Es existiert schon lange, bricht immer wieder auf. Jetzt ist es wieder da, das Trauma der SPD. Es ist das Trauma der Unzuverlässigkeit, der mangelnden, fehlenden Staatstreue. Betrachtet man nur einmal die Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit unglaublicher Frechheit gelang es den restaurativen und konservativen politischen Kräften in der neuen Bunderepublik die SPD als Kommunisten, mindestens jedoch Staatsfeinde hinzustellen. Dass es die SPD-Abgeordneten waren, die den Ermächtigungsgesetzen der Nazis nicht zugestimmt hatten – das wurde vergessen. Die SPD als verkappte Kommunisten – Goebbels’ Propaganda mobilisierte immer noch. »Keine Experimente« warnte man im Wahlkampf 1957 – es gab nie wieder einen größeren Sieg der CDU/CSU. Mit der sozial-liberalen Koalition 1969 und dem Machtverlust fand man sich nicht so ohne Weiteres ab. Willy Brandt wurde durch seine sogenannte Ostpolitik wieder einmal zum vaterlandslosen Gesellen denunziert, nachdem er bereits in den 50er Jahren ob seines Exils von Adenauer diffamiert wurde. Und das ein ehemaliger Kommunist wie Herbert Wehner geläutert sein könnte, das trauten diejenigen, die ein christliches Attribut in ihrem Parteinamen führten, nur ihren eigenen ehemaligen NSDAP-Mitgliedern und Mitläufern zu.
Auf der Wellencouch (2)
TAGEBUCHEINTRAGUNGEN ZWISCHEN 23. AUGUST 1983 UND 11. SEPTEMBER 1983 – 2. Teil [hier Teil 1]
26.8., Freitag
(...) Meine erste Nacht im »Mobile Home«, der Nachbar Barney hat seinen Wohnwagen zur Verfügung gestellt, kenne den Mann nicht, jedenfalls Annas Idee, mich dort nur schlafen zu lassen, aber in ihrem Haus das Duschen, Essen, Sprechen. Bin natürlich einverstanden – obwohl mir das Schlafen auf der Wellencouch beinahe lieber war. Im Wohnwagen Lärm von der Straße – und er steht abschüssig: Füße um Einiges tiefer als der Kopf. Lese noch kurz, es gibt Licht im Wagen – fühle mich eigenartig einsam.
30.8., Dienstag
(...) Abends zu meinen Alten – bekomme Champagner, der mich todmüde macht. Als es besser wird, sitze ich mit Anna allein, Albrecht J. nicht bei uns. Wir trinken Rotwein. Und Anna erzählt ad Werfel, Alma, Ernst Křenek1, etc., mache Notizen, wieder kein Taperecorder, sie will das nicht...ich versteh’s. Alice Herdan-Zuckmayers Angaben ad Werfel-Haus auf der Hohen Warte waren falsch. So wird Geschichte geschrieben – auf NICHTS ist Verlaß. Alle Quellen DOUBTFUL. Daran werden Film- und Ton- und Photodokumente nicht viel ändern können. Nur das äußere Bild wird präziser, keineswegs das INNERE.
Der Komponist Ernst Křenek (1900 – 1991) war Anna Mahlers zweiter Ehemann ↩
...die gleichen Lügen...
Geradezu verblüffend aktuell:
»Sooft ich eine politische Rede höre, oder lese, was die uns Regierenden schreiben, bin ich entsetzt, seit Jahren nichts zu vernehmen, was einen menschlichen Klang hätte. Es sind immer die gleichen Worte, die die gleichen Lügen berichten. Und daß die Menschen sich damit abfinden, daß der Zorn des Volkes diese Hampelmänner noch nicht zerschmettert hat, ist für mich der Beweis, daß die Menschen ihrer Regierung keinerlei Bedeutung zumessen und daß sie spielen, ja wahrhaftig mit einem ganzen Teil ihres Lebens und ihrer sogenannten lebenswichtigen Interessen spielen.«
Sommerliches Zwischenspiel
MANIFESTACIONES von Amina Handke (© Amina Handke) Siehe auch hier. Und hier die Startseite von Amina Handke.
