Wir bom­bar­die­ren.

Herr Prä­si­dent, Herr Ge­ne­ral­se­kre­tär, ver­ehr­te De­le­gier­te, mei­ne Da­men und Her­ren,

ich möch­te zu Be­ginn an ei­ne der schwer­sten Stun­den der Ver­ei­nig­ten Staa­ten in de­ren jüng­ster Ge­schich­te er­in­nern, an un­se­re ei­ge­ne Ver­letz­lich­keit und die Wich­tig­keit der in­ter­na­tio­na­len Zu­sam­men­ar­beit: Als am 25. Mai 1995 die MiG- und So­ko-Ver­bän­de New York er­reich­ten und die er­sten ser­bi­schen Bom­ben fie­len, er­füll­ten un­se­re Ver­bün­de­ten ih­re Pflicht: Es war der er­ste Bünd­nis­fall der NATO und wir dan­ken un­se­ren west­li­chen Part­nern noch heu­te für de­ren Un­ter­stüt­zung zur Ab­wehr der ser­bi­schen Ag­gres­si­on. Wir ha­ben, als Na­ti­on, da­durch zwei­er­lei mit den Au­gen der un­mit­tel­bar Be­trof­fe­nen zu se­hen ge­lernt: Den Re­spekt vor der Sou­ve­rä­ni­tät an­de­rer Staa­ten und die Wich­tig­keit des Ge­walt­ver­bots der Ver­ein­ten Na­tio­nen.

Ei­ne Fol­ge der lang­wie­ri­gen, aber un­er­müd­li­chen An­stren­gun­gen der Ver­ein­ten Na­tio­nen zur Ein­däm­mung der welt­wei­ten Ge­walt­aus­übung, ist das Kon­zept der Schutz­ver­ant­wor­tung, ei­ne Ver­ant­wor­tung, die im Fall des Ver­sa­gens ei­nes sou­ve­rä­nen Staats den Schutz sei­ner Bür­ger zu ge­währ­lei­sten, vor al­lem den gro­ßen und mäch­ti­gen Na­tio­nen zu­fällt, die na­tur­ge­mäß über an­de­re Mit­tel als ih­re klei­ne­ren Brü­der und Schwe­stern ver­fü­gen und die­se nicht nur ra­scher, son­dern auch ge­wich­ti­ger in die Waag­scha­le wer­fen kön­nen. — Und da­mit sich die Waag­scha­le wie­der stär­ker Rich­tung Hu­ma­ni­tät hin­neigt, neh­men wir die­se Ver­ant­wor­tung in den letz­ten Jah­ren ver­stärkt wahr.

Die ein­gangs in Er­in­ne­rung ge­ru­fe­nen Er­eig­nis­se lie­gen noch nicht lan­ge zu­rück, und doch se­hen wir wie­der­um ei­ne Na­ti­on in ei­ner ih­rer schwer­sten Stun­den, in ei­ne Dun­kel­heit ge­wor­fen, die noch grö­ßer ist, als je­ne, die die Ver­ei­nig­ten Staa­ten 1995 heim­ge­sucht hat: Es ist ei­ne je­ner Zei­ten, in de­nen die frei­en und mo­ra­lisch star­ken Na­tio­nen ge­gen das Bö­se zu­sam­men­ste­hen müs­sen, nicht um es aus­zu­rot­ten, was uns nie­mals ge­lin­gen wird, aber um es zu be­gren­zen und sei­ne An­sprü­che zu­rück zu wei­sen. — Das Bö­se ist et­was, das wir nicht fürch­ten müs­sen, so­lan­ge wir ent­schlos­sen ge­nug han­deln.

Ei­ner der weit­sich­tig­sten Staats­män­ner un­se­rer Zeit hat lan­ge vor der ge­gen­wär­ti­gen Kri­se im Jahr 2002 die Schul­di­gen be­reits be­nannt: „Staa­ten wie die­se“, sag­te er in ei­ner gro­ßen Re­de vor dem na­tio­na­len Si­cher­heits­rat, „und die mit ih­nen ver­bün­de­ten Ter­ro­ri­sten, bil­den ei­ne Ach­se des Bö­sen, die auf­rü­stet, um den Frie­den der Welt zu be­dro­hen.“ Die­ser Satz hat sich nun be­wahr­hei­tet, nicht zum er­sten Mal, son­dern zum wie­der­hol­ten und die An­läs­se soll­ten nun end­lich ge­nü­gen.

Seit Jah­ren lie­gen al­le Op­tio­nen vor uns auf dem Tisch, vor uns al­len, und seit Jah­ren sind wir ge­dul­dig, wir ver­hiel­ten uns ab­war­tend, wir hoff­ten: In Wahr­heit ha­ben wir da­durch den Ver­bre­chern noch die Stan­ge ge­hal­ten, wäh­rend ih­re Ver­bün­de­ten jed­we­de Lö­sung in­ner­halb der Ver­ein­ten Na­tio­nen ver­hin­der­ten. Dies ein­ge­denk, sind die jüng­sten Ent­wick­lun­gen nichts an­de­res als ei­ne Ver­höh­nung des Völ­ker­rechts, ei­ne Ver­höh­nung der Men­schen­rech­te, ei­ne Ver­höh­nung von Frei­heit und De­mo­kra­tie: Wir sind aus­drück­lich be­reit, nun auch je­ne Op­tio­nen zu wäh­len, vor de­nen wir bis­lang zu­rück­ge­schreckt sind, gu­ten Wil­lens, der Kon­se­quen­zen und der drücken­den Ver­ant­wor­tung be­wusst. Ei­ne mi­li­tä­ri­sche In­ter­ven­ti­on ist ge­wiss kei­ne Sitz­kreis­ver­an­stal­tung, aber ein kur­zes, kal­ku­lier­tes Lei­den ist ei­nem auf Jah­re hin­aus ver­län­ger­ten, ge­wiss vor­zu­zie­hen: Ein har­ter Schlag als Ba­sis ei­nes lan­gen, ge­deih­li­chen Frie­dens. — Frie­de, da­nach stre­ben wir zu­al­ler­erst.

