Ku­re oder Wie man ei­ne Stadt doch noch ent­deckt

Ku­re. War­um nicht. Ich kann­te die Stadt na­tür­lich, hat­te mich ihr aber nie von hin­ten ge­nä­hert, im­mer nur von der Sei­te. Und ein­mal von vor­ne, bei der Rück­kehr aus Mats­u­ya­ma, auf der Haupt­in­sel Shi­ko­ku, mit dem Schiff. Der Kö­nigs­weg um ei­ne Stadt am Meer ken­nen­zu­ler­nen, sagt man. Aber nicht je­de die­ser Städ­te trägt ein so of­fe­nes Ge­sicht wie Ve­ne­dig, vie­le ver­schlie­ßen sich, sie er­war­ten kei­ne wohl­wol­len­den Be­su­cher, son­dern Ge­fah­ren, Tai­fu­ne, Spring­flu­ten, Feuch­tig­keit, feind­li­che Schif­fe.

So war es auch, als ich Ca­ta­nia ken­nen­lern­te, die Stadt in Si­zi­li­en, am Fuß des Ät­na hin­ge­streckt. Die Flan­ke des Vul­kans steigt lang­sam und ste­tig an – und um­ge­kehrt, man geht den Weg hin­un­ter, dem Meer zu, das man von wei­ter oben sehr schön se­hen kann, aber wei­ter un­ten sind dann Ge­bäu­de da­vor, nur noch Him­mel dar­über. Als ich das er­ste Mal nach Ca­ta­nia kam, such­te ich nach dem Meer, aber je wei­ter ich in die Rich­tung mar­schier­te, in der es lie­gen muß­te, de­sto häß­li­cher und be­droh­li­cher wur­de die Ge­gend. Mit wei­chen Knien kehr­te ich um, nach­dem mir ein dicker Mann auf ei­nem stot­tern­den Mo­fa ent­ge­gen­ge­kom­men war, bö­se Gri­mas­se schnei­dend, ein­hän­dig fah­rend, mit der an­de­ren Hand Schlä­ge ge­gen mich aus­tei­lend, die mich nicht er­reich­ten und den­noch tra­fen. Nein, die Ge­gen­den zum Meer hin sind nicht im­mer herz­er­fri­schend. Vie­le Städ­te wen­den sich vom Meer ab und zie­hen Schutz­vor­rich­tun­gen ge­gen die er­wähn­ten Ge­fah­ren hoch. Nur Ur­lau­ber aus Bin­nen­län­dern den­ken im­mer, am Meer müs­se es am schön­sten sein. Sie ken­nen das Meer, sei­ne Lau­nen und sei­ne Ge­walt nicht. Mar­seil­le ist ei­ne Aus­nah­me, ge­wiß. Auch Bar­ce­lo­na… Es gibt vie­le Aus­nah­men, of­fe­ne Städ­te – schon siehst du dich die Ca­ne­biè­re hin­un­ter­schlen­dern, bis sie in den Al­ten Ha­fen mün­det, am Kai setzt du dich auf die Ter­ras­se ei­nes Ca­fés, war­test auf die Meer­jung­frau, von der du bei Yo­ko Ta­wa­da ge­le­sen hast…

