Ma­thi­as Énard: Er­zähl ih­nen von Schlach­ten, Kö­ni­gen und Ele­fan­ten

Mathias Énard: Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten

Ma­thi­as Énard:
Er­zähl ih­nen von Schlach­ten, Kö­ni­gen und Ele­fan­ten


Im­mer noch wirkt Ma­thi­as Énards fa­bel­haf­tes hi­sto­ri­sches Mit­tel­meer-Epos »Zo­ne« nach. Zum Bei­spiel wenn ich ei­ne Kar­te des Mit­tel­mee­res se­he oder Be­rich­te über die­se Re­gi­on hö­re. Die Er­eig­nis­se des Jah­res 2011 in den ara­bi­schen Län­dern wür­den neu­en Stoff für Bel­li­zist, Ge­heim­agent und Fa­schist Fran­cis Ser­vain Mir­ko­vić lie­fern, der auf sechs Stun­den Zug­fahrt von Mai­land nach Rom die Ge­schich­te des Mit­tel­meers mit ih­ren po­li­ti­schen Ver- und Ent­wick­lun­gen, Krie­gen und fal­schen Hel­den auf­fä­chert. Und so hört die­se Po­ly­pho­nie des Grau­ens nie­mals auf, son­dern er­hält stän­dig neue Nah­rung. Un­mög­lich, die­ses er­zäh­le­ri­sche Ver­fah­ren (an­ge­lehnt an Ho­mers Il­li­as) bei­zu­be­hal­ten. Énard hat das erst gar nicht ver­sucht (sol­che Form des Selbst­pla­gi­ats wä­re auch des Gu­ten zu­viel), son­dern legt mit »Er­zähl ih­nen von Schlach­ten, Kö­ni­gen und Ele­fan­ten« ein gänz­lich an­de­res Buch vor; fast nur ein Büch­lein mit sei­nen 170 groß­zü­gig ge­füll­ten Sei­ten. Aber bei al­ler Dif­fe­renz – es gibt durch­aus ein gut ver­bor­ge­nes Band zum in Duk­tus und Form so gänz­lich an­de­ren Buch.

Der Ruf aus Kon­stan­ti­no­pel

Ein all­wis­sen­der Er­zäh­ler be­rich­tet in ei­nem Mär­chen­ton die Ge­schich­te Mi­chel­an­ge­los, der 1506, 31 Jah­re alt, nach Kon­stan­ti­no­pel ein­schifft, um dort ei­nen Auf­trag des Sul­tans Bay­e­zid II. für den Bau ei­ner Brücke über das Gol­de­ne Horn an­zu­neh­men. Die Ge­le­gen­heit passt: Der ge­plan­te Bau ei­nes Grab­mals stockt. Mi­chel­an­ge­lo fühlt sich vom »kriege­rischen« Papst Ju­li­us II., dem Auf­trag­ge­ber und Fi­nan­cier, hin­ter­gan­gen, zu­mal er ihn wie ei­nen La­kai­en be­han­delt und nicht be­zahlt. Mi­chel­an­ge­los Trotz, der sich zu­wei­len in Jäh­zorn ent­lädt, siegt über die Be­den­ken, für ei­nen mus­li­mi­schen Herr­scher zu ar­bei­ten. Was, wenn dies zu früh kol­por­tiert wür­de? Droht viel­leicht die Ex­kom­mu­ni­ka­ti­on? Und wie sä­he dann die Auf­trags­la­ge für ei­nen frei­schaf­fen­den Künst­ler aus? Zu­nächst tut er al­les da­für, dass sein Auf­ent­halts­ort ge­heim bleibt. Sein ärg­ster Wi­der­sa­cher, der we­sent­lich äl­te­re Leo­nar­do da Vin­ci, war mit sei­ner Kon­struk­ti­on ge­schei­tert. Die Ver­su­chung ist groß: Zum ei­nen könn­te der in Hass­lie­be ver­bun­de­ne Leo­nar­do über­trumpft wer­den und zum an­de­ren winkt ei­ne üp­pi­ge Ent­loh­nung. Am En­de, so der Ge­dan­ke, wird die Schön­heit des Bau­wer­kes über die Re­li­gi­ons­gren­zen hin­weg über­zeu­gen. Und der Künst­ler hat es dem (ego­ma­ni­schen) Papst ge­zeigt.

