Mar­tin van Creveld: Ge­sich­ter des Krie­ges

Martin van Creveld: Gesichter des Krieges

Mar­tin van Creveld: Ge­sich­ter des Krie­ges

Die Fra­ge, die zur Zeit nicht nur Mi­li­tärs be­schäf­tigt, wird zum Kri­stal­li­sa­ti­ons­punkt im Buch des is­rae­li­schen Mi­li­tär­hi­sto­ri­kers Mar­tin van Creveld »Die Ge­sich­ter des Krie­ges«: Gibt es ei­nen Aus­weg, oder sind re­gu­lä­re, staat­li­che Ar­me­en zu­künf­tig zur Ohn­macht ge­gen­über klei­nen, häu­fig schlecht or­ga­ni­sier­ten Grup­pen von Ter­ro­ri­sten ver­dammt? In Be­zug auf die der­zeit ein­zig ver­blie­be­ne Su­per­macht USA und de­ren ak­tu­el­ler Kriegs­füh­rung im Irak stellt sich die Fra­ge poin­tier­ter: Was, wenn nicht ein­mal ei­ne der­art hoch­ge­rü­ste­te Mi­li­tär­macht ge­gen Ter­ro­ri­sten und Gue­ril­las re­üs­sie­ren kann?

Will man die Ge­gen­wart ver­ste­hen, so stu­die­re man die Ver­gan­gen­heit sagt sich van Creveld und ana­ly­siert die Krie­ge des 20. Jahr­hun­derts und da­mit den »Wan­del be­waff­ne­ter Kon­flik­te von 1900 bis heu­te« (so der Un­ter­ti­tel). Das Un­ge­wohn­te da­bei ist, dass nicht nur, wie im Vor­wort er­läu­tert, die mi­li­tä­ri­schen Ope­ra­tio­nen selbst…der zen­tra­le Strang der Fra­ge­stel­lung blei­ben, son­dern (ins­be­son­de­re was die Be­hand­lung des Zwei­ten Welt­kriegs an­geht) die po­li­ti­schen und so­zia­len Im­pli­ka­tio­nen fast im­mer aus­ge­blen­det wer­den. Die­ses spe­zi­ell für den deut­schen Le­ser un­ge­wohn­te Ver­fah­ren wur­de wohl ei­ner­seits ge­wählt, weil an­son­sten der Rah­men der Un­ter­su­chung ge­sprengt wor­den wä­re, an­de­rer­seits setzt van Creveld schlicht­weg ein ge­wis­ses hi­sto­ri­sches Ba­sis­wis­sen vor­aus.

So wird der Le­ser zu­nächst in die Welt des be­gin­nen­den 20. Jahr­hun­derts mit sei­nen acht Groß­mäch­ten (in­klu­si­ve Ita­li­en), da­von fünf in Eu­ro­pa (wenn man Russ­land nicht hin­zu­rech­net; nur zwei Groß­mäch­te wa­ren au­ßer­halb des »al­ten« Kon­ti­nents: die USA und Ja­pan) ver­setzt. Da­bei wird deut­lich, dass der Ein­fluss der Po­li­tik auf das Mi­li­tär da­mals nur sehr ein­ge­schränkt war. Van Creveld spricht wohl oh­ne Über­trei­bung von Par­al­lel­wel­ten, die in der Pra­xis kaum Be­rüh­rungs­punk­te mit­ein­an­der hat­ten. Ober­kom­man­die­ren­de und Ge­ne­ral­stä­be wa­ren hin­sicht­lich ih­rer Ent­schei­dun­gen voll­kom­men aut­ark; die Mit­tel­ge­wäh­rung ge­schah oh­ne Auf­la­gen oder Kon­trol­le. Über die Aus­stat­tung ih­rer Ar­mee ent­schie­den sie weit­ge­hend al­lei­ne. Im Ver­lauf der Er­sten Welt­krie­ges (aber auch in den letz­ten Jah­ren Na­zi­deutsch­lands) soll­te sich die­se »Ar­beits­tei­lung« als schwer­wie­gen­der Feh­ler er­wei­sen, denn erst ein­mal »aus­ge­bro­chen« wa­ren die po­li­ti­schen Ak­teu­re na­he­zu voll­stän­dig an den Rand ge­drängt (was sich un­ter an­de­rem in Deutsch­land 1914 zeig­te; Wil­helm II. war da­nach so­wohl mi­li­tä­risch als auch po­li­tisch prak­tisch »macht­los«).

Van Creveld spricht das Wort der »Mi­li­tär­dik­ta­tur« nicht aus, es wird je­doch na­he­ge­legt min­de­stens was die Jah­re ab 1916 in ei­ni­gen kriegs­füh­ren­den Staa­ten an­geht. Hin­zu kam, dass die Ge­sell­schaf­ten durch­aus mi­li­ta­ri­siert wa­ren; die Ar­mee galt als »Schu­le der Na­ti­on«, Krieg als le­gi­ti­mes Mit­tel der in­ter­na­tio­na­len Po­li­tik. In der Be­völ­ke­rung wie un­ter In­tel­lek­tu­el­len gab es ei­ne ge­wis­se kind­li­che Fas­zi­na­ti­on dem be­waff­ne­ten Kampf ge­gen­über.

Man er­fährt von der da­mals wach­sen­den Be­deu­tung der Ei­sen­bahn für die mi­li­tä­ri­sche Pla­nung und Ent­wick­lung (und gleich­zei­tig de­ren Schwä­chen) und vom »Lob­by­is­mus« der be­rit­te­nen Ka­val­le­rie, die noch sehr lan­ge (bis hin­ein in den Zwei­ten Welt­krieg) tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lun­gen auf­hal­ten und ver­zö­gern soll­te. Mi­li­tärs al­ler Sei­ten ver­foch­ten fast dog­ma­tisch die The­se, Krie­ge müss­ten kurz, hef­tig und ent­schei­dend sein, was ein ver­hee­ren­der (sic!) Feh­ler war; man hat­te, wie van Creveld deut­lich her­aus­ar­bei­tet, die fal­schen Leh­ren aus dem preu­ßisch-fran­zö­si­schen Krieg 1870/71 ge­zo­gen. In­dem all­seits auf schnel­le Krie­ge ge­setzt wur­de, ver­nach­läs­sig­te man die Pla­nung für ei­ne kon­ti­nu­ier­li­che in­du­stri­el­le Pro­duk­ti­on von Waf­fen, die Or­ga­ni­sa­ti­on von Nach­schub der kämp­fen­den Trup­pe und Im­ple­men­tie­rung be­la­stungs­fä­hi­ger Kom­mu­ni­ka­ti­ons­net­ze.

Die po­li­ti­schen Zu­sam­men­hän­ge wer­den nur ge­streift, um die hier­aus ent­ste­hen­den un­ter­schied­li­chen mi­li­tä­ri­schen Bünd­nis­se her­aus­zu­ar­bei­ten. Der Aus­bruch des Er­sten Welt­krie­ges wird nicht un­be­dingt als Fa­tum be­trach­tet, aber die im­mensen Rü­stungs­vor­be­rei­tun­gen auf na­he­zu al­len (eu­ro­päi­schen) Sei­ten (ein­schließ­lich Russ­land) lie­ßen den Krieg ir­gend­wann als lo­gi­sche Kon­se­quenz er­schei­nen. So war denn auch die Be­gei­ste­rung bei Kriegs­aus­bruch in der Be­völ­ke­rung über al­le Schich­ten hin­weg groß; es schien, als ge­be es ein kur­zes, rei­ni­gen­des Ge­wit­ter.

Der Stel­lungs­krieg – die Über­le­gen­heit der De­fen­si­ve über die Of­fen­si­ve

Da­bei zeig­te sich früh, dass die Ver­bün­de­ten Öster­reich-Un­garn und Deutsch­land er­heb­li­che Ko­or­di­na­ti­ons­schwie­rig­kei­ten hat­ten, was de­tail­liert aus­ge­führt wird. Zu­dem be­merkt van Creveld, dass der Viel­völ­ker­staat Öster­reich-Un­garn sel­ber mit er­heb­li­chen lo­gi­sti­schen Pro­ble­men zu kämp­fen hat­te. So muss­ten bei­spiels­wei­se Marsch­be­feh­le in 15 Spra­chen ab­ge­fasst wer­den, da­mit al­le Sol­da­ten die An­wei­sun­gen ver­stan­den. Schein­bar ne­ben­säch­li­che Be­mer­kun­gen die­ser Art gibt es häu­fig in die­sem Buch; sie ver­lei­hen den ge­le­gent­lich bi­zarr er­schei­nen­den The­sen des Au­tors durch­aus Nach­druck.

Na­he­zu al­le As­pek­te die­ses Krie­ges aus mi­li­tä­ri­scher Sicht (die Po­li­tik hat­te sich ja fast »ab­ge­mel­det«) wer­den an­ge­spro­chen: Die Ver­su­che, Flug­zeu­ge in die krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen zu in­te­grie­ren (zu­nächst als Luft­auf­klä­rer, spä­ter dann als Kampf­ob­jek­te Flie­ger ge­gen Flie­ger; be­grenzt auch schon als Bom­ber); die wach­sen­de Be­deu­tung der Ma­schi­nen­ge­weh­re; der See­krieg (als »Ab­len­kung« zum fest­ge­fah­re­nen Land­krieg); die an­fäng­li­che, heu­te eher per­vers an­mu­ten­de Be­gei­ste­rung für den Ein­satz von Gift­gas (die »Ef­fi­zi­enz« von Gas­grif­fen be­ur­teilt van Creveld als eher ge­ring, un­ter an­de­rem weil früh ent­spre­chen­de Schutz­maß­nah­men ent­wickelt wur­den; nur drei Pro­zent al­ler To­ten ka­men durch Gas ums Le­ben); Spio­na­ge und die da­mit ver­bun­de­ne (un­ge­wohn­te) Flut von In­for­ma­tio­nen, mit de­nen man we­der rech­ne­te, noch die­se rich­tig ein­ord­nen konn­te; Frau­en in den Ar­me­en (eher sel­ten) und ih­re Be­deu­tung an der »Hei­mat­front« (die als eher zweit­ran­gig ein­ge­stuft wird; in Groß­bri­tan­ni­en wa­ren, so der Au­tor, ge­gen En­de des Krie­ges noch 60% der Ar­bei­ter Män­ner, was al­ler­dings über­sieht, dass die ver­stärkt not­wen­di­ge Kran­ken­be­treu­ung ver­wun­de­ter Sol­da­ten durch Frau­en vor­ge­nom­men wur­de).

Es gibt über­ra­schen­de Er­kennt­nis­se, so bei­spiels­wei­se dass der Le­bens­stan­dard der Ar­bei­ter­klas­se in Groß­bri­tan­ni­en wäh­rend des Er­sten Welt­krie­ges so­gar ge­stie­gen war (im Ge­gen­satz zu den Hun­ger­jah­ren in Deutsch­land) und dies trotz der fra­gi­len In­sel­la­ge, die ei­ne Ver­sor­gung mit Nah­rungs­mit­teln und Roh­stof­fen auf dem See­we­ge si­cher­zu­stel­len und auf­recht zu er­hal­ten hat­te.

