Mit den drei Stücken Reich des Todes, Baracke und Lapidarium, die im soeben erschienenen Band Lapidarium versammelt sind und der parallel dazu publizierten Textsammlung wrong beendet der Schriftsteller Rainald Goetz seine sechsteilige Schlucht-Reihe, jenen 2007 begonnenen »Versuch der Erkundung der Dunkelzeit der Nullerjahre«, bestehend aus »Klage, Tagebuchessay; loslabern, Bericht; Johann Holtrop, Abriß der Gesellschaft, Roman; ...
Eigentlich sind es zwei ganz unterschiedliche Geschichten, die der französische Schriftsteller Mathias Enard in seinem neuesten Roman erzählt. Und das spiegelt sich (absichtlich oder nicht?) bereits in der deutschen Übersetzung des Titels. Im Original heißt der Roman Déserter, in der deutschen Übersetzung von Holger Fock und Sabine Müller Tanz des Verrats. Zum einen handelt es ...
Helmut Böttiger: Die Gegenwart durchlöchern
Nach dem gewissenhaft-historischen Aufriss über die Gruppe 47, einer eher launigen Revue über die Literatur der 1970er Jahre und einem reisereportagehaften Band über Czernowitz legt der Literaturkritiker Helmut Böttiger mit Die Gegenwart durchlöchern Werkportraits über fünfzehn Dichter vor, garniert mit seiner Rede zur Literaturkritik, die zwar auch schon mehr als zehn Jahre zurückliegt, aber nichts von ihrer Brisanz verloren hat und auf Samtpfoten, aber dennoch deutlich, den Unterschied zwischen Literaturjournalismus und Literaturkritik aufzeigt.
Zwar sind zehn der fünfzehn Autoren Büchnerpreisträger, dennoch fristen einige immer noch (bzw. wieder) ihr Los im Geheimtipp-Status. Obwohl auch Johannes Bobrowski (geboren in Tilsit) und Paul Celan (Czernowitz) vorgestellt werden, kann man guten Gewissens erklären, dass hier deutsche Autoren portraitiert werden (Österreicher und Schweizer kommen nicht vor). Böttiger weist in einem kurzen Hinweis, versteckt bei den Nachweisen, darauf hin, dass es sich nicht um den Versuch eines Kanons handeln soll.
Bislang hat Peter Handke seit 1980 33 Bücher ins Deutsche übersetzt. Nicht eingerechnet drei eigene Theaterstücke, die er vom Französischen selber übertragen hatte. Handke hat immer darauf hingewiesen, den professionellen Übersetzern nicht die Arbeit weggenommen zu haben. Seine Übertragungen dienten auch (wenn nicht sogar vordringlich) dazu, die Aufmerksamkeit auf andere, bis dahin unbekannte Autoren zu ...
Bannmeilen – Einen Roman in Streifzügen nennt die seit vielen Jahren in Paris lebende Anne Weber ihr neues Buch. Nach dem »rückblickenden Vorspiel« folgen 18 Kapitel, in denen (bis auf eine Ausnahme) eine namenlos bleibende Ich-Erzählerin zusammen mit dem befreundeten Filmregisseur Thierry durch die Pariser Banlieues, die Vorstädte, streift. Genauer: Es ist das Départment Seine-Saint-Denis, ...
Lichtspiel ist von Daniel Kehlmann, hat fast 500 Seiten und ist ein Roman, genauer: eine spezielle Form von Künstlerbiographie. Im Zentrum steht der deutsche Filmregisseur Georg Wilhelm Pabst (1885–1967), der sich irgendwann G. W. Pabst nannte. Seit den 1920er Jahren galt Pabst zusammen mit Fritz Lang, Ernst Lubitsch und Friedrich Wilhelm Murnau als einer der ...
