Su­san­ne Falk: Feind­be­geg­nung

Susanne Falk: Feindbegegnung
Su­san­ne Falk: Feind­be­geg­nung – Ei­ne Hans Ha­be-Bio­gra­fie

1911 in Bu­da­pest als Já­nos Bé­kes­sy ge­bo­ren, 1977 in Lo­car­no als Hans Ha­be ver­stor­ben. Wer kennt ihn noch, den Re­por­ter, Jour­na­li­sten, Her­aus­ge­ber und Ro­man­au­tor? Sei­ne Bü­cher er­reich­ten vor al­lem (aber nicht nur) in der Nach­kriegs­bun­des­re­pu­blik teil­wei­se Mil­lio­nen­auf­la­gen, ei­ni­ge wur­den ver­filmt. En­de der 1960er Jah­re war er ei­ne Feind­fi­gur der auf­kom­men­den Lin­ken. Bis da­hin war er nur der Feind der re­stau­ra­ti­ven Rech­ten ge­we­sen, die dem Ju­den Ha­be nicht ver­zie­hen hat­ten, zwei Mal ge­gen Na­zi-Deutsch­land ge­kämpft zu ha­ben. Ha­be war kon­ser­va­tiv bis re­ak­tio­när, ei­tel, ame­ri­ka­no­phil, hass­te den Kom­mu­nis­mus ge­nau­so wie die Na­zis. Sein Le­bens­stil war ex­al­tiert, er lieb­te den Lu­xus und hat­te ne­ben sechs Ehen an­schei­nend zahl­lo­se Af­fä­ren.

Längst sind sei­ne Ro­ma­ne nur noch an­ti­qua­risch zu kau­fen. Ei­ne Ge­samt­aus­ga­be gibt es nicht. Ei­ni­ge letz­te Neu­aus­ga­ben wur­den in den 1980er Jah­ren ge­druckt. Und aus­ge­rech­net über ei­ne sol­che Per­sön­lich­keit und de­ren Wer­ke, die in der Öf­fent­lich­keit na­he­zu ver­ges­sen sind, pu­bli­ziert die deut­sche Ger­ma­ni­stin und Schrift­stel­le­rin Su­san­ne Falk nun ei­ne Bio­gra­fie in ei­nem öster­rei­chi­schen Ver­lag.

Der Ti­tel der Bio­gra­fie, Feind­be­geg­nung, ist be­wusst dop­pel­bö­dig ge­wählt. Zum ei­nen hat­te Ha­be mehr als ge­nü­gend Fein­de im Le­ben, die ihn so­wohl phy­sisch wie auch in­tel­lek­tu­ell be­kämpf­ten. Zum an­de­ren ist da die­ses Zi­tat aus Ha­bes Au­to­bio­gra­fie, wel­ches Falk als Mot­to dem Buch vor­an­stellt, in­dem er sich sel­ber als den »ein­zi­gen wah­ren Feind« be­zeich­ne­te. Falk hat­te einst so­wohl ih­re Di­plom­ar­beit als auch ei­ne Dis­ser­ta­ti­on über Hans Ha­be ver­fasst und da­nach erst ein­mal an­de­ren Fel­dern ge­wid­met, un­ter an­de­rem der Schrift­stel­le­rei. Die di­stan­zier­te Fas­zi­na­ti­on blieb, führ­te nach ei­ni­gen Jah­ren zu neu­en Re­cher­chen und schließ­lich zu die­ser Bio­gra­fie, die für den Le­ser zu ei­ner Zeit­rei­se von der Do­nau­mon­ar­chie bis in die 68er-Jah­re wird.

»Im Zwei­fel für den Schrei­ben­den«

Der Ver­lag wirbt schon auf dem Co­ver mit »mul­ti­me­dia­lem Bo­nus-Con­tent«. Über QR-Codes im Text wer­den Ver­wei­se zu Do­ku­men­ten, Au­di­os und Vi­de­os an­ge­bo­ten, die die je­weils an­ge­spro­che­nen Er­eig­nis­se il­lu­strie­ren und ver­tie­fen. So fin­den sich Aus­schnit­te aus Fil­men über und mit Hans Ha­be aber auch bei­spiels­wei­se Trai­ler zu US-ame­ri­ka­ni­schen Fil­men, in de­nen ei­ne sei­ner Ehe­frau­en mit­ge­spielt hat­te. Man fin­det Links zu Karl Kraus’ Fackel und den vom Va­ter her­aus­ge­brach­ten Pu­bli­ka­tio­nen. Et­wa in der Mit­te des Bu­ches sind auf die­se Wei­se In­halts­an­ga­ben von 27 aus­ge­wähl­ten Ro­ma­nen Ha­bes hin­ter­legt und als Boo­mer be­ginnt man, sich an das ein oder an­de­re Co­ver zu er­in­nern. Ne­ben zahl­rei­chen Fo­tos gibt es al­so mehr als 50 nütz­li­che Zu­satz­in­for­ma­tio­nen. Et­was stö­rend sind die groß auf­ge­mach­ten Zwi­schen­über­schrif­ten, die zen­tra­le The­sen und Aus­sa­gen noch ein­mal re­ka­pi­tu­lie­ren.

