Su­san­ne Falk: Feind­be­geg­nung

Susanne Falk: Feindbegegnung
Su­san­ne Falk: Feind­be­geg­nung – Ei­ne Hans Ha­be-Bio­gra­fie

1911 in Bu­da­pest als Já­nos Bé­kes­sy ge­bo­ren, 1977 in Lo­car­no als Hans Ha­be ver­stor­ben. Wer kennt ihn noch, den Re­por­ter, Jour­na­li­sten, Her­aus­ge­ber und Ro­man­au­tor? Sei­ne Bü­cher er­reich­ten vor al­lem (aber nicht nur) in der Nach­kriegs­bun­des­re­pu­blik teil­wei­se Mil­lio­nen­auf­la­gen, ei­ni­ge wur­den ver­filmt. En­de der 1960er Jah­re war er ei­ne Feind­fi­gur der auf­kom­men­den Lin­ken. Bis da­hin war er nur der Feind der re­stau­ra­ti­ven Rech­ten ge­we­sen, die dem Ju­den Ha­be nicht ver­zie­hen hat­ten, zwei Mal ge­gen Na­zi-Deutsch­land ge­kämpft zu ha­ben. Ha­be war kon­ser­va­tiv bis re­ak­tio­när, ei­tel, ame­ri­ka­no­phil, hass­te den Kom­mu­nis­mus ge­nau­so wie die Na­zis. Sein Le­bens­stil war ex­al­tiert, er lieb­te den Lu­xus und hat­te ne­ben sechs Ehen an­schei­nend zahl­lo­se Af­fä­ren.

Längst sind sei­ne Ro­ma­ne nur noch an­ti­qua­risch zu kau­fen. Ei­ne Ge­samt­aus­ga­be gibt es nicht. Ei­ni­ge letz­te Neu­aus­ga­ben wur­den in den 1980er Jah­ren ge­druckt. Und aus­ge­rech­net über ei­ne sol­che Per­sön­lich­keit und de­ren Wer­ke, die in der Öf­fent­lich­keit na­he­zu ver­ges­sen sind, pu­bli­ziert die deut­sche Ger­ma­ni­stin und Schrift­stel­le­rin Su­san­ne Falk nun ei­ne Bio­gra­fie in ei­nem öster­rei­chi­schen Ver­lag.

Der Ti­tel der Bio­gra­fie, Feind­be­geg­nung, ist be­wusst dop­pel­bö­dig ge­wählt. Zum ei­nen hat­te Ha­be mehr als ge­nü­gend Fein­de im Le­ben, die ihn so­wohl phy­sisch wie auch in­tel­lek­tu­ell be­kämpf­ten. Zum an­de­ren ist da die­ses Zi­tat aus Ha­bes Au­to­bio­gra­fie, wel­ches Falk als Mot­to dem Buch vor­an­stellt, in­dem er sich sel­ber als den »ein­zi­gen wah­ren Feind« be­zeich­ne­te. Falk hat­te einst so­wohl ih­re Di­plom­ar­beit als auch ei­ne Dis­ser­ta­ti­on über Hans Ha­be ver­fasst und da­nach erst ein­mal an­de­ren Fel­dern ge­wid­met, un­ter an­de­rem der Schrift­stel­le­rei. Die di­stan­zier­te Fas­zi­na­ti­on blieb, führ­te nach ei­ni­gen Jah­ren zu neu­en Re­cher­chen und schließ­lich zu die­ser Bio­gra­fie, die für den Le­ser zu ei­ner Zeit­rei­se von der Do­nau­mon­ar­chie bis in die 68er-Jah­re wird.

