
1911 in Budapest als János Békessy geboren, 1977 in Locarno als Hans Habe verstorben. Wer kennt ihn noch, den Reporter, Journalisten, Herausgeber und Romanautor? Seine Bücher erreichten vor allem (aber nicht nur) in der Nachkriegsbundesrepublik teilweise Millionenauflagen, einige wurden verfilmt. Ende der 1960er Jahre war er eine Feindfigur der aufkommenden Linken. Bis dahin war er nur der Feind der restaurativen Rechten gewesen, die dem Juden Habe nicht verziehen hatten, zwei Mal gegen Nazi-Deutschland gekämpft zu haben. Habe war konservativ bis reaktionär, eitel, amerikanophil, hasste den Kommunismus genauso wie die Nazis. Sein Lebensstil war exaltiert, er liebte den Luxus und hatte neben sechs Ehen anscheinend zahllose Affären.
Längst sind seine Romane nur noch antiquarisch zu kaufen. Eine Gesamtausgabe gibt es nicht. Einige letzte Neuausgaben wurden in den 1980er Jahren gedruckt. Und ausgerechnet über eine solche Persönlichkeit und deren Werke, die in der Öffentlichkeit nahezu vergessen sind, publiziert die deutsche Germanistin und Schriftstellerin Susanne Falk nun eine Biografie in einem österreichischen Verlag.
Der Titel der Biografie, Feindbegegnung, ist bewusst doppelbödig gewählt. Zum einen hatte Habe mehr als genügend Feinde im Leben, die ihn sowohl physisch wie auch intellektuell bekämpften. Zum anderen ist da dieses Zitat aus Habes Autobiografie, welches Falk als Motto dem Buch voranstellt, indem er sich selber als den »einzigen wahren Feind« bezeichnete. Falk hatte einst sowohl ihre Diplomarbeit als auch eine Dissertation über Hans Habe verfasst und danach erst einmal anderen Feldern gewidmet, unter anderem der Schriftstellerei. Die distanzierte Faszination blieb, führte nach einigen Jahren zu neuen Recherchen und schließlich zu dieser Biografie, die für den Leser zu einer Zeitreise von der Donaumonarchie bis in die 68er-Jahre wird.
»Im Zweifel für den Schreibenden«
Der Verlag wirbt schon auf dem Cover mit »multimedialem Bonus-Content«. Über QR-Codes im Text werden Verweise zu Dokumenten, Audios und Videos angeboten, die die jeweils angesprochenen Ereignisse illustrieren und vertiefen. So finden sich Ausschnitte aus Filmen über und mit Hans Habe aber auch beispielsweise Trailer zu US-amerikanischen Filmen, in denen eine seiner Ehefrauen mitgespielt hatte. Man findet Links zu Karl Kraus’ Fackel und den vom Vater herausgebrachten Publikationen. Etwa in der Mitte des Buches sind auf diese Weise Inhaltsangaben von 27 ausgewählten Romanen Habes hinterlegt und als Boomer beginnt man, sich an das ein oder andere Cover zu erinnern. Neben zahlreichen Fotos gibt es also mehr als 50 nützliche Zusatzinformationen. Etwas störend sind die groß aufgemachten Zwischenüberschriften, die zentrale Thesen und Aussagen noch einmal rekapitulieren.
Wer war also Hans Habe? Die Mutter Bianca Marton, 1892 geboren, entstammte einer »verarmten Gutsherrenfamilie« und war Lehrerin. Der Vater Imre Békessy, (*1887) wurde mit 17 Hilfsreporter bei der Zeitung des Onkels und erfand ein Interview, was seine Karriere zunächst nicht zu befördern schien. Falk nimmt dies als Folie für eine Art Familientradition, in der man mit der Wahrheit und den Tatsachen großzügig umgehend, gerne ins »Geschichten erzählen« kommt. Sie wird dennoch häufig auf Habes, mit 43 Jahren verfasste Autobiografie von 1954 Ich stelle mich rekurrieren (müssen), allerdings stets mit einer gehörigen Portion Skepsis und durchaus mit recherchierten Einwänden und Widersprüchen. Ansonsten verfährt sie nach der Maxime »in dubio pro scriptorem«.
