»Das 20. Jahrhundert in 30 Romanen« verspricht der amerikanische Literaturwissenschaftler Edwin Frank in seinem 2024 publizierten Buch Stranger than Fiction, das nun von Matthias Wirthensohn ins Deutsche übersetzt vorliegt. Der Verlag hat den englischen Titel beibehalten. Das mag daran liegen, weil er mehrdeutig und damit schwer pointiert übersetzbar ist. Wörtliche Übertragungen wie »Seltsamer als Fiktion« ...
Vom 2023 verstorbenen Pascal Mercier kennt man vor allem den Nachtzug nach Lissabon, sein größter Erfolg; verfilmt mit Jeremy Irons und Bruno Ganz, wobei der Autor mit der Umsetzung seines Romans insbesondere was die Dialoge anging, haderte, um es freundlich auszudrücken. Merciers Werk blieb mit insgesamt vier Romanen und einer Novelle überschaubar. Nun werden erstmals fünf kleine Erzählungen aus dem Nachlass unter dem Titel Der Fluss der Zeit publiziert.
In Die Übergabe gibt es einen Mann, der in ein Pflegeheim übersiedeln muss und sein seit 99 Jahren in der Familie befindliches Haus an die neuen Käufer übergeben möchte. Es entwickelt sich eine von ihm inszenierte, stundenlange, seltsame Führung durch die Räumlichkeiten. Kurz nach der Verabschiedung klingelt der Mann noch mehrmals, um das ein oder andere noch zu korrigieren oder Vergessenes mitzunehmen, um dann, als letzte Geste, etwas Merkwürdiges zu tun.
Längst ist der Kabarettist und Buchautor Frank Goosen so etwas wie der Ethnologe des Ruhrgebiets oder, genauer: Bochums. Seine Programme, Kolumnen, Romane und Erzählungen sprudeln geradezu vor »Atmosphäre«. Sogar der wirklich große und so ganz andere Autor, der früh verstorbene Wolfgang Welt, ist vor Goosens Vereinnahmung als »Pottkind« und Bochum-Maskottchen nicht sicher. Mit Lovely Rita legt Goosen einen neuen Roman vor, eine äußerlich wilde Elegie auf die (fiktive) Bochumer Kneipe Haus Himmelreich, die, als der Roman beginnt, in zwei Tagen schließen soll. Der namenlos bleibende Ich-Erzähler, der einige Merkmale von Goosen trägt, will ursprünglich einen Artikel für ein Magazin schreiben, aber er merkt rasch, dass hier Stoff für ein Buch ist, denn er sieht »überall Romane«. Obwohl: das Magazin würde ganz gut zahlen.
Und dann also geht’s los mit Glückseligkeit, WDR5 und dem Lob auf die Pilsblumen. Starring: ein »zerstörter« Mensch, der Käpt’n genannt wird und dessen Frau einst Schlammcatcherin auf St. Pauli war, das Faktotum Willi Trommer und Dieter, der Automatenaufsteller und Jukebox-Experte (später, wenn es ans erinnern geht, kommt noch »Elvis« dazu, der allerdings in den 80ern an AIDS starb). Am Stammtisch wird geknobelt oder Skat gespielt, am Zapfhahn ist Gisela, in weißer Bluse, daher der Kosename »White Blues Lady« (man muss kalauerresilient sein bei der Lektüre), seit mehr als dreißig Jahren angestellt und immer da, auch und vor allem wenn Rita Urbaniak, die eigentliche Wirtin, eine ihrer geheimnisumwitterten Auszeiten nimmt. Der als Dichter apostrophierte Frischling wird erst einmal in die allgemeinen Regeln des Himmelreichs eingeführt, lernt, wie man »erdet« und wann man was auszugeben hat. Kneipenfolklore, die Authentizität suggeriert.
Seit die Witwe Maleen Brinkmann den Nachlass von Rolf Dieter Brinkmann freigegeben und 2023 nach Marbach gegeben hatte, wird jetzt das Gebirge seiner bisher unveröffentlichten Texte bestiegen. Im Frühjahr beginnt eine Briefedition (Briefe von 1956–1958) bei Wallstein, herausgegeben von Markus Fauser und Annkathrin Sonder. Und im neuen Schreibheft von Norbert Wehr kann man eine erste Auswahl finden, getroffen und sparsam kommentiert von Michael Töteberg.
Es beginnt mit einem Text aus 1971, überschrieben als Frage im Brinkmann-Stil Worüber kann man noch schreiben, was? und es scheint so, als erinnere er sich, wenn es um die »abtraumhaft leer[en] Augenblicke am Sonntag nach dem Mittagessen« geht, die er fast herbeibeschwor, womöglich eine Reminiszenz an eine Erzählung von 1963 mit dem Titel Ein langer Sonntag, die sich ebenfalls im Schreibheft findet. Töteberg skizziert die Geschichte dieser Erzählung, die Brinkmann mehrmals umgeschrieben hatte, zeitweise weiter ausführte und als einen Romananfang dachte. Sein damaliger Lektor Dieter Wellershoff schickte sie, als »Werkstück« deklariert, an Walter Höllerer, der damals zusammen mit Hans Bender die Literaturzeitschrift Akzente herausgab. »HB dagegen« findet sich schließlich auf dem Brief und die Erzählung wurde nicht abgedruckt, wanderte ins Akzente-Archiv und wurde von Autor und Lektor vergessen.
