Ni­co­le Zep­ter: Kunst has­sen

Nicole Zepter: Kunst hassen

Ni­co­le Zep­ter: Kunst has­sen

Wuch­tig kommt die­ses klei­ne Buch mit ei­nem Co­ver im Jo­na­than-Gray-Look da­her. Gro­ße, wie hin­ge­kleck­ste Buch­sta­ben. »Kunst has­sen« steht da und dar­un­ter, klei­ner: »Ei­ne ent­täusch­te Lie­be«. Das Fo­to der Au­torin Ni­co­le Zep­ter ein paar Sei­ten wei­ter – ei­ne nach­denk­li­che, nach un­ten schau­en­de Frau, die sich träu­me­risch-ko­kett ei­ne Haar­sträh­ne dreht.

Wie fast im­mer bei ei­ner ent­täusch­ten Lie­be schwingt noch ei­ne ge­hö­ri­ge Por­ti­on da­von mit. Tat­säch­lich hat Zep­ter rein gar nichts ge­gen Kunst. Sie hasst sie auch nicht. Sie hasst je­doch um­so in­ten­si­ver den Be­trieb, der je­den noch so lä­cher­li­chen und in­halts­lee­ren Schnick­schnack zur »Kunst« auf­bläht. Sie hasst den Be­trieb, der aus je­dem da­her­ge­lau­fe­nen Wich­tig­tu­er ei­nen »Künst­ler« hoch­stilisiert, weil am an­de­ren En­de ziel­si­cher die öko­no­mi­sche Be­loh­nung steht. Sie hasst die Mu­se­en, die sich zu Ka­the­dra­len ei­ner Vermarktungs­maschi­nerie ma­chen. Und sie hasst – das sind die über­zeu­gend­sten Stel­len in die­sem Buch – die hy­per­ven­ti­lie­ren­den Sprach­kas­ka­den ei­nes Kunst-Jour­na­lis­mus bzw. -Feuille­tonismus, der das al­les mit­macht und Spa­lier steht. Dem­zu­fol­ge steht auch im Pro­log ein­drucks­voll und deut­lich: Kunst­hass ist kei­ne Kunst­kri­tik. Er ist die Kri­tik an dem Kunst­sy­stem an sich. Der Kunst­hass ist das Ge­gen­teil des La­berns was das Zeug hält, in ei­nem Meer von di­stanz­lo­sen Kri­ti­kern, die oft gleich­zei­tig Künst­ler, Ku­ra­to­ren oder mitt­ler­wei­le so­gar Kunst­händ­ler sind. Das al­les ist ei­ne Günst­lings­ge­sell­schaft, ein gro­ßer Win-Win-Kos­mos, in dem der Preis ei­nes »Kunst­werks« als Maß­stab für des­sen Qua­li­tät gilt. Geld es­sen Kunst auf heißt ein Un­ter­ka­pi­tel. Was ja im­mer­hin vor­aus­setzt, dass ei­ne da­ge­we­sen sein muss.

Der Be­su­cher ist nur als de­vo­ter Be­wun­de­rer ge­dul­det und wird oft ge­nug im Stil­len ver­ach­tet. Was er nicht »ver­steht« wird wahl­wei­se mit wol­ki­gen For­mu­lie­run­gen oder mit ei­ner rei­ße­ri­schen und über­höh­ten Spra­che auf­ge­bre­zelt. Da­für be­zahlt er so­gar noch Geld, läuft mit Kopf­hö­rern durch das Mu­se­um und lauscht Leu­ten, die ihm er­zäh­len, was er zu se­hen und not­falls auch zu füh­len hat. Zep­ter ge­lingt es sehr gut, die­se Phrasendresch­maschine zu be­schrei­ben und zeigt ei­ni­ge mar­kan­te Bei­spie­le.

Wie ei­ne kal­te Du­sche

Je­der, der durch Mu­se­en geht und dort ins­be­son­de­re zeit­ge­nös­si­sche Kunst aus­ge­stellt wird, muss der Au­torin en­thu­si­astisch zu­stim­men. Manch­mal wirkt ihr Buch wie ei­ne eis­kal­te Du­sche im Hoch­som­mer. Aber man kennt das: Kurz da­nach kommt die Hit­ze wie­der zu­rück – die Wir­kung ver­pufft und ver­kehrt sich ins Ge­gen­teil.