Bianca und Imre lernten sich in Budapest kennen und heirateten 1910. Ein Jahr später wird János geboren, das einzige Kind, welches zweisprachig, ungarisch und deutsch, aufwächst. Im Ersten Weltkrieg wurde der Vater eingezogen, die Mutter sicherte mit ihrem Beruf das Einkommen. Die Eltern schickten den Sohn zur Familie einer Tante, nach Balatonboglár. Dieser kleine Ort am Balatonsee wird später zu einem Sehnsuchtsort Habes werden. Der Vater versuchte, sich dem Krieg zu entziehen und stellte sich verrückt. Er scheiterte, wurde an die Front strafversetzt und kehrte anderthalb Jahre später, wie es heißt, »reich dekoriert« zurück.
In den Nachkriegswirren in Ungarn landete der Vater kurzzeitig im Gefängnis. Die Familie flüchtete nach Wien. Und fand auch hier eine Mischung aus »Auflösung und Neuordnung« vor. Békessy schaffte es zum Herausgeber zweier Zeitungen; galt als »Inflationsgewinnler«. János kam ins Gymnasium, zog sich häufig in die Literatur zurück und »verweigert das Kindsein«. Falk zweifelt die leicht idealisierte Darstellung Habes an, er sei eine Art Wunderkind gewesen. Der Vater wurde zum »Skandalverleger« und ein »gefürchteter Mann«; antisemitische Ausfälle gegen ihn gab es demzufolge reichlich. Und dann gab es da noch einen anderen Mann, der nicht minder gefürchtet war: Karl Kraus. Die beiden begannen eine Intimfeindschaft von besonderer Qualität, die Falk ausgiebig schildert. Der Vater sprach mit seinem Sohn nicht darüber; dieser war dem Spott seiner Mitschüler ausgesetzt.
1926 kam Imre Békessys Zeitungsimperium ins Wanken. Es gab einen Erpressungsskandal und fast gleichzeitig stand der Verlag vor dem finanziellen Ende, weil einer der Mäzene sich verspekuliert hatte. Békessy verfiel in Depressionen, versuchte sich zum ersten Mal das Leben zu nehmen. Die Depressionen sollte er in unregelmäßigen Abständen immer wieder bekommen. Sogar der erste Selbstmordversuch wurde von Kraus für Invektiven gegen Békessy herangezogen. Nicht genug – 1928 schrieb er ein schmähendes Theaterstück auf ihn. Intensität und Ausmaß dieses Scharmützels werden, so weiß Susanne Falk zu berichten, heute noch als »abschreckendes Beispiel für skrupellosen Journalismus« herangezogen.
Geburt eines Reporters
Die Eltern zogen nach Ungarn, der »neureiche Teenager« blieb in Wien, aber es ging es von der Luxusvilla in die einfache Wohnung einer Tante. 1928 sorgte der 17jährige János für einen Schulskandal, in dem er ein schlüpfriges Gedicht von Alfred Kerr öffentlich rezitierte und dafür mit Unterrichtsentzug bestraft wurde. Seine Maturaarbeit schrieb er über Heinrich Heine. Umstritten ist ein episodisch gebliebenes Germanistikstudium um 1929 in Heidelberg. Falk nennt dies ein »Märchen«; in den Dokumenten der Universität taucht der Name nicht auf. Zurück in Wien begann er als Reporter zu arbeiten und stürzte sich in das Nachtleben von Wien. Es kam unter anderem zu einer Liebesbeziehung mit Hilde Spiel. Die Freundschaft hielt lange bis es schließlich, wie so häufig bei Habe, zum Bruch kam.
