­ge es dem Ver­stand und der Spra­che zu­gäng­lich ist, al­so nicht rein sub­jek­tiv be­grün­det bleibt. Und, na­tür­lich: so­lan­ge ein Ge­spräch ge­führt wer­den kann, sei­ne Re­geln und sein Rah­men ge­ach­tet und nicht in­stru­men­ta­li­siert wer­den. Der Rah­men und die »Sa­che« (die Po­li­tik) sind al­so ver­schie­den und un­se­re Hoff­nung lau­tet, dass er ge­nügt, um über sie ei­ne Ent­schei­dung her­bei­zu­füh­ren: Hoff­nung, weil Letzt­be­grün­dun­gen un­mög­lich sind, weil man von ver­schie­de­nen An­nah­men aus­ge­hen kann, weil die Zu­kunft un­ge­wiss und un­ser Wis­sen end­lich und re­vi­si­ons­be­dürf­tig ist. — Ei­ne rea­li­sti­sche Min­de­ster­war­tung an Ge­spräch und Dis­kurs ist da­her ei­ne Klä­rung von Stand­punk­ten, An­nah­men und Be­züg­lich­kei­ten; eben­so ei­ne An­nä­he­rung an de­ren Be­wer­tung (wo­von ge­hen wir aus, was fol­gern wir dar­aus und wie be­wer­ten wir es).

Der Kern der De­mo­kra­tie
Die­se Sub­ver­si­vi­tät ist das Prin­zip der Ver­hand­lung, nein: die Be­reit­schaft, dass al­les was über Ver­hand­lung und Den­ken ge­won­nen wur­de, al­les Ver­han­deln und Den­ken wird be­stehen kön­nen und be­stehen müs­sen, an­dern­falls wä­re es ei­ne au­to­ri­ta­ti­ve Set­zung oder schlicht Sub­jek­ti­vi­tät. Dar­über hin­aus ist sub­ver­siv, was wir de­mo­kra­tisch nen­nen, als gleich, bes­ser: als gleich­be­rech­tigt an­se­hen; es be­deu­tet, dass selbst der größ­te Lump ein an­er­kann­ter Teil­neh­mer des öf­fent­li­chen Dis­kur­ses ist, wenn er ein va­li­des Ar­gu­ment in ei­ner die All­ge­mein­heit be­tref­fen­den An­ge­le­gen­heit zu for­mu­lie­ren weiß. Der »Mas­se« steht, wie es schon Kant sah, das Recht des Ur­teils, nicht aber das des Rich­tens zu. Das ist das de­mo­kra­ti­sche (gleich­be­rech­ti­gen­de, gleich­rich­ten­de, gleich­ma­chen­de) Prin­zip, das al­le auf den glei­chen Grund und in die glei­chen Pflich­ten setzt. — Nur dem, was sich zu be­wäh­ren weiß und sich schon un­ter den­sel­ben Be­din­gun­gen be­währt hat, wächst An­er­ken­nung zu: Et­was dem Dis­kurs aus­zu­setz­ten, ist kein Ein­ge­ständ­nis von Schwä­che und nie­mand muss da­für sei­ne Po­si­ti­on auf­ge­ben; na­tür­lich kann ei­ne The­se schei­tern, sie kann aber ge­nau­so Be­kräf­ti­gung er­fah­ren. Und dar­über hin­aus sorgt das da­für, dass wir mit Wor­ten und nichts an­de­rem strei­ten: Der Dis­kurs hält die Ge­sell­schaft (in ei­nem funk­tio­na­lem Sinn) zu­sam­men: Wer sei­nen Platz in die­sem Dis­kurs fin­det, wird kaum zu an­de­ren Mit­teln grei­fen: Die noch-nicht-Tu­gend To­le­ranz hat auch hier ih­re Be­rech­ti­gung.

Die Angst, dass über den Dis­kurs miss­bräuch­lich Din­ge ver­brei­tet wer­den kön­nen ist nicht un­be­grün­det, al­ler­dings lässt sich das auf­zei­gen und im dis­kur­si­ven Sinn zu­gäng­lich ma­chen; al­les wei­te­re liegt in der Ver­nunft- und Ver­stan­des­be­ga­bung je­des ein­zel­nen, an der man zwei­feln kann, oh­ne die, dar­an muss er­in­nert wer­den, De­mo­kra­tie aber nicht zu den­ken ist. — Die öf­fent­li­che, po­li­ti­sche De­bat­te ist je­den­falls der Kern un­se­rer Demo­kratien; der Mehr­heits­ent­scheid folgt ihr nach und soll­te sich an ihr ori­en­tie­ren (er wä­re, oh­ne vor­an­ge­gan­ge­nen Dis­kurs, be­lie­big).

Recht­fer­ti­gung und Vor­aus­set­zung
Nach­voll­zieh­bar­keit und Trans­pa­renz der Dis­kus­si­on und der Ent­schei­dungs­pro­zes­se, sind die for­ma­le Recht­fer­ti­gung ei­ner de­mo­kra­ti­schen Ent­schei­dung, al­so der Fra­ge, war­um im Hin­blick auf das all­ge­mei­ne Wohl ei­ne Ent­schei­dung so und nicht an­ders ge­trof­fen wur­de; sie wird im kon­kre­ten Fall durch Ar­gu­men­te for­mu­liert, ge­recht­fer­tigt und be­grün­det (die An­er­ken­nung ei­ner The­se als Re­sul­tat ei­nes Dis­kur­ses kann so­mit je­der­zeit über­prüft wer­den).

Die Vor­aus­set­zung für ei­ne Dis­kus­si­on (ei­nen Dis­kurs) sind tat­säch­li­che oder zu­min­dest er­wart­ba­re Dif­fe­ren­zen im Hin­blick auf Lö­sungs­vor­schlä­ge, Stand­punk­te, Sicht­wei­sen, Be­ur­tei­lun­gen oder »Fak­ten«. Für das Zu­stan­de­kom­men ei­ner Dis­kus­si­on – das zeigt noch ein­mal das sub­ver­si­ve Ele­ment und macht Ver­wei­ge­rungs­hal­tun­gen ein we­nig ver­ständ­lich – ist die for­ma­le Dis­po­si­ti­on des ei­ge­nen Stand­punkts Vor­aus­set­zung, denn war­um soll­te man dis­ku­tie­ren, wenn man dem Ge­gen­über nicht zu­min­dest die Möglich­keit ein­räumt recht zu ha­ben oder sich selbst die Mög­lich­keit von Feh­ler­haf­tig­keit und Un­zu­läng­lich­keit ein­ge­steht. Je­man­dem, der sich auf der (mo­ra­lisch) rich­ti­gen Sei­te sieht, mag das schwer fal­len; zu­gleich be­deu­tet ei­ne dar­aus re­sul­tie­ren­de Ver­wei­ge­rung die­ser ele­men­ta­ren Prak­tik Aus­schluss und Aus­gren­zung und wird auch so er­fah­ren (man ist das Ge­spräch, die Dis­kus­si­on nicht wert und steht da­mit auf ei­ne be­stimm­te Art und Wei­se au­ßer­halb der Ge­sell­schaft und ih­rer Art Po­li­tik zu ver­han­deln, s.o.).

Ar­gu­men­te
Je­der de­mo­kra­ti­sche Dis­kurs ist im­mer of­fen für je­ne, die sich an sei­ne »Ge­pflo­gen­hei­ten« (Grund­sät­ze) hal­ten und die­se an­er­ken­nen. Ver­ein­facht lässt sich sa­gen, dass je­der, der ein Ar­gu­ment for­mu­lie­ren kann, die Be­din­gun­gen er­füllt.

Ar­gu­men­te sind wi­der­leg­ba­re Be­grün­dun­gen, die sich an in­ter­sub­jek­ti­ven Ide­en und Vor­stel­lun­gen oder Fak­ten (Wis­sen) ori­en­tie­ren; Of­fen­heit und Nach­voll­zieh­bar­keit be­grün­den ih­re Wi­der­leg­bar­keit (al­le Ar­gu­men­te las­sen sich ir­gend­wann auf ei­ne oder meh­re­re An­nah­men zu­rück­füh­ren, da kei­ne Letzt­be­grün­dun­gen mög­lich sind). Je­der Dis­kurs be­ruht auf der An­nah­me, dass je­der Dis­kus­si­ons­teil­neh­mer recht ha­ben kann2; auf der Pflicht zu ar­gu­men­tie­ren und die Ar­gu­men­te der an­de­ren wie die Mög­lich­keit ih­res Recht­ha­bens, das sich wäh­rend ei­ner Dis­kus­si­on als Wil­le zeigt, zu ach­ten. — Spä­te­stens hier of­fen­bart sich ei­ne Un­si­cher­heit: Ein Dis­kurs wird nicht durch Per­so­nen und Au­to­ri­tä­ten, son­dern durch Ar­gu­men­te ent­schie­den; er wird da­durch au­to­ma­tisch ein of­fe­ner Pro­zess, der nicht not­wen­dig ab­ge­schlos­sen wer­den muss, weil un­ser Wis­sen end­lich und die Rea­li­tät nicht im­mer ein­deu­tig ist; sich in ei­nen Dis­kurs zu be­ge­ben, be­deu­tet ein Stück Un­si­cher­heit in Kauf zu neh­men, was sei­nen Aus­gang be­trifft.

Wahr­heit, Auf­klä­rung und Kri­tik
Wenn Dis­kur­se Pro­zes­se sind, die ei­nen Aus­gang ha­ben kön­nen, stellt sich die Fra­ge nach dem, was als Ori­en­tie­rung zu die­sem Aus­gang hin, die­nen kann. Wie auch im­mer man es for­mu­lie­ren oder dis­ku­tie­ren möch­te, der Be­griff »Wahr­heit« ist ei­ne sol­che Orien­tierung3, je­den­falls dann, wenn sie in­ter­sub­jek­tiv kon­stru­iert wird (sie muss da­für kei­nes­falls »er­reicht« oder »ge­fun­den« wer­den). We­sent­lich ist, dass sich lo­gi­sche Wi­der­sprü­che und (ver­meint­li­che) Fak­ten an ei­nem ver­gleich­ba­ren Kon­zept ori­en­tie­ren (al­so zu­sam­men­ge­fasst ge­prüft wer­den; die al­ler­mei­sten Dis­kus­sio­nen neh­men so et­was im­pli­zit an, da sie an­son­sten sinn­los oder ein [iro­nisch] un­ter­füt­ter­tes Spiel wä­ren).

Ent­schie­den wird ein Dis­kurs durch die bes­se­ren Ar­gu­men­te, was im Zwei­fels­fall Ge­wich­tung und Ab­wä­gung (im Be­zug auf au­ßen­ste­hen­des) be­deu­tet (ver­gleich­bar ist die Wahl des klein­sten Übels). — Kri­tik ist not­wen­dig und will­kom­men um den Dis­kurs vor­an­zu­trei­ben und in Rich­tung »Wahr­heit« oder Aus­gang zu brin­gen; sie ist, wie al­les an­de­re auch, an die For­de­rung nach Ar­gu­men­ten ge­bun­den. — Auf­klä­rung kann in die­sem Zu­sam­men­hang, oh­ne viel Pa­thos, als kri­tik­ge­lei­te­te par­ti­el­le oder voll­kom­me­ne Er­neue­rung ei­nes Dis­kur­ses ver­stan­den wer­den (er nimmt dann ei­ne an­de­re Rich­tung, ge­winnt ei­ne an­de­re Ori­en­tie­rung).

Red­lich­keit
Die Red­lich­keit ist die we­sent­lich­ste dis­kurs­er­hal­ten­de und -för­dern­de Hal­tung, denn Be­trug zer­stört den Dis­kurs auf mitt­le­re und län­ge­re Sicht, weil kei­ner der Teil­neh­mer mehr Ver­trau­en ent­wickelt; ent­we­der be­trügt dann je­der oder man spricht nicht mehr mit­ein­an­der, weil man dar­in kei­nen Sinn mehr sieht (auf Dau­er ist dann ein Zer­fall oder ein ge­walt­ba­sier­te »Er­hal­tung« der Ge­sell­schaft wahr­schein­lich). Sie meint aber auch, sich ihm als Prin­zip zu un­ter­wer­fen und sei­ne Er­geb­nis­se zu ak­zep­tie­ren, vor al­lem je­ner, die man zu Be­ginn nicht ab­se­hen konn­te. Die Dis­kurs­ethik steht, aus gu­ten Grün­den, po­li­ti­schen For­de­run­gen und Stand­punk­ten, ge­ra­de je­nen, die für rich­tig ge­hal­ten wer­den, ein Stück weit ent­ge­gen. — Ih­re Ein­hal­tung und An­er­ken­nung kann als pars pro to­to un­se­res po­li­ti­schen Sy­stems auf­ge­fasst wer­den.


  1. Der Be­griff »Dis­kurs« be­zeich­net hier zwei­er­lei: Er­stens, die ein­zel­nen, öf­fent­li­chen Dis­kur­se zu un­ter­schied­li­chen The­ma­ti­ken und zwei­tens, die­se als Ge­samt­heit der öf­fent­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung (öf­fent­li­cher Dis­kurs); der Be­griff »Dis­kus­si­on« fin­det im Sinn kon­kre­ter, von In­di­vi­du­en ge­führ­ten Ge­sprä­chen und Aus­ein­an­der­set­zun­gen, An­wen­dung.  

  2. Un­ab­hän­gig da­von sieht sich je­der Ein­zel­ne re­gel­mä­ßig auf der rich­ti­gen Sei­te; dies stellt je­doch kei­nen Wi­der­spruch dar, son­dern ver­weist auf die­se un­aus­ge­spro­chen ge­teil­te An­nah­me.  

