Wä­re der Kapp-Putsch mit der Prä­senz heu­ti­ger Me­di­en viel­leicht ge­lun­gen?

Am 13. März 1920 be­setz­te der Reichs­wehr­ge­ne­ral Walt­her von Lütt­witz, Kom­man­dant der Ma­ri­ne­bri­ga­de Ehr­hardt, die laut Re­gie­rungs­be­schluss vom 29. Fe­bru­ar 1920 auf­gelöst wer­den soll­te, das Ber­li­ner Re­gie­rungs­vier­tel und er­nann­te den deutsch­na­tio­nal ge­son­ne­nen Be­am­ten Wolf­gang Kapp zum Reichs­kanz­ler. Die Re­gie­rung (ei­ne Ko­ali­ti­on aus SPD, den kon­ser­va­ti­ven Zen­trum und der li­be­ra­len DDP) floh zu­nächst aus Ber­lin nach Süd­deutsch­land. Die Un­ter­stüt­zung war trotz der zum Teil fru­strier­ten Reichs­wehr nicht breit ge­nug. So schreibt Go­lo Mann bei­spiels­wei­se über die »iro­nisch-neu­tra­le« Stel­lung Ge­ne­ral von Seeckts: »…man wür­de se­hen, wie weit Kapp kä­me«. Der Putsch schei­ter­te nach fünf Ta­gen. Zum ei­nen ver­wei­ger­te die Ber­li­ner Mi­ni­ste­ri­al­bü­ro­kra­tie den Put­schisten ih­re Un­ter­stüt­zung. Noch hielt al­so ei­ne ge­wis­se Loya­li­tät der fra­gi­len Wei­ma­rer Re­pu­blik ge­gen­über. Zum an­de­ren rief der SPD-Vor­sit­zen­de Ot­to Wels zu ei­nem Ge­ne­ral­streik aus, des­sen Fol­gen et­wai­ge Sym­pa­thi­san­ten der Put­schi­sten zu­tiefst ver­un­si­cher­te.

Der Kapp-Putsch ist we­ni­ger im Ge­dächt­nis der Deut­schen ge­blie­ben als der 1923 in­iti­ier­te Hit­ler-Putsch, der am 8. No­vem­ber 1923 die baye­ri­sche Re­gie­rung für ab­ge­setzt er­klär­te. Auch die­ser Putsch­ver­such schei­ter­te nach we­ni­gen Ta­gen, die Po­li­zei kämpf­te ihn blu­tig nie­der. Auch hier al­so ei­ne Loya­li­tät den In­sti­tu­tio­nen des Staa­tes ge­gen­über. Dies war er­staun­lich ge­nug, denn Deutsch­land droh­te be­reits da­mals im Bür­ger­krieg zu ver­sin­ken.

Live-Ticker statt Ex­tra­blatt

Es ist nicht Zweck die­ses Tex­tes die hi­sto­ri­schen Im­pli­ka­tio­nen noch­mals zu be­leuch­ten; das ha­ben klü­ge­re Köp­fe schon aus­gie­big ge­tan und wer­den es wei­ter tun. Und na­tür­lich sind Par­al­le­len oder gar Ver­glei­che im­mer mit Vor­sicht zu ge­nie­ßen. In An­be­tracht der Bil­der aus der Ukrai­ne und der Es­ka­la­ti­on im Osten des Lan­des lässt mich aber ei­ne Fra­ge nicht mehr los: Was wä­re ei­gent­lich ge­we­sen, wenn es zu Zei­ten des Kapp-Put­sches (oder auch des Hit­ler-Put­sches) schon die heu­ti­ge me­dia­le Be­glei­tung ge­ge­ben hät­te? Wä­ren die­se Staats­strei­che dann viel­leicht an­ders ver­lau­fen? Gar er­folg­reich?

Na­tür­lich gab es auch 1920 und 1923 schon Me­di­en. In Ber­lin er­schien 1920 ein »Extra­blatt«. Zei­tun­gen wa­ren aber ne­ben Ver­laut­ba­run­gen an Lit­faß­säu­len und Flug­blättern die ein­zi­gen Mas­sen­me­di­en da­mals. Sie lie­fer­ten zwar Bil­der, aber natur­gemäß in ge­wis­sem zeit­li­chem Ab­stand. Und heu­te? Man stel­le sich vor, Kapp er­nann­te sich zum Reichs­kanz­ler und hät­te dies in ei­ner Pres­se­kon­fe­renz der in- und aus­län­di­schen Pres­se ver­kün­det und sich da­nach den Fra­gen von Jour­na­li­sten ge­stellt. Be­reits die Zu­las­sung der Jour­na­li­sten zu die­ser Pres­se­kon­fe­renz hät­te der Ge­neh­mi­gung durch die Ad­mi­ni­stra­ti­on der neu­en Re­gie­rung be­durft. Die blo­ße Zei­tungs­mel­dung des Putschs wä­re durch Bil­der des neu­en Kanz­lers und wo­mög­lich des de­si­gnier­ten Ka­bi­netts un­ter­stützt wor­den. Qua­si in Echt­zeit wä­ren die neu­en Ver­hält­nis­se für al­le prä­sent ge­we­sen. Man wagt es nicht zu den­ken, wie Me­di­en »Live-Ticker« ein­ge­rich­tet hät­ten, um die Vor­gän­ge in Ber­lin von Mi­nu­te zu Mi­nu­te zu »kom­men­tie­ren«.

Erst die Ka­me­ras, dann die Er­stür­mung

Und heu­te? Prak­tisch zeit­nah wer­den bei­spiels­wei­se die Stür­mun­gen von Ver­wal­tungs- und Regierungs­gebäuden in ost­ukrai­ni­schen Städ­ten in Bild und Ton über­tra­gen. Bei­spiels­wei­se von der 400.000 Ein­woh­ner Stadt Lug­ansk. In ei­nem Bei­trag für die »heute«-Sendung des ZDF vom 29.04. kom­men­tier­te die Kor­re­spon­den­tin An­ne Gel­li­nek: »Die Ka­me­ras sind schon da. Erst dann stür­men sie das Rat­haus…« In ei­nem näch­sten Schnitt wer­den ukrai­ni­sche Po­li­zi­sten ge­zeigt, die ein Ge­bäu­de wi­der­stands­los ver­las­sen: Die »Po­li­zei geht still nach Hau­se«. De­tails blei­ben un­klar, zum Bei­spiel die Fra­ge, wie die Re­por­ter in das Ge­bäu­de ge­kom­men sind, um die sich ab­set­zen­den Po­li­zi­sten zu fil­men. Wa­ren sie schon vor­her dort? Oder »stürm­ten« sie so­zu­sa­gen mit den »Se­pa­ra­ti­sten«, al­so dem Mob? Der Ein­druck, der in der Welt ent­steht, ist fa­tal und ein­deu­tig: Die Loya­li­tät der Po­li­zei der der Staats­macht ge­gen­über exi­stiert nicht. Ein paar Hun­dert schwer be­waff­ne­te Ak­ti­vi­sten (wo­her ha­ben sie die Waf­fen?) be­stim­men jetzt in ei­ner Groß­stadt. Ei­ne Su­che im Netz zeigt: In Lug­ansk wur­den an­schei­nend meh­re­re Ge­bäu­de par­al­lel ge­stürmt: Die Bezirks­verwaltung, die Po­li­zei­zen­tra­le, ein Fern­seh­sen­der. Und es sind über­all re­gio­na­le Put­sche, die in di­ver­sen Städ­ten in der Ost­ukrai­ne fast gleich­zei­tig statt­fin­den und wil­lig von den Jour­na­li­sten auf­ge­nom­men wer­den. Man be­rich­tet ja nur. Nur?

