Die Schu­he von Eta­ji­ma

Die In­sel Eta­ji­ma hat ei­ne be­trächt­li­che Aus­deh­nung (wenn ich nicht ir­re, ist es die größ­te In­sel der In­lands­see), ist aber selt­sam zer­ris­sen, so als be­stün­de sie aus meh­re­ren über­ein­an­der­ge­wor­fe­nen Halb­in­seln und Land­zun­gen, die nach al­len Rich­tun­gen ans Meer lecken. Ab­ge­se­hen da­von, daß man beim Wan­dern oder Rad­fah­ren gern mal die Ori­en­tie­rung ver­liert, stellt sich die Fra­ge der An­rei­se. Soll ich, aus dem Osten kom­mend, mit der Stra­ßen­bahn zum Ha­fen von Hi­ro­shi­ma fah­ren und dort ei­ne Fäh­re neh­men? Oder nach Ku­re fah­ren, was mit öf­fent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln um­ständ­lich ist, und dort ei­nen Bus neh­men oder gar ein Ta­xi, um an die süd­west­li­che Flan­ke der In­sel zu ge­lan­gen? Von die­ser Sei­te kann man auf Rä­dern, über Brücken, von In­sel zu In­sel, nach Eta­ji­ma rei­sen (die Schiffs­li­ni­en dort wur­den vor lan­ger Zeit ein­ge­stellt).

Nun, es ist klar, ich be­ge­be mich für mein Le­ben gern auf klei­ne, mit­un­ter auch grö­ße­re Schiffs­rei­sen, und zum Glück geht von Uji­na, dem Ha­fen von Hi­ro­shi­ma, ein Boot nach Ko­y­ou, von wo man zu Fuß zur Ma­ri­ne­schu­le ge­hen kann. Auf der Fahrt las­se ich mich von den Wel­len schau­keln und wie­gen wie ein Gau­cho auf dem Pfer­de­rücken in der fla­chen Pam­pa. Das sind so mei­ne Il­lu­sio­nen und Freu­den, freu­di­gen Il­lu­sio­nen, die mich in die Welt Mon­tai­gnes zu­rück- oder vor­wärts­füh­ren, zu­rück und vor­wärts, wo man die­sem Rock’n‘Roll noch ein rech­tes Lob­lied sin­gen konn­te.

Bis­her war ich zwei­mal auf Eta­ji­ma. Ein­mal mit mei­ner Toch­ter, als ich sie noch die mei­ste Zeit auf den Schul­tern trug – be­stimmt hat­te sie da­mals das­sel­be Ge­fühl des rhyth­mi­schen, un­ge­fähr­de­ten Schau­kelns; das zwei­te Mal, als sie schon et­was grö­ßer war, im Volks­schul­al­ter, bei ei­nem Spiel­wo­chen­en­de mit an­de­ren Fa­mi­li­en, ei­nem Clown und ei­nem Au­tor und Zeich­ner, der da­mals Rin­go ka­mo­shirenai vor­stell­te, ein wun­der­ba­res Kin­der­buch über ei­nen Ap­fel und was er al­les sein könn­te; ein Bil­der­buch, das wir spä­ter ins Deut­sche über­setz­ten, was uns viel Spaß mach­te, aber kei­nen »Er­folg« brach­te, denn was von mir kommt, be­trach­ten Buch­ver­la­ge fast aus­nahms­los mit Skep­sis (die eng­li­sche Aus­ga­be wur­de ein gro­ßer Er­folg!).