Die Staa­ten­ge­mein­schaft hat die­sen Ent­schluss be­reits ei­ni­ge Ma­le und mit Er­folg trotz be­rech­tig­ter Zwei­fel ge­wählt: 2003 ha­ben wir dem ira­ki­schen Volk zu Wohl­stand und De­mo­kra­tie ver­hol­fen, 2011 Af­gha­ni­stan und 2015 das li­by­sche Volk in de­ren Ent­wick­lungs­an­stren­gun­gen un­ter­stützt, in­dem wir ih­nen mi­li­tä­risch bei­stan­den und ih­re in­ne­re Sta­bi­li­tät ge­währ­lei­ste­ten. Und ge­wiss, ei­ni­ge von Ih­nen wer­den sich, auch wenn das schon lan­ge zu­rück liegt, an die hel­fen­den Hän­de der Ver­ei­nig­ten Staa­ten in La­os und Kam­bo­dscha er­in­nern. — Die­se Bei­spie­le mö­gen ge­nü­gen, als Leit­mo­tiv und um un­se­re Ab­sich­ten zu ver­deut­li­chen.

Es ist rich­tig, dass wir im­mer wie­der zö­ger­lich wa­ren, nicht nur in un­se­rem Ent­schluss, son­dern auch in un­se­ren Maß­nah­men, und wenn un­se­re Kri­ti­ker auf das Jahr 1986 ver­wei­sen, dann kann ich ih­nen nur bei­pflich­ten: Wir hät­ten da­mals här­ter und ent­schlos­se­ner vor­ge­hen müs­sen. — Doch die Ach­tung vor dem in­ter­na­tio­na­len Recht hält uns auch heu­te zu­rück, noch zu­rück: Wenn ei­ni­ge in die­ser eh­ren­vol­len Ver­samm­lung der Na­tio­nen die­ser Welt ei­nen Ver­bre­cher schüt­zen und Bei­hil­fe zur Ver­tu­schung sei­ner Ver­bre­chen ge­gen sein ei­ge­nes Volk lei­sten, dann muss man den mo­ra­li­schen For­de­run­gen sei­nes Ge­wis­sens auch ir­gend­wann ein­mal nach­ge­ben, zu­min­dest dann, wenn man sol­che kennt: Ich bit­te al­le frei­en und mo­ra­lisch star­ken Na­tio­nen, all je­ne, die kei­ne Fass­bom­ben und kein Na­palm ein­set­zen, kei­ne Streu­bom­ben, kei­ne Uran­mu­ni­ti­on und kei­ne Phos­phor­bom­ben, um ihr Man­dat, das lei­der, aus den ge­nann­ten Grün­den, ein bloß mo­ra­li­sches sein wird, da­mit wir die­se An­ge­le­gen­heit in ih­rem Na­men und un­ser al­ler Sinn re­geln.

Ich möch­te zum Ab­schluss noch ein­mal auf die Sa­che selbst zu spre­chen kom­men, denn sie ist letzt­end­lich der Be­grün­dung un­se­res Ein­schrei­tens we­gen, von höch­ster Wich­tig­keit: Gründ­lich­keit, Red­lich­keit und Wahr­heit lei­ten uns, nichts wei­ter. — Die Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka ha­ben sich in ih­rer Ge­schich­te ge­wiss das ei­ne oder an­de­re Mal von ih­ren Ei­gen­in­ter­es­sen lei­ten las­sen, so wie das al­len an­de­ren gro­ßen Na­tio­nen auch pas­siert ist: Wo viel Licht ist, da ist auch Schat­ten. Dass zwi­schen den Na­tio­nen aber aus­schließ­lich In­ter­es­sen Gel­tung be­sä­ßen, die­sen Satz möch­te ich, hoch­ver­ehr­te Ver­samm­lung, auf das Schärf­ste zu­rück­wei­sen: Er wür­de, be­denkt man ihn lan­ge ge­nug, so­gar die Grund­sät­ze der Ver­ein­ten Na­tio­nen hin­weg­fe­gen.

Wir ha­ben die am 04. April be­kannt ge­wor­de­nen An­grif­fe lan­ge und aus­gie­big ge­prüft und wie sie al­le wis­sen, sind un­se­re Dien­te die be­sten, die sie auf die­ser Welt fin­den wer­den, sie sind nicht nur in ho­hem Maß ver­läss­lich, sie sind in­te­ger wie kei­ne an­de­ren. Nie­mals wür­den wir die Welt­ge­mein­schaft zu täu­schen ver­su­chen, noch in un­se­rem ei­ge­nen, schä­bi­gen In­ter­es­se, lü­gen: Mei­ne Da­men und Herrn, ich möch­te kei­ne lan­gen Wor­te ma­chen, die Zeit drängt und das War­ten hat ei­ne En­de: Ich ha­be hier ein Dos­sier, das Sie ger­ne stu­die­ren kön­nen, die Be­wei­se sind ein­deu­tig, die Sach­la­ge ist ge­klärt und die Ver­ant­wort­li­chen be­nannt: Die ge­gen den sy­ri­schen Dik­ta­tor vor­ge­brach­ten Vor­wür­fe tref­fen zu, ja es ist lei­der noch schlim­mer, als es zu­nächst den An­schein hat­te: Die Zahl der To­ten ist auf über 100 ge­stie­gen, wir ha­ben Chlor­gas und Sa­rin aus Be­stän­den der sy­ri­schen Ar­mee nach­wei­sen kön­nen, die 2013 vor den in­ter­na­tio­na­len Kon­trol­leu­ren ver­steckt wor­den sind. Der vor­lie­gen­de An­griff ist der fünf­te, den wir ein­deu­tig der sy­ri­schen Ar­mee zu­schrei­ben kön­nen und ein drei­ster Schlag ins Ge­sicht der über Frie­den und ei­ne Lö­sung des sy­ri­schen Kon­flikts ver­mit­teln­den Na­tio­nen. — Ich möch­te ab­schlie­ßend her­vor­he­ben, dass wir als Na­ti­on in die­sem Kon­flikt kei­ner Par­tei an­ge­hö­ren und kei­ner­lei In­ter­es­sen ver­fol­gen, we­der po­li­ti­sche, noch öko­no­mi­sche und selbst­ver­ständ­lich ist es un­ser ober­stes Ziel, die Ver­ant­wort­li­chen vor den in­ter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­hof zu brin­gen, den wir, wie al­le an­de­ren mo­ra­li­schen Na­tio­nen als die höch­ste In­stanz des Völ­ker­rechts an­er­ken­nen.