Er­zählt wird von ei­nem den Ori­ent auf­sau­gen­den Mi­chel­an­ge­lo, der sich be­reits im Ha­fen an dem Ge­wim­mel nicht satt­se­hen kann. Kon­stan­ti­no­pel ist ein zwei­tes Ve­ne­dig; ein Ort, der ihm »zu­gleich ver­traut und sehr fremd« ist. Er be­kommt ei­nen Über­set­zer und ein Quar­tier zu­ge­wie­sen und die be­sten Ar­chi­tek­ten des Lan­des ste­hen zu sei­ner Ver­fü­gung. Für den in­tel­lek­tu­el­len Aus­tausch ist der Dich­ter Me­sihi, ein Günst­ling des We­sirs, zu­stän­dig. Me­sihi ist Ge­sprächs­part­ner und Ver­mitt­ler über die kul­tu­rel­len Dif­fe­ren­zen hin­weg, er­klärt dem Ita­lie­ner die Ge­bräu­che, zeigt ihm die Stadt und auch das Nacht­le­ben. Bald merkt Mi­chel­an­ge­lo, dass er kein pro­fes­sio­nel­ler Bau­mei­ster ist; der Da­vid oder das noch un­voll­ende­te Grab­mahl – das ist et­was an­de­res als ein sol­ches mo­nu­men­ta­les Werk. »Die Grö­ße die­ser Auf­ga­be er­schreckt ihn« und ihm fällt nichts ein, »er ver­misst den Mar­mor«, zeich­net Pfer­de und Men­schen; wird zor­nig, weil sein Auf­ent­halts­ort in Rom be­kannt zu wer­den droht. Und am Hof wird man lang­sam un­ge­dul­dig.

Schließ­lich gibt es doch den in­spi­rier­ten Ein­fall (die Zeich­nung ist im Buch ab­ge­druckt). Rasch wird ein Mo­dell kon­stru­iert und es kommt zur längst er­sehn­ten Au­di­enz beim Sul­tan, die aber sehr kurz aus­fällt. Mi­chel­an­ge­lo er­hält als Dank ei­ne Be­sitz­ur­kun­de für ein Grund­stück in Bos­ni­en; ein sat­ter Vor­schuss wä­re ihm lie­ber ge­we­sen. Der Grund­be­sitz wech­selt schnell den Be­sit­zer: Mi­chel­an­ge­lo ver­schenkt ihn an Me­sihi. Kurz nach dem of­fi­zi­el­len Bau­be­ginn wer­den die In­tri­gen am Hof ge­gen den »Un­gläu­bi­gen« spür­ba­rer. Geld­zu­wen­dun­gen blei­ben wei­ter aus. Mi­chel­an­ge­lo fühlt sich in ei­nem »sehr be­hag­li­chen Ge­fäng­nis« ein­ge­schlos­sen und »spürt ein ängst­li­ches Seh­nen« nach Ita­li­en. Me­sihis Loya­li­tät zu Mi­chel­an­ge­lo ist der­art groß, dass er mit dem ge­schenk­ten Grund­stück für ei­ne wich­ti­ge In­for­ma­ti­on be­zahlt. Da­mit ver­hin­dert er in letz­ter Mi­nu­te ei­nen An­schlag auf Mi­chel­an­ge­lo, tö­tet den At­ten­tä­ter und wird da­durch so­gar sel­ber zum Mör­der. Heim­lich ver­schwin­det der Ita­lie­ner – oh­ne den Lohn für sei­ne Ar­beit zu er­hal­ten. Der Le­ser wird am En­de noch über das Schick­sal der Prot­ago­ni­sten in­for­miert und fast mit ei­nem ge­wis­sen Tri­umph wird von ei­nem Erd­be­ben drei Jah­re spä­ter be­rich­tet, wel­ches die im Bau be­find­li­che Brücke zer­stör­te.

