Li­te­ra­tur und li­te­ra­risch. Ver­such ei­ner Nä­he­rung.

Li­te­ra­tur ist Spra­che, ist durch die Spra­che und die­se wie­der­um: ei­ne An­ord­nung von Zei­chen oder Lau­ten: So tri­vi­al die­ser Aus­gangs­punkt er­schei­nen mag, man stol­pert ge­ra­de­wegs ei­ner er­sten Dif­fe­renz in die Ar­me: Mit Li­te­ra­tur be­zeich­nen wir nicht je­de Art von Spra­che, son­dern ei­ne, die ge­wis­se Cha­rak­te­ri­sti­ka in sich trägt, de­ren Ei­gen­schaf­ten un­ter be­stimm­ten Be­din­gun­gen ent­stan­den sind.

Zur Li­te­ra­tur ge­hört aber nicht nur ei­ne be­stimm­te Art von Spra­che, son­dern im­mer auch ein Werk oder zu­min­dest: ein Frag­ment. Sie be­zieht sich auf et­was Fer­ti­ges, Halb­fer­ti­ges:
auf et­was Ge­schaf­fe­nes, das durch das, was es ist, in sei­ner Be­stim­mung, al­so: Li­te­ra­tur sei­end, die Zeit über­dau­ert: Li­te­ra­tur schließt heu­te ent­stan­de­ne Wer­ke und sol­che der Ver­gan­gen­heit ein, aber auch, an­ti­zi­pie­rend: je­ne die in der Zu­kunft ent­ste­hen wer­den.

Der Be­griff Li­te­ra­tur um­fasst da­mit Form und In­halt – die­se bei­den exi­stie­ren an­deu­tungs­wei­se auch im Frag­ment –, und sprach­li­che Cha­rak­te­ri­sti­ka wie Stil, Klang und Rhyth­mus, der er­ste­re als ein Re­sul­tat der bei­den letz­te­ren, nicht aus­schließ­lich, selbst­ver­ständ­lich: — Wenn wir von Li­te­ra­tur spre­chen, mei­nen wir all das, aber auch: Kunst und da­mit: Kön­ner­schaft und et­was dar­über hin­aus, das schwie­rig zu be­stim­men ist.

Auf die­se Wei­se wä­re Li­te­ra­tur es­sen­tia­li­stisch de­fi­niert, auf den Be­griff ge­bracht, al­so zeit­los oder aus ei­ner be­stimm­ten Zeit her­aus sol­cher­art ge­dacht: Fra­gen wir was Li­te­ra­tur ist, be­kom­men wir ähn­li­che Ant­wor­ten, die al­ler­dings, trotz ih­rer Wich­tig­keit, auch Pro­ble­me mit sich brin­gen: Je­de De­fi­ni­ti­on muss auf All­tags­spra­che zu­rück­grei­fen und sich da­mit auf nicht de­fi­nier­te Be­grif­fe stüt­zen: Hin­zu kommt, dass man die Viel­falt der Er­schei­nun­gen (Wer­ke) wahr­schein­lich nie al­le mit ei­nem Be­griff zu­sam­men­fas­sen kön­nen wird: Über­gän­ge und Streit­fäl­le wird es im­mer ge­ben.

Dar­über hin­aus ver­bür­gen kei­ne der bei­den, nicht die Form und schon gar nicht der In­halt, da­für, dass wir ein Werk oder ei­nen Text als li­te­ra­risch be­zeich­nen kön­nen: Nicht je­der Ro­man der der Form ge­nü­ge tut, wird als Li­te­ra­tur an­ge­se­hen. Ab­hil­fe und Er­gän­zung bringt das Wort li­te­ra­risch, das ei­ner­seits zur Li­te­ra­tur ge­hö­rend be­deu­ten kann, al­so: ein Werk dem Ka­non der Li­te­ra­tur zu­schreibt und an­de­rer­seits, ganz all­ge­mein ge­fasst, be­stimm­te Ei­gen­schaf­ten von Spra­che be­zeich­net, kon­kre­ter: der Spra­che ei­nes Texts, egal wie er aus­sieht und oh­ne dass er Li­te­ra­tur sein muss: Man den­ke an For­mu­lie­run­gen wie „er schreibt li­te­ra­risch“ oder „sie be­dient sich ei­nes li­te­ra­ri­schen Stils“. Das Wort li­te­ra­risch be­nennt in sei­ner zwei­ten Be­deu­tung et­was über den kon­kre­ten Stil hin­aus­ge­hen­des, ei­ne Art Stil, der al­le als li­te­ra­ri­schen aus­ge­wie­se­nen Sti­le kenn­zeich­net: ei­nen Me­ta­stil.