So ist es auch – lei­der – mit die­sem Text. Nach au­ßen als Po­le­mik aus­ge­ge­ben, ist man zu­nächst ein­mal dank­bar, dass hier nicht die Wut in Schaum­kro­nen da­her­kommt, son­dern fast nüch­tern die Me­cha­nis­men ei­nes hoff­nungs­los durch Geld, Ruhm­sucht und Hof­fart kor­rum­pier­ten Par­al­lel­uni­ver­sums er­zählt wird. Das ist al­les gut und prä­zi­se be­schrie­ben, wenn auch nicht ganz neu. So hat­te die Pro­fes­so­rin, Kunst­kri­ti­ke­rin und Ku­ra­to­rin Isa­bel­le Graw be­reits 2009 in ih­rem Buch »Der gro­ße Preis« In­nen­an­sich­ten aus dem Kunst­betrieb ge­lie­fert und die Ex­zes­se auf dem Kunst­markt mit ei­ner in­ter­es­san­ten Theo­rie um Sym­bol- und Markt­wert ver­sucht zu er­klä­ren. Da­bei sah sie den »Künst­ler« in der Rol­le ei­nes »Ce­le­bri­ty«, der nur die »Le­gen­de« des Künst­lers pfle­ge. In Wahr­heit ist er je­doch ei­ne »om­ni­prä­sen­te Fi­gur«, die als »Pro­dukt« aus­schliess­lich ih­re ei­ge­ne Be­rühmt­heit »be­sitzt« und die­se ver­mark­tet. Graw ver­lässt da­mit ele­gant den bil­dungs­bür­ger­lich be­setz­ten Dis­kurs um Kunst oder Nicht-Kunst. Die Äs­the­tik spielt kei­ne Rol­le mehr; sie ist et­was für Idea­li­sten. Die end­gül­ti­ge Ent­schei­dung wird ver­tagt auf nach­fol­gen­de Ge­nera­tio­nen. Da­mit wird der Weg frei für die Kom­mer­zia­li­sie­rung von Ob­jek­ten, die in­fol­ge des Ce­le­bri­ty-Sta­tus des Er­schaf­fers zu Fe­tisch­ob­jek­ten wer­den. Was zählt – im wört­li­chen Sinn – sind Auf­merk­sam­keit, Er­re­gung, Skan­dal. Hier­an be­mißt sich der Sta­tus und schließ­lich der Markt­wert.

Das, was sich Kunst nennt, wird da­mit ent­sa­kra­li­siert und ver­kommt zur rei­nen Kommerz­maschine. Graw trat nicht mit der At­ti­tü­de der Ent­hül­le­rin auf; mit »schau­dern­der Be­gei­ste­rung« be­ob­ach­te sie die Ent­wick­lung, so schreibt sie am En­de. Die­se Keh­re ent­sprach so gar nicht dem af­fir­ma­tiv-be­schrei­ben­den Duk­tus im Rest ih­res Bu­ches. Aber Graw ist zu sehr im Be­trieb ver­an­kert, um mehr als nur ein Schau­dern zu­zu­las­sen.

Bei Zep­ter kom­men auch In­si­der des Be­triebs zu Wort. Mit Eu­gen Blu­me und Dirk Luc­k­ow (ak­tu­ell Di­rek­tor der Ham­bur­ger Deich­tor­hal­len) führt Zep­ter jour­na­li­sti­sche Ge­sprä­che, die ei­nem am En­de die­se Per­so­nen fast wie wil­len­lo­se Räd­chen zei­gen und durch­aus Mit­leid er­zeu­gen kön­nen.