Ei­ne Ge­schich­te über Lie­be und Sehn­sucht

Das ist die Haupt­ge­schich­te die­ses Bu­ches. Aber Énard spielt mit den hi­sto­ri­schen Wahr­hei­ten. Tat­säch­lich hat­te Mi­chel­an­ge­lo zwar ei­ne Ein­la­dung des Sul­tans er­hal­ten, die­se aber ab­ge­lehnt. So­mit ist der Auf­ent­halt des Künst­lers in Kon­stan­ti­no­pel frei er­fun­den. Énards Trick: Ne­ben die­ser Brücken­bau­ge­schich­te gibt es noch ei­ne an­de­re Ge­schich­te, die un­ab­hän­gig von die­ser Kon­stel­la­ti­on wirkt und den er­fun­de­nen Plot zur Ne­ben­sa­che macht. Es ist ei­ne Ge­schich­te über Lie­be und Kunst, Wol­lust und Enthaltsam­keit, Scham und Sehn­sucht. So ver­fällt Mi­chel­an­ge­lo bei ei­nem Fest in Lie­be zu ei­ner Tän­ze­rin – oder ei­nem Tän­zer, der­art an­dro­gyn ist die Ge­stalt. Er ver­bringt spä­ter nach ei­nem Aus­flug mit Me­sihi in ein Ver­gnü­gungs­lo­kal so­gar ei­ne Nacht mit die­ser Per­son und ver­zehrt sich von nun an noch mehr in Sehn­sucht vor ei­ner Lie­be, die fast hef­ti­ger zu sein scheint als de­ren (kurz­fri­sti­ge) Er­fül­lung (falls es da­zu ge­kom­men ist). Was Mi­chel­an­ge­lo nicht be­merkt (und wohl auch nicht be­mer­ken will): Auch Me­sihi, der Mann, der Frau­en und Män­ner lie­ben kann, hat sich in den ita­lie­ni­schen Künst­ler ver­liebt. Er be­merkt Mi­chel­an­ge­los Sehn­sucht – und ist ei­fer­süch­tig. Aber gleich­zei­tig ist sei­ne Hoch­ach­tung vor dem Künst­ler so groß, dass er sei­ne Ge­füh­le ver­sucht, zu ver­ber­gen.

Énard ver­quickt Künst­ler­ro­man mit zar­ter Lie­bes­ge­schich­te und fik­tio­na­les Historien­drama. Ver­blüf­fend ak­tu­ell ist das Buch in der Be­hand­lung der The­ma­tik des Ok­zi­dents im Ver­hält­nis zum Ori­ent und zur Fra­ge der Re­li­gi­ons­to­le­ranz. Zu­nächst zeigt sich ei­ne über­aus to­le­ran­te mus­li­mi­sche Hof­ge­sell­schaft, die dann frei­lich spä­ter von Rän­ken und Ka­ba­len er­schüt­tert wird – auch hier­in den eu­ro­päi­schen Ver­hält­nis­sen der da­ma­li­gen Zeit ähn­lich. Un­ter­bro­chen wird der aukt­oria­le Er­zähl­fluss, der manch­mal zu viel er­klärt statt ein­fach nur dem Er­zäh­len zu ver­trau­en, durch sechs kur­ze deklama­torische Ein­schü­be, die Mi­chel­an­ge­lo di­rekt an­spre­chen und sei­ne emo­tio­na­le La­ge und sein Ver­hal­ten spie­geln. Da­bei bleibt die je­weils de­kla­mie­ren­de Per­son un­klar. Es kann sich um ei­ne oder meh­re­re Per­so­nen han­deln (bei­spiels­wei­se liegt es na­he, dass zwei Tex­te von Mi­chel­an­ge­los gro­ßer Lie­be, der Tän­ze­rin, stam­men) oder es könn­ten auch Selbst­gespräche des Mei­sters sein.