Wer war al­so Hans Ha­be? Die Mut­ter Bi­an­ca Mar­ton, 1892 ge­bo­ren, ent­stamm­te ei­ner »ver­arm­ten Guts­her­ren­fa­mi­lie« und war Leh­re­rin. Der Va­ter Im­re Bé­kes­sy, (*1887) wur­de mit 17 Hilfs­re­por­ter bei der Zei­tung des On­kels und er­fand ein In­ter­view, was sei­ne Kar­rie­re zu­nächst nicht zu be­för­dern schien. Falk nimmt dies als Fo­lie für ei­ne Art Fa­mi­li­en­tra­di­ti­on, in der man mit der Wahr­heit und den Tat­sa­chen groß­zü­gig um­ge­hend, ger­ne ins »Ge­schich­ten er­zäh­len« kommt. Sie wird den­noch häu­fig auf Ha­bes, mit 43 Jah­ren ver­fass­te Au­to­bio­gra­fie von 1954 Ich stel­le mich re­kur­rie­ren (müs­sen), al­ler­dings stets mit ei­ner ge­hö­ri­gen Por­ti­on Skep­sis und durch­aus mit re­cher­chier­ten Ein­wän­den und Wi­der­sprü­chen. An­son­sten ver­fährt sie nach der Ma­xi­me »in du­bio pro scriptorem«.

Bi­an­ca und Im­re lern­ten sich in Bu­da­pest ken­nen und hei­ra­te­ten 1910. Ein Jahr spä­ter wird Já­nos ge­bo­ren, das ein­zi­ge Kind, wel­ches zwei­spra­chig, un­ga­risch und deutsch, auf­wächst. Im Er­sten Welt­krieg wur­de der Va­ter ein­ge­zo­gen, die Mut­ter si­cher­te mit ih­rem Be­ruf das Ein­kom­men. Die El­tern schick­ten den Sohn zur Fa­mi­lie ei­ner Tan­te, nach Ba­la­ton­bo­glár. Die­ser klei­ne Ort am Ba­la­ton­see wird spä­ter zu ei­nem Sehn­suchts­ort Ha­bes wer­den. Der Va­ter ver­such­te, sich dem Krieg zu ent­zie­hen und stell­te sich ver­rückt. Er schei­ter­te, wur­de an die Front straf­ver­setzt und kehr­te an­dert­halb Jah­re spä­ter, wie es heißt, »reich de­ko­riert« zu­rück.

In den Nach­kriegs­wir­ren in Un­garn lan­de­te der Va­ter kurz­zei­tig im Ge­fäng­nis. Die Fa­mi­lie flüch­te­te nach Wien. Und fand auch hier ei­ne Mi­schung aus »Auf­lö­sung und Neu­ord­nung« vor. Bé­kes­sy schaff­te es zum Her­aus­ge­ber zwei­er Zei­tun­gen; galt als »In­fla­ti­ons­ge­winn­ler«. Já­nos kam ins Gym­na­si­um, zog sich häu­fig in die Li­te­ra­tur zu­rück und »ver­wei­gert das Kind­sein«. Falk zwei­felt die leicht idea­li­sier­te Dar­stel­lung Ha­bes an, er sei ei­ne Art Wun­der­kind ge­we­sen. Der Va­ter wur­de zum »Skan­dal­ver­le­ger« und ein »ge­fürch­te­ter Mann«; an­ti­se­mi­ti­sche Aus­fäl­le ge­gen ihn gab es dem­zu­fol­ge reich­lich. Und dann gab es da noch ei­nen an­de­ren Mann, der nicht min­der ge­fürch­tet war: Karl Kraus. Die bei­den be­gan­nen ei­ne In­tim­feind­schaft von be­son­de­rer Qua­li­tät, die Falk aus­gie­big schil­dert. Der Va­ter sprach mit sei­nem Sohn nicht dar­über; die­ser war dem Spott sei­ner Mit­schü­ler aus­ge­setzt.

1926 kam Im­re Bé­kes­sys Zei­tungs­im­pe­ri­um ins Wan­ken. Es gab ei­nen Er­pres­sungs­skan­dal und fast gleich­zei­tig stand der Ver­lag vor dem fi­nan­zi­el­len En­de, weil ei­ner der Mä­ze­ne sich ver­spe­ku­liert hat­te. Bé­kes­sy ver­fiel in De­pres­sio­nen, ver­such­te sich zum er­sten Mal das Le­ben zu neh­men. Die De­pres­sio­nen soll­te er in un­re­gel­mä­ßi­gen Ab­stän­den im­mer wie­der be­kom­men. So­gar der er­ste Selbst­mord­ver­such wur­de von Kraus für In­vek­ti­ven ge­gen Bé­kes­sy her­an­ge­zo­gen. Nicht ge­nug – 1928 schrieb er ein schmä­hen­des Thea­ter­stück auf ihn. In­ten­si­tät und Aus­maß die­ses Schar­müt­zels wer­den, so weiß Su­san­ne Falk zu be­rich­ten, heu­te noch als »ab­schrecken­des Bei­spiel für skru­pel­lo­sen Jour­na­lis­mus« her­an­ge­zo­gen.

Ge­burt ei­nes Re­por­ters

Die El­tern zo­gen nach Un­garn, der »neu­rei­che Teen­ager« blieb in Wien, aber es ging es von der Lu­xus­vil­la in die ein­fa­che Woh­nung ei­ner Tan­te. 1928 sorg­te der 17jährige Já­nos für ei­nen Schul­skan­dal, in dem er ein schlüpf­ri­ges Ge­dicht von Al­fred Kerr öf­fent­lich re­zi­tier­te und da­für mit Un­ter­richts­ent­zug be­straft wur­de. Sei­ne Ma­tu­ra­ar­beit schrieb er über Hein­rich Hei­ne. Um­strit­ten ist ein epi­so­disch ge­blie­be­nes Ger­ma­ni­stik­stu­di­um um 1929 in Hei­del­berg. Falk nennt dies ein »Mär­chen«; in den Do­ku­men­ten der Uni­ver­si­tät taucht der Na­me nicht auf. Zu­rück in Wien be­gann er als Re­por­ter zu ar­bei­ten und stürz­te sich in das Nacht­le­ben von Wien. Es kam un­ter an­de­rem zu ei­ner Lie­bes­be­zie­hung mit Hil­de Spiel. Die Freund­schaft hielt lan­ge bis es schließ­lich, wie so häu­fig bei Ha­be, zum Bruch kam.