Aber dann. Zu­nächst wird dann doch ei­ne Tra­di­ti­on des Kunst­has­sens her­bei­ge­schrie­ben (Die­ter Hacker 1978 und ak­tu­ell der Künst­ler und Mu­si­ker Bil­ly Chil­dish, der, wie es harm­los heißt, zum Pun­k­-Estab­lish­ment in Groß­bri­tan­ni­en ge­hört). Das kommt dann ir­gend­wie reich­lich ge­wollt an­ti­po­disch da­her. Auch Tom Wol­fes Kunst­has­ser-­Text »The pain­ted word« taugt we­ni­ger als Pam­phlet ge­gen die Kunst als auf das will­fäh­ri­ge Schrei­ben über als Kunst de­kre­tier­te Phä­no­me­ne. Hieß es zu Be­ginn noch, Kunst has­sen sei kei­ne Kunst­kri­tik, so wird sie plötz­lich über die Hin­ter­tür als sol­che vor­ge­stellt, was we­nig über­zeu­gend wirkt.

Da­bei ist Zep­ters Kri­tik an der fast re­li­giö­sen An­dachts­stim­mung in den Mu­se­en durch­aus be­rech­tigt. Wun­der­bar die Be­ob­ach­tun­gen zu dem zu­meist geist- wie see­len­lo­sen Auf­sichts­per­so­nal und de­ren Will­kür. Mu­se­um­wär­ter (oft pre­kär be­schäf­tigt und da­her per se schlecht ge­launt) ge­bär­den sich in ih­ren All­machts­ur­tei­len Fuß­ball­schieds­rich­tern gleich. Zep­ter macht sich lu­stig über Fo­to­gra­fier­ver­bo­te, was ich auch schon -zig Mal ge­macht ha­be. Bei­zu­steu­ern hät­te ich ei­nen be­son­de­ren Fall aus Es­sen, als ein Be­su­cher den herbst­lich-bun­ten Park des Mu­se­ums aus der Aus­stel­lung her­aus fo­to­gra­fie­ren woll­te. Der eil­fer­ti­ge Mensch in Uni­form ver­lang­te die so­for­ti­ge Lö­schung des Bil­des. Was Zep­ter bei al­ler Hä­me je­doch nicht ein­mal an­spricht sind die recht­li­chen As­pek­te, die ein Fo­to­gra­fier­ver­bot der Bil­der und Ob­jek­te ei­ner Aus­stel­lung recht­fer­ti­gen könn­te.

Mu­se­um als »Er­fah­rungs­land­schaft«?

Und was wä­re ei­gent­lich die Al­ter­na­ti­ve? Zep­ter er­wähnt das Mu­se­um des 19. Jahr­hunderts, ein Ort, an dem die Leu­te Pick­nick mach­ten, dis­ku­tier­ten und so­gar Tie­re mit­brach­ten. Es war kein Tem­pel, son­dern ei­ne hit­zi­ge, chao­ti­sche, über­bor­den­de, in­ten­si­ve Er­fah­rungs­land­schaft in­mit­ten der Stadt. Wie wür­de dies heu­te aus­se­hen? Und wel­che Fol­gen wür­de Baudril­lards »Ate­lier­zu­gang für je­der­mann!« ha­ben? Als wä­re Kunst per se zu »de­mo­kra­ti­sie­ren«. Na­tür­lich hat Zep­ter recht: Die Vor­aus­set­zung für die Hier­ar­chie zwi­schen Mu­se­um und Be­su­chern ist die Ah­nungs­lo­sig­keit der Be­su­cher. Denn von ih­nen weiß nie­mand, was Kunst ist. Kann auch kei­ner wis­sen. Aber auch sie be­müht sich erst gar nicht, die­sen abgenutzte[n] Be­griff, der aus­ge­höhlt, ge­tre­ten, ge­fol­tert, ge­liebt, ge­hasst wird, sel­ber zu for­men. Im­mer­hin um­kreist sie den Be­griff kurz: Kunst muss frei sein, frei vom In­stru­ment der Er­zie­hung, frei von ei­nem Ge­sell­schafts­auf­trag. Kunst muss aso­zi­al sein. Aber nicht al­les »Aso­zia­le« ist al­lei­ne des­we­gen schon Kunst – man könn­te ein­wen­den, dass hier­in ja ge­ra­de die Crux lie­ge. Zeit­ge­nös­si­sche Kunst schwebt in ei­nem Raum, in dem noch al­les mög­lich ist. Auch die Mög­lich­keit, ein Mei­ster­werk zu sein. Oder eben auch nicht. Ein­ver­stan­den. Aber der Mu­se­ums­be­su­cher möch­te nicht 50 Jah­ren war­ten, um ge­sagt zu be­kom­men, er ha­be Kunst ge­se­hen oder be­sten­falls Kunst­hand­werk.