Die un­sicht­ba­re Klam­mer zum mo­nu­men­ta­len Mit­tel­mee­r­epos ist das Ver­hält­nis von (po­li­ti­scher) Macht auf den Ein­zel­nen. »Man muss sich al­so un­ter al­len Him­meln vor den Mäch­ti­gen er­nied­ri­gen« – so fällt Mi­chel­an­ge­los Bi­lanz schon ziem­lich früh aus, als die ver­spro­che­nen Ga­ben aus­blei­ben und er auch in Kon­stan­ti­no­pel der Gunst der/des Mäch­ti­gen aus­ge­lie­fert scheint. Die­ses Ver­hal­ten ist un­ab­hän­gig von kul­tu­rel­len Un­ter­schie­den der je­wei­li­gen Macht­sy­ste­me. Der Is­lam in Eu­ro­pa war auf dem Rück­zug; bei­spiels­wei­se seit mehr als zehn Jah­re aus Spa­ni­en ver­trie­ben. Mit der Ver­pflich­tung Mi­chel­an­ge­los wä­re Bay­e­zid ein in­ter­es­san­ter Pro­pa­gan­da­coup ge­lun­gen; der Künst­ler als »agent pro­vo­ca­teur« in ei­nem po­li­ti­schen Rän­ke­spiel. Auch hier, in der Ver­strickung des Künst­lers mit der Macht, liegt ei­ne Par­al­le­le zu »Zo­ne«.

Pseu­do-Do­ku­men­ta­ti­on

Die im­mer mehr um­grei­fen­de Me­tho­de hi­sto­ri­sche Per­sön­lich­kei­ten und Er­eig­nis­se mit Er­fun­de­nem in ei­ner Pseu­do-Do­ku­men­ta­ti­on (bis hin zur Mocku­men­ta­ry) zu ver­ar­bei­ten, hal­te ich für pro­ble­ma­tisch. Da­bei geht es nicht um ei­ne Ret­tung ei­nes kru­den hi­sto­ri­schen Rea­lis­mus. Na­tür­lich sind fik­tio­na­le Fi­gu­ren im­mer in Welt­ereig­nis­se ein­ge­bun­den. Und nichts spricht da­ge­gen, tat­säch­lich exi­stie­ren­de Per­sön­lich­kei­ten zu Prot­ago­ni­sten ei­nes Ro­mans zu ma­chen und ver­schüt­te­te Fak­ten be­hut­sam-spe­ku­la­tiv in ei­ne Er­zäh­lung ein­zu­bet­ten. Aber was be­deu­tet es, wenn ei­ne Ro­man­fi­gur plötz­lich mit hi­sto­ri­schen Prot­ago­ni­sten in­ter­agiert, sie in ei­ne Haupt­rol­le kommt, in ge­schicht­li­che Ab­läu­fe ein­greift und sie – ent­ge­gen den Tat­sa­chen – ge­stal­tet? Dro­hen da­mit nicht in ei­ner Welt, in der es zu­neh­mend schwie­ri­ger wird zwi­schen Fak­ten und My­then zu un­ter­schei­den und Ver­schwö­rungs­theo­ri­en wie Schim­mel­pil­ze an feuch­ten Wohn­zim­mer­wän­den blü­hen, die Gren­zen zwi­schen Fik­ti­on und Rea­li­tät auch und ge­ra­de in po­li­ti­schen Di­men­sio­nen zu ver­schwim­men? Wird da­mit nicht fahr­läs­sig ei­ne Le­gen­den­bil­dung be­för­dert?

Énards Mi­chel­an­ge­lo hat die Rei­se nach Kon­stan­ti­no­pel nie an­ge­tre­ten. In­so­fern ist auch die Sehn­suchts- und Lie­bes­ge­schich­te rei­ne Er­fin­dung (en pas­sant wer­den ho­mo­phi­le Nei­gun­gen Mi­chel­an­ge­los an­ge­deu­tet – ei­ne Fra­ge, die sich schon Ge­nera­tio­nen von Hi­sto­ri­kern stel­len, wo­bei man den Wert ei­ner sol­chen In­for­ma­ti­on durch­aus be­fra­gen soll­te). Die zwei Er­zähl­strän­ge des Bu­ches sind al­so rei­ne Fik­ti­on. Zi­ta­te aus Brie­fen Mi­chel­an­ge­los las­sen wie­der die Pri­se Rea­lis­mus auf­schei­nen – wo­bei un­klar ist, ob es sich tat­säch­lich um kor­rek­te Über­set­zun­gen und Wie­der­ga­ben han­delt.