»Im Zwei­fel für den Schrei­ben­den«

Der Ver­lag wirbt schon auf dem Co­ver mit »mul­ti­me­dia­lem Bo­nus-Con­tent«. Über QR-Codes im Text wer­den Ver­wei­se zu Do­ku­men­ten, Au­di­os und Vi­de­os an­ge­bo­ten, die die je­weils an­ge­spro­che­nen Er­eig­nis­se il­lu­strie­ren und ver­tie­fen. So fin­den sich Aus­schnit­te aus Fil­men über und mit Hans Ha­be aber auch bei­spiels­wei­se Trai­ler zu US-ame­ri­ka­ni­schen Fil­men, in de­nen ei­ne sei­ner Ehe­frau­en mit­ge­spielt hat­te. Man fin­det Links zu Karl Kraus’ Fackel und den vom Va­ter her­aus­ge­brach­ten Pu­bli­ka­tio­nen. Et­wa in der Mit­te des Bu­ches sind auf die­se Wei­se In­halts­an­ga­ben von 27 aus­ge­wähl­ten Ro­ma­nen Ha­bes hin­ter­legt und als Boo­mer be­ginnt man, sich an das ein oder an­de­re Co­ver zu er­in­nern. Ne­ben zahl­rei­chen Fo­tos gibt es al­so mehr als 50 nütz­li­che Zu­satz­in­for­ma­tio­nen. Et­was stö­rend sind die groß auf­ge­mach­ten Zwi­schen­über­schrif­ten, die zen­tra­le The­sen und Aus­sa­gen noch ein­mal re­ka­pi­tu­lie­ren.

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Ben­ja­min von Stuck­rad-Bar­re: Noch wach?

Benjamin von Stuckrad-Barre: Noch wach?
Ben­ja­min von Stuck­rad-Bar­re: Noch wach?

Der pas­sen­de­re Ti­tel für die­sen Ro­man fin­det sich ganz hin­ten im Buch: »ei­ne män­ner­i­ge Män­ner­ge­schich­te« sei das, so So­phia, je­ne Re­dak­teu­rin, der sich der na­men­los blei­ben­de Schrift­stel­ler-Er­zäh­ler an­nimmt (nicht so, wie Sie das viel­leicht ver­ste­hen!). Der hat näm­lich seit fünf­zehn Jah­ren die­sen Freund, al­so ei­nen ech­ten Freund, so ei­ner mit dem man, wie Lo­ri­ot in der Zoo­hand­lung, durch Dick und Dünn geht, was sich dar­an zeigt, dass sie ein ein­ge­rahm­tes Ori­gi­nal­re­zept von Gott­fried Benn be­sit­zen, je­nem Dich­ter und »Arzt für Haut- und Ge­schlechts­krank­hei­ten«, ei­ne Re­li­quie, die je nach see­li­scher Ver­fasst­heit zwi­schen den bei­den hin- und her­wan­dert. Und na­tür­lich ha­ben sie auch ein Lied, ein ge­mein­sa­mes Lied, Keep on Dancing von Pa­rov Stelar, und das tan­zen sie manch­mal zu­sam­men und dann ver­sinkt der Kopf des Er­zäh­lers im Jackett des Freun­des und er »weint Creme auf sein Hemd« und der Freund strei­chelt dann sei­nen Kopf.

Der eben­falls na­men­los blei­ben­de Freund ist der Chef ei­nes Fern­seh­sen­ders, so ein deut­scher Fox-News-»Brüllsender«, ei­ne wah­re »Hetz­ma­nu­fak­tur«, mit bös­ar­ti­gen Schlag­zei­len im Stun­den­takt, oh­ne Rück­sicht auf Pri­vat­sphä­ren. Der Freund be­schäf­tigt dort die­sen »wut­maß­li­chen Chef­re­dak­teur«, ei­nen ehe­ma­li­gen Kriegs­re­por­ter, der »prak­tisch al­les durf­te«, wie »rum­schrei­en, bloß­stel­len, ver­höh­nen, het­zen« und sich im Krieg mit »links­grün­ver­sifft« be­fin­det, und so wei­ter.

Es ist un­mög­lich, den Ro­man Noch wach? von Ben­ja­min von Stuck­rad-Bar­re oh­ne die Be­haup­tung, dass es sich um ei­nen »Schlüs­sel­ro­mans« han­de­le, zu le­sen. Schon ist man rein­ge­fal­len. Und da­mit man wirk­lich al­les GANZ GENAU so ver­steht, wie es der Er­zäh­ler möch­te, sind ge­fühlt ein Vier­tel des Ro­man­tex­tes in Ver­sa­li­en, par­don: GROSSBUCHSTABEN, ge­setzt – das gibt beim Le­sen so ein Sit­com-Ge­fühl, wenn die künst­li­chen La­cher für das als blö­de ein­ge­schätz­te Pu­bli­kum ein­ge­blen­det wer­den, da­mit sie wis­sen, wann es lu­stig ist, denn an­son­sten wür­de man ver­mut­lich schnell ein­nicken und ir­gend­wann vom Le­bens­part­ner ge­fragt wer­den, ob man noch wach ist (der Ti­tel des Ro­mans ist al­ler­dings an­ders ge­meint).