Es gibt kei­ne ver­bind­li­che De­fi­ni­ti­on, schreibt sie schließ­lich – so­zu­sa­gen voll tren­dy im post­mo­der­nen De­fi­ni­ti­ons­ver­wei­ge­rungs­dis­kurs. Aber wie wä­re es, mit ei­ner ei­ge­nen an­zu­fan­gen? Poin­tiert ge­fragt: Wie kann man et­was vor­ge­ben zu has­sen, was man nicht zu de­fi­nie­ren ver­mag? War­um nicht ei­ne An­stren­gung wa­gen, die­ser schwind­süch­ti­gen Schi­mä­re »Kunst« neu­es Le­ben we­nig­stens ver­suchs­wei­se ein­zu­hau­chen? Der Be­griff ha­be sich so sehr in ein Kli­schee ver­wan­delt, dass das Prä­di­kat »Kunst« heu­te nur noch we­nig wert sei, schreibt Zep­ter. Liest man beck­mes­se­risch, stimmt ge­nau das nicht: »Kunst« ist heut­zu­ta­ge die Vor­aus­set­zung für die Par­ti­zi­pa­ti­on am Markt. Dass sie nur in­ner­halb ei­nes ab­ge­grenz­ten Zir­kels ro­tiert und dort ziem­lich bil­lig zu ha­ben ist, ist ei­ne an­de­re Sa­che.

Kunst ist Dia­log, nicht Mo­no­log

Be­stimmt man »Kunst« nicht (mö­gen die Grün­de noch so ein­sich­tig sein), er­üb­rigt sich je­de Dis­kus­si­on über de­ren Ba­na­li­sie­rung. Zep­ters durch­aus em­pha­ti­sches Ein­tre­ten für den fra­gen­den, nör­geln­den, sich ein­brin­gen­den Zu­schau­er ist nur sinn­voll, wenn der per­ver­tier­te Kunst­markt nicht durch ei­nen ähn­lich tri­via­len, af­fekt­ge­steu­er­ten Even­tis­mus er­setzt wird. Die Er­fah­rungs­land­schaft des 19. Jahr­hun­derts wä­re heu­te ein Rum­mel­platz mit Hüpf­burg, Half­pipe, Glüh­wein- und Waf­fel­stand im Win­ter und Würst­chen­bu­de. Im Fest­zelt gibt es dann den Ob­jekt-Kar­ne­val, der in In­si­der­krei­sen Kunst ge­nannt wird – und wei­ter be­staunt wer­den darf.

Da­bei ist schon klar: Nicht die Be­zeich­nung Kunst durch den Kunst­markt macht Kunst, son­dern die An­er­ken­nung durch die An­de­ren. Nicht der Mo­no­log in­ner­halb ei­ner in­ze­stuö­sen Bran­che be­stimmt über Kunst, son­dern der Dia­log mit dem Re­zi­pi­en­ten, der al­ler­dings – das sei auch her­aus­ge­stellt – ein be­stimm­tes Grund­in­ter­es­se und die Be­reit­schaft zur An­schau­ung auf­brin­gen soll­te. Aber erst durch die Zu­schrei­bung durch den Zu­schau­er wird aus ei­ner Skulp­tur, ei­ner Pla­stik, ei­nem Bild, ei­nem En­sem­ble Kunst. Das At­tri­but »Kunst« ist als Selbst­ein­stu­fung – sei sie auch noch so me­di­en­wirk­sam in­sze­niert – wert­los. Künst­ler, Händ­ler, Samm­ler, Ku­ra­to­ren und Mu­se­ums­di­rek­to­ren müss­ten das Ur­teil der Zu­schau­er nicht vor­weg­neh­men und usur­pie­ren, son­dern sich ihm aus­set­zen. Kunst­kri­ti­ker sind da­zu da, ei­ne Mitt­ler­rol­le zu über­neh­men. Sie kön­nen hel­fen, Be­zü­ge her­zu­stel­len. Aber sie müs­sen nicht im, son­dern au­ßer­halb des Markt­ge­fü­ges ste­hen.