  3. Hier wird an­ge­nom­men, dass wir als In­di­vi­du­en in ei­ner un­ab­hän­gig von uns exi­stie­ren­den Welt le­ben, dass wir die­se Welt er­ken­nen kön­nen und dass die­se Er­kennt­nis­se kom­mu­ni­zier­bar sind, auch wenn das nur be­schränkt und nicht oh­ne Pro­ble­me und Schwie­rig­kei­ten von stat­ten geht. — Kom­mu­ni­ka­ti­on kann auf un­ter­schied­lich­ste Wei­se er­fol­gen; für den ra­tio­na­len Dis­kurs ist nicht nur, aber vor al­lem die Spra­che ent­schei­dend. — Für das dis­kur­si­ve Re­gel­werk selbst, ist die Er­kenn­bar­keit der Welt nicht von Nö­ten, für sei­ne Sinn­haf­tig­keit ist sie aber Vor­aus­set­zung (an­dern­falls un­ter­hiel­ten wir uns über Ein­bil­dun­gen, Hirn­ge­spin­ste und Täu­schun­gen). Grund­sätz­lich kann über al­les, was in­ter­sub­jek­tiv exi­stiert oder vor­stell­bar und zu­gleich sprach­lich fass­bar ist, dis­ku­tiert wer­den. — Wahr­heit wird hier im Sin­ne der Kor­re­spon­denz­theo­rie auf­ge­fasst.  

Dieser Beitrag wurde unter Demokratie und Rechtsstaat abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Permalink zum Artikel

53 Kommentare zu »Dis­kurs­ethik und De­mo­kra­tie«:

  1. Vie­len Dank für die­sen Bei­trag, der ge­wis­ser­ma­ßen ei­nen Ide­al­zu­stand fast her­auf­be­schwört. Ein Punkt, der in die­sen Be­trach­tun­gen fehlt ist die Gleich­ran­gig­keit der Dis­kurs­teil­neh­mer, was im Jar­gon mit »herr­schafts­frei« be­zeich­net wird.

    Ich ste­he der Dis­kurs­ethik in ih­ren auch hier dar­ge­stell­ten Me­cha­nis­men zu­neh­mend kri­tisch ge­gen­über. Und dies nicht nur, weil die »Herr­schafts­frei­heit« nie­mals er­reicht wird. Es ist so­gar frag­lich, ob sie ein va­li­des Ziel sein kann.

    Das Haupt­pro­blem be­steht dar­in, dass der Dis­kurs nicht in der La­ge ist, grund­sätz­li­che Un­ter­schie­de un­ter den Teil­neh­mern auf­zu­he­ben. Da­zu ge­hö­ren re­li­giö­se oder welt­an­schau­li­che Fra­gen. In­dem je­der Dis­kurs­teil­neh­mer ei­ne Aus­sa­ge trifft, ist dar­in be­reits der An­spruch an die Wahr­heit aus­ge­drückt. Wir kön­nen auf die­se Wei­se 100x den chi­ne­si­schen Macht­ha­bern un­se­re Men­schen­rechts­po­si­tio­nen mit­tei­len – sie be­haup­ten schlicht­weg, es gibt in ih­rem po­li­ti­schen und ge­sell­schaft­li­chen Um­feld ei­ne an­de­re Ge­wich­tung. Ei­ne Ei­ni­gung ist un­mög­lich; als Aus­weg bleibt nur, die je­wei­li­gen Po­si­tio­nen zu re­spek­tie­ren und in an­de­ren Fel­dern Ge­mein­sam­kei­ten zu ent­decken (was mit Chi­na in­zwi­schen leicht ist: es geht fast im­mer ums Ge­schäft).

    Ein an­de­rer Punkt, der ge­ra­de bei Pe­gi­da wich­tig zu sein scheint: Was ist, wenn ein po­ten­ti­el­ler Dis­kurs­teil­neh­mer die­sen schlicht­weg ab­lehnt? Die Dis­kurs­ver­wei­ge­rung wür­de dann ei­nen even­tu­el­len Kon­sens un­mög­lich ma­chen. Die Pro­ble­ma­tik be­steht üb­ri­gens auf bei­den Sei­ten: Die ra­di­ka­len Ab­leh­ner und Pe­gi­da-Be­schimp­fer, die al­le Teil­neh­mer pau­schal als Ras­si­sten be­zeich­nen, leh­nen ge­nau so den Dis­kurs ab wie die Pe­gi­da-De­mon­stran­ten sel­ber.

    Die letz­te Fest­stel­lung zeigt, wie fra­gil auch das De­mo­kra­tie­ver­ständ­nis bei de­nen ist, die stän­dig die­se Vo­ka­beln mit heh­ren Zie­len im Mun­de füh­ren: Man grenzt lie­ber aus, um das un­lieb­sa­me Phä­no­men da­mit viel­leicht aus­zu­trock­nen. Da­bei ha­be ich den Ein­druck das die Ve­he­menz der Ab­leh­nung mit dem Pro­dukt der Hilf­lo­sig­keit kor­re­liert.

    Am En­de kom­me ich zu der Fest­stel­lung, dass dis­kurs­ethi­sche Ver­fah­ren mit der Mas­se der in ihr in­vol­vier­ten Per­so­nen im­mer schwie­ri­ger wer­den. Die Grie­chen hat­ten, wie ich ein­mal ir­gend­wo las, die Ago­ra be­grenzt (m. W. auf 5000 Per­so­nen).

    Am ehe­sten wird das Dis­kurs­ethik-Prin­zip noch beim Eu­ro­päi­schen Rat an­ge­wen­det. For­mal gibt es zwar die Mög­lich­keit ge­gen den ge­fun­de­nen Kon­sens zu stim­men, was aber dann nur mehr da­zu führt, dass ei­ni­ge Be­schlüs­se nicht aus­ge­führt wer­den. Im Eu­ro­päi­schen Rat zeigt sich, dass es un­glaub­lich schwie­rig bis fast un­mög­lich ist, die min­de­stens teil­wei­se di­ver­gie­ren­den In­ter­es­sen der ein­zel­nen Staats- und Re­gie­rungs­chefs in ei­nen trag­fä­hi­gen und vor al­lem wei­ter­brin­gen­den Kon­sens zu über­füh­ren.

    #1

  2. die kalte Sophie sagt:

    Seit Jah­ren ver­folgt mich schon die Idee, dass die west­li­chen De­mo­kra­ti­en zwei For­ma­tio­nen eta­blie­ren, um dar­aus ei­ne best mög­li­che Sta­bi­li­tät zu ge­win­nen. Der Auf­satz liest sich fast wie ei­ne Er­ör­te­rung da­zu. Der Par­la­men­ta­ris­mus und sei­ne (evi­dent) un-ega­li­tä­re Frak­tio­nie­rung, wel­che die sog. po­li­ti­sche Land­schaft ab­bil­det, wird mit ei­ner zwei­ten (of­fe­ne­ren, fle­xi­ble­ren) For­ma­ti­on er­gänzt, die po­li­ti­sche Öf­fent­lich­keit, resp. der ste­ti­ge Öf­fent­li­che Dis­kurs. Die 2. For­ma­ti­on steht dem Mo­dell der Ago­ra nä­her, ob­wohl der Out­put nur ei­nen Ra­tio­na­li­täts­grad auf­weist, und nicht al­le An­for­de­run­gen er­füllt. Die Sta­bi­li­tät der Ge­sell­schaft, das im­ma­nen­te de­mo­kra­ti­sche Wohl­wol­len, lässt sich wohl an die­sem Ra­tio­na­li­täts­grad ab­le­sen.

    Dies nur da­hin­ge­stellt, weil ich un­ter­strei­chen möch­te, dass ein Par­al­le­lis­mus von Ra­tio­na­li­tät-Sub­ver­si­on auf der ei­nen Sei­te, und Herr­schafts­frei­heit-Macht nicht exi­stiert. Tat­säch­lich ist es so, wie @Mete schreibt: die Sub­ver­si­on ist so­gar ei­ne Mo­dus des rein ra­tio­na­len Dis­kur­ses, weil die Re­geln der kom­mu­ni­ka­ti­ven Ver­nunft es prin­zi­pi­ell ge­stat­ten, das ge­sam­te Ge­mein­we­sen auf den Prüf­stand zu stel­len, die Auf­lö­sung und Neu­ge­stal­tung zu pla­nen, und (ab­so­lu­ter Schrecken für die Kon­ser­va­ti­ven) dar­über even­tu­ell po­si­tiv zu ent­schei­den. Da­zu muss man na­tür­lich die For­ma­ti­on wech­seln, d.h. von der Öf­fent­lich­keit ins Par­la­ment über­ge­hen. Den­noch viel zu viel Frei­heit, be­haup­ten ei­ni­ge!

    Zu­rück zu mei­ner ver­fol­ge­ri­schen Idee: ich möch­te be­haup­ten, die In­ten­ti­on, Sta­bi­li­tät aus dem Duo­pol Par­la­men­ta­ris­mus / Öf­fent­li­cher Dis­kurs zu ge­win­nen, hat sich als min­der er­folg­reich her­aus­ge­stellt. Die Ver­wirk­li­chung zei­tigt in­zwi­schen un­er­wünsch­te Ef­fek­te: Ver­un­si­che­rung, Po­le­mik, Ab­gren­zun­gen, Skan­da­lis­mus, etc. Die­se Ne­ben­wir­kun­gen sind kei­ne Ef­fek­te der Macht an sich, wie man das so­zi­al­psy­cho­lo­gisch selbst­ver­ständ­lich er­war­ten wür­de. Son­dern es han­delt sich um grup­pen­dy­na­mi­sche As­pek­te bzw. in­ter­ak­ti­ve Re­sul­ta­te. De­leu­ze sag­te ein­mal: »Ha­ben wir nicht ge­nug Kom­mu­ni­ka­ti­on (ich er­gän­ze: im rei­nen und im rea­len Sinne!)?!–Nein, wir ha­ben eher zu­viel da­von.«
    Mein Ein­wand wä­re, die Er­war­tung und die For­de­rung von/nach Ra­tio­na­li­tät zielt im­mer auf ein Sub­jekt, und rückt die grup­pen­dy­na­mi­schen As­pek­te in den Hin­ter­grund. Tran­szen­den­tal-phi­lo­so­phisch ge­se­hen, sind wir doch nicht so al­lein, wie der Theo­re­ti­ker an­nimmt. An­ders ge­sagt: die tran­szen­den­ta­le Be­trach­tung ver­fehlt die zeit­ge­nös­si­sche Pro­ble­ma­tik, die Un­ru­he im Ge­trie­be, das Un­be­ha­gen über die »Er­run­gen­schaf­ten«.

    #2

  3. @Gregor
    Die Herr­schafts­frei­heit muss man viel­leicht noch ein­mal in Ru­he durch­den­ken: Ei­ner­seits gibt es die nicht, weil – den Re­geln ent­spre­chend – Ar­gu­men­te den Dis­kurs ent­schei­den (kön­nen) und da­mit be­herr­schen (oder an­ders: der ra­tio­na­le Dis­kurs be­deu­tet Herr­schaft, die durch Ar­gu­men­te ver­mit­telt, be­grün­det und wie­der re­vi­diert wer­den kann). — Da­mit er­gibt sich dann der Rest: Da­mit das und nur das gilt, müs­sen al­le an­de­ren Herr­schafts­an­sprü­che zu­rück­ge­wie­sen (oder hint­an­ge­stellt wer­den). — Das ist Theo­rie, in der Pra­xis stimmt das schon aus psy­cho­lo­gi­schen, so­zia­len, u.a. Grün­den nicht, die oft gar nicht (völ­lig) aus­ge­schal­tet wer­den kön­nen.

    Was Du mit Chi­na an­sprichst, ist ein Bei­spiel für das was ich mit Of­fen­heit mein­te: Man kann zu­min­dest das klä­ren, wenn sich die Dis­ku­tan­ten dar­auf ein­las­sen; Men­schen­rech­te sind als ei­ne mensch­li­che Idee nicht per se ge­ge­ben; sie kön­nen be­grün­det, aber nicht letzt­be­grün­det wer­den (was ge­nau­so für die Ge­gen­po­si­ti­on gilt).

    Ja, die Ab­leh­nung ei­nes Dis­kur­ses gibt es auch von PEGIDA (viel­leicht da­zu se­pa­rat et­was). Ich in mir jetzt al­ler­dings nicht si­cher ob das für die Po­li­tik im All­ge­mei­nen gilt (es ist ja auch dem ab­träg­lich was man wo­mög­lich er­rei­chen will). Je­den­falls war et­was wie »wir hö­ren euch nicht mehr zu« zu hö­ren. — Dies ist wo­mög­lich auch ein Mit­tel um Auf­merk­sam­keit zu be­kom­men.

    Auch die Phra­se »Wir sind das Volk« ge­hört in die Ka­te­go­rie »De­mo­kra­tie­ver­ständ­nis« (man ist ja doch nur ein sehr klei­ner Teil des Volks).

    Schon ein Par­la­ment mit 600 Ab­ge­ord­ne­ten ist ei­ne Her­aus­for­de­rung; die Kom­ple­xi­tät kommt zur Mas­se hin­zu; even­tu­ell sprach­li­che Schwie­rig­kei­ten; hier zeigt sich wie­der wie wich­tig und wie sen­si­bel Me­di­en sind, die vie­le Men­schen er­rei­chen oder Zu­stim­mung bzw. Ab­leh­nung ab­bil­den kön­nen.

    #3

  4. @die kal­te So­phie
    Ja, die theo­re­ti­sche Be­trach­tung lässt ei­ni­ges au­ßen vor, viel­leicht muss sie das, s.o., die Ant­wort an Gre­gor (wenn nur das Ar­gu­ment Gül­tig­keit ha­ben soll).

    Kom­mu­ni­ka­ti­on ha­ben wir viel­leicht zu viel (na­ja: ziem­lich si­cher), aber Kom­mu­ni­ka­ti­on ist nicht mit ei­ner sinn­vol­len Aus­ein­an­der­set­zung gleich­zu­set­zen.