Auch in Ku­re geht es ge­mäch­lich berg­ab, aber erst ge­gen En­de der Rei­se, wenn man aus dem Hin­ter­land ge­kom­men ist, über die Ber­ge und Steil­stra­ßen. Die­ses Hin­ter­land ist äu­ßerst zer­klüf­tet, zu­gleich dicht be­wal­det; bei Un­wet­tern lö­sen sich da und dort Hän­ge, und den Kuro­se-Fluß her­un­ter kom­men Fels­brocken ge­don­nert. Der­zeit wird al­les re­gu­liert, be­rei­nigt, Bag­ger ste­hen im Fluß­bett, man sieht frisch er­rich­te­te, hell leuch­ten­de Schutz­wäl­le. Es ist ein ewi­ger Kampf mit der Na­tur. Ein Zu­sam­men­le­ben, aber im­mer auch ein Kampf. Wenn man sich nun der Stadt nä­hert, ih­ren Aus­läu­fern, die sich in klei­ne­re Buch­ten er­strecken und die Hän­ge hin­auf­schie­ben, be­ginnt die­se leich­te, fast möch­te ich sa­gen: lieb­li­che Nei­gung, die uns dem hier schon ahn­ba­ren Meer ent­ge­gen­führt. Oder ist es gar nicht das Meer, al­len­falls ein schma­ler Strei­fen, da­hin­ter schlum­mert der In­sel­rücken wie ein trä­ges Rie­sen­tier? Die In­sel Eta­ji­ma, ge­nau. Schräg ge­gen­über von Ku­re liegt Ko­yo, ei­ne Fäh­re ver­bin­det die bei­den Or­te. Con­ca d‘oro oder con­cha de pla­ta, Gold oder Sil­ber oder Be­ton­grau, das Land wei­tet sich zur Mu­schel, be­vor es dem Was­ser be­geg­net.

Die­se Ei­gen­schaf­ten blie­ben mir bei mei­nen er­sten Be­su­chen in der Stadt Ku­re ver­bor­gen. Er­stens, weil ich von der Sei­te kam, mit der Ei­sen­bahn die Kü­sten­li­nie ent­lang, und zwei­tens, weil ich mir ein­bil­de­te, mich so­gleich dem Meer nä­hern zu müs­sen, vom Bahn­hof hin­un­ter zum Ha­fen. Doch die­ser Raum war dem Blick ver­hüllt, ein über­dach­ter Hoch­weg über­geht gleich­sam die Miets­häu­ser und Bü­ros und Mu­se­en, läßt sich von den Zwei­gen der Bäu­me ei­nes klei­nen Shin­to-Parks strei­cheln, durch­schießt end­lich ein gro­ßes Kauf­haus, ehe er das Ter­mi­nal und die Piers er­reicht, von de­nen die Schif­fe nach Shi­ko­ku und zu den klei­ne­ren In­seln ab­le­gen. In der Bucht links lie­gen im­mer ei­ni­ge die­ser maus­grau­en Kriegs­schif­fe, da­hin­ter recken sich die Krä­ne der Werf­ten, et­was we­ni­ger auf der rech­ten Sei­te der Bucht. Die gan­ze In­du­strie­ge­gend ist un­zu­gäng­lich, so lan­det man no­lens vo­lens in ei­nem der städ­ti­schen Mu­se­en.

Ku­re wur­de im Ju­li 1945 bom­bar­diert und weit­ge­hend zer­stört, we­ni­ge Ta­ge vor dem omi­nö­sen 6. Au­gust, als das Zen­trum von Hi­ro­shi­ma aus­ge­löscht wur­de (wo es kei­ne Werf­ten und auch sonst kei­ne In­du­strie gab, nur be­schei­de­ne Hüt­ten, Schu­len, Tem­pel, Schrei­ne, Ge­schäf­te, das Ge­bäu­de der re­gio­na­len Han­dels­ver­ei­ni­gung, das hi­sto­ri­sche Schloß, in dem kei­ne Macht­ha­ber mehr hau­sten und al­len­falls ein paar al­te Schwer­ter aus­ge­stellt wur­den). Die Stadt Ku­re ist heu­te mu­sea­li­siert, nach­dem die ja­pa­ni­sche Kriegs­in­du­strie ih­re Blü­te­zeit längst über­schrit­ten hat.

