An­ton Hun­ger: Blatt­kri­tik

Anton Hunger: Blattkritik
An­ton Hun­ger: Blatt­kri­tik
Es klingt viel­ver­spre­chend: Sein Buch »Blatt­kri­tik« soll kei­ne po­pu­li­sti­sche Me­di­en­schel­te sein, so ver­spricht der Au­tor An­ton Hun­ger im Vor­wort. Und dann schreibt er vom über­bor­den­den mo­ra­li­schen Ri­go­ris­mus der Jour­nalisten, die sehr oft die Wahr­heit bie­gen, bis die Sto­ry passt und sich ei­nen Bio­top ge­schaf­fen ha­ben, der ger­ne Gu­tes von Bö­sem schei­det. An Bei­spie­len wer­de ge­zeigt dass Jour­na­li­sten Maß­stä­be, die sie an an­de­re an­le­gen, häu­fig für sich nicht gel­ten las­sen. Sie fühl­ten sich, so Hun­ger, zu­neh­mend als die Über­le­ge­nen. Das klingt al­les sehr gut und viel­ver­spre­chend. Bei al­le­dem will Hun­ger sei­ne 17jährige Tä­tig­keit als Kommunikations­chef bei Por­sche aus­drück­lich nicht di­rekt the­ma­ti­sie­ren – was er al­ler­dings ver­mut­lich aus (arbeits-)rechtlichen Grün­den auch gar nicht darf. Im­mer­hin lässt er sich zu dem Aper­çu ver­lei­ten, dass so man­cher jour­na­li­sti­sche Er­guss zur am En­de ge­schei­ter­ten Über­nah­me von VW durch Por­sche noch nicht ein­mal die Gras­wur­zeln streif­te. Da winkt ei­ner mit dem Zaun­pfahl, um ihn ganz schnell wie­der zu ver­stecken.

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Der trot­zi­ge Stoi­ker – Her­mann Lenz zum 100.

Es ist wohl so et­was wie ein Sinn­bild: Wenn man nach vie­len Jah­ren noch weiß, wann und wo man die Bü­cher ei­nes be­stimm­ten Au­tors, ei­ner be­stimm­ten Au­torin ge­le­sen hat. Und wie es ei­nem da­nach ging. Da­bei kommt es nicht un­be­dingt dar­auf an, wie­viel man aus dem Buch tat­säch­lich »be­hal­ten« hat. Son­dern nur, wie man sich die­ses Buch er­le­sen hat. Und mit wel­chen Bil­dern man her­um­läuft, wenn man den Ti­tel oder den Au­tor hört oder liest.

Ich weiß heu­te noch, wie ich Her­mann Lenz’ Eu­gen Rapp-Ro­ma­ne ge­le­sen ha­be. Ich se­he mich mit dem eher mod­rig duf­ten­de Ex­em­plar von »Neue Zeit« aus der Stadt­bi­blio­thek auf dem Bauch le­send. Und stau­nend. Spä­ter dann das fast pro­to­koll­haf­te, für Lenz’ Ver­hält­nis­se zor­ni­ge »Selt­sa­mer Ab­schied«, in dem sein Al­ter ego Eu­gen Rapp durch sei­ner Schwe­ster übel mit­ge­spielt wird, die ihn nach dem Tod der El­tern aus dem Haus treibt, in der Rapp mit sei­ner Frau ge­lebt hat­te. Rapp, der mit Her­mann Lenz ei­ner­seits iden­tisch, an­de­rer­seits aber auch ei­ne Kunst­fi­gur ist, trau­ert ob die­ser Ver­trei­bung vom hei­me­li­gen Stutt­gart ins hek­ti­sche Mün­chen (sei­ne Frau hat dort ein Haus und sie zie­hen dort ein) in der ihm ei­ge­nen Mi­schung aus Me­lan­cho­lie, Gleich­mut und Er­ge­ben­heit. Ir­gend­wann ha­be ich mir die Bü­cher dann ge­kauft. So et­was woll­te ich be­sit­zen.