    Man wird kaum um die­se Zwei­tei­lung her­um kom­men; man kann Par­la­men­te durch di­rek­te Ele­men­te er­gän­zen, aber oh­ne Per­so­nen, die sich voll (zeit­lich ge­se­hen) den po­li­ti­schen Din­gen wid­men, wird es nicht ge­hen (der Kom­ple­xi­tät oder Ex­per­ti­se we­gen).

    #4

  5. Pingback: Diskursethik und Demokratie | Makulatur

  6. me­tep­si­lo­n­e­ma: »Ar­gu­men­te sind wi­der­leg­ba­re Be­grün­dun­gen, die sich an in­ter­sub­jek­ti­ven Ide­en und Vor­stel­lun­gen oder Fak­ten (Wis­sen) ori­en­tie­ren«
    Was ein Ar­gu­ment ist, muß qua­li­ta­tiv un­be­stimmt blei­ben, weil es sich im­mer erst im Dis­kurs her­aus­stellt, was als Ar­gu­ment in Be­tracht ge­zo­gen wer­den kann. Es gibt nur ei­ne ein­zi­ge Grund­be­din­gung: Wer ei­ne Mei­nung äu­ßert, muß auch be­reit sein, sie zu be­grün­den. Das be­deu­tet die Be­reit­schaft, sei­ne Mei­nung zur Dis­po­si­ti­on zu stel­len. Die grund­ge­setz­lich ge­schütz­te Mei­nungs­frei­heit meint kei­ne Frei­heit, an sei­ner Mei­nung fest­zu­hal­ten als wä­re sie ein un­ver­äu­ßer­li­cher Be­sitz.

    Nach dem Fall der Mau­er ha­be ich be­ob­ach­tet, wie in der Noch-DDR ei­ne aus­ge­spro­che­ne Mei­nungs­freu­dig­keit gras­sier­te. Je­der hat­te plötz­lich ei­ne Mei­nung und nahm das Recht in An­spruch, sie zu äu­ßern. Das ist sehr nach­voll­zieh­bar, hat­te man doch zu­vor jahr­zehn­te­lang die­se Mög­lik­ch­keit nicht. Al­ler­dings ging die­se Mei­nungs­freu­dig­keit viel­fach mit ei­ner ver­bis­se­nen Dis­kus­si­ons­ver­wei­ge­rung ein­her. Ins­be­son­de­re die frem­den­feind­li­chen Un­ter­strö­mun­gen des ‘Vol­kes’, das wie­der Volk sein woll­te, nah­men je­den Ver­such, die ge­äu­ßer­ten Mei­nun­gen zu dis­ku­tie­ren, als ei­nen An­griff auf die Mei­nungs­frei­heit wahr. Das Ri­tu­al der Mei­nungs­äu­ße­rung ver­lief so: »Ich bin für oder ge­gen dies oder je­nes! – Das ist mei­ne Mei­nung.« – Wo­bei im zwei­ten Satz das Wort »mei­ne« be­son­ders be­tont wur­de: mei­ne Mei­nung ist mein Be­sitz, und kei­ner hat das Recht, sie in Fra­ge zu stel­len! Das ist mei­ne Me­ri­nung, ba­sta, Dis­kus­si­on be­en­det!

    Ge­nau das er­le­ben wir ak­tu­ell mit der Pe­gi­da-Be­we­gung. Die Leu­te ge­hen auf die Stra­ße, um ih­re Mei­nung zu äu­ße­ren. Aber we­he, je­mand ver­sucht, die ge­äu­ßer­te Mei­nung in Fra­ge zu stel­len. Das wird dann als ‘Ver­lo­gen­heit’ der Pres­se und der Po­li­tik de­nun­ziert.

    Das aber hat, wie ge­sagt, mit Mei­nungs­frei­heit nichts zu tun. Des­halb, lie­be CSU, geht es auch nicht dar­um, daß man die­se ver­irr­ten Wahl­bür­ger ir­gend­wie ernst neh­men müß­te. Je­mand, der nicht be­reit ist, sei­ne Mei­nung zur Dis­kus­si­on zu stel­len, nimmt sei­ne ei­ge­ne Mei­nung selbst nicht ernst.

    #5

  7. die kalte Sophie sagt:

    zu #4 Völ­lig d’accord, ei­ne Ver­ein­fa­chung der dop­pel­ten De­mo­kra­tie ist nicht prak­ti­ka­bel. Ich woll­te zu­nächst dar­auf hin­aus, dass der Par­la­men­ta­ris­mus kei­ne na­tür­li­che Ba­sis hat, »Leu­te wie Du und ich«, Kol­le­gen, Freun­de, son­dern ei­nem ge­sell­schafts­im­ma­nen­ten Sy­stem ent­springt. Die Öf­fent­lich­keit weist eben­falls die­ses so­zi­al­kon­struk­ti­ven Zug auf.
    Ich be­haup­te: es gibt ei­ne An­zahl von Ent­frem­dungs-Me­cha­nis­men in der spät­mo­der­nen Ge­sell­schaft, und die Po­li­ti­sche Öf­fent­lich­keit ge­hört da­zu. Ho­he Ein­stiegs­vor­aus­set­zun­gen, Di­stanz-Ge­sche­hen, chao­ti­sche Merk­ma­le (et­wa durch Be­griffs­dou­blet­ten wie »De­bat­te«, »Po­li­tik« = »Po­li­ti­sche Klas­se«), und vie­les mehr. Als In­ge­nieur darf ich sa­gen: es funk­tio­niert, aber es funk­tio­niert nicht be­son­ders gut.
    Ist Dir mal die (stän­dig wie­der­keh­ren­de) For­mel bei Ha­ber­mas auf­ge­fal­len, er spricht häu­fig vom »hemds­är­me­li­gen Ni­veau«, in das er ger­ne ge­wis­se In­hal­te über­setzt wis­sen woll­te, et­wa The­men der EU. Er weist die­se Auf­ga­be Po­li­ti­kern (!) zu, sein Sche­ma lau­tet im­mer wie folgt: Die hoch­flie­gen­den Ana­ly­ti­ker er­ör­tern die La­ge, die Po­li­ti­ker, dar­an teil­neh­mend, müs­sen die De­bat­te ab­seits run­ter­bre­chen, al­so in ein­fa­chen Wor­ten wei­ter trans­por­tie­ren. Was üb­ri­gens kei­ner­lei Fol­gen für die Ent­schei­dung hat, es kommt ge­nau das raus, was die Groß­bür­ger­li­chen be­schlos­sen ha­ben. Es ge­schieht nur der Voll­stän­dig­keit hal­ber.
    Nun, die­se Vor­stel­lun­gen sind nicht die mei­nen, ich will sie auch gar nicht dis­ku­tie­ren. Es zeigt nur, dass selbst so ein El­fen­bein­turm-Be­woh­ner wie Ha­ber­mas mit­ge­kriegt hat, dass die Athe­ni­sche Voll­ver­samm­lung ei­ne Fik­ti­on ist, und die De­mo­kra­tie be­deu­ten­de Kon­struk­ti­ons­schwä­chen auf­weist. Und des­halb soll­te man Pe­gi­da nicht nur Dumm­heit un­ter­stel­len. Ein biss­chen was ha­ben die schon ver­stan­den...

    #6

  8. @Detlef Zöll­ner
    Das von ih­nen be­schrie­be­ne Phä­no­men ist ja kei­nes­falls auf die Pe­gi­da-Be­we­gung be­schränkt (war­um rich­ten Sie ei­nen Ap­pell an die »lie­be CSU«?).

    Äu­ßern Sie sich doch ein­fach mal in locke­rer Run­de po­si­tiv zu Atom­ener­gie oder ver­su­chen ei­ni­ge Ar­gu­men­te po­si­tiv zur Gen­tech­nik an­zu­brin­gen. Mei­nun­gen sind na­tür­lich die bil­lig­ste Form der Äu­ße­rung (im eng­li­schen nennt man sie »my two cents« – manch­mal sind sie noch bil­li­ger). Sie wer­den aber – so mein Ein­druck – in der Ge­sell­schaft im­mer häu­fi­ger er­war­tet. Al­le sol­len zu al­lem ei­ne »Mei­nung« ha­ben: Kli­ma­wan­del, Bio-Le­bens­mit­tel, Eu­ro, di­ver­se po­li­ti­sche Af­fä­ren (oder Pseu­do-Af­fä­ren) – stän­dig wird der Nach­rich­ten­kon­su­ment zu ei­ner Mei­nung her­aus­ge­for­dert, die im we­sent­li­chen auf »pro« oder »con­tra« hin­aus­läuft. Grau­zo­nen gel­ten schon als zu an­stren­gend.

    Der Gip­fel ist für mich die in Um­fra­gen im­mer wie­der ab­ge­frag­te Zu­frie­den­heit mit ein­zel­nen Po­li­ti­kern (»Wie zu­frie­den sind Sie mit der Ar­beit von X?«). Ei­ne sol­che Fra­ge ist von vorn­her­ein ei­ne Mei­nung, die – wie prak­tisch! – durch nichts be­grün­det wer­den muss. Tat­säch­lich kann sich nie­mand über die Ar­beit des Po­li­ti­kers X oder Y ein se­riö­ses Ur­teil bil­den (oder, ma­xi­mal, im Ein­zel­fall auf­grund der von ihm vor­ge­brach­ten Ge­set­zes­vor­la­gen oder Re­de­bei­trä­ge).

    Die »Mei­nung« ist al­so längst zu ei­ner Ram­schwa­re ge­wor­den; Tal­mi statt Dia­mant­ring. Me­di­en ver­wech­seln Mei­nung mit ei­nem ab­ge­wo­ge­nen Ur­teil; auch in ih­ren Be­rich­ten, die oft oh­ne gro­sse Mü­he par­tei­isch sind. Dass nun die Pe­gi­da-Leu­te ih­re Mei­nun­gen ent­spre­chend äu­ßern und für er­wäh­nens­wert hal­ten, ist die Fol­ge ei­ner Ver­wäs­se­rung des po­li­ti­schen Dis­kur­ses: Sie glau­ben, dass »Kar­tof­fel statt Dö­ner« ei­ne re­le­van­te po­li­ti­sche Aus­sa­ge ist, die gleich­be­rech­tigt zu an­de­ren Äu­ße­run­gen wahr­ge­nom­men wer­den muss. Das Vor­bild fin­den sie nicht zu­letzt in der Po­li­tik: »Kin­der statt In­der«.

    Ei­ne an­de­re Fra­ge ist, ob die zum Teil hy­ste­ri­schen me­dia­len Er­re­gun­gen in Be­zug auf die Pe­gi­da-Leu­te die­sen nicht in­di­rekt in die Hän­de spielt. Plötz­lich sind Pau­schal­ur­tei­le an der Ta­ges­ord­nung. Zu­recht hat man jahr­zehn­te­lang dar­an ge­ar­bei­tet Pau­scha­lie­run­gen im po­li­ti­schen Dis­kurs ab­zu­bau­en – jetzt sind al­le Pe­gi­da-Leu­te Ras­si­sten oder Na­zis. Das ist zwar be­quem, hat aber das Ni­veau de­rer, die man an­greift.

    Die ge­sell­schafts­po­li­ti­sche Ent­schei­dung über Pe­gi­da ist der­wei­len ge­fal­len: Sie hat kei­ne Zu­kunft. Die »Bild«-Zeitung spricht sich ge­gen sie aus. Das nimmt ihr schon mit­tel­fri­stig die Luft zum At­men. In­ter­es­sant wä­re es ge­wor­den, wenn es an­ders­her­um ge­kom­men wä­re.

    #7

  9. @die kal­te So­phie
    In­ter­es­sant. Wür­de die The­se stim­men, könn­te man sich zu­min­dest er­klä­ren, war­um au­ßer­par­la­men­ta­ri­sche Be­we­gun­gen (bspw. die Grü­nen) durch die Ein­bin­dung in die par­la­men­ta­ri­schen Struk­tu­ren vom wil­den Wolf so­zu­sa­gen zu zah­men Haus­hünd­chen wür­den. Und war­um in der Kom­mu­nal­po­li­tik im Osten die Lin­ken nie ein Schreck­ge­spenst wa­ren, son­dern prag­ma­tisch agier(t)en.

    In Düs­sel­dorf gab es mal ei­ne Epo­che, in der strit­ti­ge Ent­schei­dun­gen in Bür­ger­re­fen­den zur Ab­stim­mung ge­stellt wur­den (zur »Si­cher­heit« hat­ten die­se Ab­stim­mun­gen zu­wei­len nur ei­ne Bin­dung von zwei Jah­ren). Sehr häu­fig wur­de das Quo­rum, d. h. die Min­dest­teil­neh­mer­zahl, nicht er­reicht. Und dies bei lo­kal­po­li­tisch kon­tro­vers dis­ku­tier­ten Ent­schei­dun­gen. Es ist al­so et­was an­de­res, mich für oder ge­gen bspw. den Ab­riss ei­nes Ge­bäu­des aus­zu­spre­chen oder an ei­nem Sonn­tag dar­über ein Kreuz in ei­ner Wahl­ka­bi­ne zu ma­chen.

    Wie sieht es mit den Wahl­be­tei­li­gun­gen in den vor­mals kom­mu­ni­sti­schen ost­eu­ro­päi­schen Län­dern aus? Schon rund zehn Jah­re nach der Wen­de schei­ter­ten dort Ab­stim­mun­gen an Min­dest­be­tei­li­gun­gen von 50%. Man war mü­de ge­wor­den. War­um? Weil die Al­ter­na­ti­ven kei­ne sind? Weil es, egal wen man wählt, in ei­nem be­stimm­ten Trott wei­ter­geht?