Bei der er­sten Rei­se hat­ten wir ein­fach das nächst­be­ste Schiff ge­nom­men, oh­ne be­stimm­tes Ziel. Auf der In­sel gibt es meh­re­re An­le­ge­stel­len und klei­ne Hä­fen, und das näch­ste Boot brach­te uns nach Ko­y­ou, und dort gin­gen wir an Land und dann ein­fach wei­ter, der Na­se nach. Un­se­re Na­sen führ­ten uns berg­an, die Kü­ste ent­lang, wo him­mel­ho­he Pal­men und über­haupt ei­ne kräf­ti­ge Ve­ge­ta­ti­on lock­ten, im Fe­bru­ar, auch die gelb blü­hen­den Wie­sen- und Weg­rand­blu­men blüh­ten zu­hauf, frü­her als auf dem Fest­land, viel­leicht Free­si­en (?), aber das ist jetzt nur Goog­le-Wis­sen. Dort war ei­ne gro­ße Schu­le mit Spiel- und Sport­plät­zen, schon da­mals ganz still, aber nicht ver­fal­len, nur ein biß­chen ver­wit­tert, Was­ser­flecken und so. Bei mei­nem neu­er­li­chen Rund­gang vor we­ni­gen Ta­gen, als ich mir vor al­lem die wohn­li­chen Dat­tel­pal­men Ma­ries an­se­hen woll­te, hat­te ich das be­stim­men­de Ge­fühl, daß hier nie wie­der Un­ter­richt ab­ge­hal­ten wird, und so ähn­lich ging es mir dann noch bei an­de­ren Schu­len der wie ge­sagt weit­läu­fi­gen In­sel. Auf der Fäh­re, die ich ge­gen Abend zur Rück­rei­se nahm, sah ich dann zahl­rei­che Mit­tel­schü­ler, die zwei­fel­los in Uji­na zur Schu­le ge­hen, ir­gend­wo in der Nä­he des Ha­fens von Hi­ro­shi­ma.

Das Jahr ist dies­mal schon fast zur Hälf­te fort­ge­schrit­ten, des­halb wu­chern die Grä­ser und Aus­trie­be der Bü­sche und Bäu­me ziem­lich leb­haft. Trotz­dem bah­ne ich mir ei­nen Weg den Steil­hang hin­un­ter, den man zu­erst ein­mal er­klim­men muß, um die be­rühm­ten Dat­tel­pal­men in der Nä­he der Schul­hö­fe be­gut­ach­ten zu kön­nen. Ich weiß nicht, ob sie wirk­lich Früch­te tra­gen, die­se kräf­ti­gen, ge­drun­ge­nen Ge­bil­de, de­ren Blät­ter nach un­ten wach­sen und Wän­de bil­den, ei­ne Art Ig­lu in die­ser mil­den Ge­gend. Kann man hier denn woh­nen? Ist man nicht In­sek­ten, Rep­ti­li­en und an­de­ren Tie­ren aus­ge­setzt? Viel­leicht mit ei­ner gu­ten Mat­te, ei­nem Schlaf­sack. Da­zu ein wohl­rie­chen­der Ka­to­ri­sen­k­ou, um die Mücken fern­zu­hal­ten. Ich glau­be, au­ßer­halb der Re­gen­zeit wird es hier drin­nen nicht naß.

Ma­rie, das muß ich er­klä­ren, ist ei­ne Frau, de­ren Ge­schich­te ich in ei­nem Ro­man, den mein treu­er Ver­le­ger glück­li­cher­wei­se drucken ließ, mehr er­fun­den als auf­ge­schrie­ben ha­be. In der Wirk­lich­keit trägt sie ei­nen an­de­ren Na­men, und die Epi­so­de ih­res Auf­ent­halts auf der In­sel hat sie mir nicht stimm­lich im iPod ge­schil­dert, son­dern nur kurz er­zählt in dem Ca­fé, in dem ich sie zwei­mal ge­trof­fen hat­te – seit­dem ist sie aus mei­nem Le­ben ver­schwun­den. Ei­ne un­an­ge­paß­te Frau, ihr Va­ter war ein be­kann­ter Arzt, sie selbst Kran­ken­schwe­ster, hielt die­se Tä­tig­keit aber nicht aus, oder ih­ren Va­ter nicht, je­den­falls streun­te sie ei­ne Zeit­lang durch die Ge­gend, und da­bei hat­te es sie auch hier­her ver­schla­gen. Die ru­hi­ge Zeit in Eta­ji­ma scheint sie ge­nos­sen zu ha­ben. Als sie mir da­von er­zähl­te, dach­te ich so­fort, daß sie die­sen un­ge­wöhn­lich gro­ßen, wil­den und doch zi­vi­li­sier­ten Pal­men­hain am Rand des Schul­kom­ple­xes mein­te, wo ich ei­ni­ge Mo­na­te zu­vor mit mei­ner Toch­ter ge­we­sen war (ich glau­be, den Na­men der In­sel hat­te Ma­rie gar nicht er­wähnt). Jetzt bin ich mir nicht mehr so si­cher; ich weiß nicht, ob ich es län­ger als zwei Ta­ge in der frei­en Na­tur aus­hal­ten wür­de. Und die Schü­ler, die Leh­rer, der Schul­wart? Da­mals, zu »ih­rer Zeit«, war die Schu­le doch noch in Be­trieb? Hat man sie ge­dul­det, sich nicht wei­ter um sie ge­küm­mert? Hat ihr ein Schü­ler heim­lich Es­sen ge­bracht?