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Mi­cha­el Götschen­berg: Der bö­se Wulff?

michael-goetschenberg-der-boese-wulffVor ei­nem Jahr trat Chri­sti­an Wulff vom Amt des Bundes­präsidenten zu­rück. Über mehr als zwei Mo­na­te pras­sel­te da­mals das me­dia­le Dau­er­feu­er auf ei­nen am­tie­ren­den Bun­des­prä­si­den­ten ein. Mi­cha­el Götschen­berg, Lei­ter des Haupt­stadt­bü­ros von RBB, MDR, Ra­dio Bre­men und des Saar­län­di­schen Rund­funks, be­müht sich in sei­nem Buch »Der bö­se Wulff?« aber nicht nur um die Auf­ar­bei­tung der di­ver­sen Wulff-Af­fä­ren (die ge­le­gent­lich auch nur lä­cher­li­che Af­fär­chen wa­ren), son­dern un­ter­sucht die Um­stän­de vor bzw. bei der Wahl Wulffs und gibt ei­nen Über­blick über die 598 Ta­ge der Prä­si­dent­schaft. Da­bei zieht er was die Amts­zeit an­geht ein über­aus po­si­ti­ves Fa­zit und mag so gar nicht in die ne­ga­ti­ven Stim­men der Jour­na­li­stik ein­stim­men, die, wie man heu­te nach­le­sen kann und Götschen­berg auch zeigt, durch die Dy­na­mik der Um­stän­de ein­ge­färbt wa­ren (und im­mer noch sind).

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Wenn der Chir­urg mit Pla­stik­be­steck ope­riert

Sie­ben­mal kommt das Wort »Dis­kurs« im Text von Uwe Kammann, dem Di­rek­tor des Grim­me-In­sti­tuts, vor, in dem er die No­mi­nie­rung des »Dschun­gel­camps« in der Ka­te­go­rie Un­ter­hal­tung ver­tei­digt. Es ist ein merk­wür­di­ger Dis­kurs, der hier fast be­schwo­ren wird: »…die Stär­ke des Grim­me-Prei­ses ist nicht al­lein die ho­he Qua­li­täts­kon­stanz bei der Aus­wahl, son­dern sie be­steht auch und vor al­lem im Dis­kurs über eben die­se Qua­li­tät.« Was Kammann dar­un­ter ver­steht, kommt gleich da­nach: Rund »60 re­nom­mier­te, unab­hängige Per­so­nen« be­ra­ten »über sie­ben Wo­chen das Ge­samt­an­ge­bot ei­nes Fernseh­jahres«. Wie gut, dass da schon die Ad­jek­ti­ve »re­nom­miert« und »un­ab­hän­gig« ste­hen, das ent­la­stet den Le­ser von der ei­ge­nen Prü­fung. Merk­wür­dig, dass die Mit­glie­der der No­mi­nie­rungs­kom­mis­sio­nen deut­lich we­ni­ger als 60 sind. Und wer da »un­ab­hän­gig« und/oder »re­nom­miert« ist, mö­ge je­der sel­ber ent­schei­den.

Der »Dis­kurs« fin­det al­so in den Gre­mi­en des Grim­me-Prei­ses statt. Der öf­fent­li­che Dis­kurs fin­det al­so frü­he­stens erst nach dem Er­eig­nis (= No­mi­nie­rung) statt. Er ist so­mit »nur« als Kri­tik mög­lich. Ei­nen di­rek­ten Ein­fluss hat das Pu­bli­kum nicht. Das ist mei­nes Er­ach­tens auch nicht das Pro­blem. Es galt ja bis­her als ein Mar­ken­zei­chen des Grim­me-Prei­ses eben nicht nach Quo­ten und Markt­an­tei­len zu schie­len und sei­ne Ent­schei­dung un­ab­hän­gig da­von zu tref­fen. Es ging, so die Idee, um »Qua­li­tät«. Hier­auf geht Kammann auch ein, in dem er ei­ne »Qua­li­täts­kon­stanz« bei den No­mi­nie­run­gen aus­macht. Das muss er na­tür­lich un­ter­stel­len, weil es an­son­sten die Prei­se ad ab­sur­dum füh­ren wür­de. Und hier­an ent­zün­det sich ja auch die Kri­tik. Die gab es reich­lich. Kammann fühlt sich be­ru­fen, die No­mi­nie­rung, die »ein­stim­mig« er­folg­te, zu ver­tei­di­gen. Das ist gut so, weil die­ser Text mehr zeigt, als zehn Grim­me-Prei­se aus­sa­gen könn­ten.