Die­se Art li­te­ra­ri­scher Spra­che schließt ei­nen be­stimm­ten Um­gang mit Spra­che ein und ein Be­wusst­sein von ihr, was zur Ma­ni­fe­sta­ti­on ei­ni­ger Ei­gen­schaf­ten führt: Ei­ne we­sent­li­che ist das, was man mit Leer­stel­le oder Un­schär­fe um­rei­ßen kann: Sie be­deu­ten, dass ein Text über die nor­ma­le Un­schär­fe von Spra­che hin­aus, be­wusst an­ge­leg­te Zwei- oder Mehr­deu­tig­kei­ten auf­wei­sen kann, die nicht, wie man das von Rät­seln ge­wohnt ist, ein­deu­tig auf­ge­löst wer­den kön­nen. Das er­klärt auch, war­um Li­te­ra­tur oft ganz ent­ge­gen den In­ten­tio­nen ih­rer Schöp­fer ver­stan­den wer­den kann*.

Bei­den Be­grif­fen wird in Zu­kunft mehr (und nicht we­ni­ger) Be­deu­tung zu­kom­men, mög­li­cher Wei­se stär­ker sub­jek­tiv ge­färbt und we­ni­ger deut­lich ar­ti­ku­liert als zu­vor: Aber al­le an Ver­bind­lich­keit in­ter­es­sier­ten Men­schen wer­den wei­ter­hin ver­su­chen die­se vor­han­de­nen Fär­bun­gen zu kon­tra­stie­ren und zur Über­lap­pung zu brin­gen: Im Netz feh­len häu­fig die (ver­meint­li­chen?) Bür­gen, die für den Le­ser die Be­stim­mung und Ein­ord­nung von Tex­ten als „li­te­ra­risch“ oder „Li­te­ra­tur“ vor­neh­men: Man möch­te oder muss ei­nen Text auf den man stößt selbst ein­schät­zen: das ver­langt nach ei­ner Schu­lung des Blicks, das ver­langt, dass je­der die Qua­li­tät sei­ner Lek­tü­re be­stim­men lernt, und ob eben dies vor­liegt: Li­te­ra­tur.

* * *

*An­de­re (zu dis­ku­tie­ren­de) Ei­gen­schaf­ten li­te­ra­ri­scher Tex­te wä­ren die Span­nung zwi­schen Sub­jekt und Ob­jekt (das All­ge­mei­ne und das Bei­spiel­haf­te), die vor­lie­gen­de Äs­the­tik, die Dar­stel­lung (und da­mit das zu Grun­de lie­gen­de Er­le­ben), die Welt in der man sich »wie­der­erkennt und gleich­zei­tig nicht wie­der­erkennt«, usf.

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  2. Sie be­deu­ten, dass ein Text über die nor­ma­le Un­schär­fe von Spra­che hin­aus, be­wusst an­ge­leg­te Zwei- oder Mehr­deu­tig­kei­ten auf­wei­sen kann, die nicht, wie man das von Rät­seln ge­wohnt ist, ein­deu­tig auf­ge­löst wer­den kön­nen.
    Und was ist mit den Rea­li­sten oder Na­tu­ra­li­sten (oder auch mit so an­ti-me­ta­phy­si­schen Schrift­stel­lern wie Ca­mus). Nein, war­um soll­te Li­te­ra­tur so ei­nen dop­pel­ten Bo­den (nach un­ten) oder ei­ne Me­ta-Ebe­ne (nach oben) de­fi­ni­ti­ons­ge­mäß ein­ge­baut ha­ben?

    *~*
    Für mich hat­te »Li­te­ra­tur« auch ein­mal die­sen ho­hen Klang, all die ho­hen Wei­hen der Kunst schwan­gen da für mich mit, und da fand ich es so­gar be­mer­kens­wert, dass bei Zeit.de das Res­sort (noch?!) exi­stiert, wäh­rend auf faz.de nur la­pi­dar von »Bü­chern« zu be­rich­ten ist. Ent­ge­gen der ima­gi­nä­ren Ver­ti­kal­ord­nung der Din­ge, le­se ich heu­te aber lie­ber durch­läs­sig in al­len Rich­tun­gen und Me­tri­ken; ja muss­te ich fe­stel­len, dass »li­te­ra­risch« so­gar (be­rech­tig­ter­wei­se?) ein Schimpf­wort sein kann.

  3. PS. Was Li­te­ra­tur ist, laesst sich prak­tisch aber recht ein­fach be­ant­wor­ten: Sie wird de­kla­riert. Er­scheint ein Werk im rich­ti­gen Ver­lag oder wird in der Zei­tung an der rich­ti­gen Stel­le be­spro­chen oder er­wa­ehnt, so han­delt es sich um sol­che (sei es nun von He­le­ne He­ge­mann oder von Tho­mas Mann).