Noch wei­ter oben, auf ei­ner Ter­ras­se über den him­mel­wär­ti­gen Palm­kro­nen, steht ein Krie­ger­denk­mal, eben­falls ver­sun­ken in den Bü­schen und manns­ho­hen Grä­sern, aber nicht voll­ends ver­ges­sen, man ge­denkt der Krie­ger im­mer noch, der Weg dort­hin wird wohl ein paar­mal im Jahr be­schrit­ten, ge­säu­bert, Gras ge­schnit­ten, Busch ge­stutzt. Rüh­rend ist das, fast ein We­gerl, und am En­de kei­ne Fal­le, son­dern ein ganz klei­ner, noch gar nicht so al­ter Schrein mit ei­nem Ji­zo drin, des­sen ro­te Hau­be an die Decke stößt. Schrein muß sein, wie in Ya­suki­ni, nur daß hier kei­ne Kriegs­ver­bre­cher da­bei wa­ren, de­ren man zu ge­den­ken hat. Glau­be ich we­nig­stens. Denn von der Kü­ste her wur­de die Fe­stung, die hier ein­mal ge­stan­den ha­ben muß (un­ter den Schling­pflan­zen sieht man die Be­ton­kan­te ei­ner ehe­ma­li­gen Ram­pe), von ame­ri­ka­ni­schen Schif­fen be­schos­sen und zer­stört. Ver­mut­lich ein klei­ner Ne­ben­schau­platz des ge­wal­ti­gen An­griffs auf Ku­re, die Ha­fen- und Werft­stadt am Fest­land ge­gen­über, die ich zwi­schen den Palm­stäm­men se­hen kann. Ku­re wur­de im Ju­ni und Ju­li 1945 hef­tig bom­bar­diert, die Stadt zer­stört. Hät­te man die Atom­bom­be wirk­lich auf kriegs­wich­ti­ges Ge­biet und nicht auf die Zi­vil­be­völ­ke­rung wer­fen wol­len, man hät­te Ku­re ge­wählt. (Un­ver­meid­li­cher Zy­nis­mus: Das wä­re bes­ser ge­we­sen.) Aber of­fen­sicht­lich woll­ten sie ein Ex­em­pel an den Men­schen sta­tu­ie­ren, nicht an kriegs­in­du­stri­el­len Ein­rich­tun­gen.

In ei­ner klei­nen Lich­tung zwi­schen den Bäu­men steht ei­ne Sta­tue, die ich zu­nächst für Un­cle Sam hal­te. Nä­hert man sich, sind die asia­ti­schen Ge­sichts­zü­ge un­ver­kenn­bar. Wer ist das? Kein Schild gibt Auf­klä­rung. Die ja­pa­ni­sche Ent­spre­chung zu Un­cle Sam? Ein An­pas­sungs­ver­spre­chen? Wir wer­den so wie ihr, und zwar im Hand­um­dre­hen. Zu­erst Feind, jetzt un­ver­brüch­li­che Freund­schaft. Die Ame­ri­ka­ni­sie­rung ist hier ziem­lich rasch von­stat­ten­ge­gan­gen (in West­eu­ro­pa ja auch). Trotz der mas­si­ven Ge­gen­be­we­gung, an der auch Yu­kio Mishi­ma teil­hat­te, der letzt­lich auf­grund die­ser Ent­wick­lung in den frü­hen Tod ging. Das ei­gent­li­che Krie­ger­denk­mal ist sin­ni­ger­wei­se mit Bom­ben – si­cher nur At­trap­pen – ein­ge­frie­det und ver­ziert. Und wenn man auf der Stra­ße noch wei­ter berg­auf geht, stößt man bald auf Sperr­ge­biet, das der U.S. Ar­my ge­hört. Ir­gend­wo im Ge­büsch ver­steckt sich ein letz­ter leib­haf­ti­ger Un­cle Sam.