    Mei­ne The­se geht da­hin, dass man ei­nen (wirt­schaft­li­chen, so­zia­len) Sta­tus er­reicht hat, den man glaubt nicht mehr ver­bes­sern zu kön­nen. Da­her sind Wah­len »sinn­los« ge­wor­den. In Deutsch­land stan­den in den 60ern, An­fang der 70er noch rich­tungs­po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen an. Spä­ter ging es nur noch um klein­ste Kor­rek­tu­ren – die gro­ßen De­bat­ten wie Nach­rü­stung und Öko­lo­gie hat­te man in ei­ner neu­en Par­tei »aus­ge­la­gert«. Als es 1998 dar­um ging, ei­ne Ära zu be­en­den (Kohl ab­zu­wäh­len), stieg die Wahl­be­tei­li­gung bei der Bun­des­tags­wahl noch ein­mal über 80%. Da­nach gings nur noch Berg ab. Al­le we­sent­li­che Zie­le sind er­reicht.

    #8

  10. die kalte Sophie sagt:

    zu #8 die GRUENEN sind ein gu­tes Bei­spiel, sie ha­ben tap­fer an der Struk­tur-Schwel­le zwi­schen Ba­sis und Par­tei­ap­pa­rat ge­kämpft. Aber es gibt kei­nen drit­ten Weg, des­halb ging man den Weg al­len po­li­ti­schen Flei­sches, vom Wolf zum Lamm. Ich bin der­sel­ben Mei­nung: die Par­tei als Or­ga­ni­sa­ti­on wird im­mer un­ter­schätzt, al­le Par­tei­en sind hier­ar­chisch or­ga­ni­siert, und hoch­s­e­lek­tiv in der Pro­gram­ma­tik. Hier wird die Mei­nungs­viel­falt, die im­mer exi­stiert, in trocke­ne Tü­cher ge­bracht, da­mit man par­la­men­ta­risch han­deln kann. Per­so­nell, tritt der klas­si­sche Funk­tio­när auf den Plan, der Mul­ti­rol­len-Spre­cher.
    Die PIRATEN sind eben­falls an der Or­ga­ni­sa­ti­ons­schwel­le ge­schei­tert. Die Viel­falt be­kam die Ober­hand, er­go: En­de der Po­li­tik!
    Ich ge­he mit der De­mo­kra­tie wirk­lich hart ins Ge­richt, weil ich aus der mar­xi­sti­schen Schu­le kom­me. Die Klas­sen­kämp­fe wer­den nicht durch das de­mo­kra­ti­sche Sy­stem mo­de­riert, wie man wei­land nach dem Krieg ei­ne Zeit lang glau­ben konn­te. Das ist be­dau­er­lich, und ein biss­chen pein­lich. Ex­tre­mis­mus ist ei­ne Fol­ge da­von. Man kann sich durch­aus fra­gen: Was war zu­erst, Ex­tre­mis­mus oder De­mo­kra­tie?!

    #9

  11. #7: (war­um rich­ten Sie ei­nen Ap­pell an die »lie­be CSU«?)
    Ich ent­schul­di­ge mich für die Po­le­mik mit der CSU. Das rich­tet sich na­tür­lich nur ge­gen die CSU (wen sonst), hat aber an die­ser Stel­le wohl nichts zu su­chen.

    #9: »Ich ge­he mit der De­mo­kra­tie wirk­lich hart ins Ge­richt, weil ich aus der mar­xi­sti­schen Schu­le kom­me.«
    Ich se­he den Kern der De­mo­kra­tie im Schutz der Min­der­hei­ten­rech­te. Ei­ne De­mo­kra­tie ist nicht ein­fach nur das Recht der Mehr­heit über den Rest. So­lan­ge ich sa­gen, was ich will (mit zu­ge­hö­ri­ger Be­grün­dungs­be­reit­schaft), oh­ne be­fürch­ten zu müs­sen, in ir­gend­ei­nem Gu­lag zu lan­den, bin ich un­ein­ge­schränkt für De­mo­kra­tie.

    #10

  12. @Detlef Zöll­ner
    Der Kern der De­mo­kra­tie liegt we­der apo­dik­tisch im Schutz der Rech­te von Min­der­hei­ten noch von Mehr­hei­ten. Die­se Rech­te wer­den idea­ler­wei­se in ge­wähl­ten Par­la­men­ten dis­kur­siv aus­ge­han­delt. Ei­ne De­mo­kra­tie ist, mit Chri­stoph Möl­lers ge­spro­chen, das Ver­spre­chen der Or­ga­ni­sa­ti­on von Herr­schaft un­ter den Be­din­gun­gen von Gleich­heit und Frei­heit sei­ner Teil­neh­mer. Be­din­gung ist ein von al­len Sei­ten als ver­bind­lich an­er­kann­tes Ver­fah­ren, po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen durch Wah­len in­sti­tu­tio­nell und re­prä­sen­ta­tiv durch­zu­füh­ren. Da Mehr­heits­ent­schei­dun­gen ver­bind­lich sein müs­sen (sonst bräuch­te man sie nicht ab­zu­fra­gen), gibt es in al­len funk­tio­nie­ren­den De­mo­kra­ti­en meh­re­re In­sti­tu­tio­nen (Kam­mern), die ei­ne Mehr­heits­dik­ta­tur zu ver­hin­dern su­chen. Dass Min­der­hei­ten per se rechts­be­gün­stigt sein sol­len, ist aber eben­falls ein to­ta­li­tä­rer An­satz.

    Möl­lers ka­pri­ziert sich im üb­ri­gen in sei­nem Buch »De­mo­kra­tie – Zu­mu­tun­gen und Ver­spre­chen« auf den Dis­sens als we­sen­haft. In der Fi­xie­rung auf ei­nen Kon­sens er­kennt er ei­ne Art »Ver­rat« am de­mo­kra­ti­schen Pro­zess. Dass sei­ne The­se nicht ganz aus der Luft ge­grif­fen ist, sieht man u. a. dar­an, dass in Län­dern, in de­nen über sehr lan­ge Zeit gro­ße Ko­ali­tio­nen herr­schen, al­so der Kon­sens in die po­li­ti­sche Ar­beit ein­ge­wo­ben ist), die ex­tre­men po­li­ti­schen An­sich­ten zu­neh­men. Es gibt kei­nen Dis­sens mehr, der dis­kur­siv aus­ge­tra­gen wer­den kann – al­le wis­sen schon im vor­aus, wie’s aus­geht.

    #11

  13. #11: »Dass Min­der­hei­ten per se rechts­be­gün­stigt sein sol­len, ist aber eben­falls ein to­ta­li­tä­rer An­satz.«
    Ich wür­de beim Schutz von Min­der­hei­ten nicht von »Rechts­be­gün­sti­gung« spre­chen. Es geht nicht um Pri­vi­le­gi­en, son­dern um ele­men­ta­re Men­schen­rech­te. Hier könn­te man na­tür­lich wie­der zwi­schen Grup­pen­rech­ten und In­di­vi­du­al­rech­ten un­ter­schei­den. Aber ich blei­be ganz be­schei­den bei mei­ner Mei­nungs­frei­heit. Das schließt das Recht auf Dis­sens mit ein. Das wür­de ich schon ir­gend­wie als we­sen­haft be­zeich­nen. Al­les an­de­re ist ei­ne Fra­ge der in­sti­tu­tio­nel­len Aus­ge­stal­tung.

    #12

  14. @Detlef Zöll­ner
    Ja, es geht na­tür­lich im­mer um »Men­schen­rech­te«. Ver­zei­hen Sie mir, aber ich kann die­se Phra­se nicht mehr hö­ren, weil sie so wohl­feil da­her­kommt und ir­gend­wie aus­ge­höhlt ist.

    Mei­nungs­frei­heit ist na­tür­lich ele­men­tar, aber die blo­ße Mei­nung die ge­ring­ste und klein­ste Wäh­rung. Es soll­te schon et­was mehr sein.

    #13

  15. #13: « Es soll­te schon et­was mehr sein.«
    Die­ses »et­was mehr« be­steht in der Ver­pflich­tung, sei­ne Mei­nung zu recht­fer­ti­gen. An­son­sten ist es es doch ein Be­leg für den Lu­xus, in dem wir le­ben, wenn wir glau­ben, wir dürf­ten ver­ächt­lich auf die­se »ge­ring­ste und klein­ste Wäh­rung« her­ab­se­hen.

    #14

  16. @Detlef Zöll­ner
    War­um ich Mei­nung als klein­ste Wäh­rung an­se­he, ha­be ich hier aus­ge­führt. So wä­re zum Bei­spiel mei­ne »Mei­nung« zu Haw­kings Theo­rie über Schwar­ze Lö­cher völ­lig ir­rele­vant, weil ich da­von gar kei­ne Ah­nung ha­be. Sie in ei­ner Um­fra­ge ab­zu­fra­gen und als gleich­ran­gig mit den »Mei­nun­gen« von Phy­sik­pro­fes­so­ren zu be­trach­ten und zu ge­wich­ten, wä­re Blöd­sinn. In der po­li­ti­schen Be­richt­erstat­tung wird das aber lau­fend prak­ti­ziert.

    Be­le­ge für Mei­nun­gen bei­zu­brin­gen ist Pflicht, ins­be­son­de­re wenn es sich um Me­di­en han­delt, die dar­über be­rich­ten. Das Ge­gen­teil pas­siert: Der Mei­nungs­jour­na­lis­mus gras­siert. Rich­tig ist, dass mich »Mei­nun­gen« kaum mehr in­ter­es­sie­ren, weil sie fast im­mer nur Af­fek­te ab­bil­den bzw. er­zeu­gen.

    #15

  17. #15
    Jetzt wird mir klar, wor­in un­ser Dis­sens be­steht. Ih­re Wert­schät­zung rich­tet sich auf den Ex­per­ten­dis­kurs, in dem sich Peers, wie Ha­ber­mas es nennt, auf Au­gen­hö­he be­geg­nen. Da ist na­tür­lich je­der Laie und Ama­teur Fehl am Platz.

    Ich selbst schät­ze aber die Au­to­no­mie des in­di­vi­du­el­len Ver­stan­des, der sich im Kan­ti­schen Sin­ne selbst er­mäch­tigt und nicht von Au­to­ri­tä­ten ein­schüch­tern läßt. Ich tre­te al­so für das Recht des Lai­en ein, sich mit al­len The­men, die ihn in­ter­es­sie­ren, zu be­fas­sen und von den Ex­per­ten zu for­dern, daß sie sich all­ge­mein ver­ständ­lich aus­drücken. Auch Ex­per­ten ha­ben ei­ne Recht­fer­ti­gungs­ver­pflich­tung ge­gen­über den Lai­en. Sie dür­fen sich nicht auf den Dis­kurs un­ter Peers be­schrän­ken. Das mag an­stren­gend sein. Aber das ist kein Grund, die­se Ver­pflich­tung mit leich­ter Hand vom Tisch zu wi­schen.

    #16

  18. @Detlef Zöll­ner
    Ih­re An­nah­me ist falsch. Ich könn­te sehr wohl im Haw­kings Schwar­ze Lö­cher-Theo­rie ei­ne »Mei­nung« ha­ben, wenn ich mir ent­spre­chen­de Kennt­nis­se an­ge­eig­net hät­te. Ein Bür­ger kann sehr wohl die Ar­beit ei­nes Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten be­ur­tei­len, so­fern er sei­ne In­for­ma­tio­nen nicht aus­schließ­lich aus der Pres­se be­zieht. Dis­kurs be­deu­tet na­tür­lich nicht, dass sich nur »Peers« über The­men aus­las­sen dür­fen. Aber die Af­fekt­mei­nung, die den po­li­ti­schen wie so­zia­len Dis­kurs in den Me­di­en mitt­ler­wei­le do­mi­niert, ist mir zu bil­lig.

    (Ha­ber­mas kon­ter­ka­riert sei­ne leh­re al­lei­ne schon da­durch, dass er sich na­he­zu un­ver­ständ­lich aus­drückt. Es ist mir auch nicht auf­ge­fal­len, dass er je­mals au­ßer­halb sei­nes Be­triebs den Dis­kurs über sei­ne Theo­ri­en ge­sucht hat. Er be­treibt al­so das Ge­gen­teil des­sen, was er po­stu­liert: ei­nen herr­schafts­frei­en Dis­kurs.)

    #17

  19. #17
    Ein­ver­stan­den!
    Dan­ke für das Ge­spräch.

    #18

  20. die kalte Sophie sagt:

    Ich möch­te die letz­ten Kom­men­ta­re ger­ne auf­grei­fen, und fol­gen­des be­mer­ken:
    Der Be­griff »Mei­nung« kommt in dem Auf­satz von @mete nur 1x vor, da wird ne­ben­säch­lich von ei­ner fal­schen Mei­nung ge­spro­chen, die man un­vor­sich­tig und un­ge­prüft über­nimmt.
    Wich­tig er­scheint mir die Ab­we­sen­heit des Mei­nungs­be­griffs über­haupt. Er spielt in dem Ent­wurf ei­ner Dis­kurs­ethik gar kei­ne we­sent­li­che Rol­le.
    War­um ist das so?!
    Ich den­ke, der Grund ist fol­gen­der: ei­ne stren­ge Ana­lo­gie zwi­schen wis­sen­schaft­li­chem und po­li­ti­schem Dis­kurs ist die Ur­sa­che. Die The­se, ih­re Dar­le­gung und Be­grün­dung wird mit ei­ner Äu­ße­rung im po­li­ti­schen Dis­kurs un­ein­ge­schränkt gleich­ge­setzt. Da­her ist es fast zu schwach, von ei­nem Ge­fäl­le der Teil­neh­mer zu spre­chen. Dann ste­hen sich na­tür­lich die »Peers«, die Groß­bür­ger­li­chen und Pe­gi­da, sprich der ein­fa­che Mann von der Stra­ße ge­gen­über. Ich hal­te die­se Ana­lo­gie für ei­nen sehr tief­grei­fen­den Irr­tum, was die Po­li­ti­sche Phi­lo­so­phie an­geht. Die­ser Par­al­le­lis­mus beschäftigt/irritiert uns schon län­ger, wenn mich nicht al­les täuscht.