Die Schlacht als ein auf ei­nen Ort kon­zen­trier­ter Kampf Mann ge­gen Mann hat­te aus­ge­dient. Die Sol­da­ten an der Front mach­ten ei­nen im­mer ge­rin­ger wer­den­den Bruch­teil al­ler Ar­me­en aus. Es war schon an­ge­sichts der mo­der­nen Feu­er­kraft not­wen­dig ge­wor­den, die Trup­pen an der Front zu zer­streu­en, so dass schließ­lich je­der Mann durch­schnitt­lich et­wa zwan­zig­mal so­viel Platz ein­nahm wie ein Sol­dat zur Zeit Na­po­le­ons. Wäh­rend in Krie­gen des 19. Jahr­hun­derts in ei­ner Schlacht noch rund 20–30% der ge­sam­ten Trup­pen­stär­ke auf bei­den Sei­ten nie­der­ge­met­zelt wur­den, la­gen die Op­fer­ra­ten im Ver­hält­nis zur Ge­samt­trup­pen­stär­ke selbst bei den blu­tig­sten Schlach­ten weit nied­ri­ger. Das führ­te da­zu, dass je­der Tag, an dem mehr als ein oder zwei Pro­zent ei­ner Ar­mee ver­lo­ren gin­gen, als ei­ne Ka­tasto­phe galt.

Die Fol­ge war ein lang an­dau­ern­der, furcht­ba­rer Stel­lungs- und Zer­mür­bungs­krieg mit lang­sam, aber ste­tig an­stei­gen­den Op­fer­zah­len, wäh­rend die Rü­stungs­in­du­stri­en mit ei­nem bis­lang un­vor­stell­ba­ren Tem­po mi­li­tä­ri­sche Aus­rü­stung pro­du­zier­ten. Es zeig­te sich ei­ne vor­her nicht für mög­lich ge­hal­te­ne Über­le­gen­heit der De­fen­si­ve über die Of­fen­si­ve. Zeit­ge­winn wur­de zu ei­nem wich­ti­gen Ziel, da­mit Ver­pfle­gung und Waf­fen an die Front ge­bracht wer­den konn­ten. Der Krieg wan­del­te sich zu ei­nem gi­gan­ti­schen Ver­such, al­le na­tio­na­len Res­sour­cen zu ko­or­di­nie­ren – von der Fa­brik bis zur Ar­beit und vom Roh­stoff bis zur Werk­zeug­ma­schi­ne. Mit Aus­nah­me Russ­lands hät­ten die mei­sten Kriegs­teil­neh­mer dies durch­aus so ef­fi­zi­ent wie mög­lich prak­ti­ziert.

Van Creveld bi­lan­ziert, dass je­ne Sei­te den Sieg da­von­trug, wel­che die größ­ten de­mo­gra­fi­schen und wirt­schaft­li­chen Res­sour­cen be­saß und auf ex­ter­nen Li­ni­en ope­rier­te, die mei­sten Ba­tail­lo­ne auf­stell­te und die­se mit der größ­ten Zahl lei­stungs­fä­hi­ger, wenn auch nicht ge­ra­de re­vo­lu­tio­nä­rer Waf­fen aus­rü­ste­te. Wich­tig war die Über­le­gen­heit der bri­ti­schen See­streit­kräf­te, die nicht nur ih­re ei­ge­ne Ver­sor­gung si­cher­te, son­dern auch Frank­reich zu Hil­fe kom­men konn­te. Den­noch spricht van Creveld von ei­ner Über­ra­schung, als das En­de schließ­lich fast gleich­zei­tig an al­len Fron­ten ein­trat, nach­dem im Ju­ni 1918 die deut­schen Ar­me­en wie­der in der Of­fen­si­ve ge­we­sen wa­ren. Im Au­gust wen­de­te sich dann das Schick­sal. Zwar wä­re die Fort­set­zung des zer­mür­ben­den Stel­lungs­krie­ges durch­aus noch mög­lich ge­we­sen (was auch von ei­ni­gen deut­schen Heer­füh­rern be­ab­sich­tigt war), aber der Zu­sam­men­bruch der Ver­bün­de­ten Deutsch­lands (Öster­reich-Un­garn, Bul­ga­ri­en, das os­ma­ni­sche Reich), die in­ner­halb von knapp drei Wo­chen be­siegt wa­ren, gab wohl den Aus­schlag zur Ka­pi­tu­la­ti­on.

Zeit des Waf­fen­still­stands

Die Zeit nach 1918 wird nicht oh­ne Hin­ter­sinn Zeit des Waf­fen­still­stands ge­nannt. Am Groß­macht­ge­fü­ge hat­te sich nicht viel ge­än­dert, au­ßer dass es Öster­reich-Un­garn nicht mehr gab. Van Creveld kommt zu dem ver­blüf­fen­den Schluss, dass die­ser Zu­sam­men­bruch und die Grün­dung ei­ner gan­zen Rei­he klei­ner Nachfolgestaaten…die Po­si­ti­on Deutsch­lands stärk­te. Groß­bri­tan­ni­en und Frank­reich ver­grö­ßer­ten ih­re Ko­lo­ni­al­macht (auf Ko­sten der Tür­ken und Deut­schen), wo­bei dies den an­hal­ten­den, re­la­ti­ven Nie­der­gang Frank­reichs vor­erst ka­schier­te. Geo­stra­te­gisch mag die Ein­schät­zung der deut­schen Po­si­ti­on stim­men – für die Be­völ­ke­rung war je­doch von ei­ner Stär­kung nichts zu spü­ren; der Ver­sailler Ver­trag sah zu­dem teil­wei­se Be­sat­zung und Re­pa­ra­tio­nen vor.

So hielt sich der geo­po­li­ti­sche Wan­del, den 9,5 Mil­lio­nen Sol­da­ten mit dem Tod be­zahlt hat­ten, in Gren­zen. In Eu­ro­pa (ins­be­son­de­re in Groß­bri­tan­ni­en) gab es zu­nächst ei­ne Mi­schung zwi­schen Kriegs­mü­dig­keit und An­ti­mi­li­ta­ris­mus; in den USA war die Kriegs­be­tei­li­gung sehr bald als Feh­ler an­ge­se­hen wor­den uns min­de­ste in ei­nen au­ßen­po­li­ti­schen Iso­la­tio­nis­mus, der un­ter an­de­rem da­zu führ­te, dass es erst des ja­pa­ni­schen An­griffs auf Pearl Har­bor be­durf­te, bis die Ver­ei­nig­ten Staa­ten in den Zwei­ten Welt­krieg ak­tiv ein­grif­fen.

Sehr bald wan­del­te sich je­doch so­wohl bei den Mi­li­tärs als auch in der Po­li­tik die Mei­nung und ei­ne Auf­rü­stung son­der­glei­chen be­gann bei al­len Groß­mäch­ten (bei Deutsch­land eher im Ver­bor­ge­nen, da es auf­grund des Frie­dens­ver­tra­ges ei­gent­lich kein schla­gen­des Mi­li­tär ge­ben durf­te; was al­ler­dings zum Bei­spiel die Ko­ope­ra­ti­on Deutsch­lands mit Russ­land nicht ver­hin­der­te). Aber schon 1938 war Deutsch­land das Land mit dem höch­sten »Ver­tei­di­gungs­haus­halt« (7415 Mil­lio­nen Dol­lar nach dem da­ma­li­gen Kurs), ge­folgt von der UdSSR (5429 Mil­lio­nen), Groß­bri­tan­ni­en (1863 Mil­lio­nen), Ja­pan (1740 Mil­lio­nen), den Ver­ei­nig­ten Staa­ten (1131 Mil­lio­nen) und Frank­reich (919 Mil­lio­nen). In der Sta­ti­stik der Pro­duk­ti­ons­men­ge von Stahl lag die USA mit 28,8 Mil­lio­nen Ton­nen vor Deutsch­land (23,2 Mil­lio­nen) und der UdSSR (18 Mil­lio­nen).

Van Creveld ver­deut­licht die mi­li­tä­ri­schen Über­le­gun­gen von stra­te­gi­schen Den­kern in der Waf­fen­still­stands­zeit, die al­le die glei­che Fra­ge stell­ten: Wie wä­re ein neu­er­li­cher Krieg, der sehr bald mehr oder we­ni­ger als un­ver­meid­bar an­ge­se­hen wur­de, zu ge­win­nen? Aber­mals nur sehr ober­fläch­lich streift er da­bei die po­li­ti­schen Ver­än­de­run­gen in den ein­zel­nen Län­dern. Über­ra­schend wer­den we­der die öko­no­mi­schen Pro­ble­me (Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit und In­fla­ti­on) noch die mi­li­tä­ri­sche Pro­pa­gan­da der rechts­na­tio­na­len und völ­ki­schen Kräf­te (Stich­wort: Dolch­stoß­le­gen­de) in Deutsch­land er­wähnt. Auch gibt es kei­ne Über­le­gun­gen zu Art und Form des Ver­sailler Ver­tra­ges.
Ge­ra­de­zu pro­phe­ti­sche Ei­gen­schaf­ten was den Ver­lauf ei­nes zu­künf­ti­gen Krie­ges an­geht, er­kennt van Creveld bei Erich Lu­den­dorff, der den to­ta­len Krieg pro­gno­sti­zier­te; ein Kampf auf Le­ben und Tod. Den­noch wer­de der kom­men­de Krieg…im Gro­ßen und Gan­zen dem vor­an­ge­gan­ge­nen äh­neln und wie sein Vor­läu­fer zu ei­nem gi­gan­ti­schen und lang­wie­ri­gen Rin­gen aus­ar­ten. Dies wird auch in der Nach­be­trach­tung zum Zwei­ten Welt­krieg das Fa­zit des Au­tors sein.

Deutsch­land war En­de der 30er Jah­re (wie 1914) zum ge­fähr­lich­sten Staat von al­len ge­wor­den, nicht zu­letzt weil es sich un­um­wun­den zu Ag­gres­si­on und ter­ri­to­ria­ler Ex­pan­si­on be­kann­te. Gleich­zei­tig wird fest­ge­stellt, dass das Land ähn­lich wie Frank­reich längst im Nie­der­gang be­grif­fen war – trotz der gro­ßen und in­zwi­schen wie­der stark auf­ge­rü­ste­ten Ar­mee. Aber ge­mes­sen an den wich­tig­sten Wirt­schafts­in­di­ka­to­ren war es be­reits hin­ter Ja­pan zu­rück­ge­fal­len (wo­bei spä­ter deut­lich wird, wie ab­hän­gig Ja­pan von Im­por­ten auf na­he­zu al­len Ge­bie­ten und wie zu­rück­ge­blie­ben es hin­sicht­lich mi­li­tär­tech­no­lo­gi­scher Ent­wick­lun­gen war; van Creveld ver­mu­tet so­gar, dass dies ei­ner der Grün­de für den Ein­tritt des Kai­ser­rei­ches in den Krieg war).

Aber auch die for­mal größ­te Ar­mee der Welt, die Ro­te Ar­mee der UdSSR (die je­doch in punc­to Qua­li­tät hin­ter­her­hink­te) ge­steht van Creveld ein durch­aus ag­gres­si­ves Po­ten­ti­al zu (wo­bei er die sta­li­ni­sti­schen »Säu­be­run­gen« in­ner­halb der Ar­mee als gro­ßen Ader­laß sieht). So wi­der­spricht er über­ra­schen­der­wei­se nicht ex­pli­zit der all­ge­mein ver­wor­fe­nen The­se, dass Hit­ler ei­nem An­griff Sta­lins 1941 zu­vor­ge­kom­men sein könn­te. Die USA be­saß zwar die größ­te Luft­streit­macht auf der Welt; die Ar­mee er­reich­te je­doch nur den 18. Platz. Die gi­gan­ti­sche in­du­stri­el­le Ba­sis der Ver­ei­nig­ten Staa­ten, die im Lau­fe des Zwei­ten Welt­krie­ges an­ge­wor­fen wur­de, stellt rück­wir­kend wohl den Haupt­grund für den Sieg der Al­li­ier­ten dar.