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Ste­fan Aust: Zeit­rei­se

Stefan Aust: Zeitreise
Ste­fan Aust: Zeit­rei­se

Ir­gend­wie kennt man Ste­fan Aust im­mer schon. Zu­min­dest die­je­ni­gen, die sich En­de der 1970er/Anfang der 1980er Jah­re po­li­tisch so­zia­li­sier­ten. In der Nach­be­ar­bei­tung des RAF-Ter­ro­ris­mus galt Aus­ts »Der Baa­der-Mein­hof-Kom­plex«, 1985 zum er­sten Mal er­schie­nen, früh als Stan­dard­werk. Er schlug da­mit ei­nen Pflock in die Ge­schich­te des deut­schen Links­ter­ro­ris­mus ein, was an sei­ner spe­zi­el­len Ver­fah­rens­wei­se nicht nur in die­sem Pro­jekt liegt: Aust war und ist im­mer be­reit, in sei­nen Bü­chern Feh­ler zu ent­fer­nen und sie auf den ak­tu­el­len, neu­en Stand der Re­cher­chen zu brin­gen. »Der Baa­der-Mein­hof-Kom­plex« ist in­zwi­schen rund 1000 Sei­ten stark.

Sei­nen Schreib­stil sieht er an­ge­lehnt am an­gel­säch­si­schen Vor­bild der »Non­fic­tion Li­te­ra­tu­re«, d. h. ei­ne »Er­zäh­lung, be­stehend aus Re­cher­chen, so dicht wie ir­gend mög­lich an den Er­eig­nis­sen, aber les­bar wie ein Ro­man«. Sei­ne Ar­bei­ten er­he­ben, so Aust sel­ber, nie den An­spruch der Wis­sen­schaft­lich­keit. Das ist al­ler­dings nicht im­mer un­pro­ble­ma­tisch.

Aust hat »Zeit­rei­se« als ei­ne Art Ar­beits­bio­gra­phie kon­zi­piert, in, wenn ich rich­tig ge­zählt ha­be, 182 Häpp­chen, weit­ge­hend chro­no­lo­gisch er­zählt. Es ist auch ei­ne Re­mi­nis­zenz an die Nach­kriegs-Bun­des­re­pu­blik und de­ren mehr oder we­ni­ger hef­ti­gen po­li­ti­schen Erup­tio­nen und Skan­da­le. Aust, 1946 ge­bo­ren, An­ge­hö­ri­ger der »Ge­ne­ra­ti­on Glück ge­habt« (oder auch »Be­zie­hun­gen ge­habt« – denn schon die Bun­des­wehr blieb ihm auf­grund sei­ner Kon­tak­te er­spart), er­zählt zu­nächst ein biss­chen von sei­ner Fa­mi­lie, ins­be­son­de­re vom Va­ter, der et­li­che Jah­re in Ka­na­da war, be­vor er dann 15 Jah­re spä­ter nach Deutsch­land zu­rück­kehr­te. So ganz er­folg­reich wa­ren sei­ne El­tern mit ih­ren Pro­jek­ten (zu­letzt ei­nem Ho­tel) nicht, aber das wird nur ge­streift. In­ten­si­ver be­schäf­tigt sich Aust im Buch mit sei­nen Reit­pfer­den, die im Lau­fe der Zeit zu ei­nem Ret­tungs­an­ker für den Men­schen Ste­fan Aust wer­den.