Wer be­treibt ei­gent­lich die »Vor­füh­rung« der Ge­fan­ge­nen?

Zwar gilt der Bür­ger­mei­ster von Sla­wi­ansk in deut­schen Mas­sen­me­di­en im­mer noch pe­jo­ra­tiv als »selbst­er­nannt«. Was die Me­di­en­ver­tre­ter je­doch nicht ab­hält, ihn regel­mässig zu den Ge­fan­ge­nen, die als »OSZE-De­le­ga­ti­on« dar­ge­stellt wer­den (was nicht ge­nau stimmt), zu be­fra­gen. Die Ent­rü­stung über die »Vor­füh­rung« der Ge­fan­ge­nen mag man auch nicht so recht nach­voll­zie­hen: Schließ­lich sind es die Me­di­en, wel­che die »Vor­führung« erst aus­füh­ren. Oh­ne ih­re Be­richt­erstat­tung – na­tür­lich wie­der mit Bil­dern – gä­be es kei­ne »Vor­füh­rung«. Schon die Be­fra­gung des selbst­er­nann­ten Bür­ger­mei­sters im­pli­ziert ein Ge­mein­ma­chen mit de­nen, die die Staats­ord­nung der Ukrai­ne mit Ge­walt de­sta­bi­li­sie­ren, al­so dem Mob. Denn oh­ne de­ren Wohl­wol­len könn­ten die Jour­na­li­sten gar nicht agie­ren.

Auch die­se Jour­na­li­sten be­rich­ten al­so »em­bed­ded«, auch wenn sie nicht in mi­li­tä­ri­sche Trup­pen ein­ge­bet­tet sind wie die ame­ri­ka­ni­schen Jour­na­li­sten 2003. Ih­re Bericht­erstattung ist kri­tisch (man­che be­haup­ten, sie sei ein­sei­tig, weil ähn­li­che Mob-Er­­stür­mun­gen ei­ni­ge Wo­chen vor­her in Kiew als Be­frei­ungs­ak­tio­nen gou­tiert wor­den sei­en), aber sie ba­siert auf die Bil­der, die sie dem Pu­bli­kum zei­gen.

Um es dra­stisch zu for­mu­lie­ren: Die Bil­der bei­spiels­wei­se der Er­stür­mun­gen von Re­gie­rungs­ge­bäu­den, die­ser in­sze­nier­ten An­ar­chie, sind nicht neu­tral. Sie sind nicht »nur« Ab­bild der Rea­li­tät. Da kann die ver­ba­le Be­richt­erstat­tung noch so kri­tisch sein. Der Sub­text ist fa­tal. Ge­zeigt wird näm­lich, dass die In­sti­tu­tio­nen der Zen­tral­re­gie­rung in den ost­ukrai­ni­schen Städ­ten nicht mehr funk­tio­niert. Mit­tel­fri­stig wer­den die In­sti­tu­tio­nen des Lan­des auch in den schein­bar loya­len Städ­ten da­mit bei der Be­völ­ke­rung de­sta­bi­li­siert.

Die Pres­se­kon­fe­renz macht den Un­ter­schied

Wir ha­ben al­so im Ver­gleich zu 1920 (und 1923) ei­ne neue me­dia­le Si­tua­ti­on: Wie ha­ben das be­weg­te Bild als emo­tio­na­len Trä­ger von Bot­schaf­ten. Und wir ha­ben die Echt­zeit-Be­richt­erstat­tung, die Ak­tua­li­tät, die bin­nen we­ni­ger Mi­nu­ten in der La­ge ist, Bil­der in die Nach­rich­ten­re­dak­tio­nen zu über­tra­gen. Bei­des wird auf per­fi­de Art und Wei­se vom put­schen­den Mob in­stru­men­ta­li­siert. Die­ses Phä­no­men ist na­tür­lich nicht neu – na­he­zu je­de Kri­sen- bzw. Auf­stands­si­tua­ti­on wird über Mas­sen­me­di­en in der ein oder an­de­ren Rich­tung ge­steu­ert. In afri­ka­ni­schen Län­dern er­obern Put­schi­sten fast im­mer zu­erst den Rund­funk; dort hat das Ra­dio ei­nen noch sehr ho­hen Stel­len­wert.

Kon­tra­fak­ti­sche Ge­schichts­schrei­bung hat im­mer den Bei­geschmack des Un­se­riö­sen. Zu­mal wenn man die heu­ti­gen Vor­aus­set­zun­gen ver­sucht, auf die da­ma­li­ge Zeit zu pro­ji­zie­ren. Den­noch mei­ne The­se: Der Kapp-Putsch von 1920 un­ter den me­dia­len Be­din­gun­gen von 2014 wä­re ver­mut­lich nicht nach we­ni­gen Ta­gen ins Nichts ver­lau­fen. Der Auf­ruf zum Ge­ne­ral­streik bei­spiels­wei­se wä­re wohl nicht in die­ser Ve­he­menz durch­ge­drun­gen: Das of­fi­zi­el­le Ra­dio und Fern­se­hen hät­te ver­mut­lich nicht dar­über be­rich­tet. Ein Flug­blatt hat­te da­mals die­ses Kom­mu­ni­ka­ti­ons-Na­del­öhr nicht zu über­win­den: es stand fast gleich­be­rech­tigt ne­ben dem »Ex­tra­blatt«. Ei­ne Berichter­stattung in Echt­zeit über das Fern­se­hen hät­te Grup­pen in an­de­ren Städ­ten wo­mög­lich mo­ti­viert, eben­falls Auf­stän­de zu in­iti­ie­ren. Dies hät­te wie­der zu ei­ner sin­ken­den Loya­li­tät der No­men­kla­tu­ra in Ber­lin ge­führt; wer will schon auf der »fal­schen Sei­te« ste­hen?