Der Va­ter wur­de in Un­garn wie­der Her­aus­ge­ber ei­ni­ger Zei­tun­gen. Der Sohn schrieb jetzt als Kor­re­spon­dent un­ter an­de­rem für die Zei­tun­gen sei­nes Va­ters und lern­te nicht nur das jour­na­li­sti­sche Hand­werk, son­dern auch Drucke­rei-Kennt­nis­se. 1932 wird schließ­lich der Re­por­ter Hans Ha­be ge­bo­ren. Er er­hielt den Auf­trag, über die Fa­mi­lie Adolf Hit­lers zu re­cher­chie­ren und fand Be­wei­se für die Na­mens­än­de­rung von Hit­lers Va­ter. Es gibt ei­ne Son­der­aus­ga­be der Wie­ner Sonn-Mon­tags-Zei­tung mit der Schlag­zei­le »Hit­ler heißt Schück­lgru­ber«. Es war nicht zu­letzt auf­grund des gras­sie­ren­den An­ti­se­mi­tis­mus klar, dass die­ser Scoop nicht un­ter »Bé­kes­sy« er­schei­nen konn­te. Der Na­me Hans Ha­be ent­stand, aber das Pseud­onym wird rasch ent­schlüs­selt. Er wird es den­noch bei­be­hal­ten.

1933 be­geht Ha­be, so Su­san­ne Falk, ei­nen »der mit Ab­stand größ­ten Feh­ler sei­nes Le­bens« als er »dem au­stro­fa­schi­sti­schen Pres­se­dienst bei­tritt – rück­blickend ein schwer ver­zeih­li­ches Un­ter­fan­gen, das ein­deu­tig sei­nen Kar­rie­re­am­bi­tio­nen ge­schul­det ist.« Ha­be spiel­te den Vor­gang spä­ter her­un­ter, ar­gu­men­tier­te mit der spe­zi­el­len Si­tua­ti­on, Öster­reich vor den deut­schen Na­zis schüt­zen zu wol­len. Er war rasch ku­riert, über­sie­del­te nach Genf, über­nahm dann wie­der in Wien die Wo­chen­zei­tung Der Mor­gen und wur­de nach ei­ge­nem Be­kun­den der jüng­ste Chef­re­dak­teur Eu­ro­pas (auch dies dürf­te ei­ne Über­trei­bung Ha­bes sein). Das Aben­teu­er en­de­te rasch; der An­fän­ger Ha­be war über­for­dert und kehr­te zu­sam­men mit sei­ner da­ma­li­gen Frau (es war be­reits die 2. Ehe) zu­rück in die Schweiz, wur­de dort »Völkerbund«-Korrespondent für di­ver­se Zei­tun­gen.

1937 er­scheint Hans Ha­bes er­ster Ro­man: Drei über die Gren­ze, ein Flücht­lings­dra­ma. Das Buch wird ein gro­ßer Er­folg und ins­ge­samt in 18 Spra­chen über­setzt. Ha­be wech­selt von nun an ste­tig zwi­schen Jour­na­list und Ro­man­au­tor. An­ge­sta­chelt durch sei­nen Erst­lings­er­folg leg­te er ein Jahr spä­ter nach und schrieb mit Ei­ne Zeit bricht zu­sam­men ein ty­pi­sches »zwei­tes Buch«, wel­ches er spä­ter, wie es scheint, am be­sten nicht im Ge­samt­werk hat­te se­hen wol­len.

Frem­den­le­gi­on, Ge­fan­gen­schaft und »Rit­chie Boy«

An Ha­bes an­ti­na­zi­sti­scher Hal­tung gab es trotz der oben er­wähn­ten »Ju­gend­sün­de« nie ei­nen Zwei­fel. Als 1939 der Zwei­te Welt­krieg aus­bricht, ver­lässt er das si­che­re Schwei­zer Exil und mel­det sich bei der fran­zö­si­schen Frem­den­le­gi­on, um ge­gen Hit­ler-Deutsch­land zu kämp­fen. Ob er, wie Falk schreibt, nicht ge­wusst ha­be, wor­auf er sich ein­las­se, dürf­te schwer zu be­ant­wor­ten sein. Mu­tig war es in je­dem Fall und das be­strei­tet auch die Bio­gra­fin nicht. Er ge­rät 1940 in deut­sche Kriegs­ge­fan­gen­schaft und kann nur durch fal­sche An­ga­ben ver­hin­dern, dass er als Ju­de in ein Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger kommt. Ihm ge­lingt schließ­lich die Flucht. Er, sei­ne da­ma­li­ge Frau und auch Ha­bes El­tern er­rei­chen über die Lis­sa­boner Rou­te ein Schiff in die USA.

Ha­be ver­ar­bei­te­te sei­ne Er­leb­nis­se im Krieg und pu­bli­zier­te 1941 in den USA in eng­li­scher Spra­che den Ro­man A Thou­sand Shall Fall. Das Buch er­reg­te Auf­se­hen und war ein Best­sel­ler; Ha­be ging da­mit auf Le­se­rei­se. Die deut­sche Ver­si­on Ob tau­send fal­len er­scheint 1946. Der Ti­tel be­zieht sich »auf den sieb­ten Vers des Psalms 91, der den Ti­tel ›Un­ter dem Schutz des Höch­sten‹ trägt«. Falk stellt das Buch auf ei­ne Stu­fe mit Erich Ma­ria Re­mar­ques Im We­sten nichts Neu­es.