Ei­ni­ge von Ih­nen wer­den ir­ri­tiert sein, dass wir nur in Ab­spra­che mit un­se­ren eng­sten Ver­bün­de­ten, ei­nen er­sten mi­li­tä­ri­schen Schlag aus­ge­führt ha­ben, aber wir sind der Über­zeu­gung, dass die­sem Re­gime nur ra­sches und ent­schlos­se­nes Han­deln, Ein­halt ge­bie­ten wird. Wie sich schon 2009 im Je­men ge­zeigt hat, als wir die Aus­bil­dungs­la­ger der al-Qai­da in der Re­gi­on al-Ma­ja­lah be­kämpf­ten, muss man die Ter­ro­ri­sten tref­fen, wann und wo sie das nicht er­war­ten: Un­se­re Zö­ger­lich­keit wird sie im­mer rei­zen, so wie die of­fen­sicht­li­che Schwä­che ei­nes Op­fers den Ag­gres­sor ei­gent­lich erst reizt. Kei­nes­falls wol­len wir uns zu ei­nem Al­lein­gang hin­rei­ßen las­sen, wir sind, im Ge­gen­teil, der An­sicht, dass ein­zig ei­ne Ko­ali­ti­on der frei­en und mo­ra­lisch star­ken Na­tio­nen, die nö­ti­ge Durch­set­zungs­kraft und Recht­fer­ti­gung be­sit­zen wird.

Ich möch­te mich bei Ih­nen für Ih­re Ge­duld be­dan­ken. Ich freue mich über die Er­klä­run­gen ei­ni­ger eu­ro­päi­scher Staa­ten, die zei­gen, dass sie zu ähn­li­chen Schlüs­sen wie wir selbst ge­kom­men sind. Ich weiß, dass die fol­gen­den Ent­schei­dun­gen nicht ein­fach sein wer­den, aber ich bin mir si­cher: Die freie Welt wird nicht ta­ten­los zu­se­hen und die­se Dun­kel­heit wird nur von kur­zer Dau­er sein.

Vie­len, herz­li­chen Dank!

An­mer­kung: Die­se, of­fen­bar An­fang April 2017 vor der Ge­ne­ral­ver­samm­lung der Ver­ein­ten Na­tio­nen ge­hal­te­ne oder nur für die­se vor­be­rei­te­te und mit dem Kür­zel RT ge­zeich­ne­te Re­de, wur­de mir ver­gan­ge­nes Wo­chen­en­de zu­ge­spielt. Ich ge­be sie hier un­ge­kürzt und über­setzt wie­der und bit­te bei der Lek­tü­re zu be­rück­sich­ti­gen, dass wir kei­ner­lei Mög­lich­keit be­sit­zen, ih­re Echt­heit zu über­prü­fen.

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  1. Oft und wohl meist zu Recht wird »Ter­ro­ris­mus« als ei­ne Spra­che der Ohn­macht de­kla­riert. Der Ter­ro­rist sieht nur die­se Mög­lich­keit, sein An­lie­gen »vor­zu­brin­gen« und da­mit me­di­al in den Fo­kus zu rücken. Es ge­schieht al­so vor al­lem auch für die an­de­ren, für Zu­schau­er, wenn mög­lich in al­ler Welt.

    Die­ser As­pekt (der nicht sin­gu­lär ist), zeigt sich auch in sol­chen Ak­tio­nen wie der Bom­bar­die­rung ei­ner Mi­li­tär­ba­sis durch die USA. Die Ge­mein­sam­kei­ten mit ter­ro­ri­sti­schen An­schlä­gen sind über­ra­schen si­gni­fi­kant: Zum ei­nen stellt sich die aus­füh­ren­de Par­tei über gel­ten­des Recht; man be­an­sprucht die Be­rech­ti­gung für die­se »Sa­che« der­art zu agie­ren. Dann der me­dia­le As­pekt. Und schließ­lich geht es um das dif­fu­se Ge­fühl für et­was Ra­che neh­men zu müs­sen. In die­sen drei Punk­ten passt man sich al­so de­nen an, die man vor­gibt, zu be­kämp­fen. Im ak­tu­el­len Fall ist es nicht di­rekt ei­ne »Terror«-Organisation, son­dern das sy­ri­sche Re­gime.

    Ge­mein­sam ist bei­den Ak­tio­nen noch ein wei­te­rer As­pekt: Es ver­än­dert grund­sätz­lich nichts an dem ver­fah­re­nen Sta­tus quo. Die so­ge­nann­te Ge­walt­spi­ra­le bleibt statt­des­sen zu­ver­läs­sig er­hal­ten. Die Vor­her­seh­bar­keit sol­cher Ak­tio­nen ist zu­dem ge­fähr­lich, weil sie da­zu füh­ren könn­te, dass es »ge­fake­te« An­grif­fe gibt. Der ame­ri­ka­ni­sche Jour­na­list Sey­mour Hersh stellt die gän­gi­ge Les­art in­fra­ge (was na­tür­lich in den mei­sten Me­di­en in D igno­riert der ne­giert). Laut Hersh hat­te Oba­ma mit ei­nem ähn­li­chen An­griff ge­zö­gert, weil es auch Ge­heim­dienst­be­rich­te gab, die die Ein­deu­tig­kei­ten nicht be­stä­tig­ten.

    So ge­schieht denn zu­meist so et­was aus in­nen­po­li­ti­schen Grün­den. Trump be­kommt zu Hau­se nichts auf die Rei­he – da muss er nach au­ßen Stär­ke zeu­gen (Nord­ko­rea wird das näch­ste Bei­spiel sein).

  2. Die­se Art der Kriegs­füh­rung ist hoch­gra­dig ma­ni­pu­la­tiv. Je­de Kin­der­gärt­ne­rin hät­te »im Zorn« zu­rück­ge­schla­gen, aber die US-Ad­mi­ni­stra­ti­on ist nor­ma­ler­wei­se be­setzt mit furcht­erre­gend kalt­schnäut­zi­gen Leu­ten, des­halb wird hier nur ei­ne Si­mu­la­ti­on des »righ­te­ous re­spon­se« durch­ge­führt.
    Ich kann es mir nur so er­klä­ren, dass die Kräf­te­ver­hält­nis­se im Na­tio­na­len Si­cher­heits­rat im­mer noch nicht klar sind, zu­mal das Be­set­zungs­ka­rusell sich noch dreht, und man viel­leicht ei­ne »Kampf­ab­stim­mung« über ei­nen An­griff durch­ge­führt hat, nur um zu se­hen, WER WELCHE Po­si­ti­on be­zieht. Die Kräf­te­ver­hält­nis­se im In­ne­ren sind wohl jetzt ge­klärt. Neue in­ter­na­tio­na­le Stra­te­gie: Strike by Ma­yo­ri­ty. Von we­gen Mo­ral, Mo­ral ist wenn man sich ei­nig ist...
    Die Eu­ro­pä­er ha­ben sich wie­der mal be­son­ders an­pas­sungs­freu­dig ge­zeigt; Pu­tin mein­te, die Al­li­anz er­in­ne­re ihn an ei­ne chi­ne­si­sche Fi­gu­ren-Grup­pe mit Wackel­köp­fen (sog. Wackel­kopf-Pa­go­de, in Eu­ro­pa eher un­be­kannt). Die Köp­fe nicken im Sin­ne der Ad­mi­ni­stra­ti­on.
    Kurz und knapp: die mo­ra­lisch am­bi­tio­nier­te Na­ti­on ist ein Fake, ei­ne Lü­ge von frü­her, die Ad­mi­ni­stra­ti­on fin­det ih­re Hand­schrift on the fly. Wir wer­den wie­der mal ver­la­den, in Wahr­heit kön­nen wir kei­ne drei Ta­ge das Han­deln vor­aus­se­hen. Und die US-Ad­mi­ni­stra­ti­on viel­leicht auch nicht. Nach au­ßen mo­ra­li­sche Spon­tis, nach in­nen Trai­nees on the job. Nie stan­den die Eu­ro­pä­er so blank und blö­de da. Ein Kö­nig­reich für ei­ne geo­po­li­ti­sche Stra­te­gie.