Ich ha­be dann die in der Mit­tags­hit­ze müh­sa­me, weil ge­rad­li­ni­ge, stei­le und schat­ten­lo­se Au­to­stra­ße ge­nom­men, die auf die an­de­re Sei­te der der an die­ser Stel­le recht schma­len In­sel führt, hin zur ja­pa­ni­schen Mi­li­tär­zo­ne mit der al­ten Ma­ri­ne­schu­le in ih­rer Mit­te. Der ei­gent­li­che Grund mei­ner jet­zi­gen, drit­ten Rei­se nach Eta­ji­ma sind ja die Schu­he, al­so je­ne Mi­li­tär­stie­fe­let­ten, die ich ganz wo­an­ders, in den Ber­gen im Osten von Hi­ro­shi­ma, hat­te zu­rück­las­sen müs­sen, nach­dem ich dort in ei­ne Fal­le ge­gan­gen war; be­zie­hungs­wei­se das Vor­ha­ben, mir neue zu kau­fen, da­mit ich mich künf­tig wie­der auf an­stren­gen­de­re Fuß­mär­sche wer­de be­ge­ben kön­nen. The­se boots are ma­de for wal­king, dach­te ich, they are just wai­t­ing for you!

Denk­ste. Man hat­te mich schon im Ha­fen von Hi­ro­shi­ma dar­auf hin­ge­wie­sen, das Ge­län­de sei we­gen der gras­sie­ren­den Co­ro­na-Vi­ren für Be­su­cher nicht zu­gäng­lich. Es gibt dort ein – na­tür­lich na­tio­nal­kon­ser­va­ti­ves – Ma­ri­ne­mu­se­um und ein sehr schö­nes, alt­ro­sa ge­stri­che­nes, de­zent klas­si­zi­sti­sches, eu­ro­pä­isch-klas­si­zi­sti­sches Vor­kriegs­ge­bäu­de, das den an­ge­hen­den Be­rufs­sol­da­ten als Schu­le dient (oder dien­te, in­zwi­schen sind neue, un­an­sehn­li­che Ge­bäu­de hin­zu­ge­kom­men). Die­ses Ge­län­de hat­te ich bei mei­nen er­sten Be­su­chen als Oa­se des Frie­dens er­lebt, als Er­ho­lungs­ge­biet für Leu­te, die in der hy­ste­ri­schen Epo­che des ent­fes­sel­ten Kon­sum­ka­pi­ta­lis­mus nach Ru­he su­chen. So­gar das Spei­se­stät­te – Udon, Cur­ry, Omu-Ri­ce: be­schei­de­ne All­tags­kü­che – und das Wa­ren­haus – das au­ßer Ge­brauch ge­kom­me­ne Wort paß­te hier – füg­ten sich in die­se Oa­se. Kein Mensch woll­te sich hier be­rei­chern. Nie­mand hat­te es ei­lig, ob­wohl die Ka­det­ten zwei­fel­los ge­nau­so ge­drillt wur­den wie über­all auf der Welt, wo es noch mi­li­tä­ri­sche Ein­rich­tun­gen gibt. Ein un­bür­ger­li­ches, sol­da­ti­sches Le­ben, am be­sten oh­ne Waf­fen und Krieg!