Po­li­ti­sche Ent­wick­lun­gen im Zwei­ten Welt­krieg streift van Creveld nur in hal­ben Sät­zen, was in An­be­tracht der Tat­sa­che, dass mi­li­tä­risch or­ga­ni­sier­te deut­sche Kräf­te (SS und Wehr­macht) sy­ste­ma­tisch Mil­lio­nen von Ju­den er­mor­de­ten bzw. da­zu bei­tru­gen, ge­wöh­nungs­be­dürf­tig ist. Na­tür­lich wird kein Zwei­fel dar­an ge­las­sen, dass Hit­lers Krieg im Osten ein Ver­nich­tungs­krieg war. Aber wenn man sich schon auf die rein mi­li­tä­ri­schen As­pek­te kon­zen­triert, hät­te der Le­ser zu­min­dest Er­ör­te­run­gen über Aus­wir­kun­gen und Fol­gen die­ses Ver­bre­chens auf die mi­li­tä­ri­schen Ge­ge­ben­hei­ten er­war­tet.

Ein Welt­krieg un­ter­bro­chen von ei­nem Waf­fen­still­stand?

Der ver­gleichs­wei­se kur­zen Blitz­krie­gära der deut­schen Wehr­macht, die mit ge­pan­zer­ten und mo­to­ri­sier­ten Trup­pen agier­ten, die es…ermöglichten, weit­grei­fen­de ope­ra­ti­ve Be­we­gun­gen aus­zu­füh­ren und gan­ze Län­der zu über­ren­nen folg­te wie schon Jahr­zehn­te vor­her ein läh­men­der und auf­rei­ben­der Stel­lungs­krieg (ins­be­son­de­re im Osten, aber auch in Afri­ka). Die deut­schen Sie­ge dürf­ten am 16. Ok­to­ber 1941 ih­ren Hö­he­punkt er­reicht ha­ben, was al­ler­dings nicht be­deu­tet, dass der Krieg von da an schon ver­lo­ren war.

Da van Creveld für die je­wei­li­gen Vor­kriegs­zei­ten und die bei­den Krie­ge fast pa­ri­tä­risch je­weils 50 Sei­ten ver­wen­det, kom­men an­ge­sichts der Di­men­si­on des Krie­ges die Aus­wer­tun­gen von be­stimm­ten Schlach­ten ein biss­chen zu kurz. Er be­schränkt sich auf ex­em­pla­ri­sche Er­eig­nis­se, wo­bei der Le­ser manch lieb­ge­wor­de­ne Mei­nung auf den Prüf­stand ge­schickt sieht. Et­wa, wenn der Ver­lust der »Öl­ba­sis« Ru­mä­ni­en ei­nen hö­he­ren mi­li­tär­stra­te­gi­schen Sta­tus be­kommt als die Nie­der­la­ge von Sta­lin­grad. Oder das Aus­blei­ben stra­te­gisch wichtige[r] Ma­te­ria­li­en wie Chrom die Pro­duk­ti­on von hoch­wer­ti­gen Waf­fen schritt­wei­se un­mög­lich mach­te – ein As­pekt, den man sel­ten zu hö­ren be­kommt. Gleich­zei­tig scheut sich der Au­tor nicht, die Kampf­kraft der deut­schen Wehr­macht als in vie­len Punk­ten durch­aus über­le­gen zu be­zeich­nen. Und ent­ge­gen an­ders­lau­ten­den Mei­nun­gen ver­tritt van Creveld die The­se, dass die stra­te­gi­schen Bom­bar­de­ments der Al­li­ier­ten un­ab­hän­gig von ih­rer mo­ra­li­schen Be­wer­tung ab 1944 all­mäh­lich Wir­kung zeig­ten. Die In­du­strie­pro­duk­ti­on Deutsch­lands im all­ge­mei­nen und die Waf­fen­pro­duk­ti­on im be­son­de­ren lit­ten enorm un­ter den zu­ge­füg­ten Schä­den; letz­te­re, die lan­ge gut funk­tio­nier­te, konn­te ir­gend­wann nur noch un­ter­ir­disch be­trie­ben wer­den, was enor­me Res­sour­cen ver­brauch­te.

Dem ge­gen­über stand ei­ne enor­me Pro­duk­ti­on qua­li­ta­tiv nicht be­son­ders hoch­wer­ti­ger Waf­fen der UdSSR ent­ge­gen. Die enor­men Men­schen­mas­sen, die nach den an­fangs ho­hen Ver­lu­sten der Ro­ten Ar­mee »mo­bi­li­siert« wur­den (die »so­wje­ti­sche Dampf­wal­ze«) spiel­ten ei­ne ent­schei­den­de Rol­le. Am Ran­de wirft van Creveld die Fra­ge auf, war­um Ja­pan zur Un­ter­stüt­zung Na­zi­deutsch­lands in Russ­land kei­ne zwei­te Front auf­mach­te, son­dern sich auf sei­ne (aus­neh­mend bru­ta­len und eben­falls teil­wei­se ras­si­stisch mo­ti­vier­ten) Er­obe­rungs­feld­zü­ge be­schränk­te. Die In­du­strie- und Waf­fen­pro­duk­ti­on der USA und die Un­ter­stüt­zung Groß­bri­tan­ni­ens ver­steht van Creveld ein­drucks­voll zu do­ku­men­tie­ren. Am En­de des Krie­ges war Groß­bri­tan­ni­en wirt­schaft­lich rui­niert.

Die ober­fläch­li­che Be­trach­tung sug­ge­riert, dass das Zwei­te Welt­krieg an­ders ver­lau­fen sei als der Krieg von 1914. Van Creveld wi­der­spricht dem auf ei­ner tie­fe­ren Ebe­ne. Tat­säch­lich gab es Un­ter­schie­de. Am deut­lich­sten be­tra­fen sie die im­mer wei­ter fort­schrei­ten­den tech­ni­schen Ent­wick­lun­gen wie Funk, Ra­dar, So­nar und Pei­lung. Ge­pan­zer­te Fahr­zeu­ge wur­den im­mer mehr per­fek­tio­niert. Der Luft­krieg wur­de wei­ter ent­wickelt und pro­fes­sio­na­li­siert. Die Rol­le der Flug­zeu­ge zur See wird als noch wich­ti­ger ein­ge­stuft. Der Ein­satz von Luft- und See­streit­kräf­ten galt vie­len Mi­li­tär­ex­per­ten lan­ge als ex­em­pla­risch, um mitt­le­re Mäch­te mit ei­nem ge­ziel­ten Schlag zu tref­fen (bei­spiels­wei­se wur­de dies von Is­ra­el im Jahr 1967 mit Ägyp­ten prak­ti­ziert und so­gar von den USA im Irak 1991 und 2003).

Die Par­al­le­len zwi­schen bei­den Krie­gen, die van Creveld letzt­lich so­gar da­zu ver­an­lasst von ei­nem Krieg zu re­den, der nur von rund zwan­zig Jah­ren Waf­fen­still­stand un­ter­bro­chen ge­we­sen sei (wenn auch die­se Ru­he nicht über­all galt), hält er je­doch für wir­kungs­mäch­ti­ger als al­le Un­ter­schie­de.

Die Wur­zeln die­ses Kon­flikts la­gen, so die The­se, (un­ab­hän­gig von der Be­schleu­ni­gung durch den ein oder an­de­ren Des­po­ten) in ei­nem Wett­streit der Groß­mäch­te, der bis ins 18. Jahr­hun­dert zu­rück­reicht. Ge­won­nen wur­den die Kon­flik­te von der Sei­te, die mit der größ­ten de­mo­gra­fi­schen, wirt­schaft­li­chen und in­du­stri­el­len Ba­sis aus­ge­stat­tet wa­ren. Da­her muss­te Deutsch­land mit Öster­reich-Un­garn 1914 und Na­zi­deutsch­land mit Ja­pan und Ita­li­en (kein gu­tes Wort fin­det van Creveld für Ita­li­en als »Ver­bün­de­ten«) schei­tern, auch wenn der Er­fin­dungs­reich­tum der Deut­schen enorm war. Tat­säch­lich be­haup­ten man­che, fast je­des Waf­fen­sy­stem, das von 1945 bis 1991 zum Ein­satz kam…sei schon 1944/45 auf deut­schen Reiß­bret­tern ent­wor­fen wor­den. Es gab je­doch kei­ne Mit­tel mehr, die­se um­zu­set­zen.

Die Atom­bom­be als Frie­dens­stif­ter

Die­ser »Wett­streit« der Groß­mäch­te wur­de bra­chi­al un­ter­bro­chen:

Vor 1945 hat­te sich das Rin­gen, das von den stän­dig wech­seln­den Res­sour­cen der Mäch­te selbst ge­schürt wur­de, seit ei­nem Vier­tel­jahr­tau­send un­ab­läs­sig aus­ge­wei­tet. Es be­steht al­ler Grund zu der An­nah­me, dass, wä­re die Atom­bom­be nicht ge­we­sen, der Kampf nach ei­ner an­ge­mes­se­nen Pau­se auch nach 1945 noch grö­ße­re Krei­se ge­zo­gen hät­te.

Die­se The­se ist zwei­fel­los in den Oh­ren frie­dens­be­weg­ter Eu­ro­pä­er (zu­mal, wenn sie die Ge­schich­te des Kal­ten Krie­ges bei­spiels­wei­se man­gels So­zia­li­sa­ti­on nicht mehr mit­er­lebt ha­ben) ei­ne Pro­vo­ka­ti­on. Mit den mi­li­tä­ri­schen Grün­den für den Ab­wurf der bei­den Atom­bom­ben be­schäf­tigt sich der Au­tor kaum; auch nimmt er (auch hier) kei­ne mo­ra­li­sche Be­wer­tung vor (es klingt al­ler­dings Mit­ge­fühl an). Vor­her hat­te es ei­nen »kon­ven­tio­nel­len« Bom­ben­an­griff auf To­kio mit 100.000 To­ten ge­ge­ben. Die Atom­bom­ben, die 1945 auf Hi­ro­shi­ma und spä­ter auf Na­ga­sa­ki fie­len, ha­ben die geo­stra­te­gi­sche La­ge auf der Welt dau­er­haft ver­än­dert und, so van Creveld, für die Zeit nach 1945 nicht nur im »al­ten« Kon­ti­nent Eu­ro­pa Frie­den er­hal­ten, son­dern ei­ne deut­li­che Re­du­zie­rung auch kon­ven­tio­nel­ler Krie­ge nebst Op­fern welt­weit zur Fol­ge ge­habt (wo­bei die sta­li­ni­sti­schen, mao­isti­schen und kam­bo­dscha­ni­schen Ge­no­zi­de of­fen­sicht­lich nicht als Krie­ge ru­bri­ziert wer­den), da kei­ne Groß­mäch­te mehr ge­gen­ein­an­der kämpf­ten (höch­stens in Stell­ver­tre­ter­krie­gen in der so­ge­nann­ten Drit­ten Welt, die meist mit ab­ge­wrack­ten Waf­fen ge­führt wur­de):

Vor al­lem auf­grund der Wei­ter­ver­brei­tung von Kern­waf­fen wur­den die be­waff­ne­ten Kon­flik­te der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts, oh­ne ei­ne ein­zi­ge Aus­nah­me, ent­we­der un­ter dritt- und viert­ran­gi­gen Staa­ten oder von ei­nem erst­ran­gi­gen Staat ge­gen ei­nen dritt- oder viert­ran­gi­gen aus­ge­tra­gen. Und schon al­lei­ne des­halb wa­ren die Kon­flik­te im Hin­blick auf ih­re Grö­ße nicht zu ver­glei­chen mit den krie­gen, die sich in der er­sten Hälf­te des Jahr­hun­derts er­eig­net hat­ten.