»Nicht ich, meine Herren Richter, ein Toter spricht aus meinem Mund.« Das ist der erste Satz dieses ungewöhnlichen Buchs mit dem Titel Ich? aus dem Jahr 1926, welches dankenswerter Weise nach fast einhundert Jahren wieder neu aufgelegt wurde. Es beginnt 1918 mit dem Ende des Krieges. Der Feldwebel Wilhelm Bettuch stolperte während des Rückzugs über die Leiche eines Doktor Hans Stern, eines »Gebildeten«. Fast ein bisschen schadenfroh, dass er, der Bäcker, im Gegensatz zum Arzt den Krieg überlebt hatte, nahm er den Pass des Toten reflexhaft an sich und schlüpfte mehr zerstreut als vorsätzlich geplant in die Rolle des Toten. Und so ertappte er sich dabei, nicht nach Frankfurt zurück zu fahren, zur Bäckerei seiner Mutter, sondern nach Berlin, wo Dr. Stern als Chirurg praktizierte und mit Frau Grete, dem kleinen Sohn und Hund Nero lebte.
Wie selbstverständlich wurde Wilhelm von Grete als Hans freudig empfangen und »ein blauer Strahl von unsäglicher Zärtlichkeit glänzte aus ihren Augen, und während Träne auf Träne unaufhaltsam über die Wange tropfte, öffneten sich die Lippen feucht und weich zu unlöslichem Kuss.« Er kann sein Glück nicht fassen, »es war alles Traum, ein Glück wie in der Luft, das gab es, man durfte nicht aufwachen, man musste sehr leise sein«. Er, der in der Schule unter seinem Namen gelitten hatte (»…in der Pause standen sie um mich, zogen mich an der Hose, an der Jacke, am Hemd. Bettuch, Tüchlein!«), gibt sich dieser wunderbaren Frau hin, die ihn liebt, »ich kann doch nichts dafür, dass ich schwach bin, dass ich sie liebe, ja, damals schon, sofort, ich sah ihr Gesicht und liebte sie und hatte keine Kraft, ihr zu sagen, dass ich es ja gar nicht war, dass sie einen anderen meinte mit ihren Küssen, einen andern liebte, einen andern, einen andern!«
Auch der stille Verehrer Gretes, Staatsanwalt Sven Borges, und die Freundin der Familie, Bussy Sandor, bemerkten nicht, dass ihnen ein anderer gegenüber stand. Nur der Hund biss ihn zur Begrüßung ins Bein. Insgesamt fügt sich Wilhelm problemlos ein. Nur manchmal kommt er sich wie Kaspar Hauser vor, »aus einem dunklen Keller, ich sehe Licht zum ersten Mal, zum ersten Mal einen Baum, eine Wolke, einen Stein, einen anderen Menschen, eine Frau, meine Frau, die Erinnerung kommt ganz langsam, man muss mir sehr viel Zeit lassen, ich bin wie krank, ich sehe alles ganz neu, ich erlebe alles zum ersten Mal.« In Bezug auf Grete entwickelt er, wie er erfährt, eine ähnliche Eifersucht wie Hans. Und er entdeckt »hinter der weißen Stirn« seiner Frau ihre »kleine Seele, krank«, sie »blutet aus tausend Wunden.« Groß die Überraschung als Bussy ihn in einem stillen Augenblick heimlich zu sich bestellte: Der Herr Doktor hatte ein Verhältnis mit ihr.
Auch als Arzt kam Wilhelm überraschend gut zurecht. Er nahm nach seiner Rückkehr die Arbeit sofort wieder auf, führte sogar eine Blinddarmoperation durch, freilich nicht ohne darüber nachzudenken, warum es diesen unnützen Appendix überhaupt gibt. Man setzt ihn als Gerichtsgutachter ein, schickt eine Blutprobe. Es soll untersucht werden, ob das Blut von der Angeklagten stammt oder, wie diese behauptet, von einem Hund. Mord oder Unfall? Eine einfache Untersuchung; er weiß sofort, was zu tun ist. Und das Ergebnis ist eindeutig.