    #19

  21. die kal­te So­phie
    War­um liegt hier ein Irr­tum vor? Dass al­le Stim­men gleich sind bzw. gleich ge­wich­tet wer­den?

    #20

  22. die kalte Sophie sagt:

    Ich ha­be die­se Grund­an­nah­me der Po­li­ti­schen Phi­lo­so­phie noch nicht voll­stän­dig ana­ly­siert, aber der wis­sen­schaft­li­che Dis­kurs im­pli­ziert mei­ner An­sicht nach kei­ne Prag­ma­tik, die von vor­läu­fi­gen punk­tu­el­len The­sen aus­ge­hend auf ak­zep­tier­te Theo­re­me ab­zie­len könn­te. Die­se Kon­so­li­die­rung kann ich auf der theo­re­ti­schen Ebe­ne nicht er­ken­nen. Es bleibt al­les, wie es da­her­kommt. The­sen sind Säu­len, die man nicht in Fun­da­men­te um­wan­deln kann, da­mit sie ei­ne ge­si­cher­te Grund­la­ge ab­ge­ben kön­nen.
    Das ent­schei­den­de Kri­te­ri­um des hy­po­the­ti­schen Den­kens (sei­ne pseu­do-de­mo­kra­ti­sche Ei­gen­schaft) ist sei­ne Of­fen­heit, sei­ne Ver­füg­bar­keit für je­den, der kom­pe­tent ge­nug ist, da­von Kennt­nis zu neh­men.
    Da­ge­gen hat ei­ne Mei­nung, wenn sie über­haupt zu­stan­de kommt, wie in #13 #15 #17 ein­ge­grenzt, ei­nen an­hal­ten­den prag­ma­ti­schen Cha­rak­ter. Man will et­was er­rei­chen, et­was än­dern. Da­bei ist sie im­mer par­ti­ku­lar, und sie bleibt es selbst wenn Ent­schei­dun­gen zu­stan­de kom­men, weil die Ak­zep­tanz nicht die 100% Mar­ke er­reicht.
    –Von Stim­men und de­ren Mäch­tig­keit (im Sin­ne der Ma­the­ma­tik) wür­de ich über­haupt nicht spre­chen. Die Viel­fach­heit ei­ner Mei­nung ist doch ab­zähl­bar, oder?! Dar­in be­steht ja das de­mo­kra­ti­sche Ver­fah­ren.
    Wie ge­sagt, in al­ler Kür­ze: The­sen und Mei­nun­gen kön­nen ver­mut­lich nicht auf ein und das­sel­be Dis­kurs­mo­dell zu­rück­grei­fen. Das nann­te ich ei­nen Irr­tum. Es scheint mir nicht plau­si­bel.

    #21

  23. Das Grund­pro­blem des hier skiz­zier­ten dis­kurs­ethi­schen Ver­fah­rens liegt dar­in, dass es auf den Kon­sens al­ler an­ge­wie­sen ist bzw. erst dann in prak­ti­sche Po­li­tik um­ge­setzt wird. De­mo­kra­ti­sche Ent­schei­dun­gen, wie wir sie ver­ste­hen, le­ben je­doch vom Mehr­heits­prin­zip, dass in check-and-ba­lan­ces aus­ta­riert wird, da­mit es nicht zu ei­ner Mehr­heits­dik­ta­tur kommt. Das ist nicht zu­letzt ein Ge­bot des po­li­ti­schen Han­delns; an­son­sten wä­re ei­ne Ent­schluss­fin­dung kaum noch mög­lich. Par­tei­en die­nen da­bei als Bün­de­lung von In­ter­es­sen und Mei­nungs­strö­men. Sie sind na­tür­lich ra­di­ka­le Ver­ein­fa­cher, denn schon in ei­ner Par­tei ist es un­mög­lich, al­le Strö­mun­gen gleich­be­rech­tigt zu in­te­grie­ren.

    Mei­nun­gen müs­sen in De­mo­kra­ti­en Mehr­hei­ten fin­den. Dar­in liegt al­ler­dings auch ih­re Ge­fahr. Neu­deutsch nennt man das »Po­pu­lis­mus« (Möl­lers sieht die­se Ge­fahr kaum), was aus­blen­det, dass Mehr­heits­ent­schei­dung im­mer ir­gend­wie »po­pu­li­stisch« sind (al­so min­de­stens 51 : 49). Der Un­ter­schied be­steht dar­in, ob sich po­li­ti­sche Par­tei­en nach den po­pu­lä­ren Mei­nungs­strö­men ein­fach nur aus­rich­ten oder ob sie für ih­re Pro­gram­ma­tik Mehr­hei­ten su­chen. Ich stel­le ein­mal die The­se auf, dass Mer­kel die CDU eher mit den ent­spre­chen­den Mei­nungs­um­fra­gen führt; die Pro­gram­ma­tik rich­tet sich nach den Um­fra­ge­wer­ten. Deut­lich sicht­bar war dies im März 2011, als sie von der Be­für­wor­te­rin der Atom­kraft bin­nen Ta­gen den Aus­stieg ver­kün­de­te. Das hat mit Po­li­tik nichts mehr zu tun; mit »Dis­kurs« eben­falls nicht.

    #22

  24. #21
    Nun bin ich doch wie­der da, nach­dem ich mich schon ver­ab­schie­det hat­te. Daß The­sen und Mei­nun­gen nicht den­sel­ben Sta­tus ha­ben, scheint mir ein­leuch­tend zu sein. Das be­deu­tet aber nicht, daß Mei­nun­gen nicht be­grün­dungs­be­dürf­tig wä­ren. Tat­säch­lich muß man wohl zwi­schen ei­nem po­li­ti­schen und ei­nem wis­sen­schaft­li­chen Dis­kurs un­ter­schei­den.
    Ich ha­be den Mei­nungs­be­griff im­mer im Sin­ne von Platon/Sokrates ge­braucht: Mei­nun­gen un­ter­schei­den sich von Wis­sen. Mei­nun­gen sind un­be­grün­de­te Wis­sens­be­haup­tun­gen und Wis­sen be­steht aus be­grün­de­ten bzw. be­gründ­ba­ren Be­haup­tun­gen. Al­ler­dings un­ter­schei­det So­kra­tes im Me­non noch wah­re Mei­nun­gen. Wah­re Mei­nun­gen un­ter­schei­den sich vom Wis­sen da­durch, daß sie nicht be­grün­det wer­den kön­nen, aber trotz­dem zu­tref­fen, und von blo­ßen, aus der Luft ge­grif­fe­nen Mei­nun­gen da­durch, daß ih­nen An­schau­un­gen (Er­fah­run­gen) zu­grun­de­lie­gen. Die Tu­gend be­steht aus sol­chen wah­ren Mei­nun­gen.
    Letzt­lich lan­den wir auf die­sem We­ge bei Husserl/Habermas/Blumenberg, näm­lich beim Le­bens­welt­be­griff. Mei­nung und Le­bens­welt ge­hö­ren eng zu­sam­men. Dann wä­ren Mei­nun­gen et­was, das aus der Le­bens­welt kommt und über den Dis­kurs in Ar­gu­men­te ver­wan­delt wird.

    #23

  25. @Detlef Zöll­ner
    Schö­ner Schluß­satz: Mei­nun­gen, die »über den Dis­kurs in Ar­gu­men­te ver­wan­delt« wer­den. Das ist der heh­re An­spruch, der je­doch lei­der fast voll­kom­men ver­lo­ren ge­gan­gen zu sein scheint. Mei­nun­gen (= un­be­grün­de­te Aus­sa­gen) ge­nü­gen heu­te voll­ends als Le­gi­ti­ma­ti­on für po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen. Das hat na­tür­lich mit der Ra­sanz zu tun, in der politische/soziale/ökonomische Dis­kus­sio­nen in den Me­di­en ge­führt und am En­de tri­via­li­siert wer­den.

    Hin­zu kommt, dass der Dis­kurs nicht mehr vor­aus­set­zungs­frei ist, d. h. es kann nur noch sy­stem­im­ma­nent dis­ku­tiert wer­den. Wenn ich aber – um nur ein Bei­spiel zu nen­nen – den Eu­ro in sei­ner der­zei­ti­gen Aus­stat­tung und Form für un­zu­rei­chend hal­te, fließt die­ser As­pekt nicht mehr in den Dis­kurs ein, da die Vor­aus­set­zun­gen an­de­re sind (hier: der Eu­ro ist not­wen­dig, wich­tig, usw.). Das wä­re an sich kein Pro­blem – schließ­lich kann nicht je­des­mal das Rad neu er­fun­den wer­den – wenn nicht vor­her das Dis­kursprin­zip ver­letzt bzw. igno­riert wor­den wä­re.

    Mit Be­grif­fen wie »wah­ren Mei­nun­gen« tappt man nur in noch grö­sse­re schwar­ze Lö­cher. Wer legt denn den Wahr­heits­cha­rak­ter fest? Selbst die Na­tur­wis­sen­schaf­ten ha­ben in­zwi­schen weit­ge­hend das Fal­si­fi­ka­ti­ons­prin­zip ak­zep­tiert. Man soll­te sich da­von ver­ab­schie­den, dass po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen im­mer »wahr« sein müs­sen: sie bil­den vor­läu­fi­ge, sich per­ma­nent in Ver­än­de­rung be­find­li­che Ur­tei­le ab.

    #24

  26. die kalte Sophie sagt:

    @ Det­lev Dan­ke für den Pla­ton-Hin­weis. Ge­nau die­ses Mo­dell scheint mir von Pla­ton »in höch­ster Er­klä­rungs­not« auf­ge­stellt wor­den zu sein. Es kann aus heu­ti­ger Sicht kaum ein­leuch­tend dar­ge­stellt wer­den, was ei­ne »wah­re Mei­nung« sein soll.
    Ich bin nicht si­cher, ob die Li­nie Husserl/Blumenberg/Habermas stimmt, aber ich bin auch kein Ex­per­te. Ei­nen ver­steck­ten Pla­to­nis­mus kann ich mir durch­aus vor­stel­len.

    @ Gre­gor Dass Mei­nun­gen Ent­schei­dun­gen vor­aus ge­hen, und mit den Ge­set­zes­än­de­run­gen ei­ne ei­ge­ne Fak­ti­zi­tät er­rei­chen, ist klar. Es ge­hört zur po­li­ti­schen Kul­tur, nicht al­le 4 Jah­re sämt­li­che Uh­ren zu­rück zu stel­len. Das hat mit Ver­trags­treue zu tun, die selbst­ver­ständ­lich auch für die Bun­des­re­pu­blik gilt. Ich glau­be, wir sind uns dar­in ei­nig, dass die ei­gent­li­chen Vor­gän­ge der Mei­nungs­bil­dung zu ei­nem ge­ge­be­nem Po­li­tik­feld kaum noch ernst­haft die Öf­fent­lich­keit be­schäf­ti­gen. Was ge­nau ge­schieht ei­gent­lich in die­sem Tru­bel, den wir Öf­fent­lich­keit nen­nen?! Wur­de die An­stren­gung der Mei­nungs­bil­dung er­setzt durch ei­ne »dif­fu­se Re­fe­ren­zia­li­tät«, so­dass ein Re­gie­rungs­kon­zept nach Um­fra­gen (CDU) funk­tio­nie­ren kann... Ich mei­ne das oh­ne Ver­schwö­rungs­theo­rie, das passt doch gut zu­sam­men, –ein schwe­ben­der Dis­kurs und ein plan­lo­ser Prag­ma­tis­mus?!

    #25

  27. Vie­len Dan­ke für die zahl­rei­chen Kom­men­ta­re. Zu ei­ni­gen der an­ge­spro­che­nen As­pek­te:

    @Detlev Zöl­ner
    #5
    Mei­nung wür­de ich im Spek­trum von blo­ßen Set­zun­gen, über As­so­zia­tio­nen hin zu Ein­schät­zun­gen de­fi­nie­ren (ver­or­ten). Grund­sätz­lich ist ei­ne Mei­nungs­äu­ße­rung le­gi­tim, wenn sie als von al­len Be­tei­lig­ten sol­che an­ge­se­hen und ver­stan­den wird. Dar­über hin­aus hat sie in De­mo­kra­ti­en Be­deu­tung weil sie (fak­tisch ge­se­hen) für die Or­ga­ni­sa­ti­on von Mehr­hei­ten be­deut­sam ist: Was wol­len die Wäh­ler? Wie wird die­ses oder je­nes an­kom­men? In­klu­si­ve al­ler be­kann­ten ne­ga­ti­ven As­pek­te (Macht­er­halt und Or­ga­ni­sa­ti­on von Mehr­hei­ten sind Auf­ga­ben von Po­li­ti­kern).

    Was als Ar­gu­ment taugt, da möch­te ich wi­der­spre­chen, zeigt sich be­reits vor dem Dis­kurs: Nach­den­ken, Über­le­gen, For­mu­lie­ren, Prü­fen, da­zu brau­che ich kein Ge­gen­über; die Be­wäh­rung in Form ei­ner Aus­ein­an­der­set­zung steht al­ler­dings noch aus. — Ar­gu­men­te sind im­mer in ei­nen Rah­men (Raum) von Be­züg­lich­kei­ten ein­ge­bet­tet, das ist es­sen­ti­ell.

    Zu Pe­gi­da möch­te ich noch ei­nen kur­zen Text schrei­ben, dort kön­nen wir ger­ne wei­ter dis­ku­tie­ren (dort wird in der Tat viel ge­meint; das muss man aber in ei­nen, glau­be ich, wich­ti­gen Kon­text set­zen).