  4. @phorkyas
    Na­tür­lich wird Li­te­ra­tur »de­kla­riert«, aber nicht durch Ver­la­ge oder Kri­ti­ker oder den »Be­trieb«. Son­dern durch Le­ser. Und durch die Zeit. Und na­tür­lich muss Li­te­ra­tur ei­nen »dop­pel­ten« Bo­den ha­ben, muss tran­szen­die­ren jen­seits des­sen, was ge­schrie­ben »steht«. Das gilt na­tür­lich auch für den Rea­lis­mus, der nicht ein­fach ei­ne ge­gen­ständ­li­che Be­schrei­bung dar­stellt. An­son­sten ist es nur ein Text- oder Buch­sta­ben­hau­fen, der nichts über das hin­aus an­sagt, was sicht­bar ist. Li­te­ra­tur ist, um es pa­the­tisch zu for­mu­lie­ren, jen­seits des Sicht­ba­ren; jen­seits der »In­for­ma­ti­on« über et­was. (Da­her sind Plots auch nicht we­sent­lich.)

    Und na­tür­lich ist Li­te­ra­tur im­mer »un­scharf«, nie ein­deu­tig (selbst wenn sie für ei­nen sel­ber ein­deu­tig zu sein scheint).

  5. @Phorkyas
    Ge­gen­ge­fragt: Ist Li­te­ra­tur et­was an­de­res als ein Be­richt, ei­ne Re­por­ta­ge oder ein wis­sen­schaft­li­cher Auf­satz? Ich mei­ne: ja! Ich will nicht be­haup­ten, dass li­te­ra­ri­sche Spra­che im­mer mehr­deu­tig sein muss, der Rea­lis­mus ist na­tür­lich ein gu­ter Ein­wand und ich schrieb auch von ei­ner we­sent­li­chen Ei­gen­schaft, aber ich möch­te doch be­haup­ten, dass selbst ei­ne rea­li­sti­sche Dar­stel­lung ei­ne Be­deu­tungs­ebe­ne jen­seits der blo­ßen Be­schrei­bung auf­macht, sei es ei­ne von Kri­tik, von Uto­pie, usf.

    Na­tür­lich wird Li­te­ra­tur zu set­zen ver­sucht und ba­siert auf ei­ner Art ge­sell­schaft­li­chem Kon­sens (Ka­non), aber wie Gre­gor schon an­deu­tet: Ge­ra­de das wird im­mer wie­der usur­piert, vom Le­ser, von der Zeit.

  6. Selt­sa­mer­wei­se fin­de ich fast am plau­si­bel­sten an all die­sen Aus­las­sun­gen, was An­dre­as Wolf in dem et­was fahr­läs­sig her­bei­gelink­ten Kom­men­tar schreibt. Es ist ein­fach heu­te nicht zu sa­gen, was mor­gen li­te­ra­risch Be­stand ha­ben wird. Den­ken wir doch mal an Mel­vil­le! Ich zwei­fe­le kei­ne Se­kun­de dar­an, dass Gre­gor Keu­sch­nig, wenn Hand­ke ihn da­mals schon er­fun­den ge­habt hät­te, den li­te­ra­ri­schen Wert des »Mo­by-Dick« er­kannt hät­te. Aber zu sei­ner Zeit war Her­man wirk­lich ei­ne ar­me Sau! Kei­ner ver­tei­dig­te ihn, kei­ner kauf­te ihn, kei­ner pries ihn; man ließ ihn ab­sau­fen wie ei­nen aus Ver­se­hen an­ge­schos­se­nen Del­fin. Er war ein­fach zu streng, zu aus der Zeit ge­fal­len, zu ei­gen. Er hat auch nicht in Prince­ton die Ho­sen run­ter­ge­zo­gen und ge­schrien: »Be­schreibt das hier mal, ihr im­po­ten­ten al­ten Wich­ser!« War­um? Weil er nicht die bun­des­deut­sche Li­te­ra­tur­ma­fia hat­te, die er ir­gend­wie hät­te in­stru­men­ta­li­sie­ren kön­nen. – Aber der Fall Mel­vil­le gibt ja auch An­lass zur Hoff­nung: Aus lau­ter Gram über sein Schei­tern er­fand er den Bart­le­by, und so wird un­ser al­ler Igno­ranz auch in Zu­kunft das Zu­stan­de­kom­men gro­ßer Tex­te si­chern.