Ei­nes die­ser Mu­se­en ist ein U‑Boot, das vor dem Su­per­markt Yo­u­me-Town auf Stel­zen über dem Asphalt schwebt. Ich ha­be es zwei­mal mit mei­ner Toch­ter be­sucht, als sie noch klein war, weil die tau­sen­den Schal­ter und glanz­po­lier­ten Häh­ne und He­bel und Lei­tern und Ziel­schei­ben und was es noch al­les zu se­hen gibt in die­ser en­gen läng­li­chen Höh­le, für kind­li­che Ge­mü­ter, zu de­nen ich mich zäh­le, an­zie­hend und un­ter­halt­sam ist. Daß ein sol­ches Ding, Sub­ma­ri­ne 6 ge­nannt, ein paar Ki­lo­me­ter von hier ent­fernt mit­samt sei­ner Be­sat­zung ge­sun­ken ist, er­fährt man im Ya­mato-Mu­se­um, das sei­ne hi­sto­ri­schen Er­läu­te­run­gen rund um das sei­ner­zeit größ­te, na­tür­lich in Ku­re er­bau­te Kriegs­schiff der Welt, das hier in ver­klei­ner­tem Maß­stab re­pro­du­ziert wur­de – eins zu zehn, das Mo­dell et­wa zwan­zig Me­ter lang – auf­baut und aus­stellt, un­ter­malt von fröh­li­cher Marsch­mu­sik. Auch Flug­zeug­trä­ger wur­den in der Stadt fa­bri­ziert und ein Flug­zeug steht tat­säch­lich im Mu­se­um, ei­ne der be­rühm­ten Ze­ro-Ma­schi­nen, die auch für Ka­mi­ka­ze-An­grif­fe ver­wen­det wur­den. In dem Ab­schnitt, wo von die­sem The­ma die Re­de ist – et­wa hun­dert jun­ge Pi­lo­ten be­gin­gen da­mals zwangs­wei­se oder dienst­fer­tig Selbst­mord –, den­ke ich nur ei­nes: Arsch­lö­cher. Und als ich an den Bil­dern vom Atom­an­griff vor­bei­kom­me, an dem rie­si­gen wal­len­den Pilz, ge­se­hen von Ku­re aus, Ent­fer­nung et­wa drei­ßig Ki­lo­me­ter, schießt mir wie­der nur ein Wort ein: Arsch­lö­cher. Arsch­lö­cher hier wie dort. Un­se­re Vor­fah­ren und zu­letzt wir selbst.

Ich den­ke an Ei­en no Ze­ro, »Flug in die Ewig­keit« (so un­ge­fähr), den Film, den ich vor acht Jah­ren ge­se­hen ha­be, und auch an Ka­ze ta­chinu, »Wenn der Wind sich hebt« (Zi­tat von Paul Va­lé­ry, quand le vent se lè­ve), den letz­ten Film von Ha­yao Mi­ya­za­ki, er­in­ne­re ich mich jetzt. In Ei­en no Ze­ro steht ein Flie­ger, ei­ner der be­sten, wie es heißt, im Mit­tel­punkt: kein stäh­ler­ner Held, son­dern ein Fa­mi­li­en­va­ter, der lie­ber nach Hau­se möch­te, aber nicht heim­keh­ren darf, weil er für den Ten­no und sein Volk in den Tod flie­gen muß. Mi­ya­za­ki wie­der­um hat den Mann por­trä­tiert, der die Ze­ro-Ma­schi­ne ent­wickel­te – wo­bei die letz­ten Bil­der des Films die Zer­stö­rung des­sen zei­gen, was Ji­ro, der hoch­be­gab­te krea­ti­ve In­ge­nieur, ein sanf­ter, ver­ständ­nis­vol­ler Mensch, mit so viel En­ga­ge­ment aus­ge­dacht, ent­wor­fen und ver­wirk­licht hat­te. Trau­ri­ge Ge­schich­ten, miß­brauch­te In­tel­li­gen­zen und je­de Men­ge Arsch­lö­cher, da­zu die ge­sichts­lo­sen Op­fer – das ist die Ge­schich­te des 20. Jahr­hun­derts. Nicht nur, aber auch in Ja­pan ist sie so ge­lau­fen, und vie­le kom­men hier­her, nach Ku­re, na­tio­nal­stol­ze Tou­ri­sten, um der ein­ge­bil­de­ten ein­sti­gen Herr­lich­keit und den un­glück­lich ver­lo­re­nen Chan­cen nach­zu­trau­ern. So ist es, da­von lebt heu­te die Stadt.