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Rü­di­ger Din­ge­mann: »Tatort«-Lexikon (E‑Book)

Rüdiger Dingemann: Tatort Lexikon (E-Book)
Rü­di­ger Din­ge­mann: Tat­ort Le­xi­kon (E‑Book)
Rü­di­ger Din­ge­mann hat sein »Tatort«-Lexikon von 2010 für die E‑­Book-Aus­ga­be er­gänzt und er­wei­tert. Es sind jetzt al­le Fol­gen bis 11. No­vem­ber 2012 er­fasst. Das sind ins­ge­samt 849 (im Print-Buch wa­ren es 765). Nicht nur je­de ein­zel­ne Fol­ge ist dort chro­no­lo­gisch mit ei­ner klei­nen In­halts­an­ga­be auf­ge­führt (der Sortierungs­schlüssel ist ein­fach: fort­lau­fen­de Fol­ge und nach dem Schräg­strich das Erst­aus­strah­lungs­jahr). Man fin­det auch An­ga­ben zur Quo­te bzw. zum Markt­an­teil, den Dreh­buch­au­tor, Re­gis­seur, die Haupt­dar­stel­ler und ei­ne kur­ze In­halts­an­ga­be.

Der Es­say aus dem Print­buch wur­de ein biss­chen ver­än­dert, klei­ne­re Kor­rek­tu­ren an­ge­bracht und die Zwi­schen­über­schrif­ten wur­den zu ei­ge­nen Ka­pi­teln. Es gibt im­mer noch ei­ne Zeit­rei­se in die »Tatort«-Geschichte mit zahl­rei­chen Ku­rio­si­tä­ten. Hervorge­gangen aus der »Stahlnetz«-Reihe, die sich, im Ge­gen­satz zu den »Tatort«-Folgen, an Ori­gi­nal­fäl­len ori­en­tier­te, soll­te ei­ne Art Ge­gen­ge­wicht zur seit 1968 im ZDF er­folg­rei­chen Kri­mi­rei­he »Der Kom­mis­sar« ge­schaf­fen wer­den. Der Ge­dan­ke, den Fö­de­ra­lis­mus an di­ver­sen Schau­plät­zen mit un­ter­schied­li­chen Er­mitt­lern zu spie­geln, er­wies sich, so Din­ge­mann, als Glücks­griff.

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Ich bin kein Mit­glied der Netz­ge­mein­de

Im­mer häu­fi­ger hö­re ich von ihr: der »Netz­ge­mein­de«. Es wird an sie ap­pel­liert, über sie phi­lo­so­phiert, ge­gen sie po­le­mi­siert oder mit ihr ar­gu­men­tiert. Im All­ge­mei­nen ver­steht man un­ter dem Be­griff wohl Leu­te, die sich in Blogs, auf Twit­ter und/oder Face­book mel­den, aus­tau­schen und ko­or­di­nie­ren. Ober­fläch­lich be­trach­tet ge­hö­re ich al­so auch da­zu. So wird man ver­ein­nahmt. Zu den gu­ten Vor­sät­zen ei­ni­ger selbst­er­nann­ter Spre­cher die­ser so­ge­nann­ten Netz­ge­mein­de ge­hör­te es of­fen­sicht­lich, das in­zwi­schen trä­ge ge­wordene Volk auf­zu­rüt­teln. Da ist dann auch schnell von der »Kri­se der Blog­ger« die Re­de. Und das dann aus­ge­rech­net aus der Kra­wall­fa­brik »Frei­tag«, die vom »Neobieder­meier« der In­ter­net-Couch-Po­ta­toes schwa­felt, die sich lie­ber in den Mau­ern des »Club Ro­bin­son« à la Goog­le+ und Face­book tum­meln. Als Re­fe­renz­grö­ßen da­für die­nen je­ne, die mit Ver­trä­gen bei den »Alt­me­di­en« aus­ge­stat­tet sind. Da­bei ha­be ich längst auf­ge­ge­ben die­se Sek­ten­füh­rer zu le­sen, da sie mir schon vor Jah­ren au­ßer selbst­re­fe­ren­zi­el­lem Wort­ge­klin­gel nichts zu sa­gen hat­ten. »Spie­gel On­line« reicht das heu­te im­mer noch. Was ei­ni­ges über die­ses Me­di­um ver­rät.