Die Än­de­rung in der Mi­li­tär­ge­schich­te kann mit dem Schlag­wort der Ab­schreckung auf den Punkt ge­bracht wer­den. Von den Erst­schlag­dok­trin der USA, die man erst Mit­te der 50er Jah­re auf­gab, ob­wohl die UdSSR 1949 eben­falls die Bom­be »hat­te«, bis zur Ge­schich­te der Hoch­rü­stung, die schnell in ab­sur­de Di­men­sio­nen stieg (1961 hat­te der üb­li­che »stra­te­gi­sche« US-Spreng­kopf ei­ne Spreng­kraft von 15 Me­ga­ton­nen –…hun­dert­mal so stark wie die Hi­ro­shi­ma-Bom­be) und letzt­lich Ar­se­na­le schuf, die hun­der­te Ma­le die Er­de ver­nich­ten konn­ten (ei­ne ein­zi­ge so­wje­ti­sche SS-18-Ra­ke­te hät­te in den 80er Jah­ren durch­aus ein Land wie Frank­reich »aus­schal­ten« kön­nen). 1952 stieß Groß­bri­tan­ni­en in den »Club« der Atom­mäch­te auf; 1960 Frank­reich. Die mi­li­tä­ri­sche Be­deu­tung die­ser bei­den Po­ten­tia­le blieb im­mer ge­ring; die Län­der glaub­ten da­mit eher ih­ren längst ver­lo­re­nen Sta­tus als »Groß­mäch­te« re­ak­ti­vie­ren zu kön­nen.

1963 zeig­te Chi­na, dass auch für ein (da­mals) ge­ring ent­wickel­tes Land die Tech­nik re­la­tiv pro­blem­los be­herrsch­bar ist. Is­ra­el spricht man seit 1967 die Waf­fe zu. Seit 1977 zog Pa­ki­stan mit In­di­en gleich, wel­ches seit Mit­te der 60er Jah­re of­fen­sicht­lich nu­kle­ar­waf­fen­fä­hig war (ei­nen Test mach­te Pa­ki­stan erst 1998). Van Creveld ver­tritt die The­se, dass ei­ne Es­ka­la­ti­on um Kasch­mir zwi­schen den ver­fein­de­ten Staa­ten durch das ato­ma­re Gleich­ge­wicht ver­hin­dert wur­de. Zur Un­ter­maue­rung sei­ner The­se, dass die Ver­brei­tung von Atom­waf­fen eher de­es­ka­lie­rend wirkt, führt er auch die Ent­wick­lun­gen im Na­hen Osten her­an (er glaubt, dass oh­ne die An­nah­me der is­rae­li­schen Bom­be, dort stär­ke­re kon­ven­tio­nel­le Krie­ge aus­ge­bro­chen wä­ren) und na­tür­lich auch das Bei­spiel des Irak, der (ge­zwun­ge­ner­ma­ssen) nach dem Krieg 1991 sein Atom­pro­gramm ha­be auf­ge­ben müs­sen und auch des­we­gen 2003 von den USA im Hand­streich be­setzt wer­den konn­te – wäh­rend Nord­ko­rea nicht an­ge­grif­fen wur­de.

Län­dern wie dem Iran oder Nord­ko­rea spricht van Creveld kon­se­quen­ter­wei­se nicht per se die Sinn­haf­tig­keit der Atom­pro­gram­me ab und fügt ein biss­chen schnip­pisch an:

Als das Land, das als Er­stes die Atom­waf­fen ein­ge­führt hat (und bis­her als Ein­zi­ges ge­gen ei­nen Feind ein­setz­te), ha­ben die Ver­ei­nig­ten Staa­ten al­len Grund, an­de­re Län­der dar­an zu hin­dern, dem Club der Atom­mäch­te bei­zu­tre­ten. Je­des mal, wenn sich der Club wie­der ver­grö­ßert hat­te, be­gann Wa­shing­ton des­halb, apo­ka­lyp­ti­sche Bil­der von den Kon­se­quen­zen zu zeich­nen, die die­se Ent­wick­lung nach sich zie­hen wür­de. […] In punc­to Atom­po­li­tik, wie in so vie­len an­de­ren Din­gen, hal­ten die Ame­ri­ka­ner ihr Land für das ein­zig aus­er­wähl­te und ein­zig mo­ra­li­sche. Doch man könn­te si­cher auch ar­gu­men­tie­ren, dass sich die Ver­ei­nig­ten Staa­ten, lan­ge vor der er­wähn­ten na­tio­na­len Si­cher­heits­dok­trin der Bush-Ad­mi­ni­stra­ti­on, ver­ant­wor­tungs­lo­ser als al­le Län­der der Er­de ver­hal­ten hat­ten. Wenn sie auch seit Na­ga­sa­ki kei­ne Atom­waf­fen mehr ein­setz­ten, so ha­ben sie zwei­fel­los mehr­mals und nicht nur ei­nem Geg­ner ge­gen­über ge­droht, sie ein­zu­set­zen. Nicht um­sonst ist der Be­griff »brink­manship«, al­so ei­ne Po­li­tik des äu­ßer­sten Ri­si­kos, ei­ne ame­ri­ka­ni­sche Er­fin­dung.

Lei­der kann van Creveld in sei­nem Buch, dass im Ori­gi­nal 2007 fer­tig­ge­stellt wur­de, nicht auf die Vi­si­on Ba­rack Oba­mas ei­ner atom­waf­fen­frei­en Welt ein­ge­hen. Sei­ner The­se zu­fol­ge wür­de ei­ne voll­kom­me­ne Eli­mi­nie­rung von Atom­waf­fen (nimmt man dies ein­mal kurz theo­re­tisch als Mög­lich­keit an; prak­tisch dürf­te der Geist nicht mehr in die Fla­sche zu­rück zu ho­len sein) die Welt nicht un­be­dingt fried­li­cher ma­chen, son­dern die Ge­fahr groß­flä­chi­ger kon­ven­tio­nel­ler Krie­ge er­hö­hen. Ein As­pekt, der in der all­ge­mei­nen Eu­pho­rie un­ter­zu­ge­hen scheint.

Auf­stands­be­kämp­fung als neue Her­aus­for­de­rung

Krie­ge wa­ren al­so (auf­grund der Ver­brei­tung von Nu­kle­ar­waf­fen und de­ren Ab­schreckungs­po­ten­ti­al) nach 1945 lo­kal be­grenz­te Kon­flik­te, die nicht mehr au­to­ma­tisch die gan­ze Welt in Brand setz­ten. Van Creveld zeigt nun an ei­ni­gen Bei­spie­len wie hoch­ge­rü­ste­te und tech­no­lo­gisch über­le­ge­ne Ar­me­en den­noch un­ter­lie­gen – und zwar ge­gen gue­ril­lastra­te­gisch agie­ren­de Kämp­fer. 400.000 Fran­zo­sen ver­such­ten in den 60er Jah­ren 8 Mil­lio­nen Al­ge­ri­er zu »be­frie­den« – er­folg­los. 1969 wa­ren rund ei­ne Mil­li­on ame­ri­ka­ni­sche Sol­da­ten in Viet­nam, um das süd­viet­na­me­si­sche Re­gime ge­gen den kom­mu­ni­sti­schen Viet­cong zu ver­tei­di­gen – er­folg­los. Ins­ge­samt ver­lo­ren zwei­ein­halb Mil­lio­nen Viet­na­me­sen ihr Le­ben (ge­gen­über rd. 58.000 to­ten Ame­ri­ka­nern). Zum er­folg­reich­sten Gue­ril­la­kämp­fer des 20. Jahr­hun­derts macht er Mao Tse-tung, des­sen Schrift zum »Volks­krieg« noch heu­te häu­fig als »Vor­bild« für Auf­stands­kämp­fer gilt. Die neue Her­aus­for­de­rung ist die wirk­sa­me Auf­stands­be­kämp­fung (die Her­fried Münk­ler mit dem Pla­stik­wort des »asym­me­tri­schen Krie­ges« als Neu­heit ver­kau­fen woll­te – im Buch fällt die­ser Be­griff kein ein­zi­ges Mal).

Dem­nach wird die Ord­nungs­macht nie in ei­nem di­rek­ten Kampf ge­stellt. Die Auf­stän­di­schen wer­den al­so an­de­re For­men des Kamp­fes wäh­len, in de­nen sie der Ord­nungs­macht na­del­stich­ar­tig Scha­den zu­fü­gen. Wenn die Zi­vil­be­völ­ke­rung in den Kon­flikt ab­sicht­lich und kal­ku­liert hin­ein­ge­zo­gen wird, nennt man dies Ter­ro­ris­mus. Wich­tig ist: Die Zeit spielt für den ver­meint­lich Schwa­chen. Mit je­dem To­ten wird sich die Ord­nungs­macht neu die Fra­ge nach dem Sinn ih­res Vor­ge­hens stel­len. Kis­sin­gers Bon­mot trifft ins Schwar­ze: Die Ordnungskräfte…verlieren, weil sie nicht ge­win­nen. Re­bel­len hin­ge­gen ge­win­nen da­durch, dass sie nicht ver­lie­ren.

Re­bel­len oder Auf­stän­di­sche ha­ben auch ei­ne an­de­re Mo­ti­va­ti­on als ei­ne Ord­nungs­macht, die häu­fig Be­sat­zungs­macht ist und de­ren Sol­da­ten oft tau­sen­de Ki­lo­me­ter von ih­rem Zu­hau­se ent­fernt dem Ein­satz we­nig emo­tio­nal be­geg­nen. Zu­dem ha­ben Auf­stän­di­sche häu­fig die wenn auch meist nur pas­si­ve Un­ter­stüt­zung der ein­hei­mi­schen Be­völ­ke­rung und füh­len sich da­durch mo­ra­lisch le­gi­ti­miert. Hef­tig wehrt sich van Creveld üb­ri­gens ge­gen die Schuld­zu­wei­sung der Mi­li­tärs, die Me­di­en wür­den durch ih­re Auf­merk­sam­keit die Auf­stän­de erst be­för­dern bzw. er­zeu­gen. Er hält dies für Aus­re­den von Leu­ten, die an ih­ren Auf­ga­ben ge­schei­tert sei­en.

Und so­mit kommt man zur ein­gangs for­mu­lier­ten Pro­ble­ma­tik: Wie kön­nen Ar­me­en, die in je­der kon­ven­tio­nel­le Kriegs­füh­rung haus­hoch über­le­gen sind, ge­gen Auf­stän­di­sche oder Ter­ro­ri­sten be­stehen und ge­win­nen? Da 99% der Li­te­ra­tur über die­se The­ma­tik von Ver­lie­rern ver­fasst sei, müs­se man ganz neu den­ken, so van Creveld ein biss­chen nass­forsch. Er ent­wickelt zwei Hand­lungs­we­ge, von dem es ins­be­son­de­re der zwei­te in sich an und il­lu­striert die­se je­weils an ei­nem Bei­spiel, in dem die Auf­stands­be­kämp­fung ge­lun­gen ist.

Zwei Mög­lich­kei­ten zur Be­kämp­fung von Gue­ril­las

Zu­nächst un­ter­sucht er die Me­tho­den der bri­ti­schen Po­li­zei und Trup­pen in Nord­ir­land. In ei­nem kur­zen hi­sto­ri­schen Ab­riss (auch die­ser Kon­flikt hat sehr weit zu­rück­rei­chen­de Wur­zeln) kommt na­tür­lich un­wei­ger­lich der »Blut­sonn­tag« von Lon­don­der­ry zur Spra­che, in dem bri­ti­sche Ar­mee­an­ge­hö­ri­ge das Feu­er auf ei­ne de­mon­strie­ren­de Men­ge er­öff­ne­ten und drei­zehn Men­schen da­bei ge­tö­tet wur­den. Die­ser Vor­gang hat den Kon­flikt zu­nächst ra­di­ka­li­siert und ter­ro­ri­sti­sche Ak­tio­nen be­för­dert (An­schlä­ge gab es bis ins Herz Groß­bri­tan­ni­ens, Lon­don). Van Creveld zeigt in sechs Punk­ten, wie die Bri­ten aus den da­ma­li­gen Feh­lern ge­lernt und die rich­ti­gen Maß­nah­men er­grif­fen ha­ben.

