Um­ber­to Eco: Der Fried­hof in Prag

Umberto Eco: Der Friedhof in Prag

Um­ber­to Eco: Der Fried­hof in Prag


Rund 650.000 Ex­em­pla­re sind von Um­ber­to Ecos »Der Fried­hof in Prag« seit Ok­to­ber 2010 in Ita­li­en ver­kauft wor­den. In An­be­tracht des­sen, wel­che Bü­cher in Deutsch­land Mil­lio­nen­auf­la­gen er­zie­len, spricht das zu­nächst ein­mal deut­lich für die Kul­tur­na­ti­on Ita­li­en. In 40 Spra­chen soll das Buch über­setzt wer­den. Mit der deut­schen Aus­ga­be zieht der Han­ser-Ver­lag al­le Re­gi­ster sei­ner Mar­ke­ting-Kunst. Es gibt für das Kri­ti­ker­volk so­gar ein »Ein­le­se­buch« – un­ter an­de­rem mit Per­so­nen- und Zeit­re­gi­ster zum Ro­man und ei­nem Auf­satz über Ver­schwö­rungs­theo­ri­en von Phil­ipp Blom. Die­ser schreibt, es sei letzt­lich gleich­gül­tig, ob Verschwörungs­theorien wahr sei­en oder nicht. Sie müss­ten nur »aus­reichend viel Wahr­heit be­inhal­ten, um plau­si­bel zu sein«, aber ih­re »ei­gent­li­che Kraft« lä­ge im »emo­tio­na­len Sog…im Ver­spre­chen von Sinn, von ei­nem Gan­zen, an das man glau­ben kann und des­sen Teil man wird«. Das ist na­tür­lich nicht falsch, er­klärt aber nicht den Sog von Ver­schwörungstheorien, die, je nach La­ge, kom­pli­zier­te Vor­gän­ge ra­di­kal ver­ein­fa­chen oder auch ein­fa­che Er­eig­nis­se mit Kom­ple­xi­tät auf­la­den.

Viel­leicht wagt man sich lie­ber oh­ne vor­ge­fer­tig­te (und un­zu­läng­li­che) Er­klä­rungs­ver­su­che in den Eco’schen Fa­bu­lier­kos­mos, ei­ner Zeit­ma­schi­ne in das 19. Jahr­hun­dert des poli­tischen Ita­li­en und Frank­reich. Der Held des Bu­ches ist ein Haupt­mann Si­mo­ni­ni, 1830 ge­boren, der zum zu Be­ginn der Er­zäh­lung 1897 al­lei­ne in ei­ner Woh­nung in Pa­ris lebt. Er be­ginnt mit 67 ein Ta­ge­buch, um sich sei­nes Le­bens zu er­in­nern. Ein Rat­schlag ei­nes ge­wis­sen »Dr. Froï­de«, den er in ei­nem Art »Ärz­te-Sa­lon« (oder bes­ser: Stamm­tisch) ken­nen­lernt und den er gar nicht schätzt (früh er­fährt man war­um: weil es sich um ei­nen Ju­den han­delt).

In die­ses Ta­ge­buch macht in Si­mo­ni­nis Ab­we­sen­heit ein ge­wis­ser Ab­bé Dal­la Pic­co­la sei­ne No­ti­zen, der ei­ni­ge Dar­stel­lun­gen er­gänzt und ih­nen zum Teil wi­der­spricht. Si­mo­ni­ni ist ver­blüfft über die­se Ein­trä­ge und fragt sich, wie ein frem­der Mensch in sei­ne Woh­nung ein­drin­gen und sich im Ta­ge­buch äu­ßern kann – oh­ne dass er je­man­dem be­geg­net. Schließ­lich ent­deckt er ei­nen un­ter­ir­di­schen Gang, der aus sei­ner Woh­nung in ei­ne an­de­re, spär­lich ein­ge­rich­te­te Woh­nung führt. Bei­den kommt schließ­lich auch in den Sinn, dass sie ein und die­sel­be Per­son sein könn­ten und zwei­feln ih­re je­weils ei­ge­ne Exi­stenz an. Sind sie doch von ei­ner schreck­li­chen Ver­gess­lich­keit ge­plagt, die sie zu­wei­len in den Wahn­sinn zu trei­ben scheint und nur im Er­zäh­len lang­sam weicht. Zur bes­se­ren Über­sicht sind Si­mo­ni­nis und Dal­la Pic­co­las Ein­tra­gun­gen in an­de­ren Schrif­ten ab­ge­druckt. Hin­zu kommt noch ein Er­zäh­ler (durch­gän­gig in Fett­druck), der die nie­der­ge­schrie­be­nen Er­eig­nis­se, An­ek­do­ten und Epi­so­den zu­sam­men­fasst und die un­ter­schied­li­chen Ver­sio­nen kom­men­tiert und ge­wich­tet.