Ha­be wird ame­ri­ka­ni­scher Staats­bür­ger, Sol­dat und 1943 in der »Ab­tei­lung für psy­cho­lo­gi­sche Kriegs­füh­rung« ein­ge­setzt. Mehr als die Hälf­te der dort ar­bei­ten­den »Rit­chie Boys« sind eu­ro­päi­sche Emi­gran­ten, dar­un­ter auch In­tel­lek­tu­el­le, Schrift­stel­ler und Künst­ler wie Klaus Mann und Ste­fan Heym. Ha­be wird Klaus Manns Vor­ge­setz­ter. Kurz ist Ha­be in Nord­afri­ka, über­nimmt dann in den USA viel­fäl­ti­ge Funk­tio­nen, ist »Deutsch­leh­rer, Jour­na­list, Met­teur, Po­li­tin­struk­teur, Kor­rek­tor, Sprach­leh­rer, Stimm­bild­ner, Psy­cho­lo­gie­pro­fes­sor«. In Si­zi­li­en hilft Ha­be bei der Ein­rich­tung ei­nes Ra­dio­sen­ders und ver­hört deut­sche Kriegs­ge­fan­ge­ne. In der Nor­man­die baut er ei­ne Pro­pa­gan­da­zei­tung auf. Im Herbst 1944 über­nimmt Ha­be mit ei­ni­gen »Rit­chie-Boys« den Ra­dio­sen­der Lu­xem­burg und geht für sie­ben Mo­na­te auf Sen­dung. Der »Nachts­en­der 1212« »fun­giert so­wohl als of­fi­zi­el­les Sprach­rohr der Ame­ri­ka­ner, dient je­doch auch ei­ner an­de­ren Art von Pro­pa­gan­da, in­dem man bei den Deut­schen den An­schein er­weckt, man sei ein ge­hei­mer Wi­der­stands­sen­der auf deut­schem Ge­biet.« Als Weih­nach­ten 1944 die Deut­schen dro­hen, den Sen­der wie­der zu­rück­zu­er­obern, er­greift Ha­be Maß­nah­men, den Sen­der und al­le Do­ku­men­te not­falls zu zer­stö­ren. Ei­ne Flucht kommt nicht in­fra­ge. Falk schil­dert die­ses Er­leb­nis als Schlüs­sel­sze­ne sei­nes Le­bens, in der er sich nach­träg­lich als Held fühlt, mit gro­ßer Em­pa­thie.

Neu­an­fang mit Kul­tur­ange­bot

Ha­be ist 1945 zu­sam­men mit Per­sön­lich­kei­ten wie Erich Käst­ner, Al­fred An­dersch, Ro­bert Lembke, Al­fred Kerr und Ge­org Ste­fan Trol­ler in Mün­chen und hebt die Neue Zei­tung aus der Tau­fe, die rasch ei­ne Auf­la­ge von bis zu zwei Mil­lio­nen Ex­em­pla­ren er­rei­chen wird. Aber­mals kom­men ihm ne­ben sei­nen jour­na­li­sti­schen auch die Kennt­nis­se des Set­zens zu Gu­te. Ha­be ist zeit­wei­se für 16 Zei­tun­gen ver­ant­wort­lich, hegt gro­ße Am­bi­tio­nen, will den Deut­schen das na­he­brin­gen, was sie lan­ge ent­beh­ren muss­ten: Tren­nung von Nach­richt und Kom­men­tar, »ob­jek­ti­ve Be­richt­erstat­tung und ein um­fang­rei­ches Kul­tur­ange­bot.« Er führ­te, so Falk aus ei­nem Ge­spräch mit Ernst Cra­mer, ei­nem ehe­ma­li­gen Weg­ge­fähr­ten schlie­ßend, »nach 1945 ›in­ter­na­tio­na­le jour­na­li­sti­sche‹ Stan­dards ein« und ist maß­geb­lich da­für ver­ant­wort­lich, im »Wie­der­auf­bau der deut­schen Pres­se nach Kriegs­en­de 1945 ei­ne be­son­ders viel­fäl­ti­ge Zei­tungs­land­schaft zu ent­wer­fen.«

Das En­ga­ge­ment mit der Neu­en Zei­tung blieb kurz. Der po­li­ti­sche Wind dreh­te sich. Ha­be war zu­dem ein un­be­que­mer Un­ter­ge­be­ner. Er kri­ti­sier­te of­fen den Mor­genthau-Plan, trat da­für ein, die Zei­tun­gen mög­lichst schnell an deut­sche, un­be­la­ste­te Her­aus­ge­ber ab­zu­ge­ben. Die Bri­ten folg­ten ihm, aber die Ame­ri­ka­ner woll­ten die Zei­tun­gen als Pro­pa­gan­da­in­stru­men­te ge­gen die So­wjets nut­zen. Er zog die Kon­se­quen­zen und ging. »Das En­de von Uto­pia« ti­telt Falk leicht pa­the­tisch.

Ha­bes Le­ben ver­läuft von nun an noch un­ste­ter. Er geht zu­rück in die USA, ver­ar­bei­tet sei­ne Kriegs­er­leb­nis­se in drei rasch auf­ein­an­der­fol­gen­den Ro­ma­nen, die zum Teil zu­nächst in eng­li­scher Spra­che er­schei­nen, al­ler­dings mit eher mä­ßi­gem Er­folg. Er schei­tert kra­chend als Dreh­buch­au­tor in Hol­ly­wood, geht wie­der nach Deutsch­land, gibt auch dort rasch ei­ne An­stel­lung auf. 1955 hei­ra­tet er die un­ga­ri­sche Schau­spie­le­rin Lic­ci Bal­la. Es ist die sech­ste Ehe und sie wird 21 Jah­re, bis zum Tod Ha­bes, hal­ten. In den 21 Jah­ren zu­vor hei­ra­te­te er fünf Mal und man muss die Bio­gra­fin al­lei­ne schon des­halb be­wun­dern, weil sie die­se Ehe­knäu­el sou­ve­rän ent­wirrt.