  3. Die­se Art der »Po­li­tik« ist kein Al­lein­stel­lungs­merk­mal der ver­wirr­ten Trump-Ad­mi­ni­stra­ti­on. Auf dem Hö­he­punkt der Le­win­sky-Af­fä­re bom­bar­dier­te Clin­ton Zie­le in Af­gha­ni­stan und ei­ne ver­meint­li­che Gift­gas­fa­brik im Su­dan. Rea­gan agier­te in dem 1980ern ein paar Mal ähn­lich.

    Die geo­po­li­ti­sche Stra­te­gie hat im Fal­le der ara­bi­schen Staa­ten nie be­stan­den. Be­zie­hungs­wei­se: Sie be­stand dar­in, den Sta­tus quo auf­recht zu er­hal­ten – Men­schen­rech­te hin, Men­schen­rech­te her. Das Pa­ra­de­bei­spiel ist Mu­ba­rak in Ägyp­ten ge­we­sen. Jahr­zehn­te­lang brauch­te man ihn als mo­de­ra­ten Nah­ost-Po­li­ti­ker und so­mit als Sta­bi­li­ät­san­ker. Als das Volk ihn weg­wisch­te, war er auf ein­mal der Pa­ria. Noch schlim­mer Gad­da­fi.

    Als in Ägyp­ten dann durch Wah­len (die man ja soo wich­tig nahm) die »fal­schen« an der Re­gie­rung ka­men (Mus­lim­brü­der), schwenk­te man wie­der um. Das kann­te man ja noch von Al­ge­ri­en.

    Statt sich mit den erup­ti­ven Re­vo­luz­zern der di­ver­sen ara­bi­schen Früh­lin­ge (de­ren Be­weg­grün­de man nur un­zu­rei­chend ge­kannt ha­ben dürf­te) vor­ei­lig zu so­li­da­ri­sie­ren, hät­te man viel frü­her kon­zer­tiert Be­frie­dungs­po­li­tik ver­su­chen sol­len. Man hat­te ein­fach den Macht­wil­len und die Bru­ta­li­tät As­sads un­ter­schätzt (da­bei hät­te man sich nur den Va­ter ge­nau­er an­se­hen müs­sen).

  4. Ei­ne Über­set­zung von Sey­mour Hershs sehr aus­führ­li­chem Ar­ti­kel er­schien üb­ri­gens im Mai 2016 im Ci­ce­ro. Hersh rech­net gna­den­los mit Oba­ma ab, be­rich­tet über die Stim­mung im Stab, der sich nur nach au­ßen an Oba­mas Re­geln hielt, tat­säch­lich aber In­for­ma­ti­on über IS und Al Nus­ra an As­sad durch­stach.

    An ge­mä­ßig­te Re­bel­len hat dort nie je­mand ge­glaubt, im Ge­gen­teil, es wur­de von der DIA (un­ter der Lei­tung von Mi­cha­el Flynn) die Macht­über­nah­me von dschi­ha­di­sti­schen Ex­tre­mi­sten vor­her­ge­sagt. »Ich hat­te das Ge­fühl, man woll­te die Wahr­heit nicht hö­ren.«, soll Flynn zu Hersh ge­sagt ha­ben. Wäh­rend­des­sen hat die CIA mit Groß­bri­tan­ni­en, Sau­di-Ara­bi­en und Ka­tar Waf­fen und Wa­ren aus Li­by­en über die Tür­kei nach Sy­ri­en ge­lie­fert, um As­sad zu stür­zen. Egal mit wem. Flynn hat­te er­kannt, dass oh­ne Zu­sam­men­ar­beit mit Russ­land und Chi­na ei­ne Lö­sung nicht mög­lich ist, zu­mal die Sau­dis und die Tür­ken kom­pro­miss­los Öl ins Feu­er schüt­te­ten. Die fol­gen­den Kon­tak­te sind ihm dann ja noch auf die Fü­ße ge­fal­len.

    Via Wi­ki­leaks war be­kannt ge­wor­den, dass schon die Bush-Ad­mi­ni­stra­ti­on trotz in­ten­si­ver Zu­sam­men­ar­beit mit As­sad ver­sucht hat­te, Sy­ri­en zu de­sta­bi­li­sie­ren, was un­ter Oba­ma fort­ge­führt wur­de. Hersh be­schreibt das sehr ge­nau. Ju­gend­li­che ha­ben Pa­ro­len auf Wän­de ge­schmiert. Na­tür­lich. Scholl-La­tour hat­te in sei­nem letz­ten Buch schon ganz un­ver­blümt die CIA als Agent Pro­vo­ca­teur des Krie­ges be­nannt. Pipe­lines, sag­te er. Pipe­lines.

    Hersh be­schreibt die gan­zen schmut­zi­gen De­tails der In­tri­gen zwi­schen al­len Be­tei­lig­ten, auch in­ner­halb der USA. Vor al­lem auch, wie sich die Si­tua­ti­on än­der­te, als der mo­de­ra­te Mar­tin Ed­ward Demp­sey von dem Russ­land­has­ser Jo­seph Dun­ford als Vor­sit­zen­der der Joint Chiefs of Staff ab­ge­löst wur­de. Wie es dann wei­ter­ging, wis­sen wir heu­te.