Es ist wohl dem Spiel­trieb Ecos ge­schul­det, die­ses um­stands­vol­le Er­zäh­len ge­wählt zu ha­ben und dem Buch noch ei­ne Por­ti­on »Iden­ti­täts­su­che« hin­zu­zu­fü­gen. Als sich Si­mo­ni­ni ir­gend­wann er­in­nert, dass es Jahr­zehn­te vor­her den Ab­bé Dal­la Pic­co­la um­ge­bracht hat­te, bleibt nur noch die Ver­si­on der vor­über­ge­hen­den Per­sön­lich­keits­spal­tung üb­rig. Ei­ne eher phan­ta­sie­los-mü­de Er­klä­rung, die sich schon auf Sei­te 34 an­kün­dig­te und in et­wa so vor­her­seh­bar war wie der Don­ner ei­nem Blitz folgt. Viel Ge­tö­se um ei­nen Kunst­kniff, der für den Ver­lauf des Bu­ches be­deu­tungs­los ist.

Sei’s drum: Die Kin­der- und Ju­gend­zeit Si­mo­ni­nis wird mit Schwung er­zählt. Er wächst beim Groß­va­ter auf, ei­nem glü­hen­den An­ti­se­mi­ten, der die po­li­tisch-re­vo­lu­tio­nä­ren Um­trie­be des Soh­nes, al­so Si­mo­ni­nis Va­ter, arg­wöh­nisch be­äugt. Schnell dringt man die Ver­schwö­rungs­welt des Groß­va­ters ein, der im­mer und über­all Frei­mau­rer, Temp­ler, Il­lu­mi­na­ten, Je­sui­ten und na­tür­lich vor al­lem Ju­den als die Übel die­ser Welt aus­macht. Die­ses Den­ken prägt für im­mer den En­kel. Und so ver­steht man die ziem­lich scho­ckierenden mis­an­thro­pisch-ras­si­sti­schen Äu­ße­run­gen Si­mo­ni­nis am An­fang, der an nie­man­dem nur ein gu­tes Haar lässt und »odi er­go sum« (»Ich has­se, al­so bin ich«) zum Le­bens­mot­to er­hebt, wo­bei ihm Iro­nie oder Sar­kas­mus fremd sind (was der Le­ser früh mit­be­kommt).

Si­mo­ni­ni stu­diert Ju­ra. Als der Groß­va­ter stirbt, of­fen­bart ihm der Testamentsvoll­strecker, dass die­ser ent­ge­gen der land­läu­fi­gen Mei­nung bank­rott war. Gnädiger­weise über­nimmt der No­tar den schlag­ar­tig mit­tel­los ge­wor­de­nen jun­gen Mann in sei­ne Dien­ste. Früh wird deut­lich, wel­cher Art von No­tar hier am Werk ist: Ein Fäl­scher – so­wohl in ei­ge­ner Sa­che als auch im Auf­trag an­de­rer – der nicht ein­fach plump Vor­handenes ver­än­dert, son­dern neue »Tat­sa­chen« selbst kre­iert. So be­steht ei­gent­lich kein Zwei­fel dar­an, dass der No­tar das Te­sta­ment sei­nes Groß­va­ters ge­fälscht hat­te – al­lei­ne: es fehlt der Be­weis.

Si­mo­ni­ni fügt sich ein, lernt schnell, fin­det Ge­fal­len an die­sem Tun, über­trifft den Mei­ster und wird so­gar Mit­ar­bei­ter des Ge­heim­dien­stes. Be­reit­wil­lig schlüpft er in die­se und je­ne Rol­le, scheut nicht, sich als Ab­bé oder Je­su­it zu ver­klei­den, agiert als Agent pro­vo­ca­teur, in­sze­niert schwar­ze Mes­sen oder ist ein­fach nur mi­li­tä­ri­scher Rat­ge­ber und kommt mit dem Volks­hel­den Ga­ri­bal­di in Kon­takt. Als der (po­li­ti­sche) Bo­den in Tu­rin zu heiß wird, geht er nach Pa­ris, ar­bei­tet sich dort eben­falls hoch und spinnt mit Won­ne In­tri­gen. Sei­ne Ma­sche ist sim­pel, aber enorm wir­kungs­voll: Liegt ge­gen ei­ne Per­son oder Grup­pe ge­gen die in­tri­giert wer­den soll nichts vor, wird et­was kon­stru­iert. Schließ­lich kann das frei Er­fun­de­ne gar nicht oder nur schwer wi­der­legt wer­den. Es muss nur ei­ni­ger­ma­ßen plau­si­bel sein und ei­ne ge­wis­se Er­war­tungs­hal­tung be­die­nen. Da­bei ver­wen­det Si­mo­ni­ni häu­fig fik­tio­na­le, längst ver­ges­se­ne oder in­di­zier­te Tex­te (die nie­mand mehr kennt, eben weil sie lan­ge ver­bo­ten sind), die so lan­ge be­ar­bei­tet wer­den, bis sie in das Kon­zept der De­nun­zia­ti­on oder Ver­schwö­rung pas­sen. Ein­mal or­ga­ni­siert Si­mo­ni­ni ein Kom­plott, nur da­mit es dann mit Aplomb auf­ge­deckt wer­den kann. »Die Ge­heim­dien­ste al­ler Län­der glau­ben nur das, was sie schon ein­mal ir­gend­wo ge­hört ha­ben und wei­sen je­de wirk­lich un­er­hör­te Nach­richt als un­glaub­wür­dig zu­rück«, so sei­ne ver­blüf­fen­de Quint­essenz, die mü­he­los in die me­di­al-hy­ste­ri­schen Ge­sell­schaf­ten des 21. Jahr­hun­derts über­trag­bar sein dürf­te.

