Der Is­la­mi­sche Staat: I. Ei­ne un­be­ant­wor­te­te Fra­ge.

In die­sem und den fol­gen­den Tex­ten sol­len ei­ni­ge Ge­dan­ken und As­so­zia­tio­nen die mit dem aus­ge­ru­fe­nen Ka­li­fat (dem Is­la­mi­schen Staat) im wei­te­sten Sinn in Zu­sam­men­hang ste­hen, for­mu­liert wer­den, mehr als The­sen und Aus­gangs­punk­te all­fäl­li­ger Dis­kus­sio­nen, denn als ab­ge­schlos­se­ne Über­le­gun­gen.

Is­la­mic Sta­te (IS): Die eng­li­sche Ab­kür­zung klingt noch selbst­be­wuss­ter, ri­gi­der, als die deut­sche Über­set­zung oder an­de­re zu­vor von der Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on ver­wen­de­te Selbst­be­zeich­nun­gen, da al­le re­la­ti­vie­ren­den geo­gra­phi­schen Be­zeich­nun­gen mitt­ler­wei­le weg­ge­fal­len sind. Die ara­bi­schen Ent­spre­chun­gen blei­ben mir lei­der ver­schlos­sen, zu ver­mu­ten ist, dass sich der An­spruch der Or­ga­ni­sa­ti­on ähn­lich dar­stellt, näm­lich der (al­so: ein­zig le­gi­ti­me) is­la­mi­sche Staat zu sein. Die Fak­ten hin­ken die­sem An­spruch hin­ter­her, be­sten­falls kann von ei­nem in Auf­bau be­find­li­chen Staat die Re­de sein (die For­mu­lie­rung die­ser Uto­pie un­ter­stützt frei­lich ih­re Ver­wirk­li­chung und die Re­kru­tie­rung neu­er An­hän­ger). Dar­über hin­aus täuscht die­se Selbst­be­zeich­nung dar­über hin­weg, dass es ei­ne Rei­he von Staa­ten gibt, die sich ex­pli­zit als is­la­misch be­zei­chen und de­ren ge­setz­li­che Grund­la­ge ganz oder in Tei­len die Scha­ria ist (folgt man der Lo­gik des Is­la­mi­schen Staats wä­ren die­se Selbst­be­zeich­nun­gen il­le­gi­tim).

Mit der Pro­pa­gan­da des Is­la­mi­schen Staats und sei­ner of­fen zur Schau ge­stell­ten Ge­walt, die zwar ty­pisch für den Ter­ror klei­ner Grup­pen, aber nicht für den von Staa­ten ist, drang sein Na­me in die Be­richt­erstat­tung west­li­cher Me­di­en und ent­fach­te dort Dis­kus­sio­nen dar­über, ob man die Ei­gen­be­zeich­nung der Or­ga­ni­sa­ti­on über­haupt ver­wen­den soll­te, weil man da­mit ih­re Pro­pa­gan­da un­ter­stüt­ze. Ana­log da­zu wer­den al­le Pro­pa­gan­da­vi­de­os, -tweets, -ac­counts, usf., aus so­zia­len Netz­wer­ken oder Vi­deo­por­ta­len ent­fernt, um de­ren Ver­brei­tung zu ver­hin­dern. Das Grund­pro­blem ist hier­bei nicht so sehr die Be­trach­tung der Vi­de­os per se, son­dern die Mög­lich­keit, dass durch de­ren Ver­brei­tung Per­so­nen, die nicht ge­gen den In­halt im­mun sind, zu neu­en Adep­ten wer­den (ei­ner­seits könn­ten sol­che Per­so­nen als neue Kämp­fer in den na­hen Osten rei­sen oder An­schlä­ge in ih­ren Hei­mat­län­dern ver­üben). Im End­ef­fekt ist das ei­ne Prä­ven­ti­ons­maß­nah­me ge­gen die Ver­brei­tung ter­ro­ri­sti­scher Ideo­lo­gie und in wei­te­rer Fol­ge des Ter­rors selbst.