Wenn Me­di­en das Zer­brö­seln ei­ner Staats­au­to­ri­tät der­art »haut­nah« wie im Mo­ment in der Ukrai­ne do­ku­men­tie­ren, kön­nen sie Zer­falls­pro­zes­se be­schleu­ni­gen. Da­mit ist aus­drück­lich nicht ge­sagt, dass der Über­brin­ger schlech­ten Nach­richt für die­se ver­ant­wort­lich ist. Aber es gibt Si­tua­tio­nen, in de­nen schon die schein­bar neu­tra­le Be­richt­erstat­tung zur Pro­pa­gan­da wird. Wenn dann die Er­stür­mung ei­nes Ge­bäu­des ver­scho­ben wird, da­mit Jour­na­li­sten dies ab­fil­men kön­nen – dann ist die Gren­ze über­schrit­ten.

Im Bei­trag von An­ne Gel­li­nek kommt auch ein Ver­mumm­ter zu Wort. Selt­sam, dass Leu­te, die ihr Ge­sicht nicht zei­gen, sa­tis­fak­ti­ons­fä­hig sind. Wel­ches »Amt« be­klei­de­te der Ver­mumm­te? Für wen spricht er, wenn er »wir« sagt? Über­schrei­tet ein Jour­na­lis­mus nicht die Gren­ze zur Pro­pa­gan­da, in dem er ver­mumm­te Per­so­nen als »re­gu­lä­re« In­ter­view­part­ner ak­zep­tiert?

Schon klar: Die ZDF-Kor­re­spon­den­tin hät­te mit dem Ver­zich­ten auf die Bil­der we­nig bis nichts aus­ge­rich­tet. Auch hier wä­re al­so – wie in der Po­li­tik – ein »glo­ba­les« Han­deln er­for­der­lich. Ein jour­na­li­sti­scher Eh­ren­ko­dex. Die­ser ist ver­mut­lich noch schwie­ri­ger zu er­rei­chen als ei­ne Selbst­ver­pflich­tung von Ban­kern, ih­ren Kun­den kei­ne spe­ku­la­ti­ven An­lei­hen als si­cher zu ver­kau­fen. Aber ich muss wis­sen, dass ich, wenn ich ei­nem Put­schi­sten das Mi­kro­fon vor die Na­se hal­te, ein Zei­chen set­ze: Ich ak­zep­tie­re ihn; un­ab­hän­gig da­von, wie ich ihn dann im Kom­men­tar nen­ne oder was ich über ihn sa­ge. Die­ses Di­lem­ma für den Jour­na­lis­mus ist schwer zu lö­sen; viel­leicht gar nicht.

Ent­wick­lun­gen wie in der Ost­ukrai­ne sind durch jour­na­li­sti­sche Di­stanz nicht auf­zu­hal­ten, weil sie von au­ßen be­ein­flusst, wenn nicht gar ge­steu­ert wer­den. Und Staats­strei­che fin­den auch dort statt, wo die Welt­öf­fent­lich­keit nicht me­di­al der­art prä­sent ist wie im Mo­ment in der Ukrai­ne. Aber wie es ei­ne Il­lu­si­on ist zu glau­ben, dass man mit jour­na­li­sti­scher Ab­sti­nenz Ent­wick­lun­gen und Pro­zes­se ver­hin­dern kann, so ist es auch ei­ne Il­lu­si­on zu glau­ben mit ex­zes­si­ver Be­richt­erstat­tung die­se ab­brem­sen zu kön­nen.

Mei­ne The­se ist, dass sich Me­di­en und an­ar­chi­sti­sche Zu­stän­de, die von die­sen in Echt­zeit ab­ge­filmt und kom­men­tiert wer­den kön­nen, in ei­nen Teu­fels­kreis im­mer wei­ter hoch­schau­keln. Es ist ei­ne Art Sym­bio­se, ei­ne vor­über­ge­hen­de per­ver­se Zweck­gemeinschaft. Ein fast fau­sti­scher Pakt. Die­se Er­kennt­nis ist wahr­lich nicht neu; Jo­ris Lu­y­en­di­jk hat­te dar­über vor ei­ni­gen Jah­ren ein sehr gu­tes Buch ge­schrie­ben. Aber es ist ei­ne im­mer­wäh­ren­de Auf­ga­be des mün­di­gen Re­zi­pi­en­ten, sich die­ser In­ter­de­pen­den­zen im­mer wie­der neu zu ver­si­chern. Schon, da­mit man nicht wahn­sin­nig wird.

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17 Kommentare zu »Wä­re der Kapp-Putsch mit der Prä­senz heu­ti­ger Me­di­en viel­leicht ge­lun­gen?«:

  1. Sehr in­ter­es­san­te Über­le­gun­gen, die zei­gen, dass Fern­seh­bil­der oder Vi­de­os un­ab­hän­gig von der un­ter­leg­ten Spra­che (le­gi­ti­mie­rend) wir­ken. Der Frei­heit der Pres­se und das Ver­lan­gen nach Be­richt­erstat­tung (bzw. die Not­wen­dig­keit der In­for­ma­ti­on der Bür­ger), ver­liert ih­re Un­schuld, wie der neu­tra­le oder auch der kon­stru­ie­rend ver­stan­de­ne Be­trach­ter, weil sie ge­gen das Ei­gen­le­ben der Bil­der gar nichts tun kön­nen. — Lös­bar ist das Di­lem­ma in letz­ter Kon­se­quenz wohl nicht.

    Al­le Vor­ha­ben, die in knap­pen Zeit­span­nen Massen an Men­schen mo­bi­li­sie­ren oder zu­min­dest er­rei­chen müs­sen, um an ihr Ziel zu ge­lan­gen, pro­fi­tie­ren von die­ser Art der Be­richt­erstat­tung durch die Le­gi­ti­ma­ti­on ih­res Un­ter­fan­gen ei­ner­seits und die Ver­brei­tung (und da­mit Mo­ti­va­ti­on mit­zu­ma­chen), an­de­rer­seits (was Du oh­ne­hin fest­ge­stellt hast). — Me­di­en über­tra­gen Teil­rea­li­tä­ten (in Echt­zeit), so­fern Vi­deo­auf­nah­men dies tun, set­zen die­se aber durch ih­re (jour­na­li­sti­sche) Au­to­ri­tät in ein, ih­nen (viel­leicht) gar nicht zu­ste­hen­des, neu­es Ver­hält­nis zu Wirk­lich­keit des Ein­zel­nen. Oh­ne Me­di­en hät­te kaum je­mand et­was von der er­sten Be­set­zung ge­wusst und mög­li­cher Wei­se wä­re al­les ver­pufft (wie bei Kapp), so aber wur­de es für die Mei­sten nicht nur prä­sent, son­dern au­to­ri­ta­tiv ver­mit­telt (ei­ner­seits weil über­haupt da­von be­rich­tet wird, an­de­rer­seits durch den Stel­len­wert des ent­spre­chen­den Me­di­ums).

    [Die kon­tra­fak­ti­sche Ge­schichts­be­trach­tung er­mög­licht et­wa die Un­ter­su­chung von Hand­lungs­spiel­räu­men po­li­ti­scher Prot­ago­ni­sten (hät­ten sie an­ders han­deln kön­ne und wenn ja wie), so­lan­ge man sie als das wahr­nimmt, ist das si­cher sehr hilf­reich.]