Als er den Gerichtssaal betrat, staunte er nicht schlecht: Die Angeklagte war Emma Bettuch, seine Schwester, auch sie erkannte ihn, seinen Bruder, nicht und dieser hörte ihre Geschichte, ihre Reise nach Berlin, um Geld für die kranke Mutter zu verdienen, die Anstellung als Dienstmagd, die Aussicht, noch mehr als den Lohn zu erhalten, wenn sie sich dem Gutsherren hingeben sollte, was sie tat, »sie war beschmutzt, entehrt«, aber »es gab kein Geld«, und dann ihre Geschichte von diesem Hund, der den Mann in die Kehle gebissen hätte. Wilhelm/Hans wusste es besser, er wusste, es war Mord, aber er sagt etwas anderes, der Staatsanwalt, Sven Borges, der sich als Freund eingeschmeichelt hatte, gerät in Rage, aber »es ist alles gut, das Mädchen ist frei, sie geht schwankend hinaus, Emmchen, im Vorbeigleiten sehe ich ihre Züge, sie blickt mich an, sieht sie mich, mich, mich selbst?«
Austrian Psycho ist ein Versuch, das intellektuelle Österreich von Jack Unterweger zu exorzieren.
»Alles ist Verwandlung.« So beginnt der Journalist und Publizist Malte Herwig seine Biographie Meister der Dämmerung über den Schriftsteller Peter Handke. Und er fügt hinzu: »Wer die Biographie eines Künstlers schreibt […], sollte sich eine Neugier auf die Metamorphosen bewahren, die zwischen Kunst und Welt hin- und herführen.« Herwigs Neugier beschränkt sich nicht nur auf Künstler wie Handke. Das Thema der »Verwandlung« ist der rote Faden in all den bisherigen größeren Recherchearbeiten Herwigs. Da sind die Flakhelfer, 17, 18jährige, die 1944/45 Mitglied in der NSDAP geworden waren, und dies, so das Ergebnis der Nachforschungen, mit ihrem ausdrücklichem Wunsch, da es keine »automatischen« Parteimitgliedschaften gab. Aber diese Menschen wurden nach 1945 zu Säulen der neuen, demokratischen und pluralistischen Bundesrepublik. Herwig wollte nicht die Lebensleistung dieser Leute diffamieren. Es ging um die Suche nach der Erklärung der Verwandlung von verblendeten Nazi-Anhängern zu Demokraten. Eine andere Metamorphose erlebte er bei der Picasso-Geliebten Françoise Gilot, die sich irgendwann dem vermeintlichen Genie als bloße Gespielin verweigert hatte, ihren eigenen Weg ging und eine angesehene Malerin wurde – trotz aller Anfechtungen und Ranküne aus dem Betrieb. Einige Jahre später konzipierte Herwig einen wunderbaren Podcast über die sogenannten Hitler-Tagebücher. Der Verwandlungskünstler hieß diesmal Konrad Kujau, der sich als imaginärer Adolf Hitler in eine Art Rausch geschrieben hatte. Aufklärerisch wollte dieser Betrüger nicht wirken, sondern nur sein Vermögen aufbessern. 2021 entdeckte Herwig die Verzauberungen des »Großen Kalanag« alias Helmut Schreiber, eines Magiers, der nicht nur die Varietés in Europa und Amerika, sondern auch seine Nazi-Sympathie als Alleinunterhalter bei der Familie Göring Weihnachten 1938 »verwandelte«.
Nun also der Frauenserienmörder Jack Unterweger. 2022 recherchierte Herwig für den insgesamt sechsstündigen Podcast »Jack. Gier frisst Schönheiten«. Auch hier beließ er es nicht bei den üblichen Erklärungen, die man in jeder True-Crime-Doku zu hören bekommt. Herwig besuchte die Heimatkeusche Unterwegers in Kärnten, fand Zeuginnen, die ihn kannten, mit ihm als Kind zusammenlebten. Er zitiert aus Briefen, Tagebuchaufzeichnungen, Unterwegers »Gedichten« (die zumeist Plagiate sind), seinem gefeierten Roman Fegefeuer und den anderen, weniger brillanten Büchern, die danach entstanden. Es gibt Originalmitschnitte aus Interviews mit Unterweger, den Reportagen und seinen Telefongesprächen mit der Ex-Verlobten. Er befragte ehemalige Geliebte, Ermittler, den stellvertretenden Gefängnisdirektor, der Unterweger immer durchschaute, dessen Urteil jedoch niemand hören wollte. Bei aller Faszination über die Verwandlungsfähigkeit Unterwegers, werden die Taten und deren Opfer nie vergessen. Vieles war neu, wie auch Elfriede Jelineks Sprachnachricht, in der sie fast fehlt, herauszubekommen, wer Fegefeuer wirklich geschrieben hat.