Nach der Weltuntergangsdystopie Arson legt Laura Freudenthaler mit Iris nun einen Fast-Gegenwartsroman vor. Er ist bis auf seltene Ich-Passagen aus der Perspektive der in Wien lebenden Schriftstellerin Iris erzählt, die wie alle Protagonisten nachnamenlos bleibt. Die dreizehn Kapitel des Kurzromans sind, wie man dies inzwischen von Mathias Enard, Lászlo Krasznahorkai und András Visky kennt, als Langsatzprosa verfasst (nur einmal gibt es einen Doppelpunkt).
Der Roman beginn etwa 2019, es kommt die Covid-Pandemie vor, die Invasion Russlands der Ukraine im Februar 2022 und endet irgendwann danach. Iris ist in dieser Zeit sehr häufig auf Reisen; folgt Einladungen von Universitäten und Kulturinstituten von Chicago, New York, Rom, Neapel, Tirana, Breslau, Belgrad, Paris bis nach Bangalore und Goa. Wer mag, kann Parallelen zu Freudenthalers Engagements nachlesen; einige ihrer früheren Bücher wurden unter anderem ins albanische und serbische übersetzt. (Iris nahm allerdings nicht in Klagenfurt teil.)
Mit dem Fotografen Anton, ihrem Lebenspartner, unternimmt Iris Urlaubsreisen, ist in Venedig und auf Sizilien. Die beiden leben in einer offenen Beziehung. Sex mit Anton ist zumeist Maledom. Iris lässt sich dann beispielsweise die Augen verbinden und an eine Eisenstange fesseln. Oder mit einem Seil fesseln. Es gibt zwei, drei solcher Ereignisse, die erzählt werden. Iris hat auch bisweilen (sexuelle) Treffen mit anderen Männern. Antons Reisen und Affären kommen nicht vor. Am Ende will er für längere Zeit »fortgehen«.
Im Gegensatz zu Herscht 07769, einem Text, der aus einem Satz bestand, gibt es in Zsömle ist weg, dem neuen Roman des Literaturnobelpreisträgers László Krasznahorkai, immerhin elf Kapitel und damit elf Sätze. Sie werden nur gelegentlich von fettgedruckten, comicartigen Versalien unterbrochen, die den Erzählfluss auseinanderreißen, ohne dabei die Chronologie aus der Sicht der Hauptfigur zu verlassen. Das von Heike Flemming ins Deutsche übersetzte Buch erinnert stark an Thomas Bernhard, garniert mit einer Prise aus Der Fürst spricht (Jan Peter Bremer).
In einem Dorf auf einem Berg in Ungarn, durchaus drei Stunden mit »Bus, Zug, Metro« von der Hauptstadt entfernt, lebt in den 2010er Jahren ein gewisser József Kada, zu Beginn der Geschichte 91 Jahre alt. Alle nennen ihn Onkel Józsi, aber er stammt, und das ist die Sensation, aus der Árpáden-Linie des ungarischen Königshauses, welches eben nicht mit Béla IV. 1301 ausgestorben war, sondern 750 Jahre verdeckt weiter existierte. Onkel Józsi ist demnach ein Nachfahre von Dschingis Khan und die Herrschaft der Habsburger wird nachträglich zur Besatzung erklärt.
Bisher hat Józsi von seiner Abstammung wenig Aufhebens gemacht, aber er erhält Besuch, immer häufiger und immer mehr und diese Leute wollen ihn wieder auf den Thron bringen, Ungarn zur Monarchie machen. So stellt man sich die Findungskommission für den neuen Dalai Lama vor. Mit »dem jungen Bagidy« gibt es einen Historiker, der zunächst skeptisch ist, dann aber Quellen gefunden hat, die Onkel Józsis These stützen. Der ist eigentlich ein bisschen lebensmüde zu Beginn, wie sein Hund, Zsömle, der nur noch den Kopf heben kann. Die Besucher kommen nur in die Küche. Den Herd facht er nicht mehr an; es lohne sich nicht mehr. Den Kaffee kocht er auf zwei Herdplatten.
