Nein, Sönke Wortmanns »Deutschland – Ein Sommermärchen« ist kein Dokumentarfilm. Er ist ein Schlüssellochfilm, der Einblicke gibt, die sonst verborgen bleiben. Wortmann war wochenlang mit Kamera und Ton Begleiter der deutschen Fussballnationalmannschaft. Er hat alles brav gefilmt und einen Cocktail zusammengestellt, der die Neugier der Fans und Zuschauer befriedigt.
Niemals gibt es eine ruhige, einzelne Einstellung. Ständig ist die Kamera in Bewegung. Man will immer gleichzeitig alles zeigen. Die Höhepunkte des Films sind die »Kabinenansprachen« von Jürgen Klinsmann vor, während und auch nach dem Spiel. Klinsmann wird als Motivator gezeigt – Löw der ruhige Taktiker – Bierhoff irgendetwas anderes. Mehr nicht.
Péter Nádas’ hochgelobtes, kleines Büchlein »Behutsame Ortsbestimmung« enthält zwei kleine Geschichten. Die erste, die dem Buch den Titel gab, erzählt (?) von einem kleinen Dorf im ländlichen Ungarn, in das sich der bekannte Schriftsteller gemeinhin begibt; dort (überwiegend?) lebt. Nádas, der »Aussteiger« genannt werden kann (hierin vielen anderen Schriftstellern wie etwa John Berger oder Andrzej Stasiuk ähnlich), versucht hier eine Erzählung über »seinen« Ort, »sein« Dorf und dessen Strukturen und »funktionieren«. Man ist jedoch früh geneigt, hinter dem Begriff des Erzählens eine Fragezeichen zu setzen – denn so richtig ist es dann doch keine Erzählung (Nádas nennt beide dann auch treffend »Zwei Berichte«). Allzu oft gibt es essayistische Züge und wer eine bukolische, emphatische Hymne auf das »natürliche Leben«, auf den (von Nádas anderweitig so hervorgehobenen) Waldbirnenbaum erwartet, wird enttäuscht werden; insofern ist der Untertitel »Die eingehende Betrachtung eines einsamen Waldbirnenbaums« ein bisschen irreführend.
Ausgehend von diesem Ort phantasiert sich Nádas durch die Jahrhunderte und die Geschichte, die von der frühen Besiedlung bis heute rekapitulierbar ist (die römischen Tonscherben sind fast allgegenwärtig) und berichtet dabei (ja: berichtet!) über dieses Dorf und sein Sozialwesen. Alles dichterisch und ohne Pose; erst recht ohne Herablassung (oder – was fast noch schlimmer wäre – stiller oder gar offener Bewunderung).
Wieder ein interessanter Artikel in der taz. Diesmal von Daniel Bax: »Kampf der Kulturbanausen«. Bax greift dort frontal das deutschsprachige Feuilleton an – und ganz speziell das Feuilleton der FAZ.
Bax’ Aufsatz konstatiert zunächst richtig, dass das Feuilleton grosser Zeitungen nicht mehr bloss Rezensionsfeuilleton ist, sondern eine Art interdisziplinärer Debattenort, der zu aktuellen Diskursen in Kunst, Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Naturwissenschaften Stellung bezieht. Diese Entwicklung ist jedoch nicht neu; so hat beispielsweise Alfred Kerr bereits um 1900 »moderne« Feuilletons mit umfassender gesellschaftlicher Dimension verfasst, die weit über das bloss beschreibende der Berliner Kulturszene hinausgingen. Wer seine Feuilletons aus Berlin nachliest, die er für die Breslauer Zeitung wöchentlich verfasste, wird dies entdecken und – sogar heute noch! – geniessen können. In der Weimarer Republik folgten viele; einige Feuilletonisten waren oder wurden Schriftsteller (man erinnere sich nur an Joseph Roth oder Walter Benjamin).
In seiner Autobiografie »Ich nicht« kolportiert Joachim Fest gegen Ende eine Anekdote: Auf einer Geburtstagsfeier in den 80er Jahren habe ein ehedem Untergebener ihm als seinem früheren HJ-Vorgesetzten ein von diesem im Frühjahr 1945 verfaßtes Schreiben über den Tisch gereicht, das ein leidenschaftliches Bekenntnis zum Führer und die unerschütterliche Erwartung des Endsieges enthielt. Ohne einen ...