  7. @Robert Matt­heis
    Hm, das wür­de, ich bin ein­mal so dreist für die Kom­men­ta­to­ren zu spre­chen, gar kei­ner be­strei­ten: Was Be­stand ha­ben wird, wis­sen wir nicht, kön­nen wir auch nicht, weil wir zeit­be­fan­gen (und: ge­fan­gen) sind. Das ist der Po­li­tik ganz ähn­lich: Die Not­wen­dig­keit zur Dis­kus­si­on, Be­stim­mung und Spe­ku­la­ti­on er­ge­ben sich aus dem Nicht­wis­sen (um das Zu­künf­ti­ge) und ver­schie­de­nen An­sich­ten, Ar­gu­men­ten und so fort. Wer recht hat­te, zeigt sich erst, wenn es für die Be­trof­fe­nen nicht mehr von Be­lang ist.

  8. @Robert Matt­heis
    Die Bei­spie­le der ver­kann­ten bzw. un­be­kann­ten Li­te­ra­tur sind ja Le­gi­on. Und wer kennt denn die Stücke von Kot­ze­bue heu­te noch? Das gilt ja auch für an­de­re Kün­ste wie die Ma­le­rei. Es gilt eben Ef­fekt und Af­fekt von Kunst zu schei­den.

    Die oft auf­tau­chen­de Fra­ge ob je­mand wie Joy­ce oder Kleist heu­te ver­legt wür­de, stellt sich nur da­hin­ge­hend, wo er ver­legt wür­de (oder ob er sich erst ein­mal als »Self-Pu­blisher« ver­su­chen muss – wie wei­land Proust). Die Dis­kus­si­on, wie man Li­te­ra­tur so­zu­sa­gen »fasst«, ist da­von m. E. eher un­be­rührt.

  9. Mei­ne Ein­wän­de wa­ren viel­leicht et­was platt, ge­ra­de weil ich mete’s An­nä­he­rungs­ver­such als frag­men­ta­risch ver­stan­den hat­te, der der »Li­te­ra­tur« auch die nö­ti­ge Luft lie­ße. Viel­leicht ging es mir auch ge­nau dar­um: der Li­te­ra­tur (das glei­che gäl­te für die Kunst) ihr Recht ge­gen al­le De­fi­ni­ti­ons­ver­su­che ein­zu­for­dern – ja, ich glau­be, es könn­te ge­ra­de zu dem We­sen bei­der ge­hö­ren, dass sie (im hi­sto­ri­schen Lauf aber auch im ein­zel­nen Werk) im­mer wie­der das Ein­engen­de und Fest­schrei­ben­de von Be­stim­mungs­ver­su­chen spren­gen.

    Auf der and­ren Sei­te gibt es ja aber Kul­tur als ge­sell­schaft­li­ches Spiel und Dis­kurs, de­ren Ak­teu­re Ge­gen­wär­ti­ges und Ver­gan­ge­nes in Be­grif­fe oder Epo­chen fas­sen müs­sen,... viel­leicht so­gar ei­ne Er­zäh­lung: Mich ver­blüfft das im­mer wie­der, wie gan­ze Na­tio­nen ih­re Li­te­ra­tur­ge­schich­te, dann in ein­zel­ne Dich­ter ver­dich­ten wie Shake­speare, Goe­the oder Pusch­kin – ganz so als ha­ben die­se al­les über­strahlt.

    Was für un­sin­ni­ge Zu­schrei­bun­gen es dann in hun­dert Jah­ren ge­ben wird, mag na­tür­lich kei­ner sa­gen. Ich er­ge­he mich ge­ra­de in der Vor­stel­lung, dass dann ein paar Li­te­ra­tur-Jun­kies mit sehr ent­le­ge­nen und schwer aus ganz ver­staub­ten In­ter­net­ar­chi­ven zu be­schaf­fen­den Frag­men­ten ei­nes ge­lösch­ten Blogs na­mens blo­go­zen­tri­ker dea­len.

  10. @phorkyas
    Ich stim­me ja zu, wenn es gilt, die Li­te­ra­tur »ge­gen al­le De­fi­ni­ti­ons­ver­su­che« so­zu­sa­gen zu be­schüt­zen. Aber ge­ra­de in me­tep­si­lo­n­e­mas Text blieb m. E. ganz viel Luft für die Li­te­ra­tur. Der De­fi­ni­ti­ons­ver­such blieb so­zu­sa­gen »in der Schwe­be«.