Der Kon­flikt blieb stets ein straf­recht­li­ches Pro­blem; ein »Krieg«, wie ihn bei­spiels­wei­se Bush 2001 nach dem 11. Sep­tem­ber aus­rief, wur­de nicht er­klärt. Da­her gab es auch kein Aus­nah­me­recht, d. h. im Gro­ßen und Gan­zen (es gab ver­ein­zelt na­tür­lich Aus­nah­men und Ex­zes­se) wur­den recht­staat­li­che Grund­sät­ze bei der Be­kämp­fung ein­ge­hal­ten (und nicht ein­fach aus­ge­setzt) und man hielt sich an die Ge­set­ze; der Punkt, den van Creveld als den wich­tig­sten her­vor­hebt (an­fäng­li­che Ver­su­che, Ge­fan­ge­ne bei Ver­hö­ren zu fol­tern, wur­den 1972 ein­ge­stellt). Des­wei­te­ren ver­blieb die po­li­zei­li­che Rou­ti­ne­ar­beit bei den ört­li­chen Kräf­ten, die sich bes­ser mit den lo­ka­len Ge­ge­ben­hei­ten aus­kann­ten. Kol­lek­tiv­stra­fen wie Aus­gangs­sper­ren, das Un­ter­bre­chen der Strom- und Was­ser­ver­sor­gung, die Zer­stö­rung von Ge­bäu­den un­ter­blie­ben aus­nahms­los. So­weit wie mög­lich tra­ten Po­li­zei und Ar­mee als Be­schüt­zer der Be­völ­ke­rung auf, nicht als ih­re Pei­ni­ger. Da­bei wur­den von Sei­ten der Ar­mee kei­ne schwe­re Ar­til­le­rie, ge­pan­zer­te Fahr­zeu­ge oder gar Flug­zeu­ge ein­ge­setzt.

Die­se äu­ßer­ste Selbst­dis­zi­plin der Bri­ten führ­te da­zu, dass den Auf­stän­di­schen das Feind­bild suk­zes­si­ve ent­zo­gen wur­de und da­durch die Un­ter­stüt­zung in der Be­völ­ke­rung nach­ließ, die sich mit den Zie­len der Re­bel­len nicht mehr aus­rei­chend iden­ti­fi­zier­ten. Den zwei­ten Schritt, die Ein­bin­dung der (ge­mä­ßig­ten) Re­bel­len in Ver­hand­lun­gen, die in ei­nen Frie­dens­pro­zess mün­de­ten, be­han­delt van Creveld kon­se­quen­ter­wei­se für sei­ne Stu­die nicht.

Ne­ben die­ser – sa­lopp for­mu­liert – »rechts­staat­li­chen Va­ri­an­te« von Auf­stands­be­kämp­fung, die ei­nen lan­gen Atem ver­langt (in­ter­es­san­ter­wei­se ver­kehrt sich die Be­deu­tung des Fak­tors »Zeit« – bei den ge­schei­te­ren Vor­ge­hens­wei­sen »spielt« sie für den Schwa­chen, jetzt je­doch plötz­lich für die Ord­nungs­macht) ent­wickelt van Creveld auch noch ei­ne dik­ta­to­risch-bru­ta­le Va­ri­an­te. Bei­spiel­haft hier­für wird die Be­kämp­fung ei­ner auf­stän­di­schen Mus­lim­bru­der­schaft in Sy­ri­en im Jahr 1982 an­ge­führt, die sich in der Ort­schaft Ha­ma er­eig­ne­te. Der da­ma­li­ge sy­ri­sche Prä­si­dent Ha­fis al-As­sad schlug die Re­vol­te mit furcht­ba­ren Mit­teln nie­der. Der Mus­lim­bru­der­schaft wur­de so bis heu­te »nicht nur das mi­li­tä­ri­sche Rück­grat« ge­bro­chen, son­dern dien­te auch an­de­ren op­po­si­tio­nel­len Grup­pen »als ein­drück­li­che War­nung, auf wei­te­re Ak­tio­nen des Un­ge­hor­sams zu ver­zich­ten«.

Die Vor­ge­hens­wei­se war von äu­ßer­ster Bru­ta­li­tät und Grau­sam­keit. Die Ar­mee bom­bar­dier­te die Stadt, in der sich die Auf­stän­di­schen auf­hiel­ten, flä­chen­deckend, oh­ne Scho­nung und rück­te dann mit schwe­rer Ar­til­le­rie vor. Man mach­te lie­ber zu vie­le Op­fer als zu we­ni­ge. Für van Creveld ei­ne Not­wen­dig­keit für den Er­folg ei­ner sol­chen Tat. Die Ak­ti­on ge­schah schnell und un­er­war­tet, d. h. es gab vor­her kei­ne Dro­hun­gen oder Ul­ti­ma­ten, die die Auf­stän­di­schen zur Or­ga­ni­sa­ti­on ei­nes Rück­zugs hät­ten nut­zen kön­nen. Die me­dia­le Ver­brei­tung wur­de da­hin­ge­hend ge­steu­ert, dass man be­wusst die Op­fer und die Fol­gen der An­grif­fe (als Ab­schreckungs­ele­ment) zeig­te. Die Ope­ra­ti­on wur­de von ei­nem Bru­der As­sads kom­man­diert; im Fal­le des Schei­terns wä­re nicht der Prä­si­dent sel­ber ge­schei­tert.

Die mo­ra­li­sche Ent­rü­stung über die­se Ak­ti­on re­la­ti­viert van Creveld. Hät­te As­sad den Auf­stand nicht nie­der­ge­schla­gen wä­re Sy­ri­en viel­leicht ähn­lich wie der Li­ba­non in ei­nen Bür­ger­krieg ver­wickelt wor­den und ei­ne un­sta­bi­le Macht in Na­hen Osten ge­wor­den. Auf­ge­zeigt wird, dass As­sad rund zehn Jah­re spä­ter ein will­kom­me­ner Ko­ali­tio­när des We­stens ge­gen Sad­dam Hus­sein war – mo­ra­li­sche Be­den­ken gab es al­so da­mals nicht, ob­wohl ins­be­son­de­re die Ame­ri­ka­ner um die Bru­ta­li­tät des da­ma­li­gen sy­ri­schen Macht­ha­bers wuss­ten.

Zwei­fel­los ist die­se bru­ta­le Be­kämp­fung von Auf­stän­di­schen in de­mo­kra­tisch or­ga­ni­sier­ten Staa­ten schwie­rig um­zu­set­zen. In ge­wis­sen Gren­zen er­kennt er Par­al­le­len zum Vor­ge­hen der is­rae­li­schen Ar­mee im Um­gang mit den Pa­lä­sti­nen­sern. Er stellt fest, dass die­se Me­tho­de al­ler­dings nicht kon­se­quent durch­ge­führt wür­de und dann letzt­lich schei­tern müss­te. Wo­bei of­fen bleibt, ob man im is­rae­lisch-pa­lä­sti­nen­si­schen Kon­flikt nicht ein­mal die die rechts­staat­li­che Va­ri­an­te ver­su­chen soll­te.

Be­dau­er­li­cher­wei­se be­lässt es van Creveld bei der Be­schrei­bung der bei­den Mo­del­le. Wie ein Mi­li­tär mel­det er in bei­den Fäl­len: Mis­si­on er­le­digt. Aber ob er ernst­haft glaubt, dass die bru­ta­le Va­ri­an­te dau­er­haft zur Be­frie­dung ei­ner Ge­sell­schaft füh­ren kann? Sie ver­mag für ei­ni­ge Zeit ei­ne ge­wis­se Ru­he zu ga­ran­tie­ren (zu­mal in ei­ner Dik­ta­tur) – aber ist die­se Fried­hofs­ru­he bei­spiels­wei­se mit der Ge­fahr, die Auf­stän­di­schen zu Mär­ty­rern zu ma­chen nicht zu teu­er er­kauft? Hier zeigt sich die Schwä­che in van Crevelds Be­trach­tung über­deut­lich: Sei­ne Fo­kus­sie­rung liegt auf Auf­stands­be­kämp­fung, nicht auf ei­ne nach­hal­ti­ge Be­frie­dung. Nur so kann die­se ru­sti­ka­le »Hau-drauf-Me­tho­de«, nor­ma­ler­wei­se eher ein Pro­dukt zu fort­ge­schrit­te­ner Stun­de in Of­fi­zier­ca­si­nos »ent­wickelt«, über­haupt nur in Er­wä­gung ge­zo­gen wer­den.

Am Schluß be­trach­tet er das Vor­ge­hen der USA (und de­ren Ver­bün­de­ter) im Irak. Er kon­sta­tiert hier ei­ne fa­ta­le Mi­schung bei­der Va­ri­an­ten. Mal ent­schlös­se man sich zu bru­ta­lem Vor­ge­hen – wel­ches dann plötz­lich ab­ge­mil­dert oder zu­rück­ge­nom­men wür­de. Ins­ge­samt gibt es kei­ne durch­gän­gi­ge Li­nie der Streit­kräf­te; das Vor­ge­hen va­ri­ie­re von Ein­heit zu Ein­heit. Die Al­lein­schuld für die­se fal­sche Hand­lungs­wei­se lä­ge bei der Bush-Ad­mi­ni­stra­ti­on. Kein gu­tes Wort fin­det er für die so­ge­nann­ten »Think-Tanks«, die er in hef­ti­ger Po­le­mik an­greift. Oft ge­nug ge­schei­ter­te ehe­ma­li­ge Of­fi­zie­re ge­ben Rat­schlä­ge über Sach­ver­hal­te, von de­nen sie kei­ne Ah­nung ha­ben und weil sie den je­wei­li­gen Auf­trag­ge­bern schmei­cheln wol­len, re­de­ten sie ih­nen nach dem Mund.

Um ma­xi­mal 30.000 Re­bel­len im Irak zu be­kämp­fen leg­ten die USA zwi­schen­zeit­lich 450 Mil­li­ar­den US-Dol­lar im Jahr aus. Da­bei gibt es we­der ei­ne Stra­te­gie, wie man mit den Auf­stän­di­schen um­geht noch ein Plan, wie dies um­zu­set­zen ist. Nicht ein­mal an ei­ne aus­rei­chen­de Zahl von Über­set­zern ha­be man ge­dacht. Kon­ven­tio­nel­le Ar­me­en ha­ben sich ge­nau so über­lebt wie der blin­de Glau­be an hoch­tech­ni­sier­te Waf­fen, die in Wirk­lich­keit re­pa­ra­tur­an­fäl­lig sind und den An­for­de­run­gen der neu­en Her­aus­for­de­run­gen oft ge­nug nicht ge­wach­sen sind.