Aber es geht um die Kar­rie­re. Und die be­ginnt als Re­dak­teur in ei­ner Schü­ler­zei­tung recht früh. Aust und sei­ne Freun­de be­kom­men Pro­ble­me mit der Schul­lei­tung. Es droht »Zen­sur«. Aber man ist um­trie­big: Die Zei­tung wird nicht in son­dern vor der Schu­le ver­kauft; un­ter­stützt von lo­ka­ler Wer­bung, die er im lo­ka­len Ein­zel­han­del ak­qui­riert. Da­mit will er den Ein­fluss der Schul­lei­tung ban­nen. Die Schwie­rig­kei­ten der Schü­ler wer­den im Ma­ga­zin »Pan­ora­ma« An­lass ei­nes Bei­tra­ges. Und schon ist Aust im Ge­schäft. Vom Prak­ti­kan­ten bei »kon­kret« ar­bei­tet er sich rasch zum »Chef vom Dienst« hoch, arg­wöh­nisch be­trach­tet von Ul­ri­ke Mein­hof, die dort Ko­lum­nen schreibt. Aust ist der so­zi­al und po­li­tisch en­ga­gier­ten Lin­ken zu bür­ger­lich. Was das Ehe­paar Röhl/Meinhof nicht da­von ab­hält, Ur­laub in ih­rem Haus auf Sylt zu ma­chen. Spä­ter wird Aust die Mein­hof-Kin­der aus der Ob­hut des RAF-Um­fel­des nach Deutsch­land über­füh­ren – was na­tür­lich noch ein­mal aus­führ­lich ge­schil­dert wird.

Es ist die Zeit der Stu­den­ten­un­ru­hen, des Um­bruchs. Aust ist mit­ten­drin, aber ir­gend­wie nie in­vol­viert; ver­bleibt in der Be­ob­ach­ter­rol­le. Ei­ne be­son­de­re po­li­ti­sche Fi­xie­rung hat er, wie er schreibt, nicht. »Man war nicht ei­gent­lich links, eher ein we­nig an­ar­cho-li­be­ral, kri­tisch nach al­len Sei­ten.« Merk­wür­dig an die­ser Stel­le das »man«, zu­mal Aust an­son­sten recht ger­ne mit dem »ich« zur Hand ist. Ge­gen En­de des Bu­ches, in den 2010er Jah­ren sagt er ehe­ma­li­gen lin­ken Jour­na­li­sten­kol­le­gen: »Ich muss nicht so rechts wer­den wie ihr, weil ich nie so links war wie ihr.«

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Der Er­fin­der des ana­lo­gen Dau­ers­hits­torms

Zu Axel Cä­sar Sprin­ger wur­de ei­ni­ges ge­schrie­ben, ge­sagt und ge­filmt. Schließ­lich fei­ert man sei­nen 100. Ge­burts­tag. Zwar wür­den ei­nem bei nä­he­rem Nach­den­ken meh­re­re Per­sön­lich­kei­ten ein­fal­len, de­ren Ge­burts­tag zu fei­ern at­trak­ti­ver wä­re (Wer­ner Fin­ck, Gott­fried Benn, No­va­lis) – aber der 2. Mai 2012 ist nun zum Axel-Sprin­ger-Ge­dächt­nis­tag aus­ge­ru­fen wor­den. Ich neh­me, dass der/die In­ter­es­sier­te al­les not­we­ni­ge aus dem Bio­gra­phie­dschun­gel Sprin­gers her­aus­ge­fischt hat. Die Wel­le wird in ei­nem klei­nen Nach-Tsu­na­mi En­de Ju­ni noch ein­mal zu­rück­kom­men: Dann wird der 60. Ge­burts­tag der BILD ge­fei­ert.

Sprin­ger war al­so 40, als er den ana­lo­gen Dau­er-Shits­torm BILD er­fand und in die deut­sche Me­di­en­land­schaft press­te. Da­bei gab es die so­ge­nann­ten Bou­le­vard-Zei­tun­gen in Eu­ro­pa schon Jahr­zehn­te vor­her. Sie wa­ren mit­nich­ten Sprin­gers Er­fin­dung. Wenn über­haupt, so woll­te Sprin­ger den me­dia­len Re­duk­tio­nis­mus auf das nicht ge­schrie­be­ne Wort be­för­dern. In der Wirt­schafts­wun­der­zeit hat­te man we­nig Mu­ße lan­ge Ar­ti­kel zu le­sen. Hier­in liegt ei­ne ge­wis­se Lei­stung: Man kon­zi­pier­te ein Blatt, an dem be­reits der Na­me Pro­gramm war. Das al­les ge­schah zu­nächst voll­kom­men un­po­li­tisch: Ei­ne pho­to­gra­phier­te, täg­lich er­schei­nen­de Gar­ten­lau­be mit Klatsch und Tratsch.

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