Der Vater wurde in Ungarn wieder Herausgeber einiger Zeitungen. Der Sohn schrieb jetzt als Korrespondent unter anderem für die Zeitungen seines Vaters und lernte nicht nur das journalistische Handwerk, sondern auch Druckerei-Kenntnisse. 1932 wird schließlich der Reporter Hans Habe geboren. Er erhielt den Auftrag, über die Familie Adolf Hitlers zu recherchieren und fand Beweise für die Namensänderung von Hitlers Vater. Es gibt eine Sonderausgabe der Wiener Sonn-Montags-Zeitung mit der Schlagzeile »Hitler heißt Schücklgruber«. Es war nicht zuletzt aufgrund des grassierenden Antisemitismus klar, dass dieser Scoop nicht unter »Békessy« erscheinen konnte. Der Name Hans Habe entstand, aber das Pseudonym wird rasch entschlüsselt. Er wird es dennoch beibehalten.
1933 begeht Habe, so Susanne Falk, einen »der mit Abstand größten Fehler seines Lebens« als er »dem austrofaschistischen Pressedienst beitritt – rückblickend ein schwer verzeihliches Unterfangen, das eindeutig seinen Karriereambitionen geschuldet ist.« Habe spielte den Vorgang später herunter, argumentierte mit der speziellen Situation, Österreich vor den deutschen Nazis schützen zu wollen. Er war rasch kuriert, übersiedelte nach Genf, übernahm dann wieder in Wien die Wochenzeitung Der Morgen und wurde nach eigenem Bekunden der jüngste Chefredakteur Europas (auch dies dürfte eine Übertreibung Habes sein). Das Abenteuer endete rasch; der Anfänger Habe war überfordert und kehrte zusammen mit seiner damaligen Frau (es war bereits die 2. Ehe) zurück in die Schweiz, wurde dort »Völkerbund«-Korrespondent für diverse Zeitungen.
1937 erscheint Hans Habes erster Roman: Drei über die Grenze, ein Flüchtlingsdrama. Das Buch wird ein großer Erfolg und insgesamt in 18 Sprachen übersetzt. Habe wechselt von nun an stetig zwischen Journalist und Romanautor. Angestachelt durch seinen Erstlingserfolg legte er ein Jahr später nach und schrieb mit Eine Zeit bricht zusammen ein typisches »zweites Buch«, welches er später, wie es scheint, am besten nicht im Gesamtwerk hatte sehen wollen.
Fremdenlegion, Gefangenschaft und »Ritchie Boy«
An Habes antinazistischer Haltung gab es trotz der oben erwähnten »Jugendsünde« nie einen Zweifel. Als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbricht, verlässt er das sichere Schweizer Exil und meldet sich bei der französischen Fremdenlegion, um gegen Hitler-Deutschland zu kämpfen. Ob er, wie Falk schreibt, nicht gewusst habe, worauf er sich einlasse, dürfte schwer zu beantworten sein. Mutig war es in jedem Fall und das bestreitet auch die Biografin nicht. Er gerät 1940 in deutsche Kriegsgefangenschaft und kann nur durch falsche Angaben verhindern, dass er als Jude in ein Konzentrationslager kommt. Ihm gelingt schließlich die Flucht. Er, seine damalige Frau und auch Habes Eltern erreichen über die Lissaboner Route ein Schiff in die USA.
Habe verarbeitete seine Erlebnisse im Krieg und publizierte 1941 in den USA in englischer Sprache den Roman A Thousand Shall Fall. Das Buch erregte Aufsehen und war ein Bestseller; Habe ging damit auf Lesereise. Die deutsche Version Ob tausend fallen erscheint 1946. Der Titel bezieht sich »auf den siebten Vers des Psalms 91, der den Titel ›Unter dem Schutz des Höchsten‹ trägt«. Falk stellt das Buch auf eine Stufe mit Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues.