Bis­wei­len ringt Su­san­ne Falk da­bei um Fas­sung, kann und will ih­re Ab­nei­gung ge­gen ein­zel­ne Äu­ße­run­gen Ha­bes ins­be­son­de­re über Frau­en nicht ver­ber­gen, wirft ihm Se­xis­mus vor und gei­ßelt sein tra­di­tio­nel­les Rol­len- und Fa­mi­li­en­bild. An ei­ner Stel­le nimmt sie ent­spre­chen­de Äu­ße­run­gen ei­ner Fi­gur in ei­nem Ro­man als Al­ter ego-State­ment Ha­bes und ver­wei­gert die Tren­nung zwi­schen Au­tor und Werk. Aber sie er­kennt den Mut des Sol­da­ten an und schil­dert auch ei­ne Über­lie­fe­rung, in der Ha­be von Hecken­schüt­zen auf of­fe­ner Stra­ße be­schos­sen wird und statt zu flüch­ten sel­ber das Feu­er er­öff­net. Da kommt dem Le­ser die be­rühm­te Bur­gun­der-Sze­ne von Ernst Jün­ger in den Sinn, der sein Glas auf ein über sei­nem Kopf flie­gen­den Kampf­jet er­ho­ben hat­te. Ha­bes Er­öff­nung des Feu­ers auf den Sni­per be­kommt da noch ein­mal ei­ne an­de­re Qua­li­tät und könn­te ex­em­pla­risch den Un­ter­schied zwi­schen In­tel­lek­tua­li­tät und dem rea­len Le­ben zei­gen.

Die Er­fol­ge des Viel­schrei­bers und Axel Sprin­ger

Nach­träg­lich zeigt sich 1951 als ei­nes der Schick­sals­jah­re von Hans Ha­be. Zu­nächst wird sei­ne Toch­ter Ma­ri­na in Mün­chen ge­bo­ren. Und dann kommt es zum ge­mein­sa­men Frei­tod der El­tern in Un­garn, in dem sie seit 1947 wie­der leb­ten. Im nicht mehr auf­find­ba­ren Ab­schieds­brief des Va­ters soll die­ser sei­nem Sohn den Vor­wurf ge­macht ha­ben, sie nicht aus dem kom­mu­ni­sti­schen Land ge­holt zu ha­ben. Da­bei war es Hans Ha­be, der mehr­mals ei­ne Re­mi­gra­ti­on an­ge­bo­ten hat­te. Was er dem Va­ter nie ver­zei­hen wird, ist, dass er die Mut­ter mit den Selbst­mord ge­trie­ben hat.

Ha­be zieht nach Öster­reich, spä­ter in die Schweiz. Die gro­ßen Ro­man­erfol­ge in Deutsch­land be­gin­nen 1960 mit Ilo­na und 1962 dem mehr als ei­ne Mil­li­on Mal ver­kauf­ten Ro­man Die Tar­nows­ka. Ha­be ist in die­ser Zeit au­ßer­or­dent­lich pro­duk­tiv und ver­fasst auch noch min­de­stens 19 Bü­cher un­ter Pseud­ony­men wie et­wa Hans Wolf­gang, Frank Ri­chard, An­to­nio Cor­te, Fre­de­rick Gert, Ge­org Her­wegh und Pe­ter Stone. Wei­te­re Pseud­ony­me wer­den ge­nannt, sind aber nicht si­cher zu­zu­ord­nen. Was an­de­re »pro­duk­tiv« nen­nen, be­zeich­net Ha­be in ei­nem Ge­spräch als Su­che – oh­ne den Ge­gen­stand der Su­che zu de­fi­nie­ren.

Wäh­rend der »Ent­eig­net Springer«-Kampagne schlägt sich Ha­be auf die Sei­te von Axel Sprin­ger und schreibt für die Welt, Welt am Sonn­tag und Bild. Die bei­den wer­den Freun­de in ge­gen­sei­ti­gem Re­spekt. Ha­be stellt sich im Viet­nam­krieg auf die Sei­te der Ame­ri­ka­ner und wird nicht nur da­für an­ge­fein­det, so­gar als »Fa­schist« be­schimpft. Er strengt zahl­rei­che Be­lei­di­gungs­pro­zes­se an, von de­nen Falk je­ne mit Hen­ri Nan­nen, dem streit­ba­ren Stern-Her­aus­ge­ber (aus­ge­rech­net er, der in ei­ner SS-Pro­pa­gan­da­kom­pa­nie Dienst lei­ste­te – ir­gend­wie be­zeich­nend, dass ei­ne so­ge­nann­te »Jour­na­li­sten­schu­le« nach ihm be­nannt ist), Alex­an­der Ler­net-Ho­lenia und Fried­rich Dür­ren­matt be­leuch­tet. Be­son­ders emp­find­lich re­agiert Ha­be, wenn es ge­gen sei­nen Va­ter geht, dem er zwar in­ner­lich re­ser­viert bis ab­leh­nend ge­gen­über steht, aber nach au­ßen ver­tei­digt.

Ha­be trifft 1969 ein schwe­rer Schlag. Sei­ne Toch­ter Ma­ri­na, die in Los An­ge­les leb­te, wur­de ent­führt und we­ni­ge Ta­ge spä­ter er­mor­det auf­ge­fun­den. Die Tat wird nie auf­ge­klärt. Man fin­det Sper­ma bei der Lei­che, die fürch­ter­lich zu­ge­rich­tet wur­de. Der Ver­dacht liegt na­he, dass es sich um ei­nen Man­son-Mord ge­han­delt ha­ben könn­te. Ha­be wird sich, wie Falk schreibt, nie mehr da­von er­ho­len, spal­tet sich in ei­ne pri­va­te und ei­ne öf­fent­li­che Per­son auf. Im glei­chen Jahr er­scheint mit Das Netz ein Ro­man, in­dem ein Se­xu­al­straf­tä­ter vor­kommt. Das Buch wird 1975, ein Jahr vor Ha­bes Krebs-Tod, pro­mi­nent ver­filmt.