Zu­ge­ge­ben: Im vor­lie­gen­den Fall ist die Fra­ge der Hi­sto­ri­sie­rung nicht statt­ge­fun­de­ner Er­eig­nis­se eher zweit­ran­gig. Aber es gibt an­de­re Bei­spie­le. Da­bei ist die Ein­bet­tung des Fik­tio­na­len im Hi­sto­ri­schen nicht neu. Da­bei ist sie längst nicht mehr nur ein Kri­te­ri­um tri­via­ler Pro­sa. Die Fra­ge bleibt, war­um Énard Mi­chel­an­ge­lo über­haupt braucht, wenn nicht zur Auf­wer­tung sei­ner Er­zäh­lung sel­ber. Wür­de das Buch mit der glei­chen Be­ach­tung ge­le­sen, wenn ein ima­gi­nä­rer Künst­ler »M.« die Haupt­fi­gur sein wür­de? Es ist schein­bar enorm ver­füh­re­risch, ei­ne er­fun­de­ne Fi­gur oder Hand­lung pro­mi­nent in ei­nen hi­sto­ri­schen Kon­text ein­zu­bet­ten und da­mit ei­ne min­de­stens pro for­ma Au­then­ti­zi­tät zu sug­ge­rie­ren. Die Fik­ti­on wird im Rah­men der Auf­merk­sam­keits­öko­no­mie auf­ge­wer­tet. Da­her un­ter­bleibt die Ver­frem­dung.

Kri­tik als Spiel­ver­der­ber

Die Li­te­ra­tur­kri­tik ist in sol­chen Fäl­len ge­for­dert, die Fik­ti­on mit den über­lie­fer­ten Da­ten zu kon­fron­tie­ren. Da­bei ge­rät sie schnell in die Rol­le des Spiel­ver­der­bers und droht die äs­the­ti­sche Be­trach­tung zu ver­nach­läs­si­gen. Was bleibt am En­de von die­ser mit leicht päd­ago­gi­schem Un­ter­ton er­zähl­ten Ge­schich­te? Blei­ben mehr als die üb­li­chen War­nun­gen vor der In­fil­tra­ti­on des Künst­lers mit der Macht? Auch ei­ne de­zi­dier­te Aus­ein­an­der­set­zung mit den Un­ter­schie­den der bei­den Kul­tur- und Re­li­gi­ons­räu­me un­ter­bleibt. Wo­zu al­so die an­ge­dich­te­te Lie­bes­blö­dig­keit Mi­chel­an­ge­los? Ist die­ses Büch­lein mit dem aus­grei­fen­den Ki­pling-Zi­tat so viel mehr als nur ei­ne halb­wegs ge­lun­ge­ne Fin­ger­übung? Im­mer­hin: Das Buch ge­wann den »klei­nen« Prix Gon­court de ly­céens – nach­dem »Zo­ne« im ver­gan­ge­nen Jahr beim gro­ßen Bru­der, dem »rich­ti­gen« Prix Gon­court, be­dau­er­li­cher­wei­se nicht re­üs­sier­te.

Énards Mi­chel­an­ge­lo-Er­zäh­lung hat durch­aus Stel­len von fi­li­gra­ner Schön­heit, be­dient je­doch zu häu­fig be­reit­wil­lig Kli­schees. Das Buch ist ein un­ter­halt­sa­mes, am En­de doch eher harm­lo­ses Le­se­ver­gnü­gen. Ei­ne schöp­fe­ri­sche Atem­pau­se nach ei­nem Kon­vo­lut wie »Zo­ne«. Und ein Be­leg da­für, dass es nicht im­mer vor­teil­haft ist, wenn man den Au­tor ei­nes Wer­kes kennt. Denn wer weiß – viel­leicht wä­re man an­son­sten gnä­di­ger ver­fah­ren.

