Im rich­ti­gen Le­ben

Da ha­ben wir al­so wie­der ein­mal ei­nen zünf­ti­gen Skan­dal. End­lich. Da hat der chi­ne­si­sche Au­tor Mo Yan den Li­te­ra­tur­no­bel­preis be­kom­men – und re­agiert da­bei so gar nicht, wie man sich dies wünscht. »Em­pö­rung über re­gime­freund­li­che Äu­ße­run­gen von Mo Yan« ti­telt ex­em­pla­risch die »Zeit«. Im ha­stig zu­sam­men­ge­schrie­be­nen Ar­ti­kel steht die An­klage schon im Un­ter­ti­tel: Der Schrift­stel­ler ha­be die chi­ne­si­sche Zen­sur ver­tei­digt und dies in ei­ner Pres­se­kon­fe­renz mit den Kon­trol­len am Flug­ha­fen ver­gli­chen. »Ver­leum­dungen, Ver­un­glimp­fun­gen, Ge­rüch­te und Be­lei­di­gun­gen muss man schon zen­sieren«, so wird Mo Yans Äu­ße­rung zi­tiert. Der »Zeit« reicht dies, die Stim­men der Em­pör­ten la­wi­nen­haft aus­zu­brei­ten.

Wä­re es nicht ein Fall von jour­na­li­sti­schem Ethos (in die­sen Zei­ten?) ge­we­sen, Mo Yans Äu­ße­run­gen voll­stän­dig und kon­tex­tu­ell ein­wand­frei zu zi­tie­ren? Er sag­te:

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Herbst­laub

Als ich Pe­ter Hand­ke im Ok­to­ber bei Pa­ris be­such­te, kehr­te er ge­ra­de vor dem Haus das Laub und schien mich erst gar nicht zu be­mer­ken, wie ich den klei­nen baum­ge­säum­ten Pfad auf das Tor zu­ging. Ein wun­der­ba­res Bild, die­ser fast Sieb­zig­jäh­ri­ge, wie er da­steht mit hoch­ge­krem­pel­ten Är­meln, in fei­ner, aber ab­ge­tra­ge­ner An­zug­ho­se und bar­fuß im ...

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Der un­se­riö­se Car­sten Schnei­der

Car­sten Schnei­der ist der haus­halts­po­li­ti­sche Spre­cher der SPD-Bun­des­tags­frak­ti­on. Er sagt oft et­was, weil er oft ge­fragt wird. So rich­tig ha­be ich sei­ne Pseu­do-Op­po­si­ti­on, was die Grie­chen­land-/Eu­ro-Ak­ti­vi­tä­ten der Re­gie­rung Mer­kel an­geht, nicht ver­stan­den, denn im­mer wenn so­ge­nann­te Hilfs­pa­ke­te zur Ab­stim­mung stan­den, stimm­te Schnei­der zu. Grün­de mag es da­für ge­nug ge­ge­ben ha­ben; ich sah sie nicht. Des­halb ist Car­sten Schnei­der für mich kein Op­po­si­ti­ons­ab­ge­ord­ne­ter mehr ge­we­sen. Dass, was er sag­te, war ei­ne Kri­tik jen­seits ei­nes tat­säch­lich an­de­ren Po­li­tik­ent­wurfs; all­zu oft nur ri­tua­li­sier­te Ge­gen­re­de.

Am Mitt­woch früh horch­te ich je­doch auf. Schnei­der sag­te in ei­nem In­ter­view im Du­del­sen­der WDR2: »Ei­ne Ent­schei­dung zu Grie­chen­land ist in die­ser Wo­che nicht vor­stell­bar.« Der Zeit­druck, den die Bun­des­re­gie­rung auf­baue, ver­hin­de­re ei­ne sorg­fäl­ti­ge Ent­schei­dung. Er sei auch gar nicht not­wen­dig. Schnei­der be­kann­te, dass er sich nicht in ein, zwei Ta­gen für oder ge­gen die Be­schlüs­se ent­schei­den kön­ne.