Aber dies­mal wird mir der Zu­tritt ver­wehrt. Ge­kreuz­te Un­ter­ar­me! Nicht ein­mal das Mu­se­um ist ge­öff­net. Da­bei kann ich mir kei­nen Ort vor­stel­len, wo für das Vi­rus schlech­te­re Be­din­gun­gen herr­schen als hier auf die­ser in Fet­zen aus­ein­an­der­drif­ten­den In­sel, über die vom Meer her die Win­de we­hen. »Gut«, sa­ge ich. Nach dem War­um traue ich mich gar nicht zu fra­gen. Re­spekt vor Un­cle Sam!

Egal, sag­te ich zu mir selbst. Aber die boots for wal­king? We­nig­stens, ver­such­te ich mir ein­zu­re­den, ist der Ruck­sack da­durch nicht be­schwert. Das Are­al zeig­te sich um­mau­ert wie das Klo­ster mei­ner Schul­zeit (tat­säch­lich er­in­nert mich das al­te Ge­mäu­er, kein Be­ton, an die Stifts­run­den, die wir Schü­ler lau­fen muß­ten, und die ich gern lief), und so ging ich ein­fach au­ßen her­um, in nörd­li­cher Rich­tung, weil ich die­se Schlei­fe zum näch­sten Ha­fen schaf­fen wür­de – in die an­de­re Rich­tung war ich mir nicht so si­cher, au­ßer­dem gab es da un­ten ja kei­ne An­le­ge­stel­le mehr, ich hät­te zur Rück­fahrt ei­nen Bus neh­men und über die Brücken fah­ren müs­sen. Al­te, son­nen­ge­bräun­te Leu­te hock­ten am Stra­ßen­rand, Män­ner und Frau­en, die die we­nig be­fah­re­ne Stra­ße säu­ber­ten, Hecken und Bäu­me be­schnit­ten, Gras mäh­ten, sie ver­brach­ten da ih­re Mit­tags­pau­se, oh­ne Ben­to die mei­sten, nur ei­ne Ther­mos­fla­sche ne­ben sich. Ein Tem­pel war hier in der Nä­he, ge­gen­über der Mau­er, ei­ne schön pro­por­tio­nier­te, gar nicht so klei­ne An­la­ge mit blü­hen­den Teich­pflan­zen, wo sich zwi­schen der Haupt­hal­le und dem Wohn­ge­bäu­de der Bon­zen­fa­mi­lie ein wei­ßer Ele­fant ver­steck­te. Rich­tig, dann und wann ein wei­ßer Ele­fant, über die Mo­na­te und Jah­re hin­weg, ei­ne an­de­re Art von Rin­gel­spiel.

Die Stra­ße ging dann ein gu­tes Stück recht steil den Berg­hang hin­auf, hier konn­te ich end­lich das mi­li­tä­ri­sche Are­al ein­se­hen, die Hal­len und Übungs­plät­ze und die klei­ne Werft, wohl nur für Re­pa­ra­tu­ren und Re­no­vie­run­gen, und hör­te so­gleich ei­ne Stim­me, die fast senk­recht her­auf­stieg und rhyth­misch zähl­te, neun­und­drei­ßig, vier­zig, und wie­der ei­nen Au­gen­blick spä­ter sah ich auch die auf dem Bo­den hin­ge­streck­ten Kör­per der Sol­da­ten in dun­kel­blau­en Trai­nings­an­zü­gen, die dem Be­fehl der Stim­me folg­ten und die Lie­ge­stüt­zen aus­führ­ten, bis sech­zig zähl­te sie (hät­te ich das frü­her ge­schafft?), die Stim­me jetzt hin­ter mei­nem Rücken, viel­leicht war es nur ein Echo. Wo ich das Meer er­blick­te, ga­ben die Streit­kräf­te das Land wie­der frei, ich pas­sier­te den hin­te­ren Ein­gang, nicht oh­ne zu über­le­gen, ob ich mich hier viel­leicht hin­ein­schwin­deln könn­te. Er­schie­ßen wer­den sie mich nicht, sind ja nur zur Selbst­ver­tei­di­gung da, und ich fühl­te mich als Teil die­ses gro­ßen, ne­bu­lö­sen, ver­tei­di­gen­s­wer­ten Selbst. Zu­min­dest in die­sem Au­gen­blick. Sag­te mir aber: Laß die Leu­te in Ru­he, sie tun, was sie müs­sen!