    Das Bild von der fast schon ar­chäo­lo­gi­schen Re­kon­struk­ti­on ge­lösch­ter bzw. un­find­ba­rer Li­te­ra­tur­blogs nebst ih­ren Tex­ten ist wun­der­bar. Man möch­te es auch auf die­se Sei­te an­ge­wandt se­hen, aber hier gibt es ja kei­ne Li­te­ra­tur. Wir re­den ja nur drü­ber. Das ist ganz schnell Schall und Rauch. (Wer das nicht glaubt: Wer kommt oh­ne Such­ma­schi­nen auf fünf Li­te­ra­tur­kri­ti­ker [und sei es im wei­te­sten Sinn] zwi­schen 1880 und 1930? Wohl­ge­merkt: Kri­ti­ker! Nicht Schrift­stel­ler, die auch Kri­ti­ken ge­schrie­ben ha­ben wie bspw. Fon­ta­ne.)

  11. Und was ist das nun, Li­te­ra­tur?

    Ge­stern stieß ich in dem be­kann­ten Ben­ja­min-Text zum »Fla­neur« auf den Satz:
    »So sind die­se Sam­mel­wer­ke ein Nie­der­schlag der glei­chen bel­le­tri­sti­schen Kol­lek­tiv­ar­beit.« (Kur­si­vie­rung von mir.)

    Ich dach­te spon­tan: Na, das trifft es als bün­di­ge De­fi­ni­ti­on doch ei­gent­lich ganz gut.
    Oder?

     

  12. Noch ein Fund­stück:

    »Der Über­schuss des Äs­the­ti­schen ge­gen­über al­len mög­li­chen Theorie(n) er­weist sich in der Mehr­deu­tig­keit von Li­te­ra­tur, wel­che die­sen Ti­tel ver­dient.«

    (Mar­tin Mey­er, »Al­bert Ca­mus – Die Frei­heit le­ben«, Han­ser, 2013, S. 24

  13. »Ein Text ist aber nicht li­te­ra­risch, wenn sei­ne Lek­tü­re das Ge­fühl von Li­te­ra­ri­zi­tät im Le­ser er­zeugt. Geht es, im Ge­gen­teil, nicht so­gar dar­um, dass ein Text, der wirk­lich li­te­ra­risch, al­so ein Stück Li­te­ra­tur, ist, ge­ra­de das Ge­fühl, er sei li­te­ra­risch, al­so den Ge­schmack von Li­te­ra­ri­zi­tät NICHT auf­kom­men lässt?« Dr. Ro­man Frost

    In die Rich­tung hat­te ich ei­gent­lich steu­ern wol­len, aber so hat’s der Dok­tor bes­ser auf den Punkt ge­bracht. Wenn Li­te­ra­tur Spra­che ist – und nicht doch nur aus Spra­che? – so soll­te sich doch an die­ser auch aus­wei­sen las­sen, dass es sich um Li­te­ra­tur han­delt. Me­tep­si­lo­n­e­mas Text um­kreist dann aber doch, dass sich das nicht be­werk­stel­li­gen lässt, we­der an Form oder In­halt selbst lie­ße sich das auf­wei­sen, ja letzt­lich nicht ein­mal an der Spra­che selbst, son­dern nur dar­an, was die­se Sprach­ge­bil­de an Neu­ro­nen­feu­er­wer­ken im Le­ser­hirn ver­ur­sa­chen?

  14. So­so, jetzt wer­den nicht ein­mal mehr die Quel­len an­ge­ge­ben.

    Nein, es geht doch nicht »nur« um ein Ge­fühl, son­dern, dar­über hin­aus, um die Er­här­tung und Dis­kus­si­on des­sel­ben (ich wür­de so­gar sa­gen es geht gar nicht um Ge­füh­le, son­dern Ein­drücke und Ei­gen­schaf­ten: wel­che ich für be­son­ders wich­tig an­se­he, ha­be ich ja be­schrie­ben; der zi­tier­te Satz ist m.E. als ra­di­kal-li­te­ra­ri­sches Pro­gramm zu ge­brau­chen, sonst kann ich we­nig da­mit an­fan­gen — Aste­rix ist jetzt Li­te­ra­tur oder wie?).

    Was ich be­züg­lich Spra­che und Form mein­te, war, dass die Form al­lei­ne, ob­wohl oft be­haup­tet, nicht ge­nügt, sonst wä­re je­des So­nett schon Li­te­ra­tur, ob­wohl es nur ab­ge­grif­fe­ne, vor zwei­hun­dert Jah­ren ver­wen­de­te Flos­keln ko­piert oder: im Ex­trem­fall könn­te ich ir­gend­wel­che Zei­chen an­ein­an­der rei­hen, Haupt­sa­che ich kom­me auf die rich­ti­ge Zahl von He­bun­gen und Sen­kun­gen (das ist im be­sten Fall laut­ma­le­risch in­ter­es­sant). Li­te­ra­tur ent­steht eher dort wo Form und ei­ne be­stimm­te Spra­che »zu­sam­men­fin­den«.