Mit sei­nem Er­zähl­stil und der fast durch­weg für ei­nen mi­li­tär­hi­sto­ri­schen und –stra­te­gi­schen Lai­en ver­ständ­li­chen Wort­wahl ge­lingt es van Creveld durch­aus, den Le­ser zu fes­seln. Die Fo­kus­sie­rung auf mi­li­tär­stra­te­gi­sche As­pek­te ist mit­un­ter zu ein­di­men­sio­nal, manch­mal ge­ra­de­zu alt­mo­disch (man den­ke an die Par­al­lel­wel­ten zwi­schen Mi­li­tär und Po­li­tik An­fang des 20. Jahr­hun­derts). Ei­ne stär­ke­re in­ter­dis­zi­pli­nä­re Sicht wä­re zu­wei­len wün­schens­wert. Den­noch: Auch wenn ei­nem bei der Lek­tü­re manch­mal der Atem stockt und sich ne­ben Zu­stim­mung ge­le­gent­lich hef­ti­ger Wi­der­spruch regt – loh­nend und in höch­stem Ma­ße an­re­gend ist die Lek­tü­re von »Ge­sich­ter des Krie­ges« al­le­mal.


Die kur­siv ge­druck­ten Pas­sa­gen sind Zi­ta­te aus dem be­spro­che­nen Buch.
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20 Kommentare zu »Mar­tin van Creveld: Ge­sich­ter des Krie­ges«:

  1. steppenhund sagt:

    Es wird in Zu­kunft nicht mehr rei­chen, Musashi oder Clau­se­witz zu le­sen. Das geht aus der Re­zen­si­on deut­lich her­vor.
    Nur die Be­weg­grün­de, die zu Krie­gen füh­ren schei­nen nach wie vor die glei­chen sein. Das Macht­stre­ben skru­pel­lo­ser Sin­gu­la­ri­tä­ten, die sich ei­ne ent­spre­chen­de sy­ste­mi­sche Me­cha­nik zu nut­ze ma­chen.

    #1

  2. mikerol sagt:

    HUT AB VOR DEM KEUSCHNIG JETZT AUCH ALS MILITAER WISSENSHELD!
    I did a long com­men­ta­ry with quo­tes in Ger­man... then so­me­thing hap­pen­ed.. and it disap­peared, and I dont have time for a se­cond go around.

    In ge­ne­ral i agree en­t­i­re­ly with what K. re­p­res­ents as being van C.‘s
    views. Spe­ci­fi­cal­ly, in mat­ters of the Ita­li­an ar­my being a jo­ke, we knew this as kids, and it was con­fir­med when the first Ame­ri­can of­fi­cer to ap­pe­ar at our house, did so in a cap­tu­red ca­mou­fla­ged Ita­li­an Fi­at bug. And al­so tho­se »think tanks« that push pa­per around.

    I agree with Keu­sch­nig that van C. is on du­bio­us grounds in using the de­feat of the IRA or the de­st­ruc­tion of Sy­ri­an Ha­ma as examp­les for the sup­pres­si­on of in­di­ge­nous­ly sup­por­ted upri­sings as a con­quer­or.
    van C. seems not to un­der­stand that the US wins al­so by di­rect­ly thro­wing loads of mo­ney at buy­a­ble en­t­i­ties such as the Sun­nies in An­bar pro­vin­ce, or the »Nort­hern Al­li­an­ce’ in Af­gha­ni­stan.!

    In ge­ne­ral: the shadow of the Ro­man em­pi­re and the other an­ci­ent em­pi­res and that dri­ve casts a long and dark shadow.

    Hoch­ach­tungs­voll
    Ge­ne­ral der Ar­me der Zicken
    von Zit­ze­witz

    #2

  3. Na­ja, das Bei­spiel mit der IRA fand ich schon in­ter­es­sant – aber der Kon­trast mit Sy­ri­en und dem Vor­ge­hens As­sads ist schon arg ge­wöh­nungs­be­dürf­tig. Vor die Wahl ge­stellt heisst das: Ent­we­der wir ma­chen ein per­fekt rechts­staat­li­ches Ver­fah­ren – oder wir igno­rie­ren al­les und hau­en ein­fach drauf. Ich glau­be, dass Letz­te­res am En­de nicht funk­tio­niert.

    #3

  4. Zehner sagt:

    Na, Ares sei Dank ...
    ... dass 12 Leu­te die Mü­he auf sich ge­nom­men ha­ben, In­ter­es­se an der Lek­tü­re Ih­rer Re­zen­si­on zu be­kun­den. Ich woll­te das ei­gent­lich auch tun, war dann aber doch et­was be­frem­det, als ich mich zu die­sem Be­hu­fe bei Two­day re­gi­strie­ren soll­te. Mein Vor­schlag: Wenn Sie in Zu­kunft mal wie­der Ih­re Ar­ti­kel nur vor­be­halt­lich ei­ner be­stimm­ten Ak­kla­ma­ti­ons­quo­te pu­bli­zie­ren wol­len, dann wä­re es viel­leicht hilf­reich, ein bar­rie­re­är­me­res Ver­fah­ren zu er­sin­nen, z.B. via Kom­men­tar­funk­ti­on.
    An­son­sten: Wie fast im­mer ei­ne sehr le­sens­wer­te Be­spre­chung, auch wenn mich der An­klang der links­kon­sen­su­el­len Be­wer­tung des Nah­ost­kon­flikts et­was ab­stößt.
    Den­noch: Wei­ter so, Herr K., und in Zu­kunft viel­leicht ein biss­chen mehr Ver­trau­en in den Ap­peal Ih­rer Tex­te?

    #4

  5. Na­ja, ab­ge­se­hen da­von, dass jetzt end­lich ein­mal das Wort »Be­hu­fe« in die­sem Blog er­wähnt wur­de (was längst hät­te pas­sie­ren müs­sen): Wenn es schon als zu gro­ße An­stren­gung emp­fun­den wird, sich an­zu­mel­den (was ja an­onym ge­sche­hen kann) – was ist dann ein sol­cher Text wert?

    Ak­kla­ma­ti­on per Kom­men­tar ist frü­her schon gran­di­os ge­schei­tert.

    Was mei­nen Sie mit linkskonsensuelle[r] Be­wer­tung des Nah­ost­kon­flikts?

    #5

  6. Wenn Sie in Zu­kunft mal wie­der Ih­re Ar­ti­kel nur vor­be­halt­lich ei­ner be­stimm­ten Ak­kla­ma­ti­ons­quo­te pu­bli­zie­ren wol­len, dann wä­re es viel­leicht hilf­reich, ein bar­rie­re­är­me­res Ver­fah­ren zu er­sin­nen, z.B. via Kom­men­tar­funk­ti­on.

    Ich will hier kei­nes­falls für Gre­gor ant­wor­ten, aber m.E. geht es dar­um, ob die Tex­te dem Le­ser fünf Mi­nu­ten An­mel­dung wert sind. Ich mei­ne sie sind es, und man geht – so man sie nicht abon­niert hat – für sei­ne Zei­tung ja auch zum Ki­osk. Was spricht tat­säch­lich da­ge­gen?

    #6

  7. @Gregor
    Das nen­ne ich syn­chro­nes Ant­wor­ten!

    #7

  8. Peter42 sagt:

    Wie im­mer sehr ge­lun­gen und wohl­tu­end frei von Po­le­mik, bei ei­nem The­ma das hei­ßes Blut fast ga­ran­tiert.

    Zwei Punk­te feh­len mei­ner Mei­nung nach oder sind nicht ge­nug ge­wür­digt. Als Er­stes wird mir das Er­schrecken der Welt vor dem Er­sten Welt­krieg, der im Fran­zö­si­schen nicht um­sonst La Gran­de Guer­re heißt, nicht deut­lich ge­nug. Der Sprung zum in­du­stri­el­len Krieg nur als Fakt, aber nicht als Zi­vi­li­sa­ti­ons­bruch dar­zu­stel­len, ist zu schwach.

    Als Zwei­tes wür­de ich noch die The­se ei­ner heiß ge­lau­fe­nen Wirt­schaft (ja, na­tür­lich ist die USA ge­meint), die sich in ei­nem Krieg ent­la­den muss, sich aber zur Ge­wis­sens­be­ru­hi­gung hin­ter ei­nem Po­panz ver­steckt, er­wäh­nen. Ich war in die­ser Hin­sicht in den sieb­zi­ger Jah­ren durch die teils frag­wür­di­ge Ame­ri­ka­ni­sche Ge­schich­te von Joa­chim Fernau ge­prägt, die ich vor ei­ni­ger Zeit noch mal in die Hand nahm. Stel­len­wei­se pro­phe­tisch.

    #8

  9. Den Zi­vi­li­sa­ti­ons­bruch sieht van Creveld tat­säch­lich nicht, son­dern er sieht ein Kon­ti­nu­um des Rin­gens um Macht der Groß­mäch­te un­ter­ein­an­der. Ich glau­be, es steht so­gar ein­mal, dass die Frie­den­zeit (prak­tisch seit 1871) eher über­ra­schend war. Da ist er na­tür­lich zu sehr »Mi­li­tär« um sich die­se »Emo­ti­on« zu ge­stat­ten.

    Was die heiß­ge­lau­fen­de Wirt­schaft der USA an – auch das passt nicht sei­nen The­men­kreis. Die de­tail­lier­ten Ur­sa­chen der Krie­ge un­ter­sucht er gar nicht.

    #9

  10. Zehner sagt:

    #5, 6
    Nun, ich ha­be die An­mel­dung nicht we­gen der zu­ge­ge­ben ge­rin­gen Mü­hen ge­scheut, son­dern weil ich ei­ne viel­leicht nicht ganz ra­tio­na­le Aver­si­on ge­gen den Re­gi­strie­rungs­wahn im In­ter­net ha­be. Des­halb kom­men­tie­re ich ei­gent­lich nur in Blogs, in de­nen auch die Lauf­kund­schaft ih­ren Senf da­zu­ge­ben darf; und so wie es hier bei Herrn Keu­sch­nig ist (ein Pseud­onym ge­nügt, nicht ein­mal die An­ga­be ei­ner E-Mail-Adres­se ist er­for­der­lich), ge­fällt es mir am be­sten.

    Im Üb­ri­gen freut es mich sehr, dass Sie mei­ne Wort­wahl gou­tie­ren. Be­trach­ten Sie Ihr Blog durch die Er­wäh­nung der Vo­ka­bel »Be­huf« als de­flo­riert.

    Zu mei­nem Vor­wurf der links­kon­sen­su­el­len Be­wer­tung des Nah­ost­kon­flikts: Sie schrie­ben (ich kann es jetzt lei­der nicht ver­ba­tim zi­tie­ren, da der Text in die­sem Frame nicht vor­liegt), dass es Is­ra­el zur Ab­wechs­lung mal mit der rechts­staat­li­chen Me­tho­de der Insur­gen­ten-Be­kämp­fung ver­su­chen soll­te. Das klingt mir zu sehr nach der – in (sog.) lin­ken Krei­sen sehr weit ver­brei­te­ten – Staats­ter­ro­ris­mus-Lei­er. Das Pro­blem – jetzt mal rein mi­li­tä­risch ge­se­hen und mo­ra­li­sche Ka­te­go­ri­en au­ßer Acht las­send – liegt doch wohl eher dar­in, dass Is­ra­el (häu­fig auch als Re­ak­ti­on auf Entwicklugen/Signale/Taten der Ge­gen­sei­te) zwi­schen den Po­len der Här­te und der Weich­heit mä­an­driert. Aber gut, ich will hier nicht Was­ser in ein Da­nai­den-Fass schüt­ten.

    #10

  11. Re­gi­strie­rungs­wahn
    Ich er­ken­ne in der Dia­gno­se des so­ge­nann­ten Re­gi­strie­rungs­wahns des In­ter­nets eher ei­nen (ge­le­gent­lich) pa­ra­noi­den Re­flex. Es kann ja sehr wohl mit Pseud­ony­men und Pseud­onym-Mail­adres­sen ge­ar­bei­tet wer­den; da­nach bleibt die An­mel­dung be­stehen. Wor­in das Pro­blem be­steht, er­ken­ne ich nicht.