Freund­schaf­ten und die Grup­pe 47

In­ter­es­sant sind die Aus­füh­run­gen zu Ha­bes Freund­schaf­ten ab­seits der Öf­fent­lich­keit. Falk be­tont, dass es da­von we­ni­ge gab. Und die­se wur­den im Al­ter noch we­ni­ger, weil Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten dann doch zu Brü­chen führ­te, et­wa mit Hil­de Spiel. Be­son­ders in­struk­tiv ge­lingt Falk die Schil­de­rung der Freund­schaft mit Eri­ka Mann. Die aus­ge­wähl­ten Zi­ta­te sind auf­schluss­reich und be­we­gend. Ob­wohl man ge­gen­sei­tig sehr lan­ge die un­ter­schied­li­chen po­li­ti­schen Sicht­wei­sen ak­zep­tier­te, kam es schließ­lich doch min­de­stens zum Still­stand oder gar zum Bruch. Wä­re er end­gül­tig ge­we­sen? Die Fra­ge kann nicht be­ant­wor­tet wer­den; Eri­ka Mann starb 1969.

Ha­be traf das Dik­tum von Mar­cel Reich-Ra­nicki, der ihn ei­nen »au­ßer­or­dent­lich ge­schick­ten Jour­na­li­sten« nann­te, der »aber kein be­deu­ten­der Schrift­stel­ler« sei, schwer. Sein Image als Kol­por­ta­ge­schrift­stel­ler schmerz­te ihn. Er warf den zeit­ge­nös­si­schen Li­te­ra­ten der Grup­pe 47 vor, nicht an das Pu­bli­kum zu den­ken, auf Di­stanz zum Le­ser zu ge­hen. In ei­nem Vor­trag 1965 sieht er sich das der wah­re Er­zäh­ler, als »de­mü­ti­ger Schü­ler Bal­zacs, Tol­sto­js, Fon­ta­nes, Tho­mas Manns, Mau­riacs und Jo­seph Roths.« Die­se Ein­schät­zung trieft vor Hy­bris. Den­noch ist in an­de­rer Hin­sicht sei­ne Kri­tik an der Grup­pe 47 be­rech­tigt. Ha­be kon­sta­tier­te, die Au­toren wür­den »Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung nur in ei­nem Rah­men [zu­las­sen], in dem man kei­ner ›brau­nen Flie­ge‹ auch nur ›weh zu tun‹ be­reit wä­re« (zi­tiert nach Falk).

Auch sei­ne Kri­tik am Feuil­le­ton war be­reits da­mals nicht von der Hand zu wei­sen. Falk zi­tiert aus ei­nem Brief Ha­bes an Axel Sprin­ger von 1967: »Na­tür­lich ist die gan­ze Pres­se dar­an Schuld, dass sie die­se Meu­te hoch­ge­züch­tet hat. Wenn der Spie­gel bei je­der Ge­le­gen­heit zi­tiert wird als wä­re sie die Stim­me des Herrn, muss der Le­ser an die Of­fen­ba­run­gen des Herrn Aug­stein glau­ben. Nie noch hat ein Pres­se­or­gan ei­ne so selbst­lo­se Re­kla­me von an­de­ren Pres­se­or­ga­nen be­kom­men. Eben­so ver­hält es sich mit den in der Grup­pe 47 ver­ein­ten Zsa Zsa Ga­bors der Li­te­ra­tur. Selbst­ver­ständ­lich muss man ih­re Bü­cher be­spre­chen. Aber zur Be­deu­tung ge­langt sind sie nicht durch ih­re li­te­ra­ri­schen Lei­stun­gen, son­dern weil man sie – zwi­schen dem Er­schei­nen ih­rer Bü­cher – zu ›Per­sön­lich­kei­ten‹ ge­macht hat.« Das ein­zi­ge Pro­blem des Ver­ständ­nis­ses die­ses Aus­zugs er­gibt sich wo­mög­lich da­durch, dass heu­te nie­mand mehr weiß, wer Zsa Zsa Ga­bor war.

Was bleibt?

Nicht al­le Deu­tun­gen und Par­al­le­len über­zeu­gen. Et­wa die Ge­mein­sam­kei­ten zwi­schen Sprin­ger und Ha­be. Zwar wa­ren bei­de mehr­fach ver­hei­ra­tet, stell­ten sich auf die Sei­te der USA und Is­ra­els und ver­ab­scheu­ten den Kom­mu­nis­mus. Aber das ge­mein­sa­me Schick­sal mit dem all­zu frü­hen Tod ei­nes ih­rer Kin­der her­an­zu­zie­hen, ist bi­zarr. Ha­bes Toch­ter wur­de er­mor­det, Axel Sprin­gers Sohn be­ging Sui­zid. Letz­te­res ge­schah meh­re­re Jah­re nach dem Tod von Hans Ha­be, konn­te al­so kei­ne Ge­mein­sam­keit ei­ner Freund­schaft be­grün­den.

Auch im Ver­hält­nis Ha­bes zu sei­nem 1944 ge­bo­re­nen Sohn An­tho­ny ei­ne Par­al­le­le zum ei­ge­nen Va­ter/Sohn-Ver­hält­nis zu ent­decken, über­zeugt nicht. Ha­be sieht An­tho­ny als Ba­by ein paar Ta­ge, be­vor er durch Krieg und spä­te­re Schei­dung den Kon­takt ver­liert und ihn erst im Al­ter von 20 Jah­ren wie­der­sieht. Im­re Bé­kes­sy hin­ge­gen – und das be­tont die Bio­gra­fin mehr­mals – brach­te sei­nem Sohn trotz al­ler Dif­fe­ren­zen und Re­ser­viert­hei­ten das jour­na­li­sti­sche Hand­werk in­klu­si­ve das Set­zen und Drucken bei. Der Un­ter­schied könn­te grö­ßer nicht sein.

