Vor einigen Wochen wurde auf Nachfrage meinerseits wie dieser Blog hier zu verbessern ist, angeregt eine Art Leserunde zu veranstalten. Ich gestehe nun, dass ich skeptisch bin, was das Lesen und Kommentieren in Teilen oder Kapiteln angeht. Man kann anderen schwerlich ein Lesetempo vorschreiben; unweigerlich gibt es Teilnehmer, die schon weiter sind und dann von ...
Jens Dittmar: So kalt und schönWer kennt Jens Dittmar? Eigentlich jeder, der Thomas Bernhard etwas intensiver gelesen hat. Die von Dittmar herausgegebene »Werkgeschichte« in der aktualisierten Ausgabe von 1990 war für mich jahrelang wie eine Bibel. Chronologisch ist dort jedes Buch, jeder Text Bernhards aufgeführt, mit Angaben zur Auflage, Hinweise auf Parallelen zu anderen Bernhard-Texten und, vor allem, Auszügen aus Kritiken (positive wie negative). Eine wahre Fundgrube, die aufzeigte, wie kontrovers Bernhard wahrgenommen wurde – und wie erfolgreich (im Vergleich zu anderen zeitgenössischen Dichtern). Später folgte von Dittmar mit »Sehr geschätzte Redaktion« ein äußerst gelungenes Kompendium mit Leserbriefen von und über Bernhard, in dem alle möglichen (und unmöglichen) Erregungen und Skandale um, über und vor allem mit Thomas Bernhard aufgelistet sind. Besonders lehrreich hier die Leserbriefe österreichischer Honoratioren (fast alle gegen den Dichter). Bernhard wäre heute, so die Überlegung nach der Lektüre und den geballten Skandalen, ein Meister des Shitstorm-Roulette in den sozialen Medien. Kurz darauf publizierte Dittmar einen Band über die Salzburger Jahre von Thomas Bernhard. Erschien die »Werkgeschichte« noch bei Suhrkamp, so gab Dittmar seine beiden anderen Bernhard-Bücher in der »Edition S« des »Verlags der Österreichischen Staatsdruckerei« heraus. Hier hat (hatte?) sich jemand einem Dichter verschrieben und um diesen verdient gemacht. Umso unverständlicher, dass Suhrkamp die Werkgeschichte nicht mehr neu aufgelegt hatte – just als das Interesse an Bernhard wuchs und zeitweise massenweise Epigonen des Österreichers wie Pilze aus dem Boden schossen.
Merkwürdiges Cover auf der »taz«: »Noch 17 Tage« – bis zur Europawahl, erfährt man dann in der Bombe. Wahlen sind also, sofern ein Ergebnis erwartet wird, dass unangenehm ist oder gar missfällt, Bomben gleich. Das es Wahlkämpfe gibt, die solche Bomben entschärfen könnten – auf die Idee kommt die »taz« nicht bzw. sie sieht sie ...
Am 13. März 1920 besetzte der Reichswehrgeneral Walther von Lüttwitz, Kommandant der Marinebrigade Ehrhardt, die laut Regierungsbeschluss vom 29. Februar 1920 aufgelöst werden sollte, das Berliner Regierungsviertel und ernannte den deutschnational gesonnenen Beamten Wolfgang Kapp zum Reichskanzler. Die Regierung (eine Koalition aus SPD, den konservativen Zentrum und der liberalen DDP) floh zunächst aus Berlin nach Süddeutschland. Die Unterstützung war trotz der zum Teil frustrierten Reichswehr nicht breit genug. So schreibt Golo Mann beispielsweise über die »ironisch-neutrale« Stellung General von Seeckts: »…man würde sehen, wie weit Kapp käme«. Der Putsch scheiterte nach fünf Tagen. Zum einen verweigerte die Berliner Ministerialbürokratie den Putschisten ihre Unterstützung. Noch hielt also eine gewisse Loyalität der fragilen Weimarer Republik gegenüber. Zum anderen rief der SPD-Vorsitzende Otto Wels zu einem Generalstreik aus, dessen Folgen etwaige Sympathisanten der Putschisten zutiefst verunsicherte.