Die »Pro­vi­sio­nen« wer­den im­mer üp­pi­ger, zu­mal er die Auf­wen­dun­gen an Ge­hil­fen im­mer hal­biert und da­mit noch zu­sätz­lich kas­siert. Hass zahl­te sich aus. Und wenn Leu­te dro­hen, die Ver­schwö­run­gen mit Fak­ten auf­zu­decken, schreckt Si­mo­ni­ni auch nicht vor eigen­händigen Mor­den zu­rück. Als er Pa­ris weilt, ver­bringt er die ge­meu­chel­ten Lei­chen unter­irdisch in den Kloa­ken­gän­gen. Glück­li­cher­wei­se ge­schieht dies nicht sehr oft. Zwischen­durch wähnt man sich in der Kü­che Tho­mas Lie­vens, denn wie Sim­mels Held war­tet Si­mo­ni­ni mit al­ler­lei Re­zep­ten auf, die je­doch eher an die ru­sti­ka­le In­ne­rei­en-Kü­che des Gün­ter Grass er­in­nert (al­so ähn­lich fürch­ter­lich sein dürf­te wie die un­ter­kel­ler­ten Lei­chen).

Wenn es auch mal ge­gen die Frei­mau­rer oder Je­sui­ten geht – al­les wird über­la­gert vom pa­ra­noi­den Ju­den­hass Si­mo­ni­nis. Schon früh schreibt er ein Pam­phlet über die Ver­sammlung der zwölf Stäm­me – sym­bo­li­siert durch zwölf Rab­bi­ner – auf dem jü­di­schen Fried­hof von Prag, in dem der Plan der Ju­den, die Welt­macht zu über­neh­men, »doku­mentiert« wird. Da­bei be­dient er sich di­ver­ser fik­tio­na­ler Quel­len, von Alex­andre Du­mas über Eu­gè­ne Sue und ei­nem sa­ti­ri­schen Text ei­nes Mau­rice Jo­ly. All dies wird von Eco aus­führ­lich, nach­voll­zieh­bar und mit viel Lie­be zum phi­lo­lo­gi­schen De­tail aus­ge­brei­tet. Schließ­lich sucht Si­mo­ni­ni – ein gro­ßer Deut­schen­has­ser – dann so­gar den deut­schen An­ti­se­mi­ten Her­mann Go­ed­sche auf, der un­ter dem Pseud­onym »Sir John Ret­clif­fe« tat­säch­lich in sei­nem Ro­man »Biar­ritz« (von 1868) pla­gia­to­risch Si­mo­ni­nis Tex­te ver­wen­det. Man schätzt sich nicht, die Ge­sin­nung ver­bin­det aber min­de­stens für kur­ze Zeit.

Das Pam­phlet der Ver­samm­lung der zwölf Rab­bi­ner zu Prag wird die gro­ße Klam­mer in Ecos Buch und Si­mo­ni­nis »Le­bens­werk«. Am En­de wird er ge­zwun­gen, das »Do­ku­ment« für die Rus­sen zu per­fek­tio­nie­ren und selbst Si­mo­ni­ni fragt sich ein­mal, was denn die Ju­den noch al­les ver­bro­chen ha­ben sol­len. Der Rest der Ge­schich­te, der im Nach­wort nur ganz kurz an­ge­ris­sen wird, ist be­kannt: Das Buch wird zu Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts in Russ­land »erst­ma­lig« pu­bli­ziert – un­ter dem Ti­tel der »Pro­to­kol­le der Wei­sen von Zi­on«. Der trau­ri­ge Ruhm die­ses Mach­wer­kes ist bis heu­te zu be­ob­ach­ten, ob­wohl es be­reits in den 1920er Jah­ren als plum­pe Fäl­schung ent­larvt und als ei­ne Zu­sam­men­stel­lung di­ver­ser Schau­er­ge­schich­ten über­führt wur­de. All das hat nicht ver­hin­dert, dass die »Pro­to­kol­le« von den Na­zis als »wis­sen­schaft­li­cher« Be­leg für die »jü­di­sche Welt­ver­schwö­rung« dien­ten und da­mit die Ver­nich­tung der eu­ro­päi­schen Ju­den ge­recht­fer­tigt wur­de.

Eco lässt (un­glück­li­cher­wei­se) vie­le be­kann­te (und auch we­ni­ger be­kann­te) An­ti­se­mi­ten des 19. Jahr­hun­derts auf­tre­ten, wie bei­spiels­wei­se Hen­ri-Ro­ger Gouge­not des Mousse­aux, Alp­ho­ne Toussen­el, Edouard Dru­mont und Jo­seph-An­toi­ne Boul­lan. Mehr als nur ein­mal fragt man sich, ob nicht we­ni­ger mehr ge­we­sen wä­re und wem die­ses Na­me­drop­ping die­nen soll. Die Äu­ße­run­gen der Prot­ago­ni­sten sol­len, so im Nach­wort, sämt­lich ver­bürgt sein, wenn auch teil­wei­se sze­nisch ver­frem­det. Ein­zig die Haupt­fi­gur sei er­fun­den, wo­bei Eco ne­bu­lös die Op­ti­on an­bie­tet, Si­mo­ni­ni sei »im­mer noch un­ter uns« und so­mit sei­nen fik­ti­ven Hel­den – we­nig über­zeu­gend – als un­to­ten Ver­schwö­rungs-Me­phi­sto an­bie­tet.