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Die Kö­che der Erb­sen­sup­pe

»Welt­li­te­ra­tur« prangt auf der Ban­de­ro­le auf dem Buch als Zi­tat von Pe­ter Hand­ke. In des­sen Nach­wort fehlt die­ses Wort; es ist ein In­ter­view-Zi­tat. Es han­delt sich um Flor­jan Li­puš’ Ro­man »Bošt­jans Flug«. Und wie die Me­cha­nis­men im deutsch­spra­chi­gen Li­te­ra­tur­be­trieb funk­tio­nie­ren, kann man in die­sen Zei­ten wie­der ein­mal ge­nüss­lich se­hen. Da schreibt Mat­thi­as Wei­chelt ei­ne hym­ni­sche Be­spre­chung in der FAZ eben auf die­ses Buch (da die FAZ ge­gen Zi­ta­te aus ih­ren Be­spre­chun­gen klagt, gibt es hier kei­ne Links zu FAZ-Ar­ti­keln). Wei­chelt klagt am En­de, dass das Buch trotz »nam­haf­ter Für­spre­cher« un­be­kannt sei. Dies müs­se sich, so das Ur­teil, än­dern.

Dem ist na­tür­lich zu­zu­stim­men (und: Wei­chelts Be­spre­chung ist sehr gut). Klar ist aber: Erst durch die Ver­öf­fent­li­chung des Bu­ches im Suhr­kamp-Ver­lag er­reicht es die me­dia­le Prä­senz, die es li­te­ra­risch längst ver­dient hät­te. Das Buch exi­stiert seit sechs Jah­ren im Kla­gen­fur­ter Wie­ser Ver­lag. In der brä­si­gen Ar­ro­ganz des deut­schen Ger­ma­ni­sten­be­am­ten nann­te Jür­gen Bro­koff Wie­ser ei­nen »ent­le­ge­nen« Ver­lag. Und das ist na­tür­lich ab­schät­zig ge­meint.

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Ri­chard Ford: Ka­na­da

Richard Ford: Kanada
Ri­chard Ford: Ka­na­da

Dell Par­sons ist 1945 ge­bo­ren. Er er­zählt im Jahr 2011, als pen­sio­nier­ter Leh­rer, über die Zeit zwi­schen Au­gust und Ok­to­ber 1960. Ei­ne Zeit, die sein Le­ben ra­di­kal ver­än­dert und ge­prägt hat. Der durch­aus fu­ri­os da­herkommende An­fang lässt hof­fen: »Zu­erst will ich von dem Raub­überfall er­zäh­len, den mei­ne El­tern be­gan­gen ha­ben. Dann von den Mor­den, die sich spä­ter er­eigneten.« Fast la­ko­nisch wird er­gänzt: »Der Raub­überfall ist wich­ti­ger, denn er war ei­ne ent­scheidende Wei­chen­stel­lung in mei­nem Le­ben und in dem mei­ner Schwe­ster«.

Aber nun be­ginnt ein un­end­lich in die Län­ge ge­zo­ge­nes, zä­hes Re­ka­pi­tu­lie­ren über sich sel­ber, sei­ne Zwillings­schwester Ber­ner und ih­re El­tern, Va­ter Bev (geb. 1923), sei­ne Frau Nee­va (geb. 1926), über Gre­at Falls, Mon­ta­na (die Fa­mi­lie lebt seit ei­ni­gen Jah­ren dort) und die pre­kä­re fi­nan­zi­el­le Si­tua­ti­on. Der Va­ter, einst Flie­ger in der Ar­mee (er warf Bom­ben auf Ja­pan im Zwei­ten Welt­krieg), ver­lor sei­nen Cap­tain-Rang und wur­de ent­las­sen (al­ler­dings mit be­lo­bi­gen­der Ur­kun­de).

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Se­lek­ti­ve Wahr­neh­mung

»Das gro­ße Schwei­gen der Au­toren« lau­tet die Über­schrift ei­nes Ar­ti­kels von Da­ni­el Lenz bei »Buch­re­port«. Er be­klagt dar­in, dass die »Hoch­ka­rä­ter« der deut­schen (!) Li­te­ra­tur nichts zur »di­gi­ta­len Re­vo­lu­ti­on« und dem Ver­lags- und Buch­han­dels­ster­ben sa­gen.

Wer wä­ren denn die »Hoch­ka­rä­ter«? Drei Bei­spie­le nennt er da: Rai­nald Goetz, Tho­mas Hett­che und Mat­thi­as Po­ly­ticki, die schnell als Pio­nie­re (oder ir­gend et­was in die­ser Rich­tung) apo­stro­phiert wer­den. El­frie­de Je­lin­eks »Neid«-Roman, der aus­schließ­lich und voll­stän­dig im Netz steht, nennt Lenz nicht. Ver­mut­lich, weil es kei­ne »deut­sche« Schrift­stel­le­rin ist. (Zu­ge­ge­ben: Der­zeit hat die HP Je­lin­eks tech­ni­sche Pro­ble­me, aber über über die­se Sei­te geht’s.)

