Günter Grass hat die Diskussion um seine SS-Zugehörigkeit vermutlich mehr getroffen, als anfangs angenommen. Er hat jedenfalls eine Unterlassungsklage gegen die FAZ erwirkt, die Briefe von ihm an Karl Schiller in Gänze veröffentlicht hatte. Grass sah das Urheberrecht bei sich. Ich bin kein Jurist, aber es gibt hier Zweifel. Die einstweilige Verfügung, die er erwirkt hat, sagt ja nichts über ein eventuelles Urteil aus.
Erik Möller: Die heimliche Medienrevolution

Der Untertitel macht neugierig: Wie Weblogs, Wikis und freie Software die Welt verändern. Wenn man die Entwicklung der letzten zehn Jahre Revue passieren lässt und gleichzeitig die Zukunftsprognosen diverser Meinungsmacher in den Massenmedien verfolgt, so scheinen wir ja tatsächlich erst am Anfang einer brave new world zu stehen. Der Rückschlag 1999/2000, der die ökonomische Seifenblase der New Economy recht unsanft zum Platzen brachte, spielt bei den Prognosen und Heilsversprechen merkwürdigerweise keine Rolle mehr.
Erik Möllers Konzept einer demokratischeren Gesellschaft basiert auf den Gedanken der »freien Software«. Proprietäre Softwaresysteme, also von Privatfirmen zu kommerziellen Zwecken entwickelte und geheimgehaltene Systeme werden als autoritär, innovationsfeindlich und schlecht bezeichnet. »Hauptfeind« ist dabei natürlich Microsoft.
Abseits des Alarmismus
Die wohl kaum als gesellschaftlich progressiv eingeschätzte, CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung hat eine erhellende Untersuchung über das von vielen Alarmisten so bedrohlich empfundene Tragen von Kopftüchern bei islamischen Frauen in Deutschland mit dem interessanten Titel »Das Kopftuch – Entschleierung eines Symbols?« veröffentlicht..
Die Studie kommt zu einem für viele sicherlich verblüffenden Schluss:
Arno Geiger: Es geht uns gut

Arno Geigers hymnisch gepriesenes Familienepos (?) »Es geht uns gut« wurde 2005 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Könnte man aufgrund der Qualität dieses Buches auf die Qualität der im Wettbewerb um den Buchpreis gescheiterten Kandidaten rückschliessen – so bliebe einem eine Menge potentieller Lektüre erspart. Wenn ein solches Buch tatsächlich das beste gewesen sein soll, kann es um die anderen nicht gut stehen. Aber gemach – die Vehemenz der Kritik mutet böser an, als gedacht.
Geiger zeichnet das Portrait einer österreichischen Familie, beginnend in den 30er Jahren bis 2001.
Kunde in Deutschland
Der Artikel »Vom König zum Knecht« spricht mir aus der Seele. Das, was seit Jahrzehnten schleichend eine ehemalig existierende Einkaufskultur pervertiert, wird vom willigen Konsumenten (häufig genug mangels Alternative) exekutiert.
Inzwischen ist der Dienstleistungsort Deutschland derartig verkommen, dass ich freiwillig Fahrkarten der Bundesbahn im Internet kaufe – nur um nicht den grantigen und überforderten Verkäufern ausgeliefert zu sein. Es gibt inzwischen Frisörläden, die den Kunden den Föhn selber in die Hand drücken. Selbst wenn ich die paar Euro nicht sparen möchte, habe ich keine Alternative. Demnächst muss man vermutlich in der Bäckerei die Brötchen noch selber backen und bekommt nur den (chemisch angereicherten) Teigklotz übergeben – nein: man sucht ihn im Regal aus. Spätestens wenn man das Tier, dessen Fleisch man kaufen möchte, selber ausnehmen muss, werde ich Vegetarier werden.
Christoph Hein: In seiner frühen Kindheit ein Garten
Wenn man historische Begebenheiten literarisch bearbeitet, so gibt es mehrere Fallstricke, in die sich der Autor verfangen kann: Er kann mit seiner These der Ereignisse in einen Furor der Unbelehrbarkeit verfallen – die Geburt der Verschwörungstheorie. Er kann in Einseitigkeit versinken und den notwendigen Abstand vergessen – blinde Parteinahme. Der schlimmste Fall ist aber das Verschwimmen von Fiktion und Dokumentarischem. Indem reale Ereignisse, die mindestens ausschnittweise in einer bestimmten Zeit öffentlich gemacht wurden, als Grundlage literarischer Bearbeitung dienen, ist dem Leser ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr klar, wann die Freiheit des Dichterdenkens beginnt und die Fakten zu diesen Gunsten aufgegeben werden.

