Erik Möl­ler: Die heim­li­che Me­di­en­re­vo­lu­ti­on

Erik Möller: Die heimliche Medienrevolution

Erik Möl­ler: Die heim­li­che Me­di­en­re­vo­lu­ti­on

Der Un­ter­ti­tel macht neu­gie­rig: Wie Web­logs, Wi­kis und freie Soft­ware die Welt ver­än­dern. Wenn man die Ent­wick­lung der letz­ten zehn Jah­re Re­vue pas­sie­ren lässt und gleich­zei­tig die Zu­kunfts­pro­gno­sen di­ver­ser Mei­nungs­ma­cher in den Mas­sen­me­di­en ver­folgt, so schei­nen wir ja tat­säch­lich erst am An­fang ei­ner bra­ve new world zu ste­hen. Der Rück­schlag 1999/2000, der die öko­no­mi­sche Sei­fen­bla­se der New Eco­no­my recht un­sanft zum Plat­zen brach­te, spielt bei den Pro­gno­sen und Heils­ver­spre­chen merk­wür­di­ger­wei­se kei­ne Rol­le mehr.

Erik Möl­lers Kon­zept ei­ner de­mo­kra­ti­sche­ren Ge­sell­schaft ba­siert auf den Ge­dan­ken der »frei­en Soft­ware«. Pro­prie­tä­re Soft­ware­sy­ste­me, al­so von Pri­vat­fir­men zu kom­mer­zi­el­len Zwecken ent­wickel­te und ge­heim­ge­hal­te­ne Sy­ste­me wer­den als au­to­ri­tär, in­no­va­ti­ons­feind­lich und schlecht be­zeich­net. »Haupt­feind« ist da­bei na­tür­lich Mi­cro­soft. Möl­lers Te­nor: Freie Soft­ware (al­so bei­spiels­wei­se Li­nux), die von je­der­mann wei­ter­ent­wickelt und op­ti­miert wer­den kön­nen sind we­sent­lich in­no­va­ti­ver, fle­xi­bler und durch die nicht-kom­mer­zi­el­le Ori­en­tie­rung auch dy­na­mi­scher als die sta­ti­schen Ver­sio­nen von Mi­cro­soft et al. Sie tra­gen viel schnel­ler und bes­ser zu ei­ner dy­na­mi­schen Ver­net­zung des In­ter­nets bei, die da­für sorgt, dass dort tat­säch­lich ein in­ter­ak­ti­ves und nicht ein blo­sses Kon­sum­me­di­um ent­steht.

Möl­lers mo­ra­li­scher Im­pe­tus geht weit. Gleich auf der zwei­ten Sei­te im Vor­wort in­si­nu­iert er, Mas­sa­ker wie in Ru­an­da oder Ex-Ju­go­sla­wi­en sei­en durch freie, welt­wei­te Ver­net­zung in Zu­kunft ver­meid­bar. Je­dem, der viel­leicht lei­se Zwei­fel hegt, be­geg­net er mit der (ge­wag­ten) Kon­klu­sio Nein, die­se Welt hat aus Ausch­witz nichts ge­lernt.

Die heim­li­che Me­di­en­re­vo­lu­ti­on glie­dert sich in vier Tei­le: Zu­nächst gibt es ei­nen Ab­riss über die Ent­ste­hung von Schrift und Kom­mu­ni­ka­ti­on von den er­sten An­fän­gen bis zum heu­ti­gen In­ter­net­zeit­al­ter. Möl­ler ent­wickelt hier recht an­schau­lich, dass die Kennt­nis von Schrift und de­ren »Pro­duk­ti­on« (ab dem 15. Jahr­hun­dert im Buch­druck) auch im­mer die Macht­fra­ge stell­te – und be­ant­wor­te­te: Wer schrei­ben konn­te und das Ge­schrie­be­ne ver­brei­ten konn­te, be­stimm­te, was ge­le­sen wur­de – und vor al­lem: was nicht. Ein­fach ge­sagt: Das Un­ge­schrie­be­ne exi­stiert nicht (si­cher­lich ei­ner der Grün­de, dass Ge­sell­schaf­ten, die haupt­säch­lich ei­ne ora­le Kom­mu­ni­ka­ti­ons­kul­tur pfle­gen, bis zum heu­ti­gen Ta­ge den Schrift­kul­tu­ren ge­gen­über be­nach­tei­ligt sind). Auch die Ka­pi­tel über die Pio­nie­re des In­ter­net und de­ren Am­bi­tio­nen (sie sind heu­te im­mer noch weit­ge­hend un­er­füllt) sind auf­schluss­reich.

Im zwei­ten Teil wid­met sich Möl­ler aus­führ­lich den gän­gi­gen, exi­stie­ren­den »Open Source«-Produkten und Pro­jek­ten und gibt kur­ze hi­sto­ri­sche Ab­ris­se. Für je­man­den wie mich, der von die­sen Din­gen kei­ne Ah­nung hat und ein blo­sser Be­nut­zer ist (der so­viel Kom­fort wie mög­lich er­war­tet), ist dies na­tür­lich ei­ner­seits be­mer­kens­wert, an­de­rer­seits je­doch auch ge­le­gent­lich er­mü­dend – wenn es dann schon sehr ins De­tail geht.

Was al­ler­dings auch dort be­reits stört (spä­ter noch mehr) ist die fast ideo­lo­gi­sche Kon­zen­tra­ti­on auf das »Heil­mit­tel« Open-Source und die Ver­teu­fe­lung der kom­mer­zi­el­len Sy­ste­me. Geld ver­die­nen wird fast schon per se ne­ga­tiv kon­no­tiert, was dann ir­gend­wann merk­wür­dig an­mu­tet. Doch da­zu spä­ter mehr.

Im für mich mit Ab­stand in­ter­es­san­te­sten drit­ten Ka­pi­tel be­schäf­tigt sich Möl­ler mit der Blo­go­sphä­re. Er gibt ei­nen kur­zen hi­sto­ri­schen Ab­riss über das Ent­ste­hen von Web­logs und die ur­sprüng­li­chen In­ten­tio­nen. So wa­ren Web­logs an­fangs kur­ze Tex­te, die mit Links auf an­de­re Tex­te im In­ter­net hin­wie­sen; so­zu­sa­gen Le­se­hil­fen. Mit der Zeit mu­tier­ten sie dann zu ent­we­der tri­via­len Be­find­lich­keits­er­güs­sen, die nur für we­ni­ge an­de­re Leu­te be­stimmt wa­ren oder zu ta­ge­buch­ähn­li­chen Jour­na­len, in de­nen die Blog­ger die In­nen­welt nach au­ssen kehr­ten und über al­les mög­li­che »in­for­mier­ten« oder zu jour­na­li­sti­schen Berichts‑, Re­por­ta­ge- oder Re­zen­si­ons­blogs. Auch auf das The­ma der In­ter­net­fo­ren geht Möl­ler ein.

Im vier­ten Ka­pi­tel be­schäf­tigt er sich aus­führ­lich mit den so­ge­nann­ten »Wi­kis«, de­ren Ge­schich­te, Mög­lich­kei­ten und brach­lie­gen­des Po­ten­ti­al (das be­kann­te­ste Wi­ki: Wi­ki­pe­dia). Für Möl­ler sind Web­logs und Wi­kis die Schlüs­sel für die von ihm pro­pa­gier­te Me­di­en­re­vo­lu­ti­on, in der je­der par­ti­zi­pa­tiv an und mit der Welt kom­mu­ni­ziert und sie da­durch ver­än­dert. Über­all gibt es Re­por­ter, Ana­ly­sten, Be­richt­erstat­ter, Auf­klä­rer – je­der hat et­was zu sa­gen und – das ist das wich­tig­ste: Al­les ge­schieht oh­ne »Zen­sur« (Möl­ler hat ma­ni­sche Angst vor je­der Art von »Zen­sur«, oh­ne üb­ri­gens ge­nau zu de­fi­nie­ren, was das ist) oder Ein­fluss­nah­me durch Po­li­tik, Wirt­schaft, In­sti­tu­tio­nen oder Re­dak­tio­nen und im Ide­al­fall so­gar in Echt­zeit. Die in den gän­gi­gen Nach­rich­ten­me­di­en vor­ge­nom­me­nen Prio­ri­tä­ten, die et­li­che Neu­ig­kei­ten erst gar nicht ei­nem gro­ssen Pu­bli­kum zur Ver­fü­gung stel­len, um­geht er mit die­ser Art von Gras­wur­zel­jour­na­lis­mus. Je­der be­stimmt sel­ber, was er le­sen oder hö­ren möch­te. Die Im­ple­men­tie­rung von Ver­trau­ens­net­zen und ent­spre­chen­de Soft­ware fil­tert das zu­ver­läs­sig her­aus, was mich in­ter­es­siert. Quel­len, de­nen ich nicht ver­traue, wer­de ich nicht mehr zu Ge­sicht be­kom­men (wenn ich das möch­te).

Na­tür­lich weiss ich, was er meint und na­tür­lich un­ter­stel­le ich ihm auch, dass er nur Gu­tes möch­te. In der Theo­rie er­scheint die­se Art von glo­ba­ler, »frei­er« In­for­ma­ti­ons­be­schaf­fung auch als ein schö­nes und heh­res Ziel. Möl­ler will, dass die­ses Ziel mit kol­la­bo­ra­ti­ver, frei­er Soft­ware er­reicht wird. Er be­fürch­tet (si­cher­lich nicht ganz zu Un­recht), dass kom­mer­zi­el­le Sy­ste­me (1.) den frei­en In­for­ma­ti­ons­fluss doch nicht im­mer ge­währ­lei­sten wer­den (sie­he Goog­le in Chi­na) und (2.) die durch die Be­nut­zung ge­won­ne­nen Da­ten über die User zu Wer­be­zwecken ein­ge­setzt und auch u. U. miss­braucht wer­den (je­der Goog­le-Mail-User weiss das: Schreibt er in sei­ner Mail über ei­ne be­stimm­te Pflan­ze oder ei­ne Rei­se­ziel er­schei­nen beim Emp­fän­ger und bei ei­ner evtl. Ant­wort Wer­be­ein­blen­dun­gen, die sich in wun­der­sa­mer Wei­se auf den In­halt der Mail be­zie­hen).

Das Heil­mit­tel der frei­en Soft­ware soll es rich­ten. Aus­führ­lich be­schreibt Möl­ler im zwei­ten Ka­pi­tel Ge­schich­te und Ent­wick­lung. Als Idi­ot (wie ich ei­ner bin) wir­beln ei­nem die Be­grif­fe nur so um die Oh­ren – »GNU«, »GPL«, »SU­SE-Li­nux«, »De­bi­an«, usw. Mehr als ein­mal klingt an: Die Wei­ter­ent­wick­lun­gen am frei zu­gäng­li­chen Quell­code ge­sche­hen reich­lich un­ko­or­di­niert; je­der ba­stelt in sei­nem Käm­mer­lein für sich und stellt ir­gend­wann die­se Ent­wick­lung ins Pro­gramm. Hier­für gibt es dann Zwi­schen­spei­cher, wei­te­re Test­läu­fe, usw. Kurz: Das frucht­ba­re Cha­os muss ir­gend­wie re­di­giert und ge­ord­net wer­den. Durch die vie­len Pro­gram­mie­rer wer­den et­li­che Ar­bei­ten dop­pelt und drei­fach aus­ge­führt – ab­surd, dass Möl­ler in ei­nem an­de­ren Zu­sam­men­hang ex­akt die­sen Vor­wurf an die kom­mer­zi­el­len Pro­du­zen­ten er­hebt, ob­wohl die­se si­cher­lich sy­ste­ma­tisch auf eta­blier­tes auf­bau­en, ja es aus be­triebs­wirt­schaft­li­chen Grün­den schon müs­sen. Kei­ne Re­de bei Möl­ler von der Ver­schwen­dung von Zeit und Geld. Um ei­ni­ger­ma­ssen die Über­sicht zu be­hal­ten, müs­sen Pro­gram­me und Fo­ren er­rich­tet wer­den; et­li­ches wird mehr­mals ge­schrie­ben und um­ge­schrie­ben, usw.

Möl­ler ge­lingt es für mich nicht, das Cha­os als in der Mehr­zahl pro­duk­tiv dar­zu­stel­len. Von die­sen Fehl­ent­wick­lun­gen, die auch zu ei­ner über­mä­ssi­gen Bü­ro­kra­tie füh­ren, um ei­ne ge­wis­se Hier­ar­chie (na­tür­lich auf ba­sis­de­mo­kra­ti­schen Ver­fas­sungs­grund­la­gen) zu im­ple­men­tie­ren – all dies re­det er klein.

