Ne­ben­bah­nen

Im rum­peln­den Zug das Tal hin­un­ter, das zu­erst ein­mal ei­ne Schlucht ist, be­vor es sich wei­tet und die Ge­bäu­de zu­neh­men, woll­te ich die Land­schaft und was dar­in vor­kommt, al­ler­lei Din­ge und We­sen, mit den Au­gen mei­ner Toch­ter be­trach­ten, die hier täg­lich au­ßer sonn­tags ih­ren Schul­weg hin­ter sich bringt, aber dann wur­de mir be­wußt, daß sie ihr Smart­pho­ne bei sich hat und si­cher die mei­ste Zeit dar­auf starrt wie die an­de­ren Schü­ler auch, wenn sie nicht ge­ra­de schla­fen, aber das eher nicht, denn die Plät­ze sind zu die­sen Zei­ten, mor­gens und abends, be­setzt, da müß­te sie schon im Ste­hen schla­fen. Es ist der ge­wohn­te Blick der Pend­ler, den­ke ich, der ober­fläch­li­che Smart­phone­blick, der die Bil­der fort­wischt, so­fern sie sich nicht von selbst be­we­gen, die be­weg­ten und un­be­weg­ten Bil­der, fort- und her­bei­bug­siert im Nu; oder der schwar­ze Blick des Schlafs, der graue des Dö­sens; oder der Blick nach in­nen, wo die Träu­me hau­sen. Bloß kei­ne Wirk­lich­keit! Die sich so­wie­so in ei­nem Satz be­schrei­ben läßt: grü­nes Ge­wu­cher, grau­er Be­ton, Blin­ken von Was­ser, Ka­ros­se­rien und Licht­re­fle­xen. Punkt. Am En­de doch wie­der das­sel­be wie die Bil­der­flut am Dis­play.

Ein Tag in Ca­fés und Ki­nos mit klei­nen Stadt­wan­de­run­gen da­zwi­schen, auch das gibt ei­ne Art Dis­play: auf­le­gen, auf­spie­len las­sen, ent­fal­ten. Wie ei­ne Schall­plat­te: die Ril­len des Ta­ges. Des­ple­gar, dé­ploy­er etc. Bild­spur und Ton­spur. Das Tully’s beim Bahn­hof in Yo­ko­ga­wa un­ge­wöhn­lich ge­räu­mig, fast ele­gant, eben­so die Gä­ste, je­den­falls auf den er­sten Blick, in ele­gan­ten Räu­men wirkt auch das Durch­schnitts­pu­bli­kum ele­gant. Die Decke al­ler­dings un­ver­klei­det, was zu post­mo­der­ner Ele­ganz na­tur­ge­mäß paßt; Ab­zugs­roh­re, Ka­bel­ver­klei­dun­gen und Kli­ma­an­la­gen dun­kel ge­tönt. Ein dump­fes Ge­räusch, so­fort er­kenn­bar, je­mand hat ein Smart­pho­ne fal­len las­sen; ei­nes der cha­rak­te­ri­stisch­sten post­mo­der­nen Ge­räu­sche, das Auf­schla­gen die­ser re­la­tiv ro­bu­sten, nicht ganz leich­ten, aber auch nicht schwe­ren Ge­rä­te auf Kunst­stoff­bo­den. Man hat ein alt­mo­di­sches Heft vor sich lie­gen, das man je­der­zeit auf­schla­gen könn­te, ei­nen Ku­gel­schrei­ber da­ne­ben, je­der­zeit könn­te man schrei­ben, doch man schlägt das Heft nicht auf, läßt all das Wirk­li­che ge­sche­hen, die Sin­nes­or­ga­ne sind wa­cher in sol­cher War­te­hal­tung, man könn­te mit­schrei­ben und tut es nicht. Mit­sehen ge­nügt. Tag oh­ne Schrift, mit Bil­dern und Ge­räu­schen, zu de­nen auch die un­ver­meid­li­che Mu­sik zählt. Das längst ab­ge­stumpf­te, au­to­ma­ti­sier­te Ge­hör­or­gan stumpft ab, wählt aus, weist ab. Al­go­rith­mus im Hirn. In­put, Out­put, wie das hier.