Habe wird amerikanischer Staatsbürger, Soldat und 1943 in der »Abteilung für psychologische Kriegsführung« eingesetzt. Mehr als die Hälfte der dort arbeitenden »Ritchie Boys« sind europäische Emigranten, darunter auch Intellektuelle, Schriftsteller und Künstler wie Klaus Mann und Stefan Heym. Habe wird Klaus Manns Vorgesetzter. Kurz ist Habe in Nordafrika, übernimmt dann in den USA vielfältige Funktionen, ist »Deutschlehrer, Journalist, Metteur, Politinstrukteur, Korrektor, Sprachlehrer, Stimmbildner, Psychologieprofessor«. In Sizilien hilft Habe bei der Einrichtung eines Radiosenders und verhört deutsche Kriegsgefangene. In der Normandie baut er eine Propagandazeitung auf. Im Herbst 1944 übernimmt Habe mit einigen »Ritchie-Boys« den Radiosender Luxemburg und geht für sieben Monate auf Sendung. Der »Nachtsender 1212« »fungiert sowohl als offizielles Sprachrohr der Amerikaner, dient jedoch auch einer anderen Art von Propaganda, indem man bei den Deutschen den Anschein erweckt, man sei ein geheimer Widerstandssender auf deutschem Gebiet.« Als Weihnachten 1944 die Deutschen drohen, den Sender wieder zurückzuerobern, ergreift Habe Maßnahmen, den Sender und alle Dokumente notfalls zu zerstören. Eine Flucht kommt nicht infrage. Falk schildert dieses Erlebnis als Schlüsselszene seines Lebens, in der er sich nachträglich als Held fühlt, mit großer Empathie.
Neuanfang mit Kulturangebot
Habe ist 1945 zusammen mit Persönlichkeiten wie Erich Kästner, Alfred Andersch, Robert Lembke, Alfred Kerr und Georg Stefan Troller in München und hebt die Neue Zeitung aus der Taufe, die rasch eine Auflage von bis zu zwei Millionen Exemplaren erreichen wird. Abermals kommen ihm neben seinen journalistischen auch die Kenntnisse des Setzens zu Gute. Habe ist zeitweise für 16 Zeitungen verantwortlich, hegt große Ambitionen, will den Deutschen das nahebringen, was sie lange entbehren mussten: Trennung von Nachricht und Kommentar, »objektive Berichterstattung und ein umfangreiches Kulturangebot.« Er führte, so Falk aus einem Gespräch mit Ernst Cramer, einem ehemaligen Weggefährten schließend, »nach 1945 ›internationale journalistische‹ Standards ein« und ist maßgeblich dafür verantwortlich, im »Wiederaufbau der deutschen Presse nach Kriegsende 1945 eine besonders vielfältige Zeitungslandschaft zu entwerfen.«
Das Engagement mit der Neuen Zeitung blieb kurz. Der politische Wind drehte sich. Habe war zudem ein unbequemer Untergebener. Er kritisierte offen den Morgenthau-Plan, trat dafür ein, die Zeitungen möglichst schnell an deutsche, unbelastete Herausgeber abzugeben. Die Briten folgten ihm, aber die Amerikaner wollten die Zeitungen als Propagandainstrumente gegen die Sowjets nutzen. Er zog die Konsequenzen und ging. »Das Ende von Utopia« titelt Falk leicht pathetisch.
Habes Leben verläuft von nun an noch unsteter. Er geht zurück in die USA, verarbeitet seine Kriegserlebnisse in drei rasch aufeinanderfolgenden Romanen, die zum Teil zunächst in englischer Sprache erscheinen, allerdings mit eher mäßigem Erfolg. Er scheitert krachend als Drehbuchautor in Hollywood, geht wieder nach Deutschland, gibt auch dort rasch eine Anstellung auf. 1955 heiratet er die ungarische Schauspielerin Licci Balla. Es ist die sechste Ehe und sie wird 21 Jahre, bis zum Tod Habes, halten. In den 21 Jahren zuvor heiratete er fünf Mal und man muss die Biografin alleine schon deshalb bewundern, weil sie diese Eheknäuel souverän entwirrt.