Ganz ähn­lich lässt sich ei­ner der Schlüs­se aus den be­sag­ten Dis­kus­sio­nen zu­sam­men fas­sen: Der Na­me Is­la­mi­scher Staat in­stru­men­ta­li­sie­re ei­ne Re­li­gi­on und rücke sie zu Un­recht in ge­walt­tä­ti­ge und –ver­herr­li­chen­de Um­stän­de. In Wirk­lich­keit ha­be der Is­la­mi­sche Staat mit dem Is­lam nichts zu tun; es wer­de da­durch der Un­ter­schied zwi­schen dem Is­lam, Mus­li­men und dem Is­la­mis­mus ver­wäs­sert.

Tat­säch­lich wird durch die­se Be­haup­tung ei­ne Fest­stel­lung, ei­ne Pro­ble­ma­ti­sie­rung und ein Dis­kurs ver­hin­dert: Die kri­ti­sche Fra­ge nach der Recht­fer­ti­gung von Ge­walt, die die Be­zeich­nung Is­la­mi­scher Staat ar­ti­ku­liert und die im Üb­ri­gen je­de is­la­mi­sti­sche Be­we­gung und auch ei­ni­ge der oben er­wähn­ten Staa­ten (nur eben et­was we­ni­ger ve­he­ment) an­deu­ten, wird aus Grün­den von Kor­rekt­heit, Höf­lich­keit oder Un­wis­sen­heit ver­mie­den (Ähn­lich­keit wird das dort ge­nannt, Be­lie­big­keit dort).

Rich­tig und wich­tig ist es zwi­schen der Pra­xis vie­ler Mus­li­me und ih­ren ver­schie­de­nen Tra­di­tio­nen zu un­ter­schei­den, be­zie­hungs­wei­se die­se Wi­der­sprü­che an­zu­spre­chen. Dar­über hin­aus lässt ei­ne Ar­gu­men­ta­ti­on der Höf­lich­keit und des Gut­mei­nens die (un­aus­ge­spro­che­ne) So­li­da­ri­tät zwi­schen Mus­li­men und der Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on oder an­de­ren is­la­mi­sti­schen Grup­pen un­an­ge­ta­stet (ge­nau­so wie vie­le Men­schen Ver­bre­chen, die von der ei­ge­nen Eth­nie be­gan­gen wer­den, ten­den­zi­ell ver­harm­lo­sen; man sieht zwar die Ge­walt, nimmt die Tä­ter aber als An­hän­ger der­sel­ben Grup­pe wahr und ent­schul­det sie ein Stück weit: ge­fühl­te So­li­da­ri­tät auf der Ba­sis ge­teil­ter Über­zeu­gun­gen oder Ei­gen­schaf­ten).

In Sum­me re­sul­tiert dar­aus ei­ne Nicht­be­fra­gung und ei­ne Hem­mung der Wei­ter­ent­wick­lung von re­li­giö­sen Tra­di­tio­nen durch li­be­ra­le Kräf­te, die ge­ra­de in­ner­halb Eu­ro­pas von ent­schei­den­der Be­deu­tung sind (ein An­stoß dort). Wich­tig ist nicht das An­se­hen ei­ner re­li­giö­sen Tra­di­ti­on oder ob sie sie bes­ser ist als ei­ne an­de­re, son­dern wie ihr tra­di­tio­nel­ler (und theo­lo­gi­scher) Be­stand ent­wickelt wer­den muss, da­mit sie zum Kon­zept der of­fe­nen Ge­sell­schaft (Pop­per) passt: Eu­ro­is­lam hat das Bassam Ti­bi ein­mal ge­nannt.

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  1. Ich fin­de die­se Form der Rat­schlag­ge­bung im­mer ein biss­chen lu­stig. Wer sagt denn, dass bei­spiels­wei­se das »Kon­zept der of­fe­nen Ge­sell­schaft« er­stre­bens­wert zu sein hat? Wo steht das ge­schrie­ben? Könn­te nicht ei­ne Kon­zen­tra­ti­on auf »ge­schlos­se­ne Sy­ste­me«, fe­ste, hier­ar­chi­sche Nor­men eben­falls in­ter­es­sant sein? Der Be­griff des »Eu­ro­is­lam« ist für den We­sten ge­schaf­fen wor­den: Der Is­lam soll da­mit auf den Weg in die Sä­ku­la­ri­sa­ti­on ge­bracht wer­den. Was, wenn das von füh­ren­den mus­li­mi­schen Den­kern (Geist­li­chen, Po­li­ti­kern) gar nicht ge­wollt ist? Was ist, wenn ge­ra­de die Al­li­anz zwi­schen Re­li­gi­on, Recht und so­zia­ler Ord­nung at­trak­ti­ver ist als ei­ne Ge­sell­schaft mit aus­dif­fe­ren­zier­ten Rechts- und So­zi­al­ge­set­zen?