  15. Sti­li­sti­sche Kön­ner­schaft gibt es ja auch im Jour­na­lis­mus. Viel Fin­ger­fer­tig­keit ist hier zu fin­den! Könn­te al­so ein Ar­ti­kel von der Sei­te 3 der SZ Li­te­ra­tur sein? Oder steht dem das Eti­kett »Jour­na­lis­mus« als Aus­schluss­kri­te­ri­um ent­ge­gen? An­de­rer­seits ist das Form­be­wusst­sein bei Re­por­ta­gen ähn­lich hoch ent­wickelt wie einst bei der So­nett­dich­tung. Ein Kunst­stück in die­ser Rich­tung, das die Gen­res oder Ka­te­go­ri­en zum Über­lap­pen bringt, ist Fe­li­ci­tas von Lo­ven­bergs neu­er Text über Da­ni­el Kehl­manns neu­en Ro­man. Das ist wirk­lich so et­was wie ei­ne be­wusst vor­ge­nom­me­ne Selbst­par­odie, al­so wohl eher Li­te­ra­tur als Jour­na­lis­mus; in je­dem Satz fast spürt man das Vi­brie­ren ei­ner un­bän­di­gen Freu­de dar­über, ein­mal die Be­rei­che des flei­ßig-dump­fen Be­rich­tens ver­las­sen und selbst ins Dich­ten über­ge­hen zu dür­fen! Von Lo­ven­berg schlüpft in die Haut von Da­ni­el Kehl­mann, so stel­le ich mir das vor, und schreibt über ih­re Be­geg­nung mit Kehl­mann und sei­nem Werk, wie je­ner so et­was in ei­nem sei­ner Bü­cher ge­stal­tet ha­ben dürf­te, fin­ger­fer­tig und 1:1, dass ei­nem ganz schwind­lig wird vor Kli­schee! Die Jour­na­li­stin blickt sich, beim Jour­na­li­sti­sie­ren, von oben auf den Kopf! Was ich sa­gen will: Ge­nau aus dem Kli­schee wird hier das Aro­ma der Li­te­ra­ri­zi­tät her­aus­ge­presst, und das ist sen­sa­tio­nell! (Es kann na­tür­lich auch sein, dass es sich bei der gan­zen Re­por­ta­ge tat­säch­lich um ei­nen Vor­ab­druck von Kehl­manns neu­em Text han­delt, ei­ner Re­fle­xi­on über die Re­ak­tio­nen, die sein »F« welt­weit aus­ge­löst hat, von Jo­na­than Fran­zen, NY, bis eben zu Fe­li­ci­tas von Lo­ven­berg, FAZ, ei­ne wei­te­re Hoch­spi­ra­li­sie­rung der Ver­schwin­de­li­gi­sie­rung der Selbst­re­fle­xi­vi­tät im Zeit­al­ter der Au­to­ava­tari­sie­rung nicht nur des Lie­ben Au­tor-Ichs.)

  16. Und wenn der Na­me für das Mehr an Spra­che und Form eben doch Li­te­ra­ri­zi­tät wä­re? Der Man­gel an Be­wusst­sein da­von oder so­gar die be­wuss­te Ab­we­sen­heit von Letz­te­rem kann je­den­falls kein Kri­te­ri­um sein, denn das, was al­les so wohl­feil und plot-dri­ven und schreib-wie-du-sprichst da­her­kommt, ist si­cher eher Le­se­fut­ter als Li­te­ra­tur.

    Oder es ist wie bei der Kunst (in der Den­ke von Ba­zon Brock, dem „Künst­ler oh­ne Werk“): Kunst ist eben das, wor­an an­dau­ernd neu ge­ar­bei­tet wird, es da­für zu hal­ten? Was be­deu­tet, dass dann auch die gan­ze ak­tu­el­le Gen­re-Schwem­me oder – von mir aus – He­le­ne He­ge­mann Li­te­ra­tur wä­re.

    Mei­ne Ver­mu­tung ist: Es muss je­des Mal neu ver­han­delt und ent­schie­den wer­den.

    Dass kei­ne letz­te De­fi­ni­ti­on greift, wä­re wo­mög­lich ge­nau das Merk­mal von je­nem Mehr, was man­che von Li­te­ra­tur noch er­war­ten.

    Al­les sonst, für das ein La­bel oder sonst ei­ne Ein­deu­tig­keit greift, ei­ne Sa­che zu be­zeich­nen und sie da­mit zu er­le­di­gen, wä­re dann eben et­was an­de­res.