Am Ne­ben­tisch plau­dern zwei Frau­en, so ge­gen drei­ßig, al­ters­mä­ßig, in An­ge­stell­ten­klei­dung, sa­la­ry­wo­men, die ei­ne mit Rock, die an­de­re mit Ho­se. Far­ben? Grau, dun­kel­blau, wei­ße Blu­sen. Stöckel­schu­he, nicht sehr hoch. Es ist neun Uhr vor­bei, gleich halb zehn, war­um sind sie noch nicht im Bü­ro? Der Film, den ich se­hen wer­de, be­ginnt um vier­tel nach zehn. Vor­mit­tags­vor­stel­lung, ma­ti­née. Wor­über plau­dern die Frau­en? Sie ent­fal­ten ge­mein­sa­me Er­in­ne­run­gen, ver­mut­lich sind sie in die­sel­be Schu­le ge­gan­gen. Wen und wann, in wel­chem Al­ter, bis zu wel­chem Al­ter man, das heißt frau, hei­ra­ten soll­te. So um 27, 28 Jah­re, sagt die ei­ne. »Von mei­nen Schul­freun­din­nen und von de­nen, mit de­nen ich stu­diert ha­be, hat noch nie­mand ge­hei­ra­tet.« Die bei­den Frau­en ent­spre­chen ge­nau dem Kli­schee, das ich mir im Lauf der Zeit un­ver­meid­li­cher­wei­se zu­ei­gen ge­macht ha­be (ich ge­be mir Mü­he, es los­zu­wer­den oder we­nig­stens nicht zum Ein­satz zu brin­gen). Nach mehr­fa­chem Hin­se­hen wirkt die ei­ne ziem­lich hübsch – ein Blick, der sich nicht mehr ge­hört, oder bes­ser: den man nicht mehr ein­ge­ste­hen darf –, in we­ni­gen Mi­nu­ten ist sie mir ver­traut ge­wor­den mit ih­rem et­was her­ben Lä­cheln und den fast über­eif­ri­gen Ant­wor­ten, die sie ih­rer zu­rück­hal­ten­de­ren Freun­din gibt. Für ei­ne hal­be Stun­de wer­de ich mich an ih­rer Sei­te als un­be­kann­ter, nein, un­sicht­ba­rer Ge­fähr­te ein­rich­ten. Schwie­rig, den rich­ti­gen Mann zu fin­den. Hat sie ge­sagt. Ob sie als Mut­ter und Haus­frau en­den wird? Oder in der Fir­ma blei­ben als Sin­gle, wie so vie­le an­de­re in den gro­ßen Städ­ten?

Mein Ohr bleibt bei den bei­den Freun­din­nen, mein Blick läßt sich am lan­gen Mit­tel­tisch nie­der, wo je­der Sitz­platz mit zwei Steck­do­sen aus­ge­stat­tet ist. Of­fen­sicht­lich kom­men vie­le Leu­te zum Ar­bei­ten hier­her, Schü­ler und Stu­den­ten zum Ler­nen, an­de­re la­den ihr Han­dy auf. Zu be­stimm­ten Zei­ten sit­zen sie wie Spat­zen auf­ge­reiht ne­ben­ein­an­der, Com­pu­ter oder Walk­man oder bei­des am Netz. Jetzt sind nur we­ni­ge da, den in mei­ner Blick­reich­wei­te hät­te ich nicht für ei­nen Kopf­ar­bei­ter ge­hal­ten: dunk­le Ge­sichts­haut, un­ra­siert und un­fri­siert, grün glän­zen­de Jacke, be­stimmt hat sie ei­nen Dra­chen am Rücken. Als er auf­steht und zur Toi­let­te geht, über­zeugt mich sein Gang vom Ge­gen­teil. Viel­leicht woll­te er mir nur den Dra­chen zei­gen. Er hat ein Buch ne­ben sich lie­gen und schreibt eif­rig in sein Heft. Im Ge­gen­satz zu mir, der ich mein Heft im­mer noch nicht auf­ge­schla­gen ha­be (und jetzt ru­di­men­tär aus dem Ge­dächt­nis schrei­be, oder bes­ser ge­sagt, aus der Phan­ta­sie und dem Wunsch­den­ken). Er schielt zu mir her­über und wird den­ken: Kein Kopf­ar­bei­ter, der da drü­ben, dem sträubt sich ja der gan­ze Kör­per ge­gen das Schrei­ben. Könn­te man mich für ei­nen Her­um­trei­ber hal­ten? Bin ich nicht ei­ner? Seit ei­nem Drei­vier­tel­jahr tra­ge ich im­mer die­sel­be Klei­dung und muß zu­se­hen, daß sie trock­net, wenn ich sie wa­sche. Mein ein­zi­ges Hemd, kra­gen­los, wa­sche ich höch­stens ein­mal im Mo­nat. Das Sak­ko könn­te man für ei­nen An­zug­teil hal­ten, da­bei ha­be ich es vor zwan­zig Jah­ren auf ei­nem Chi­ne­sen­markt beim Osu-Kan­non-Schrein in Na­go­ya ge­kauft. Es ist aus ir­gend­ei­nem Kunst­stoff, aus der Nä­he be­trach­tet sieht man die Beu­len und Del­len, Fus­sel und Stäub­chen, die es an­zieht. Soll ich den Mann um sei­ne Dra­chen­jacke be­nei­den?