Ecos Ver­gnü­gen an der De­kon­struk­ti­on die­ser ei­gent­lich lä­cher­li­chen und plum­pen Lü­ge, die sich in den »Pro­to­kol­len« ma­ni­fe­stiert, treibt zu­wei­len selt­sa­me Blü­ten. Da schwa­dro­nie­ren Fi­gu­ren von der »End­lö­sung« oder der Aus­rot­tung; fast na­tür­lich, dass auch ir­gend­ei­ner von »Ar­beit macht frei« spricht. Ei­ni­ge der zahl­rei­chen Il­lu­stra­tio­nen des Bu­ches sind schreck­li­che an­ti­se­mi­ti­sche Ka­ri­ka­tu­ren. Hier spielt Eco mit ei­ner Mi­schung aus Scho­nungs­lo­sig­keit und Ent­zücken mit den Ent­rü­stungs­af­fek­ten sei­ner Le­ser. Pro­ble­ma­tisch ist da­bei we­ni­ger die (zu­wei­len plum­pe) In­ter­tex­tua­li­tät, der ex­zes­siv ge­frönt wird, als die Ver­mi­schung zwi­schen Rea­li­tät und Fik­ti­on. Wie Jo­na­than Lit­tells SS-Of­fi­zier Ma­xi­mil­li­an Aue ist Si­mo­ni­ni häu­fig mit­ten in den Brenn­punk­ten des welt­geschichtlichen Ge­sche­hens. So auch in der Drey­fus-Af­fä­re, in der na­tür­lich er die Bor­de­reau schreibt und von Ester­házy nur ent­spre­chend in­stru­iert wird. Eco treibt – und hier­in liegt die Crux die­ses Bu­ches – die be­stehen­den Ver­schwö­rungs­theo­ri­en mit neu­en Ver­schwö­rungs­theo­ri­en aus. Man fragt sich war­um.

Zwar mag dies in­tel­lek­tu­ell reiz­voll sein, aber der Le­ser des 21. Jahr­hun­derts weiß nun ein­mal mehr als die Fi­gu­ren des 19. Jahr­hun­derts, so dass ei­nem die Fas­zi­na­ti­on ob die­ser Mach­wer­ke ein biss­chen wie kleb­ri­ger Ho­nig vor­kommt, der vom Bröt­chen her­un­ter­tropft und die Fin­ger be­netzt. Der auf­klä­re­ri­sche Im­pe­tus, den Eco si­cher­lich in­ten­diert, greift nur be­dingt: Zu lä­cher­lich und fast töl­pel­haft er­schei­nen die Prot­ago­ni­sten und zu weit ent­rückt (und dem deut­schen Le­ser auch eher un­ver­traut) er­scheint die­se Zeit. Und zu krampf­haft die­se Krea­ti­on ei­ner un­sym­pa­thi­schen Haupt­fi­gur bis hin zur phy­si­schen Häss­lich­keit und gei­sti­gen Schlicht­heit.

Die Ka­la­mi­tä­ten des Bu­ches: Ei­ner­seits for­dert »Der Fried­hof in Prag« den wis­sen­den, fort­ge­schrit­te­nen Le­ser. An­de­rer­seits braucht man die­ser Ziel­grup­pe kaum We­sen und Un­we­sen von Ver­schwö­rungs­theo­ri­en zu er­klä­ren. Ei­ner­seits könn­te dies ein ni­veau­vol­ler Un­ter­hal­tungs­ro­man sein. An­de­rer­seits bie­tet sich das The­ma der »Pro­to­kol­le« nur be­grenzt da­für an. Ei­ner­seits folgt man der or­na­men­tal-aus­schmücken­den Spra­che des Au­tors zu­nächst ganz ger­ne. An­de­rer­seits wird es ziem­lich früh ziem­lich zäh. Was bleibt ist ein scha­ler Ge­schmack. Nur die größ­ten Freun­de Ecos wer­den ih­re Freu­de ha­ben. Die an­de­ren soll­ten Bes­se­res le­sen.

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15 Kommentare zu »Um­ber­to Eco: Der Fried­hof in Prag«:

  1. Bonaventura sagt:

    Hört sich an, wie »Das Fou­cault­sche Pen­del« in ge­wen­de­ten Klei­dern: http://bonaventura.musagetes.de/2008/umberto-eco-das-foucaultsche-pendel/

    #1

  2. @Bonaventura
    Den Ein­druck zum Fou­cault­schen Pen­del tei­le ich voll­stän­dig. Ich hat­te da­mals durch­ge­hal­ten – haupt­säch­lich we­gen die­ser klei­nen, ein­ge­streu­ten Ge­schich­te mit dem trom­pe­tespie­len­den Kind. Aber das war letzt­lich zu we­nig. »Der Fried­hof in Prag« ist m. E. noch wir­rer und auf­ge­bla­se­ner; ein Wind­beu­tel – al­ler­dings mit Skan­da­li­sie­rungs­po­ten­ti­al. Ich bin ge­spannt, ob dies in Deutsch­land ei­ne An­ti­se­mi­tis­mus-De­bat­te los­tre­ten wird. (Da­mit das klar ist: Na­tür­lich ist Eco kein An­ti­se­mit.)