    @die kal­te So­phie
    #6
    Ein­stiegs­hür­den, ja. — Ich ha­be nichts von Ha­ber­mas ge­le­sen, kann da­zu al­so nichts sa­gen, bin aber durch­aus ver­wun­dert, dass er so ei­ne »top-down Re­gie­rung« für gut hält (da muss auf kurz oder lang Miss­trau­en ent­ste­hen). Rich­tig ist: Spe­zia­li­sten, z.B. Wis­sen­schaft­ler, müs­sen ihr Wis­sen auf ein­fa­che, aber doch kor­rek­te Wei­se in die öf­fent­li­chen Dis­pu­te ein­brin­gen (in Kom­men­tar #16 ist das schön be­schrie­ben).

    #19
    Mei­nung ist viel­leicht ein (auch von mir) bis­lang un­ter­schätz­ter Aus­gangs­punkt von Dis­kur­sen (oder Über­le­gun­gen), et­was wie ei­ne The­se, ei­ne Idee, die man sich nä­her an­sieht und die dann dis­ku­tiert wird.

    #21
    Viel­leicht ist der Be­griff »The­se« un­pas­send; aber so ver­schie­de­ne The­men wie die Ab­wick­lung ei­ner Bank (et­wa die Hy­po-Al­pe-Adria) oder der an­ge­führ­te Atom­aus­stieg, ha­ben ge­mein, dass wir die zu­künf­ti­gen Ent­wick­lun­gen nicht ken­nen (den ge­gen­wär­ti­gen Stand der Din­ge oft recht gut), aber trotz­dem ei­ne Ent­schei­dung tref­fen müs­sen; das ist ty­pisch für die Po­li­tik und völ­lig un­ty­pisch für die Wis­sen­schaft (der Grund­la­gen­for­scher weiß nicht was und ob er über­haupt et­was »Brauch­ba­res« fin­det). — In der Po­li­tik geht es mehr um Ge­wich­tung und Be­wer­tung.

    @Gregor
    #22
    In der Rea­li­tät lau­fen Ent­schei­dungs­fin­dung und öf­fent­li­che Dis­kus­si­on par­al­lel; sie sind nicht zwin­gend kau­sal oder kon­sen­su­al (hin­zu kommt noch der Aus­gleich von In­ter­es­sen, der wich­tig für die Ge­sell­schaft ist). Al­ler­dings sto­ßen po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen, die nicht er­klärt, nein: für die Bür­ger nicht nach­voll­zieh­bar sind, auf Ab­leh­nung (da ist die Dis­kurs­ethik wie­der we­sent­lich). — Ge­nau: Po­li­tik ist nicht für Wahr­heit zu­stän­dig, son­dern da­für im ei­nem be­stimm­ten Wis­sens­kon­text, die rich­ti­gen Ent­schei­dun­gen für die ent­spre­chen­den Ge­sell­schaf­ten zu tref­fen.

    #26

  28. Un­ter der Über­schrift »Was ist ein Dis­kurs?« schrieb ich das Un­ten­ste­hen­de, oh­ne die­sen obi­gen Ar­ti­kel schon ge­le­sen zu ha­ben, was ich nun­mehr nach­hol­te. Trotz­dem und auch des­we­gen blei­be ich bei fol­gen­der, so­wohl ernst als auch un­ernst ge­mein­ten Be­griffs­be­stim­mung:

    Ein oder gar der Dis­kurs ist na­tur­ge­mäß zu­nächst im­mer ei­ne un­kla­re An­ge­le­gen­heit. Ein trü­bes Ge­wäs­ser mit ei­ner un­ge­wis­sen Tie­fe. Ei­ner un­ge­wis­sen Aus­deh­nung. Ein Flie­ßen, in wel­che Rich­tung auch im­mer, macht den Dis­kurs nicht kla­rer. Um klar Fass­ba­res dem Dis­kurs ent­neh­men zu kön­nen, müs­sen die frei schwe­ben­den Teil­chen, die den Dis­kurs trü­ben, still­ge­legt wer­den. Al­so wird, um im Bild zu blei­ben, das Was­ser ab­ge­las­sen von de­nen, die das ver­mö­gen. Sta­bil Er­schei­nen­des wird so er­kenn­bar, auch wenn es im Matsch steht. Im Dreck. Jetzt geht es dar­um, das Er­kenn­ba­re mit­ein­an­der in Be­zie­hung zu set­zen, et­waig vor­han­de­ne Ver­bin­dun­gen, Ver­wandt­schaf­ten und Ge­mein­sam­kei­ten deut­lich zu ma­chen, wor­aus sich zu­gleich das Tren­nen­de er­ge­ben muss, das Ge­gen­ein­an­der­ste­hen­de, das Feind­li­che. So ent­ste­hen deut­li­che, kon­kre­te Mu­ster, Be­zü­ge, Ko­ali­tio­nen, wäh­rend zu­gleich der Matsch, in dem der Dis­kurs grün­det, aus­trock­net und ein fu­rio­ses, ein chao­tisch an­mu­ten­des Netz von Ris­sen aus­bil­det. Dann ist der Dis­kurs an sein En­de ge­kom­men. Und ir­gend­wann kommt das Was­ser zu­rück.

    http://nwschlinkert.de/2015/01/08/was-ist-ein-diskurs/

    #27

  29. die kalte Sophie sagt:

    Ei­ne Be­griffs­be­stim­mung für den Rah­men der Ab­hand­lung der Au­tor @mete ja schon in der Fuß­no­te 1 ge­ge­ben.
    Ich fin­de die De­fi­ni­ti­on an­ge­mes­sen, kon­sta­tie­rend die Un­ord­nung des ge­ge­be­nen Öf­fent­li­chen Dis­kur­ses, dem die Re­geln der Dis­kurs­theo­rie bei­gelegt wer­den, um ei­ne po­si­ti­ve Ent­wick­lung ein­zu­lei­ten. Na­tür­lich kann man sich auf den Stand­punkt stel­len: Cha­os ge­biert nur Cha­os. Aber ich den­ke, es ist in­ter­es­sant, die im­ma­nen­te Mo­ti­ve der Teil­neh­mer mit den Re­geln des idea­len Ge­sprächs zu ver­glei­chen. Es gibt in­kom­pa­ti­ble Teil­neh­mer, es gibt in­kom­pa­ti­ble Bei­trä­ge. Wenn der Öff­fent­li­che Dis­kurs nicht ein Min­dest­maß von Ra­tio­na­li­tät auf­bie­ten könn­te, wür­de sich ja kein er­wach­se­ner Mensch da­mit be­schäf­ti­gen.
    Zen­tra­le An­nah­me ist na­tür­lich: ein Mehr an Ord­nung bringt Fort­schritt. Das bleibt da­hin ge­stellt.

    #28

  30. Ein Mehr an Ord­nung kann, so wä­re an­zu­mer­ken, zu ei­ner ge­wis­sen Starr­heit, ei­ner »Aus­trock­nung« des Dis­kur­ses füh­ren, zu ei­ner je statt­fin­den­den Fi­xie­rung von Po­si­tio­nen in ver­meint­lich fe­stem Grund. Be­zo­gen auf die Dis­kus­si­on um Pe­gi­da wä­re es al­so mei­ner An­sicht nach ganz falsch, so lan­ge Be­wei­se da­für zu fin­den, daß die­se Be­we­gung rechts­ex­trem und/oder na­tio­na­li­stisch ist, bis sich schließ­lich al­le, »mü­de« ge­wor­den, da­mit ab­fin­den, nur um end­lich »Ru­he« zu ha­ben und sich ein­zu­rich­ten im ent­stan­de­nen Bild. Wenn je­doch al­le, auch die, die gar nicht re­den wol­len, noch das Ge­fühl ha­ben, sich ih­rer Sa­che we­gen be­we­gen zu müs­sen, lebt der Dis­kurs, und das ist man je­dem noch so wü­ten­den oder schlicht den­ken­den Teil­neh­mer der Pe­gi­da-De­mon­stra­tio­nen schul­dig. Ein ab­so­lu­tes Aus­gren­zen der sich of­fen­sicht­lich Aus­ge­grenzt­füh­len­den (der Aus­ge­grenz­ten) führ­te nur zu Ex­tre­mis­mus, und von dem ha­ben wir weiß der Teu­fel ja wirk­lich schon ge­nug.
    (In­ter­es­sant auch, daß al­le Par­tei­en die an­ony­men Stim­men der in Dres­den De­mon­strie­ren­den bei Wah­len ger­ne ein­sacken, jetzt aber, wo sie als Men­schen sicht­bar wer­den, sich em­pört ab­wen­den.)

    TL;DR: Dis­kurs ist, wenn’s bro­delt.

    #29

  31. @Norbert W. Schlin­kert
    Die Be­stim­mung zu un­scharf, als dass sie kon­kret und prak­tisch mit »der Rea­li­tät« ver­gleich­bar wä­re (grund­sätz­lich se­he ich aber we­nig Dif­fe­ren­zen). Ein Dis­kurs braucht Ord­nung (Ver­ständ­lich­keit, In­ter­sub­jek­ti­vi­tät) wie Un­ord­nung (ei­ner­seits der Of­fen­heit, an­de­rer­seits der Ver­än­der­lich­keit we­gen).

    Für Pe­gi­da und no­pe­gi­da gilt, dass po­li­ti­sche Fra­gen dis­kur­siv ent­schie­den wer­den (soll­ten); Ge­sprächs­ver­wei­ge­run­gen und Ver­all­ge­mei­ne­run­gen (»Lü­gen­pres­se«, »Na­zis«) sind auf Dau­er kein Mit­tel, son­dern füh­ren, wie Sie schon schrie­ben, zu Spal­tung und zu Ex­tre­mis­mus (das ist dann die ein­zi­ge Kraft, die sich um de­ren An­lie­gen küm­mert, bes­ser die­se für sich nutz­bar macht).

    #30

  32. @metepsilonema
    Was aber, wenn Ver­all­ge­mei­ne­run­gen und Kom­ple­xi­täts­re­du­zie­run­gen längst zu an­er­kenn­ten und bei­der­sei­tig ver­wen­de­ten Re­ge­lun­gen des Dis­kur­ses in­ter­na­li­siert wur­den? Wenn es gar nicht mehr dar­um geht, ge­sell­schaft­li­che, öko­no­mi­sche, öko­lo­gi­sche (oder son­sti­ge) Pro­ble­me im De­tail zu durch­drin­gen? Ich er­in­ne­re mich an die Eu­ro-Ret­tungs­pro­gram­me, die vor zwei Jah­ren in schö­ner Re­gel­mä­ssig­keit den po­li­ti­schen Man­dats­trä­gern zu­gin­gen: Mehr als 1000 Sei­ten (meist nur in eng­lisch), über die bin­nen 48 Stun­den zu ent­schei­den sein soll: ja oder nein? Wie kann hier ein Dis­kurs statt­fin­den? Wenn schon im Vor­feld die »Lö­sun­gen« als »al­ter­na­tiv­los« be­zeich­net wer­den und so­mit das Ab­stim­mungs­ver­hal­ten in die »rich­ti­ge« Rich­tung ge­lenkt wer­den sol­len.

    #31

  33. Das Pro­ble­ma­ti­sche im Um­gang mit Pe­gi­da scheint mir tat­säch­lich dar­in zu lie­gen, daß die von »uns« so ge­schätz­ten Re­geln des Dis­kur­ses un­ter­lau­fen wer­den, in­dem qua De­mon­stra­ti­on ei­ner pu­ren Mas­se un­ter­kom­plex agiert wird und zu­gleich auch in­di­vi­du­ell sehr emo­tio­nal, mit ei­ni­ger Wut näm­lich auf »die da oben«, die aber nicht ei­gens ar­ti­ku­liert wer­den muß, weil man ja mit an­de­ren Be­trof­fe­nen zu­sam­men für sei­ne Rech­te ein­steht. Man bleibt so­zu­sa­gen un­ter sich. Be­droh­lich da­bei ist mei­ner An­sicht nach vor al­lem, daß sich Men­schen Pa­ro­len an­schlie­ßen, die völ­li­ger Un­sinn sind, et­wa die ver­meint­li­che Is­la­mi­sie­rung des Lan­des be­tref­fend. (Vor­läu­fig ha­ben die so­ge­nann­ten christ­li­chen Kir­chen im­mer noch viel zu viel Ein­fluß, aber da­ge­gen pro­te­stiert nie­mand.) Ich ken­ne aus mei­ner Kind­heit und Ju­gend (in ei­nem aus heu­ti­ger Sicht »trotz al­lem« klein­bür­ger­lich-grund­op­ti­mi­sti­schen Um­feld der 70er und frü­hen 80er Jah­re) die­se ge­ball­te Wut, die mil­lieu­be­dingt ist, weil durch­aus vie­le Men­schen kei­ner­lei Übung ha­ben im Dis­ku­tie­ren und sich si­cher­lich kei­ne Vor­stel­lun­gen da­von ma­chen, was ein Dis­kurs über­haupt ist, be­wir­ken soll und zu sein hat. Im­grun­de ste­hen sich die nach ein­fa­chen Ant­wor­ten und ei­nem ge­lin­gen­den Le­ben gie­ren­den, ein­zel­nen Men­schen (mit Flei­ßigs­ein­dür­fen und dem dar­aus re­sul­tie­ren­den gu­ten Ein- und Aus­kom­men usw.) und die tat­säch­lich über­kom­ple­xe Wirk­lich­keit dia­me­tral ge­gen­über, in der es dann aber, sie­he das Bei­spiel mit den Eu­ro-Ret­tungs­pro­gram­men und dem ab­surd an­mu­ten­den Pro­ze­de­re, zwi­schen­zeit­lich auch nur noch um Ja oder Nein geht. So wird es dem Volk je­den­falls ver­mit­telt, so als ha­be das Rin­gen um ei­ne Ent­schei­dung tat­säch­lich statt­ge­fun­den zwi­schen de­nen, die de­mo­kra­tisch ge­wählt wor­den sind, wäh­rend es sich in Wirk­lich­keit um ein sehr kom­ple­xes Sich-Be­kämp­fen der­je­ni­gen han­delt, die Macht ha­ben per Wirt­schafts­kraft. Wo­mög­lich fin­den Dis­kur­se im ei­gent­li­chen Sin­ne über­haupt nicht mehr statt, be­zie­hungs­wei­se er­schei­nen nur in der Nach­be­trach­tung noch als sol­che, weil man sonst das Ge­fühl hät­te, über­haupt nicht mehr be­tei­ligt zu sein.