Und ging wei­ter hin­ein in die­se recht fah­ri­ge und zer­ris­se­ne, von Gott und der Welt ver­nach­läs­sig­te Ge­gend an der Kü­ste, vor der un­zäh­li­ge Au­stern­bän­ke la­ger­ten, am Fuß des lang­ge­zo­ge­nen In­sel­bergs (der nur ei­ner von vie­len Ber­gen war). Da stand wie­der mal so ein Schul­ge­bäu­de, auch die­ses still, kei­ne Kin­der­stim­men, statt­des­sen ein Pla­kat mit Hin­weis auf den Ja­pa­ne­se Club, der wohl im Schul­ge­bäu­de zu­sam­men­traf. Ge­meint war mit die­ser Be­zeich­nung ein Ort, wo be­reit­wil­li­ge Ein­hei­mi­sche und be­dürf­ti­ge Aus­län­der zu­sam­men­tra­fen und letz­te­re er­ste­re ein we­nig in der ja­pa­ni­schen Spra­che un­ter­rich­te­ten. Vor lan­ger Zeit hat­te ich, in ei­ner ganz an­de­ren Ge­gend, selbst so ei­nen Klub fre­quen­tiert, als be­dürf­ti­ger Aus­län­der, und ob­wohl mir dort nicht viel ge­hol­fen wur­de – Leh­ren will ge­lernt sein –, den­ke ich mit Dank­bar­keit dar­an zu­rück. Ne­ben der ja­pa­ni­schen Flag­ge sind hier am Schul­ein­gang noch die chi­ne­si­sche, die phil­ip­pi­ni­sche und die viet­na­me­si­sche ab­ge­bil­det. Sie ver­wei­sen auf die Her­kunfts­län­der der Gast­ar­bei­ter, die hier in der Au­stern­ver­ar­bei­tung tä­tig sind – ein Job, den kaum ein Ja­pa­ner ma­chen will. Jetzt rie­che ich auch schon den fau­li­gen Ge­ruch, ge­wah­re die Ber­ge von Mu­schel­scha­len und die klei­nen Fa­bri­ken, die von ei­ner Schmud­de­lig­keit sind, wie man sie nur an den Rän­dern un­se­res ach so sau­be­ren Lan­des fin­det.

Die Stra­ße löst sich von der Kü­ste, ei­ne klei­ne Ebe­ne vol­ler Obst­bäu­me tut sich auf – es gibt hier so­gar Oli­ven –, und dann zö­ge­re ich an ei­ner Kreu­zung mit wi­der­sprüch­li­cher Be­schil­de­rung, so daß ich es ei­ne Zeit­lang in die ei­ne, dann wie­der in die an­de­re Rich­tung ver­su­che. Drei Män­ner im Dun­kel­blau der Selbst­ver­tei­di­gungs­streit­kräf­te kom­men mir ent­ge­gen, kei­ne Sol­da­ten, da­zu sind sie zu un­sport­lich, ver­schmiert, pro­le­ta­risch, son­dern Blau­män­ner, Werft­ar­bei­ter oder Me­cha­ni­ker. Ein fröh­li­ches Klee­blatt auf dem Weg zu ei­nem der (we­ni­gen) »Snacks« oder Puffs, die im Um­kreis der mi­li­tä­ri­schen Zo­ne da­hin­ve­ge­tie­ren? Ich fra­ge die drei nach dem Weg und sie wei­sen mich nach Ki­ri­ku­shi, das sei am näch­sten, oder doch Ko­y­ou. Ei­ner von ih­nen will mich ganz ge­nau in­for­mie­ren, er zückt schon sein Smart­pho­ne, ich win­ke ab, und der An­füh­rer, der Äl­te­ste: »Ist schon okay so, oder?«, und ich: Daidschou­büd­ay­ou (hier ver­su­che ich’s mal mit »deut­scher« Tran­skrip­ti­on).