Der Kapp-Putsch ist weniger im Gedächtnis der Deutschen geblieben als der 1923 initiierte Hitler-Putsch, der am 8. November 1923 die bayerische Regierung für abgesetzt erklärte. Auch dieser Putschversuch scheiterte nach wenigen Tagen, die Polizei kämpfte ihn blutig nieder. Auch hier also eine Loyalität den Institutionen des Staates gegenüber. Dies war erstaunlich genug, denn Deutschland drohte bereits damals im Bürgerkrieg zu versinken.
Live-Ticker statt Extrablatt
Es ist nicht Zweck dieses Textes die historischen Implikationen nochmals zu beleuchten; das haben klügere Köpfe schon ausgiebig getan und werden es weiter tun. Und natürlich sind Parallelen oder gar Vergleiche immer mit Vorsicht zu genießen. In Anbetracht der Bilder aus der Ukraine und der Eskalation im Osten des Landes lässt mich aber eine Frage nicht mehr los: Was wäre eigentlich gewesen, wenn es zu Zeiten des Kapp-Putsches (oder auch des Hitler-Putsches) schon die heutige mediale Begleitung gegeben hätte? Wären diese Staatsstreiche dann vielleicht anders verlaufen? Gar erfolgreich?
Jetzt erst durch einen Hinweis entdeckt: Befragt über die Sinnhaftigkeit des Literaturkritikers reagierte Ijoma Mangold mit einem hässlichen, aber gleichzeitig erhellen Wort: »Die Stärke einer Zeitung sei ihre Selektionsautorität. Das Netz hingegen sei die Wüste der Selektion, in der es nur Sand gäbe«, so fasst Wolfgang Tischer von literaturcafe.de Mangolds Äußerung zusammen. (Als Ausnahme sieht ...
Da ist sie wieder: Die Sehnsucht nach der »sauberen Kunst«. Moralisch einwandfrei. Kein Stäubchen des Zweifels. Alles andere soll in den Orkus. Jochen Hieber möchte die »Deutschstunde« von Siegfried Lenz dorthin befördern. Das sagt er nicht direkt, aber es schimmert zwischen den Zeilen deutlich hervor. Der Maler Emil Nolde war kein Widerständler während der NS-Zeit, ...
»Das Blutbuchenfest« von Martin Mosebach ist nicht nur ein Roman, sondern auch fast schon ein Film. Man sieht die Bilder schon vor sich: Den inszenierten Manierismus à la Peter Greenaway. Moderationen wie bei »Leo’s«. Und – das Lokal der Figur Merzinger, in dem die karikierte Upperclass-Clique des Romans ein- und ausgeht: das »Rossini« von Helmut Dietl, zumal die »mörderische Frage, wer mit wem schlief« auch hier nicht ganz unwichtig ist, obwohl es dann doch nicht sehr verwirrend ist.
Mit Nonchalance wird der Leser in diese Gesellschaft eingeführt: Da ist ein gewisser Wereschnikow, den man sich vielleicht als jüngeren Leonid Breschnew vorstellen kann; ein ziemlicher Aufschneider (mit einem nur ihm bekannten kleinen Vermögen in der Schweiz), dessen Ruhm sich primär darauf gründet mit Kissinger oder Boutros-Ghali zu telephonieren und, fast noch interessanter für den Zirkel: er ist der offizielle Lebenspartner der schönen Maruscha, deren Charakterisierung als Edelprostituierte unterkomplex und ein bisschen spießig wäre. Allzu verständlich ist doch, dass sie für ihre Maisonette-Wohnung länger schon die Mietzahlungen einstellend, auch die Erstattung der Nebenkosten als würdelosen weil allzu profanen Akt auffasst. Betroffen hiervon ist der Ex-Pleitier Breegen, ein etwas hüftsteifer Immobilienverkäufer und Pyramidenspieler, der sich zuletzt mit fünf Jahren seine Schuhe hat selbständig binden können, was ihn nicht daran hindert, Maruschas Liebhaber für bestimmte Nachmittage zu sein, währenddessen seine Frau sich mit dem Geschehen, welches sie mit Videokameras um ihr Grundstück herum beobachtet, vergnügt.