Es war ein derart einschneidender Moment, dass ich etliches, was sich um dieses Ereignis herum ereignet hat, vergessen habe. Ich stehe auf einer Verkehrsinsel in Grindelwald und telefoniere mit meiner Mutter. Kurz vor dem Abendessen; ein kurzes Melden nach einigen Tagen. Sie erzählt von meinem Vater, der beim Zahnarzt gewesen war wegen seines Gebisses, welches nicht passte. Es passte schon seit Jahren nicht, aber immer wieder hatte er den Gang zum Arzt hinausgezögert und stattdessen mit Unmengen von Gebissklebern versucht, eine Festigkeit zu erzeugen. Seit Jahren nimmt mein Vater dieses Pulver; das kleine, rote Fläschchen ist in zwei, drei Tagen leer. Es ist Natriumalginat. Angeblich harmlos. Aber immer wieder, nach zwei oder drei Mahlzeiten fällt ihm das Gebiss heraus. Der Arzt hatte, wie meine Mutter sich ausdrückte, einen »Knubbel« im Mund festgestellt. Er kann kein neues Gebiss anpassen, bis dieses Ding entfernt ist. Man nahm eine Probe. Ich weiß nicht mehr, ob meine Mutter mir schon damals sagte, dass es Krebs war. Oder ob das erst später war. Aber ich verlasse die Telefonzelle mit dem Gefühl, dass mein Vater Krebs hat. Er war jenseits der 70, starker Raucher; Spieler. Sein plötzlich fasslicher, möglicher Tod ließ mich über ihn nachdenken. Ich ging wie in Trance aus der Telefonzelle.
Lothar Struck
Kleiner Hinweis...
Ab heute ist mein zweites Buch lieferbar, erschienen im Mirabilis-Verlag. Es ist ein kurzer, aber hoffentlich prägnanter Essay über Peter Handke und das Kino mit dem schönen Titel »Der Geruch der Filme«. Es geht um Handkes Kinoleidenschaft, um die Filme, in denen er Regie geführt hat und um seine Zusammenarbeit mit Wim Wenders. Es geht ...
Peter Handke: Versuch über den Pilznarren
[...] Und nun also der »Versuch über den Pilznarren«. Auch dies ist eine Geschichte, und zwar eine Geschichte für sich, so der Untertitel. Eine bloße Nacherzählung sei dies – eigentlich sonst nicht eben meine Sache, schreibt der Erzähler. Dies an einer Stelle, als es darum geht, das Kippen des Pilzfreundes, ‑sammlers, ‑suchers (und ‑finders) hin ...
»Was wird mit Dir?« – Der Dichter Dimitri T. Analis
Am 22.9. auf dem »Poesiewochenende« in Düsseldorf, organisiert u.a. mit der Buchhandlung Müller & Böhm, im Heine-Haus, mitten in der Düsseldorfer Alt- und Lärmstadt, ausgelagert im Trinkaus-Auditorium in der Kunstsammlung NRW, Grabbeplatz: Rund 300 Besucher sind bei dieser Matinée dabei. Ein warm ausgeleuchteter Raum. Vier Sessel (ein bisschen an egg-chairs erinnernd), ein Tisch mit vier Gläsern Wasser. Dann nahmen Platz Peter Handke, Žarko Radaković und Norbert Wehr zum Gespräch »über Dichtung, das Übersetzen und Freundschaften«. Sophie Semin, Handkes Ehefrau, nahm in der ersten Reihe Platz.
Ja, ums Übersetzen ging es, um Ralph Manheim, Handkes Übersetzer ins Englische, der 1992 gestorben ist und ihm, Handke, durch das Übersetzen seine Bücher noch einmal nahegebracht habe. Und es ging um Handkes so zahlreiche Übersetzungen. Und eigentlich wollte er keine Übersetzerarbeit mehr machen. Aber dann, als er die Nachricht vom Tod von Dimitri T. Analis gehört habe, sei er an die Arbeit gegangen und habe seine letzten Gedichte übersetzt.
Störung der Gemütlichkeit
Über Malte Herwigs »Die Flakhelfer« Seit vielen Jahren treibt Malte Herwig ein Thema um: Die Verstrickungen der sogenannten Flakhelfer-Generation in das NS-Regime. Ob im »Spiegel«, dem »Zeit-Magazin«, im »stern« oder in »Deutschlandradio Kultur« – immer wieder überraschte Herwig mit Funden aus Archiven, die das scheinbar Undenkbare doch belegen: Etliche derjenigen, die man (vollkommen zu Recht) ...
Kito Lorenc: Gedichte

Aber es ist natürlich mehr. Fast schwärmerisch erzählt, nein: frohlockt Handke von den Momenten in diesen Gedichten, »wo das spezielle Geschichtswissen übergegangen ist in etwas Universelles, die Ahnung«.
Tosende Bilderwelten – Josef Winkler zum 60.
Kurz nach der Publikation seines Erstlingsromans »Menschenkind« 1979 hatte Josef Winkler einen weiteren Text für die Literaturzeitschrift »manuskripte« geschrieben und veröffentlicht. Er erscheint heute, nach mehr als 30 Jahren, »neu durchgesehen« vom Autor, erstmals als Buch. Aus »Das lächelnde Gesicht der Totenmaske der Else Lasker-Schüler« wurde »Wortschatz der Nacht«, was schade ist, denn der ursprüngliche ...
Phänomenologien eines Dichters
[...] Und nun, nach mehr als zwanzig Jahren legt Peter Handke seinen vierten Versuch vor, der »Versuch über den Stillen Ort«, wobei die Schreibweise des Adjektivs im Laufe der Erzählung wichtig wird, denn aus dem »Stillen Ort« (also der euphemistischen Umschreibung für die Toilette oder, noch direkter, dem Scheißhaus) wird – im Idealfall – der ...