    Hin­zu kommt ja auch, dass es meh­re­re Strö­mun­gen im Is­lam gibt, die zum Teil di­ver­gie­ren­de re­li­giö­se, so­zia­le und po­li­ti­sche Ge­sell­schafts­ent­wür­fe pro­pa­gie­ren. Der Is­lam ist ex­trem he­te­ro­gen; die Tren­nung zwi­schen Sun­ni­ten und Schii­ten ist nur der An­fang. Die Los­lö­sung vom po­li­ti­schen Chri­sten­tum (das, erst ein­mal »Staats­re­li­gi­on« ähn­lich ge­wü­tet hat wie heu­te der IS) hat in Eu­ro­pa rund 800 Jah­re ge­dau­ert; die fran­zö­si­sche Re­vo­lu­ti­on galt als Fa­nal für die Be­sei­ti­gung al­ter, über­kom­me­ner Struk­tu­ren (der Mon­ar­chie, des Ab­so­lu­tis­mus). Auch hier wur­de üb­ri­gens kräf­tig ge­köpft, na­tür­lich nur für die gu­te Sa­che. Da war der 30jährige Krieg schon vier Ge­nera­tio­nen vor­bei.

    Was wir er­fah­ren ist, dass un­ser Mo­dell der Mo­der­ne ins­be­son­de­re was ge­sell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen an­geht, bei vie­len In­ter­pre­ten des Is­lam nicht at­trak­tiv ist. Frei­heit, De­mo­kra­tie, Dis­kurs, das Aus­hal­ten des An­ders-Seins des An­de­ren – das ist für man­che nicht nur schwie­rig, son­dern über­for­dert sie. Die ein­fa­chen Lo­sun­gen sind in­ter­es­san­ter (Eu­ro­pä­er ken­nen das ja aus dem 20. Jahr­hun­dert durch­aus).

    Der geo­po­li­ti­sche An­spruch des IS ist ver­mut­lich mehr als nur ein Eti­kett: Das Sy­kes-Pi­cot-Ab­kom­men, je­ne Ge­heim­über­ein­kunft der bri­ti­schen und fran­zö­si­schen Ko­lo­ni­al­mäch­te nach der Zer­schla­gung des Os­ma­ni­schen Rei­ches, in dem die Gren­zen neu ge­zo­gen wur­den, wird ex­pli­zit ab­ge­lehnt und statt­des­sen ein na­tio­na­les Iden­ti­fi­ka­ti­ons­po­ten­ti­al »Is­la­mi­scher Staat« ge­schaf­fen. Über­tra­gen auf Eu­ro­pa: Ein neu­es Reich soll ge­schaf­fen wer­den. Das mag Ideo­lo­gie sein, die von we­ni­gen nur ver­stan­den wird – nach au­ßen zeigt sich die Or­ga­ni­sa­ti­on aber eben nicht nur als re­li­giö­se Fun­da­men­ta­li­sten, son­dern als Re­vo­lu­tio­nä­re ge­gen den im­mer noch so emp­fun­de­nen west­li­chen Ko­lo­nia­lis­mus.

    Das recht­fer­tigt na­tür­lich die bru­ta­len Ver­bre­chen nicht ei­ne Se­kun­de. Aber es zeigt, dass un­se­re gut ge­mein­ten Rat­schlä­ge (»Eu­ro­is­lam«) oder Ver­teu­fe­lun­gen (»Fa­schis­mus«) nicht zün­den. Ver­mut­lich das Ge­gen­teil: Je mehr wir uns em­pö­ren, de­sto stär­ker wird die Pro­pa­gan­da­ma­schi­ne des IS hier an­set­zen.