Wie schwer dies ist, zeigt sich an an­de­ren »Be­trie­ben«, wie z. B. dem Li­te­ra­tur­kos­mos, der zwar nicht mit dem Kunst­markt ver­gleich­ba­re pe­ku­niä­re Pro­fi­te ver­spricht, aber eben­falls ei­ne recht her­me­ti­sche Welt dar­stellt. Auch hier sind Au­toren, Ver­la­ge und Kri­ti­ker eng mit­ein­an­der ver­knüpft. Zu eng. Die Re­vi­ta­li­sie­rung des Ge­nie­kults um die Per­son, den Zep­ter für den Kunst­be­trieb auf dem Vor­marsch sieht, fin­det längst im Li­te­ra­tur­be­trieb statt. Und auch hier herrscht das Mas­se­prin­zip. Wer ei­nen Best­sel­ler ge­schrie­ben hat, be­kommt min­de­stens die wich­ti­ge Wäh­rung Auf­merk­sam­keit. Die Zu­schrei­bung »Bestsellerautor/in« ist nie pe­jo­ra­tiv ge­meint; Schecks Bü­cher­wer­fen hin oder her (im üb­ri­gen auch nur so ein lä­cher­li­ches Pro­vinz­kri­ti­ker-Ge­ha­be).

Si­cher­heits­hal­ber Kunst

Wer mit den Deu­tungs­an­ge­bo­ten nicht kon­form geht, wird frü­her oder spä­ter das Mu­se­um mei­den. Der Rest tau­melt und es bleibt die Fra­ge, war­um sich Zu­schau­er und Museums­besucher von vor­ge­ge­be­nen Ur­tei­len der­art be­ein­flus­sen las­sen und ih­ren ei­ge­nen Sin­nen so we­nig ver­trau­en. Zep­ter greift hier­für die bil­dungs­bür­ger­li­che At­ti­tü­de des Be­triebs an, die ein­schüch­te­re. Streng ge­nom­men – und das über­sieht sie – ge­hö­ren die Re­zi­pi­en­ten al­ler­dings zu­meist auch die­sem Mi­lieu an. Hier­in könn­te ein Grund für das Pro­blem lie­gen: Man möch­te »da­zu­ge­hö­ren« und saugt be­gie­rig die Herr­schafts­spra­che, die in der mo­der­nen Kunst den Ton an­gibt, auf. Wer nicht mit­macht, gilt schnell als Ba­nau­se. Es herrscht ein ge­wis­ser Kon­for­mi­täts­druck. Es geht um die Zu­ge­hö­rig­keit zu ei­ner Grup­pe – und sei man auch ein noch so klei­nes Räd­chen.