Die ent­schei­den­de Fra­ge bleibt üb­ri­gens auch un­be­ant­wor­tet: War­um ha­ben Li­nux bzw. ähn­li­che Be­triebs­sy­ste­me nicht längst Win­dows ver­drängt? Möl­ler zeigt hier die Ver­trags­struk­tu­ren zwi­schen den Hard­ware­her­stel­lern und Mi­cro­soft und de­ren Pro­vi­sio­nie­rung auf. Das ist si­cher­lich ei­ner der Grün­de. Der an­de­re Grund ist: Der Durch­bruch der Open-Source-Pro­duk­te ge­lingt des­halb nicht, weil (1.) die In­stal­la­ti­on im­mer noch re­la­tiv kom­pli­ziert ist und (2.) die Stan­dar­di­sie­rung von Schreib- oder Ta­bel­len­kal­ku­la­ti­ons­pro­gram­men u. a. den emi­nen­ten Vor­teil hat, dass die Kom­mu­ni­ka­ti­on welt­weit so­fort mög­lich ist, d. h. ein »Word«-Dokument ist welt­weit ein­heit­lich und so­fort zu be­ar­bei­ten. Ein Do­ku­ment in ei­nem an­de­ren For­mat ist für den Emp­fän­ger zu­nächst ein­mal nutz­los, da er erst ein­mal die ent­spre­chen­de Soft­ware im­ple­men­tie­ren muss.

Bei­de Punk­te un­ter­schätzt Möl­ler m. E. er­heb­lich. Nicht je­der, der ei­nen PC zu Hau­se hat, möch­te un­be­dingt zwi­schen vier oder fünf ver­schie­de­nen In­ter­net­brow­sern wäh­len – die mei­sten der Vor­tei­le des Brow­sers A oder B be­merkt er im täg­li­chen Ab­lauf ver­mut­lich nie. Es gibt Un­ter­su­chun­gen bei Mo­bil­funk­teil­neh­mern, die teil­wei­se nur zu 20% die Mög­lich­kei­ten ih­res Ge­rä­tes aus­nut­zen. Wahl­mög­lich­kei­ten sind für den tech­nisch en­ga­gier­ten »Freak« durch­aus ge­wünscht – die Mas­se der User möch­te »nur« ein funk­tio­nie­ren­des Sy­stem. Hier­in liegt ein gro­sser Vor­teil: Bei al­len ne­ga­ti­ven Be­rich­ten von und über Mi­cro­soft-Pro­duk­te – letzt­lich »funk­tio­nie­ren« die­se (fast) im­mer idio­ten­si­cher. Der oben er­wähn­te Drang zur Stan­dar­di­sie­rung der Do­ku­men­ten­pro­gram­me führt da­zu, dass na­he­zu al­le Un­ter­neh­men welt­weit auf die­se Pro­gram­me zu­rück­grei­fen. Vie­len ist ja so­gar schon zu exo­tisch, ein PDF-Le­se­pro­gramm zu­sätz­lich zu im­ple­men­tie­ren, um gro­sse Do­ku­men­ten­samm­lun­gen auf­zu­be­rei­ten.

Da nut­zen al­le Am­bi­tio­nen und (si­cher­lich ex­or­bi­tan­ten) Ver­bes­se­run­gen nichts – wer sich ein Au­to sel­ber zu­sam­men­ba­stelt (und sei es kol­la­bo­ra­tiv) wird am Markt nicht re­üs­sie­ren. Zu­mal dann, wenn sein Nach­bar par­al­lel da­zu ein an­de­res Mo­dell – mit ei­nem an­de­ren Mo­tor – ge­ba­stelt hat. Nicht je­der möch­te die­sen Ex­pe­ri­men­ten bei­woh­nen – bei­spiels­wei­se als Bei­fah­rer. Ein Au­to­mo­bil soll­te mich von A nach B brin­gen und nicht da­zu die­nen, mich haupt­säch­lich mit dem Wa­gen sel­ber, sei­nem Mo­tor, sei­nem Ge­trie­be, usw., zu be­schäf­ti­gen. Der Trend zum »Do-It-Yours­elf« mag ge­ra­de noch im Hand­werk ver­lockend sein (die mei­sten »Do-It-Yourself«-Freunde sind –das sieht man ge­le­gent­lich an ih­ren Wer­ken– gro­sse Di­let­tan­ten). Ir­gend­wann möch­te man aber auch Be­rei­che ha­ben, die ei­nen ge­wis­sen Kom­fort bie­ten. Schliess­lich be­ruht ja un­se­re Wirt­schaft (die man na­tür­lich kri­ti­sie­ren kann) u. a. auf dem Prin­zip der Ar­beits­tei­lung.

Und spä­te­stens wenn von der »Spal­tung« im Land der End­be­nut­zer zwi­schen zwei gro­ssen Desk­top-Lö­sun­gen KDE und GNOME den­ke ich amü­siert an die »Glau­bens­krie­ge« am An­fang der Vi­deo­re­kor­der-Tech­nik zwi­schen »VHS«-System, »BETAMAX« und »Vi­deo 2000« (letz­te­res das Sy­stem, wel­ches von »Grun­dig« im­ple­men­tiert wur­de; letzt­lich wur­de die­se ge­wal­ti­ge Fehl­spe­ku­la­ti­on ei­ner der Sarg­nä­gel der bis da­hin un­ab­hän­gi­gen Fir­ma). Erst als die Bran­che mo­no­po­li­stisch auf das VHS-Sy­stem um­stieg, gab es den Durch­bruch beim Ver­kauf die­ser Ge­rä­te (schö­ner Ar­ti­kel zu »For­mat­krie­gen« in der Wi­ki­pe­dia).

Kei­ne Fra­ge: Mo­no­po­le sind schäd­lich. In vie­ler­lei Hin­sicht. Ein Wett­be­werbs­pro­dukt mit ähn­lich kom­for­ta­blen Tools wie die Mi­cro­soft-Pro­gram­me wä­re wün­schens­wert. Frag­lich ist, ob es sich auch pe­ku­ni­är loh­nen wür­de. Wirt­schafts­un­ter­neh­men, al­so theo­re­tisch die Takt­ge­ber für In­no­va­tio­nen, sind in sol­chen Fäl­len trä­ge und stock­kon­ser­va­tiv (»Ne­ver chan­ge a run­ning sy­stem«). Ei­ne (oder meh­re­re) Al­ter­na­ti­ven zu ent­wickeln, wä­re nicht nur zu kost­spie­lig (wür­de al­so er­trags­mä­ssig in kei­nem Ver­hält­nis zum Auf­wand ste­hen), son­dern auch kon­tra­pro­duk­tiv: Die welt­wei­te Kom­mu­ni­ka­ti­on wür­de un­ter ei­ner Zer­split­te­rung in di­ver­se Da­tei­for­ma­te lei­den. Die zwei­fel­los über­höh­ten Ko­sten, die man für die Mo­no­pol­pro­duk­te be­zahlt, dürf­ten ins­ge­samt nied­ri­ger sein als der volks- bzw. be­triebs­wirt­schaft­li­che Vor­teil von Al­ter­na­ti­ven. Even­tu­el­le Preis­vor­tei­le wür­den durch die Pfle­ge und Im­ple­men­tie­rung neu­er Soft­ware (die sich dann auch wie­der mit dem Be­triebs­sy­stem »ver­tra­gen« muss) ver­mut­lich »auf­ge­fres­sen« wer­den.

Na­tür­lich könn­ten die be­stehen­den Li­nux-Sy­ste­me ge­nutzt und ver­wen­det wer­den. Ins­be­son­de­re was Li­nux-Ser­ver­ap­pli­ka­tio­nen an­geht. Un­ter­neh­men, die dies tun, müs­sen je­doch u. U. Spe­zia­li­sten be­schäf­ti­gen, die sich mit die­sen Pro­gram­men sehr gut aus­ken­nen. Wenn ich auf mei­nem Home-PC ein­mal et­was in­stal­liert ha­be, ist die Ge­fahr von Pro­ble­men si­cher­lich mar­gi­nal. In den Netz­wer­ken von Wirt­schafts­un­ter­neh­men steckt aber ein viel grö­sse­res Kon­flikt­po­ten­ti­al.

So ver­rückt es klingt: Möl­lers Satz In der Open-Source-Welt gibt es kei­ne Mo­no­po­le ist Vor- und Nach­teil gleich­zei­tig. Be­denk­lich fin­de ich sei­ne Ar­gu­men­ta­ti­on im­mer dann, wenn er die freie Soft­ware als Heils­brin­ger ver­klärt. Sol­che For­mu­lie­run­gen sind mir mehr als ab­strus: Freie Soft­ware ist kei­ne rein tech­ni­sche An­ge­le­gen­heit, und wer sie dar­auf re­du­ziert, ver­liert. Die er­wor­be­ne Frei­heit muss auf al­len Ebe­nen aus­ge­baut und ge­gen kon­ti­nu­ier­li­che An­rif­fe der al­ten Eli­ten ver­tei­digt wer­den. Wenn dies ge­lingt, kann schliess­lich auch ein frei­es Be­triebs­sy­stem für un­se­re Ge­sell­schaft ent­wickelt wer­den. Lie­ber Herr Möl­ler, ich möch­te in kei­nem Be­triebs­sy­stem le­ben; we­der in ei­nem un­frei­en (na­tür­lich nicht!), aber auch nicht ei­nem frei­en; ich fürch­te näm­lich, dass mir letzt­lich ir­gend­wann je­mand de­fi­niert, was denn ge­fäl­ligst »frei« ist.

Aus­führ­lich wid­met sich Möl­ler noch den tat­säch­lich oft­mals un­ap­pe­tit­lich­ten Ver­su­chen von Mi­cro­soft, über recht­li­che und po­li­ti­sche Ein­fluss­nah­me Open-Source-Pro­jek­te (ins­be­son­de­re in der EU) zu dis­kre­di­tie­ren. Von sei­ten der Fir­ma ist dies si­cher­lich ver­ständ­lich: Es ist na­tür­lich ei­ne Re­vo­lu­ti­on, die in näch­te­lan­ger Klein­ar­beit her­aus­ge­fun­de­nen Pro­gram­mie­run­gen »ein­fach so« al­len zur Ver­fü­gung zu stel­len und so­mit viel­leicht noch an­de­re und/oder neue Lö­sun­gen zu ge­ne­rie­ren. Aus­führ­lich do­ku­men­tiert er den er­folg­rei­chen Ver­such von Mi­cro­soft, ei­ne EU-Ab­ge­ord­ne­te als Lob­by­istin zu ge­win­nen (wohl ge­merkt: ei­ne!). Ein we­nig schürt er je­doch hier ei­nen Alar­mis­mus, der reich­lich über­trie­ben wirkt. Der Lob­by­is­mus in der EU bei­spiels­wei­se im Be­reich der Land­wirt­schafts­po­li­tik oder in Deutsch­land im Ge­sund­heits­we­sen ist deut­lich stär­ker und auch ef­fi­zi­en­ter, wie die recht haus­backe­nen Ver­su­che von Mi­cro­soft.

Das be­reits an­ge­spro­che­ne drit­te Ka­pi­tel über die Blo­go­sphä­re schien mir im Vor­feld als das in­ter­es­san­te­ste. Möl­ler be­zieht sich je­doch (lei­der) fast aus­schliess­lich auf die ame­ri­ka­ni­sche Sze­ne, ent­wickelt aus­führ­lich die Ge­schich­te von Slash­dot, um über di­ver­se an­de­re Fo­ren und In­dy­me­dia auf »Kuro5shin« (K5) zu sto­ssen. Be­dau­er­li­cher­wei­se er­wähnt er den deut­schen »K5«-Ableger »Nensch« nicht mit ei­ner Zei­le; le­dig­lich zwei Screen­shots von »Nensch« ver­wen­det er, um die Ab­stim­mung und den Mo­dus des re­dak­tio­nel­len Kom­men­tars zu zei­gen. Möl­ler ist auch an­ge­mel­det auf »Nensch«, hat je­doch kei­nen ein­zi­gen Kom­men­tar, ge­schwei­ge denn Bei­trag ab­ge­lie­fert. Selbst den im Roh­bau ge­zeig­ten re­dak­tio­nel­len Kom­men­tar muss er al­so vor Ab­sen­dung ver­wor­fen ha­ben.

Da er »K5« ziem­lich lobt (so­wohl die Soft­ware »Scoop« als auch die Qua­li­tät ei­ni­ger Bei­trä­ge dort), ist die Aus­blen­dung von »Nensch« sehr merk­wür­dig. Im­mer­hin wur­de »Nensch« 2005 von der Grim­me-Preis-Kom­mis­si­on als ein in­ter­es­san­tes Pro­jekt als be­ob­ach­tens­wert er­wähnt. Min­de­stens zum Zeit­punkt der er­sten Auf­la­ge des Bu­ches war »Nensch« auf ei­nem sehr ho­hen Ni­veau; der sich ak­tu­el­le an­deu­ten­de Nie­der­gang hat viel­fäl­ti­ge Grün­de.