Mein Heft bleibt ge­schlos­sen, der Ku­gel­schrei­ber – Mar­ke Hede­ra, grün – un­be­rührt. Kann man sein ei­ge­nes Nicht-mehr-Sein ge­nie­ßen? Zu­min­dest ist das ein Vor­ge­schmack hier. Komm, sü­ßer Tod, und füh­re mich in den ewi­gen Frie­den, weil ich der Welt mü­de bin. Amen.

Na­me der Knei­pe: Aus­land

Und dann wer­de ich, wie je­der an­de­re ein­sa­me Gast, ins Sein zu­rück­ge­ris­sen, von was?, von mir, von der Uhr auf dem Dis­play des Te­le­phons, das gar kein Te­le­phon ist, son­dern nur ein Pho­to­graph (und ei­ne Uhr). Es ist 10 Uhr 7, höch­ste Zeit, mich auf den Weg zu ma­chen. Das Ki­no liegt mit­ten in ei­nem Vier­tel von en­gen Gas­sen mit zahl­lo­sen Knei­pen und Klein­re­stau­rants, um die­se Zeit fast men­schen­leer. Auch der Ki­no­saal ist fast leer, wir sind ge­nau sie­ben Auf­rech­te, oder Ge­rech­te, wenn wir mal da­von aus­ge­hen, daß die Ci­né­phi­lie den letz­ten Hort der Ge­rech­tig­keit dar­stellt. Der Film ist ein Do­ku­men­tar­film, der Haupt­dar­stel­ler, der nur sich dar­stellt bzw. die Sa­che, um die es ihm geht, ein sym­pa­thi­scher, von der Sa­che be­ses­se­ner äl­te­rer Herr am Com­pu­ter vor dem Fen­ster ei­nes klei­nen Ar­beits­zim­mers mit Blick über ein Tal, zum Ge­gen­hang, auf die Ge­birgs­land­schaft, die Wäl­der, manch­mal schneit es. Ein äl­te­rer Herr, der die Ge­gend durch­streift, ein Hü­ter die­ser Ge­gend in der Prä­fek­tur Fu­ku­shi­ma: kein Jä­ger, nein, son­dern ein Ab­bild­ner, in ge­läu­fi­ger Spra­che: ein Pho­to­graph, und zwar ei­ner mit schwe­rer Ka­me­ra und ei­nem Ob­jek­tiv, das wie ein Ka­no­nen­rohr wirkt. Mit die­sem Ding vor der Brust wirft er sich auf ei­ne ab­schüs­si­ge Wie­se, in der ein paar Kirsch­bäu­me blü­hen, wie ein Sol­dat in den Schüt­zen­gra­ben, und lau­ert dar­auf, daß wei­ter un­ten der er­sehn­te Zug über die ho­he Brücke fährt, de­ren schö­nes Ei­sen­ge­stell sich im Was­ser dar­un­ter spie­gelt. Und als er an­kommt, geht ein Ruck durch den Kör­per des Lau­ern­den, sei­ne Ar­me rei­ßen das Ding zum Ge­sicht, und im näch­sten Au­gen­blick be­ginnt das Ge­rät zu rat­tern wie ein Ma­schi­nen­ge­wehr, denn die Ka­me­ra nimmt nicht ein Bild auf, son­dern in den paar Se­kun­den, die der Zug braucht, um den Fluß, der in Wahr­heit ein Arm ei­nes Stau­sees ist, zu über­que­ren, ei­ne Viel­zahl von Bil­dern. T‑t-t-t-t-t-t-t-t-t‑t (. . . . . . . . .) t‑t. Das Ge­dicht von Ernst Jandl fällt un­wei­ger­lich ein, da­zu Scht­zngrrrrrm­mmm, al­les vo­kal­los, al­so nicht so schön, aber das ist wie­der mal Ge­schmacks­sa­che.