Ei­nen an­de­ren Grund für die vor­aus­ei­len­de Ver­göt­zung des­sen, was sich Kunst nennt, er­wähnt Zep­ter mit kei­nem Wort. Von den Iko­no­kla­sten in By­zanz über die Bil­der­stür­mer des Mit­tel­al­ters bis zu den ver­bre­che­ri­schen Na­zis, die mo­der­ne Kunst als »ent­ar­tet« dif­fa­mier­ten: Der ag­gres­si­ve und zu­wei­len mör­de­ri­sche Kul­tur­van­da­lis­mus hat sich in der Ge­schich­te nach­träg­lich im­mer als un­ter­ent­wickel­te Gei­stes­hal­tung er­wie­sen. So hat die pro­gres­si­ve deut­sche Li­te­ra­tur-, Mu­sik- und Kunst­kri­tik nach 1945 sub­ku­tan mit dem Er­be der Ver­bre­chen der Na­zis an Kunst und Künst­lern le­ben und ar­bei­ten müs­sen. Avant­gar­de bzw. das, was sich da­für hielt, war per se schon Kunst. Si­cher­heits­hal­ber stell­te man sich auf der Sei­te des Mo­der­nen, über­nahm vor­aus­ei­lend af­fir­ma­tiv die Inszenierungs­texte der Ak­ti­vi­sten der Kunst. Das gilt bis heu­te. Nur dass der Be­griff der Avant­gar­de längst ba­na­li­siert ist. Fi­gu­ren wie Jo­na­than Mee­se oder Jeff Ko­ons (bit­te selb­stän­dig ei­ne auf­kom­men­de Li­ste er­gän­zen) le­ben von der amor­phen Furcht der Kunst­kri­tik, als spie­ßig oder (klein)bürgerlich zu gel­ten, wenn man de­ren Er­zeug­nis­se und/oder Ak­tio­nen nicht gou­tiert. So wer­den Sub­jek­te zu Künst­lern de­kla­riert, die an­son­sten be­sten­falls mit­tel­mä­ßi­ge Stra­ßen­ma­ler in Fuß­gän­ger­zo­nen ge­wor­den wä­ren.

Noch heu­te wird die zu­meist als po­li­tisch sub­ver­siv emp­fun­de­ne mo­der­ne Kunst in Dik­ta­tu­ren bru­tal un­ter­drückt. An­deu­tungs­wei­se er­wähnt Zep­ter, wie Ai Wei­wei hier­aus Ho­nig saugt. Aber auch in De­mo­kra­ti­en weht ge­le­gent­lich der Dä­mon des Ba­nau­sen­tums her­an. Bei den Wah­len zum Wie­ner Ge­mein­de­rat 1995 wur­de dies an ei­nem Pla­kat der rechts­gerichteten FPÖ deut­lich: »Lie­ben Sie Schol­ten, Je­li­nek, Häupl, Pey­mann, Pa­sterk – oder Kunst und Kul­tur?« hieß es dort. Ne­ben der Schrift­stel­le­rin El­frie­de Je­li­nek und dem da­ma­li­gen Di­rek­tor des Wie­ner Burg­thea­ters Claus Pey­mann wur­den auch drei öster­reichische Kul­tur­po­li­ti­ker in die­ser üb­len Rhe­to­rik an­ge­grif­fen. Wer möch­te schon frei­wil­lig in die­ser stumpf­sin­ni­gen, in­to­le­ran­ten Ge­sell­schaft Mit­glied sein? Be­zie­hungs­wei­se: Je­der, der ak­tu­el­le mo­der­ne Kunst be­fragt oder be­herzt Un­ver­ständ­nis ar­ti­ku­liert, wird in letz­ter Kon­se­quenz in die Rei­he die­ser Dumm­köp­fe ge­stellt. Dann doch lie­ber die su­per­la­ti­ven Wort­hül­sen kre­ieren und/oder an­hö­ren und ver­su­chen, ih­nen ir­gend­wie Sinn abzu­horchen. Wenn man das Mu­se­um ver­las­sen hat, fal­len sie ja zu­ver­läs­sig dem Ver­ges­sen an­heim.

Und was bleibt von Zep­ters Buch? Ih­re Spra­che ist klar und ein­fach (hier un­ter­schei­det sie sich deut­lich von Graw). Mit ih­ren Kri­tik­punk­ten liegt sie häu­fig rich­tig, ver­fällt dann je­doch lei­der ger­ne in all­zu grif­fi­ge Ste­reo­ty­pen. Wer rich­ti­ger­wei­se den »fal­schen Re­spekt« vor dem Kunst­be­trieb be­klagt, soll­te ei­ne Ah­nung vom »rich­ti­gen« ha­ben. Was soll der Re­zi­pi­ent, der auf sei­ne Sin­ne ver­traut, tun? Ei­nen Ge­dan­ken da­zu, ei­ne klei­ne Sub­ver­si­on, ver­steckt sie in ei­ner rhe­to­ri­schen Fra­ge zum Ver­hal­ten im Mu­se­um: Was wä­re kein Kli­schee? Sich hin­zu­stel­len und zu la­chen? Ja, un­be­dingt; das wär’s doch: Sich hin­stel­len, und die­sen Blöd­sinn ein­fach aus­la­chen. Und dann weg­ge­hen. Igno­rie­ren. Das wür­de den Markt nicht er­schüt­tern. Aber es wä­re ein An­fang.