Auch bei den Web­logs ori­en­tiert sich Möl­ler fast nur auf die USA. Er trifft in den USA na­tür­lich auf ei­ne sehr viel brei­te­re und auch an­spruchs­vol­le­re In­fra­struk­tur. Ich hät­te mir ge­ra­de des­halb ei­nen de­tail­lier­te­ren Blick auf die deutsch­spra­chi­ge Sze­ne ge­wünscht. Das dies nicht er­folgt, kann meh­re­re Grün­de ha­ben. Ich fa­vo­ri­sie­re die The­se, dass die Blo­go­sphä­re in Deutsch­land noch ziem­lich mar­gi­na­li­siert ist – ei­ne Tat­sa­che, die Möl­ler durch­aus er­wähnt. Nicht un­be­dingt quan­ti­ta­tiv, son­dern – vor al­lem – qua­li­ta­tiv. Web­logs von lie­bes­kum­me­ri­gen Teen­agern oder lust­lo­sen Schü­lern; Aus­füh­run­gen über Är­ger im Bü­ro oder mit dem Part­ner oder das blo­sse Ab­kup­fern von Nach­rich­ten­agen­tur­mel­dun­gen mit dem Ver­se­hen der ei­ge­ne, als sa­kro­sant po­stu­lier­ten Mei­nung – ver­mut­lich ent­spricht die Blo­go­sphä­re im deutsch­spra­chi­gen Raum ein­fach noch nicht den me­di­en­re­vo­lu­tio­nä­ren Ide­en Möl­lers.

Das Pro­blem der »Trol­le« in Fo­ren und Web­logs er­kennt Möl­ler sehr wohl; er fa­vo­ri­siert kom­pli­zier­te Mi­schun­gen zwi­schen Mo­de­ra­ti­on und ei­nem »Karma«-Bewertungssysteme à la Slash­dot, um die­sem Phä­nio­men Herr zu wer­den – oder auch Fil­ter­ap­pli­ka­tio­nen.

Was Möl­ler in sei­ner Eu­pho­rie für neue de­mo­kra­ti­sche Struk­tu­ren über­sieht, ist die Ver­wen­dung der ex­akt glei­chen Mit­tel und Mög­lich­kei­ten durch Ex­tre­mi­sten jeg­li­cher Art – po­li­tisch, ras­si­stisch, se­xi­stisch, usw. Die »neu­en« Mög­lich­kei­ten ste­hen ja nicht nur dem Schö­nen und Gu­ten zur Ver­fü­gung – auch links- oder rechts­ex­tre­mes Ge­dan­ken­gut, por­no­gra­fi­sche Sei­ten und/oder Ge­walt­ver­herr­li­cher und Bel­li­zi­sten al­ler Art kön­nen sich eben­falls dem Me­di­um be­die­nen.

Da jeg­li­che di­rek­te Ein­fluss­nah­me Möl­lers Ver­dikt von »Zen­sur« gleich kä­me, bleibt die Fra­ge, wie er ei­ner ir­gend­wann ein­mal gut auf­ge­stell­ten rechts­ra­di­ka­len Sze­ne ent­ge­gen­tre­ten will. Am Schluss schreibt er: Schaf­fen Sie ih­ren Fern­se­her ab und in­for­mie­ren Sie sich aus dem In­ter­net. Aha. Nur: Wie kann man zu­ver­läs­sig die In­for­ma­tio­nen aus dem In­ter­net auf ih­ren Wahr­heits­ge­halt ab­klop­fen? Wie­so soll ich ei­nem Web­log­ger mehr ver­trau­en, als ei­nem Fern­seh­kor­re­spon­den­ten (es gibt ja nicht nur die pri­va­ten Mas­sen­me­di­en in Deutsch­land, son­dern auch die öf­fent­lich-recht­li­chen; de­nen traut Möl­ler of­fen­sicht­lich nicht – aber dem Web­log­ger um die Ecke?).

Be­reits heu­te ist es ex­trem schwie­rig ge­wor­den, aus der Flut der Mel­dun­gen die Wahr­heits­ge­hal­te her­aus­zu­ho­len. Ein top­ak­tu­el­les Bei­spiel: Im Pres­se­club am 8.10.06 sag­te ein Jour­na­list, die neu­en Ge­set­ze zur Ge­sund­heits­po­li­tik, die ab 2009 in Kraft tre­ten sol­len, wer­den gra­vie­ren­de Nach­tei­le für die pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­run­gen brin­gen. Ei­ne an­de­re Jour­na­li­stin wi­der­sprach en­er­gisch. Da sei er wohl dem »Lob­by­is­mus« der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rer auf dem Leim ge­gan­gen – das Ge­gen­teil sei der Fall. Die­ser Punkt ist in dop­pel­ter Hin­sicht in­ter­es­sant: Es wird (1.) über ei­nen Sach­ver­halt dis­ku­tiert, der noch gar nicht ab­schlie­ssend do­ku­men­tiert ist – d. h. es gibt über­haupt noch kei­nen Ge­setz­ent­wurf, der sol­che Aus­sa­gen zu­las­sen könn­te. Den­noch wer­den sie be­reits ge­tä­tigt. (Die­se Art von Be­spre­chung – so­wohl die ei­ne wie die an­de­re Sicht­wei­se ver­tre­tend – hät­te ein ty­pi­scher Blog­ein­trag ei­nes fru­strier­ten Users sein kön­nen.) Und (2.) gibt es be­reits bei die­sen, in der Re­gel recht in­for­mier­ten Per­so­nen, der­art un­ter­schied­li­che In­ter­pre­ta­tio­nen – wie soll da ein Au­ssen­ste­hen­der die Über­sicht be­hal­ten – und vor al­lem: was soll er nun glau­ben?

Die­ses Bei­spiel zeigt, dass die Dif­fe­renz zwi­schen Blog­ger und »ech­tem« Jour­na­lis­mus zwar ei­ner­seits flie­ssend ist – d. h. auch ein Jour­na­list ist auf (in der Re­gel all­ge­mein zu­gän­gi­gen) Quel­len an­ge­wie­sen und in­ter­pre­tiert sie dann ent­spre­chend. An­de­rer­seits soll­te er je­doch im­mer die un­ter­schied­li­chen Sei­ten gleich­zei­tig im Au­ge ha­ben, d. h. nicht bloss sei­ne per­sön­li­che Sicht zu Pa­pier brin­gen, son­dern ein mög­lichst ob­jek­ti­ves Bild zeich­nen. Im Ge­gen­satz zu Jour­na­li­sten re­cher­chie­ren Blog­ger auch sel­ten bzw. gar nicht. Das Pro­blem scheint da­bei ins­ge­samt nicht zu sein, dass Blog­ger zu Jour­na­li­sten wer­den, son­dern Jour­na­li­sten zu Blog­gern, d. h. der Trend zum (un­re­flek­tier­ten) Mei­nungs­jour­na­lis­mus macht sich breit. Ein Phä­no­men, dass nicht un­be­dingt für die Schnel­lig­keit der neu­en Me­di­en spricht.

Hier liegt die gro­sse Pro­ble­ma­tik bei Web­logs: Die Blog­ger sind von Na­tur aus Ein­zel­gän­ger und a prio­ri par­tei­isch. Sie zie­hen ent­we­der nur stör­wü­ti­ge Trol­le an oder Schul­ter­klop­fer, mit de­nen sie dann Netz­wer­ke bil­den und weit­ge­hend un­ter sich blei­ben. An­spruchs­vol­le, the­men­be­zo­ge­ne, kon­tro­ver­se aber da­bei fai­re Dis­kus­sio­nen gibt es auf Web­logs sel­ten. Meist en­den sie in per­sön­li­chen An­grif­fen. Da­bei gin­ge es nicht dar­um, je­man­den von sei­nem Stand­punkt ab­zu­brin­gen, al­so »um­zu­dre­hen«. Das ist mei­stens gar nicht mög­lich. Vie­len ist aber be­reits ein sach­li­cher, mit Ar­gu­men­ten ge­führ­ter »Wett­streit« nicht mög­lich. Hin­zu kommt, dass die Ad­mi­ni­stra­to­ren vie­ler Web­logs oft ge­nug gar nicht den de­tail­lier­ten Wi­der­spruch mit ih­ren The­sen wün­schen. Ge­le­gent­lich lö­schen sie ein­fach miss­lie­bi­ge Kom­men­ta­re, die ih­ren Mei­nun­gen nicht ent­spre­chen. Was ich nicht le­se, gibt es nicht. Ich hal­te die­se Blogs für Po­tem­kin­sche Wort­wü­sten. Und: Web­log-Ad­mins füh­ren »Blog­wars« – je­der auf sei­nem Web­log. Oft be­kommt der An­ge­grif­fe­ne da­von erst ein­mal gar nichts mit.

Ein Web­log mit am­bi­tio­nier­ten po­li­ti­schen, ge­sell­schaft­li­chen, öko­no­mi­schen oder kul­tu­rel­len Bei­trä­gen, der im wört­li­chen Sin­ne of­fen ist, scheint mir ei­gent­lich ein Wi­der­spruch in sich. Hier­für sind Fo­ren nö­tig, schon um die Sit­te, mit »Track­backs« den »Traf­fic« auf den ei­ge­nen Web­log zu zie­hen (weil man dort auch meist mehr Fea­tures zur Ver­fü­gung hat, als im Kom­men­tar­feld des »frem­den« Blogs), und die even­tu­el­le Dis­kus­si­on da­mit zu zer­split­tern, zu bün­deln. Ein Fo­rum, wel­ches je­doch auf die ba­sis­de­mo­kra­ti­schen Ent­schei­dun­gen der User re­kur­riert und evtl. Trol­le oder Kri­sen nur auf die­se Art mei­stern will, wird schei­tern, wenn die Ad­mi­ni­stra­to­ren nicht vor­her ein­deu­ti­ge Re­geln for­mu­lie­ren und auch um­set­zen.

Wer De­mo­kra­tie als Ein­la­dung zur voll­kom­me­nen schran­ken­los Plap­pe­rei ver­steht, wird die Blo­go­sphä­re gou­tie­ren. Ich hal­te die­se Art Knei­pen­ge­schwätz für schreck­lich und viel­leicht höch­stens am An­fang ein biss­chen un­ter­hal­tend. Möl­ler sel­ber be­schreibt die Er­bärm­lich­keit vie­ler Web­logs, die sich mit All­tags­ba­na­li­tä­ten be­schaf­fen.

Die Mas­sen­me­di­en be­le­gen, dass Qua­li­tät und An­spruch nicht mas­sen­taug­lich ist; al­so wer­den Web­logs in der Zu­kunft kaum qua­li­ta­tiv bes­se­re In­for­ma­tio­nen bie­ten (jetzt von Au­gen­zeu­gen­be­rich­ten aus be­stimm­ten Kri­sen­ge­bie­ten ein­mal an­ge­se­hen). Möl­lers Eu­pho­rie ha­be ich ähn­lich schon ein­mal er­lebt. In den 70er/80er Jah­ren gab es in Eu­ro­pa (ins­be­son­de­re in den Nie­der­lan­den, Deutsch­land und Gross­bri­tan­ni­en) ei­ne um­fang­rei­che »Freie Radio«-Szene, die so­ge­nann­ten »Pi­ra­ten­sen­der«. Die gro­ssen hat­ten Schif­fe auf dem Off­shore-Meer – die klei­nen und klein­sten Sen­der Mit­tel- oder Kurz­wel­len­an­la­gen auf dem Dach­bo­den und sen­de­ten sonn­tags ein paar Stun­den. Sie al­le lehn­ten sich ge­gen die Sen­de­mo­no­po­le ih­rer Län­der auf (die »NOS« in den Nie­der­lan­den; die »BBC« in UK). Und was war ih­re »in­no­va­ti­ve« Pro­gramm­idee? Mu­sik, Mu­sik, Mu­sik. Und ein paar locke­re Sprü­che. Drei­ssig Jah­re da­nach ist die­se Art Du­del­ra­dio spe­zi­ell in Deutsch­land ein­ge­zo­gen und zer­stört wei­te Tei­le des öf­fent­lich-recht­li­chen Ra­di­os wie ein Krebs­ge­schwür. Die we­ni­gen se­riö­sen und am­bi­tio­nier­ten Ra­dio­pro­jek­te exi­stie­ren nur noch als mar­gi­na­le Ni­schen­pro­gram­me, oft ge­nug als Fei­gen­blät­ter di­ver­ser Du­del­sen­der, wäh­rend et­li­che der da­ma­li­gen Mu­sik­sen­der in öf­fent­lich-recht­li­che und/oder an­de­re, kom­mer­zi­el­le Rund­funk­un­ter­neh­men in­te­griert wur­den.