Kei­ne Angst, nie­mand ist tot. Es ist auch nie­mand ver­seucht. Ta­da­mi ist mehr als hun­dert Ki­lo­me­ter von der Pa­zi­fik­kü­ste ent­fernt, liegt nä­her bei der an­de­ren Kü­ste, dem Ja­pa­ni­schen Meer. In die­ser Ge­gend gibt es kei­ne Atom­mei­ler, es gibt über­haupt so gut wie nichts, au­ßer Kirsch­blü­ten im Früh­ling und Rot­ahorn im Herbst und Schnee im Win­ter, so daß die jün­ge­ren Ein­woh­ner ab­wan­dern, nach To­kyo die mei­sten, wie es auch un­ser Pho­to­graph als jun­ger Mann ge­tan hat, um in der Kul­tur­in­du­strie zu ar­bei­ten, spä­ter dann wie­der zu Hau­se, in der Bau­in­du­strie (wenn ich’s recht ver­stan­den ha­be), in­zwi­schen führt er als Rent­ner ein ru­hi­ges Le­ben, wenn er nicht ge­ra­de pho­to­gra­phiert. Die Ta­da­mi-Li­nie, al­so die ein­spu­ri­ge, bis­her nicht elek­tri­fi­zier­te Ei­sen­bahn, wur­de im Som­mer 2011 schwer be­schä­digt, ein lan­ger Strecken­ab­schnitt war über zehn Jah­re lang nicht be­nutz­bar, erst vor we­ni­gen Ta­gen ist die gan­ze Bahn wie­der in Be­trieb ge­nom­men wor­den, am 1. Ok­to­ber 2022, da war der Film, den ich hier mit den sechs an­de­ren Ge­rech­ten oder Selbst­ge­rech­ten se­he, längst ge­dreht. Un­ser Pho­to­graph, wie ge­sagt, möch­te, daß nicht al­le Be­woh­ner fort­ge­hen, er hat schon ein­mal durch ei­nen Erd­rutsch sein Dorf ver­lo­ren, das soll sich nicht durch mensch­li­che Lax­heit wie­der­ho­len. Nein, Ho­shi-san möch­te, daß vie­le Leu­te her­kom­men, um die schö­ne Land­schaft zu ge­nie­ßen oder in ei­ner der On­sen-An­la­gen im hei­ßen Was­ser zu ent­span­nen und Er­in­ne­rungs­fo­tos zu schie­ßen.

Der Mann be­ginnt, sei­ne wun­der­schö­nen Fo­tos auf Face­book und in ei­nem Blog zu ver­öf­fent­li­chen, im­mer mit dem Hin­weis, daß es die Ta­da­mi-Li­nie in­stand­zu­set­zen und zu er­hal­ten gel­te, denn wie das auch mit an­de­ren so­ge­nann­ten Ne­ben­li­ni­en nicht nur in Ja­pan so geht, son­dern zum Bei­spiel in Ober­öster­reich mit der Alm­tal­bahn, an der ich auf­ge­wach­sen bin, fin­den die Be­trei­ber den Be­trieb nicht lu­kra­tiv ge­nug, mit der Bahn fah­ren nur Schü­ler und viel­leicht ein paar Grei­se, al­le zum hal­ben Preis oder noch gün­sti­ger, denn die Er­wach­se­nen, die so­ge­nann­ten Werk­tä­ti­gen und die Haus­frau­en, die fah­ren al­le mit ih­rem pri­va­ten Per­so­nen­kraft­wa­gen, auch wenn vie­le von ih­nen durch­aus fin­den, die Ta­da­mi-Bahn sei er­hal­tens­wert.