Den­noch über­wiegt das Po­si­ti­ve. Su­san­ne Falks Bio­gra­fie ist gut re­cher­chiert, ehr­lich und span­nend ge­schrie­ben. Sie ver­sucht die­ser da­mals wie heu­te am­bi­va­len­ten, kom­ple­xen Per­sön­lich­keit und die­sem au­ßer­ge­wöhn­li­chen Le­bens­lauf ge­recht zu wer­den. Es gibt ein Per­so­nen- und, so­weit dies bei Ha­be mög­lich ist, ein Werk­ver­zeich­nis. Die End­no­ten lie­fern gut do­siert er­gän­zen­de In­for­ma­tio­nen.

Es hät­te ver­mut­lich den Rah­men ge­sprengt, ei­nen klei­nen li­te­ra­tur­hi­sto­ri­schem Aus­flug zu den an­de­ren bei­den gro­ßen Kol­por­ta­ge­au­to­ren der deut­schen Nach­kriegs­ge­schich­te zu un­ter­neh­men. Wo­mög­lich fin­det man dar­in ei­ne Ant­wort, war­um Ha­be von den heu­te ver­ges­se­nen Au­toren noch ein biss­chen mehr ver­ges­sen ist.

Ex­kurs – Die drei gro­ßen Tri­vi­al­au­toren der Nach­kriegs­zeit

Über­ra­schend ver­such­te das Feuil­le­ton 2024 an­läss­lich sei­nes 100. Ge­burts­tags ei­ne klei­ne Wie­der­gut­ma­chung von Jo­han­nes Ma­rio Sim­mel. Der hat­te seit den 1960er Jah­ren über fast drei Jahr­zehn­te die Best­sel­ler­li­sten in Deutsch­land ge­prägt. Sein gro­ßer Wi­der­sa­cher war ei­ner der auf­la­gen­stärk­sten deut­schen Nach­kriegs­au­to­ren, Heinz G. Kon­sa­lik. Sei­ne Bü­cher er­reich­ten nach vor­sich­ti­gen Schät­zun­gen mehr als 80 Mil­lio­nen Auf­la­ge, knapp da­hin­ter Sim­mel. Ha­be fällt mit den von Su­san­ne Falk ge­nann­ten 14 Mil­lio­nen da­ge­gen ab. Wel­ches sind die Grün­de?

Hans Ha­be, der ak­tiv ge­gen das Na­zi-Re­gime ge­kämpft hat­te, stand nicht nur äs­the­tisch im Ge­gen­satz zu den sich selbst Ab­so­lu­ti­on er­tei­len­den Au­toren der Grup­pe 47. Das hat­te schon mit sei­nem Sta­tus als Exi­lant zu tun. Hans Wer­ner Rich­ter zö­ger­te, die­sen Au­toren Ein­la­dun­gen zu schicken. Das hat­te zur Fol­ge, dass die li­te­ra­ri­sche Mo­der­ne, die in Deutsch­land in den 1920er/30er Jah­ren ei­ne Blü­te er­fah­ren hat­te, prak­tisch kei­ne Rol­le spiel­te. Die zu­nächst ge­schrie­be­ne und lan­ge prä­fe­rier­te Kahl­schlag­li­te­ra­tur war rea­li­stisch und be­fass­te sich nur ober­fläch­lich mit den mo­ra­li­schen Ver­strickun­gen des Ein­zel­nen. Die Na­zi-Zeit wur­de zwar nicht ent­schul­digt, aber zu­meist aus­ge­blen­det, wa­ber­te al­len­falls im Hin­ter­grund oder wur­de, wie in Grass’ Blech­trom­mel, sa­ti­risch be­han­delt. Der Schwer­punkt der Pro­sa galt dem Le­ben in der un­mit­tel­ba­ren Ge­gen­wart und na­hen Zu­kunft im zum Teil zer­stör­ten Nach­kriegs­deutsch­land.

Von dem un­be­rührt schrieb Heinz G. Kon­sa­lik, der in sei­nen Ro­ma­nen den Le­sern das Ge­fühl gab, wäh­rend der Na­zi-Zeit ei­nem Schick­sal aus­ge­lie­fert ge­we­sen und da­mit nicht schul­dig ge­wor­den zu sein. Er spiel­te mit ei­nem ge­wis­sen He­ro­is­mus des in­ne­ren Wi­der­stands und sug­ge­rier­te, der »ein­fa­che« Wehr­macht­sol­dat sei das Op­fer ei­ner mon­strö­sen Be­fehls­ma­schi­ne ge­wor­den. So lie­fer­te er Ent­la­stung und Iden­ti­fi­ka­ti­on zu­gleich. Man hat­te nichts falsch ge­macht.