Der Titel dieses Romans ist von feiner Doppeldeutigkeit: Vaterland. Gemeint ist nicht unbedingt das, was man sich darunter vorstellt; indirekt natürlich schon. Da wird von jemandem erzählt, der im Land des Vaters lebt, dem Land, in der die Vergangenheit nicht vergangen ist und da lebt der Vater, der Karl heißt, einst Vorzeigeobergefreiter, der vor der Reichskanzlei bei Staatsbesuchen in blankgeputzten Stiefeln die Gäste empfing, später dann ging es nach Norwegen, die ersten Toten waren Engländer, die man fotografierte, Trophäen, dann Russland, er ist Feldwebel, »Position 3351«, ein Hügel, den man »halten« muss, er kann nicht auf den einzigen Russen, der ihm dort begegnet, schießen, etwas hält ihn zurück, stattdessen schießt der Rotarmist, zwei Kopfschüsse, zerschossener Mund, er wird aus der »Matschepampe« ins Lazarett getragen. Sechzehn Mal wird Karl operiert, dann eine Pflegeanstalt, er ist nur noch ein Knochengerippe, »Mitglied im Bund der Hirnverletzten«. »Sie müssten tot sein, sagen die Ärzte« und sie schieben ihn zur Anschauung in die Hörsäle der Universitäten.
Es ist aber auch die Geschichte von Louise, damit beginnt alles, wie sie, die kleine Louise, ihren Vater, den Kutscher, bewundert und verehrt; Kindheitsidylle. Und dann passiert das, was nicht passieren darf, der Vater wird krank, todkrank, er »beleidigt« sie mit seinem Tod und nun ist sie mit Heinz, dem Bruder, und der überforderten Mutter alleine und sie müssen sich durchschlagen. Es sind die 1920er oder 30er Jahre, Louise nimmt eine Bürostellung an, irgendwie lernt sie Karl kennen, eine konfessionelle »Mischehe«. Das Paar zieht von Quedlinburg ins Rheinland, Marie wird geboren. Nach den Schüssen auf Karl besucht sie ihn Wochen oder Monate später, wird zu seinem Bett geführt und dann sagt sie das, was er nie vergessen wird: »Schwester, das ist nicht mein Mann. Das ist nicht mein Mann. Nicht mein Mann …«. Immer wieder. Trommelfeuer.
Helmuth Kiesel: Schreiben in finsteren Zeiten
Schreiben in finsteren Zeiten von Helmuth Kiesel ist Band XI der Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart. Er schließt die Lücke zwischen Band X, der 2017 ebenfalls von Kiesel verfassten Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1918 – 1933 und dem bereits 2006 erschienenen Band XII über die »deutsche Literatur« nach 1945.
Es ist eine Herkules-Aufgabe, der sich Helmuth Kiesel unterzogen hat und wenn man ehrlich ist, dann kann man sich niemand anderen vorstellen, der dies hätte derart großartig bewältigen können. Um den Lesefluss nicht zu hemmen, verzichtet Kiesel vollständig auf Fuß- oder Endnoten und verpackt bibliographische Details im Text. Das gilt auch für die den jeweiligen Kapiteln vorangestellten bisher erschienenen Aufsätze, Zusammenstellungen und Monographien zu Teilaspekten eines Themas. Im Anhang gibt es neben einer Auswahlbibliographie ein detailliertes Personen- und Sachregister. Besonders detailreiche Ausführungen zu Werken, Protagonisten oder Thesen werden in kleinerer Schrift abgedruckt. Es ist möglich, diese Stellen zu überspringen, ohne den Zusammenhang zu verlieren. Ich rate davon ab; was Helmuth Kiesel zu sagen hat, ist durchweg fundiert und interessant.
Immer wieder wird Bezug genommen auf Band X, der die 14jährige »Blütezeit« der deutschen Literatur umfasst, um das Ausmaß des »terroristisch durchgesetzten Bruchs mit der kulturellen Tradition«, die sich mit dem 30. Januar 1933 zeigte, deutlich zu machen. Kurz wird diskutiert, ob man von »Machtergreifung« oder, neutraler, »Machtübernahme« reden sollte. Kiesel verwendet dann fast durchgängig »Machtergreifung«.
Exil gegen binnendeutsch
Kiesel erklärt, dass die umfangreiche Genre- und Unterhaltungsliteratur nicht in diese Epochenbetrachtung aufgenommen wurde (gelegentlich zeigen sich allerdings Grenzfälle). Der Fokus liegt auf »dichterisch herausragende und zeitgeschichtlich aufschlußreiche Literatur.« Geklärt wird der Unterschied zwischen »deutscher« und »deutschsprachiger« Literatur und klargestellt, dass die im Exil entstandene Literatur selbstverständlich in diese Betrachtung einbezogen werden muss, weil sie eine »Spielart« der deutschen Literatur darstellt und die »politische und gesellschaftliche Entwicklung Deutschlands nach 1933« als Hauptthema hatte. Die Exilliteratur trat an, »(1.) [zu] zeigen, wozu das freie Deutschland kulturell fähig ist; (2.) die Wahrheit über das nationalsozialistische Deutschland verbreiten; (3.) den Kampf gegen Hitler unterstützen.« Letzteres war besonders wichtig für die kommunistischen Autoren, die unter Lebensgefahr versuchten, ihre Literatur, aber auch Flugblätter und Aufrufe im Reich zu verbreiten, um aufklärerisch zu wirken. Die deutsch(sprachig)e Literatur aus dem Exil war mindestens zu Beginn sehr stark politisch grundiert.