    Die (an­geb­li­chen) Che­mie­waf­fen sind die Brut­kä­sten von heu­te. Viel­leicht soll­ten wir ein biss­chen froh sein, dass nicht Hil­la­ry Clin­ton Prä­si­den­tin ge­wor­den ist. Na­tür­lich hat­te ich nach der Lek­tü­re des Ar­ti­kels mit hef­ti­gen Re­ak­tio­nen ge­rech­net. Und es kam: Nichts. Main­strea­ming? Nein. Ein­heits­front! Mo­ral? Lä­cher­lich. In­ter­es­sen! Und auf rö­cheln­de Ba­bys sch... die. Ent­schul­di­gung.

  5. Dan­ke für den Hin­weis auf den Hersh-Text. Den ha­be ich mir jetzt mal bei Blend­le ge­kauft. Wo­mög­lich gibt es er­quick­li­che­re Oster­lek­tü­re, aber die Neu­gier ist stär­ker...

  6. Ich mut­ma­ße Fol­gen­des: Dass die NATO bei Trump wie­der ex­pli­zit »in« ist, hängt mit dem Mi­li­tär­schlag zu­sam­men, wie si­cher ei­ni­ges an­de­re, das ich jetzt nicht se­he. Es war doch, wenn wir zu­rück­blicken, höchst selt­sam, was da an jour­na­li­sti­schem Ge­schrei und Ge­plärr über ei­nen (noch nicht ein­mal in­au­gu­rier­ten) US-Prä­si­den­ten her­ein­ge­bro­chen ist, das wä­re un­ter an­de­ren Vor­aus­set­zun­gen, et­wa Frau Clin­ton, in Öster­reich und Deutsch­land völ­lig un­denk­bar ge­we­sen (ich kann mich nicht er­in­nern, dass bei Bush jr. et­was Ver­gleich­ba­res der Fall ge­we­sen wä­re). Ich ver­mu­te, dass da­hin­ter u.a. die seit An­be­ginn sicht­ba­re Ab­kehr Trumps von ei­ni­gen stra­te­gi­schen Grund­kon­stan­ten der US-Au­ßen­po­li­tik, steckt: Kein an­de­rer hät­te frei­wil­lig auch nur an­satz­wei­se dar­an ge­dacht den Fuß ein Stück weit von good old Eu­ro­pe ab­zu­he­ben oder die NATO bzw. das in­ter­na­tio­na­le Macht­si­che­rungs­en­ga­ge­ment als we­nig nutz­brin­gend an­zu­se­hen. Das al­les steht ei­gent­lich ganz ent­ge­gen der klas­si­schen, grund­le­gen­den geo­po­li­ti­schen Über­le­gun­gen, wie et­wa je­ner, dass Eu­ro­pa auf gar kei­nen Fall »ge­mein­sa­me Sa­che« mit Russ­land ma­chen soll­te, weil dar­aus ein den USA ent­ge­gen­ge­setz­tes Macht­ge­wicht ent­ste­hen könn­te (man wird se­hen in­wie­weit sich Russ­land und Chi­na zu­sam­men tun). Es muss­te al­so stut­zig ma­chen, dass sich Trump da – an­schei­nend völ­lig un­über­legt – ent­ge­gen die­ser klas­si­schen Dok­trin ver­hal­ten hat. Ich den­ke, dass die­se An­sich­ten ge­ra­de eben ih­re re­al­po­li­ti­sche Er­dung er­fah­ren, denn es kann nicht sein, dass die­ser Weg im na­tio­na­len Si­cher­heits­rat, in den mi­li­tä­ri­schen oder ge­heim­dienst­li­chen Krei­sen so oh­ne Wei­te­res hin­ge­nom­men wird. Soll, hei­ßen, dass Trump viel­leicht nicht klein, aber doch et­was bei­geben muss und an­de­rer­seits zei­gen muss oder will, dass er auch im Na­hen Osten be­reit ist, ein­zu­grei­fen.

    [Dies­mal ist wie­der al­les wie in ei­nem Drei­gro­schen­ro­man ge­lau­fen: Die will­fäh­ri­gen Re­ak­tio­nen am Diens­tag lie­ßen ah­nen, dass da bald et­was pas­sie­ren wür­de.]

  7. Ich glau­be, dass die NATO bei Trump nie »out« war. Für ihn stellt(e) sich im­mer nur die öko­no­mi­sche Fra­ge. Er preist den geo­stra­te­gi­schen und macht­po­li­ti­schen Vor­teil für die USA nicht so hoch ein, dass er ihn durch die ho­hen Aus­ga­ben er­setzt sieht. Die Äu­sse­rung in ei­nem In­ter­view lau­te­te ja, dass die NATO ob­so­let »war« und nicht sei. Sie war es ja tat­säch­lich kurz nach dem Mau­er­fall und muss­te da­nach erst ei­ne neue Ziel­set­zung fin­den.

    Im Hersh-Text ist er­läu­tert, war­um die NATO in Sy­ri­en nicht zum Zu­ge kommt: Dann müss­te auch die Tür­kei da­bei sein, die, so Hersh, ihr ei­ge­nes stra­te­gi­sches Spiel­chen u. a. mit Al-Nus­ra und dem IS spielt. In­zwi­schen ist Er­doğans Tür­kei ein ve­ri­ta­bles Pro­blem für die NATO ge­wor­den.

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  9. Kur­zer Zwi­schen­ruf: Ich ha­be ge­ra­de Die den Sturm ern­ten von Mi­cha­el Lü­ders ge­le­sen. Jetzt wun­dert mich nicht mehr, dass er in den letz­ten Wo­chen ei­nen Ab­riss er­ster Klas­se be­kom­men hat. Wie weit man ihm fol­gen kann, muss je­der selbst ent­schei­den. Mei­ne Sicht zu­min­dest deckt sich stark mit Lü­ders’, ob­wohl mir trotz in­ten­si­ver Re­cher­che Ei­ni­ges neu war. De­pri­mie­rend ist es auf je­den Fall, den­noch emp­feh­lens­wert.

  10. Der Ti­tel lässt dar­auf schlie­ßen, aber es ist ver­mut­lich eher ein Up­date (ich ha­be Wer den Wind sät nicht ge­le­sen). Auch in dem neu­en Buch fängt Lü­ders wie­der bei Adam und Eva an. Man merkt aber, dass bei der An­pas­sung Zeit­druck im Spiel war, da die Über­gän­ge von Hi­sto­rie zu Po­li­tik et­was hol­pe­rig sind.