    #1

  2. Wolfgang B. sagt:

    Ich ver­mu­te, noch be­vor die heu­ti­gen (Echtzeit-)Medien die Ge­le­gen­heit hät­ten, über ei­nen mi­li­tä­ri­schen Putsch­ver­such in ei­nem Land mit ei­ner halb­wegs ent­wickel­ten tech­ni­schen In­fra­struk­tur zu be­rich­ten, wür­de die­ser von der Re­gie­rung (vul­go: Ge­heim­dienst) so recht­zei­tig ent­deckt wer­den, dass ge­eig­ne­te Ge­gen­maß­nah­men er­grif­fen wer­den könn­ten, die letzt­lich zur Ver­hin­de­rung des Putsch­ver­su­ches füh­ren wür­den, die mo­der­ne Tech­nik macht’s mög­lich: z.B. Echt­zeit­tracking von Mo­bil­te­le­fo­nen, wo­bei selbst an­onym er­wor­be­ne Ge­rät­schaf­ten (Pre­paid­te­le­fo­ne) nach ein paar ge­führ­ten Ge­sprä­chen be­reits auf­fäl­li­ge Mu­ster auf­wei­sen und be­stimm­ten Per­so­nen pro­blem­los zu­ge­ord­net wer­den dürf­ten (als Bei­spiel sei hier der be­kann­te Fall der Ver­schlep­pung von Abu Omar durch CIA-Agen­ten in Mai­land 2003 ge­nannt, de­nen man -im Nach­hin­ein, aber so et­was lie­ße sich mitt­ler­wei­le be­stimmt auch real­time ma­chen- durch ei­ne Me­ta­da­ten­ana­ly­se ih­rer Pre­paid­mo­bil­te­le­fo­ne auf die Schli­che kam), so dass ent­spre­chen­de au­to­ma­ti­sche Warn­mel­der an­schla­gen dürf­ten. Oder bei­spiels­wei­se auch das Er­fas­sen von plötz­li­chen mi­li­tä­ri­schen Fahr­zeug­ko­lon­nen auf der Au­to­bahn durch die Maut­brücken­ka­me­ras oder durch Sa­tel­li­ten­bil­der. Bei­spie­le die­ser Art könn­te man wahr­schein­lich noch vie­le auf­zäh­len. Al­so, wenn’s die Me­di­en spitz krie­gen und ih­re Be­rich­te star­ten, kann man da­von aus­ge­hen, dass die Re­gie­rung be­reits Kennt­nis da­von hat.

    #2

  3. @Wolfgang B
    Ihr Sze­na­rio ist aber ei­ne Zu­kunfts­vi­si­on, oder? Tat­säch­lich ge­sche­hen ja trotz di­ver­ser Ge­heim­dien­ste und de­ren Mög­lich­kei­ten an al­len En­den der Welt im­mer wie­der Auf­stän­de, Re­bel­lio­nen und Staats­strei­che.

    #3

  4. Wolfgang B. sagt:

    Aus­ge­hend von den Put­schen wür­de ich sa­gen: ja und nein. Ei­ner­seits war die In­fra­struk­tur in den Län­dern, in de­nen es in den letz­ten zehn Jah­ren ei­nen mi­li­tä­ri­schen Putsch gab, wohl bei wei­tem nicht so aus­ge­prägt wie in der west­li­chen He­mi­sphä­re bzw. über­wie­gend in den Hän­den der Mi­li­tärs: 2005 Mau­re­ta­ni­en, Thai­land, Fi­dschi, Gui­nea, Hon­du­ras, Ni­ger, Ma­li, und zu­letzt 2013 Ägyp­ten. (https://de.wikipedia.org/wiki/Putsch#Putsche_in_der_Geschichte) An­de­rer­seits gab es so­was wie ei­nen Putsch im »We­sten« in die­sem Zeit­raum gar nicht, in ei­ner Zeit, in der mas­siv tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten in­stal­liert und ra­sant zu­ge­nom­men ha­ben. In­so­fern glau­be ich tat­säch­lich, dass das in Eu­ro­pa oder in den USA mehr oder we­ni­ger kein Zu­kunfts­sze­na­rio mehr ist, aber wohl in den oben auf­ge­führ­ten Län­dern, die da bei ih­rer In­fra­struk­tur noch Luft nach oben ha­ben. Und Re­bel­lio­nen und Auf­stän­de wür­de ich nicht un­be­dingt mit Put­schen gleich­set­zen.

    #4

  5. In­ter­es­san­te Fra­ge: Sind die Re­bel­lio­nen wie in der Ukrai­ne 2004 (»Oran­ge Re­vo­lu­ti­on« und 2013/14 auf dem Mai­dan kei­ne »Staats­strei­che«, ob­wohl sie am En­de zu ei­ner Ver­än­de­rung in der Re­gie­rungs­füh­rung führ­ten? Im klas­si­schen Sinn nicht; in­so­fern ist mein Bei­trag viel­leicht un­ge­nau. (Die Wi­ki­pe­dia-Li­ste ist üb­ri­gens recht un­voll­stän­dig; bei­spiels­wei­se ist die Ent­wick­lung in Al­ge­ri­en 1992f, als das Mi­li­tär die Fä­den wie­der auf­nahm, mit kei­nem Wort er­wähnt.)

    Die »Are­bel­lio­nen« kom­men dann na­tür­lich eben­falls nicht vor – das wa­ren aber die Be­we­gun­gen, an die ich dach­te. Staats­strei­che (Put­sche) sind im Un­ter­schied wohl zu­meist von ein­zel­nen Grup­pen in­iti­iert (mei­stens dem Mi­li­tär), wäh­rend Re­bel­lio­nen min­de­stens vor­der­grün­dig von Mas­sen­be­we­gun­gen aus­ge­hen. Die Fra­ge bleibt aber: Wä­re es oh­ne die Prä­senz der Me­di­en zu den Ver­än­de­run­gen in ei­ni­gen Staa­ten ge­kom­men (Tu­ne­si­en, Li­by­en, Ägyp­ten). Und was be­deu­tet es, dass die ge­än­der­ten Ver­hält­nis­se in Ägyp­ten dann wie­der durch ei­nen Putsch des Mi­li­tärs kor­ri­giert wur­den (Par­al­le­len zu Al­ge­ri­en in den 1990ern)? Me­di­en spie­len doch da längst ei­ne be­schleu­ni­gen­de Rol­le, grei­fen un­ge­wollt(?) ak­tiv in die je­wei­li­gen Pro­zes­se ein.