© Ken­ko, Ho­schi

Ei­ne Ei­sen­bahn zum An­schau­en, nicht zum Mit­fah­ren. Un­ter­des­sen be­kommt un­ser Pho­to­graph im­mer mehr Fans, Fol­lower in kor­rek­tem Deutsch, im­mer mehr Un­ter­stüt­zer in ganz Ja­pan und so­gar in an­de­ren Län­dern, be­son­ders in Tai­wan, wo sich ei­ne Ta­da­mi-sen-Fo­to­grup­pe bil­det, die Rei­sen in die fer­ne Prä­fek­tur Fu­ku­shi­ma or­ga­ni­siert, wo die Be­su­cher un­ter der Füh­rung des orts­an­säs­si­gen Pho­to­gra­phien und pen­sio­nier­ten Bau­ar­bei­ters im Bus zu den Or­ten ge­bracht wer­den, da­mit sie ih­re furcht­erre­gen­den Ob­jek­ti­ve ins Tal hin­un­ter auf die be­rühm­te Brücke und den sechs­mal am Tag dar­über­fah­ren­den Zug rich­ten. Der Tou­ris­mus wird die Re­gi­on ret­ten. Ge­nau, so ist das ge­plant, aus die­sem Grund wird die Bahn künf­tig aus Steu­er­gel­dern der ört­li­chen Ver­wal­tung be­zahlt. Die Be­völ­ke­rung sieht das ein, selbst wenn sie selbst lie­ber mit dem Au­to fährt. Es hat­te Stim­men ge­ge­ben, die sag­ten, man sol­le das Geld lie­ber für Schu­len und So­zi­al­hil­fe aus­ge­ben.

Die aus Tai­wan An­ge­rei­sten pho­to­gra­phie­ren die­sel­ben »Mo­ti­ve«, sie sind schon tau­send­mal pho­to­gra­phiert und im In­ter­net ver­brei­tet, die Fo­tos glei­chen ein­an­der, na­tur­ge­mäß, oder bes­ser ge­sagt, sie über­bie­ten ein­an­der, eins ist per­fek­ter und ori­gi­nel­ler als das an­de­re. Dies konn­te man in ei­ner Aus­stel­lung se­hen, die in Tai­pei or­ga­ni­siert wor­den war, wo un­ser Pho­to­graph als Eh­ren­gast auf­trat. Nach der er­folg­rei­chen Aus­stel­lung flau­te die Ta­da­mi-Be­gei­ste­rung et­was ab, das Ge­sicht des Pho­to­gra­phen wur­de im Lauf des Films im­mer trau­ri­ger – ich ha­be nicht ge­nau ver­stan­den, wes­halb, denn es war ja von der Ei­sen­bahn­ge­sell­schaft be­schlos­sen wor­den, den Be­trieb wei­ter­zu­füh­ren, und die Re­pa­ra­tur- und Er­neue­rungs­ar­bei­ten wur­den, wie nicht an­ders zu er­war­ten, eif­rig durch­ge­führt und pünkt­lich ab­ge­schlos­sen. »Da kann man halt nichts ma­chen«, sagt der Pho­to­graph mit bit­te­rer Mie­ne. Ein häu­fig und über­all zu hö­ren­der Satz: Shi­k­at­ta ga nai. Stimmt ja auch. Am En­de wird al­les zer­stört. Auch die Ge­rech­ten.