Bisweilen ringt Susanne Falk dabei um Fassung, kann und will ihre Abneigung gegen einzelne Äußerungen Habes insbesondere über Frauen nicht verbergen, wirft ihm Sexismus vor und geißelt sein traditionelles Rollen- und Familienbild. An einer Stelle nimmt sie entsprechende Äußerungen einer Figur in einem Roman als Alter ego-Statement Habes und verweigert die Trennung zwischen Autor und Werk. Aber sie erkennt den Mut des Soldaten an und schildert auch eine Überlieferung, in der Habe von Heckenschützen auf offener Straße beschossen wird und statt zu flüchten selber das Feuer eröffnet. Da kommt dem Leser die berühmte Burgunder-Szene von Ernst Jünger in den Sinn, der sein Glas auf ein über seinem Kopf fliegenden Kampfjet erhoben hatte. Habes Eröffnung des Feuers auf den Sniper bekommt da noch einmal eine andere Qualität und könnte exemplarisch den Unterschied zwischen Intellektualität und dem realen Leben zeigen.
Die Erfolge des Vielschreibers und Axel Springer
Nachträglich zeigt sich 1951 als eines der Schicksalsjahre von Hans Habe. Zunächst wird seine Tochter Marina in München geboren. Und dann kommt es zum gemeinsamen Freitod der Eltern in Ungarn, in dem sie seit 1947 wieder lebten. Im nicht mehr auffindbaren Abschiedsbrief des Vaters soll dieser seinem Sohn den Vorwurf gemacht haben, sie nicht aus dem kommunistischen Land geholt zu haben. Dabei war es Hans Habe, der mehrmals eine Remigration angeboten hatte. Was er dem Vater nie verzeihen wird, ist, dass er die Mutter mit den Selbstmord getrieben hat.
Habe zieht nach Österreich, später in die Schweiz. Die großen Romanerfolge in Deutschland beginnen 1960 mit Ilona und 1962 dem mehr als eine Million Mal verkauften Roman Die Tarnowska. Habe ist in dieser Zeit außerordentlich produktiv und verfasst auch noch mindestens 19 Bücher unter Pseudonymen wie etwa Hans Wolfgang, Frank Richard, Antonio Corte, Frederick Gert, Georg Herwegh und Peter Stone. Weitere Pseudonyme werden genannt, sind aber nicht sicher zuzuordnen. Was andere »produktiv« nennen, bezeichnet Habe in einem Gespräch als Suche – ohne den Gegenstand der Suche zu definieren.
Während der »Enteignet Springer«-Kampagne schlägt sich Habe auf die Seite von Axel Springer und schreibt für die Welt, Welt am Sonntag und Bild. Die beiden werden Freunde in gegenseitigem Respekt. Habe stellt sich im Vietnamkrieg auf die Seite der Amerikaner und wird nicht nur dafür angefeindet, sogar als »Faschist« beschimpft. Er strengt zahlreiche Beleidigungsprozesse an, von denen Falk jene mit Henri Nannen, dem streitbaren Stern-Herausgeber (ausgerechnet er, der in einer SS-Propagandakompanie Dienst leistete – irgendwie bezeichnend, dass eine sogenannte »Journalistenschule« nach ihm benannt ist), Alexander Lernet-Holenia und Friedrich Dürrenmatt beleuchtet. Besonders empfindlich reagiert Habe, wenn es gegen seinen Vater geht, dem er zwar innerlich reserviert bis ablehnend gegenüber steht, aber nach außen verteidigt.
Habe trifft 1969 ein schwerer Schlag. Seine Tochter Marina, die in Los Angeles lebte, wurde entführt und wenige Tage später ermordet aufgefunden. Die Tat wird nie aufgeklärt. Man findet Sperma bei der Leiche, die fürchterlich zugerichtet wurde. Der Verdacht liegt nahe, dass es sich um einen Manson-Mord gehandelt haben könnte. Habe wird sich, wie Falk schreibt, nie mehr davon erholen, spaltet sich in eine private und eine öffentliche Person auf. Im gleichen Jahr erscheint mit Das Netz ein Roman, indem ein Sexualstraftäter vorkommt. Das Buch wird 1975, ein Jahr vor Habes Krebs-Tod, prominent verfilmt.