Auf der Wellencouch (1)
TAGEBUCHEINTRAGUNGEN ZWISCHEN 23. AUGUST 1983 UND 11. SEPTEMBER 1983 – 1. Teil
23.8., Dienstag
Die Ankunft in Los Angeles – um 13h20 L.A.-Zeit – mit dem üblichen Glücksgefühl. Der Flughafen wird umgebaut, eine Hölle, alles improvisiert, eineinhalb Stunden bis zum Einstieg in den Bus nach Hollywood. Die erstaunlich genauen Fragen des Zollbeamten, obwohl er doch meinen amerikanischen Pass sieht – die selben Fragen, die man Ausländern stellt: wie viel Geld tragen Sie bei sich? Warum sind Sie hier? Wie lange bleibend? Warum? Warte ewig auf das Gepäck, danach nochmals die gleichen Fragen wie zuvor. Ich möchte wissen: warum? Keine echte Erklärung...»Zum Schutz...«; vielleicht auch wegen möglicher Steuerhinterziehung? denke ich...Fahre zum Roosevelt-Hotel, meines Buchs1 wegen vor allem, aber auch, weil ich vorläufig nichts Anderes zum Wohnen habe. Bin überrascht: es kostet nur $ 45, erwartete viel mehr. Bekomme ein schönes, großes Zimmer im 8. Stock, 822; fühle mich seltsam, wie im Traum. Der Heimatlose in Person. Um halb acht lege ich mich bereits schlafen, wache um halb 2h wieder auf, schlafe weiter, bis es um ca. 7h nicht mehr geht.
"Stechpalmenwald", 12 Kurzgeschichten aus Hollywood, Collection S.Fischer, 1978 ↩
Literatur und literarisch. Versuch einer Näherung.
Literatur ist Sprache, ist durch die Sprache und diese wiederum: eine Anordnung von Zeichen oder Lauten: So trivial dieser Ausgangspunkt erscheinen mag, man stolpert geradewegs einer ersten Differenz in die Arme: Mit Literatur bezeichnen wir nicht jede Art von Sprache, sondern eine, die gewisse Charakteristika in sich trägt, deren Eigenschaften unter bestimmten Bedingungen entstanden sind.
Avantgarde als Nörgler
Ornamentale Wortkunst reicht nicht. »Der Plurimi-Faktor« von Botho Strauß schwächelt an seinem eigenen Anspruch
Im Herbst 2007, ein Jahr nach den Turbulenzen um den Heine-Preis der Stadt Düsseldorf und sein Jugoslawien-Engagement, sagte Peter Handke in einem Interview André Müller er wolle sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen und bekannte in einer Mischung aus Resignation und Trotz: »Ich bin ein Idiot im griechischen Sinne, ein Nicht-Dazugehöriger.« Umgangssprachlich steht Idiot synonym für Dummkopf. Handke benutzte den Ausdruck jedoch nicht in diesem Sinne, sondern nimmt ihn sozusagen wörtlich. Für ihn ist der Idiot ein Privatmann, jemand, der sich der Öffentlichkeit entzieht, weil er nicht dazu gehört. Der »Privatmann« Handke hatte sich jenseits des ihm (von anderen) zugewiesenen literarischen Refugiums in die Öffentlichkeit begeben – und blieb unverstanden. Das Wittgenstein-Wort aus dem Tractatus (6.43) paraphrasierend könnte man sagen: Die Welt des Idioten ist eine andere als die desjenigen, der in der Öffentlichkeit steht.
Botho Strauß’ vor einigen Wochen im »Spiegel« abgedruckter Essay heißt »Der Plurimi-Faktor«. Den Begriff »Plurimi« erklärt Strauß nicht direkt. Er steht für »die vielen«, »die meisten«. Der sagt nicht »Masse«, obwohl dies gemeint ist. Strauß’ beginnt seinen Essay mit Definitionen des Idioten. Er sei »der Unverbundene, der anderen Unbegreifliches spricht.« Botho Strauß verwendet den Idiotenbegriff, aber er lässt ihn kurz darauf wieder fallen; er taucht dann nur am Ende wieder auf. »Anmerkungen zum Außenseiter« ist sein Text untertitelt. Folgt man dem Anspruch des Autors ist bereits der Begriff des »Außenseiters« ein Zugeständnis. Er ist eigentlich zu ungenau, zu milde. Der Außenseiter befindet sich immer noch in einer Gemeinschaft – er steht nur »außen«. Das Außenseitersein ist durchaus Bestandteil eines Gemeinschaftslebens. Erst der Idiot ist der Verstossene, der Verbannte, der nicht Satisfaktionsfähige.
Nils Havemann: Samstags um Halb 4

Samstags um Halb 4
Blättert man daraufhin zum Inhaltsverzeichnis zurück wird tatsächlich deutlich, dass Havemann praktisch mit dem Jahr 1989 seine Studie beendet. Im weiteren Verlauf des Buches wird auch der Grund hierfür benannt: Die Archive der Vereine und Verbände geben die für Havemanns Vorgehensweise notwendigen Dokumente einfach noch nicht frei. Die ausgesprochene Einschränkung bedeutet einfach nur: Es gibt keine Innenansichten, derer sich Havemann für die Zeit nach 1989 bedienen kann.