    Man darf nicht ver­ges­sen, das Lü­ders nicht ganz bias­frei ist, auch wenn er sich wohl ger­ne als deut­scher Sey­mour Hersh sä­he (Hersh ist si­cher Ba­sis des Bu­ches). Mein Ein­druck ist aber, dass da wo Lü­ders über­treibt und ab­schwächt, die Main­stream­me­di­en eher weg­las­sen oder tat­säch­lich lü­gen. So bit­ter das ist.

  11. Ich ha­be jetzt »Die den Sturm ern­ten« über Sy­ri­en ge­le­sen und den you­tube-Vor­trag, der auf Lü­ders’ Buch da­vor re­kur­riert auch an­ge­schaut.

    Ich be­ob­ach­te Lü­ders seit vie­len Jah­ren, ha­be ihn »er­lebt« als Zeit-Kor­re­spon­dent, wo er sehr viel zu­rück­hal­ten­der war; teil­wei­se bis zur Be­lie­big­keit. Er ist nun bar je­der re­dak­tio­nel­ler Zwän­ge und das ist ei­gent­lich sehr gut. Sei­ne Aus­füh­run­gen sind sehr stark bi­lan­zie­rend und spei­sen sich aus nach­prüf­ba­ren Quel­len. Wenn er Kau­sa­li­tä­ten auf­zeich­net, al­so das, was er ge­fun­den hat, mit­ein­an­der ver­knüpft und in ei­ne Deu­tung setzt, wird es manch­mal et­was kon­spi­ra­tiv (das gilt für den Vor­trag mehr als für das Buch). Wenn er sagt, dass man den gro­ßen Ver­ein­fa­chern nicht glau­ben soll (was stimmt), und dann sel­ber zum Ver­ein­fa­cher wird, in dem al-Qai­da und den IS als Pro­dukt der USA be­zeich­net, dann wi­der­spricht dies dem, was er vor­her aus­führ­te und zu­sam­men­ge­tra­gen hat­te.

    Die Pro­vo­ka­ti­on für die Main­stream­me­di­en liegt in zwei Punk­ten: Zum ei­nen kri­ti­siert er die is­rae­li­sche Po­li­tik (ein Mi­nen­feld; man hört förm­lich im Vor­trag wie er nach spon­ta­nen Wor­ten ringt). Zum an­de­ren stellt er das west­li­che Nar­ra­tiv der »Wer­te« mit Bra­chia­li­tät in­fra­ge. Er­ste­res hät­te man nicht weg­las­sen, aber ele­gan­ter for­mu­lie­ren kön­nen (im Sy­ri­en-Buch spielt es kaum ei­ne Rol­le). Die Wen­dung, dass die Wer­te hand­fe­ste In­ter­es­sen zu Grun­de lie­gen, kann al­ler­dings mei­nes Er­ach­tens nicht stark ge­nug be­tont wer­den. Freun­de macht man sich da­mit nicht. Nach dem Auf­tritt von Lü­ders in der »Anne-Will«-Talkshow, in der die Mo­de­ra­to­rin ihn als in­ter­es­sen­ge­lei­tet dar­stell­te, hat er sich jetzt das At­tri­but »um­strit­ten« ver­dient. Von nun an wird er nicht ein­mal mehr falsch par­ken dür­fen, oh­ne dass dies ir­gend­wann ge­gen ihn ver­wen­det wer­den dürf­te.

    Ich ha­be den Vor­trag wie auch das Buch vor al­lem als Me­di­en­kri­tik ge­le­sen. Al­ler­dings: Na­he­zu al­les das, was Lü­ders be­schreibt, ha­be ich (durch­aus Fern­seh­jun­kie) in ir­gend­ei­ner Form in Do­ku­men­ta­tio­nen in öf­fent­lich-recht­li­chen Fern­se­hen ge­se­hen; sei es ar­te, zdf-in­fo oder –neo oder Phoe­nix. Ver­schwie­gen wird es al­so nicht. Aber die Sen­de­zei­ten sind ei­ner­seits un­ter­ir­disch (meist sehr spät am Abend oder nachts) und, das ist das ent­schei­den­de, die Er­kennt­nis­se die­ser Do­ku­men­ta­tio­nen ha­ben kei­ner­lei Ein­fluss auf die all­täg­li­che Nach­rich­ten­be­richt­erstat­tung der Sen­der. Dort (und in den un­säg­li­chen Talk­shows) pflegt man wei­ter die gän­gi­gen »Er­zäh­lun­gen« (das hat­te auch schon Uwe Krü­ger fest­ge­stellt).

    Ob sich Lü­ders als Sey­mour Hersh sieht, weiß ich nicht (in­ve­sti­ga­tiv tä­tig ist er ja bis­her nicht). Das Vor­bild scheint mir eher ei­ne Art Pe­ter Scholl-La­tour 2.0 zu sein.

  12. Viel­leicht soll­te ich doch wie­der mehr fern­se­hen.

    Wenn ich sa­ge, Lü­ders liegt mit sei­nen Ein­schät­zun­gen rich­tig, kann ich nicht gleich­zei­tig be­haup­ten, dass die Ta­ges­schau wahr­heits­ge­mäß be­rich­tet, von ob­jek­tiv ganz zu schwei­gen. Man könn­te es sich jetzt be­quem ma­chen und sich mit Die Wahr­heit liegt wohl ir­gend­wo in der Mit­te in die Bü­sche schla­gen.

    Das ist zu­min­dest für mich nicht halt­bar. Soll ich jetzt Lü­gen­pres­se ru­fend durch die Stadt mar­schie­ren? Wenn wie­der ein Po­li­ti­ker von Wer­ten schwa­dro­niert, Volk­ver­rä­ter ru­fen? Mir ist in die­ser Si­tua­ti­on sehr un­be­hag­lich. Ich hat­te ir­gend­wo ge­le­sen, dass Sie das Dik­tum nicht mö­gen, aber mir fällt da­zu im­mer Es gibt kein rich­ti­ges Le­ben im Fal­schen ein.

    Ich fin­de es sehr tref­fend, heu­te so­gar vi­ru­len­ter als je zu­vor. Mo­men­tan löst ei­ne Kri­se die an­de­re ab, die den ge­mein­sa­men Nen­ner ha­ben, dass die Be­richt­erstat­tung mehr oder min­der of­fen­sicht­lich nur ein Nar­ra­tiv ist. Die Un­ru­he der Welt er­scheint mir Fol­ge die­ser Pa­ra­do­xa.