Freundschaften und die Gruppe 47
Interessant sind die Ausführungen zu Habes Freundschaften abseits der Öffentlichkeit. Falk betont, dass es davon wenige gab. Und diese wurden im Alter noch weniger, weil Meinungsverschiedenheiten dann doch zu Brüchen führte, etwa mit Hilde Spiel. Besonders instruktiv gelingt Falk die Schilderung der Freundschaft mit Erika Mann. Die ausgewählten Zitate sind aufschlussreich und bewegend. Obwohl man gegenseitig sehr lange die unterschiedlichen politischen Sichtweisen akzeptierte, kam es schließlich doch mindestens zum Stillstand oder gar zum Bruch. Wäre er endgültig gewesen? Die Frage kann nicht beantwortet werden; Erika Mann starb 1969.
Habe traf das Diktum von Marcel Reich-Ranicki, der ihn einen »außerordentlich geschickten Journalisten« nannte, der »aber kein bedeutender Schriftsteller« sei, schwer. Sein Image als Kolportageschriftsteller schmerzte ihn. Er warf den zeitgenössischen Literaten der Gruppe 47 vor, nicht an das Publikum zu denken, auf Distanz zum Leser zu gehen. In einem Vortrag 1965 sieht er sich das der wahre Erzähler, als »demütiger Schüler Balzacs, Tolstojs, Fontanes, Thomas Manns, Mauriacs und Joseph Roths.« Diese Einschätzung trieft vor Hybris. Dennoch ist in anderer Hinsicht seine Kritik an der Gruppe 47 berechtigt. Habe konstatierte, die Autoren würden »Vergangenheitsbewältigung nur in einem Rahmen [zulassen], in dem man keiner ›braunen Fliege‹ auch nur ›weh zu tun‹ bereit wäre« (zitiert nach Falk).
Auch seine Kritik am Feuilleton war bereits damals nicht von der Hand zu weisen. Falk zitiert aus einem Brief Habes an Axel Springer von 1967: »Natürlich ist die ganze Presse daran Schuld, dass sie diese Meute hochgezüchtet hat. Wenn der Spiegel bei jeder Gelegenheit zitiert wird als wäre sie die Stimme des Herrn, muss der Leser an die Offenbarungen des Herrn Augstein glauben. Nie noch hat ein Presseorgan eine so selbstlose Reklame von anderen Presseorganen bekommen. Ebenso verhält es sich mit den in der Gruppe 47 vereinten Zsa Zsa Gabors der Literatur. Selbstverständlich muss man ihre Bücher besprechen. Aber zur Bedeutung gelangt sind sie nicht durch ihre literarischen Leistungen, sondern weil man sie – zwischen dem Erscheinen ihrer Bücher – zu ›Persönlichkeiten‹ gemacht hat.« Das einzige Problem des Verständnisses dieses Auszugs ergibt sich womöglich dadurch, dass heute niemand mehr weiß, wer Zsa Zsa Gabor war.
Was bleibt?
Nicht alle Deutungen und Parallelen überzeugen. Etwa die Gemeinsamkeiten zwischen Springer und Habe. Zwar waren beide mehrfach verheiratet, stellten sich auf die Seite der USA und Israels und verabscheuten den Kommunismus. Aber das gemeinsame Schicksal mit dem allzu frühen Tod eines ihrer Kinder heranzuziehen, ist bizarr. Habes Tochter wurde ermordet, Axel Springers Sohn beging Suizid. Letzteres geschah mehrere Jahre nach dem Tod von Hans Habe, konnte also keine Gemeinsamkeit einer Freundschaft begründen.