Sie­ben Hü­gel in Rom, sie­ben Flüs­se in Hi­ro­shi­ma. Sie­ben? Kommt drauf auf, was man als Hü­gel, als Fluß zählt. Zählt der Mon­te Testac­cio zu den sie­ben Hü­geln? Oder ist er zu un­an­sehn­lich, zu in­du­stri­ell? Frü­her die Ke­ra­mik­in­du­strie, spä­ter der Schlacht­hof, die Ga­so­me­ter… Nicht je­de Er­he­bung ist schon ein Hü­gel, nicht je­des Rinn­sal ein Fluß. Wird schon stim­men, ein Dich­ter hat sie mir er­zählt, die Ge­schich­te von den sie­ben Flüs­sen. Die am 6. Au­gust 1945 zu tod­brin­gen­den Hin­der­nis­sen wur­den, weil heiß und ver­seucht, das Was­ser nicht trink­bar, die Brücken zer­bro­chen und ver­brannt, die In­seln Ge­fäng­nis­se für Tod­ge­weih­te. Fried­lich jetzt, die Brücken neu er­rich­tet und ver­mehrt, ge­ben sie der Stadt ei­ne un­geo­me­tri­sche Struk­tur von Ge­ra­den und Kur­ven und Keh­ren, Ab­zwei­gun­gen und Ver­ei­ni­gun­gen, Er­wei­te­run­gen und En­gen so­wie die Ge­wiß­heit, daß al­les ins Of­fe­ne strebt, das ein vor­läu­fi­ges Of­fe­nes ist, weil dann noch die vie­len In­seln drau­ßen auf­ra­gen, die In­sel­ber­ge und dann noch Shi­ko­ku, be­vor sich al­les zum Oze­an wei­tet. Kei­ne Spring­flu­ten zu be­fürch­ten wie in Fu­ku­shi­ma. Ge­bor­gen­heit für die Be­woh­ner, so­lan­ge die Ge­fahr nicht von oben kommt. Oder vom Was­ser aus den Ber­gen im Hin­ter­land.

Ins Stadt­zen­trum spa­ziert man am be­sten das nächst­ge­le­ge­ne Fluß­ufer ent­lang, so geht man ge­wiß nicht in die Ir­re, auch wenn der Weg viel­leicht nicht im­mer der kür­ze­ste ist: Flüs­se mä­an­dern gern. Be­vor ich das Ufer er­rei­che, lenkt mich ein Ge­bäu­de­kom­plex aus röt­li­chem Back­stein ab, der sich als Hei­rats­an­la­ge, gern wür­de ich sa­gen: als Hei­rats­fa­brik, her­aus­stellt. Christ­lich, so hei­ra­ten die mei­sten hier, ob­wohl die we­nig­sten christ­lich sind, oder was sie christ­lich nen­nen, ei­ne Art Re­li­gi­ons­kitsch, hun­dert Pro­zent ge­spielt, blo­ßes Thea­ter wie die De­mo­kra­tie1 im nach dem Au­gust 1945 neu auf­ge­bau­ten Land. Der wich­tig­ste Tag im Le­ben als Thea­ter­vor­füh­rung. Ein Kom­plex mit Ka­pel­le, Ban­kett­hal­le und Ho­tel­zim­mern (auch für die Hoch­zeits­gä­ste) und ei­nem Jar­din »An­ge«, so steht es auf dem Schild, und Ga­ra­gen und Ko­stüm­ver­leih. Al­les kom­pakt und prak­tisch, zum Pau­schal­preis. Der Na­me ist selt­sam, aus dem wer­de ich nicht schlau, auch die Goog­le-Ma­schi­ne, die sonst für al­les und je­des Ant­wor­ten hat, hilft da nicht wei­ter. L’Celmo? Un­aus­sprech­lich für Ja­pa­ner, für Fran­zo­sen, für Deut­sche, für je­der­mann. Viel­leicht ein Irr­tum, wie so oft, wenn sie sich welt­sprach­lich ge­bär­den. Il cie­lo? Der Ha­fen der Ehe als Him­mel auf Er­den. Cie­li­to lin­do? Der Bo­le­ro wür­de pas­sen für rund­um har­mo­ni­sche Kitsch-Ver­an­stal­tun­gen. L’Celmo. Un­denk­bar, daß ein so auf­wän­di­ges Un­ter­neh­men bei der Sprach­ar­beit spart. Aber was wol­len uns die En­gel sa­gen? Nie­mand ver­steht ih­re Spra­che. Viel­leicht das.

