Li­te­ra­tur­kri­tik spie­len

Nach dem Fat­wa-Text ei­nes ge­wis­sen Edo Re­ents über Ju­dith Her­mann (am Ran­de ging es dort auch um ihr Buch »Al­ler Lie­be An­fang«) gab es aus dem er­lauch­ten Kreis nach zeit­li­cher Ver­zö­ge­rung nur zwei Stim­men, die sich ge­nö­tigt sa­hen zu wi­der­spre­chen. Die ei­ne ist Iris Ra­disch in der »Zeit«, de­ren Text zur Si­cher­heit erst gar nicht on­line ge­stellt wur­de. Ra­disch neigt ja ge­le­gent­lich sel­ber zum per­so­na­len Über­griff in ih­ren Kri­ti­ken, ei­ne grö­sse­re Dis­kus­si­on wä­re viel­leicht nicht ge­wünscht ge­we­sen. Ger­rit Bar­tels kon­tra­stier­te dann für den »Ta­ges­spie­gel« die »eke­li­ge Dop­pel­mo­ral« der FAZ im »Fall« von Ju­dith Her­mann: Vier Wo­chen vor­her wur­de sie in ei­nem In­ter­view noch ge­fei­ert, jetzt ver­teu­felt. »Kann nicht schrei­ben die Frau, aber als Co­ver­girl brau­chen wir sie doch!«, so Bar­tels’ ziem­lich tref­fen­de Ana­ly­se.

Für die »Welt« hat nun Til­man Krau­se ei­nen klei­nen Text zu Her­manns Buch ge­schrie­ben. Der Ti­tel spielt na­tür­lich auf Her­manns er­stes Buch »Som­mer­haus, spä­ter« an und soll Ori­gi­na­li­tät auf­zei­gen. Dann ver­pass­te man dem Buch das Ru­brum »um­strit­ten«. Wie so oft bleibt un­klar, was »um­strit­ten« ei­gent­lich be­deu­ten soll. Dass es di­ver­gie­ren­de Ur­tei­le zu Ro­ma­nen gibt? Dass Re­ents’ Un­ver­schämt­heit zag­haft kri­ti­siert wur­de? Oder dass es sich, wie Til­man Krau­se sanft in­si­nu­iert, um ei­ne Ad­ap­ti­on ei­nes Stof­fes von Pa­tri­cia Highs­mith han­delt?

Im­mer­hin, Krau­se will wie­der zu­rück zum Buch. Aber min­de­stens den Ein­stieg von sei­nem Text zu ana­ly­sie­ren lohnt sich, weil er ge­wis­se Skan­da­li­se­rungs­me­cha­nis­men des Li­te­ra­tur­be­triebs wie auf ei­ner Pe­tri­scha­le sicht­bar macht (al­le Kur­siv­set­zun­gen aus Krau­ses Text).

Krau­se be­ginnt mit ei­ner als Fra­ge ge­klei­de­ten Fest­stel­lung:

Wer hät­te ge­dacht, dass wir ge­ra­de Ju­dith Her­mann die er­ste klei­ne Li­te­ra­tur­de­bat­te des be­gin­nen­den Bü­cher­herb­stes ver­dan­ken wür­den?

»Wir« (wer ist das ge­nau?) ha­ben al­so ei­ne »klei­ne Li­te­ra­tur­de­bat­te«, die »wir« Ju­dith Her­mann zu »ver­dan­ken« ha­ben. Ist es aber nicht eher so, dass die­se »De­bat­te« dar­über ge­führt wird, wie ei­ne so­ge­nann­te Re­zen­si­on als Au­torin­nen­ver­nich­tungs­text da­her kommt? Dem­zu­fol­ge hät­ten wir die­se »De­bat­te« nicht Ju­dith Her­mann son­dern Edo Re­ents zu »ver­dan­ken«.

Ei­ne »Li­te­ra­tur­de­bat­te« kann man es aber kaum nen­nen. Zum ei­nen geht es nicht um äs­the­ti­sche Fra­gen, son­dern (1.) dar­um, dass Frau H. nicht schrei­ben kann und (2.) aus ei­nem 220seitigen Text ein paar Stel­len ge­fun­den wur­den, die iso­liert be­trach­tet, holp­rig er­schei­nen.