Bereits auf den ersten Seiten wird klar: Christoph Hein be-(oder ver-?)arbeitet den Tod des mutmasslichen Terroristen Wolfgang Grams vom Juni 1993 auf dem Bahnhof von Bad Kleinen. Der Ort wird namentlich nicht verfremdet – die Protagonisten sehr wohl. Wolfgang Grams heisst Oliver Zurek; die Hauptprotagonisten dieses Kammerspiels, die Eltern, Richard und Friederike.
»Früher oder später...
kriegen wir Dich doch!« Diesen leicht abgewandelten Werbeslogan könnte man als Fazit unter Harald Stauns Offenen Brief »Unsere Neugier ist grenzenlos« setzen, der am Wochenende in der FASZ zu lesen war. Staun schreibt diesen Brief an Natascha Kampusch und prognostiziert ihr kein Entrinnen aus der medialen Infotainmentkultur und rät zur sofortigen Kapitulation. In der Diskussion ...
Versuch über die Wahrheitsminister
Sie sind hier, weil Sie es an Demut, an Selbstdisziplin haben fehlen lassen. Sie wollten den Akt der Unterwerfung nicht vollziehen, der der Preis ist für geistige Gesundheit. Sie zogen es vor, ein Verrückter, eine Minderheit von einem einzelnen zu sein. Nur der geschulte Geist erkennt die Wirklichkeit, Winston. Sie glauben, Wirklichkeit sei etwas Objektives, äusserlich Vorhandenes, aus eigenem Recht Bestehendes. Auch glauben Sie, das Wesen der Wirklichkeit sei an sich klar. Wenn Sie sich der Selbsttäuschung hingeben, etwas zu sehen, nehmen Sie an, jedermann sehe das gleiche wie Sie. Aber ich sage Ihnen, Winston, die Wirklichkeit ist nicht etwas an sich Vorhandenes. Die Wirklichkeit existiert im menschlichen Denken und nirgendwo anders. Nicht im Denken des einzelnen, der irren kann und auf jeden Fall bald zugrunde geht: nur im Denken der Partei, die kollektiv und unsterblich ist. Was immer die Partei für Wahrheit hält, ist Wahrheit. Es ist unmöglich, die Möglichkeit anders als durch die Augen der Partei zu sehen. Diese Tatsache müssen Sie wieder lernen, Winston. Dazu bedarf es eines Aktes der Selbstaufgabe, eines Willensaufwandes. Sie müssen sich demütigen, ehe Sie geistig gesund werden können.
In einem Punkt ist Orwells Zukunftsphantasie längst Realität geworden: Die Wahrheitsminister sind unter uns. Sie sind so zahlreich und so mächtig, dass sie den Diskurs, das öffentliche Diskutieren kontroverser Themen seit Jahren, seit Jahrzehnten bestimmen. Das Philistertum der Wahrheitsminister ist nicht zu verwechseln mit dem, was man als (wissenschaftlich belegten oder moralisch erarbeiteten) Konsens bezeichnet. Wahrheitsminister begründen Wahrheiten über das konsensuelle einer Gesellschaft hinaus. Sie sind nicht nur die Türhüter, sie sind die Exegeten des Konsens. Sie interpretieren ihn aus, richten dabei über gut und böse, über richtig und falsch. Daumen hoch oder Daumen runter. Wahrheitsminister sind dabei nicht zu verwechseln mit dem vergleichsweise harmlosen Mainstream. Wankelmütig sind sie selten; nur die normative Kraft des Faktischen verleitet sie gelegentlich dazu, ihre Wahrheiten anzupassen.