Sie lebt recht und schlecht, be­müht, das al­te Ni­veau zu hal­ten, aber man merkt den Ver­fall, durchs Bus­fen­ster neh­me ich die auf­ge­ge­be­nen, zer­bre­chen­den, müll­ge­füll­ten Häu­ser in adret­ter Um­ge­bung wahr. Un­über­seh­bar ist auch hier die Schrump­fung am Werk. Von den zwei Ufer­pro­me­na­den der links und rechts vom Ha­fen mün­den­den Flüs­se ist die ei­ne auf­wän­dig-auf­fäl­lig ge­pflegt, die an­de­re aber ver­nach­läs­sigt, Holz und Stein ver­wit­tert, Ei­sen ver­ro­stet. Ge­nug Ge­schich­te, dach­te ich und mach­te mich auf den Weg land­ein­wärts, Berg­ket­ten vor Au­gen, und ent­deck­te, daß die wah­re, die ei­gent­li­che Stadt erst hier be­ginnt, mit die­sem sanf­ten An­stieg, hoch das Herz, mit die­sem leich­ten Auf­flug ent­lang der bei­den Flüs­se, der Leit­li­ni­en am lin­ken und am rech­ten Rand der In­nen­stadt, wo­bei die lin­ke, al­so west­li­che Pro­me­na­de von Schilf und Gras wu­cher­te, aber im­mer noch wa­ren da Sitz­bän­ke, Kin­der­spiel­plät­ze, Turn­ge­rä­te, die sel­ten, aber doch noch ge­braucht wur­den. Er­reich­te dann, nach­dem ich in öst­li­cher Rich­tung ab­ge­bo­gen war, den shou­ten­gai, die über­dach­te Ge­schäfts­stra­ße mit den ob­li­quen und ob­li­ga­ten Sei­ten­sträß­chen, von de­ren Exi­stenz ich (ehr­lich ge­sagt) schon wuß­te, weil ich dort in der Nä­he, in ei­nem präch­ti­gen Kul­tur­zen­trum (von we­gen Nie­der­gang!), ein­mal ein No-Thea­ter­stück ge­se­hen hat­te (bis auf den letz­ten Platz aus­ver­kauft!), kam dort zu­nächst an ei­ner auf­ge­las­se­nen Schu­le vor­bei, ei­nem gro­ßen Kom­plex mit wei­tem Vor­platz, der einst zu Sport und Spiel ge­dient hat­te, sei­ne Sei­ten und Win­kel wie auch die In­nen­hö­fe mit mäch­ti­gen Bäu­men und zier­li­chen, aber ver­wil­dern­den Bü­schen be­stan­den, ei­ne Pla­ta­ne dar­un­ter, ein hier­zu­lan­de sel­te­ner Baum, so­wie ein rie­si­ger Na­del­baum, des­sen Na­men ich nicht ent­zif­fern konn­te (ei­ni­ge Bäu­me tru­gen er­zie­hungs­be­wuß­te Na­mens­schil­der um den Stamm). Durch die Fen­ster er­blick­te ich weh­mü­tig die Schul­ta­feln; auf ei­ner stand so­gar noch et­was mit Krei­de ge­schrie­ben, man hat­te es zu lö­schen ver­ges­sen. Als An­denken nahm ich ei­ne Pla­ta­nen­ku­gel mit nach Hau­se und ei­nen gro­ßen, kom­pak­ten hell­grü­nen Zap­fen, den ich, weil das Harz kleb­rig war, in das Pla­stik­horn steck­te, das ein Eis­esser acht­los weg­ge­wor­fen hat­te.