Auch Hans Ha­be woll­te emo­tio­na­li­sie­ren, be­stand dar­auf, dass der Le­ser sich mit den Prot­ago­ni­sten iden­ti­fi­zie­ren konn­te und be­klag­te in sei­ner Aus­ein­an­der­set­zung mit der neu­en deut­schen Li­te­ra­tur die »men­schen­lo­sen« Ro­ma­ne. Al­ler­dings ver­wei­ger­te Ha­be die Ka­thar­sis, ver­warf die An­er­ken­nung des Op­fer­sta­tus des Landsers, Flak­hel­fers oder »in­ne­ren Emi­gran­ten« und ver­wei­ger­te die Her­aus­lö­sung der Ver­ant­wor­tung des Ein­zel­nen aus der deut­schen Ge­schich­te (al­ler­dings oh­ne der Kol­lek­tiv­schuld­the­se zu­zu­stim­men). In ei­nem Ge­spräch über sei­nen Ro­man Chri­stoph und sein Va­ter aus dem Jahr 1966, wel­ches im »Bo­nus-Con­tent« ver­linkt ist, spricht Ha­be über den tie­fen Ab­grund der Ge­ne­ra­tio­nen in Deutsch­land. Die 60jährigen sei­en die Ge­ne­ra­ti­on, die schul­dig wur­de, weil sie ju­bel­te oder schwieg. Die 40jährigen hät­ten ih­re er­sten Ein­drücke in der Hit­ler-Ju­gend emp­fan­gen. Ei­ne Fi­gur die­ser Ge­ne­ra­ti­on lässt er im Ro­man sa­gen, dass sie ih­re Vä­ter und die Fein­de ih­rer Vä­ter zu­gleich hass­ten. Die 20jährigen, so Ha­be, trü­gen die Last der dunk­len Jah­re. Als der Krieg zu En­de ging, be­gann, so sei­ne The­se, die Schi­zo­phre­nie. Der ehe­ma­li­ge Land­ser lehn­te das Hit­ler-Re­gime ab, war aber stolz, sei­nem Va­ter­land ge­dient zu ha­ben. Die Deut­schen sei­en, so zi­tiert Ha­be den Prot­ago­ni­sten wei­ter, die Er­fin­der ei­ner dop­pel­ten Ver­gan­gen­heit. Es be­ru­hi­ge ihn nicht, dass Deutsch­land den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus über­wun­den ha­be. Die Fra­ge sei, ob man auch den Op­por­tu­nis­mus über­wun­den ha­be. Ha­be woll­te nicht rich­ten, höch­stens »be­rich­ten« und lehn­te vor­schnel­le Ur­tei­le ab. »Schwarz und weiß«, so Ha­be, sei­en nicht die Far­ben des Ro­man­ciers. Mit die­sem An­spruch pass­te der kon­ser­va­ti­ve An­ti­fa­schist, der sich in den Au­gen sei­ner Geg­ner dem Erz­feind Sprin­ger an­dien­te, spä­te­stens ab En­de der 1960er Jah­re nicht mehr in die Zeit.

Wäh­rend Kon­sa­lik in sei­nen Ro­ma­nen die psy­cho­lo­gi­sche Be­dürf­nis­la­ge der Flak­hel­fer-Ge­ne­ra­ti­on (al­so die­je­ni­gen, die 1966 die 40jährigen wa­ren) per­fekt be­dien­te, be­ka­men so­wohl spä­ter Ge­bo­re­ne wie auch Ver­drän­ger mit Jo­han­nes Ma­rio Sim­mel ei­nen Au­tor, der die ak­tu­el­len Zeit­pro­ble­me in sei­nen Ro­ma­nen un­ter­halt­sam und zu­gleich mo­ra­li­sie­rend an­sprach. Es ging auch hier um An­ti­fa­schis­mus, aber Sim­mel er­wei­te­re die The­men­fel­der, be­schäf­tig­te sich mit Pa­zi­fis­mus, dem Kal­ten Krieg, üb­te Ka­pi­ta­lis­mus­kri­tik, trat für so­zia­le Ge­rech­tig­keit ein und ver­gaß nicht, den Plot mit Lie­be und Sex an­zu­rei­chern. Sim­mels Bü­cher, sei­ne kaum noch un­ter­schwel­li­gen, son­dern di­rek­ten Bot­schaf­ten, strahl­ten Pro­gres­si­vi­tät aus oh­ne de­zi­diert links zu sein. Sie wa­ren an das sich for­men­de links­li­be­ra­le Bür­ger­tum der 1970er/80er an­schluss­fä­hig. Sim­mel be­dien­te nicht nur den Zeit­geist, er schuf ihn mit.

Ne­ben den oft zeit­na­hen Ver­fil­mun­gen sei­ner Ro­ma­ne pro­fi­tier­te Sim­mel vor al­lem von der Prä­senz in den Buch­clubs und Le­se­krei­sen, die sei­nen Wer­ken ho­he Auf­la­gen­zah­len ver­schaff­ten. Zwar fan­den sich auch Kon­sa­lik und Ha­be in den Ver­kaufs­li­sten (Ha­be mit Ilo­na und Das Netz), aber bei Ha­be ist bis­lang kein so­ge­nann­ter Haupt­vor­schlags­band nach­ge­wie­sen, der den Mit­glie­dern au­to­ma­tisch zu­ge­schickt wur­de, falls sie in ei­nem be­stimm­ten Zeit­raum kein an­de­res Buch aus­wähl­ten. So war in den 1970ern Sim­mels Ro­man Die Ant­wort kennt nur der Wind, der bis­wei­len mit Im We­sten nichts Neu­es ver­glei­chen wird, bei meh­re­ren Clubs Haupt­vor­schlags­band. Fast 40% der Ge­samt­auf­la­ge die­ses Ro­mans, der sich an­fangs eher schlep­pend ver­kauf­te, wur­den so er­zielt. Zu­vor er­reich­te Es muss nicht im­mer Ka­vi­ar sein al­lei­ne im Ber­tels­mann-Le­se­ring ei­ne Auf­la­ge von ei­ner Mil­li­on.

Und so bleibt die Fra­ge auch nach Su­san­ne Falks in­struk­ti­ver Bio­gra­fie of­fen, ob man den ein oder an­de­ren Ro­man von Hans Ha­be viel­leicht doch wie­der auf­le­gen soll­te. Aber wer wür­de das al­les noch ver­ste­hen?

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