Auch im Verhältnis Habes zu seinem 1944 geborenen Sohn Anthony eine Parallele zum eigenen Vater/Sohn-Verhältnis zu entdecken, überzeugt nicht. Habe sieht Anthony als Baby ein paar Tage, bevor er durch Krieg und spätere Scheidung den Kontakt verliert und ihn erst im Alter von 20 Jahren wiedersieht. Imre Békessy hingegen – und das betont die Biografin mehrmals – brachte seinem Sohn trotz aller Differenzen und Reserviertheiten das journalistische Handwerk inklusive das Setzen und Drucken bei. Der Unterschied könnte größer nicht sein.
Dennoch überwiegt das Positive. Susanne Falks Biografie ist gut recherchiert, ehrlich und spannend geschrieben. Sie versucht dieser damals wie heute ambivalenten, komplexen Persönlichkeit und diesem außergewöhnlichen Lebenslauf gerecht zu werden. Es gibt ein Personen- und, soweit dies bei Habe möglich ist, ein Werkverzeichnis. Die Endnoten liefern gut dosiert ergänzende Informationen.
Es hätte vermutlich den Rahmen gesprengt, einen kleinen literaturhistorischem Ausflug zu den anderen beiden großen Kolportageautoren der deutschen Nachkriegsgeschichte zu unternehmen. Womöglich findet man darin eine Antwort, warum Habe von den heute vergessenen Autoren noch ein bisschen mehr vergessen ist.
Exkurs – Die drei großen Trivialautoren der Nachkriegszeit
Überraschend versuchte das Feuilleton 2024 anlässlich seines 100. Geburtstags eine kleine Wiedergutmachung von Johannes Mario Simmel. Der hatte seit den 1960er Jahren über fast drei Jahrzehnte die Bestsellerlisten in Deutschland geprägt. Sein großer Widersacher war einer der auflagenstärksten deutschen Nachkriegsautoren, Heinz G. Konsalik. Seine Bücher erreichten nach vorsichtigen Schätzungen mehr als 80 Millionen Auflage, knapp dahinter Simmel. Habe fällt mit den von Susanne Falk genannten 14 Millionen dagegen ab. Welches sind die Gründe?
Hans Habe, der aktiv gegen das Nazi-Regime gekämpft hatte, stand nicht nur ästhetisch im Gegensatz zu den sich selbst Absolution erteilenden Autoren der Gruppe 47. Das hatte schon mit seinem Status als Exilant zu tun. Hans Werner Richter zögerte, diesen Autoren Einladungen zu schicken. Das hatte zur Folge, dass die literarische Moderne, die in Deutschland in den 1920er/30er Jahren eine Blüte erfahren hatte, praktisch keine Rolle spielte. Die zunächst geschriebene und lange präferierte Kahlschlagliteratur war realistisch und befasste sich nur oberflächlich mit den moralischen Verstrickungen des Einzelnen. Die Nazi-Zeit wurde zwar nicht entschuldigt, aber zumeist ausgeblendet, waberte allenfalls im Hintergrund oder wurde, wie in Grass’ Blechtrommel, satirisch behandelt. Der Schwerpunkt der Prosa galt dem Leben in der unmittelbaren Gegenwart und nahen Zukunft im zum Teil zerstörten Nachkriegsdeutschland.
Von dem unberührt schrieb Heinz G. Konsalik, der in seinen Romanen den Lesern das Gefühl gab, während der Nazi-Zeit einem Schicksal ausgeliefert gewesen und damit nicht schuldig geworden zu sein. Er spielte mit einem gewissen Heroismus des inneren Widerstands und suggerierte, der »einfache« Wehrmachtsoldat sei das Opfer einer monströsen Befehlsmaschine geworden. So lieferte er Entlastung und Identifikation zugleich. Man hatte nichts falsch gemacht.