Da­mit ich nicht falsch ver­stan­den wer­de: Möl­lers Buch ist kennt­nis­reich und in­ter­es­sant. Sei­ne Eu­pho­rie ver­mag ich je­doch nicht zu tei­len. Viel­leicht fehlt mir aber die vi­sio­nä­re Kraft und ich ver­fal­le zu schnell in (deut­sches?) Ne­ga­tiv­ge­re­de. Die Zu­kunft wird’s zei­gen.

Erik Möl­ler bit­tet aus­drück­lich um Re­ak­tio­nen auf sein Buch. Ich ha­be ihm ei­ne E‑Mail ge­schrie­ben und auf die­sen Bei­trag hin­ge­wie­sen. Wir wer­den se­hen, ob er ant­wor­tet.

14 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Lie­ber Ein­zel­gän­ger,
    lie­ber blog­be­sit­zer!
    Ich ha­be Ih­ren Bei­trag mehr­mals ge­le­sen und ha­be mir ge­wünscht, dass auch an­de­re das tun-auch die ‚die Sie hier dem flie­ßen­den Jour­na­lis­mus zu­ord­nen...
    Ich ha­be selbst kei­nen blog und ich wer­de auch kei­nen haben.Aber nicht weil im Um­kehr­schluß ich jetzt KEIN Ein­zel­gän­ger oder a prio­ri NICHT par­tei­isch wäre.Mitnichten!
    Ich ha­be mir über­legt, was ich jetzt ant­wor­ten könn­te, was nicht wie Schul­ter­klop­fen aussähe.Es fiel mir nur das NICHT-Schrei­ben ein.
    Ja, das hät­te ich so hal­ten kön­nen.
    Aber als ich über die Be­griff­lich­keit BLOGWAR stol­per­te, muß­te ich Ih­nen ein­fach auf die Schul­ter klopfen.Denn blog­wars are any­whe­re ‚und zwar ge­nau dort, wo man ach so pa­zi­fi­stisch und
    GUTMENSCHIG ist oder sein möge.Schluchz.
    Auch das Wort FAIRNESS sprang in mein ge­schul­tes Le­ser­au­ge.
    Wo gibt es noch die­se At­tri­bu­tie­rung in der Welt der frei­en Mei­nungs­bil­dung, wo es eher um Quo­ten und Ei­tel­kei­ten und ums Zün­deln geht ‚denn um »ech­ten Jour­na­lis­mus«?
    Klas­se fand ich auch Ih­re Be­schrei­bung der Netz­links und der
    Mainstream-ratz-fatz-blogs.Ach ‚das ging mir run­ter wie Öl...
    Cha­rak­te­ri­stisch und zum Krank­la­chen die Epi­so­de aus dem Pres­se­club-göt­ter­gleich die Selbst­dar­stel­lung die­ser Jour­na­li­sten de­ren
    Exi­stenz in die­sem Club al­lein dann schon zur Gro­tes­ke mu­tiert.

    Ja, war­um Möl­ler nicht in »Nensch« schreibt, tja da gä­be es ei­ni­ges zu konfabulieren.Vielleicht hat er Angst, so­was wie »au­then­tisch« sein zu müssen?Vielleicht hat er Sor­ge, dass ge­nau DIES nicht ge­wollt wird von den sen­sa­ti­ons­gei­len Le­sern? Ir­gend­et­was schien ihn ja bis­her da­von ab­ge­hal­ten ha­ben, wo er doch so ge­nau die Welt der Blog­ger und Vielfach-blogbesitzer(zunächst mal der ame­ri­ka­ni­schen) be­schreibt, die sich im Not­fall dann selbst auf die Schul­ter klop­fen kön­nen und sei es, um Trolls zu ver­trei­ben.

    Ich möch­te Ih­nen auch nur die Hand schüt­teln und Ih­nen mit­tei­len, dies ist ein ge­lun­ge­nes The­ma und kri­tisch durch­leuch­tet.
    Der Au­tor selbst möch­te ein feed­back.
    Ich frag­te mich zu­nächst ‚wie­so sich der Au­tor mit den nicht-aus­schließ­lich-mar­gi­na­len ame­ri­ka­ni­schen blogs be­schäf­tigt und nicht mit dem Viel­fach-Dünn­schiß der Ger­man-ratz-fatz-po­le­mik-un­re­flek­tiert-phan­ta­sy-blogs?

    Tja, viel­leicht soll­te ich mir das Buch kau­fen und ich le­se an­schlie­ßend nie mehr in Ih­rem blog?
    Wer weiß.
    Ich glau­be eher nicht.
    Aber den näch­sten Pres­se­club schaue ich mir si­cher wie­der an, denn auch dort scheint es viel zum La­chen zu ge­ben.

    Ich wün­sche dem Au­tor wei­ter­hin vi­sio­nä­re Kraft, viel­leicht
    färbt es ja auf mich ab...irgendwann....irgendwo.
    lgC.

  2. »Nicht-Schrei­ben«
    ist mei­stens noch schlech­ter als »Schul­ter­klop­fen«. Al­so erst ein­mal Dank für den Kom­men­tar.

    Es ist na­tür­lich klar, dass die Zu­ord­nung »Ein­zel­gän­ger« im Ein­zelfall falsch und un­ge­recht ist. Und wer im Glas­haus sitzt (wie in die­sem Mo­ment ich), soll­te viel­leicht nicht mit dicken Brocken wer­fen.

    Zum Buch: Möl­ler ist si­cher­lich ei­ne Ko­ry­phäe, was die Wei­ter­ent­wick­lung von »Wi­kis« an­geht; ich ha­be in mei­nem Auf­satz un­ter­schla­gen, dass er im letz­ten Ka­pi­tel, als es dar­um geht, ei­ni­ges zu bie­ten hat. So u. a. auch ei­ne Art »Wi­ki-News«, in der je­der ein »schla­fen­der« Re­por­ter ist, so­zu­sa­gen ein Kor­re­spon­dent sei­ner Um­ge­bung und bei Be­darf eben über das be­rich­tet, was er bei sich auf­re­gen­des vor­fin­det. Wenn ich bö­se wä­re, hät­te ich dies mit dem »Kon­zept« der »BILD«-Zeitung in Ver­bin­dung brin­gen kön­nen, die je­dem, dem es ge­lang, ei­nen Pro­mi im Ur­laub zu fo­to­gra­fie­ren, 500 Eu­ro Prä­mie ver­sprach und den Leu­ten ei­nen »Jour­na­li­sten­aus­weis« ver­pass­te. Das ha­be ich aber nicht ge­macht.

    Mei­ne mies­ma­che­ri­sche At­ti­tü­de der »Me­di­en­re­vo­lu­ti­on« ge­gen­über ist ein­fach ei­ne über die Jahr­zehn­te ge­wach­se­ne Skep­sis: Man hö­re und schaue sich »in­ter­ak­ti­ve« Pro­gram­me an oder le­se sich die Fo­ren di­ver­ser Ta­ges- oder Wo­chen­zei­tun­gen durch. Es ist (fast) im­mer das glei­che Elend. Ich er­in­ne­re mich an das Bednarz-»Monitor« der 80er/Anfang 90er Jah­re: bis­sig, bös­ar­tig, par­tei­isch (mei­stens al­ler­dings auch gut; auch wenn es oft­mals des Gu­ten ein biss­chen viel war). Nach der Sen­dung gab es im Drit­ten ei­ne An­rufs­en­dung. Die Zu­schau­er konn­ten die je­wei­li­gen Re­dak­teu­re zu ih­ren Fil­men be­fra­gen. Die Re­ak­tio­nen kann man grob zu­sam­men­fas­sen: 60% Lob (»Schul­ter­klop­fen«) – 35% wü­ste Be­schimp­fun­gen – 5% sach­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Bei­trag. Bei ei­ner Sen­dung von 45 Mi­nu­ten Dau­er wa­ren das rund 2 Mi­nu­ten = 1 An­ruf (von viel­leicht 10 [die Be­schimp­fer ver­brauch­ten die mei­ste Zeit]). Um die­sen ei­nen An­ruf mit­zu­be­kom­men, muss­te man neun­mal el­len­lan­gen Un­sinn über sich er­ge­hen las­sen. Ir­gend­wann ha­be ich es ge­las­sen; die »Nachgefragt«-Sendung gibt es üb­ri­gens in­zwi­schen nicht mehr.

    Ei­ner­seits be­wun­de­re ich Men­schen, die in ei­ner Art Bür­ger­jour­na­lis­mus oder ghar mehr par­ti­zi­pa­ti­ver De­mo­kra­tie Fort­schrit­te für un­ser Ge­mein­we­sen wit­tern. Ich se­he das nicht – die Grün­de sind viel­fäl­tig, und wä­ren ei­nen ei­ge­nen Bei­trag wert. An­de­rer­seits äng­stigt mich fast die Idee der um­fas­sen­den Plap­pe­rei von je­dem über al­les – wohl­wis­send, dass ich das auf die­sem, mei­nem Blog auch be­trei­be. Ein Teu­fels­kreis.

    Zum Un­ter­schied Weblog/Forum: Ich kann ei­nen Web­log ab­schot­ten ge­gen­über an­de­ren, mir miss­lie­bi­gen Mei­nun­gen. Mei­stens brau­che ich das gar nicht; wenn mich nicht Trol­le be­lä­sti­gen, wer­den die­je­ni­gen, die mein Ge­schreib­sel für un­an­ge­mes­sen und un­sin­nig hal­ten, es erst gar nicht le­sen. Der gro­sse Vor­zug ei­nes Fo­rums ist, dass dort un­ter­schied­li­che Mei­nun­gen auf­ein­an­der­pral­len und – im Ide­al­fall – aus­dis­ku­tiert wer­den. Ein Nensch-Teil­neh­mer hat die für mich grif­fig­ste For­mu­lie­rung ge­braucht: Er will et­was ler­nen. Die­ses Ler­nen kann auf un­ter­schied­lich­ster Ebe­ne ab­lau­fen: Man kann rhe­to­ri­sche Knif­fe ler­nen; man kann im Be­le­gen sei­ner Ar­gu­men­ta­ti­on neue As­pek­te ken­nen­ler­nen; man kann im Wi­der­le­gen der Ar­gu­men­ta­ti­on des an­de­ren neue As­pek­te ken­nen­ler­nen; man kann – im Ide­al­fall – bes­se­re so­zia­le Um­gangs­for­men ent­wickeln (bei mir war das of­fen­sicht­lich zweck­los), usw.

    Das hat auf Nensch ei­ne Wei­le ganz gut funk­tio­niert – ir­gend­wann nicht mehr. Die Grün­de ste­hen auf­ei­nem an­de­ren Blatt und wer­fen ei­gent­lich ein er­schrecken­des Bild auf die Teil­neh­mer (wie ge­sagt, ich sitze/sass mit­ten­drin; es trifft mich al­so sehr wohl auch). Wenn näm­lich K5 ei­ner­seits »funk­tio­niert«, Nensch aber nicht, so kann das nicht an der Soft­ware lie­gen, son­dern an den Usern (und de­ren Men­ta­li­tä­ten). Aber das wä­re ei­ne lan­ge Ge­schich­te.

    Dass Möl­ler auf Nensch nicht schreibt, ist nicht so schlimm – aber er er­wähnt es erst gar nicht. Er er­wähnt auch nicht ein­mal »Gi­ga«. Wie man auch zu »Gi­ga« ste­hen mag – es ist ein re­la­tiv wich­ti­ges deutsch­spra­chi­ges On­line-Fo­rum. Sein ewi­ger Re­kurs auf die US-ame­ri­ka­ni­sche Sze­ne mu­tet für den deut­schen Le­ser merk­wür­dig an. Man kann das als Pro­vin­zia­lis­mus aus­le­gen – mal se­hen, ob/wie sich der Au­tor äu­ssert.

    Im Zwei­fels­fall darf ich Sie bit­ten, so­wohl sein Buch als auch mei­nen Blog wei­ter­zu­le­sen; ich muss um je­den Le­ser kämp­fen! Und der Pres­se­club ist ei­gent­lich ei­ne ganz net­te Sen­dung. Man kann da ab und zu wirk­lich was ler­nen. Es kommt na­tür­lich auf die Gä­ste an. Wie fast im­mer.