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Flo­ri­an Il­lies: 1913

Florian Illies: 1913
Flo­ri­an Il­lies: 1913

»Jetzt geht’s los«, »Was macht…« oder »Nun aber schal­ten wir…« – so ani­miert Flo­ri­an Il­lies in »1913« den Le­ser und man wähnt sich tat­säch­lich zu­wei­len wie in der Bun­des­li­ga­kon­fe­renz im Ra­dio, nur eben schal­tend zu Ma­lern, Schrift­stel­lern, an­ge­hen­den »Po­li­ti­kern« oder son­sti­gen An­ge­hö­ri­gen der »Bo­he­me« (Il­lies ver­mei­det aus un­er­find­li­chen Grün­den die kor­rek­te Schreib­wei­se Bo­hè­me) in den »Front­städ­ten der Mo­der­ne« im Jahr 1913. Statt Tor­schreie gibt’s klei­ne Ge­burts­an­zei­gen von Pe­ter Fran­ken­feld, Ro­bert Lembke, Ma­ri­ka Rökk, Al­bert Ca­mus und Burt Lan­ca­ster. Zwi­schen­durch er­fährt man, dass Jo­sef Sta­lin in der si­bi­ri­schen Ver­ban­nung friert, wie Franz Kaf­ka sei­nen Hei­rats­an­trag doch noch zur Post bringt, wie viel Adolf Hit­ler für sein Abend­essen aus­ge­ge­ben hat und wie der Ta­ges­ab­lauf von Tho­mas Mann ist. Und noch viel mehr.

Bei Il­lies gibt es kei­ne Zu­rück­nah­me des Kom­po­si­teurs, wie bei­spiels­wei­se in Kem­pow­skis »Echo­lot«. Er ist all­wis­sen­der, ord­nen­der und kom­men­tie­ren­der Er­zäh­ler. Da­durch wird dem Le­ser auch gleich die Re­fle­xi­on über das Ge­le­se­ne weit­ge­hend ab­ge­nom­men und die Schleu­sen hin zum blo­ßen Le­se­kon­sum ge­öff­net. Stu­den­ten­fut­ter statt krea­ti­ver Kü­che. Die Spra­che ist eng an­ge­lehnt an den in­zwi­schen üb­li­chen groß­kot­zig-ari­sto­kra­ti­schen Feuil­le­ton-Iro­nis­mus, ir­gend­wo zwi­schen Fritz J. Rad­datz und Ha­rald Schmidt. Lei­der wirkt es zu oft be­müht und setzt den po­sie­ren­den Er­zäh­ler ziem­lich im­per­ti­nent in den Vor­der­grund, wo es doch um die Prot­ago­ni­sten von 1913 ge­hen soll­te.

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Ei­ne Sa­che der Prio­ri­tä­ten

Frank Schirr­ma­cher sah sich ge­nö­tigt, ei­ni­ge kla­re Wor­te zum Suhr­kamp-Streit (ist es schon ein Dra­ma?) zu sa­gen. Dem wä­re ei­gent­lich nichts hin­zu­zu­fü­gen. Aber wie so oft, wenn auf FAZ oder in ir­gend ei­nem an­de­ren so­ge­nann­ten Le­ser­fo­rum dann die Kom­men­ta­re her­ein­pur­zeln, sind die­se noch von ei­ner ganz an­de­ren »Qua­li­tät«.

Dem ho­hen Ton des dro­hen­den Un­ter­gangs vom ein oder an­de­ren Au­tor oder Weg­ge­fähr­ten wird das Schul­ter­zucken ent­ge­gen ge­setzt. Was soll das denn? Suhr­kamp sei doch nur ein Ver­lag. Die so­ge­nann­te Suhr­kamp-Kul­tur (in der Tat ei­ne schreck­li­che For­mu­lie­rung) ist für die mei­sten Kom­men­ta­to­ren eli­tär, gest­rig, zu ver­nach­läs­si­gen, ha­be sich über­holt. Ih­re Prot­ago­ni­sten sei­en alt, ver­bie­stert und – na­tür­lich – In­tel­lek­tu­el­le, die nicht mit Geld um­ge­hen kön­nen. (Wie blöd­sin­nig die­ses Vor­ur­teil ist zeigt sich, wenn man die Brief­wech­sel Un­seld mit Bern­hard und Hand­ke liest.) Man gönnt ih­nen teil­wei­se auch den Ab­sturz.

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