Der zwei­te, schmä­le­re Fluß, eher ein Bach, je­den­falls in die­ser re­gen­ar­men Zeit, die Ver­bau­ung läßt Hoch­was­ser­ta­ge ah­nen – die­ses zwei­te Flüß­chen wird von ei­ner brei­ten We­gen flan­kiert, mal links, mal rechts, oft beid­sei­tig, ei­ne Pro­me­na­de, die die­sen Na­men wirk­lich ver­dient: Ort zum Lust­wan­deln oder auch, um sich nie­der­zu­las­sen, aus­zu­ru­hen oder zu schla­fen (ein Al­ter aus­ge­streckt auf ei­ner Bank). Auf der an­de­ren Sei­te des Flüß­chens be­gann schon das al­te Vier­tel, das ganz und gar den Flair der Showa-Zeit at­met, wo­bei in die­sem Fall das Wort »Nach­kriegs­zeit« an­ge­mes­se­ner scheint, es han­delt sich um die Jahr­zehn­te bis 1989, als der Ten­no Hi­ro­hi­to starb. Jetzt war ich ehr­lich hung­rig und be­trat aufs Ge­ra­te­wohl ein Re­stau­rant, ein ziem­lich alt­ge­dien­tes, statt ei­ner Kli­ma­an­la­ge blie­sen gro­ße und klei­ne Ven­ti­la­to­ren in den Raum. Ich hielt es zu­erst für ein chi­ne­si­sches, we­gen der prot­zi­gen Bod­dhi­sat­wa-Fi­gur und vie­ler­lei Krims­krams, vor al­lem aber we­gen des non­cha­lan­ten Ver­hal­tens sei­ner Be­leg­schaft (Gä­ste wa­ren au­ßer mir kei­ne im Lo­kal), we­gen der ge­rin­gen Höf­lich­keit, fast Gleich­gül­tig­keit, mit der ich be­han­delt wur­de, und schließ­lich we­gen der Art, wie die Leu­te ge­klei­det wa­ren: grell­dun­kel, wür­de ich sa­gen.

Es war aber ein ja­pa­ni­sches Fa­mi­li­en­re­stau­rant. Der Mann nahm mei­ne Be­stel­lung auf, hin­ter der The­ke saß ei­ne dicke run­de Frau, noch kei­ne drei­ßig, vor ihr auf der The­ke ein Jun­ge im Kin­der­gar­ten­al­ter, mit ei­nem Smart­pho­ne spie­lend und ei­ne Pla­stik­bril­le mit au­ßer­or­dent­lich dicken Glä­sern mit wei­ßer Pla­stik­fas­sung auf der Na­se, die Bü­gel hin­ten durch ei­ne ro­te Schnur ver­bun­den, da­mit ihm das Kon­strukt nicht zu Bo­den fiel. Die jun­ge Mut­ter war mit ir­gend­wel­chen Klei­der­stof­fen be­schäf­tigt, und spä­ter füt­ter­te sie ih­rem Jun­gen dün­ne Nu­deln, wo­bei er mehr­mals nach Reis ver­lang­te (den er auch be­kam). Noch spä­ter tauch­te hin­ter der The­ke ein klei­nes Mäd­chen auf, fast noch ein Ba­by; beim Be­zah­len an der Kas­sa sah ich, daß es in ei­ner Wie­ge ge­schla­fen hat­te. Auch die Be­woh­ner und die Ar­bei­ten­den wa­ren in die­sem Stadt­teil An­ge­hö­ri­ge der Showa-Zeit, nicht nur die al­ten, son­dern auch die jun­gen, so­gar die Klein­kin­der, sie hat­ten die­sel­ben Ge­sten, die­sel­ben Kör­per­hal­tun­gen, die­sel­be Sprech­wei­se von einst-und-im­mer-noch und schie­nen zu­frie­den da­mit.