  3. Lie­ber Herr Keu­sch­nig!
    So geht’s nicht! So geht es wirk­lich nicht:))) Zu­erst brin­gen Sie mich da­zu, Ar­no Gei­ger nicht so ein­fach zu le­sen, son­dern das so zu tun, dass ich nach­her et­was In­tel­li­gen­tes dar­über schrei­ben kann. Dann kommt schon der näch­ste Ham­mer, ei­ne lan­ge Re­zen­si­on, zu der ich Ih­nen so­wohl zu- als auch ge­gen­stim­men möch­te, nur muss ich zu­erst das Buch ge­le­sen ha­ben.
    Klei­ner Zwi­schen­be­richt zu Ar­no Gei­ger. Das hat schon was an sich, was auf­rührt. Ich hab das in mei­nem heu­ti­gen Ein­trag auch schon er­wähnt.
    Aber nun zu Möl­ler...
    So, wie ich es ih­rer Re­zen­si­on ent­neh­me, scheint er zu tech­nik­la­stig zu sein. Ich selbst kom­me ja aus ei­ner et­was an­de­ren Ecke – und ich muss sa­gen, dass ist mei­ne ei­gent­li­che be­ruf­li­chen Ecke (soft­ware ar­chi­tec­tu­re) und nicht Ko­chen oder Mu­si­zie­ren;)
    Es geht nicht in er­ster Li­nie um Mo­no­po­lis­mus oder um gu­te oder schlech­te Soft­ware. Zur Zeit ha­ben wir nur schlech­te Soft­ware, was man aus der Sicht 50 Jah­re in der Zu­kunft gar nicht als so be­mer­kens­wert hin­stel­len wird.
    Wir ha­ben seit 35 Jah­ren, in de­nen sich der nicht mi­li­ta­ri­sier­te Mensch mit Soft­ware be­fasst ganz we­ni­ge Fort­schrit­te ge­macht, auch wenn das für den Lai­en viel­leicht an­ders aus­se­hen mag. Um be­stimm­te ‑re­la­tiv ein­fa­che – Pro­ble­me zu lö­sen, be­nö­ti­gen wir heu­te die 1000fache Hard­ware und Soft­ware-Men­ge.
    In man­chen wis­sen­schaft­li­chen Be­rei­chen ist das an­ders. Da lie­fert der Rech­ner Er­geb­nis­se, die sonst nicht zu­stan­de kom­men könn­ten. Auch in der Pro­the­tik und an­de­ren Be­rei­chen der Me­di­zin.
    Ihr Hin­weis auf Blogs und Fo­ren er­scheint mir sehr rich­tig. Tat­säch­lich sind aber ge­ra­de die Soft­ware­lei­stun­gen hier in punk­to Kom­mu­ni­ka­ti­on ziem­lich ge­wal­tig. Sie wer­den nicht ge­nützt. Al­ler­dings gibt es ge­ra­de jetzt von al­len grö­ße­ren Fir­men die An­stren­gun­gen, das In­stant-Messa­ging in den Fir­men gang und gä­be zu ma­chen. Im­mer an­sprech­bar sein, im­mer im kom­mu­ni­ka­ti­ven Band ein­ge­floch­ten zu sein.
    Da pas­siert et­was, was wie­der gut und schlecht zu­gleich sein kann.
    Aber es hängt an ei­ni­gen Fang­ha­ken fest.
    Blogs und Fo­ren und Such­ma­schi­nen ge­hö­ren heu­te zu ei­ner Be­griffs­welt web 2.0. (Was im­mer Sie dar­un­ter ver­ste­hen mö­gen:) Da­zu ge­hört aber auch der Be­griff »se­man­ti­sches Web«. In­tel­li­genz-ge­steu­er­te Zu­ord­nungs- und Such­ver­fah­ren. Hier steckt nun der Teu­fel. Mit der Se­man­tik ha­ben es un­se­re heu­ti­gen Zeit­ge­nos­sen nicht mehr so. Im­mer nach­läs­si­ger wird der Um­gang mit der Spra­che und den Be­grif­fen. Hier jetzt noch et­was Or­well­schen Neu­speak mit dem Ge­würz po­li­ti­scher Be­ein­flus­sung da­zu­ge­ge­ben und wir stecken in ei­ner ver­geb­li­chen An­stren­gung fest, kla­re Struk­tu­ren durch­schau­en zu kön­nen.
    Der Mo­no­po­lis­mus bei der Paid-Soft­ware wä­re nicht so schlecht, wenn nicht die Mar­ke­ting-Agen­den die An­stren­gun­gen hin­sicht­lich Soft­ware­aus­wei­tung in die fal­sche Rich­tung trei­ben wür­den.
    Man (Möl­ler) darf aber nicht ver­ges­sen, dass Mi­cro­soft mitt­ler­wei­le in vie­len Open Source Pro­jek­ten steckt und an­de­rer­seits ziem­lich zu­kunfts­wei­send in die »rich­ti­ge« Rich­tung forscht, auch wenn das ei­ne ist, die zur Zeit noch kein Geld bringt. (Stich­wor­te: Pro­duct Fa­mi­lies, Do­main Spe­ci­fic Lan­guages DSL)
    Wir le­ben in ei­ner span­nen­den Zeit.
    Die Blog­ger ins­ge­samt sind nicht bes­ser oder schlech­ter als der Rest der Be­völ­ke­rung. Was zB im Re­al­le­ben auf­fällt sind die 15% ei­nes Vol­kes, die xe­no­pho­bi­schen Hass­ti­ra­den lau­schen und sich auf ei­ne rech­te Par­tei ein­wäh­len. Dass 85% da­von eher an­ge­wi­dert sind, geht da­bei un­ter.
    Bei den Blog­gern dürf­te es ähn­lich sein...

  4. Die letz­ten Zah­len
    ma­chen mich jetzt aber neugierig.Woher neh­men Sie die pro­zen­tua­le Verteilung15/85? Zu­dem wür­de mich (ernsthaft)interessieren ‚ob denn die Ver­tei­lung bei blog­gern gleich(=),ähnlich(nicht=),oder doch et­was an­ders (un­gleich) wä­re.
    Soll­te je­man­dem ei­ne so­zio­lo­gi­sche nicht-markt­ge­steu­er­te Un­ter­su­chung zur Psy­cho­dy­na­mik von Blog­gern vs.Nicht-bloggern be­kannt sein, wä­re es sehr auf­merk­sam mir die Quel­le zu nennen.Danke.

  5. Die Zah­len sind ganz ein­fach. 11% für FPÖ, 4% für BZÖ macht zu­sam­men 15%. Die bei­den Par­tei­en, aus ei­ner her­aus­ge­spal­ten, tei­len ih­re Aus­län­der­feind­lich­keit nicht nur, son­dern ha­ben auch ih­ren Wahl­kampf prak­tisch aus­schließ­lich mit der Angst vor Frem­den und Über­frem­dung be­strit­ten.
    Auf de­ren Wäh­ler ha­be ich mich be­zo­gen.

  6. Schul­dig...
    im Sin­ne der An­kla­ge – Re­zen­si­on von Gei­ger mei­ner­seits nicht ein­deu­tig ge­nug. Sie müs­sen ihn nun sel­ber le­sen; es gibt si­cher Schlim­me­res. Bin ge­spannt auf Ih­re Stel­lung­nah­me.

    Zum Blog­gen: Ich glau­be nicht, dass Blog­ger bzw. In­ter­net­nut­zer ge­ne­rell re­prä­sen­ta­tiv zur Be­völ­ke­rung sind. Ich ha­be lei­der kei­ne Un­ter­su­chung (im In­ter­net) ge­fun­den, die re­prä­sen­ta­tiv die Be­völ­ke­rung hin­sicht­lich ih­res Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­hal­tens im In­ter­net be­fragt. Meist ba­sie­ren die Blog­ger-Bü­cher auf Be­ant­wor­tung von Fra­ge­bö­gen durch Blog­ger.

    Ich ha­be so­wohl in Fo­ren als auch in der Blo­go­sphä­re rechts- als auch links­ex­tre­mes Ge­dan­ken­gut be­merkt. Ob dies bei rechts mehr als 15% sind, weiss ich nicht. Kurz vor der Öster­reich­wahl hat hier auf two­day die FPÖ ei­nen Web­log im­ple­men­tiert. Ich zweif­le, dass die ent­spre­chen­de Kli­en­tel mehr­heit­lich die Mit­tel und Kom­pe­tenz be­sitzt, sich von sol­chen Me­di­en »in­spi­rie­ren« zu las­sen.

    Es gibt ein deutsch­spra­chi­ges On­line­fo­rum, wel­ches bei ei­ni­gen im Ver­dacht steht, von rech­ten »un­ter­wan­dert« zu sein; ge­le­gent­lich passt der Ein­druck. Bei Nensch bei­spiels­wei­se gab es m. W. sol­che Pro­ble­me so gut wie nie (was si­cher­lich ei­ner der Vor­tei­le des Ori­gi­nal­na­men-Prin­zips war/ist).

    Mit der suk­zes­si­ven Ver­brei­tung die­ser Art von Me­di­en dürf­te aber m. E. die In­fil­tra­ti­on durch Schmud­del-Web­logs mit­tel­fri­stig stei­gen. In Deutsch­land wäh­len ins­be­son­de­re Ju­gend­li­che die rechts­ra­di­ka­len Par­tei­en – die sind ir­gend­wann min­de­stens tech­no­lo­gisch in der La­ge und viel­leicht wil­lens, ih­re Ideo­lo­gie zu ver­brei­ten bzw. Ge­sin­nungs­freun­de zu fin­den.

  7. Das ist ja rich­tig lieb,
    was Sie sich al­le für Mü­he bei den Ant­wor­ten machen.Schuldig ‚lie­ber Herr Keu­sch­nig sind Sie si­cher nicht, wenn Sie sich die Mü­he ma­chen lie­be­voll akri­bisch Bü­cher auf­zu­ar­bei­ten...
    Ich per­sön­lich glau­be nicht, dass die blog­ger denk-kon­gru­ent mit der Be­völ­ke­rung ge­hen.
    In der Ger­man-Be­völ­ke­rung hat nicht je­der ei­nen PC, es ist meist nur ei­ne be­stimm­te Al­ters­grup­pe-mei­ne El­tern z.B. ha­ben so­was nicht.Zudem hat nicht je­der be­ruf­lich Zeit, sei­nen blog zu pfle­gen und es hat auch nicht je­der Zeit der Schnel­lig­keit bei ratz-fatz-blogs die dümm­lich Ta­ges­schau-Mel­dun­gen, oder GUT­mensch-mel­dun­gen wie­der­ge­ben,
    zu fol­gen.
    Ich ge­be zu, an­fangs war ich äu­ßerst na­iv und blö­de beim Um­gang mit jed­we­den blogs.Ich bin es jetzt nicht mehr, da ich weiß ‚dass die­je­ni­gen,
    die sich durch ih­ren blog de­fi­nie­ren, meist noch mehr blogs ha­ben und sich in ir­gend­wel­chen schwach­köp­fi­gen Be­su­cher­li­sten sel­ber hoch­ja­gen in ih­rer per­sön­li­chen Zahl der Besuche.Sie ge­ben sich auch Be­ru­fe, die sie nicht ha­ben und ei­ne Per­sön­lich­keit ‚die sie viel­leicht ger­ne wä­ren.
    Mein Gott, welch arm­se­li­ges Häuf­chen Elend muß dort bis­wei­len da­hin­ter­stecken. Auf der ei­nen Sei­te ist dies sehr kri­tisch zu be­trach­ten, aber rein so­zio­lo­gisch ge­se­hen, wird durch die Mög­lich­keit des Blog­gens und des sich Öf­fent­lich-Ma­chens von Be­find­lich­kei­ten und po­li­ti­schen Mei­nun­gen ‚die man zu dem Sei­nen
    er­klärt und dem an­de­ren teil­wei­se bla­bla auch ei­ne Ni­sche er­öff­net, die die­se Men­schen für sich in­tra­psy­chisch nut­zen kön­nen.
    Al­ler­dings, wenn der blog­be­sit­zer oft durch Ab­wer­tung
    and­rer in der Ten­denz für mich auf­fäl­lig ist und sich häu­fig wi­der­spricht, dann wird es mir zu­viel.

    Ich den­ke schon ‚dass es bei So­zio­lo­gen be­reits Un­ter­su­chun­gen gibt,die sich auf all die­se Fra­gen beziehen.Warten wir die er­sten Pu­bli­ka­tio­nen ab,die sach­lich und sta­ti­stisch si­gni­fi­kant im Er­geb­nis und weit­hin­ge­hend va­li­de sind.
    Denn ge­nau in die­ser Hin­sicht wür­den mich die­se Dünn­schiß-ratz-fatz-mar­gi­nal-blogs in­ter­es­sie­ren.

    Viel­leicht laß ich mir Möl­lers Buch zu Weih­nach­ten schenken.*g*
    Aber ich wer­de wei­ter­hin hier le­sen, denn die­ser blog un­ter­schei­det sich von an­dern durch den ge­pfleg­ten Um­gang miteinander.HInreißend wohl­tu­end!