Die kur­siv ge­setz­ten Pas­sa­gen sind Zi­ta­te aus dem be­spro­che­nen Buch.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Lie­be Ni­co­le Zep­ter, tief aus der »Kunst­welt« (Franz Dah­lem, mein Bru­der) kom­mend und völ­lig ver­zwei­felt, was heu­te KUNST sein soll, bin ich ent­zückt über je­de Zei­le Ih­res Bu­ches, wel­ches ich mir zu mei­nem 77. Ge­burts­tag (9.Dezember) ge­wünscht und be­kom­men ha­be. Dan­ke, Mer­ci, Gra­ci­as, Thank you – und auf bai­risch Dan­ke sak­krisch !

    Ge­seg­ne­te Weih­nach­ten

    Bri­git­ta Wan­ka-Dah­lem

  2. Lie­be Ni­co­le Zep­ter,
    Ihr fan­ta­sti­sches Buch, ist wie ein »Ge­mäl­de«, un­se­rer al­ler Kon­for­mi­tät, Mit­tel­mä­ßig­keit & Nach­läs­sig­keit.
    DANKE!!!

  3. Wie kann man an­neh­men, dass ei­ne Be­spre­chung über Ni­co­le Zep­ters Buch ei­ne Be­spre­chung von Ni­co­le Zep­ter ist? Wie kann man glau­ben, hier die Au­torin zu er­rei­chen? Ist Le­sen wirk­lich so schwer ge­wor­den?

  4. das LESEN ist in der Tat schwer ge­wor­den! Man stellt schnel­ler Ver­mu­tun­gen, über die Ab­sich­ten-hin­ter dem ge­schrie­be­nen Wort- als man le­sen kann. Man ist so rou­ti­niert in In­ter­pre­tie­ren und fühlt sich in sei­nem Ur­teils­kraft so ge­fe­stigt, dass man, mit Ver­laub, aus ei­nem Kom­men­tar (adres­siert an die Au­torin) al­les mög­li­che liest, al­ler­dings ei­nes nicht: die Be­spre­chung ÜBER Ni­co­le Zep­ters Buch, bleibt- trotz der Aus­führ­lich­keit blass (von A-Z) und flach, auch wenn lei­den­schaft­lich & flei­ßig zi­tiert wird, so dass sie auch mir nicht er­wäh­nens­wert er­schien... (SHAME ON ME!!!) Im Ge­gen­satz zum Buch- wenn man es tat­säch­lich ge­le­sen hat und sich mit der Kunst be­schäf­tigt- und nicht nur mit der Theo­rie.
    Ein Grund zur Freu­de ist al­ler­dings, dass man sich wun­dert, echauf­fiert & ent­rü­stet, denn »wer sich nicht mehr wun­dern kann, der ist see­lisch be­reits tot »(A. Ein­stein).
    In die­sem Sin­ne
    neue Kri­ti­ker braucht un­ser Land ;-)

  5. Sehr ge­ehr­te Frau Zep­ter,
    Ihr Buch ist groß­ar­tig !!!
    Am näch­sten Frei­tag ist ei­ne Ver­nis­sa­ge von ter Hell in mei­ner ro­man­ti­schen Pro­du­zen­ten­ga­le­rie Sa­lon Gras Fressen.Dazu la­de ich sie herz­lichst ein .Am 28 März
    Hohenzollernstr.1 14163 Ber­lin -Zehlendorf.19 Uhr.Gerne stel­le ich dem _Vernissagenpublikum Ihr Buch vor.Mit herz­li­chen Grü­ßen von Ri­chard Stim­mel

  6. Der 3. von 5 Kom­men­ta­ren, der glaubt, hier ha­be Ni­co­le Zep­ter ei­ne Be­spre­chung zu ih­rem Buch ge­schrie­ben. Was sagt das über die Sze­ne so ins­ge­samt aus?