    Ko­misch. »Der Na­me der Ro­se« emp­fand ich tat­säch­lich als ein schö­nes Buch. Aber das war in ei­ner an­de­ren Zeit. Ich le­se es nicht noch ein­mal. Viel­leicht, um mir den Ein­druck von da­mals nicht zu zer­stö­ren.

    #2

  3. Norbert sagt:

    Al­so ab­ha­ken und an­de­re Bü­cher kau­fen und le­sen. Was ist aber mit der ita­lie­ni­schen Kul­tur­na­ti­on? Was hat zum Teu­fel 650000 Ita­lie­ner da­zu ge­bracht, die­ses Buch zu le­sen, wenn sie es denn über­haupt ge­le­sen ha­ben?
    Im Na­men der Ro­se war wirk­lich ein tol­les Buch, wäh­rend ich das Fou­cault­sche Pen­del schon nach dem er­sten Vier­tel weg­ge­legt ha­be.
    Was mich ver­wun­dert, Mi­cha­el Krü­ger ist doch ein klu­ger und kom­pe­ten­ter Le­ser und Ver­le­ger; geht es nur um die ho­he Auf­la­ge und da­mit um Geld?

    #3

  4. Ich weiss nicht ge­nau, aber ich glau­be, Eco ist in Ita­li­en noch po­pu­lä­rer als in Deutsch­land. Er steht ja po­li­tisch auch glas­kar ge­gen Ber­lus­co­ni, was bei ei­ni­gen viel­leicht schon als Wert an sich gilt. Und ich ver­ste­he schon, dass Han­ser »sei­nen Au­tor« Eco auch wei­ter ver­legt.

    #4

  5. Michael Plattner sagt:

    Wie­der­um äu­ßerst ge­lun­ge­ne Re­zen­si­on, Herr @Keuschnig! Sehr gut for­mu­liert und pla­stisch die bei Eco im­mer kunst­voll ver­kno­te­ten Ver­wick­lun­gen für den in­ter­es­sier­ten Le­ser-in-spe auf­ge­löst. Mit die­ser Re­zen­si­on kann ich Ei­ni­ges an­fan­gen, ja als »Nach­schla­ge­werk« wie­der­holt le­sen.

    Eco ist ei­ne spe­zi­el­le Blü­te des spie­le­ri­schen Um­gangs mit Spra­che, Lin­gu­istik und Me­di­en­phi­lo­so­phie, die ich als Kon­zept sei­ner Kunst SEHR schät­ze, weil ich zum SPIEL nei­ge, aber ich mag sei­ne Aus­füh­run­gen des Kon­zepts nicht be­din­gungs­los. Ja, ich fin­de, schon in der »Ro­se« zei­gen sich die Schwä­chen pro­fes­so­ra­ler Ge­lehr­sam­keit und in­ter­tex­tu­el­ler Kle­be­ar­beit mit Lu­pe und Skal­pell (so ar­bei­tet Pro­fes­sor Eco tat­säch­lich: un­ter ei­nem Ver­grö­ße­rungs­glas wer­den sünd­haft teu­re Pri­mär­quel­len, die sich kein sterb­li­cher Au­tor lei­sten kann, aber von Eco über sei­ne As­si­sten­ten an­ti­qua­risch be­sorgt wur­den, auf ver­wert­ba­re Stel­len ab­ge­sucht, die ir­gend­wel­che EFFEKTE durch Ver­dre­hung und Ver­schlei­fung ver­spre­chen ... ich sah es er­staunt im Fern­se­hen. Eco be­sitzt ei­ne Bi­blio­thek, für die braucht er ei­ne ei­ge­ne Stand­ort­kar­tei. 30.000 Bän­de. So in die­ser Grö­ßen­ord­nung. Das »Haus« ent­spre­chend. Ar­no Schmidt hat, um Platz zu spa­ren, da nur auf Pa­pier­strei­fen in Mi­kro­schrift schrei­ben kön­nen ... .). Was ich bei Eco ver­mis­se: Poe­sie. Ist mir al­les zu kurz­at­mig. Und sehr viel Slap­stick und Co­mic – auch in der Fi­gu­ren­zeich­nung. Das ar­bei­ten Sie gut her­aus, Keu­sch­nig. Man hat den Ein­druck, als kön­ne Eco nichts ERNST neh­men, als kön­ne er nur iro­nisch und in­tel­li­gent SPIELEN, auch mit »hei­ßen Ei­sen«, bei de­nen sich sei­ne gu­ten Ab­sich­ten un­frei­wil­lig ins Ge­gen­teil ver­keh­ren kön­nen. Bei Eco löst sich al­le Welt in ein amü­san­tes Zei­chen­spiel auf. Er über­sieht viel­leicht, daß die­se Zei­chen­spie­le als Rea­lia des Le­bens ganz kon­kre­te Din­ge ma­ni­fe­stie­ren. Die Na­mens­li­ste und Ah­nen­kar­tei der Ge­sta­po oder des Ein­woh­ner­am­tes sind auch simp­le Zei­chen­spie­le: sie steu­ern und ver­wal­ten Men­schen­le­ben.