Saša Stanišić: Wie der Soldat das Grammofon repariert
Natürlich mussten die »kritischen« Juroren des Ingeborg-Bachmann-Preises 2004 »Was wir im Keller spielen…« auseinandernehmen. Einerseits die Blutleere und Ereignislosigkeit in der jungen, deutschsprachigen Literatur beklagend, andererseits stets das artifizielle lobend – da wird dann ganz gerne das kritisiert, was man eigentlich bei den anderen vermisst (schon, weil es Reibungsfläche bietet). Das »pralle« Leben war noch nie Sache der Kritik – sie zieht im Zweifel immer introspektive Belanglosigkeiten dem epischen Erzählen vor. So war es kein Wunder, dass vor zwei Jahren Saša Stanišić’ Text im Wettbewerb nicht reüssierte – beim Publikum darum umso mehr: er gewann den Publikumspreis, der aus einer Abstimmung im Internet heraus vergeben wurde.
Eine Ohrfeige für die Jury, die ihren eigenen Kriterien misstraute und einen Beitrag mit kleinlicher Attitüde niedermachte, der ihnen vermutlich auch nicht politisch korrekt genug erschien und statt eines Klageliedes ob einer Kindheit in Jugoslawien (als es noch ein Jugoslawien war) eine lebensfrohe Kindheitsbeschwörung las (»gezwungen« war, zu lesen), in der der junge Aleksandar zwar von den Schrecklichkeiten des Krieges erzählte (in etwa im Ton eines 12–14 jährigen – hier hatte man dann auch literaturkritisch den Hebel angesetzt), aber nicht im gängigen Betroffenheitsjargon des heutig Wissenden, sondern in einer farbenfrohen, heiteren, gelegentlich albernen, dann aber durchaus auch tiefgründigen Art (da weiss der Erzähler dann doch etwas mehr als der junge Aleksandar: warum auch nicht, denn Literatur ist keine Dokumentation).
In der aktuellen Ausgabe der ZEIT wird die seit einigen Wochen dort angestossene Debatte über den Stellenwert der Regie / des Regisseurs im modernen Musiktheater durch einen Beitrag des Dirigenten Christian Thielemann mit dem Titel »Schoenes-Bett-der-Partitur« fortgeschrieben: Werktreue, nicht Werknibelungentreue
Auch wenn die Diskussion (übrigens vor der Absetzung der Neuenfels-Inszenierung der Oper »Idomeneo« begonnen) schwerpunktmässig auf das Musiktheater fokussiert ist, so kann doch auch für das Sprechtheater etliches übernommen werden.
Günter Grass hat die Diskussion um seine SS-Zugehörigkeit vermutlich mehr getroffen, als anfangs angenommen. Er hat jedenfalls eine Unterlassungsklage gegen die FAZ erwirkt, die Briefe von ihm an Karl Schiller in Gänze veröffentlicht hatte. Grass sah das Urheberrecht bei sich. Ich bin kein Jurist, aber es gibt hier Zweifel. Die einstweilige Verfügung, die er erwirkt hat, sagt ja nichts über ein eventuelles Urteil aus.
Erik Möller: Die heimliche Medienrevolution
Der Untertitel macht neugierig: Wie Weblogs, Wikis und freie Software die Welt verändern. Wenn man die Entwicklung der letzten zehn Jahre Revue passieren lässt und gleichzeitig die Zukunftsprognosen diverser Meinungsmacher in den Massenmedien verfolgt, so scheinen wir ja tatsächlich erst am Anfang einer brave new world zu stehen. Der Rückschlag 1999/2000, der die ökonomische Seifenblase der New Economy recht unsanft zum Platzen brachte, spielt bei den Prognosen und Heilsversprechen merkwürdigerweise keine Rolle mehr.
Erik Möllers Konzept einer demokratischeren Gesellschaft basiert auf den Gedanken der »freien Software«. Proprietäre Softwaresysteme, also von Privatfirmen zu kommerziellen Zwecken entwickelte und geheimgehaltene Systeme werden als autoritär, innovationsfeindlich und schlecht bezeichnet. »Hauptfeind« ist dabei natürlich Microsoft.