Am Ufer dann, ne­ben der Fahr­stra­ße, zwi­schen Geh­weg und Fluß, ein klei­nes Shin­to-Schrein­chen, sechs Man­da­ri­nen und ei­ne Fla­sche Reis­wein vor der ge­schlos­se­nen Holz­tür des Al­tars, und auf der an­de­ren Sei­te des glit­zern­den, hier schon ziem­lich brei­ten Flus­ses die rie­si­ge Tem­pel­hal­le mit schwung­voll auf­ra­gen­dem Spitz­dach, das An­we­sen ei­ner bud­dhi­sti­schen Sek­te mit Kin­der­gar­ten, Klo­ster und Bil­dungs­an­stalt, die hier das gan­ze Vier­tel be­an­sprucht und sich ih­re prot­zi­gen Ge­sten nicht neh­men läßt. Gleich im An­schluß an die­ses Are­al ein Wohn­haus, im Erd­ge­schoß ein Blu­men­ge­schäft mit Kaf­fee­rö­ste­rei (kei­ne sur­rea­li­sti­sche Er­fin­dung!), am Ein­gang ein gro­ßes Schild mit der Auf­schrift »Ge­wand« in deut­scher Frak­tur­schrift, ein Wink in Rich­tung Ge­wand­haus­or­che­ster, war­um auch im­mer. Ein­mal ha­be ich dort ein Kon­zert ge­hört, der Saal ist mit­tel­groß, an­ge­nehm, ge­ra­de recht für Kam­mer­mu­sik oder So­lo-Kon­zer­te. Ein gan­zes Or­che­ster hät­te hier nicht Platz.

Zum Ab­schluß des Ta­ges woll­te ich noch in Mio Bar ge­hen, »mei­ne Bar«, ei­gent­lich müß­te sie in kor­rek­tem Ita­lie­nisch »Il mio Bar« hei­ßen. Sie ist eher ein Ca­fé, tags­über ge­öff­net, aber mit lan­ger The­ke, wo man auf Bar­hockern sitzt. Der Chef dort, er läßt sich lie­ber Ba­ri­sta nen­nen, un­ter­hält sich gern mit den Gä­sten, bleibt da­bei im­mer et­was ab­war­tend, wi­der­spricht nie­man­dem. Wenn er zu ei­nem The­ma ei­ne an­de­re Mei­nung hat, um­geht er ge­schickt die Dis­kus­si­on. Ge­nau wie mein Va­ter, der hat­te auch ei­ne The­ke im Gast­haus; wenn Zeit da­für war, wid­me­te er sich der Kon­ver­sa­ti­on. Der ja­pa­ni­sche Ba­ri­sta war oft in Ita­li­en, hat sich in der An­fangs­zeit sei­ner Bar ei­ne ech­te Cim­ba­li-Kaf­fee­ma­schi­ne kom­men las­sen, die seit­her den The­ken­gä­sten ge­gen­über fun­kelt glänzt, und ver­sucht, al­les per­fekt ita­lie­nisch zu ma­chen, die Aus­stat­tung, den Kaf­fee (Jol­ly Caf­fè aus Firen­ze, ei­ne Bat­te­rie von ro­ten Packun­gen ist auf dem ober­sten Re­gal auf­ge­reiht), die Spei­sen, La­sa­gne und Ti­ra­mi­sù, des­sen Na­men die Kell­ne­rin, die schon lan­ge hier ar­bei­tet, per­fekt aus­spricht, Be­to­nung auf der letz­ten Sil­be. Mio Bar ist der ein­zi­ge Ort in Ja­pan, wo der Es­pres­so auch so kon­zen­triert ist und so schmeckt, wie es der Na­me ver­spricht.