    #5

  6. @Michael Platt­ner
    Das, was Sie schrei­ben, war mir ent­gan­gen und ich er­in­ner­te mich dar­an wie­der beim le­sen. Was Sie über das Spie­len schrei­ben, ist ver­mut­lich sehr zu­tref­fend. Im kon­kre­ten, ak­tu­el­len Fall fra­ge ich mich: Wer liest das ei­gent­lich – mit Ge­winn?

    #6

  7. Michael Plattner sagt:

    En­zy­klo­pä­di­sten mit Herz für Pin­zet­ten und Zet­tel­kä­sten.

    #7

  8. Klaus sagt:

    Ent­schul­di­gen Sie bit­te die Un­ter­stel­lung, aber...

    Nach den er­sten drei Sät­zen wuss­te ich: dies wird ein Ver­riss.
    Das »um­stands­vol­le Er­zäh­len« wird bei deut­schen und er­folg­lo­sen Buch­voll­schrei­bern an die­ser Stel­le meist lie­be­voll und po­si­tiv ge­se­hen und aus­ein­an­der­kla­bü­sert, bei ei­nem le­bens­be­to­nen­den, ver­spiel­ten, hu­mor­vol­len, ja: rie­si­ger­folg­rei­chen Welt­klas­se­schrift­stel­ler aber nicht.
    Ist der Er­folg und die Re­kla­me des Ver­la­ges Schuld an Gre­gor Keu­schings »scha­lem Ge­schmack« bei der Lek­tü­re? Ich ver­mu­te: ja. Die er­sten drei Sät­ze....

    #8

  9. @Klaus
    Sie ir­ren. Die Wer­bung ist mir ei­gent­lich egal. Bzw.: Es ist scha­de, dass ein sol­ches Buch gleich über­all und so­fort pro­mi­nent be­spie­gelt wird, wäh­rend an­de­re Bü­cher ein Mau­er­blüm­chen­da­sein fri­sten oder gar ab­ge­lehnt wer­den. Die Wer­bung ist nur des­halb in­ter­es­sant, weil sie über­haupt nö­tig zu sein scheint. An die­ser Ve­he­menz könn­te man fest­stel­len, dass die blo­ße Tat­sa­che, dass es den neu­en Eco gibt, nicht mehr aus­reicht.

    (Ist für Sie Er­folg­lo­sig­keit per se Aus­weis ei­nes äs­the­ti­schen Ur­teils?)

    Der scha­le Ge­schmack ent­steht bei mir vor al­lem aus dem m. E. miss­lun­ge­nen Kon­strukt, wie Eco die­ses The­ma be­han­delt: Er will ei­ne Ver­schwö­rungs­theo­rie mit ei­ner an­de­ren Ver­schwö­rungs­theo­rie aus­trei­ben. Das ist we­der be­son­ders ori­gi­nell, noch wird es der An­ge­le­gen­heit ge­recht. Ge­stern ha­be ich auf 3sat in der »Kul­tur­zeit« ei­nen Be­richt über die­ses Buch ge­se­hen (er war sehr, sehr schlecht). Eco wird dort – na­tür­lich – be­fragt (als wür­de dies ei­ne kri­ti­sche Le­sung er­set­zen). In­ter­es­san­ter­wei­se be­ginnt er mit der Ver­knüp­fung der The­ma­tik mit dem Na­tio­nal­so­zia­lis­mus und zi­tiert Hit­ler. Hier­für muss er na­tür­lich ganz bis ans En­de des Bu­ches blät­tern; das Zi­tat steht im Nach­wort, in klei­ne­ren Buch­sta­ben. Tat­säch­lich en­det der Ro­man um 1902/03 (die [fik­ti­ve] Haupt­fi­gur wird wohl bei ei­nem Spreng­stoff­an­schlag ge­tö­tet). Al­les, was da­nach folgt – al­so die In­stru­men­ta­li­sie­rung der Pro­to­kol­le ins­be­son­de­re von den Na­zis – ist nicht Ge­gen­stand des Bu­ches.

    #9

  10. JHK sagt:

    Sie ha­ben si­cher recht, Herr Keu­sch­nig, dass man den »Fried­hof von Prag« nicht le­sen muss. Die Par­al­le­len mit dem »Fou­cault­schen Pen­del« schei­nen er­drückend und die Ze­le­brie­rung des an­ti­se­mi­ti­schen Sumpfs des spä­ten 19. Jahr­hun­ders selbst in de­mon­stra­tiv-kri­ti­scher Di­stan­zie­rung scheint An­lass eher für Ma­lai­se als für Le­se­freu­de zu sein. Den­noch möch­te ich auf Mil­de plä­die­ren. Um­ber­to Ecos Le­bens­pro­blem ist die Su­che nach ei­ner iden­ti­täts­stif­ten­den Wahr­heit hin­ter den Wor­ten, den Sät­zen, den Bil­dern un­se­rer vor­ge­stanz­ten Kul­tur­welt. Ecos Bü­cher ent­hal­ten im­mer ei­nen Schrei nach Selbst­ver­ge­wis­se­rung, der ja im­mer auch ein Schrei nach dem Va­ter ist. Aber der Him­mel über dem Pen­del oder der Trom­pe­te, und selbst die Grä­ber Prags sind er­schreckend leer – al­les ist Ar­te­fact. Je­der Satz ver­weist nur auf den näch­sten und wie ge­hetzt ar­bei­tet Eco ein­mal mehr den Kar­tei­ka­sten ab um nicht dem lee­ren Ab­grund in der Mit­te der Zet­tel zu ver­fal­len. Im »Fou­calt­schen Pen­del« wur­de die­se »se­mio­si il­li­mi­ta­ta« noch als Pro­blem the­ma­ti­siert und mit gut­wil­lig-ro­bu­stem »com­mon sen­se« be­ant­wor­tet. Jetzt scheint der Mei­ster (und Eco war ein ech­ter Mei­ster der Lin­gu­istik und der Se­mio­tik) zu­frie­den zu sein, Fäl­schun­gen der Fäl­schun­gen an­zu­fer­ti­gen. Die me­cha­ni­sche Be­we­gung er­setzt die Hoff­nung. Viel­leicht kön­nen wir die­se Be­we­gung aber den­noch ge­ra­de noch als ei­ne Hoff­nung auf Hoff­nung an­er­ken­nen.