    #32

  34. @Norbert W. Schlin­kert
    Wo­mög­lich fin­den Dis­kur­se im ei­gent­li­chen Sin­ne über­haupt nicht mehr statt, be­zie­hungs­wei­se er­schei­nen nur in der Nach­be­trach­tung noch als sol­che, weil man sonst das Ge­fühl hät­te, über­haupt nicht mehr be­tei­ligt zu sein.
    Das ist m. E. wah­re Wor­te und sie tref­fen den Zu­stand ziem­lich ge­nau. Für mich sind die hy­ste­ri­schen Re­ak­tio­nen auf zum Teil tat­säch­lich blöd­sin­ni­gen Pa­ro­len von Pe­gi­da al­ler­dings eben­falls kein Ruh­mes­blatt: Die Men­schen wer­den pau­schal dif­fa­miert und dis­kre­di­tiert. Wäh­rend es doch an­de­rer­seits über­all heisst, man dür­fe nicht pau­scha­li­sie­ren...

    Tat­säch­lich wird nicht nur die pe­ku­niä­re Sche­re in­ner­halb der Ge­sell­schaft im­mer grö­sser, son­dern auch die so­zia­le und po­li­ti­sche. Ich deu­te­te das oben schon ein­mal an: Wenn man sich – und sei es auch nur als Ad­vo­ca­tus Dia­bo­li – in ei­ner Run­de ei­gent­lich klu­ger Men­schen ein­fach mal für Atom­kraft, Gen­tech­nik oder TTIP aus­spricht – dann kann man ganz schnell das blan­ke Ent­set­zen be­ob­ach­ten. In­ter­es­sant ist dann, dass es kaum mehr Ar­gu­men­te gibt – die blo­ße Ge­sin­nung reicht schon aus. Die­ser mehr oder we­ni­ger un­aus­ge­spro­che­ne Kon­sens wird von der Po­li­tik auf na­he­zu al­le auch nur am Ran­de als kon­tro­vers aus­ge­mach­te The­men an­ge­wen­det. So ver­schwin­det der Dis­kurs, be­vor er über­haupt ein­setz­te. So gab es in Deutsch­land nie­mals ei­ne Art von Re­fe­ren­dum über die Eu­ro­pa­po­li­tik. Der Grund ist ver­mut­lich ba­nal: Man woll­te sich die Ar­beit er­spa­ren, die Wäh­ler von den Vor­zü­gen zu über­zeu­gen.

    #33

  35. #33: »Ad­vo­ca­tus Dia­bo­li«
    Es ist in ei­ner mü­den, lang­wei­li­gen Dis­kus­si­ons­at­mo­sphä­re si­cher be­le­bend, ge­le­gent­lich den Ad­vo­ca­tus Dia­bo­li zu spie­len. Aber ich ha­be im aka­de­mi­schen Mi­lieu all­zu oft er­lebt, wie selbst­ver­lieb­te Dis­ku­tan­ten im­mer rasch, nur um zu glän­zen, pro­vo­zie­ren­de The­sen in den Raum stell­ten, die sie selbst gar nicht ernst mein­ten, wäh­rend die an­de­ren ge­ra­de da­bei wa­ren, müh­sam ein The­ma zu ent­fal­ten und zu durch­drin­gen. In­dem sie ih­re Ge­spräch­part­ner vor den Kopf stie­ßen, zeig­ten sie im Grun­de nur ihr völ­li­ges Des­in­ter­es­se am The­ma und heim­sten an­ge­sichts der sprach­los ge­mach­ten Ge­sprächs­part­ner schnel­le Pu­bli­kums­er­fol­ge – ob nun im Se­mi­nar oder auf ei­ner Par­ty – ein.

    Ich ge­he im­mer, egal mit wem ich spre­che, vom ehr­li­chen Wil­len mei­nes Ge­sprächs­part­ners aus, ei­ne ge­mein­sa­me Klä­rung an­zu­stre­ben. Viel­leicht ist das »blan­ke Ent­set­zen«, von der Sie spre­chen, nur Aus­druck der Ver­wir­rung dar­über, ob je­mand wirk­lich ernst meint, was er sagt, oder ob er – be­sten­falls – nur ‘wit­zig’ er­schei­nen will?

    #34

  36. @Gregor Keu­sch­nig: So lang­sam schei­nen sich die Men­schen und gro­ße Tei­le der Me­di­en in der Tat (end­gül­tig?) dar­an zu ge­wöh­nen, nur noch in Schwarz-Weiß-Mu­stern zu agie­ren, Dau­men rauf oder run­ter, li­ke oder nicht li­ke, Freund oder Nicht­freund. Daß ein Pro­zeß not­wen­dig ist, um von ei­nem Vor-Ur­teil, ei­nem er­sten Ein­druck, ei­nem Bauch­ge­fühl zu ei­nem be­grün­de­ten Ur­teil zu kom­men, daß da­für mit­un­ter Ar­beit zu in­ve­stie­ren ist, scheint im­mer mehr ver­ges­sen zu wer­den. Vie­le Men­schen ma­chen lie­ber ei­nen Deal mit der Rea­li­tät, lieb sein, funk­tio­nie­ren, Rich­ti­ges sa­gen oder an der rich­ti­gen Stel­le schwei­gen, und da­für dann nicht in Hartz-IV ab­stür­zen – das muß für die mei­sten Be­loh­nung ge­nug sein!
    (Zu Hartz-IV: http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/zehn-jahre-hartz-iv-immer-den-staat-im-nacken-1.2293478 )

    Ei­ne wirk­li­che Dis­kus­si­on im grö­ße­ren Rah­men ha­be ich üb­ri­gens schon lan­ge nicht mehr er­lebt, we­der über Po­li­tik noch et­wa über Li­te­ra­tur. In der Tat ste­hen sich ent­we­der Mei­nungs­blöcke ge­gen­über und man kann schon froh sein, wenn kei­ner aus­fal­lend wird, oder aber es wird (in Sa­chen Li­te­ra­tur) be­weih­räu­chert und kei­ner traut sich, mal was Kri­ti­sches zu fra­gen oder zu sa­gen – auch ich mach das in­zwi­schen nicht mehr und halt meist mei­ne Klap­pe, ob­wohl ich der Mei­nung bin, daß auch al­les Künst­le­ri­sche bis zu ei­nem ge­wis­sen ho­hen Gra­de nach Qua­li­täts­merk­ma­len be­wer­tet wer­den muß.

    #35

  37. @Detlef Zöll­ner
    Des Teu­fels An­walt zu sein hal­te ich durch­aus für ein le­gi­ti­mes rhe­to­ri­sches Mit­tel ge­gen all­zu gro­ße Selbst­ge­wiss­heit und Denk­faul­heit. Das muss nicht zwin­gend in Un­ernst oder Lä­cher­lich­keit aus­ar­ten. So gibt ja fast im­mer auch Ar­gu­men­te zu den schein­bar un­um­stöß­lich­sten Si­cher­hei­ten. Beim The­ma Atom­kraft ha­be ich das tat­säch­lich mal ge­macht und ar­gu­men­tier­te u. a. mit den Kli­ma­vor­tei­len. Und re­gel­mä­ssig ern­te ich Er­stau­nen, wenn ich für die Le­ga­li­sie­rung und ko­or­di­nier­te Ver­tei­lung von Dro­gen Par­tei er­grei­fe, um da­mit das or­ga­ni­sier­te Ver­bre­chen we­nig­stens auf die­sem Sek­tor aus­zu­trock­nen. Das ist kei­nes­wegs »wit­zig« ge­meint.

    #36

  38. die kalte Sophie sagt:

    Es gibt ja die­sen Mo­de-Be­griff von der »Post­de­mo­kra­tie«. Den könn­te man doch in die­se Rich­tung wen­den und sa­gen: Post­de­mo­kra­tie be­nennt das Ver­schwin­den des In­ter­es­ses am Öf­fent­li­chen Dis­kurs aus Ver­nunft­grün­den. Ei­ne Teil­nah­me ver­spricht kei­nen Ef­fekt, kei­ne Wir­kung, da die tur­bu­len­ten Ak­tio­nen be­reits die Ober­hand ha­ben, und im­mer zu ei­ner Neu­tra­li­sie­rung auch der ernst­haf­ten Bei­trä­ge füh­ren. Ich ver­ste­he die­sen Ver­zicht als die Preis­ga­be der (ei­ge­nen) po­li­ti­schen Iden­ti­tät, ei­nen An­teil des ei­ge­nen Selbst, der la­tent blei­ben muss, weil er nicht mehr sinn­voll ent­fal­tet wer­den kann.
    Das klingt na­tür­lich wie De­fä­tis­mus, könn­te als »pas­si­ve Sub­ver­si­on« ge­deu­tet wer­den. Aber die Fra­ge ist, ob man da­zu nicht ge­zwun­gen ist. Ich wür­de die­sen Ver­zicht je­den­falls nicht als »un­ver­nünf­tig« be­zeich­nen. Die Ver­nunft hat ja ei­ne psy­cho-öko­no­mi­sche Funk­ti­on. Sie ist in der La­ge, die Din­ge... ab­zu­kür­zen, bzw. aus­zu­sor­tie­ren, die sinn­los sind. Zu­ge­spitzt: könn­te man ei­nen re­du­zier­ten Ver­nunft-Be­griff dar­auf an­wen­den?!

    #37

  39. @die kal­te So­phie
    Ein re­du­zier­ter Ver­nunft­be­griff? Das wä­re ja so et­was wie run­ter­ge­dimm­te Auf­klä­rung! Au­ßer­dem war es schon im­mer »ver­nünf­tig«, im Sin­ne des Selbst­er­halts, sich mit­un­ter eben nicht der herr­schen­den Be­we­gung in den Weg zu stel­len. Was aber, wenn meh­re­re Be­we­gun­gen zu herr­schen trach­ten und man als »Neu­tra­lo« zer­rie­ben zu wer­den droh­te? Spä­te­stens dann muß man Par­tei er­grei­fen oder ei­ne ei­ge­ne bil­den, not­falls auch al­lein! Ob da nun Sinn drin lä­ge, ist dann ei­ne Fra­ge der De­fi­ni­ti­on von Sinn oder Un­sinn.

    #38

  40. #36:
    Es gibt in Pla­tons »Prot­ago­ras« ei­ne Sze­ne, in der So­kra­tes zu ei­nem Streit­ge­sprüch her­aus­ge­for­dert wird, bei dem das Pu­bli­kum den Rich­ter dar­über spie­len soll, wer von bei­den der bes­se­re Red­ner ist. So­kra­tes lehnt das ab und for­dert statt­des­sen sei­nen Ge­sprächs­part­ner da­zu auf, sich nur an sei­nem Ge­wis­sen (das So­kra­tes als Dai­mon be­zeich­net) zu ori­en­tie­ren. Er soll sei­ne Ar­gu­men­ta­ti­on nicht nach der Gunst des Pu­bli­kums rich­ten, son­dern der ge­mein­sa­men Sa­che im Ge­spräch un­ter­wer­fen. Ehe ich dem Ge­sprächs­part­ner Denk­faul­heit un­ter­stel­le, las­se ich mich bes­ser gar nicht erst auf ein Ge­spräch ein.

    #37 und #38:
    Das ist auch die pas­sen­de Ant­wort auf so was wie ei­ne »re­du­zier­te Ver­nunft«: Lie­ber gar nicht erst in ein Ge­spräch ein­tre­ten, als Ab­stri­che an der Ver­nunft zu ma­chen. Dann ist Schwei­gen wirk­lich bes­ser. Mit re­du­zier­ter Ver­nunft hat die­ses Schwei­gen nichts zu tun.

    #39

  41. Ja, Dis­kur­se fin­den (zu­min­dest teil­wei­se) nicht (mehr) statt, das The­ma Ret­tungs­schirm ist ein gu­tes Bei­spiel und ir­gend­wann stößt man an Gren­zen, das war bei den Ver­fas­sungs­dis­kus­sio­nen ähn­lich; man muss dann für ei­ne Lek­tü­re der Ori­gi­nal­tex­te ei­gent­lich Ju­rist sein, oder Öko­nom, usf. — Oh­ne »Über­set­zer« de­nen man ver­trau­en kann, die al­so Sach­lich­keit ge­wäh­ren, ist das nicht zu stem­men, die Re­sul­ta­te sind, wie schon ge­sagt wur­de, »al­ter­na­tiv­los« und wer­den durch die Par­la­men­te ge­wun­ken.

    An­de­rer­seits kann ich nicht sa­gen, dass das bei al­len The­men so ist: Über die Ukrai­ne­kri­se dis­ku­tie­ren sehr vie­le; bei uns über die Hy­po (ein durch­aus kom­ple­xes The­ma), über die Steu­er­re­form, über das Amts­ge­heim­nis, al­so mehr Trans­pa­renz, usw.

    Im Fall von Pe­gi­da se­he ich et­was an­de­res, ei­nen fun­da­men­ta­le­ren und nicht the­men­be­zo­ge­nen Aus­stieg aus dem Dis­kurs (Pe­gi­da will nicht, weil sie man sich be­lo­gen und ge­täuscht fühlt und die Geg­ner ver­wei­gern ihn, zu­min­dest in Tei­len, aus mo­ra­li­schen Grün­den, qua­si: Mit euch nicht, ihr tre­tet für die fal­sche po­li­ti­sche Po­si­ti­on ein!).