Der Ba­ri­sta selbst sieht per­fekt aus. Viel­leicht nicht ge­ra­de ita­lie­nisch, aber per­fekt, die Ba­ri­sta-Per­fek­ti­on vor pe­ni­bel auf­ge­reih­ten Fla­schen und blin­ken­den Glä­sern, mit sei­nem ge­stutz­ten Kinn­bärt­chen, der ho­hen Stirn, dem dunk­len Gi­let, der per­fekt ge­bun­de­nen Kra­wat­te oder dem Ma­scherl am wei­ßen Kra­gen. Vor ei­ner Wo­che hat­te er Co­vid-19, 40 Grad Fie­ber laut sei­ner Mit­tei­lung in Face­book, aber in­zwi­schen sei er wie­der ge­sund, die Bar, hieß es, sei ge­öff­net. Und jetzt fin­de ich ein Clo­se-Schild an der Glas­tür, und als ich na­he her­an­ge­he, se­he ich den leib­haf­ti­gen Ba­ri­sta im üb­li­chen Out­fit hin­ter der The­ke, ge­schäf­tig, ir­gend­et­was schnei­dend oder ord­nend, aber kei­ne Gä­ste vor ihm, der hin­te­re Teil des Raums, wo die Ti­sche ste­hen, liegt im Dun­kel. Ein­sam steht die Schin­ken­schnei­de­ma­schi­ne an ih­rem er­ha­be­nen Ort in der Nä­he der Glas­front. In Ita­li­en hät­te ich an die Tür ge­klopft und ihn be­mit­lei­det und gu­te Bes­se­rung ge­wünscht, aber hier wa­ge ich es nicht, glau­be auch nicht, daß er öff­nen wür­de, das Vi­rus ist ja so ge­fähr­lich, die An­steckungs­ge­fahr hoch, und über­haupt, ge­schlos­sen ist ge­schlos­sen, ja­pa­ni­sche Per­fek­ti­on. Das ein­zi­ge, was der Ba­ri­sta nicht nach­ah­men kann, ist die Locker­heit, mit der man in Ita­li­en das Le­ben be­wäl­tigt und den Tod, und schon gar nicht die dunk­le­re Sei­te der Locker­heit, näm­lich die Schlam­pe­rei. Und mei­ne ita­lie­ni­sche Sei­te ist wohl auch durch die in zwei Jahr­zehn­ten er­wor­be­ne ja­pa­ni­sche ver­drängt. Oder ver­sucht sich der Ba­ri­sta jetzt auch im Schlam­pig-Sein, in­dem er es un­ter­läßt, die In­for­ma­tio­nen im so­zia­len Me­di­um zu ak­tua­li­sie­ren? Oder trau­en sich die Stamm­gä­ste nicht her­ein, we­gen Co­ro­na? Kei­ne Gä­ste, kein Open.

Ich ma­che kehrt, ge­he zum Hacho­za, ei­nem der drei Pro­gramm­ki­nos in Hi­ro­shi­ma, im ach­ten Stock des Fu­ku­ya-Kauf­hau­ses. Mir sind zwei Stun­den vom Tag üb­rig­ge­blie­ben, wie ein Stück von der Ba­guette, das über Nacht hart wür­de, und gleich be­ginnt ein Film mit Bel­mondo. Ich be­schlie­ße, ihn mir an­zu­schau­en, ein biß­chen Pa­ri­ser Flair will ich se­hen, wenn schon kei­nen gu­ten Film, oder die Côte d’Azur, die al­ten Zei­ten, sieb­zi­ger Jah­re. So wird mein Ca­fé-Ki­no-Tag halt mit Ki­no aus­klin­gen. Auch recht. Der Film ist noch schlech­ter als er­war­tet, und er spielt nicht ein­mal in Frank­reich. An­fangs dach­te ich, Mar­seil­le, der al­te Ha­fen, aber der Schau­platz ist Athen, zwar auch so ei­ne wei­ße Stadt am Mit­tel­meer, aber un­in­ter­es­sant, stau­big, ver­staubt wie die Au­tos, in de­nen Kom­mis­sar und Ein­bre­cher her­um­brau­sen. Ach, die­se elen­dig lan­gen Ver­fol­gungs­jag­den! Die­se lä­cher­li­chen Schlä­ge­rei­en, wo die Ty­pen so putz­mun­ter sind und am En­de dann blut­ver­schmiert. Bel­mondo ein Ge­mäl­de von Bas­qui­at! Ich bin vor dem En­de raus­ge­gan­gen. Über die Kyo­ba­shi-Brücke zum Bahn­hof. Die Lich­ter fun­kel­ten schon auf dem Fluß.

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© Leo­pold Fe­der­mair – Al­le Fo­tos au­ßer dem ge­kenn­zeich­ne­ten von L. F.


  1. Ich, weiß, das klingt jetzt nach "Quatschbude". 

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