    #10

  11. @JHK
    Ein wun­der­ba­rer Kom­men­tar. Vie­len Dank.

    Sie brin­gen die­se mir ans Herz ge­gan­ge­ne Trom­pe­ten­ge­schich­te aus dem Fou­cault­schen Pen­del mit Ecos »Schrei nach Selbst­ver­ge­wis­se­rung« in Ver­bin­dung. Ich bin fast be­reit, Ih­rem Plä­doy­er statt­zu­ge­ben.

    #11

  12. Milo sagt:

    Ich ha­be das Fou­cault­sche Pen­del min­de­stens sechs Mal ge­le­sen und fand es im­mer wie­der fas­zi­nie­rend. Ich ha­be die ver­rück­te Kon­struk­ti­on ei­ner Welt­ver­schwö­rungs­theo­rie durch die drei Ver­lags­leu­te sehr ge­nos­sen.

    Mei­ne Be­gei­ste­rung für Eco ließ al­ler­dings mit dem näch­sten Buch nach: Die »In­sel des vo­ri­gen Ta­ges« er­schloss sich letzt­lich nur noch Sprach­wis­sen­schaft­lern und Kul­tur­theo­re­ti­kern, die die ba­rocke Poe­tik ken­nen. Die wei­te­ren Bü­cher ha­ben mir auch nicht mehr son­der­lich ge­fal­len und ernst­haft ent­täuscht war ich von »Die ge­heim­nis­vol­le Flam­me der Kö­ni­gin Lo­ana«. Das war nur noch ei­ne An­ein­an­der­rei­hung von Bil­dern und dem Vor­gang, die auf dem Dach­bo­den aus­zu­gra­ben. Schreck­lich lang­wei­lig.

    Ecos Kon­zept, Tex­te neu zu kon­tex­tu­ie­ren, ist nicht das Pro­blem an sich. Es wird erst dann zum Pro­blem, wenn er dar­über ver­gisst, ei­ne gu­te Ge­schich­te zu er­zäh­len. Die er­sten bei­den Ro­ma­ne er­zähl­ten ei­ne sol­che. Da­nach wur­de es schon schwie­ri­ger, ver­sank dann und wann in Re­flek­tio­nen, es pas­sier­te in den Bü­chern nicht viel. In die­sem Mo­ment wur­den sie dann tat­säch­lich nur noch ein li­te­ra­ri­sches Ab­bild von Quer­ver­wei­sen und Theo­ri­en. Je­den­falls ge­biert Ecos Me­tho­de al­lein noch kei­ne Ge­schich­te. Letzt­lich war das Mord­mo­tiv im »Na­men der Ro­se« all­zu kon­stru­iert, aber man konn­te dar­über hin­weg se­hen, weil Eco ei­nen ve­ri­ta­blen Kri­mi er­zähl­te, ver­setzt mit viel Iro­nie so­wie gu­ter Kennt­nis des Mit­tel­al­ters. In der »In­sel des vo­ri­gen Ta­ges« ver­liert sich die Hand­lung ir­gend­wann im Ge­äst der Theo­ri­en zur Poe­tik. Da fehl­te dann ein­fach ei­ne Idee vom En­de der Ge­schich­te, die in die­sem Buch zu­min­dest noch ganz schwung­voll be­gon­nen hat­te.
    Ich bin seit­her sehr skep­tisch, was Eco an­geht.

    #12

  13. @Milo
    Ich ha­be nach dem Fou­cault­schen Pen­del kei­ne Eco-Ro­ma­ne mehr ge­le­sen. Ei­nen Ver­such hat­te ich auf­ge­ge­ben; ich weiß nicht mehr, wel­ches Buch es war. Das Pen­del-Buch hat­te mich ein­fach ab­ge­schreckt.

    Sie ha­ben recht, dass Ecos Bü­cher auf Plot und Tem­po an­ge­wie­sen sind. Der grund liegt wohl dar­in, dass er ei­gent­lich kein Li­te­rat ist, son­dern eher ein fa­bu­lier­lu­sti­ger Phi­lo­lo­ge, der Ver­schwö­rungs­theo­ri­en mag und sie auch sel­ber kon­stru­iert. Hier liegt aber das Pro­blem: Im­mer wie­der kehrt Eco sei­nen Wis­sens­fun­dus her­aus, den er wie in ei­nem Bauch­la­den dem Le­ser an­bie­tet. Ich will jetzt nicht be­haup­ten, dass der Le­ser über­for­dert wird – das al­lei­ne wä­re dann kein Ar­gu­ment ge­gen das je­wei­li­ge Buch. Der Le­ser be­fin­det sich bei Eco aber in der ir­gend­wann un­be­que­men Rol­le des rei­nen Wis­sens­kon­su­men­ten, der zur fast zwang­haf­ten Ver­knüp­fung un­wich­ti­ger und/oder ne­ben­säch­li­cher Hand­lungs­strän­ge, die mon­strös auf­ge­bla­sen wer­den, ge­zwun­gen ist.