  8. Bit­te kei­ne Schuld­ge­füh­le
    Aber nein. Ich ha­be kei­nes­falls die Re­zen­si­on be­män­gelt son­dern ganz ein­fach das Tem­po, in dem Sie in­ter­es­san­te Li­te­ra­tur her­an­zie­hen:) Die soll­te man dann schon ge­le­sen ha­ben, be­vor man Kom­men­ta­re ab­gibt. Das war aber wirk­lich eher als Kom­pli­ment ge­meint:)
    Was die Sta­ti­sti­ken an­geht, so bin ich da in­zwi­schen recht prag­ma­ti­sche ge­wor­den.
    Bei der Be­völ­ke­rung gibt es ein paar Kenn­grö­ßen, die un­ab­hän­gig von Na­ti­on, Aus­bil­dung etc. ziem­lich kon­stant sind.
    Z.B. Krea­ti­ve ma­chen un­ge­fähr 3% aus.
    Ab­so­lu­tes Füh­rungs­po­ten­ti­al ge­nau­so 3%. Plus 2% si­tua­ti­ve Füh­rer. Das sind je­ne, die sel­ber nie ei­ne Füh­rungs­po­si­ti­on an­stre­ben, aber dann im Ernst­fall, wenn sie la­ge­mä­ßig füh­ren müs­sen, ei­nen aus­ge­zeich­ne­ten Job ma­chen.
    Al­so neh­me ich ein­mal als er­ste Nä­he­rung an, dass es bei Xe­no­pho­bie die glei­chen Pro­zent­sät­ze gibt. Sehr in­ter­es­sant heu­te das State­ment der Grü­nen, die fest­stel­len, dass die FPÖ eher in aus­län­der­ar­men Be­zir­ken in Wien re­üs­siert hat.
    In­ter­es­san­ter er­scheint mir eher der so­zia­le und der un­ter­hal­ten­de As­pekt als we­sent­lich. Wie­vie­le Per­so­nen schrei­ben aus Fru­stra­ti­on? Wie­vie­le ver­wen­den die Ven­til­funk­ti­on? Wie­vie­le glau­ben, dass sie et­was zu sa­gen ha­ben? Wie­vie­le wol­len sich nur un­ter­hal­ten? Wie gross ist der An­teil an se­riö­sem Jour­na­lis­mus? Wie groß ist der An­teil an ech­ten Dich­tern bzw. Schrift­stel­lern? Usw.
    Dann gibt es ei­ne ent­spre­chen­de Ma­trix, weil je­des all­ge­mei­ne Web­log ei­ne an­de­re Schrei­ber­struk­tur hat.
    Für mich selbst ist es fas­zi­nie­rend. Ich le­se ge­nü­gend schnell, um viel sur­fen zu kön­nen und dann bleibt schon aus­rei­chend viel in­spi­rie­ren­des Ma­te­ri­al hän­gen.
    Ich könn­te mich al­ler­dings ge­nau­so in die Uni-Bi­blio­thek set­zen und hät­te viel­leicht ge­nau­so­viel Spass.

  9. Ih­re Fra­gen
    wa­ren sehr an­spre­chend-mög­lich ‚dass auf ei­nen Le­ser oder Blog­ger gleich 2 Fra­gen in­clu­si­ve Ant­wor­ten zuträfen.Ich z.b. le­se hier, weil ich mich un­ter­hal­ten will, ab­len­ken von der Grau­sam­keit des Alltags,schluchz, ich fin­de hier ein Ventil...ja Ih­re Fra­gen wa­ren stim­mig, es lie­ßen sich noch mehr an­schlie­ßen.
    Am be­sten ge­fal­len hat mir die Vor­stel­lung ei­ner Unibibliothek(nur muß­te man da zu mei­ner Zeit im­mer das Maul hal­ten) .Ich ha­be dort lei­den­schaft­lich be­ob­ach­tet und hüb­sche künf­ti­ge Wol­ken­be­sit­zer ken­nen­ge­lernt und mich auch mit je­nen getroffen.Ob es die heu­te auch noch dort gibt?
    Für die Män­ner­welt gibt es dann die vie­len schnuck­li­gen Mä­dels, die ihr mit auf eu­re vir­tu­el­le Wol­ke neh­men könnt ‚oder bei Pe­trus ein­fach mal vorbestellen.....Ja so ne Bi­blio­thek hat Vor­tei­le.
    Sehen,gesehen werden,sprechen, be-spro­chen wer­den, berühren,berührt werden....Wunderbare Vor­stel­lung.

  10. Ich ha­be das Buch vor ei­ni­gen Wo­chen auch ge­le­sen
    Ge­nau wie du fand ich die po­li­ti­schen Schluss­fol­ge­run­gen über­trie­ben. Es gibt ei­ne Kon­stan­te in der Welt, die mensch­li­che Na­tur. Men­schen schla­gen sich seit Tau­sen­den von Jah­ren nicht die Köp­fe ein, weil ih­nen die In­for­ma­tio­nen feh­len, son­dern weil sie glau­ben, dass sie da­mit ih­ren In­ter­es­sen am be­sten die­nen. Au­ßer­dem muss man auch be­ach­ten, dass stär­ker als die nütz­li­chen In­for­ma­tio­nen die um­ge­wälz­ten Da­ten­men­gen wach­sen, und da­mit auch die Mög­lich­kei­ten der Des­in­for­ma­ti­on, der Ma­ni­pu­la­ti­on und des Ob­sku­ran­tis­mus.

    Freie Soft­ware an sich ist kein neu­es Phä­no­men, so et­was gab es schon im­mer. Ich glau­be auch nicht, dass sich das Ver­hält­nis zwi­schen den Pro­gram­mier­stun­den, die auf pro­prie­tä­re und auf freie Soft­ware ver­wen­det wird, in letz­ter Zeit we­sent­lich ge­än­dert hat. Der Un­ter­schied be­steht nur dar­in, dass man über das Netz heu­te leich­ter an die freie Soft­ware her­an­kommt, wäh­rend die pro­prie­tä­re ei­nem nach wie vor ver­schlos­sen bleibt.

    Möl­ler ver­gisst auch, dass ein Groß­teil der Soft­ware heu­te in Ge­rä­ten steckt, von me­di­zi­ni­scher Tech­nik, über Haus­halts­ge­rä­te bis hin zu in­du­stri­el­len An­la­gen und Au­tos. Hier ist die Soft­ware ein Pro­dukt­be­stand­teil und un­ter­liegt zwangs­läu­fig dem je­wei­li­gen Ge­schäfts­mo­dell.

    Ein wirk­lich neu­es Kon­zept er­ken­ne ich in sol­chen Fir­men wie Troll­tech (die Qt her­stel­len) oder in Ca­no­ni­cal (Her­stel­ler von Ubun­tu), die an­de­ren Li­nux-Dis­tri­bu­to­ren ver­fol­gen ähn­li­che An­sät­ze. Sie stel­len ei­nen gro­ßen Teil ih­res Quell­codes frei zur Ver­fü­gung und ver­die­nen ih­re Bröt­chen mit dem Sup­port an Fir­men­kun­den. Die­ses Mo­dell hat in der (rei­nen) Soft­ware­indu­strie ei­ne gro­ße Zu­kunft – Dienst­lei­stun­gen.

    Das Haupt­pro­blem der Soft­ware­indu­strie ist nicht frei oder pro­prie­tär, son­dern die Qua­li­tät. Der Um­fang, in der Soft­ware über­all ein­ge­setzt wird, ist sehr viel schnel­ler ge­wach­sen als die Werk­zeu­ge, mit de­nen man Qua­li­tät er­zeu­gen kann. Hier er­ken­ne ich tat­säch­lich ei­nen Un­ter­schied zwi­schen frei­er und pro­prie­tä­rer Soft­ware: Die Spann­wei­te der Qua­li­täts­un­ter­schie­de bei frei­er Soft­ware ist grö­ßer. Es gibt ganz aus­ge­zeich­ne­te Pro­duk­te, die wirk­lich von ih­ren be­gab­ten Schöp­fern und vie­len be­gei­ster­ten Te­stern pro­fi­tie­ren, aber die gro­ßen Li­nux­dis­tri­bu­tio­nen ent­hal­ten auch un­glaub­lich viel Schrott, den Hob­by­pro­gram­mie­rer mal schnell für sich zu­sam­men­ge­scho­ben ha­ben und der auf my­ste­riö­sen We­gen auf die Li­nux-CDs ge­langt, man­ches stürzt schon beim Star­ten ab. In­du­stries­oft­ware ist meist durch­schnitt­lich, nicht zu gut, weil man den Auf­wand aus Ko­sten­grün­den zu mi­ni­mie­ren sucht, aber gut ge­nug, um das Zeug ver­kau­fen zu kön­nen.

    In­ter­es­sant in sei­nem Buch – aus Grün­den, die dir si­cher­lich ver­ständ­lich sind – fand ich die Ab­schnit­te über die Ite­ra­ti­ons­stu­fen, die die Me­tho­den zur Troll- und So­zi­al­kon­trol­le in ver­schie­de­nen Dis­kus­si­ons­fo­ren durch­lau­fen ha­ben. Auch hier zeigt sich, dass es den Stein der Wei­sen nicht gibt, man wur­stelt sich halt so durch.

    Zur Blo­go­sphä­re fin­den sich ein paar in­ter­es­san­te State­ments im Buch: Vie­le star­ten re­la­tiv eu­pho­risch, ih­re Be­gei­ste­rung lässt aber sehr schnell nach. Und ei­ni­ge (wir bei­den ken­nen ge­nug Bei­spie­le) be­trei­ben das Blog­gen um des Blog­gens wil­len, oder wel­chen Sinn soll es ha­ben, in Stun­den­ab­stän­den ir­gend­wo ge­le­se­ne Agen­tur­mel­dun­gen ab­zu­schrei­ben?

    Aber sum­ma sum­ma­rum – ein in­ter­es­san­tes, le­sens- und dis­kus­si­ons­wür­di­ges Buch, von ei­nem wirk­li­chen In­si­der und Ma­cher von Wi­ki­pe­dia und Co. ge­schrie­ben, auch wenn man nicht al­len sei­nen Schluss­fol­ge­run­gen zu­stim­men mag.

  11. Ich bin durch das Buch ja durch ein Zi­tat in Dei­nem »Fo­rum Vier« auf­merk­sam ge­wor­den (es ging um Trol­le).

    Viel Neu­es hat es in die­ser Hin­sicht nicht ge­bracht. Es hat mich eher in der Mei­nung be­stä­tigt, dass all­zu tech­ni­sche Tools al­lei­ne nicht hel­fen, son­dern auch so­zia­le In­ter­ak­tio­nen ge­for­dert sind. Das ist ei­ner­seits viel­leicht furcht­bar (Men­schen sind un­ge­recht), an­de­rer­seits aber auch ir­gend­wie tröst­lich.

    In­du­stries­oft­ware ist meist durch­schnitt­lich, nicht zu gut, weil man den Auf­wand aus Ko­sten­grün­den zu mi­ni­mie­ren sucht, aber gut ge­nug, um das Zeug ver­kau­fen zu kön­nen.
    Das ist ge­nau der Punkt und das, was ich mit der Träg­heit der In­du­strie mein­te. Die­se ver­sucht na­tür­lich mit dem mi­ni­mal­sten Auf­wand das Ma­xi­mum an Pro­fit zu ge­ne­rie­ren. Lei­der ist es ja in­zwi­schen so, dass Pro­fit und Qua­li­tät bei vie­len Un­ter­neh­men im Ge­gen­satz zu ste­hen schei­nen. Hier­in liegt ja u. a. die gro­sse Ge­fahr von Mo­no­po­len (oder auch Oli­go­po­len).

    Möl­ler über­sieht je­doch Dei­nen vor­he­ri­gen Satz mit dem Schrott. Für ihn ist per se das Ar­bei­ten an Open-Source-Pro­jek­ten bes­ser als die kom­mer­zi­el­le Ar­beit. Das dies un­ko­or­di­niert und nutr mit gro­ssem ad­mi­ni­stra­ti­ven Auf­wand zu ko­or­di­nie­ren ist, blen­det er m. E. ein biss­chen blau­äu­gig aus.

    Was Du zum Zu­kunfts­markt der »Dienst­lei­stun­gen« schreibst ist theo­re­tisch rich­tig. Prak­tisch lech­zen bei­spiels­wei­se Un­ter­neh­men nach Sup­port = Dienst­lei­stung. Aber: Sie soll gleich­zei­tig nichts ko­sten. Dienst­lei­stung ist in Deutsch­land auch mit »ko­sten­los« kon­no­tiert – wir hat­ten die Dis­kus­si­on hier an an­de­rer Stel­le neu­lich.