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Ralph Dohr­mann: Kron­hardt

Ralph Dohrmann: Kronhardt
Ralph Dohr­mann: Kron­hardt
Ob­wohl mit Kron­hardt in Ralph Dohr­manns Buch ei­gent­lich im­mer nur leicht ab­fäl­lig der Stief­va­ter von Wil­lem Kron­hardt be­zeich­net wird, ist Wil­lem die Haupt­fi­gur die­ses Ro­mans. Er ist po­ten­ti­el­ler Er­be der (fik­ti­ven) traditions­reichen Bre­mer Tex­til­fa­bri­ka­ti­on glei­chen Na­mens. Sein Va­ter ver­starb als Wil­lem Kind war un­ter my­ste­riö­sen Um­stän­den fast vor sei­nen Au­gen wäh­rend ei­ner Boots­fahrt. Die re­so­lu­te, herrsch­süch­tig auf­tre­ten­de Mut­ter hei­ra­te­te den Bru­der. Der Ro­man be­ginnt am Ein­schu­lungs­tag Wil­lems, den er we­gen ei­nes In­fekts »schwän­zen« muss. Das ist um 1957 her­um; die Hün­din Lai­ka er­reg­te ge­ra­de Auf­se­hen. In Bre­men sind im­mer noch die Trüm­mer sicht­bar und »ver­kohl­te Spu­ren ein­gefleischter Ge­schich­te« stei­gen aus ih­nen auf. Wil­lem geht aufs Gym­na­si­um und ist an­ders als die an­de­ren Wirt­schaftswunderkinder. Im­mer wie­der trau­ert er um sei­nen ver­stor­be­nen Va­ter, ei­nen Künst­ler, des­sen Cha­rak­ter im kras­sen Ge­gen­satz zur dran­g­­sa­lie­rend-ner­vö­sen Mut­ter und des au­to­ri­tä­ren Stief­va­ters steht. Im­mer wie­der ent­flieht Wil­lem der von den »Al­ten« vor­ge­zeich­ne­ten Lauf­bahn, die­sem Zwang zum Funk­tio­nie­ren. Er mei­det die Klün­gel der hö­her­ge­stell­ten Bu­ben und Töch­ter und freun­det sich mit Schlos­ser an, der par­al­lel zur Schu­le noch auf dem Schrott­platz für 7,50 Mark am Tag ar­bei­tet. Schlos­sers Mut­ter ist ge­stor­ben und er ver­sorgt nun sei­ne Zwil­lings­ge­schwi­ster nebst trin­ken­dem, zu­wei­len jäh­zor­ni­gen Va­ter.

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Ver­fäng­li­che Ka­thar­sis

Dass Gui­do Knopp beim ZDF in Ren­te geht, hält Fern­seh­ver­ant­wort­li­che nicht von der wei­te­ren Na­zi-Fik­tio­na­li­sie­rung ab. Ge­stern al­so wie­der ein­mal zur be­sten Sen­de­zeit im Fern­se­hen ein Film über den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus. Dies­mal ging es um Er­win Rom­mel (ARD, 20:15 Uhr) (lä­cher­lich, wie die ARD in der Me­dia­thek den Film nur zwi­schen 20 und 6 Uhr zeigt und be­tont, er sei für »Ju­gend­li­che un­ter 12 Jah­ren« nicht ge­eig­net; ein ent­spre­chen­der Hin­weis un­ter­blieb ge­stern). Man fand ei­ne leid­lich il­lu­stre Be­set­zung vor; Ul­rich Tu­kur gab Er­win Rom­mel und wenn Tu­kur zur Re­de an­setz­te, ver­such­te er den Duk­tus Rom­mels zu er­rei­chen. Am Sonn­tag gibt es auf SWR2 im Rund­funk noch Hör­spiel ba­sie­rend auf Ni­ki Steins Film. War­um ei­gent­lich? Es gibt kei­nen An­lass. Da war wohl ein­fach ein Film fer­tig. Oder soll­te man bis 2014 war­ten – zum 70. To­des­tag des »Wü­sten­fuchs«? So­viel Eh­re dann doch nicht. Gut so.

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