    Wo­mit ich bei der Ukrai­ne / Ost­ukrai­ne-Si­tua­ti­on bin. Fast al­le Bil­der von Be­set­zun­gen von Rat­häu­sern oder an­de­ren Ver­wal­tungs­ge­bäu­den zei­gen ei­gent­lich nur ei­ne sehr über­schau­ba­re Men­ge, lau­ter, ag­gres­si­ver Män­ner. Die um­ste­hen­den »Massen« sind auch nur ver­hält­nis­mä­ssig we­nig; ei­nen Zoom, der zei­gen wür­de, wie vie­le es sind, gibt es kaum. Der Be­trach­ter, der die­se Bil­der un­kri­tisch be­trach­tet glaubt tat­säch­lich an re­vo­lu­tio­nä­re Massen. Die Rea­li­tät sieht wo­mög­lich an­ders aus; es kommt mir vor wie im We­stern, in dem ei­ne Hand­voll schwer be­waff­ne­ter Gang­ster ei­ne gan­ze Stadt ter­ro­ri­sie­ren. Me­di­en sind nun in der Fal­le: Ei­ner­seits wol­len sie be­rich­ten, an­de­rer­seits zei­gen sie Bil­der, die ge­zwun­ge­ner­ma­ßen nur ei­nen Aus­schnitt wie­der­ge­ben (und oft »ein­ge­kauft« sind, d. h. nicht sel­ber ab­ge­filmt wur­den).

    Mein Bei­trag soll­te üb­ri­gens nicht sug­ge­rie­ren, dass man in West­eu­ro­pa oder gar in den USA staats­streich­ge­fähr­det ist. Aber der Ukrai­ne-Fall zeigt, dass fra­gi­le po­li­ti­sche Sy­ste­me in Ost­eu­ro­pa (und da­von gibt es durch­aus ei­ni­ge) im­mer ge­fähr­det sind, durch in­ne­re und/oder äu­ße­re Ein­grif­fe an­de­rer Staa­ten zu »kip­pen«. Dann kom­men so­fort die Me­di­en ins Spiel – und die Fra­gen be­gin­nen.

    #5

  6. h.z. sagt:

    Ih­re Fra­ge­stel­lung ist ge­ra­de­zu elek­tri­sie­rend span­nend. Auch wenn ich da­bei nur un­qua­li­fi­ziert spe­ku­lie­ren kann, un­ter­stüt­ze ich Ih­re The­se, dass me­dia­le Ver­ar­bei­tung den Putsch da­mals am Le­ben er­hal­ten hät­te kön­nen.

    Al­ler­dings mei­ne ich, dass nicht die Über­tra­gung der Vor­gän­ge in Bild und Ton die En­er­gie des Put­sches ge­nährt hät­te, son­dern die aus den Re­dak­ti­ons­stu­ben her­aus süf­fi­sant vor­ge­tra­ge­nen Kom­men­ta­re ei­ni­ger we­ni­ger »Star­jour­na­li­sten«, wel­che sich durch ei­ne Ab­scheu er­re­gen­de Mi­schung aus Igno­ranz und Zy­nis­mus aus­zeich­nen. Be­acht­lich da­bei ist der Um­stand, dass mar­ki­ge Re­dak­teurs­ein­schät­zun­gen erst mit ei­ni­gen Ta­gen Ver­zö­ge­rung nach den je­wei­li­gen Er­eig­nis­sen zu ver­neh­men sind. Dann aber ein­heit­lich – als ob ei­ne Ver­ab­re­dung statt­ge­fun­den hät­te.

    Zu be­den­ken ge­be ich mir in­des selbst, dass wir über die Aus­prä­gung und Qua­li­tät der Be­richt­erstat­tung in­ner­halb z.B. der Ukrai­ne oder et­wa Sy­ri­en recht we­nig wis­sen. In­so­fern ist der Um­gang mit Ih­rer The­se nicht ganz ein­fach und in­so­fern über­brückt Ih­re The­se ei­ne Kluft, de­ren Tie­fe ich nicht im ge­ring­sten aus­zu­mes­sen ver­mö­gen. Die Über­tra­gung der Wirk­me­cha­nis­men me­dia­ler [Außen]Beobachtung (im Fal­le der Ukrai­ne zum Bei­spiel) auf in­ne­re Vor­gän­ge – den Kapp-Putsch – ist mE höchst un­si­cher. So­viel ist mir be­wusst.

    Das bringt mich aber nicht da­zu, Ih­re The­se man­gels fun­dier­ter Nach­voll­zieh­bar­keit zu ver­wer­fen, son­dern sie wei­ter­zu­ent­wickeln. Wel­che Aus­wir­kung hät­te die heu­ti­ge kon­zen­trier­te Me­di­en­macht auf die da­ma­li­ge Au­ßen­po­li­tik Frank­reichs, Eng­lands und der So­wjet­uni­on (resp. Russ­land da­mals) ha­ben kön­nen? Wie hät­te sich bei­spiels­wei­se Cham­ber­lain un­ter dem Ein­druck ei­nes me­dia­len Trom­mel­feu­ers ver­hal­ten? Wä­re ein Münch­ner Ab­kom­men zu­stan­de ge­kom­men?

    Mei­ne Spe­ku­la­ti­on geht in die Rich­tung, dass der Druck von au­ßen we­sent­lich ent­schie­de­ner hät­te aus­fal­len kön­nen, was zum vor­zei­ti­gen En­de Hit­lers ge­führt ha­ben könn­te. Die­se Spe­ku­la­ti­on grei­fe ich nicht aus der Luft, son­dern be­grün­de sie mit den ak­tu­el­len [Er]Regungen der NATO hin­sicht­lich Russ­land. Ras­mussen hat eben erst zur all­ge­mei­nen Auf­rü­stung auf­ge­ru­fen und wir wer­den, das pro­phe­zeie ich, in­ner­halb der näch­sten zwei Jah­re die Ver­le­gung kri­ti­scher Trup­pen­be­stän­de nach Ost­eu­ro­pa se­hen. Von der Be­völ­ke­rung wird das un­ter dem Ein­druck der me­dia­len Vor­be­rei­tungs­ar­beit mehr­heit­lich gut­ge­hei­ßen wer­den.

    Ih­re The­se lässt sich aber auch in der Ge­gen­rich­tung be­fah­ren. Da­bei über­le­ge ich mir, ob ei­ne stark ein­ge­schränk­te Me­di­en­be­richt­erstat­tung in­nen­po­li­ti­sche Es­ka­la­tio­nen zu dämp­fen ver­mag. Wenn ich an die ge­schei­ter­ten Ar­bei­ter­kämp­fe im Fe­bru­ar 1934 in Öster­reich den­ke, kommt mir bei die­sem Ge­dan­ken das Schau­dern.

    #6

  7. Dan­ke für die­sen aus­führ­li­chen Kom­men­tar. Ich bin ja auch nicht ganz schlüs­sig, in­wie­fern Me­di­en be­stimm­te Vor­gän­ge be­schleu­ni­gen oder auch hem­men kön­nen. Zwi­schen­zeit­lich ge­ra­te ich auch ins Schau­dern, dann wie­der in Ver­zückung. Da­bei wa­ren es üb­ri­gens ge­ra­de die Na­zis, die per­fekt das neue Me­di­um Ra­dio für ih­re Pro­pa­gan­da in­stru­men­ta­li­sier­ten.

