Jour­na­li­sti­sche Pra­xis beim ORF?

Es war wohl ei­lig. Ben­ja­min Feich­ter er­bat bei mei­ner Ver­le­ge­rin, Bar­ba­ra Mi­k­law, ein pdf-Ex­e­m­­plar mei­nes Bu­ches »Der Ge­ruch der Fil­me«. Es soll­te um ei­nen Be­richt des ORF zur Film­schau »Pe­ter Hand­ke geht ins Ki­no« im METRO Kul­tur­haus in Wien ge­hen. Mit sich rin­gend und mit den üb­li­chen Hin­wei­sen zur Nicht­wei­ter­ga­be ver­se­hen, ent­sprach sie schließ­lich Herrn ...

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»Ich wür­de auch Adolf Hit­ler in­ter­view­en«

Der Jour­na­list, Bio­graph und Re­por­ter Mal­te Her­wig hat­te Ra­do­van Ka­ra­džić, der als ei­ner der Draht­zie­her des Mas­sa­kers von Sre­bre­ni­ca gilt, des größ­ten Kriegs­ver­bre­chens in Eu­ro­pa nach dem Zwei­ten Welt­krieg, im Ge­fäng­nis in Sche­ven­in­gen be­sucht und in ei­ner ein­drucks­vol­len Re­por­ta­ge da­von im letz­ten »SZ-Ma­ga­zin« zu­sam­men mit Ro­nen Stein­ke be­rich­tet.1 Mal­te Her­wig war so freund­lich, ei­ni­ge Fra­gen hier­zu be­ant­wor­ten.2

Be­gleit­schrei­ben: Sie ha­ben Ra­do­van Ka­ra­džić be­sucht und ge­spro­chen. Konn­ten Sie im­mer wäh­rend des Ge­sprächs von den ihm zur Last ge­leg­ten Ta­ten ab­stra­hie­ren?

Mal­te Her­wig: Ja, ein sach­li­cher Zu­gang ist die ein­zi­ge Ge­sprächs­ba­sis für ein gu­tes In­ter­view. Ich wür­de auch Adolf Hit­ler in­ter­view­en – vor­aus­ge­setzt er ist ge­stän­dig. Es ist doch fei­ge und un­ehr­lich ge­gen­über dem Pu­bli­kum, wenn man sich em­pört und Fra­gen stellt im Duk­tus von: »Sie sind ein bö­ser Mensch, was sa­gen Sie da­zu?«. Ich ha­be Mör­der, Gei­stes­kran­ke und Ras­si­sten in­ter­viewt. Aber der In­ter­view­er ist kein Rich­ter. Mich in­ter­es­siert nicht, ob mei­ne Ge­sprächs­part­ner gu­te oder schlech­te Men­schen sind, son­dern was sie zu ih­ren Ta­ten an­ge­trie­ben hat.

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  1. "Gesichter des Todes" - "Süddeutsche Zeitung Magazin" Nr. 19, 9. Mai 2014, S. 12-18 ↩

  2. Die Fragen und Antworten wurden per E-Mail ausgetauscht. ↩

Rein­hard Kai­ser-Mühlecker: Schwar­zer Flie­der

[...] Rein­hard Kai­­ser-Mühlecker er­zählt die Ge­schich­te von Fer­di­nand Gold­ber­ger mit gro­ßer sprach­li­cher Ge­nauigkeit. Da­bei spielt es für den Le­ser kei­ne Rol­le, dass »Schwar­zer Flie­der« ei­ne Wei­ter­füh­rung der »Gol­d­­ber­­ger-Sa­­ga« des Au­tors ist, die 2009 mit »Mag­da­len­aberg« be­gann, dann 2012 mit dem um­fang­rei­chen Ro­man »Ro­ter Flie­der« fort­ge­setzt wur­de und hier – schein­bar – sein En­de fin­det (der ...

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Der gro­sse Rad­datz

»Ge­strei­chelt wor­den bin ich in mei­nem Le­ben nicht« Die Au­to­bio­gra­phie und die Ta­ge­bü­cher von Fritz J. Rad­datz zei­gen nicht nur ei­ne längst ver­sun­ke­ne Welt der bun­des­deut­schen Nach­­kriegs-Li­te­ra­tur­­bo­­hè­­­me. Wer ge­nau liest, ent­deckt ei­nen auf­rech­ten und emp­find­sa­men In­tel­lek­tu­el­len – und ei­nen groß­ar­ti­gen Schrift­stel­ler Da sind sie al­so end­lich: Die letz­ten Ta­ge­bü­cher von Fritz J. Rad­datz, 2002–2012 (TB ...