Viel­leicht hät­te ich dem Han­dy­be­sit­zer doch noch mehr Fra­gen stel­len sol­len, denn bald er­weist sich, daß die Stra­ße, die ech­te Nr. 297, ziem­lich forsch den Berg hin­auf und fast bis zum Gip­fel führt. Ob ich das schaf­fe? Ein ein­zi­ger ein­sa­mer Rad­fah­rer braust an mir vor­bei. Es ist Diens­tag, kein Tag fürs Hob­by (aber all die rü­sti­gen Se­nio­ren?), au­ßer­dem Co­ro­na­zeit, die In­fek­ti­ons­kur­ve ge­ra­de ein we­nig ge­stie­gen, aber viel­leicht ist Eta­ji­ma ein­fach auch nicht so be­liebt, nicht spek­ta­ku­lär ge­nug, zu schmud­de­lig im Ver­gleich zum spi­ri­tu­el­len Mi­ya­ji­ma und der be­rühm­ten Fahr­rad­strecke auf der Shi­ma­na­mi kai­dou, von In­sel zu In­sel über schwin­del­erre­gen­de Brücken, wo Sie atem­be­rau­bend fo­to­ge­ne Aus­blicke und Son­nen­un­ter­gän­gen ge­nie­ßen kön­nen. Für Aus­län­der zu nor­mal, für Ja­pa­ner nicht nor­mal ge­nug. Al­so ge­nau rich­tig für mich. Wie­der ein­mal kämp­fen zwei See­len in mei­ner Brust, für und ge­gen Tou­ris­mus, für die Er­hal­tung der Land­schaf­ten, ge­gen die Kom­mer­zia­li­sie­rung, nach­dem die Re­gie­rung und all die an­de­ren Be­hör­den, ein paar Jah­re ist‘s her, den Frem­den­ver­kehr als rie­si­ge Ein­nah­me­quel­le und So­zi­al­pro­dukt­stei­ge­rungs­fak­tor ent­deckt ha­ben und die­se ra­san­te Ent­wick­lung, sprich: Über­häu­fung mit Be­su­cher­mas­sen, die sie in der Olym­pia­de gip­feln zu las­sen ge­dach­ten, wor­aus nun lei­der nichts wird (so daß ich in Ru­he die­se Re­gio­nal­rei­sen und die zu­ge­hö­ri­gen Auf­zeich­nun­gen tä­ti­gen kann), ein­ge­setzt hat. Nein, nichts ge­gen Tou­ris­mus. Kommt her und leiht euch Fahr­rä­der aus, da­mit macht ihr nichts ka­putt, im Ge­gen­teil! Jetzt und in Zu­kunft, amen.

Al­so ei­ne ziem­lich ein­sa­me Über­que­rung des In­sel­bergs, die mir Ge­le­gen­heit bot, mich in das un­end­lich chan­gie­ren­de Grün – sel­ten durch­bro­chen von grau­en Fel­sen – zu ver­sen­ken wie ins Wel­len­spiel, wenn ich an der Re­ling der Fäh­re ste­he und mir den­ke, viel­leicht soll­te ich wirk­lich mal den Sprung da hin­un­ter wa­gen, das Was­ser ist nicht kalt und ich wä­re end­lich wie­der ein­mal im blau­en Un­end­li­chen ge­bor­gen wie vor­hin, oder jetzt eben, im Berg­wald­grün. Aber dann ist da wie­der mal ei­ne Stra­ße weg­ge­bro­chen, in die Tie­fe ge­rauscht, und zwar so un­er­war­tet plötz­lich, so mir nichts dir nichts, wie ich es an­ders­wo nicht ge­se­hen ha­be. Die ist weg, für al­le Zei­ten, und wird auch nicht neu ge­baut. Ei­ne Ver­lockung we­ni­ger: gut für mich, der ich oh­ne­hin im­mer zu sehr nach Ab­we­gen su­che – wer weiß, an wel­ches En­de sie mich noch ein­mal füh­ren wer­den.