    Die Trup­pen­ver­le­gun­gen der NATO nach Ost­eu­ro­pa sind nur Af­fek­te. Man weiß nicht so ge­nau, was man tun soll, al­so macht man eben das. Pu­tin wür­de nie­mals ein NA­TO-Land an­grei­fen; das ha­ben die So­wjets auch nie er­wo­gen. Das ist schon wie­der so ei­ne De­mon­stra­ti­on der Stär­ke (die in Wahr­heit ei­ne der Ohn­macht ist), die me­di­al ent­spre­chend auf­ge­peppt wird.

    #7

  8. h.z. sagt:

    Vor­der­grün­dig ha­ben Sie da­mit wohl recht, wenn Sie die zu er­war­ten­den Trup­pen­ver­le­gun­gen als Af­fek­te be­zeich­nen. Im Hin­ter­grund leuch­tet aber die »öko­no­mi­sche Ver­nunft« her­vor – in Zei­ten an­ge­streng­ten Rin­gens um Wirt­schafts­wachs­tum. Das freut nicht nur die Rü­stungs­in­du­strie, son­dern kommt auch der Po­li­tik zu­pass.

    Aber ge­nug da­von von mei­ner Sei­te, da ich die­ser Ta­ge ziem­lich auf­ge­wühlt bin we­gen mei­nes aus­geufer­ten En­ga­ge­ments in der On­line­aus­ga­be ei­ner hie­si­gen »Qua­li­täts­zei­tung« ge­gen ma­li­ziö­se Stim­mungs­ma­che und Dä­mo­ni­sie­rung Russ­lands. Von Re­dak­teurs­sei­te, wohl­ge­merkt.

    Nach­tra­gen möch­te ich gleich­wohl die vor­hin ver­ab­säum­te An­er­ken­nung Ih­res im­pli­zi­ten Vor­schla­ges, den Trans­port ver­mumm­ter Stel­lung­nah­men zu un­ter­las­sen. Das setz­te al­ler­dings ein Min­dest­maß an jour­na­li­sti­scher Ethik vor­aus, wel­che ich als im schwin­den be­grif­fen er­le­be.

    (Mei­ne Wert­schät­zung für Ih­re an­re­gen­den und po­li­tisch be­deut­sa­men Be­trach­tun­gen. Ich wür­de sie ne­ben Ih­ren pro­fun­den Buch­be­spre­chun­gen nicht mis­sen wol­len.)

    #8

  9. @h.z.
    Ob das Re­du­zie­ren der Be­richt­erstat­tung Vor­gän­ge zu dämp­fen ver­mag, hängt von der Ver­füg­bar­keit an­de­rer Ka­nä­le ab (wenn ich an 1934 den­ke und den Stand heu­ti­ger Tech­nik vor­aus­set­ze, dann glau­be ich doch, dass ei­ni­ge Mög­lich­kei­ten blei­ben und dass man si­cher­lich auch Gleich­ge­sinn­te in den Re­dak­ti­ons­stu­ben kennt).

    Darf ich fra­gen, um wel­che »Qua­li­täts­zei­tung« es sich ge­han­delt hat (so vie­le gibt es hier­zu­lan­de – wenn ich das rich­tig deu­te – ja nicht)?

    #9

  10. h.z. sagt:

    @metepsilonema
    Den Stan­dard betrifft’s.
    Ih­rem Hin­weis auf »Gleich­ge­sinn­te in den Re­dak­ti­ons­stu­ben« ver­mag ich ge­ra­de nicht zu fol­gen. Ich las­se ge­dank­lich of­fen­sicht­lich ei­ne im­pli­zi­te Prä­mis­se aus. Das mag da­her rüh­ren, dass ich von der Denk­fä­hig­keit in den Re­dak­ti­ons­stu­ben nicht über­zeugt bin, um’s mal auf kon­ver­sa­ti­ons­fä­hi­gem Ni­veau zu for­mu­lie­ren. Als ak­tu­el­les Bei­spiel da­für eig­net sich die jour­na­li­sti­sche Re­zep­ti­on ei­ner jüngst vor­ge­stell­ten SO­RA-Stu­die, wo­nach 29% der be­frag­ten Öster­rei­cher der Aus­sa­ge zu­stim­men, [die ab­ge­frag­te Aus­sa­ge im Wort­laut:] »man soll­te ei­nen star­ken Füh­rer ha­ben, der sich nicht um Par­la­ment und Wah­len küm­mern muss«. Al­lei­ne schon aus der frei zu­gäng­li­chen Pres­se­un­ter­la­ge zur Stu­die geht aber her­vor, dass der Pro­zent­satz der Be­für­wor­ter et­was hö­her liegt – bei 58% näm­lich. Die­ser Sach­ver­halt be­kommt nicht nur kei­ne an­ge­mes­se­ne, son­dern über­haupt kei­ne Öf­fent­lich­keit.

    Be­dau­er­li­cher­wei­se ist seit Ih­ren Über­le­gun­gen zum Be­griff »Öf­fent­lich­keit« schon so­viel Zeit ver­stri­chen, dass mei­ne ver­bin­den­den Ge­dan­ken zu dem von Keu­sch­nig hier auf­ge­grif­fe­nen The­ma als über­streckt er­schei­nen müs­sen.

    #10

  11. Ich ha­be ge­ra­de ei­nen Band über Le­ser­brie­fen von und über Tho­mas Bern­hard ge­le­sen, der na­tur­ge­mäß (sic!) schon et­was äl­ter ist. In ei­nem Brief ist dort die »Führer«-Neigung der Öster­rei­cher eben­falls schon the­ma­ti­siert; er ist, wenn ich das rich­tig er­in­ne­re, von 1988.

    Ein al­tes The­ma al­so und ganz si­cher nicht auf Öster­reich al­lei­ne an­zu­wen­den. Da­hin­ter steckt na­tür­lich die Furcht und an das Un­be­ha­gen an der Kom­ple­xi­tät der Welt und der De­mo­kra­tie.

    #11

  12. h.z. sagt:

    Zu­stim­mung.
    Nicht die Tat­sa­che an sich ist be­son­ders auf­re­gend, wohl aber die (eben­falls do­ku­men­tier­te) aus­ge­präg­te Zu­nah­me. Furcht spielt selbst­ver­ständ­lich ei­ne Rol­le. Die Ver­bin­dung zum Bil­dungs­nie­veau wur­de in der Stu­die her­ge­stellt. Be­dau­er­li­cher­wei­se fragt nie­mand da­nach, wie das er­ho­be­ne Er­geb­nis mit der sich ver­än­dern­den Ge­stal­tung von »Öf­fent­lich­keit« durch Me­di­en kor­re­liert. Das hal­te ich für ei­ne schwer­wie­gen­de Aus­las­sung.