  17. @herr.jedermann: Gut, aber wenn der Schluss des Kom­men­tars stimmt, dass wir im­mer neu ver­han­deln müs­sen, dann stimmt der An­fang in sei­ner Apo­dik­ti­zi­tät (?) nicht, zu­mal: Auch »Woy­zeck« ist plot-dri­ven und Schreib-wie-du-sprichst. Deal? – Viel­leicht soll­te man, wo es um Ge­gen­wart und un­ge­klär­te Fäl­le geht, mit dem Wort »Li­te­ra­tur­ver­dacht« ar­bei­ten. Nach dem Mot­to: in du­bio pro reo. Ein ech­ter »Pro­zess« (viel­leicht woll­te uns Kaf­ka DAS sa­gen?). Gut, sa­gen wir, He­ge­mann, das kommt mit Hand­ke und Herbst auf den Hau­fen »Li­te­ra­tur­ver­dacht«. Und dann, in 20 oder 30 Jah­ren, se­hen wir, was da­von als rei­ne Al­bern­heit wahr­ge­nom­men wird und was als hell­sich­ti­ger Wurf über die Zei­ten­gren­ze.

  18. @ Ar­thur Bon­ne­vil­le

    Al­so da se­he ich aber doch noch ei­nen Un­ter­schied zwi­schen Büch­ner und ei­nem an lang­zeiti­ge­ren Vor­bil­dern ge­schul­ten Ge­stal­tungs­wis­sen, das heu­te noch an­nä­hernd ein­leuch­ten kann … und den gras­sie­ren­den crea­ti­ve wri­ting – Kol­por­ta­gen und Cliff­hän­ger – Text­öko­no­mi­en, in de­nen al­le eher nur kurz­fri­stig zu funk­tio­nie­ren ha­ben­des und da­her dürf­ti­ges Vo­ka­bu­lar aus­tau­schen.

    Au­ßer­dem führt das Mo­ment der Zeit gleich ei­ne wei­te­re Be­dingt­heit ein: Eben die Zeit. Ei­ne, die den mo­ment­haft ge­stimm­ten und epi­pha­nisch er­leuch­tet zu wer­den be­rei­ten Le­ser ja nicht in­ter­es­siert: Er sucht sie ja so­gar zu ver­ges­sen!

    Und au­ßer­dem wä­re das ei­ne Zeit, die ih­rer­seits Über­ra­gen­des auch ger­ne mal zu ver­ges­sen schafft. (Nur als ein Bei­spiel : Em­ma­nu­el Bo­ve.)

    Und was wä­re dann mit der Li­te­ra­tur „im Au­gen­blick“, der Zei­le im Ge­dicht, die in­stantan in­spi­riert oder so­gar et­was Un­ab­seh­ba­res er­öff­net … aber nicht her­ge­lei­tet und ab­ge­si­chert wer­den kann? (Oder eben nur durch völ­lig un­ver­hält­nis­mä­ßi­gen, im­mer neue Un­ein­deu­tig­kei­ten schaf­fen­den Auf­wand.)

    Es geht bei al­len Ur­tei­len in künst­le­ri­schen For­men eben auch um ein Quan­tum sub­jek­ti­ver Wirk­men­ge, die ih­rer­seits nicht ein­fach be­rech­net oder qua­li­fi­ziert wer­den kann.

    (Muss an Se­bald den­ken, des­sen klas­si­sche Pro­saqua­li­tät mit zwar gleich ein­leuch­te­te, de­ren Kom­po­si­ti­on lang­wel­li­ge­rer Un­ter­strö­mun­gen mir aber im er­sten, an­schei­nend all­zu ner­vö­sen Le­sen da­mals nicht auf­gin­gen – im zwei­ten [nicht lang dar­auf] aber dann eben doch.)

    Und weil die Ur­tei­le Spä­te­rer ja auch wie­der Ur­tei­le von Men­schen sind, sind sie in sich un­zu­ver­läs­sig, Ka­non hin oder her. (Und was in­ter­es­siert mich ein Ka­non?)

    Was Li­te­ra­tur ist, muss al­so jetzt ent­schie­den wer­den.