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»Grin­del­wald« als Buch

Vor ei­ni­gen Mo­na­ten hat­te ich hier ei­ne klei­ne Er­zäh­lung mit dem Ti­tel »Grin­del­wald« ver­öf­fent­licht. Ich hat­te mir dies aus An­lass des 100. Ge­burts­tags mei­nes Va­ters schon Mo­na­te im Vor­aus vor­ge­nom­men und es dann doch erst kurz vor­her halb­wegs ge­schafft. An­fangs hat­te ich »Grin­del­wald« von der Ti­tel­sei­te ver­bannt; mit der Ver­lin­kung im »Bild­blog« in 6 vor ...

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Wolf­gang Herrn­dorf: Ar­beit und Struk­tur

Ta­­ge­­buch-Tex­­te von Künst­lern po­ten­ti­el­len Le­sern na­he­zu­brin­gen und da­bei wo­mög­lich li­te­ra­risch ein­zu­ord­nen, ist im­mer schwie­rig. Fühlt man sich doch stän­dig her­aus­ge­for­dert Werk­be­zü­ge zu ent­decken bzw. fort­zu­schrei­ben, die den mit der Ma­te­rie nicht ei­ni­ger­ma­ßen ver­trau­ten Le­ser eher lang­wei­len. Ta­ge­bü­cher von Li­te­ra­ten lie­fern ja zu­wei­len durch­aus in­struk­ti­ve Ein­blicke in die so­ge­nann­te Werk­statt. Ne­ben Form- und Schreib­pro­ble­men und literaturwissen­schaftlichen ...

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Idyl­len­split­ter und Ra­se­rei

Der ju­go­sla­wi­sche Schrift­stel­ler Dra­gan Al­ek­sić ist mehr als nur ei­ne Ent­deckung für ei­nen Le­se­abend »Un­ten, am We­ges­rand fie­len in den war­men, tie­fen, vom Mond­licht gol­den ge­färb­ten Staub dicke, pral­le schwar­ze Maul­bee­ren«. So en­det der Ro­man »Zwi­schen Ne­ra und Ka­rasch« des ju­go­sla­wi­schen Schrift­stel­lers Dra­gan Al­ek­sić. Be­gon­nen hat­te er mit dem Satz: »Dicke, pral­le schwar­ze Maul­bee­ren fal­len ...

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Grin­del­wald

Es war ein der­art ein­schnei­den­der Mo­ment, dass ich et­li­ches, was sich um die­ses Er­eig­nis her­um er­eig­net hat, ver­ges­sen ha­be. Ich ste­he auf ei­ner Ver­kehrs­in­sel in Grin­del­wald und te­le­fo­nie­re mit mei­ner Mut­ter. Kurz vor dem Abend­essen; ein kur­zes Mel­den nach ei­ni­gen Ta­gen. Sie er­zählt von mei­nem Va­ter, der beim Zahn­arzt ge­we­sen war we­gen sei­nes Ge­bis­ses, wel­ches nicht pass­te. Es pass­te schon seit Jah­ren nicht, aber im­mer wie­der hat­te er den Gang zum Arzt hin­aus­ge­zö­gert und statt­des­sen mit Un­men­gen von Ge­biss­kle­bern ver­sucht, ei­ne Fe­stig­keit zu er­zeu­gen. Seit Jah­ren nimmt mein Va­ter die­ses Pul­ver; das klei­ne, ro­te Fläsch­chen ist in zwei, drei Ta­gen leer. Es ist Na­tri­um­al­gi­nat. An­geb­lich harm­los. Aber im­mer wie­der, nach zwei oder drei Mahl­zei­ten fällt ihm das Ge­biss her­aus. Der Arzt hat­te, wie mei­ne Mut­ter sich aus­drück­te, ei­nen »Knub­bel« im Mund fest­ge­stellt. Er kann kein neu­es Ge­biss an­pas­sen, bis die­ses Ding ent­fernt ist. Man nahm ei­ne Pro­be. Ich weiß nicht mehr, ob mei­ne Mut­ter mir schon da­mals sag­te, dass es Krebs war. Oder ob das erst spä­ter war. Aber ich ver­las­se die Te­le­fon­zel­le mit dem Ge­fühl, dass mein Va­ter Krebs hat. Er war jen­seits der 70, star­ker Rau­cher; Spie­ler. Sein plötz­lich fass­li­cher, mög­li­cher Tod ließ mich über ihn nach­den­ken. Ich ging wie in Trance aus der Te­le­fon­zel­le.

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