    #12

  13. Jenny sagt:

    In dem Pey­mann-Buch von Hans-Die­ter Schütt fin­det man auch ei­ni­ge schau­er­li­che Ge­schich­ten aus die­ser Zeit En­de der 80’er, vor al­lem was rund um die Pre­mie­re von »Hel­den­platz« an ge­sell­schaft­li­chem Druck auf­ge­baut wor­den ist, auch durch die Zei­tun­gen etc. Tho­mas Bern­hard hat ja dann in letz­ter Kon­se­quenz auch te­sta­men­ta­risch ein Spiel­ver­bot in Öster­reich für sei­ne Stof­fe nach sei­nem Tod ver­fügt. Für mich echt schwer vor­stell­bar, was in die­sem Öster­reich (me­di­al) mög­lich ge­we­sen ist.

    #13

  14. Na­ja, Bern­hard hat na­tür­lich nicht nur Öl son­dern zu­wei­len auch noch Spi­ri­tus ins Feu­er ge­gos­sen; sei­ne Pro­vo­ka­ti­ons­lust war enorm. Als ihm ein Pro­fes­so­ren­ti­tel von der Gra­zer Au­toren­ver­samm­lung an­ge­regt ver­lie­hen wer­den soll­te, sag­te er dem Ver­ein in ei­nem Fünf­zei­ler ab, den er wie folgt be­en­det: »Die Gra­zer Au­toren­ver­samm­lung ist ei­ne Ver­samm­lung von un­ta­len­tier­ten Arsch­lö­chern«.

    »Hel­den­platz« ist wirk­lich nicht sein be­stes Stück, aber Pey­mann hat na­tür­lich durch die Ge­heim­hal­tung bis zur Ur­auf­füh­rung und die ver­mut­lich ge­steu­er­te Pu­bli­kums­be­set­zung der Pre­mie­re ein ge­rüt­telt Maß An­teil am Skan­da­lon. Im Grun­de sei­nes Her­zens war Bern­hard ein öster­rei­chi­scher Pa­tri­ot. Sei­ne Ab­leh­nung den po­li­ti­schen In­sti­tu­tio­nen Öster­reichs ge­gen­über, die spä­ter in ve­ri­ta­blem Hass um­schlug, war in­kon­se­quent: Er hät­te auf die Auf­füh­run­gen sei­ner Stücke auf sub­ven­tio­nier­ten Büh­nen ver­zich­ten müs­sen. Nicht we­ni­ge der Le­ser­brie­fe da­mals nah­men hier­an An­stoss.

    Ähn­li­che Erup­tio­nen gibt es üb­ri­gens heu­te täg­lich: Po­li­ti­ker, Jour­na­li­sten, Blog­ger – sie al­le re­den zu ger­ne über Fil­me und Stücke, die noch nicht auf­ge­führt wur­den, Stel­lung­nah­men von Po­li­ti­kern, die sie gar nicht ken­nen und Bü­cher, die sie nicht ge­le­sen ha­ben. Das ge­schieht in­zwi­schen of­fen und ach­sel­zuckend.

    #14

  15. @h.z.
    Dan­ke. Mit »Gleich­ge­sinn­ten in den Re­dak­ti­ons­stu­ben« war ge­meint, dass wohl je­de grö­ße­re Par­tei (oder po­li­ti­sche Be­we­gung) in­of­fi­zi­el­le We­ge dort­hin kennt oder zu­min­dest Wohl­wol­len ei­ni­ger ge­nießt, das man nut­zen kann (man kann es auch die Mög­lich­keit Lob­by­ing zu be­trei­ben, nen­nen).

    Ich ha­be mir zu­erst die An­zahl der Be­frag­ten an­ge­se­hen, das wa­ren et­wa 1000 und ha­be mir das Le­sen des Ar­ti­kels er­spart (sol­che Um­fra­gen ge­hen mir mitt­ler­wei­le auf die Ner­ven, ich ha­be den Ein­druck, ähn­li­ches kommt et­wa je­des hal­be Jahr; viel­leicht bin ich auch ab­ge­stumpft, man warnt ja zeit­gleich auch vor ei­nem rech­ten Eu­ro­pa). Aber Sie ha­ben recht, was den Pro­zent­satz be­trifft (in der Pres­se fin­det sich so­gar ei­ne Gra­fik ne­ben dem Ar­ti­kel, die das zeigt).

    Die ver­stri­che­ne Zeit soll kein Hin­der­nis für Über­le­gun­gen sein, ich wür­de mich je­den­falls freu­en.

    #15

  16. Marco Althaus sagt:

    Zu Ih­rer Aus­sa­ge: »Man stel­le sich vor, Kapp er­nann­te sich zum Reichs­kanz­ler und hät­te dies in ei­ner Pres­se­kon­fe­renz der in- und aus­län­di­schen Pres­se ver­kün­det und sich da­nach den Fra­gen von Jour­na­li­sten ge­stellt. Be­reits die Zu­las­sung der Jour­na­li­sten zu die­ser Pres­se­kon­fe­renz hät­te der Ge­neh­mi­gung durch die Ad­mi­ni­stra­ti­on der neu­en Re­gie­rung be­durft.«

    In der Tat stell­te sich „Reichs­kanz­ler“ Kapp ei­ner Pres­se­kon­fe­renz und auch sei­nen Re­gie­rungs­spre­cher vor. Das al­ler­dings scheint sich mit ei­ner ge­hö­ri­gen Por­ti­on Di­let­tan­tis­mus zu­ge­tra­gen zu ha­ben, und die Put­schi­sten lie­ßen sich von den bocki­gen Jour­na­li­sten vor­füh­ren.

    Kapp kam in den Gar­ten­saal des Pa­lais Leo­pold am Wil­helm­platz, wo die in­sti­tu­tio­na­li­sier­te „Ber­li­ner Pres­se­kon­fe­renz“ (BPK) der Haupt­stadt­jour­na­li­sten – Vor­läu­fer der heu­ti­gen Bun­des­pres­se­kon­fe­renz e.V. – stets tag­te. Es ist wahr­schein­lich, dass sich die Kor­re­spon­den­ten dort bei den er­sten Putsch­nach­rich­ten ver­sam­mel­ten und war­te­ten. Das Pa­lais war Sitz der Ver­ei­nig­ten Pres­se­ab­tei­lung der Reichs­re­gie­rung. Im Pa­lais fan­den prak­tisch täg­lich wech­sel­wei­se die BPK un­ter Vor­sitz der Jour­na­li­sten (die auch über die Ak­kre­di­tie­rung selbst ent­schie­den) und die „Pressemp­fän­ge“ der Re­gie­rung un­ter Vor­sitz des Re­gie­rungs­spre­chers statt. Das war 1920 be­reits ein­ge­spiel­te Rou­ti­ne.

    Ob bei der Kapp-PK der Vor­sitz von ei­nem Jour­na­li­sten ge­führt wur­de, ist nicht be­kannt. Of­fen­bar war das Zu­las­sungspro­ce­de­re kein The­ma, und die Put­schi­sten un­ter­war­fen sich weit­ge­hend den Haus­re­geln. Was viel­leicht auch er­klärt, war­um kei­ne Ka­me­ras zu­ge­gen wa­ren, das war im Pa­lais un­üb­lich.