     

  19. @Arthur Bon­ne­vil­le
    Na­ja, da geht aber ei­ni­ges durch­ein­an­der. »Sti­li­sti­sche Kön­ner­schaft« des Jour­na­lis­mus hat nicht zwangs­läu­fig et­was mit Li­te­ra­tur zu tun. Im Ge­gen­teil: Die Li­te­ra­tur krankt zum Teil durch­aus dar­an, sich längst dem jour­na­li­sti­schen an­ge­dient zu ha­ben. Zum Nach­teil der Li­te­ra­tur. Fe­li­ci­tas von Lo­ven­berg als jour­na­li­sti­sche Dich­te­rin er­scheint mir so ab­surd die Vor­stel­lung, dass mir gleich die Decke auf den Kopf fällt. Ei­ne Schrei­be­rin, die ei­ne Char­lot­te Ro­che blind und kri­tik­los hof­fiert, hat für mich jeg­li­che Re­pu­ta­ti­on ver­lo­ren. Sie macht sich ge­mein mit ir­gend­wel­chen In­ter­es­sen, die au­ßer­halb der Text­ge­ne­se lie­gen. (Da­mit ist nicht ge­sagt, dass man Ro­che ver­rei­ssen muss. So gab es ei­ne durch­aus sich kri­tisch be­schäf­ti­gen­de, aber à la longue po­si­ti­ve Be­spre­chung ei­nes Blog­gers zu »Feucht­ge­bie­te« [lei­der nicht mehr ver­link­bar, da der Web­log de­ak­ti­viert wur­de]. Hier wur­de tat­säch­lich Text­kri­tik ge­übt jen­seits öko­no­mi­scher oder »be­trieb­li­cher« In­ter­es­sen. Es geht dar­um, ob in vor­aus­ei­len­der Ser­vi­li­tät jeg­li­che Di­stanz auf­ge­ho­ben wird.)

    Mit Ih­ren in Klam­mern ge­setz­tem Text kann ich nichts an­fan­gen. Mei­nen Sie die­sen Ar­ti­kel von FvL? Was ist dar­an sen­sa­tio­nell?

    Ihr zwei­ter Kom­men­tar ent­hüllt m. E. die In­ten­ti­on: Li­te­ra­tur ist nichts an­de­res als ei­ne Art post­mo­der­nes Ca­sting­spiel, wel­ches ver­tagt wird auf den Sanktnim­mer­leins­tag. Hand­ke, He­ge­mann, Kehl­mann, Herbst – al­les gleich gut, gleich schlecht, gleich ru­bri­zier­bar. Kei­ne Deu­tung ist zu ab­strus, um sie nicht min­de­stens ein­mal hin­aus­po­saunt zu ha­ben. Ich glau­be, das nennt man in paar Jah­ren Feuil­le­ton.

    Sie Herr Bon­ne­vil­le sind Avant­gar­de (und nicht Bo­tho Strauß). Die an­de­ren Kom­men­ta­to­ren hier sind nur noch Di­no­sau­ri­er, das Blog hier ist der Zoo für sie.

  20. Lie­ber Herr Keu­sch­nig,

    wie falsch Sie wie­der ein­mal lie­gen! Ich selbst war mir nicht zu scha­de, in dem aus Grün­den des Selbst­schut­zes un­ter (zu­ge­ge­ben lä­cher­li­chem) Pseud­onym ver­öf­fent­lich­ten Ro­man »Hohl­kör­per« die ver­rot­te­ten, ver­nut­te­ten Zu­stän­de hin­ter den Ku­lis­sen des Li­te­ra­tur­be­triebs zu gei­ßeln. Das hat mir die Höchst­stra­fe ein­ge­tra­gen, Nicht­ach­tung durch die li­te­ra­ri­sche Ma­fia ... Frau von Lo­ven­berg rief mich gar an und frag­te, ob ich Wert auf ih­re »ex­pli­zi­te Feind­schaft« leg­te.
    »Nein«, lach­te ich, »ge­hen wir lie­ber ei­nen Wein trin­ken!«
    »Gern!«, flö­te­te sie.
    »Soll ich Sie mit dem Ta­xi ab­ho­len? Ich bin eh grad un­ter­wegs, Schu­he kau­fen ...«
    »Ach«, rief sie aus, »das wä­re wun­der­bar!«
    »Sind Sie noch in der Re­dak­ti­on?«
    Usw.

    Be­ste Grü­ße,
    A. B.

  21. Selt­sam, dass Sie Wert dar­auf le­gen, in Ih­rem ei­ge­nen Blog zu pö­beln! Was wer­fen Sie mir denn ei­gent­lich vor?

  22. Ach, das ist doch al­les so ein post­mo­der­nes Be­lie­big­keits- und Sa­lon-Ge­schwätz. Ich möch­te dar­auf ein­fach nicht mehr so­viel Le­bens­zeit ver­schwen­den. Das kön­nen Sie nicht wo­mög­lich nicht ver­ste­hen. Wie dünn Ih­re Fir­nis des Er­tra­gens doch ist.

    Kön­nen wir nicht ein­fach zum Bei­trag zu­rück­kom­men statt Pi­rou­et­ten zu dre­hen, die nur der je­wei­li­gen Ei­tel­keit die­nen?