Zum Ab­schluß dei­nes Aus­flugs in die an­de­re Zeit gehst du noch in ein Ca­fé, sag­te ich mir; und zwar in das an der Ecke, wo man über Flüß­chen und Pro­me­na­de hin­weg zum Kul­tur­pa­last sieht. Am Ein­gang wa­ren die Ta­feln mit den Spei­sen und Ge­trän­ken ver­wit­tert, die Krei­de­schrift zit­te­rig, die äu­ße­re Ver­klei­dung des Hau­ses fa­den­schei­nig, aber drin­nen – fast soll­te ich sa­gen: drin­nen das Ge­gen­teil, aber auch wie­der nicht, denn die­se halb­dunk­le Höh­le mit dunk­ler Holz­tä­fe­lung paß­te zum Showa-Stil, es war ei­ne Va­ri­an­te da­von. Ei­ne, die ich aus To­kyo kann­te (dort oft in Un­ter­ge­scho­ßen be­hei­ma­tet), die­se wie eng­li­sche Pubs aus­se­hen­den Kaf­fee­häu­ser, wo in Glas­ku­geln über hell­blau­en Flämm­chen Kaf­fee ge­sie­det wird, der dann in dünn­wan­di­ge, je­weils ver­schie­de­ne, »in­di­vi­du­ell« ver­zier­te Tas­sen ge­gos­sen wird. Die bei­den Be­trei­ber, der Chef hin­ter der The­ke, vor der ei­ni­ge Bar­hocker stan­den, und sein An­ge­stell­ter oder Freund (oder bei­des) als Kell­ner, wa­ren noch nicht alt, der Jün­ge­re der bei­den zeig­te er­le­se­ne Ma­nie­ren, fast so, als woll­te er die Showa-Leu­te am an­de­ren En­de des Shou­ten­gai-Sei­ten­gäß­chens be­schä­men (aber die lie­ßen sich nicht be­schä­men, das ge­hör­te zu ih­rer Na­tur), der Äl­te­re in sei­nem The­ken­uni­ver­si­um wie in ei­nem Cock­pit, ei­ne Höh­le im In­nern der Höh­le, zeig­te das Selbst­be­wußt­sein ei­nes er­fah­re­nen Bar­kee­pers. Das Me­nü durch­blät­ternd, schwank­te ich zwi­schen ei­ner kom­pli­zier­ten Pud­ding-Eis-Waf­fel-Kom­po­si­ti­on, die das Ya­mato-Kriegs­schiff (mit­samt Na­tio­nal­flag­ge) dar­stell­te, und ei­nem schlich­ten Omu-Ri­ce und ent­schied mich für die er­näh­rungs­mä­ßig ver­nünf­ti­ge­re, wenn auch kaum sym­bol­träch­ti­ge Al­ter­na­ti­ve.

Aus dem Schat­ten her­aus sprach mich ei­ne Frau an. Sie hat­te ge­war­tet, bis ich fer­tig­ge­ges­sen hat­te, leg­te dann aber gleich los, ei­ne Stamm­gä­stin, so selbst­ver­ständ­lich saß sie in ih­rer Ecke. Die­se war nun wirk­lich alt, mit schö­nem, vol­lem Haar, das sie hoch­ge­steckt trug, und eben­so schö­nen, kla­ren Fur­chen im Ge­sicht: vor dem Krieg ge­bo­ren, Bom­bar­die­run­gen über­lebt und längst ver­ges­sen… Sie gab vor, mich zu ken­nen, mir schon ein­mal be­geg­net zu sein.

Ach, wirk­lich?