    Was ich über ih­re spe­zi­el­len For­de­run­gen nach »Bar­rie­re­frei­heit« hal­te, sa­ge ich jetzt lie­ber nicht.

    Is­ra­el
    Mei­ne Äu­sse­rung hat mit Staats­ter­ro­ris­mus-Lei­er nichts zu tun. Die bra­chia­le Ge­walt mit der die is­rae­li­sche Ar­mee teil­wei­se ge­gen Auf­stän­di­sche vor­geht, ist Fakt. Ein Selbst­mord­an­schlag ei­nes Pa­lä­sti­nen­sers wird fast im­mer so­fort mit ei­ner Ar­mee­ak­ti­on be­ant­wor­tet. Van Creveld, der ja in Is­ra­el lebt, hält sich hier ein biss­chen be­deckt. Tat­säch­lich ist es ja so, dass auf den bra­chia­len Akt ir­gend­wann wie­der ein Ent­ge­gen­kom­men folgt (dann wer­den ir­gend­wel­che Ter­ro­ri­sten­füh­rer frei­ge­las­sen). Das ist ge­nau je­ne Art von schwam­mi­gem Vor­ge­hen, die van Creveld bei den USA im Irak kri­ti­siert.

    Is­ra­el kann sich al­ler­dings die von van Creveld vor­ge­schla­ge­ne »Hama«-Alternative gar nicht er­lau­ben: Er­stens ist es ein de­mo­kra­ti­scher Staat und zwei­tens sind die Pa­lä­sti­nen­ser kei­ne Staats­an­ge­hö­ri­gen Is­ra­els. Es bleibt al­so nur die von mir so­ge­nann­te »rechts­staat­li­che Va­ri­an­te«. Hier­von ist man al­ler­dings mei­len­weit ent­fernt, teils aus feh­len­dem Wil­len, teils aus Un­kennt­nis. Die The­se, dass man 99% der Auf­stands­li­te­ra­tur ver­ges­sen kann, weil sie von ver­lie­rern ver­fasst wur­de, ist ver­mut­lich zu­tref­fend. Schlimm ist nur, dass sich Po­li­ti­ker (über­all; nicht nur in Is­ra­el) an die Lek­tü­re der Ver­lie­rer so klam­mern.

    #11

  12. blackconti sagt:

    Höchst­wahr­schein­lich muss man das Buch le­sen, um zu ver­ste­hen, was der Au­tor letzt­lich er­klä­ren will. Nach Dei­ner Re­zen­si­on je­den­falls bin ich nicht wirk­lich be­gie­rig auf die Lek­tü­re. Be­son­ders die Tat­sa­che, dass auf die po­li­ti­schen Ur­sa­chen mi­li­tä­ri­scher Aus­ein­an­der­set­zun­gen be­wusst nicht ein­ge­gan­gen wird, dämpft mein In­ter­es­se ge­wal­tig. Ich war nie bei der Bun­des­wehr, Gott sei Dank, und Mi­li­ta­ria al­ler Art, al­te und neue Waf­fen­sy­ste­me so­wie ge­nia­le Feld­her­ren und ih­re stra­te­gi­schen Schach­zü­ge üben auf mich kei­ner­lei Fas­zi­na­ti­on aus. In je­dem Krieg tri­um­phiert die Ge­mein­heit und ei­ne kal­te, nüch­ter­ne Be­trach­tung emp­fin­de ich nur als zy­nisch. Na­tür­lich ver­ste­he ich, dass Be­rufs­sol­da­ten ih­re Pro­fes­si­on nüch­tern und so ef­fek­tiv wie mög­lich aus­üben. Was das für Mil­lio­nen von Zi­vi­li­sten auf der Welt be­deu­tet kann man heut­zu­ta­ge je­den Abend in den Nach­rich­ten se­hen.
    Und zum Schluss noch, frei nach Ca­to: Im Üb­ri­gen bin ich der Mei­nung, das die Bun­des­wehr um­ge­hend aus Af­gha­ni­stan ab­ge­zo­gen wer­den muss.

    #12

  13. Das Buch ist nicht zy­nisch; es ist ein­fach nur ein Ein­blick in ei­ne Welt, die ei­nem in die­ser Rein­kul­tur sel­ten ver­mit­telt wird. Es ist durch­aus er­hel­lend, auch wenn man mit Mi­li­tär nichts am Hut hat. Mich in­ter­es­siert so­was ja im­mer fast noch mehr.

    Wass van Creveld zur Auf­stands­be­kämp­fung im Iral sagt, dürf­te er sinn­ge­mäss auch für Af­gha­ni­stan mei­nen. Man kann über das En­ga­ge­ment der Bun­des­wehr ge­teil­ter Mei­nung sein (m. E. hat Schrö­der das da­mals stra­te­gisch ge­macht – er schick­te Sol­da­ten lie­ber nach Af­gha­ni­stan statt spä­ter in den Irak; die­ser Krieg kün­dig­te sich ja schon En­de 2001 an). Es wird al­ler­dings deut­lich ge­macht: Rein geht im­mer schnel­ler als ‘raus. Das wird im­mer so sein.

    #13

  14. blackconti sagt:

    Die da­ma­li­ge Ent­schei­dung der Schrö­der­re­gie­rung war ja vor dem Hin­ter­grund von 9/11 und der un­ein­ge­schränk­ten Un­ter­stüt­zungs­zu­sa­ge an die USA noch nach­voll­zieh­bar und das da­bei auch tak­tisch-stra­te­gi­sche Über­le­gun­gen im Spiel wa­ren darf man wohl an­neh­men. Seit­dem sind al­ler­dings nun schon 7 Jah­re ver­gan­gen, die Ta­li­ban­re­gie­rung in Af­gha­ni­stan wur­de ver­jagt und den Rest müs­sen die Af­gha­nen al­lein lö­sen.

    Die Ar­gu­men­te von der Ter­ror­be­kämp­fung am Hin­du­kusch, von der deut­schen Si­cher­heit, die am Hin­du­kusch ver­tei­digt wer­den muss, sind in ih­rer of­fen­sicht­li­chen Ver­lo­gen­heit ein­fach nur noch pein­lich. In Af­gha­ni­stan herrscht Bür­ger­krieg, schlimm ge­nug, aber da ha­ben wir nichts ver­lo­ren und da soll­ten wir uns tun­lichst raus­hal­ten. Das rum­ge­eie­re des Ver­tei­di­gungs­mi­ni­sters, dass der Krieg nicht „Krieg“ son­dern „Auf­bau­mis­si­on“ ge­nannt wer­den soll, ist schlicht­weg ei­ne Frech­heit. Auf­bau­mis­si­on mit AWACS- und Tor­na­do­flug­zeu­gen – dar­über kann ich nicht mal mehr la­chen.

    Nur weil sich die deut­sche Re­gie­rung nicht traut , den Ame­ri­ka­nern: „Für uns ist jetzt Schluss!“ zu sa­gen, wer­den Bun­des­wehr­sol­da­ten als Be­sat­zer at­tackiert, wird der Tod von jun­gen Men­schen bil­li­gend in Kauf ge­nom­men, aber mit Kro­ko­dils­trä­nen und heuch­le­ri­scher Mie­ne be­trau­ert. Ach ja, die bö­sen, bö­sen Ter­ro­ri­sten.

    Die Ver­lo­gen­heit der Ses­sel­fur­zer, die sich na­tür­lich nie­mals selbst in Ge­fahr be­ge­ben, son­dern im­mer klamm­heim­lich, fu­gen­los um­ringt von Bo­dy­guards, TV-ge­recht die Trup­pen an der Front be­su­chen, ist kaum noch zu er­tra­gen. Nein – Die Bun­des­wehr muss raus aus Af­gha­ni­stan.

    #14

  15. Ich will hier die­se Dis­kus­si­on nicht füh­ren – der Be­griff des Ses­sel­fur­zers ist leicht ge­schrie­ben und man muss auf­pas­sen, dass es nicht sel­ber auf ei­nen zu­rück­fällt (ken­ne ich in an­de­rem Zu­sam­men­hang mit mir sel­ber).

    Nur kurz: Der Punkt ist, dass die Af­gha­nen 2001 nicht ge­fragt wur­den, was sie wün­schen und ob sie von den Ta­li­ban be­freit wer­den woll­ten. In­so­fern war schon die Ent­schei­dung, ein­zu­mar­schie­ren u. U. falsch. Den Feh­ler des über­ha­ste­ten Ein­stiegs löst man aber nicht da­durch, über­ha­stet aus­zu­stei­gen. Van Crevelds Buch zeigt: Die Auf­stands­be­kämp­fung als Ar­mee ist kon­tra­pro­duk­tiv, es sei denn, man führt sie mit äu­sser­ster Bru­ta­li­tät (was m. E. nicht dau­er­haft funk­tio­niert). Ei­ne Be­waff­nung (= Schutz der Auf­bau­trup­pen) hät­te durch lo­ka­le Po­li­zei ge­währ­lei­stet wer­den müs­sen, die es al­ler­dings nicht gab.

    Zu­dem ist man oh­ne lang­fri­sti­ges Kon­zept ein­mar­schiert und hat sich in Schar­müt­zeln be­ge­ben. Et­li­che Ver­hal­tens­wei­sen wer­den als ko­lo­nia­le At­ti­tü­den ver­stan­den (ver­mut­lich mit Recht).

    #15

  16. blackconti sagt:

    Ich kann nur um Ent­schul­di­gung bit­ten, aber höchst­wahr­schein­lich bin ich durch die Bush-Ad­mi­ni­stra­ti­on über­sen­si­bi­li­siert. Ich kann ein­fach die­se Ty­pen, die un­ter ab­so­lu­ter Ge­heim­hal­tung für ei­nen pu­bli­ci­tyt­räch­ti­gen Auf­tritt in die Kri­sen­ge­bie­te ein­flie­gen, nicht mehr er­tra­gen. Und wenn mir dann so ein Herr Jung noch ir­gend­ei­nen Quark er­zählt, dann geht mit mir der Gaul durch. Sein Be­trof­fen­heits­ge­tue an­ge­sichts des To­des von Bun­des­wehr­sol­da­ten ist pu­re Heu­che­lei. Aber den­noch – En­de der Dis­kus­si­on.

    #16

  17. Es gibt hier nichts zu ent­schul­di­gen; die Ein­wän­de sind ja be­rech­tigt. Ich se­he die For­de­rung, die Sol­da­ten aus Af­gha­ni­stan so­fort ab­zu­zie­hen nur für ähn­lich wohl­feil an wie ein »Wei­ter so«.

    Jungs Rol­le ist da­bei se­kun­där; das wür­de je­der ge­nau­so ma­chen in sei­ner Po­si­ti­on. Wenn man die Op­fer­zah­len her­an­zieht, ist Deutsch­land mit bis­her 35 To­ten noch glimpf­lich da­von­ge­kom­men.

    Van Creveld zeigt, wie in den Krie­gen der Ver­gan­gen­heit das Mi­li­tär von der Po­li­tik ab­ge­kop­pelt war und sich ver­selb­stän­dig­te. Das ist in­zwi­schen nicht mehr der Fall: Heu­te »dient« das Mi­li­tär der Po­li­tik (al­les an­de­re emp­fin­den wir als merk­wür­dig). In­so­fern ist die Po­li­tik rich­tungs­be­stim­mend, was mi­li­tä­ri­sche Ein­sät­ze an­geht. Der Vor­wurf des »Ver­hei­zens« ist al­so im­mer in der Luft.