    PK-Mit­glied Ri­chard May, ein li­be­ra­ler Par­tei­gän­ger und Re­dak­teur des „Süd­deut­schen Zei­tungs­dien­stes“ und der „Deut­schen Ein­heit“, be­rich­tet in sei­nen Me­moi­ren „Die Re­gie war schlecht“ (1963), wie das da­mals mit Kapp ab­lief:

    „Ei­ne stür­mi­sche Pres­se­kon­fe­renz“ (May, 1963, S. 57–59)

    Drau­ßen, auf dem Wil­helms­platz zwi­schen der Reichs­kanz­lei und dem Or­dens­pa­lais, la­ger­ten die Bal­ti­ku­mer Trup­pen, die un­ter Ehr­hardt ge­gen Ber­lin mar­schiert wa­ren. Am Stahl­helm das Ha­ken­kreuz mit schwarz-weiß-ro­tem Band. […]

    Kapp, von dem der Putsch sei­nen Na­men emp­fing, war ein son­der­ba­rer Mann. Der Ge­ne­ral­land­schafts­di­rek­tor woll­te nach sei­nen ei­ge­nen Er­klä­run­gen süh­nen, was sein Va­ter an Deutsch­land ge­sün­digt hät­te. Nach sei­ner Be­tei­li­gung an der Re­vo­lu­ti­on von 1848 war Fried­rich Kapp nach Ame­ri­ka ge­flo­hen. Ver­mut­lich war der Sohn dort ge­bo­ren wor­den.

    In dem­sel­ben Saal, in dem bis­her die Pres­se­kon­fe­ren­zen ab­ge­hal­ten wor­den wa­ren, fand auch die Kapps statt. Sei­ne An­spra­che war kurz und nicht gra­de über­wäl­ti­gend.

    So­fort mel­de­te sich Ge­org Bern­hardt, der in­zwi­schen Chef­re­dak­teur der Vos­si­schen Zei­tung ge­wor­den war, zu Wort. Als er aber Kapp Herr Reichs­kanz­ler an­re­de­te, brach ein sol­cher Sturm des Un­wil­lens los, dass er sich set­zen muss­te.

    Kapp stell­te dann den frü­he­ren Rechts­an­walt [Paul] Bre­der­eck als Pres­se­chef vor und ein Kol­le­ge frag­te, ob der Steck­brief ge­gen Bre­der­eck we­gen Un­ter­schla­gun­gen denn auf­ge­ho­ben wä­re? Wor­auf Kapp mit sei­nem Schütz­ling ver­schwand.

    Nun er­schien als neu­er Pres­se­chef der Li­zen­ti­at Dr. [Gott­fried] Traub, der im Kon­flikt mit sei­ner Kir­chen­be­hör­de in West­fa­len Mär­ty­rer ge­wor­den war und et­was über­ha­stet von den Frei­sin­ni­gen ein Land­tags­man­dat er­hal­ten hat­te. […] Traub ver­si­cher­te uns in wohl­über­leg­ten Wor­ten „die Re­gie­rung Kapp stän­de auf dem Bo­den der Wei­ma­rer Ver­fas­sung. Ich zeig­te ihm ei­ne Son­der­aus­ga­be der „Re­gie­rung Kapp“ die ich auf dem We­ge er­hal­ten hat­te. Auf ihr wur­de das Ste­hen von Streik­po­sten mit dem To­de be­droht. Auf mei­ne Fra­ge, wo die von der Ver­fas­sung vor­ge­schrie­be­ne Un­ter­schrift des Reichs­prä­si­den­ten ge­blie­ben wä­re? er­wi­der­te er, er müss­te sich er­kun­di­gen. Und kam nicht wie­der.

    Als Er­satz über­rasch­te uns [Jo­han­nes W.] Har­nisch, Re­dak­teur des Ber­li­ner Lo­kal­an­zei­gers. Er ist spä­ter christ­li­ches Eh­ren­mit­glied des Ver­eins na­tio­nal­ge­sinn­ter deut­scher Ju­den ge­we­sen, der Hit­ler bei sei­nem Amts­an­tritt ein Hul­di­gungs­te­le­gramm sand­te. Was er jetzt sag­te, war ge­nau­so ver­wor­ren.

    Ir­gend­et­was er­reg­te Zorn. Ka­pi­tän­leut­nant [Hans] Hu­mann for­der­te uns auf , das Pa­lais zu ver­las­sen.

    In ei­nem na­hen Mi­ni­ste­ri­um hiel­ten wir ei­ne ei­ge­ne Kon­fe­renz ab. Hu­mann war bei Kriegs­aus­bruch Kom­man­dant der Lo­re­ley im Ha­fen von Kon­stan­ti­no­pel und hat­te dar­an mit­ge­wirkt, dass die Gro­ßen Kreu­zer „Bres­lau“ und „Go­eben“ dort ein­lie­fen. Dar­aus ent­stand der Bei­tritt der Tür­kei zu den Mit­tel­mäch­ten. Jetzt war er Ver­lags­di­rek­tor der von Stin­nes mit ent­wer­te­tem Geld ge­kauf­ten Deut­schen All­ge­mei­nen Zei­tung.

    Un­sin­nig wa­ren die Ge­rüch­te, die ver­brei­tet wur­den. Das ei­ne be­haup­te­te, Eng­land stän­de hin­ter Kapp. Ein sol­cher Über­gang auf die an­de­re Sei­te war selbst für Lon­don ver­früht. Ich ha­be spä­ter ge­le­sen, der Kapp-Putsch wä­re durch den an­ge­kün­dig­ten Ge­ne­ral­streik be­en­det wor­den. Mei­nes Er­in­nerns ha­ben die Staats­se­kre­tä­re, die ih­re Mi­ni­ster ver­tre­ten muss­ten, oh­ne Un­ter­schied der Par­tei­zu­ge­hö­rig­keit den Re­bel­len die Kre­di­te bei Reichs­bank und Preu­ßi­scher See­hand­lung ge­sperrt, sie al­so fi­nan­zi­ell aus­ge­hun­gert. Was si­cher ra­scher und gründ­li­cher wirk­te.

    May, R. (1963). Die Re­gie war schlecht (Teil 1). Se­ries I: Wri­tings, 1914–1963, Box 1, Fol­der 14. Ri­chard May Collec­tion 1914–1972 AR 1997 / MF 873 Leo Baeck In­sti­tu­te, Cen­ter for Je­wish Hi­sto­ry, New York. Ab­ge­ru­fen am 24.06.2014 von http://www.archive.org/stream/richardmay_01_reel02#page/n1163/mode/1up
    [Recht­schrei­bung be­hut­sam an­ge­passt und kor­ri­giert.]

    #16

  17. Das ist sehr in­ter­es­sant. Dan­ke.

    #17