  13. Wenn man Tal­bots »Schach­brett des Teu­fels« liest, denkt man sich, dass es (zu­min­dest in den USA) »schon im­mer«, al­so seit dem zwei­ten Welt­krieg so war und wenn ich dann an die Zeit vor dem er­sten Welt­krieg bei uns denke...Talbots Buch ist de­tail­liert und sehr in­ter­es­sant, es han­delt von der Früh­ge­schich­te des CIA un­ter Allan Dul­les (be­gin­nend mit dem aus­klin­gen­den Krieg und der ge­heim­dienst­li­chen Zu­sam­men­ar­beit mit ehe­ma­li­gen Na­tio­nal­so­zia­li­sten), viel­leicht manch­mal für den eu­ro­päi­schen Le­ser mit dem ei­nen oder an­de­ren nicht un­be­dingt not­wen­di­gen po­li­ti­schen De­tail aus den USA.

    Ich be­mer­ke, dass ich im­mer häu­fi­ger auf be­leg­ba­re oder na­he­lie­gen­de »ver­schwö­re­ri­sche« Vor­ge­hens­wei­sen sto­ße, ge­sucht ha­ben ich sie nicht.

    Ich er­in­ne­re mich noch an ei­ne sehr gu­te Do­ku zu Trump und Clin­ton knapp vor der Wahl im deut­schen Fern­se­hen, zum Glück on­line ver­füg­bar (ich be­sit­ze kei­nen Fern­se­her), auf die Gre­gor ver­wie­sen hat. Auch hier das­sel­be: Die Sen­de­zeit war spät abends oder nachts. — Mir ge­nügt es, dass ich via Netz das ei­ne oder an­de­re se­he.

  14. @Joseph Bran­co
    Nein, die »ta­ges­schau« (oder je­de an­de­re Nach­rich­ten­sen­dung) kann man als se­riö­ses Me­di­um wenn es um kom­ple­xe Sach­ver­hal­te geht weit­ge­hend ver­ges­sen. Für Sport-Er­geb­nis­se und die Lot­to­zah­len reichts noch, aber schon die Deu­tung bei­spiels­wei­se von Wahl­er­geb­nis­sen ist zu­wei­len ha­ne­bü­chend. Kri­tik zu üben an der Ten­denz­haf­tig­keit die­ser Sen­dun­gen ist m. E. nicht gleich­be­deu­tend mit »Lügenpresse«-Rufern. (Dass man mit ei­ner sol­chen Gleich­set­zung ver­sucht, die dis­kur­si­ve Ober­hand zu be­hal­ten, ist all­zu leicht durch­schau­bar.)

    Ich stim­me mit Ih­rem Be­fund über­ein: In brei­ten Tei­len der Be­völ­ke­rung hat sich ein Un­be­ha­gen an der Dar­stel­lung der Welt in den Me­di­en breit­ge­macht. Dies wird von ei­ni­gen nun über­stei­gert (bis hin zur Pa­ra­noia). Aber das, was Lam­by neu­lich als Ti­tel für sei­ne (eher schwa­che) Do­ku­men­ta­ti­on wähl­te, ist die Fol­ge da­von: Ei­ne ner­vö­se Re­pu­blik.

    @metepsilonema
    Spä­te Sen­de­zei­ten sind na­tür­lich nur teil­wei­se ei­ne »Ent­schul­di­gung« da­für, be­stimm­te Sen­dun­gen nicht ge­se­hen zu ha­ben. Schon mit Er­fin­dung des Vi­deo­re­kor­ders war das ei­gent­lich nur ei­ne Schutz­be­haup­tung. Dass in­ter­es­san­te Do­kus in Ni­schenka­nä­len um 22.30 Uhr oder spä­ter ge­sen­det wer­den, zeigt na­tür­lich die wah­ren Prio­ri­tä­ten der öf­fent­lich-recht­li­chen Sen­der an.

  15. Dass die Ta­ges­schau un­ter­kom­plex be­rich­ten muss, liegt in der Na­tur der Sa­che, dass heißt aber nicht, dass sie falsch be­rich­ten muss. Im of­fi­zi­el­len Nach­rich­ten­me­di­um, dem DLF, hat man al­le Zeit der Welt, aber auch dort ist die Be­richt­erstat­tung meist ten­den­zi­ös. Sug­ge­stiv­fra­gen sind eher die Re­gel, als die Aus­nah­me, um­stit­te­ne Fra­gen wer­den be­lie­big als Tat­sa­chen ver­kauft. Die Dra­ma­tik die­ser Fest­stel­lung ist un­ab­seh­bar. Das Fun­da­ment zer­bricht ge­ra­de. Zu speng­le­risch? Ich glau­be nicht.

  16. Manch­mal ver­schwim­men die Nu­an­cen zwi­schen »falsch« und »un­ter­kom­plex«. Wenn man ZDF-Heu­te um 19 Uhr mit der Ta­ges­schau um 20.15 Uhr ver­gleicht fällt auf, dass die Ta­ges­schau, ob­wohl no­mi­nell kür­zer (7 bis 8 Mi­nu­ten) fast im­mer mehr Ta­ges­in­for­ma­tio­nen bie­tet. Bei Heu­te gibt es sehr oft schon ab Mi­nu­te 10 ein Bou­le­vard-The­ma, et­wa wenn ir­gend­wel­che Ärz­te ei­nen ver­meint­lich neu­en Impf­stoff oder ei­ne Heil­me­tho­de ent­deckt ha­ben (was sich dann im Be­richt als hoch­gra­dig spe­ku­la­tiv her­aus­stellt). Ab Mi­nu­te 15 be­ginnt dann fast im­mer der Sport. Dort wer­den ent­we­der Er­eig­nis­se be­bil­dert, die gut 20 Stun­den alt sind, oder Vor­be­rich­te zu ir­gend­wel­chen »Der­bys« in drei oder vier Ta­gen ab­ge­son­dert. Fast im­mer ent­behr­lich. Da­nach gibt es noch ei­ne bun­te Mel­dung à la Kat­ze sprang aus dem 3. Stock und über­leb­te be­vor dann zum Wet­ter über­ge­lei­tet wird. Bei der ta­ges­schau wirkt es straf­fer und se­riö­ser, aber die The­men­aus­wahl ist auch grö­ßer. Lei­der ist man dort im­mer sehr be­fan­gen zu in­nen­po­li­ti­schen Er­eig­nis­sen State­ments von al­len mög­li­chen Be­tei­lig­ten ein­zu­ho­len, die aber oft ge­nug nur in ei­nem Satz be­stehen (man kann se­hen, dass sie wei­ter­ge­re­det ha­ben, aber es hilft nichts). Im­mer al­les schön aus­ge­wo­gen. Am En­de weiß man ei­gent­lich nichts. Es­sen­ti­el­les kommt un­ter die Rä­der. We­ni­ger The­men wä­re mehr (oft ge­nug sagt der je­wei­li­ge Spre­cher ei­ne Mel­dung an und im dann fol­gen­den Film wird fast wort­gleich der glei­che In­halt als In­tro wie­der­ge­ge­ben.)