    Der Feh­ler beim Af­gha­ni­stan-Ein­satz war, dass man mi­li­tä­risch wuss­te, wie man vor­zu­ge­hen hat­te, aber für das zi­vi­le Pro­gramm da­nach kei­ne aus­rei­chen­den Mit­tel zur Ver­fü­gung stell­te (per­so­nell wie fi­nan­zi­ell). Geld wur­de in zen­tra­li­sti­sche Struk­tu­ren ge­steckt, statt in re­gio­na­len Pro­jek­te. Man wuss­te über die eth­ni­schen und so­zia­len Im­pli­ka­tio­nen rein gar nichts und glaub­te, man wer­de wie Be­frei­er auf­ge­nom­men, als man die so­ge­nann­ten Ta­li­ban ent­mach­te­te (die man in den 80er Jah­ren ge­gen die UdSSR noch un­ter­stütz­te). Statt die re­gio­na­len Struk­tu­ren mit in po­li­ti­sche Ent­schei­dungs­pro­zes­se ein­zu­bin­den (wie es tra­di­tio­nell ver­an­kert ist) liess man die Leu­te zen­tra­li­stisch ei­nen Prä­si­den­ten wäh­len (na­tür­lich ei­ne Ma­rio­net­te). Die Hoff­nun­gen wa­ren im­mens und wur­den schnell ent­täuscht. Das spül­te wie­der Un­ter­stüt­zung für die is­la­mi­sti­schen Pasch­tu­nen her­an.

    Oba­ma hat das er­kannt, aber ihm sind nicht zu­letzt fi­nan­zi­ell die Hän­de ge­bun­den. Er hat ja den Klotz Irak noch am Bein.

    [EDIT: 09.23]

    #17

  18. mikerol sagt:

    Al­so
    wa­er ich auf das schoe­ne Wort »Be­huf« in ei­nem an­de­ren als die­sem Zu­sam­men­hang ge­sto­ssen
    ha­et­te die­ser Pfer­de­mensch hier so­fort an was an­de­res ge­dacht; auch der mir bis jetzt un­be­kann­te Be­griff
    »Ses­sel­fur­zer« fu­er »Schreib­tisch­tae­ter« ge­fa­ellt mir sehr.

    Ich den­ke, dass die so fahr­laessi­ge Re­gie­rung Bush + Co. auch an­de­re Op­tio­nen in Af­gha­ni­stan hat­te als die NATO
    dort bei ei­ne Be­set­zung ein­zu­schal­ten. Die­se war doch bis 9/11 als ei­ne als ziem­lich und aus gu­tem Grund un­le­ge­time Re­gie­rung
    be­trach­tet. Da der Irak Krieg:

    »Ac­cord­ing to the me­mo, Bush dis­cus­sed va­rious pos­si­ble pro­vo­ca­ti­ons that might trig­ger a se­cond UN re­so­lu­ti­on to ju­sti­fy war in the ab­sence of any WMD. One plan being con­si­de­red by the White House was “to fly U2 re­con­nais­sance air­craft pain­ted in UN co­lours over Iraq with figh­ter co­ver” pro­vo­king Iraqi forces in­to ope­ning fire and ther­e­by put­ting them in bre­ach of a UN re­so­lu­ti­on....«

    http://www.wsws.org/articles/2009/jun2009/blai-j26.shtml

    sich jetzt als vol­kom­men il­le­gal ent­puppt hat [mal se­hen was die UN und ih­re Tri­bu­na­le da­zu sa­gen ha­ben!]
    ist der klein-Krieg und in­stal­la­ti­on ei­nes Satraps dort in A’stan viel­leicht auch schon ge­n­aus so schlam­pig vor­her­ge­se­hen und
    ge­plant ge­we­sen. Al­so, der Preu­ssi­sche Ge­ne­ral­stab waelzt sich nicht nur in den Gra­e­bern son­dern
    rauft sich nicht mehr vor­han­de­ne Haare....aber so ma­chen die Amis im­mer. Jetzt zie­hen sie aus den Ira­ki­schen Sta­edten aus,
    be­hal­ten aber ih­re »forts« au­sser­halb. Ge­nau wie im 19ten Jahr­hun­dert bei den In­dia­ner Krie­gen hier!
    Der Af­gha­ni­sche Krieg ist ue­ber­ge­schwappt nach Pa­ki­stan, macht den Leu­ten in Wa­shing­ton
    ei­gent­lich Freu­de mehr Be­sat­zungs­kra­ef­te da­hin zu lie­fern. Af-Pak heisst das Thea­ter. An­ge­fan­gen hat die gan­ze Af­fae­re in A’stan mit der »de­sta­bi­li­za­ti­on« durch Car­ter und Zig­biniev Brzin­sky, ist al­so ein Ma­noever des kal­ten Krie­ges ge­we­senm auch so ein un­ge­heue­res Ver­bre­chen ei­nen Staat von 25 Mil­lio­nen den »de­sta­bi­li­za­ti­on« um den Ein­marsch der Rus­sen zu er­moeg­li­chen, and dann wer­den Mu­ja­ha­de­em aus der gan­zen Welt an­ge­schafft und mit Stin­ger Ra­ke­ten aus­ge­ru­estet um die Rus­sen zu be­ka­emp­fen, und nach ih­rem Er­folg wer­den die lie­ben Mu­ja­ha­de­em vol­kom­men ver­nach­las­sigt... T’ja, und jetzt solln die Deut­schen hel­fen den Schla­mas­sel gut zu ma­chen!

    #18

  19. Zehner sagt:

    #11
    @ Gre­gor K.:

    »Ich er­ken­ne in der Dia­gno­se des so­ge­nann­ten Re­gi­strie­rungs­wahns des In­ter­nets eher ei­nen (ge­le­gent­lich) pa­ra­noi­den Re­flex.«

    Ver­fol­gungs­wahn ist da bei mir nur par­ti­ell im Spiel. Ich ha­be schlicht und ein­fach kei­ne Lust, ein Pseud­onym und/oder ein Pass­wort zu er­sin­nen und ei­ne E-Mail-Adres­se an­zu­ge­ben, wenn ich da­von aus­ge­he, dass ich die be­tref­fen­de Re­gi­strie­rung in Zu­kunft kaum noch nut­zen wer­de. Da spre­che ich schlicht und ein­fach aus Er­fah­rung. Ein Ein­wand wä­re jetzt, dass ich bei sol­chen – nen­nen wir sie – Trash-An­mel­dun­gen ja im­mer die­sel­ben Da­ten ver­wen­den könn­te, wo­durch der krea­ti­ve und mne­mo­tech­ni­sche Auf­wand dra­stisch re­du­ziert wür­de. Aber da­für bin ich dann wirk­lich zu pa­ra­no­id. (Sie wis­sen schon: Goog­le-Ana­ly­tics und der­glei­chen.)

    »Was ich über ih­re spe­zi­el­len For­de­run­gen nach »Bar­rie­re­frei­heit« hal­te, sa­ge ich jetzt lie­ber nicht.«

    War­um nicht? Ich re­spek­tie­re Ih­re Mei­nung und bin ge­wöhn­lich nicht be­son­ders schnell be­lei­digt. Im Üb­ri­gen kön­nen Sie als Haus­herr die­ses Blogs selbst­re­dend tun und las­sen, was Sie wol­len. Wenn Sie hier mehr Bar­rie­ren set­zen möch­ten, ist das Ih­re Ent­schei­dung. Ich ha­be nur zum Aus­druck ge­bracht, was ich von Ih­rer Le­ser­vo­tums-Idee hal­te, weil mei­ne Ein­stel­lung mög­li­cher­wei­se von an­de­ren In­tern­au­ten ge­teilt wird.

    »Is­ra­el kann sich al­ler­dings die von van Creveld vor­ge­schla­ge­ne »Hama«-Alternative gar nicht er­lau­ben: Er­stens ist es ein de­mo­kra­ti­scher Staat und zwei­tens sind die Pa­lä­sti­nen­ser kei­ne Staats­an­ge­hö­ri­gen Is­ra­els.«

    Als drit­ten Punkt könn­te man hin­zu­fü­gen: Und au­ßer­dem wür­de da­durch sein in der Welt­öf­fent­lich­keit (mei­nes Er­ach­tens zu Un­recht) oh­ne­hin ram­po­nier­ter Ruf noch mehr be­schä­digt.

    »Es bleibt al­so nur die von mir so­ge­nann­te »rechts­staat­li­che Va­ri­an­te«. Hier­von ist man al­ler­dings mei­len­weit ent­fernt, teils aus feh­len­dem Wil­len, teils aus Un­kennt­nis.«

    Ich bin mir nicht si­cher, ob die­se Va­ri­an­te, die vom Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reich ge­gen­über dem IRA-Ter­ror zum Ein­satz ge­langt ist, auch im Na­hen Osten auf frucht­ba­ren Bo­den fie­le. Ich den­ke, man kann die bei­den Sze­na­ri­en nicht wirk­lich ver­glei­chen. Ich per­sön­lich glau­be nicht, dass es für den Kon­flikt zwi­schen Is­rae­lis und Pa­lä­sti­nen­sern ei­ne mi­li­tä­ri­sche Lö­sung gibt, bei der nicht ei­ne der bei­den Par­tei­en de fac­to ver­nich­tet wür­de. Was den Weg der Frie­dens­ver­hand­lun­gen be­trifft, so hängt wohl viel von den Ent­wick­lun­gen im Iran ab. Denn je wei­ter Te­he­rans Atom­pro­gramm vor­an­schrei­tet, um­so ner­vö­ser wer­den die Staa­ten in der Re­gi­on – und plötz­lich könn­ten Ko­ali­tio­nen ent­ste­hen, die vor Jah­res­frist noch un­vor­stell­bar ge­we­sen wä­ren. An­de­rer­seits könn­te na­tür­lich auch durch ei­nen even­tu­el­len Zu­sam­men­bruch des Mul­lah-Re­gimes dem pa­lä­sti­nen­si­schen Ter­ro­ris­mus der Nähr­bo­den ent­zo­gen wer­den. Oder aber es bleibt al­les beim Al­ten.

    #19

  20. @Zehner
    Das ira­ni­sche Atom­pro­gramm hat pri­mär mit dem is­rae­lisch-pa­lä­sti­nen­si­schen Kon­flikt nichts zu tun. Ich hal­te die Un­ter­stüt­zung der Pa­lä­sti­nen­ser durch die »Mul­lahs« für weit uber­schätzt. Selbst­mord­at­ten­ta­te be­dür­fen eben kei­ner be­son­de­ren Lo­gi­stik; hier­in liegt ja ih­re »Stär­ke«. Die Ra­ke­ten von Ga­za aus sind auch nicht ge­ra­de in­no­va­tiv, hal­ten je­doch die Ge­walt­spi­ra­le im­mer wie­der in Gang, weil Is­ra­el per­ma­nent in die Fal­le tappt. Statt Ab­bas durch Zu­ge­ständ­nis­se im West­jor­dan­land (Sied­lungs­stop) zu stär­ken, ist er nur noch ein Grüss­au­gust für aus­län­di­sche Staats­gä­ste.

    Der Kon­flikt im West­jor­dan­land ist sehr wohl mit Nord­ir­land ver­gleich­bar – hier wie dort han­delt es sich um ei­ne min­de­stens ge­fühl­te Be­sat­zungs­si­tua­ti­on. Un­ter­schie­de gibt es in den Men­ta­li­tä­ten, aber auch die dürf­ten über­wind­bar sein, wenn man tat­säch­lich an ei­ner Lö­sung in­ter­es­siert ist. Der­zeit ha­ben aber bei­de Sei­ten mehr Vor­tei­le in Auf­recht­erhal­tung des Sta­tus quo. Da­her wird nichts ge­än­dert.

    #20