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  1. Zum Ver­hält­nis von »Hi­sto­rie« und Fik­ti­on, al­so zur Fra­ge nach der Le­gen­den­bil­dung, möch­te ich zu be­den­ken ge­ben, dass das, was wir für ver­bürg­te Hi­sto­rie hal­ten auch nichts an­de­res als (herr­schaft­lich ab­ge­seg­ne­te) Le­gen­den­bil­dung ist. War­um und zu wel­chem En­de al­so soll­te die Fik­ti­on mit den über­lie­fer­ten Da­ten kon­fron­tiert wer­den? Ist es nicht viel­mehr ge­ra­de die Kern­kom­pe­tenz der Li­te­ra­tur (wie auch an­de­rer Kün­ste), die Gren­zen von Fik­ti­on und so­ge­nann­ter Rea­li­tät ver­schwim­men zu las­sen?

  2. Es gibt sehr wohl Fak­ten, die sich jen­seits ei­nes wie auch im­mer zu be­wer­ten­den Hi­sto­ri­ker-Kon­se­nes be­we­gen. Die Bor­de­reau wur­de nicht von ei­nem ita­lie­ni­schen Fäl­scher ge­schrie­ben, wie dies Um­ber­to Eco fa­bu­liert. Und ein Ma­xi­mil­li­an Aue biss auch Hit­ler nicht in die Na­se. Die­se Fik­tio­na­li­sie­run­gen sind viel­leicht nicht be­son­ders auf­re­gend. Aber es gibt durch­aus Mög­lich­kei­ten mit fei­ne­ren Nu­an­cie­run­gen ak­ti­ve Le­gen­den­bil­dung zu be­för­dern bzw. zu miß­brau­chen.

    Mich hat die­se Ge­schich­te über Mi­chel­an­ge­los Rei­se nach Kon­stan­ti­no­pel ziem­lich ge­är­gert. Da­bei är­gert mich die Tat­sa­che ei­ner sol­chen Grenz­über­schrei­tung we­ni­ger als die Vor­täu­schung ei­nes Rea­lis­mus. In ei­ner Ra­dio­be­spre­chung des Bu­ches wur­de so ge­tan, als hät­te es die­se Rei­se tat­säch­lich ge­ge­ben, d. h. es gab kein De­men­ti. Ver­mut­lich hat­ten sich die Re­zen­sen­ten nicht in­for­miert.

    Ich ha­be nichts ge­gen die Ver­mi­schung von Fik­ti­on und Rea­li­tät. Ich glau­be nur, dass sie Gren­zen ha­ben soll­te. Ich ha­be ver­sucht, die­se Gren­zen auf­zu­zei­gen. Merk­wür­dig wird es im­mer, wenn »Pro­mis« aus der Ge­schich­te als Lock­mit­tel für an­son­sten eher schwa­che Stof­fe her­an­ge­zo­gen wer­den, die auf die­se Wei­se mit Be­deu­tung auf­ge­la­den wer­den sol­len.

  3. Klei­ne Er­gän­zung:

    Ein gro­ßer Hi­sto­ri­en­dra­ma­ti­ker war ja bei­spiels­wei­se Schil­ler. Des­sen Leit­li­nie ist in ei­nem Brief an Goe­the ganz gut do­ku­men­tiert: »Über­haupt glau­be ich, daß man wohl thun wür­de, im­mer nur die all­ge­mei­ne Si­tua­ti­on, die Zeit und die Per­so­nen aus der Ge­schich­te zu neh­men, und al­les üb­ri­ge poe­tisch frei zu er­fin­den, wo­durch ei­ne mitt­le­re Gat­tung von Stof­fen ent­stün­de, wel­che die Vorthei­le des hi­sto­ri­schen Dra­mas mit dem er­dich­te­ten ver­ei­nig­te.«