    Ich glau­be, dass die me­dia­len Po­la­ri­sie­run­gen noch zu­neh­men wer­den. Mit da­mit auch die »Vor­ver­ur­tei­lun­gen« der »Ab­weich­ler«. Als Ali­bi wer­den sie na­tür­lich wei­ter in ir­gend­wel­chen Talk­shows ein­ge­la­den, aber dort ha­ben sie mit 5:1 kei­ne Chan­ce. Der Glaub­wür­dig­keits­ver­lust bei den öf­fent­lich-recht­li­chen Me­di­en be­deu­tet ja nicht au­to­ma­tisch ei­nen Zu­wachs von Glaub­wür­dig­keit an­de­ren Me­di­en ge­gen­über. Das wird oft als Glei­chung auf­ge­macht, ist aber falsch.

    Ich blei­be da­bei: Ein Nach­rich­te­nu­ser, der ei­nen 40-Stun­den-Ar­beits­tag und wo­mög­lich noch ei­ne Fa­mi­lie mit Kin­dern hat, dürf­te we­nig In­ter­es­se ha­ben, die Hin­ter­grün­de der Ukrai­ne-Kri­se oder des sy­ri­schen Bür­ger­kriegs in meh­re­ren Me­di­en mit­ein­an­der zu ver­glei­chen. Das muss man aber in­zwi­schen, will man nicht Ge­fahr lau­fen, die gän­gi­gen Pa­ro­len nach­zu­plap­pern. Auf Dau­er wer­den vie­le in ei­ne Des­in­ter­es­se-Spi­ra­le stol­pern und sich mehr oder we­ni­ger ent­po­li­ti­sie­ren. Die Fol­ge könn­te ein um­fas­sen­der Ver­trau­ens­ver­lust den In­sti­tu­tio­nen ge­gen­über sein. Wie ge­sagt: ein Ver­lust; kei­ne blo­ße Skep­sis. – Al­so nicht »zu speng­le­risch«.

  17. Mein er­ster Satz war wohl miss­ver­ständ­lich. Ich mein­te nicht, dass un­ter­kom­plex nicht au­to­ma­tisch falsch heißt, son­dern dass tat­säch­lich Falsch­mel­dun­gen ge­sen­det wer­den.

    Was heißt das denn jetzt für die Zu­kunft? Bie­der­mei­er, mehr Ex­tre­mis­mus oder gibt es viel­leicht auch po­si­ti­ve Ef­fek­te? Wenn die wirt­schaft­li­che La­ge sta­bil bleibt, se­he ich zu­min­dest in Deutsch­land eher Bie­der­mei­er. Die Welt­la­ge macht mir zum er­sten mal in mei­nem Le­ben tat­säch­lich ein biss­chen Sor­ge.

  18. Apro­pos DLF: Das ist schon ein we­nig her und wahr­schein­lich be­kannt, aber dass so et­was Kin­dern in so­ge­nann­ten Kin­der­nach­rich­ten vor­ge­setzt wird, ist ei­ne Un­ge­heu­er­lich­keit und nicht zu ent­schul­di­gen.

    Ich ha­be den Ein­druck, dass vie­le Men­schen kaum bis we­nig po­li­tisch in­ter­es­siert sind und noch we­ni­ger eher vor­sich­tig ab­wä­gen; ich be­fürch­te und se­he auch, dass die Ak­ti­vie­rung der Wäh­ler über Phra­sen, Mo­ral, In­sze­nie­run­gen und Halb­wahr­hei­ten zu­neh­men wird. Es wird im­mer mehr Ge­glaub­tes oder Nicht­be­frag­tes durch die Ge­sell­schaft dif­fun­die­ren und all das wird letzt­end­lich für die Durch­set­zung und Ak­zep­tanz po­li­ti­scher Be­schlüs­se ent­schei­dend sein (es ist gleich, ob das die Gen­dergap be­trifft oder un­ser Bil­dungs­sy­stem).

    Es scheint tat­säch­lich so zu sein, dass ge­wis­se Selbst­ver­ständ­nis­se und das Ver­trau­en in die Me­di­en schwin­den, wie die Brei­ten­wir­kung aber tat­säch­lich aus­sieht, ver­mag ich nicht ein­zu­schät­zen (ich ha­be kurz über­legt et­was zu Men­as­ses Re­de zu schrei­ben, aber es ist mir ein­fach – Ver­zei­hung! – zu blöd; da trifft Hand­ke mit ein paar knap­pen Sät­zen in sei­nem In­ter­view in der Klei­nen Zei­tung weit mehr).

  19. @Joseph Bran­co
    Bie­der­mei­er – bis dann ir­gend­wann (nach der Bun­des­tags­wahl, viel­leicht auch erst 2018) die näch­ste Fi­nanz- und EU-Kri­se auch Deutsch­land durch­rüt­teln wird.

    @metepsilonema
    Men­as­se neh­me ich schon lan­ge nicht mehr ernst. Der Mit­schnitt von der DLF-Kin­der­sen­dung ist sehr in­ter­es­sant. Klingt wie wei­land der DDR-Funk.

  20. @metepsilonema
    Das hört sich an wie ein Pre­view auf ZiB/Tagesschau 2021. Ich ha­be ge­schau­dert.

  21. Hier ei­ne Re­ak­ti­on auf den DLF-Bei­trag, der ei­ne Recht­fer­ti­gung des DLF wie­der­gibt. (Die Sei­te ist al­ler­dings auch nicht frei von Ten­den­zen.)

    Kern­aus­sa­ge des DLF ist die­se: »Oh­ne Russ­land könn­ten bei­de Krie­ge so nicht ge­führt wer­den und hät­ten nicht das Aus­maß an Ver­lu­sten in der Zi­vil­be­völ­ke­rung er­reicht.« Das ist ein ty­pi­sches Bei­spiel für ver­zer­ren­de und lücken­haf­te Dar­stel­lung. Das, was man einst die »hal­be Wahr­heit« nann­te.