  12. Er­ster Ein­druck
    Al­so ich ha­be jetzt ein­mal das Buch quer­ge­le­sen und fand es ganz amü­sant. Es ist ein aus­rei­chend kom­plet­tes Kom­pen­di­um des Be­ginns ei­ner Netz­kul­tur, die sich hype-mä­ßig mit web2.0 be­zeich­net, von der wir aber wirk­lich noch nicht wis­sen, was Sa­che sein wird.
    Ei­nen we­sent­l­chen Ver­än­de­rungs­fak­tor lei­sten ja auch die di­ver­sen Ein­kaufs­tou­ren der Gro­ßen, die we­sent­li­che Fort­schrit­te auf­kau­fen, so­bald sie von der Mas­se ak­zep­tiert wur­den. Ei­ne Zeit­lang blei­ben die Dien­ste dann noch ko­sten­los, aber ir­gend­wie ge­lingt im­mer der Griff ins Geld­bör­sel des Users.
    Sei­ne Vor­stel­lung, dass be­reits in 20 Jah­ren die Po­li­tik ei­ne an­de­re sein wird, weil es die­se neue Me­di­en­welt gibt, hal­te ich für blau­äu­gig. Es wä­re gar nicht gut, wenn ei­ne der­ar­ti­ge Ver­än­de­rung so schnell ein­tre­ten wür­de. Wenn die Mensch­heit so schnell re­agier­te, tä­te sie das auch in Be­zug auf ne­ga­ti­ve Ent­wick­lun­gen und wir wä­ren in zwan­zig Jah­ren ge­nau­so zum Aus­ster­ben ge­fähr­det.
    Die Mensch­heit ist sta­bi­ler. Ro­bu­ster, wenn sie wirk­lich be­droht wird und trä­ger, wenn sie et­was aus der Ge­schich­te ler­nen soll­te.
    -
    Das der Wahr­heits­ge­halt im Netz nicht grö­ßer sein kann als bei rea­len Me­di­en fin­de ich nicht über­ra­schend. In­ter­es­siert man sich wirk­lich für die »Wahr­heit«, kann man das auch heu­te am be­sten da­durch be­werk­stel­li­gen, dass man die Ar­ti­kel über ein The­ma aus ver­schie­de­nen, durch­aus auch po­li­tisch ge­färb­ten On­line-Zei­tun­gen mit­ein­an­der ver­gleicht und den ge­mein­sa­men Nen­ner aus­zu­ma­chen ver­sucht.
    Die Wahr­heit fin­det man selbst her­aus oder auch nicht. Aber viel­leicht geht es gar nicht dar­um. Die Leu­te wol­len ja emo­tio­na­li­sert wer­den. Emo­tio­nen sind sta­ti­stisch be­gehr­ter als In­fro­ma­tio­nen – be­haup­te ich mal.
    Ich hal­te aber Möl­lers Mei­nung durch­aus für le­gi­tim. Es ist die­ser Op­ti­mis­mus, wel­cher durch das An­stre­ben des Un­mög­li­chen Mög­li­ches er­reicht.
    Die Po­la­ri­sie­rung Open Source ver­sus Mi­cro­soft ist in die­ser Dar­stel­lung nicht kor­rekt. Man könn­te viel­leicht Mi­cro­soft als pars pro to­to ver­wen­den, doch Mi­cro­soft ist nicht gleich zu set­zen mit kom­mer­zi­el­ler Soft­ware. Da gibt es ähn­lich gro­ße Un­ter­neh­men mit drei und mehr Buch­sta­ben, die sich glei­che Be­trä­ge für ver­gleich­ba­re Soft­ware zah­len las­sen.
    Die Markt­durch­drin­gung hat Mi­cro­soft ja mit ei­nem ziem­lich cle­ve­ren Trick in den neun­zi­ger Jah­ren ge­schafft. Die Raub­ko­pi­en wur­den ganz be­wusst ge­dul­det. Die Soft­ware war nicht be­son­ders ge­schützt. So gab es von den we­sent­li­chen Ar­beits­pfer­den Be­triebs­sy­stem und Word, al­len­falls Ex­cel mehr als ein­stel­li­ge Ver­wen­dungs­ko­pi­en pro ver­kauf­te Ein­heit.
    Da­mit wur­de ein Be­die­nungs­stan­dard fak­tisch ge­schaf­fen. Spä­ter wur­den die Prei­se noch et­was an­ge­passt und der Schritt in die Le­ga­li­tät an­ge­prie­sen.
    Ver­wen­det ei­ne Fir­ma Mi­cro­soft, so dür­fen die An­ge­stell­ten die Of­fice-Pa­ke­te auch auf ih­ren per­sön­li­chen Rech­nern nüt­zen. Die gan­ze Ent­schei­dung fällt al­so in den gro­ßen Un­ter­neh­men und in der öf­fent­li­chen Hand.
    Es gibt kom­mer­zi­el­le Soft­ware, de­ren Auf­la­gen nicht mit Open Source zu be­wäl­ti­gen wä­ren und es ist an­de­rer­seits nicht ein­zu­se­hen, war­um pri­va­te Soft­ware et­was ko­sten muss, wenn es ge­nü­gend Leu­te gibt, die Open Source für die gän­gig­sten An­wen­dun­gen er­zeu­gen.
    Wenn ich nicht zu Hau­se die in der Fir­ma ver­wen­de­te Soft­ware mi­mi­krie­ren müss­te, ver­wen­de­te ich si­cher ei­ne gän­gi­ge Li­nux-In­stal­la­ti­on mit Open-Of­fice.
    Ich kann mich noch an mei­ne er­ste Li­nux-In­stal­la­ti­on vor 10 Jah­ren er­in­nern. Ging klag­los bis auf die gra­phi­sche Ober­flä­che. Der X‑Server war näm­lich nur im­mer ei­ni­ge Mo­na­te lauf­fä­hig – Test­ver­si­on.
    Heu­te ist ei­ne Li­nux-In­stal­la­ti­on nicht kom­pli­zier­ter als ei­ne – sa­gen wir – Win­dows 2000-In­stal­la­ti­on. Bei XP war ich sel­ber über­rascht, wie klag­los es funk­tio­nier­te, selbst auf äl­te­ren Rech­nern.
    -
    Ich bin viel­leicht nicht der ty­pi­sche Adres­sat für das Buch, ob­wohl ich selbst durch­aus gro­ßen Nut­zen dar­aus zie­he. Es hat mir ei­nen ge­wis­sen Über­blick ver­schafft und auch ei­ne Sy­ste­ma­tik her­ge­stellt, die be­reits Ge­wuss­tes jetzt bes­ser ein­ord­nen kann.
    Dass Nensch nicht vor­kommt, küm­mert mich we­nig. Mit die­sem Ein­trag http://warteschlange.twoday.net/stories/23231/ füh­le ich mich gut ver­tre­ten.
    Ich könn­te aus Ame­ri­ka auch noch an­de­re Blog­pio­nie­re nen­nen, die nicht nur die Blog­welt son­dern auch »nor­ma­le« Web­prä­sen­zen re­vo­lu­tio­niert ha­ben.
    Und ja, es gab ein Le­ben vor dem In­ter­net. Die Netz­welt Com­pu­ser­ve, wel­che auf ei­ner Stern­to­po­lo­gie ba­sier­te, ver­band Men­schen aus der gan­zen Welt in Fo­ren, SIGs (spe­cial in­te­rest groups) und chats, ab­ge­se­hen, dass es da­mals für nicht an den Unis an­ge­stell­te Per­so­nen den email-Be­trieb er­mög­lich­te.
    Die Chat-Mög­lich­kei­ten bei Com­pu­ser­ve wa­ren aus­ge­reif­ter als im In­ter­net, zu­min­dest bis ins Jahr 2004.
    -
    Den Qua­li­täts­ver­gleich zwi­schen kom­me­ri­zi­el­ler und Open Source Soft­ware kann man an­hand ei­ni­ger Stu­di­en nach­le­sen. Als ehe­ma­li­ger Test­ma­na­ger ken­ne ich Sta­ti­sti­ken, die teil­wei­se der Open Source Soft­ware hö­he­re Zu­ver­läs­sig­keit be­schei­ni­gen. Selbst die Feh­ler­kor­rek­tu­ren pas­sie­ren in der Re­gel schnel­ler. Man kann dar­aus aber lei­der nicht ab­lei­ten, dass je­de Soft­ware mit Open Source er­zeugt wer­den kann. Ach, das ist ein lan­ges The­ma. Wenn es in­ter­es­siert, dann mach ich ein­mal bei mir ei­nen Ein­trag.
    -
    Ei­ne An­mer­kung kann ich mir nicht ver­knei­fen: Per­so­nal Com­pu­ters sind heu­te wirk­lich ziem­lich leicht hand­hab­bar, wenn man be­denkt, wel­che Kom­ple­xi­tät sich da­hin­ter ver­birgt.
    So schwie­rig ist die Be­die­nung gar nicht, auch nicht die In­stal­la­ti­on, wenn man sich in glei­chem Aus­mass da­für wid­met, wie man es in den Sieb­zi­ger­jah­ren für die Hi­fi-An­la­ge, für den Super‑8.Film, für das Re­pa­rie­ren von Au­tos oder ir­gend­ei­nem Spe­zi­al­hob­by auf­ge­wen­det hat. Es ist nur ei­ne Fra­ge des In­ter­es­ses.
    Ich wun­de­re mich im­mer, was tat­säch­lich schon al­les mach­bar ist. Und ich hab in den acht­zi­ger-Jah­ren noch selbst Com­pu­ter auf Ba­sis z80 ge­baut, von der Schal­tung bis zum Lay­out der Print­plat­te, von den Ba­sis­trei­bern bis zum frei­pro­gram­mier­ba­ren Be­triebs­sy­stem in FORTH. Das mei­ste ver­ste­he ich ja noch:) In ei­nem tei­le ich aber Möl­lers Mei­nung ganz ge­wiss: was da jetzt pas­siert, ver­än­dert un­se­re Ge­sell­schaft (ge­ra­de auch, weil die Ex­trem­grup­pen es auch nüt­zen kön­nen) und es wird span­nend, wie die­se Ver­än­de­rung aus­se­hen wird. So ro­sig, wie Möl­ler schreibt, wohl lei­der nicht.

  13. Vie­len Dank für die­sen in­ter­es­san­ten Kom­men­tar
    Ich glau­be, dass Ih­re Me­tho­de, die Wahr­heit durch die Lek­tü­re un­ter­schied­li­cher Me­di­en so­zu­sa­gen selbst zu »fin­den« ei­ne gu­te Mög­lich­keit dar­stellt, den Realitäten/»der« Rea­li­tät na­he zu kom­men. Sie ist aber lei­der nicht im­mer mög­lich.

    Ge­ra­de hier er­weist sich das In­ter­net als durch­aus pro­ble­ma­tisch (man kann das auch als Her­aus­for­de­rung se­hen, na­tür­lich). Wenn ich bei­spiels­wei­se et­was über Strom­wirt­schaft re­cher­chie­ren will, so sto­sse ich sehr schnell auf um­fang­rei­che Lob­by­kom­pen­di­en der ent­spre­chen­den Kon­zer­ne. Eben­so schnell er­hal­te ich al­le mög­li­chen In­for­ma­tio­nen al­ter­na­ti­ver Or­ga­ni­sa­tio­nen und In­sti­tu­tio­nen. Im Zwei­fel muss ich al­les ge­nau durch­le­sen. Ich bin aber nicht »vom Fach« – es sto­ssen nach end­los lan­ger Zeit Mei­nung und Ge­gen­mei­nung auf­ein­an­der. Ich wer­de mich durch ei­ne Viel­zahl von Fak­to­ren für ei­ne Sei­te mehr oder we­ni­ger ent­schei­den oder sie nur ein biss­chen fa­vo­ri­sie­ren. Aber ei­ne »neu­tra­le« Stel­le, die mir Vor- und Nach­tei­le der je­wei­li­gen Po­si­tio­nen er­läu­tert, fin­de ich sehr sel­ten bzw. ich ver­mag nicht ex­akt ein­zu­schät­zen, ob die­se Stel­le auch wirk­lich neu­tral ist.

    Die Crux liegt dar­in, dass die Be­richt­erstat­tung in den Me­di­en durch ta­ges­ak­tu­el­le Er­eig­nis­se be­stimmt und ge­lei­tet wird. Die Jour­na­li­sten ha­ben kaum noch Zeit, ent­spre­chend zu re­cher­chie­ren. Nicht Be­schleu­ni­gung ei­nes Main­streams oder An­ti-Main­streams wä­re not­wen­dig, son­dern – man ver­zei­he das et­was ab­ge­grif­fe­ne Wort – ei­ne Ent­schleu­ni­gung. Üb­ri­gens ein Grund, war­um ich kei­ne Ta­ges­zei­tung le­se.

    Was Sie zu den Emo­tio­nen schrei­ben, ist rich­tig. Je­der Jour­na­lis­mus, der die­se Emo­tio­nen ziel­ge­rich­tet an­spricht, ist mir zu­wi­der und su­spekt.

    Sehr in­ter­es­sant fand ich, was Sie zu Möl­lers Dar­stel­lung der Open-Source-The­ma­tik sa­gen. Wei­te­res üb­ri­gens sehr ger­ne!