Auch Hans Habe wollte emotionalisieren, bestand darauf, dass der Leser sich mit den Protagonisten identifizieren konnte und beklagte in seiner Auseinandersetzung mit der neuen deutschen Literatur die »menschenlosen« Romane. Allerdings verweigerte Habe die Katharsis, verwarf die Anerkennung des Opferstatus des Landsers, Flakhelfers oder »inneren Emigranten« und verweigerte die Herauslösung der Verantwortung des Einzelnen aus der deutschen Geschichte (allerdings ohne der Kollektivschuldthese zuzustimmen). In einem Gespräch über seinen Roman Christoph und sein Vater aus dem Jahr 1966, welches im »Bonus-Content« verlinkt ist, spricht Habe über den tiefen Abgrund der Generationen in Deutschland. Die 60jährigen seien die Generation, die schuldig wurde, weil sie jubelte oder schwieg. Die 40jährigen hätten ihre ersten Eindrücke in der Hitler-Jugend empfangen. Eine Figur dieser Generation lässt er im Roman sagen, dass sie ihre Väter und die Feinde ihrer Väter zugleich hassten. Die 20jährigen, so Habe, trügen die Last der dunklen Jahre. Als der Krieg zu Ende ging, begann, so seine These, die Schizophrenie. Der ehemalige Landser lehnte das Hitler-Regime ab, war aber stolz, seinem Vaterland gedient zu haben. Die Deutschen seien, so zitiert Habe den Protagonisten weiter, die Erfinder einer doppelten Vergangenheit. Es beruhige ihn nicht, dass Deutschland den Nationalsozialismus überwunden habe. Die Frage sei, ob man auch den Opportunismus überwunden habe. Habe wollte nicht richten, höchstens »berichten« und lehnte vorschnelle Urteile ab. »Schwarz und weiß«, so Habe, seien nicht die Farben des Romanciers. Mit diesem Anspruch passte der konservative Antifaschist, der sich in den Augen seiner Gegner dem Erzfeind Springer andiente, spätestens ab Ende der 1960er Jahre nicht mehr in die Zeit.
Während Konsalik in seinen Romanen die psychologische Bedürfnislage der Flakhelfer-Generation (also diejenigen, die 1966 die 40jährigen waren) perfekt bediente, bekamen sowohl später Geborene wie auch Verdränger mit Johannes Mario Simmel einen Autor, der die aktuellen Zeitprobleme in seinen Romanen unterhaltsam und zugleich moralisierend ansprach. Es ging auch hier um Antifaschismus, aber Simmel erweitere die Themenfelder, beschäftigte sich mit Pazifismus, dem Kalten Krieg, übte Kapitalismuskritik, trat für soziale Gerechtigkeit ein und vergaß nicht, den Plot mit Liebe und Sex anzureichern. Simmels Bücher, seine kaum noch unterschwelligen, sondern direkten Botschaften, strahlten Progressivität aus ohne dezidiert links zu sein. Sie waren an das sich formende linksliberale Bürgertum der 1970er/80er anschlussfähig. Simmel bediente nicht nur den Zeitgeist, er schuf ihn mit.
Neben den oft zeitnahen Verfilmungen seiner Romane profitierte Simmel vor allem von der Präsenz in den Buchclubs und Lesekreisen, die seinen Werken hohe Auflagenzahlen verschafften. Zwar fanden sich auch Konsalik und Habe in den Verkaufslisten (Habe mit Ilona und Das Netz), aber bei Habe ist bislang kein sogenannter Hauptvorschlagsband nachgewiesen, der den Mitgliedern automatisch zugeschickt wurde, falls sie in einem bestimmten Zeitraum kein anderes Buch auswählten. So war in den 1970ern Simmels Roman Die Antwort kennt nur der Wind, der bisweilen mit Im Westen nichts Neues vergleichen wird, bei mehreren Clubs Hauptvorschlagsband. Fast 40% der Gesamtauflage dieses Romans, der sich anfangs eher schleppend verkaufte, wurden so erzielt. Zuvor erreichte Es muss nicht immer Kaviar sein alleine im Bertelsmann-Lesering eine Auflage von einer Million.
Und so bleibt die Frage auch nach Susanne Falks instruktiver Biografie offen, ob man den ein oder anderen Roman von Hans Habe vielleicht doch wieder auflegen sollte. Aber wer würde das alles noch verstehen?