    #13

  14. Milo sagt:

    Der »Na­me der Ro­se« be­dient ei­gent­lich eher ei­ne gan­ze Tra­di­ti­on, Kri­mis zu schrei­ben.
    Es gibt ei­ne gan­ze Rei­he von Span­nungs­ro­ma­nen, in de­nen die Hand­lung nach ei­nem vor­ab kon­stru­ier­ten theo­re­ti­schen Mu­ster kon­stru­iert wor­den ist. Man­cher hat sei­ne Kri­mi­hand­lung aus ei­nem Schach­pro­blem ab­ge­lei­tet (Pe­rez-Re­ver­te, Ste­phen L. Car­ter), Eco hat sei­ne Mor­de der Apo­ka­lyp­se des Jo­han­nes fol­gen las­sen. Da­mit bleibt er ei­gent­lich dem Gen­re treu. Die in dem Buch ver­pack­ten Bil­dungs­gü­ter sind nütz­li­che Mit­tel, um das Ge­heim­nis der Mor­de zu be­grei­fen. Na­tür­lich hat Eco noch mehr im Sinn, aber das kann man als Le­ser ge­trost bei­sei­te las­sen bei die­sem Buch.

    Das »Fou­cault­sche Pen­del« passt auch noch in die Er­war­tungs­hal­tung des Kri­mi­le­sers. Es ist zwar kein Kri­mi, aber die Ba­ste­lei an der Welt-Ver­schwö­rungs­theo­rie be­dient doch Le­se­ge­wohn­hei­ten. Schließ­lich fül­len die Kom­mis­sa­re ja auch schein­bar harm­lo­se Din­ge mit Be­deu­tung an, ent­decken sie als Zei­chen für ge­hei­me Mord­plä­ne, ent­wer­fen spe­ku­la­ti­ve Theo­ri­en dar­über, was sie be­sa­gen und wer wann was ge­tan ha­ben könn­te. Ge­nau­so ha­be ich das in dem Buch von Eco in Er­in­ne­rung. In­so­fern funk­tio­niert der Ro­man. Auch hier brauch­te man noch kein Son­der­wis­sen, um das Buch zu ver­ste­hen. Und das an­ge­führ­te Wis­sen war halt das Ma­te­ri­al für die Theo­rie, für das Who-dun-it.

    Aber schon in der »In­sel des vo­ri­gen Ta­ges« ist der Le­ser oh­ne Spe­zi­al­wis­sen hilf­los. Der Ro­man ist nur noch mit wis­sen­schaft­li­cher Kennt­nis zu be­grei­fen und bleibt dem Le­ser oh­ne sol­che ein­fach nur ver­schlos­sen. Da ha­be ich mich doch schon ge­är­gert. Das Pro­blem war, dass eben die Ge­schich­te da­mit auch ver­lo­ren ging, ob­wohl das Buch als Ro­man über wis­sen­schaft­li­che Ent­deckun­gen im 18. Jahr­hun­dert be­gann und ei­gent­lich hät­te recht span­nend wer­den kön­nen. Aber ir­gend­wie fehl­te die­sem Buch ei­ne ei­ge­ne durch­kom­po­nier­te Ge­schich­te, die auch oh­ne Bil­dungs­gü­ter hät­te funk­tio­nie­ren kön­nen. Und das ist dann das Pro­blem. Trägt die Ge­schich­te nicht, bleibt nur noch ein gro­ßer Hau­fen Wis­sens­bruch­stücke für den Le­ser üb­rig.

    Ir­gend­wie ist ihm die Lust am Ge­schich­ten­er­fin­den zu sehr ab­han­den ge­kom­men.

    #14

  15. Phorkyas sagt:

    @Milo: Das hängt wohl sehr da­von ab, was man von ei­nem Buch oder Ro­man er­war­tet. Der Plot oder ei­ne Ge­schich­te wä­ren mir z.B. nicht so wich­tig, eher ei­ne Idee/Form/Prinzip, die das Gan­ze über die vol­le Di­stanz trägt. – JHK’s Be­mer­kung geht ja viel­leicht in ei­ne ähn­li­che Rich­tung, in­dem er die Idee ei­nes Me­ta­ver­gnü­gens an­gibt: man er­freue sich an dem um sich selbst krei­sen­den, im­plo­die­ren­den Ide­en­ka­rus­sell (das schon sei­ne ei­ge­ne Kon­stru­iert­heit zur Schau stellt)...

    Mal fin­det man die­ses Ver­gnü­gen, mal nicht – aber man soll­te schon Grün­de da­für ge­ben kön­nen (so wie Sie das tun), so sehr das manch­mal auch nach­träg­li­che Ra­tio­na­li­sie­run­gen sein mö­gen.

    #15