    Dis­kurs ist ein hoch­tra­ben­des Wort, viel­leicht soll­te man Dis­kus­sio­nen sa­gen, Streit­ge­spräch, was auch im­mer, ich den­ke da­bei (rea­li­ter) an die ge­sam­te Band­brei­te po­li­ti­scher Aus­ein­an­der­set­zung, nichts aka­de­mi­sches je­den­falls. — Es stimmt si­cher­lich, dass es ei­ne Art un­aus­ge­spro­che­nen »Kon­sens« gibt und man sich bei be­stimm­ten The­men au­to­ma­tisch in ei­ne Au­ßen­sei­ter­po­si­ti­on be­gibt (man kann das Kon­for­mi­tät nen­nen). Das ist mit po­li­ti­schen Po­si­tio­nen ähn­lich: Kaum ei­ner wird sich in ei­ner Run­de als rechts be­zeich­nen, weil das dis­kre­di­tiert ist und die Vo­ka­bel rechts, rechts­ex­trem, na­tio­nal, fa­schi­stisch und na­zi­stisch im­mer mehr ver­schwim­men. Es ent­ste­hen dann Ver­ren­kun­gen wie: Ich bin nicht rechts, aber ... Ir­gend­wo ist das idio­tisch, weil je­der ja (ins­ge­heim) trotz­dem bei sei­nen An­sich­ten bleibt. Mir ist lie­ber, dass man of­fen sagt was man denkt, man kann dann dis­ku­tie­ren oder auf­ste­hen und ge­hen.

    »Ich ge­he im­mer, egal mit wem ich spre­che, vom ehr­li­chen Wil­len mei­nes Ge­sprächs­part­ners aus, ei­ne ge­mein­sa­me Klä­rung an­zu­stre­ben.« Ich tue das auch und ich hal­te das für sehr wich­tig.

    Zum Ad­vo­ca­tus Dia­bo­li: Ich wür­de das, was Gre­gor be­schreibt, ein­fach Kri­tik und Prü­fung von Ar­gu­men­ten und Po­si­tio­nen nen­nen (ja: Faul­heit, Be­quem­lich­keit oder Ge­müt­lich­keit).

    @die kal­te So­phie
    Ver­nunft­ver­wei­ge­rung oder -ver­zicht aus Grün­den der Ver­nunft?

    #40

  42. @Detlef Zöll­ner
    Na­ja, un­an­ge­nehm kann man schon mal sein und nach­boh­ren, wenn ge­ra­de ein paar Phra­sen fal­len ... das ge­hört ja zum auf­klä­re­ri­schen Ge­dan­ken.

    #41

  43. die kalte Sophie sagt:

    @ 38 & 40 Ver­nunft­ver­zicht oder Ver­wei­ge­rung aus Ver­nunft, das trifft bei­des nicht ganz mei­ne Idee. Eher noch Ver­wei­ge­rung. Aber ich nei­ge zu der An­sicht, dass ei­ne gründ­li­che Ana­ly­se der po­li­ti­schen Si­tua­ti­on die Ent­fal­tung von »Ver­nunft« im po­li­ti­schen Han­deln nicht wirk­lich er­laubt. Die an­ge­stamm­ten Fel­der der Ver­nunft sind die Wis­sen­schaft, das Recht und die Pra­xis des täg­li­chen Le­bens, die Po­li­tik kommt erst mit He­gel da­zu, und seit­dem gibt es auch Kon­tro­ver­sen. Kant hat sich über­haupt nicht für Po­li­tik in­ter­es­siert. Es gibt kein Muss für Po­li­tik, und es gibt kei­ne mo­sai­sche Ga­ran­tie da­für, dass Po­li­tik über­haupt ver­nünf­tig sein kann. Es könn­te sich um ein Hy­brid, ei­ne Qua­si­na­tur han­deln.

    #42

  44. die kalte Sophie sagt:

    @ 38 & 40 Ver­nunft­ver­zicht oder Ver­wei­ge­rung aus Ver­nunft, das trifft bei­des nicht ganz mei­ne Idee. Eher noch Ver­wei­ge­rung. Aber ich nei­ge zu der An­sicht, dass ei­ne gründ­li­che Ana­ly­se der po­li­ti­schen Si­tua­ti­on die Ent­fal­tung von »Ver­nunft« im po­li­ti­schen Han­deln nicht wirk­lich er­laubt. Die an­ge­stamm­ten Fel­der der Ver­nunft sind die Wis­sen­schaft, das Recht und die Pra­xis des täg­li­chen Le­bens, die Po­li­tik kommt erst mit He­gel da­zu, und seit­dem gibt es auch Kon­tro­ver­sen. Kant hat sich über­haupt nicht für Po­li­tik in­ter­es­siert. Es gibt kein Muss für Po­li­tik, und es gibt kei­ne mo­sai­sche Ga­ran­tie da­für, dass Po­li­tik über­haupt ver­nünf­tig sein kann. Es könn­te sich um ein Hy­brid, ei­ne Qua­si­na­tur

    #43

  45. die kalte Sophie sagt:

    ...han­deln.

    #44

  46. @ 42 Seit wann hat sich denn Kant nicht für Po­li­tik in­ter­es­siert. Sei­ne phi­lo­so­phi­sche Ab­hand­lung »Zum ewi­gen Frie­den« dürf­te ja wohl durch­aus Maß­stä­be ge­setzt ha­ben und ist auch heu­te noch ab­so­lut dis­ku­ta­bel.
    http://www.zeno.org/Philosophie/M/Kant,+Immanuel/Zum+ewigen+Frieden.+Ein+philosophischer+Entwurf?hl=zum+ewigen+frieden

    Was die Fra­ge an­geht, ob Po­li­tik ver­nünf­tig sein kön­ne oder gar müs­se, kä­me es mir schon sehr dar­auf an, wie Po­li­tik de­fi­niert wird. Ich für mei­nen Teil se­he all das als Po­li­tik an, was auf das Ge­mein­we­sen zu wir­ken Po­ten­ti­al hat, bzw. tat­säch­lich auf es ein­wirkt. Da es nun zum Bei­spiel für die mei­sten Men­schen sehr ver­nünf­tig ist, die Be­völ­ke­rung mit al­lem Not­wen­di­gen zu ver­sor­gen und Ge­walt und Un­frei­heit zu ver­hin­dern, und was der Din­ge noch mehr sind, liegt die Ver­nunft dem po­li­ti­schen Han­deln ab­so­lut zu­grun­de und ist ihr al­so im­ma­nent. Daß es in der Pra­xis zu un­ver­nünf­ti­gem Han­deln kommt, will ich na­tür­lich nicht be­strei­ten.

    #45

  47. die kalte Sophie sagt:

    So­fern »phi­lo­so­phi­sche Ent­wür­fe« im zar­ten Al­ter von 70 Jah­ren noch als bren­nen­des po­li­ti­sches In­ter­es­se aus­ge­legt wer­den kön­nen...
    Es han­delt sich um ei­ne vor-de­mo­kra­ti­sche Ab­hand­lung, nach un­se­ren Maß­stä­ben. Kant ta­xiert die Mög­lich­keit ei­nes »in­ter­na­tio­na­len Frie­dens­zu­stand« zwi­schen re­prä­sen­ta­ti­ven qua­si-mon­ar­chi­schen Re­pu­bli­ken, die rechts­staat­lich ver­fasst sind. Da kom­men heu­ti­ge Pro­blem­stel­lun­gen gar nicht vor.

    #46

  48. die kalte Sophie sagt:

    Dis­ku­ta­bel schon, aber nicht re­le­vant.

    #47

  49. @ 46, 47 Ich er­ach­te je­de grund­sätz­lich dis­ku­ta­ble Aus­sa­ge als re­le­vant, ganz gleich, ob sie von He­ra­klit kommt oder von By­ung-Chul Han oder von Ih­nen oder mir, so lan­ge sie der The­ma­tik ei­nen Ge­dan­ken oder ei­ne Sicht­wei­se hin­zu­zu­fü­gen ver­mag. Schließ­lich geht es im­mer um Men­schen­ge­mach­tes. Das Zeit­ver­haf­te­te soll­te na­tür­lich weg­ge­schnit­ten wer­den, um zu se­hen, was üb­rig bleibt.

    #48

  50. Na­ja, da ist zum Bei­spiel der Satz »Die bür­ger­li­che Ver­fas­sung in je­dem Staa­te soll re­pu­bli­ka­nisch sein« (»Er­ster De­fi­ni­tiv­ar­ti­kel«), der zu Zei­ten Kants ziem­lich exo­tisch ge­klun­gen ha­ben muss, zu­mal er mit den preu­ßi­schen Zen­suredik­ten (1788) zu kämp­fen hat­te (das eher li­be­ra­le Preu­ßen [für da­ma­li­ge Ver­hält­nis­se] en­de­te 1786 mit dem Tod Fried­rich II). Die Ein­schrän­kung, dass mit »re­pu­bli­ka­nisch« nicht »de­mo­kra­tisch« ge­meint ist, ist wohl die­sen Zeit­läuf­ten ge­schul­det. Sein Be­griff des »re­pu­bli­ka­ni­schen« be­ruht auf dem, was man Ge­wal­ten­tren­nung nennt: »Der Re­pu­bli­ka­nism ist das Staats­prin­zip der Ab­son­de­rung der aus­füh­ren­den Ge­walt (der Re­gie­rung) von der ge­setz­ge­ben­den.« Na­tür­lich kann Kant hier nicht aus sei­ner Haut und dockt an sei­ne phi­lo­so­phi­schen Schrif­ten an.

    Ob er beim Ver­fas­sen des Tex­tes 70, 43 oder 17 war, spielt für mich kei­ne Rol­le. Kant in­ter­es­sier­te sich wohl eher nicht für das, was wir heu­te Ta­ges­po­li­tik nen­nen, son­dern ent­wickel­te in die­ser Schrift ei­ne Art uto­pisch-stra­te­gi­sche Vi­si­on. Der Fö­de­ra­lis­mus frei­er Staa­ten, auf dem Kants Kon­strukt be­ruht, ist nicht des­we­gen ge­schei­tert, weil die UN lau­fend ver­sagt.

    #49

  51. @metepsilonema
    Ich glau­be, dass man Dis­kurs und Dis­kus­si­on (bzw. De­bat­te) ver­su­chen soll­te, zu tren­nen. Ein Dis­kurs ist lö­sungs­ori­en­tiert; am En­de steht ein Er­geb­nis, ein po­li­ti­sches, öko­no­mi­sches oder ge­sell­schaft­li­ches Pro­blem wird ent­schie­den. Das Ide­al ist, dass der Dis­kurs er­geb­nis­of­fen ist. Da­bei ist ab­zu­se­hen, dass sich nie ei­ne Par­tei al­lei­ne »durch­set­zen« kann. Im Dis­kurs wird ein Kon­sens er­mit­telt (wo­bei ein Kon­sens mehr ist als ein Kom­pro­miß, der bei­de Sei­ten un­zu­frie­den zu­rück­lässt). Ei­ne Dis­kus­si­on ist un­ter Um­stän­den ei­ne Vor­stu­fe zum Dis­kurs, hier wer­den Ar­gu­men­te aus­ge­tauscht. Dis­kus­sio­nen kön­nen ei­nen Dis­kurs an­sto­ßen und/oder be­fruch­ten. – Hier ist ei­ne ganz net­te Über­sicht da­zu.

    #50

  52. die kalte Sophie sagt:

    Ich plä­die­re eben­falls da­für, Kant’s Aus­sa­gen um­fas­send zu be­grei­fen. Sie ha­ben nicht den Schwie­rig­keits­grad resp.Verdunklungsgrad spät­mo­der­ner Schrif­ten, und kön­nen recht gut ver­stan­den wer­den.
    Das al­ler­dings führt uns di­rekt ins Zen­trum ei­ner höchst ein­fäl­ti­gen Staats­theo­rie, wo fast in je­dem Ab­satz ein »agent collec­tif« be­müht wird, der ge­nau das sagt, be­her­zigt oder be­stä­tigt, was Kant im Sinn hat. Das ist phi­lo­so­phi­sches Bauch­red­ner-Thea­ter.
    Es ist doch ge­nau das Feh­len, die ab­so­lut vor­her­seh­ba­re und doch ir­gend­wie be­stür­zen­de Ab­we­sen­heit ei­nes im­ma­nen­ten kol­lek­ti­ven Sub­jekts, des be­rühm­ten gei­ster­haf­ten WIRs, –das uns heu­te so sehr be­schäf­tigt.

    #51

  53. »Für das dis­kur­si­ve Re­gel­werk selbst, ist die Er­kenn­bar­keit der Welt nicht von Nö­ten, für sei­ne Sinn­haf­tig­keit ist sie aber Vor­aus­set­zung (an­dern­falls un­ter­hiel­ten wir uns über Ein­bil­dun­gen, Hirn­ge­spin­ste und Täu­schun­gen).«

    Po­li­tik: Der Ver­such, et­was zu »re­geln«, was nicht ge­re­gelt wer­den kann, so­lan­ge es sich durch das vom Ka­pi­ta­lis­mus be­frei­te Spiel der Markt­kräf­te nicht selbst re­gelt.

    Mit an­de­ren Wor­ten: In der gan­zen po­li­ti­schen Sei­fen­oper un­ter­hält man sich seit je­her und aus­schließ­lich über Ein­bil­dun­gen, Hirn­ge­spin­ste und Täu­schun­gen.

    Die Er­kenn­bar­keit der Welt setzt die Über­win­dung der Re­li­gi­on, den ele­men­ta­ren Er­kennt­nis­pro­zess der Auf­er­ste­hung, vor­aus:

    http://www.juengstes-gericht.net

    #52