Dann bin ich über den Kamm drü­ber, von »Paß« kann man ei­gent­lich nicht spre­chen, und ha­be wie­der ein Meer vor mir, zu mei­nen Fü­ßen, und den Fest­land­saum ge­gen­über, mit zwei gro­ßen Städ­ten, Ku­re und Hi­ro­shi­ma. So­gar das Feld der Son­nen­pa­nele paßt mir jetzt ins Bild, es ist die Ent­spre­chung zu den Au­stern­bän­ken wei­ter un­ten, ei­ne Kor­re­spon­denz – Bau­de­lai­re­sche cor­re­spondance – gleich­sam Ta­fel für Ta­fel, be­glei­tet vom blin­ken­den Son­nen­glast, mal hier oben, mal dort un­ten. Bin dann mit letz­ten Kräf­ten die Kü­sten­stra­ße ent­lang in Rich­tung Ha­fen mar­schiert. Nicht oh­ne mich an dem Stand be­dient zu ha­ben, auf dem ei­ner der hie­si­gen Bau­ern sei­ne Pro­duk­te feil­bie­tet: Kar­tof­feln, Zuc­chi­ni, Dai­kon… Hun­dert Yen pro Stück oder Packung, in ein Bam­bus­röhr­chen zu wer­fen, durch das die Mün­ze zum Op­fer­stock glei­tet. Ei­ne Co­ca Co­la vom Klei­nen Bru­der, der ver­staubt, aber un­ver­wüst­lich am Strand vor sich hin­fun­kelt. Lang­bei­ni­ge Vö­gel (kei­ne Rei­her) ste­hen starr im See­tang, se­hen mich, aber küm­mern sich nicht. Ich den­ke an die Stie­fe­let­ten, die ich nicht an den Fü­ßen ha­be, an die Sport­schu­he, die ich nicht in den Ruck­sack ge­steckt ha­be. Wer­de ich oh­ne neu­es Schuh­werk wei­ter­kom­men, we­nig­stens noch ein Stück mei­nes um­trie­bi­gen Le­bens­wegs?

Dann der Ha­fen, die fest­ge­täu­ten Boo­te, ein Mann in Gum­mi­stie­feln, oran­ger Pla­stik­jacke und oran­ger Stop­pel­fri­sur auf ei­nem An­hän­ger, ei­nen Schlauch in der Hand, mit dem er ei­nen Berg frisch ge­ern­te­ter Au­stern ab­spritzt, die vor­her auf ei­nem klei­nen Fließ­band zu ihm her­auf­ge­ruckelt wa­ren. Kein Ge­schäft in Ki­ri­ku­shi, nicht ein­mal ein Kon­bi­ni (laut Kar­te muß es doch ei­nes ge­ben, dort ist auch der Fahr­rad­ver­leih). Das In­sel­land un­end­lich frucht­bar, Ge­mü­se­bee­te und Be­hau­sun­gen hal­ten sich flä­chen­mä­ßig die Waa­ge, die Leu­te, meist im ho­hen Al­ter, ver­sor­gen sich selbst, tau­schen Gü­ter aus, ge­ben Ga­ben und Ge­gen­ga­ben. Wo­zu al­so Kon­bi­nis? Die Er­de selbst kon­ve­niert. The Old Eng­lish­man: ein An­ti­qui­tä­ten­la­den, ge­schlos­sen.

Die Ju­gend be­fin­det sich noch drü­ben am an­de­ren Ufer, in Hi­ro­shi­ma. Wenn die Fäh­re dort an­legt, wer­de ich ih­nen be­geg­nen. Ver­trau­te Schul­uni­for­men. Vier Mäd­chen, die wie Stand­bil­der im Sand ste­hen und sich die Fü­ße um­spü­len las­sen. Zwei ein­la­den­de – nicht war­nen­de – Leucht­tür­me, ihr Rot und ihr Weiß von der Son­ne er­leuch­tet. Ei­ne jun­ge Frau, die sich ein Tüch­lein an die rech­te Wan­ge hält, wäh­rend sie den Lan­de­steg hin­auf­tän­zelt. Die Son­ne steht schon tief, die Strah­len tref­fen von der Sei­te ein. Mein Blick darf mit ihr sein – mit der Son­ne, mit der Frau – und die Lieb­ko­sung voll­enden. Das ist mei­ne Teil­ha­be, in der spä­ten Ge­gen­wart, amen.

© Text und Bil­der: Leo­pold Fe­der­mair

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