»Wa­ren Sie nicht« – sie nann­te das ge­naue Da­tum – »letz­tes Jahr am so­und­so­viel­ten Ja­nu­ar, als sol­che Ver­an­stal­tun­gen noch er­laubt wa­ren, bei der Thea­ter­auf­füh­rung? Und sind Sie nicht selbst ei­ne Art Schau­spie­ler, oder den­ken sich Schau­spie­le aus?«

Rich­tig, es war je­nes No-Stück, das so end­los ge­dau­ert hat­te, bis ich mich in die fast lee­re Büh­ne ge­wis­ser­ma­ßen ein­ge­wöhnt hat­te und am En­de so­gar trau­rig war, daß ich die Phan­ta­sie­welt wie­der ver­las­sen muß­te. In der Pau­se hat­te mich mei­ne Nach­ba­rin an­ge­spro­chen, ei­ne Oma, die in Be­glei­tung ih­rer En­ke­lin ge­kom­men war (der ein­zi­ge jun­ge Mensch im gan­zen Pu­bli­kum), die sie nun, in der Pau­se zwi­schen Vor­spiel und Haupt­stück, ver­an­laß­te (oder zwang), ein paar Wor­te auf eng­lisch mit mir zu wech­seln. Die En­ke­lin sprach tat­säch­lich un­ge­wöhn­lich gut und üb­te ei­ne stil­le An­zie­hungs­kraft aus, ob­wohl sie kaum sieb­zehn ge­we­sen sein dürf­te (kei­ne Schön­heit, das Ge­sicht hat­te ich längst ver­ges­sen), und ich fühl­te mich ge­schmei­chelt und be­mü­ßigt, ihr zu zei­gen, daß ich et­was von den Kün­sten ver­stand und so­gar selbst ein we­nig da­zu bei­trug, wenn­gleich in deut­scher Spra­che, für hei­mi­sches, al­so frem­des Pu­bli­kum.

Mei­ne Sitz­nach­ba­rin war of­fen­sicht­lich mit der Ca­fé-Stamm­gä­stin be­freun­det, oder es kann­ten sich hier ein­fach al­le, und die En­ke­lin hat­te über­setzt und die Groß­mutter sich be­eilt, die In­for­ma­tio­nen wei­ter­zu­ge­ben.

Mir fiel da­zu nichts Bes­se­res ein als ein pseu­do­phi­lo­so­phi­scher Kom­men­tar: »Spie­len wir nicht al­le un­ser Le­ben?«

»Rich­tig«, ant­wor­te­te sie, »und jetzt ha­ben wir un­se­ren gro­ßen Auf­tritt als Duo.«
Ich fürch­te­te schon, ich wür­de sie nach ei­ner sol­chen Aus­sa­ge nicht mehr los wer­den, aber das Ge­gen­teil war der Fall. Sie ver­tief­te sich wie­der in ih­re Zeit­schrift, be­stell­te spä­ter ein Sand­wich, ein hot­to san­do, und ich be­fand mich plötz­lich in ei­nem Ru­he­raum, ei­ner Höh­le in der Höh­le in der Höh­le (mit dun­kel-durch­schei­nen­den Wän­den), wo es mir mög­lich war, je­ne Hand­tel­ler­ge­schich­te Yasu­na­ri Ka­wa­ba­tas zu le­sen, die mir seit so vie­len Jah­ren ver­schlos­sen ge­blie­ben war. Ich kam mit dem längst ver­stor­be­nen Au­tor ins Ge­spräch, die al­te Frau dien­te als Kupp­le­rin:

»War­um müs­sen wir schla­fen, wenn wir uns doch so sehr lie­ben?«

»Aber es gibt nichts Selbst­ver­lieb­te­res als zu schla­fen.«

»Nun, dann wer­de ich den Rat der Al­ten be­fol­gen und dich mit dem ge­floch­te­nen Band mei­ner Haa­re an mich fes­seln.«

Am En­de konn­ten wir so­gar ein­schla­fen, in­dem wir ver­ga­ßen, daß der Ge­lieb­te an un­se­rer Sei­te lag.
. . .
»Bist du noch da?«

Mit die­ser Fra­ge en­det un­se­re Ge­schich­te, auf­ge­zeich­net im sech­sten Mo­nat des drit­ten Rei­wa-Jahrs im Showa-Vier­tel der al­ten Kriegs­stadt Ku­re.

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