    Den­noch hat Schil­ler nur sel­ten gra­vie­ren­de Ab­wei­chun­gen zu den da­mals kol­por­tier­ten hi­sto­ri­schen Er­eig­nis­sen vor­ge­nom­men. Be­mer­kens­wert ist al­ler­dings, dass das frei er­fun­de­ne Dra­ma »Wil­helm Tell« heu­te im­mer noch als Grün­dungs­ge­schich­te der Schweiz gilt. Die­ses Stück ist ein Mu­ster­bei­spiel für das elek­ti­zi­sti­sche Zu­sam­men­tra­gen von Sa­gen, My­then, Über­lie­fe­run­gen und Ge­schicht­chen hin zu ei­nem ko­hä­ren­ten Stoff. Über die­se Re­zep­ti­on kann man dem Au­tor kei­nen Vor­wurf ma­chen; die Bün­de­lung der di­ver­sen Tex­te scheint über­zeu­gend ge­lun­gen zu sein.

  4. Mein Glau­be an Fak­ten hält sich in en­gen Gren­zen. Un­ge­ach­tet des­sen stim­me ich Ih­nen zu, dass es die li­te­ra­ri­sche Qua­li­tät ei­nes Tex­tes nicht hebt, et­wa je­man­den in Hit­lers Na­se bei­ßen zu las­sen oder der­glei­chen. Al­ler­dings glau­be ich auch, dass die li­te­ra­ri­sche Qua­li­tät da­von ab­hängt, WIE man je­man­den in Hit­lers Na­se bei­ßen lässt – wenn es denn sein muss – und nicht da­von, ob Hit­ler »tat­säch­lich« in die Na­se ge­bis­sen wur­de oder nicht. Ich möch­te dar­auf be­stehen, dass sich die Li­te­ra­tur nicht der herr­schaft­li­chen Le­gen­den­bil­dung un­ter­wer­fen soll­te, und dass die hi­sto­ri­sche Fak­ti­zi­tät kein li­te­ra­ri­sches Kri­te­ri­um ist .
    Na­tür­lich hat es ei­nen scha­len Bei­geschmack, wenn der Ein­druck ent­steht, ein hi­sto­ri­scher Pro­mi sei in er­ster Li­nie der Auf­merk­sam­keits­öko­no­mie we­gen be­müht wor­den. Mir fiel Tho­mas Manns Lot­te in Wei­mar ein, des­sen Pro­mi, Herr Goe­the, im Ti­tel gar nicht ge­nannt wird und im Text nur ei­nen kur­zen, ziem­lich la­pi­da­ren Auf­tritt hat. Der gan­ze Text ist, wenn man an Fak­ten glaubt, hi­sto­risch un­wahr, aber er er­schafft ei­ne, näm­lich Manns ei­ge­ne, hi­sto­ri­sche Wahr­heit über Goe­the. Und im Un­ter­schied zu an­de­ren hi­sto­ri­schen Ro­ma­nen oder Fil­men ist hier der Pro­mi nicht aus­tausch­bar.

  5. Mög­li­cher Wei­se liegt ein Reiz für den Au­tor dar­in, (per­sön­li­chen Nei­gun­gen und Vor­lie­ben fol­gend) ei­ne Ge­stalt zu er­schaf­fen, die man der hi­sto­ri­schen ge­gen­über­stel­len kann bzw. die die hi­sto­ri­schen Lücken füllt oder sich ihr nä­hert – der Li­te­rat ver­mag ein Ter­rain zu be­tre­ten, das dem Hi­sto­ri­ker ver­schlos­sen bleibt, näm­lich zu »wis­sen«, wie Mi­chel­an­ge­lo tat­säch­lich war (auch wenn das wie­der­um Fik­ti­on bleibt).

    Für den Le­ser und die Li­te­ra­tur sind sol­che Vor­lie­ben si­cher­lich von ge­rin­ger Be­deu­tung – das wie ist, wie die Vor­schrei­ber schon fest­ge­stellt ha­ben, ent­schei­dend.