Ei­ne Li­te­ra­tur­kri­tik-De­bat­te ist es üb­ri­gens auch nicht, weil die Mas­se der Kri­ti­ker nur hoch­ge­zo­ge­ne Au­gen­brau­en zu­stan­de bringt und nicht ris­kie­ren möch­te, es sich mit ei­nem viel­leicht dem­nächst bei der FAZ in pro­mi­nen­ter Po­si­ti­on sit­zen­den »Kol­le­gen« zu ver­scher­zen.

Krau­se kommt in sei­nem Text auf Re­ents zu spre­chen:

Da die­se Frau et­was Exi­sten­zi­el­les an­spricht, ruft sie aber auch Re­ak­tio­nen her­vor, die über das Re­zen­so­ri­sche hin­aus­ge­hen: »Ju­dith Her­mann hat zwei Pro­ble­me: Sie kann nicht schrei­ben, und sie hat nichts zu sa­gen«, be­fand, nicht oh­ne Kopf-ab-Aplomb, Edo Re­ents in der »Frank­fur­ter All­ge­mei­nen«.

Vor­her hat­te Krau­se noch von ei­ner Ma­sche Ju­dith Her­manns ge­schrie­ben und er mein­te die ein­fa­chen Sät­ze[], die noch da­zu vol­ler Wort­wie­der­ho­lun­gen stecken. Al­so es muss min­de­stens Ma­sche hei­ssen, »Me­tho­de« reicht nicht.

Aber jetzt plötz­lich spricht sie et­was Exi­sten­zi­el­les an, dass Re­ak­tio­nen her­vor­ruft, die über das Re­zen­so­ri­sche hin­aus­ge­hen. Krau­se macht ei­nen Kopf-ab-Aplomb aus, schreibt aber die »Schuld« dar­an der Au­torin zu, nicht dem Kri­tiker­dar­stel­ler Re­ents, der, so legt die­se Stel­le na­he, nur in­fol­ge ei­nes Af­fekts aus­fäl­lig ge­wor­den sei. Mil­dern­de Um­stän­de so­zu­sa­gen.

Die Kri­tik von Iris Ra­disch be­zeich­net Krau­se als Ord­nungs­ruf. All dies sei innerbetrieb­liche[s] Hick­hack und ei­gent­lich satt­sam be­kannt.

Dass man ei­ner Au­torin öf­fent­lich die Fä­hig­keit ab­spricht, Li­te­ra­tur schrei­ben zu kön­nen, hal­te ich ei­gent­lich nicht für Hick­hack und auch nicht für ei­ne Pe­ti­tes­se, über die man als in­ner­be­trieb­li­che Que­re­len ab­tun kann. Aber Krau­se will weg vom Mi­nen­feld Li­te­ra­tur­be­trieb und un­be­dingt sei­ne Ent­deckung los­wer­den.

Liest man »Al­ler Lie­be An­fang« ge­nau, stellt man fest, dass sich das Buch in sei­ner Struk­tur an ein be­rühm­tes Vor­bild an­lehnt, den Psy­cho­kri­mi »Der Schrei der Eu­le« von Pa­tri­cia Highs­mith (er­schie­nen 1962).

Im­mer­hin gilt es noch den klei­nen Sei­ten­hieb mit dem liest man…genau. Wo­bei ich mir schon die Fra­ge stel­le: Ist das nicht ei­gent­lich ei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit für ei­nen Kri­ti­ker »ge­nau« zu le­sen? In et­wa zu ver­glei­chen mit der Aus­sa­ge: »Wenn man nicht be­sof­fen Au­to fährt…«?

Von nun an aber wid­met sich Krau­se sei­nem Ver­gleich zwi­schen Her­mann und Highs­mith. Das ist im­mer­hin ei­ne Ent­deckung; in­wie­weit sie zün­det, bleibt un­klar, da Krau­se nur nach Ge­mein­sam­kei­ten und Dif­fe­ren­zen zwi­schen den Bü­chern im Plot sucht und am En­de bei­den Au­torin­nen be­schei­nigt sie sei­en im heu­ti­gen Sin­ne »un­cool«. Im­mer­hin.

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