    Na­tür­lich ha­ben Sie recht, wenn Sie schrei­ben, dass man sich mit sei­nem PC viel­leicht ein biss­chen be­schäf­ti­gen muss. Ich ge­ste­he, dass ich hier­für nur in Gren­zen Ge­duld und Kennt­nis­se auf­brin­ge und auf­brin­gen möch­te. Ich bin in die­sen Din­gen lei­der et­was kon­ser­va­tiv – ich will mich nicht mit al­lem be­schäf­ti­gen müs­sen, und zie­he es vor, dass dies Leu­te tun, die ich dann da­für be­zah­le (in Form von Soft- oder Hard­ware). Wenn ich dies nicht lei­sten kann, dann las­se ich es lie­ber.

    Zu Nensch: Merk­wür­dig fand ich, dass je­mand Kuro5shin der­ar­tig preist – und den deut­schen Ab­le­ger kei­nes Wor­tes wür­digt.- Mich wür­de in­ter­es­sie­ren, war­um. Mich wür­de auch in­ter­es­sie­ren, war­um er im­mer wie­der auf die USA re­kur­riert, statt zu er­läu­tern, wie die »Me­di­en­re­vo­lu­ti­on« in den deutsch­spra­chi­gen Län­dern oder von mir aus Eu­ro­pa Fuss fasst.

  14. Zwei kur­ze An­mer­kun­gen:

    > Der Durch­bruch der Open-Source-Pro­duk­te ge­lingt des­halb nicht, weil
    > (1.) die In­stal­la­ti­on im­mer noch re­la­tiv kom­pli­ziert ist

    Wie vie­le An­wen­der in­stal­lie­ren Win­dows selbst? Die In­stal­la­ti­on von
    Win­dows ist al­les an­de­re als un­kom­pli­ziert. Tat­säch­lich ist so­gar die
    In­be­trieb­nah­me von ei­ner in­stal­lier­ten Win­dows-Ver­si­on ein mitt­le­rer
    Alb­traum.

    Ein letz­tes Jahr ge­kauf­ter Lap­top mit Win­dows woll­te nach dem Start ca.
    10mal (kei­ne Übetrei­bung) Up­dates aus dem In­ter­net ho­len und neu
    ge­star­tet wer­den, be­vor er »si­cher« ins Netz ge­hen konn­te.
    Of­fen­sicht­lich war es dem Her­stel­ler un­mög­lich, die Si­cher­heits­up­dates
    vor­zu­in­stal­lie­ren. Viel­leicht ver­bie­tet Mi­cro­soft den Her­stel­lern ja per
    OEM-Ver­trag? Wie im Buch do­ku­men­tiert war dies in der Ver­gan­gen­heit für
    die ge­sam­te Boot-Se­quenz bis zum Er­schei­nen des Desk­tops der Fall. Wie
    dem auch sei, der Rech­ner war zu­nächst ein­mal un­brauch­bar.

    Da­bei muss­te ich als User meh­re­re kom­pli­zier­te EU­LAs durch­win­ken, wo wer
    weiß was drin ste­hen könn­te – nie­mand liest ja das Zeug wirk­lich durch.
    Nach ein paar Wo­chen mel­det sich dann noch das vor­in­stal­lier­te
    An­ti­vi­ren­pro­gramm, dass man doch jetzt ge­fäl­ligst ein Abo ein­ge­hen
    soll­te, an­son­sten ist der PC in Zu­kunft nicht mehr si­cher.

    Man stel­le sich mal ei­nen Nut­zer oder ei­ne Nut­ze­rin vor, die oh­ne
    Vor­kennt­nis­se mit der Win­dows-XP-Er­fah­rung kon­fron­tiert wird. Ver­gli­chen
    da­mit ist so­gar die In­stal­la­ti­on (!) von Su­SE oder Ubun­tu traum­haft
    ein­fach, wenn die Hard­ware-Kom­po­nen­ten stim­men, von der In­be­trieb­nah­me
    ei­nes in­stal­lier­ten Sy­stems ganz zu schwie­gen.

    Rich­tig ist, dass Li­nux nicht al­le Hard­ware-Kom­po­nen­ten un­ter­stützt –
    un­mög­lich, da die Her­stel­ler sich oft nicht die Mü­he ma­chen, Stan­dards
    ein­zu­hal­ten oder gar Li­nux-Trei­ber be­reit zu stel­len. Wer al­so
    tat­säch­lich selbst in­stal­lie­ren möch­te, soll­te vor­her sei­nen Rech­ner auf
    Kom­pa­ti­bi­li­tät te­sten. Ein auf DVD ge­brann­tes Knop­pix (www.knopper.net)
    lei­stet hier klei­ne Wun­der, oder auch ei­ne Ubun­tu-Live-CD. Ein­fach in
    den Rech­ner schie­ben, neu­star­ten, aus­pro­bie­ren – ein­fa­cher geht es nun
    wirk­lich nicht mehr.

    Das ei­gent­li­che Pro­blem ist aber das Feh­len gut vor­kon­fi­gu­rier­ter Li­nux-
    oder Du­al-Boot-Sy­ste­me, was, wie im Buch aus­führ­lich be­schrie­ben,
    zu­min­dest in der Ver­gan­gen­heit stark mit den Ver­trags­be­zie­hun­gen
    zwi­schen Mi­cro­soft und OEMs zu­sam­men hing. Aber auch heu­te gibt es noch
    kla­re Mo­ti­ve für OEMs, Mi­cro­soft den Vor­zug zu ge­hen. Schließ­lich
    ga­ran­tiert das al­le paar Jah­re neu er­schei­nen­de Win­dows (nun mit
    trans­pa­ren­ter »Aero«-Oberfläche), dass man auch re­gel­mä­ßig ei­nen neu­en
    Rech­ner »braucht«. Si­cher kommt es Dell & Co. nicht un­ge­le­gen, dass die
    größ­ten PC-Her­stel­ler die bei wei­tem ge­ring­sten Li­zenz­ge­büh­ren zah­len.
    Wenn al­le Her­stel­ler auf Li­nux setz­ten, fie­le die­ser Vor­teil weg, und
    ein krea­ti­vier klei­ner Her­stel­ler könn­te leich­ter mit ei­nem
    Mil­li­ar­den­un­ter­neh­men kon­kur­rie­ren.

    Ge­sprä­che der Art: »Ich kau­fe mir jetzt ei­nen neu­en PC, da­mit Vi­sta
    or­dent­lich läuft. Du auch?« »Nee, ich ver­wen­de Li­nux.« sind für mich
    mitt­ler­wei­le nichts Un­ge­wöhn­li­ches mehr. Tat­säch­lich las ich ge­ra­de über
    ei­ne neue Li­nux-Dis­tri­bu­ti­on na­mens »De­Li Li­nux«, die so­gar spe­zi­ell auf
    Low-End-Hard­ware wie 386er und 486er op­ti­miert ist. Mit an­de­ren Wor­ten:
    Wäh­rend Mi­cro­soft Fen­ster­rah­men trans­pa­rent macht, um die ex­po­nen­ti­ell
    stei­gen­den An­for­de­run­gen zu recht­fer­ti­gen, läuft Li­nux auf Rech­nern, die
    man aus der Por­to­kas­se be­zah­len könn­te.

    In der Tat über­rascht es dann auch kaum, dass der »One Lap­top Per
    Child«, das in­ter­na­tio­na­le Pro­jekt mit dem Ziel, je­dem Kind im
    Schul­al­ter ei­nen brauch­ba­ren Lap­top zur Ver­fü­gung zu stel­len, 100% auf
    Open-Source-Soft­ware setzt. Und eben­so we­nig, dass nicht al­le Play­er der
    For-Pro­fit-Öko­no­mie mit Li­nux et­was an­fan­gen kön­nen.

    Ist Kom­merz per De­fi­ni­ti­on »bö­se«? Nein, na­tür­lich nicht.
    Pro­fit­ori­en­tier­tes Han­deln hat ei­nen ent­schei­den­den Vor­teil ge­gen­über
    ge­mein­schafts­ori­en­tier­tem Den­ken: es ist ri­si­ko­freu­di­ger. So wird es
    im­mer Raum für krea­ti­ve Un­ter­neh­mer ge­ben, zu ver­su­chen, mit gro­ßen
    Ide­en gro­ßes Geld zu ma­chen. Ich bin aber der fe­sten Über­zeu­gung, dass
    die sta­bi­len In­sti­tu­tio­nen der mo­der­nen Ge­sell­schaft strikt nach dem
    Ge­mein­wohl ori­en­tiert sein müs­sen.

    In­wie­weit der Staat pro­fit­ori­en­tier­tes Den­ken und Han­deln sy­ste­ma­tisch
    z.B. durch Ur­he­ber­rech­te und Pa­ten­te un­ter­stüt­zen soll­te, ist eben­falls
    ei­ne in­ter­es­san­te Fra­ge – mit frei­er Markt­wirt­schaft hat das je­den­falls
    nichts zu tun.

    > und (2.) die Stan­dar­di­sie­rung von Schreib- oder
    > Ta­bel­len­kal­ku­la­ti­ons­pro­gram­men u. a. den emi­nen­ten Vor­teil hat, dass
    > die Kom­mu­ni­ka­ti­on welt­weit so­fort mög­lich ist, d. h. ein
    > »Word«-Dokument ist welt­weit ein­heit­lich und so­fort zu be­ar­bei­ten.

    Mo­no­pol­ba­sier­te, pro­prie­tä­re For­ma­te _unterbinden_ Kom­mu­ni­ka­ti­on
    welt­weit, weil sie die Li­zen­zie­rung von Soft­ware vor­aus­set­zen und ei­ne
    zu­ver­läs­si­ge freie Im­ple­men­tie­rung oh­ne of­fe­ne Stan­dards nicht mög­lich
    ist. Wie soll denn bit­te ein Re­gie­rungs­be­am­ter in Ni­ge­ri­en das schö­ne
    »Word-Do­ku­ment« öff­nen, oh­ne an Mi­cro­soft Geld zu be­zah­len, das weiß
    Gott an­ders­wo bes­ser an­ge­legt ist? Wie­so ist es recht­fer­tig­bar, dass
    mit Steu­er­gel­dern in For­ma­ten kom­mu­ni­ziert wird, die den Emp­fän­ger an
    ei­ne spe­zi­fi­sche Soft­ware­lö­sung bin­den? Ab­ge­se­hen da­von dass schon seit
    Jah­ren Ar­chi­va­re Alarm schla­gen, weil nie­mand ga­ran­tie­ren kann, dass man
    die­se Da­tei­en in 10 Jah­ren noch le­sen kann. Oder wir le­sen dann im Jahr
    2016: »Ih­re Li­zenz für Mi­cro­soft Word 2000 ist lei­der ab­ge­lau­fen, bit­te
    er­wer­ben Sie ei­ne neue Ko­pie.« Die es lei­der nicht mehr gibt, und ach
    wie scha­de, Mi­cro­soft pflegt auch den Im­port­fil­ter nicht mehr.
    Pro­prie­tä­res For­mat, Da­ten tot.

    In­du­strie und Re­gie­run­gen al­ler Län­der ha­ben mitt­ler­wei­le ein­ge­se­hen,
    dass »Mo­no­pol« nicht gleich »Stan­dard« ist, und des­halb im Rah­men der
    Or­ga­ni­za­ti­on for the Ad­van­ce­ment of Struc­tu­red In­for­ma­ti­on Stan­dards
    (OASIS) den Open­Do­cu­ment-Stan­dard ver­ab­schie­det, der sich an dem For­mat
    der Open-Source-Text­ver­ar­bei­tung OpenOffice.org ori­en­tiert. Und so­gar
    Mi­cro­soft ver­sucht mit »Open XML« auf den Zug auf­zu­sprin­gen, im
    ty­pi­schen Mi­cro­soft-Stil: neu­lich hat mir je­mand ein sol­ches
    »docx«-Dokument ge­schickt – ei­nes der gru­se­lig­sten XML-For­ma­te, die ich
    je ge­se­hen ha­be.

    Die Ver­ab­schie­dung und Ver­wen­dung ei­nes of­fe­nen Stan­dards für
    Do­ku­men­taus­tausch ist ei­ne so of­fen­sicht­li­che Not­wen­dig­keit, dass sie
    ei­gent­lich au­ßer­halb der von Lob­bies do­mi­nier­ten po­li­ti­schen Dis­kus­si­on
    kaum der Re­de wert sein soll­te. Dass Sie oh­ne Schul­ter­zucken in Ih­rer
    Re­zen­si­on pro­prie­tä­re Do­ku­ment­for­ma­te recht­fer­ti­gen, die mal eben gan­ze
    Kon­ti­nen­te von der ko­sten­ef­fek­ti­ven Teil­nah­me an der Wis­sens­ge­sell­schaft
    aus­schlie­ßen, fin­de ich er­schreckend.


    Peace & Love,
    Erik


    [Die­se Stel­lung­nah­me ging per E‑Mail ein und ist von Erik Möl­ler au­to­ri­siert.]