    Wie ver­un­si­chert »der We­sten« ist, zeigt sich dar­an, dass man auf al­le Fäl­le an den be­stehen­den Gren­zen (Tür­kei, Sy­ri­en, Irak) fest­hal­ten möch­ten, auch wenn es längst an der Zeit wä­re, bei­spiels­wei­se den Kur­den ei­nen ei­ge­nen Staat zu­zu­ge­ste­hen. 2003 mar­schie­ren USA und Groß­bri­tan­ni­en an der Spit­ze (Stich­wort: Ko­lo­nia­lis­mus!) in den Irak ein, oh­ne auch nur fünf Se­kun­den über die Zeit nach dem Sturz von Sad­dam Hus­sein nach­ge­dacht zu ha­ben. Ex­per­ti­se über die un­ter­schied­li­chen Volks­grup­pen im Irak: Null. Ent­spre­chend de­sa­strös sieht es dort in­zwi­schen aus.

    Wo­mög­lich wird ir­gend­wann der IS mi­li­tä­risch auf­ge­rie­ben wer­den und sich zu ei­ner Ter­ror­grup­pe so­zu­sa­gen zu­rück­ent­wickeln. Die Grund­pro­ble­me des ge­stör­ten Zu­sam­men­le­bens in der mus­li­mi­schen Welt wer­den da­mit nicht ge­löst. Sie kön­nen aber nur von den Men­schen vor Ort ge­löst wer­den; je­de Ein­mi­schung des We­stens (so­wohl po­si­ti­ver wie de­struk­ti­ver Art) soll­te sich ir­gend­wann ver­bie­ten. Die Al­li­an­zen mit Ter­ror­re­gi­men wie Sau­di Ara­bi­en oder Ka­tar soll­ten ge­nau so be­en­det wer­den wie die Un­ter­stüt­zung de­sta­bi­li­sie­ren­der Or­ga­ni­sa­tio­nen wie der Frei­en Sy­ri­schen Ar­mee oder den ra­di­ka­len Kur­den­or­ga­ni­sa­tio­nen.

  2. @ Me­te – Ich bin sehr froh, dass die Of­fe­ne Ge­sell­schaft ein Kon­zept ge­nannt wur­de. Ob die Re­al­form ei­nes West-Lan­des sinn­vol­ler wei­se mit die­sem Kon­zept be­schrie­ben, oder (!) re­fe­ren­zi­ell da­mit ent­wickelt wer­den kann, darf of­fen blei­ben.
    Ich möch­te ei­gent­lich be­mer­ken: der Is­la­mis­mus kann nicht un­ab­hän­gig von ei­ner geo­po­li­ti­schen Ma­trix dis­ku­tiert wer­den. In den ara­bi­schen Län­der wird da­mit das Ver­hält­nis von Re­li­gi­on und Staat er­ör­tert. In der Dia­spo­ra wird da­mit das Ver­hält­nis von Re­li­gi­on und »Fremd-Ge­sell­schaft« er­ör­tert, und teil­wei­se mit Ge­walt be­ant­wor­tet. Zwi­schen bei­den Zo­nen gibt es ja neu­er­dings tou­ri­sti­sche Be­zie­hun­gen...
    Ge­org hat ver­mut­lich rich­tig die hi­sto­ri­sche Di­men­si­on an­ge­spro­chen: der IS über­schrei­tet die ko­lo­nia­li­sti­schen Vor­ga­ben und re­ak­ti­viert die be­kann­te is­la­mi­sche Uto­pie der Um­ma. Der IS muss noch kei­ne »neu­en Gren­zen« ent­wer­fen, um sein Han­deln (Ge­walt) zu recht­fer­ti­gen. Er ar­bei­tet zu­nächst soz. an der Ge­gen­warts­front. Der Ef­fekt auf den We­sten ist im­mer der­sel­be: »Um Got­tes wil­len, die Gren­zen...«. Ist ja ei­ne un­se­rer wich­tig­sten Er­run­gen­schaf­ten ne­ben all den un­ge­heu­er fein­gei­sti­gen Kon­zep­ten. In­so­fern be­ti­telt die Be­we­gung sehr ge­nau ih­re Mo­ti­ve und trifft durch­aus ins Schwar­ze.

  3. Ein As­pekt, der bei der IS Dis­kus­si­on mei­nes Er­ach­tens zu kurz kommt, ist die Wei­ter­füh­rung ei­nes Krie­ges, ge­gen den We­sten, und sei­ne ko­lo­nia­li­sti­schen Ten­den­zen, fe­der­füh­rend un­ter den USA und Groß­bri­tan­ni­schen. Da ei­ne di­rek­te Aus­ein­an­der­set­zung mi­li­tä­risch nicht zu ge­win­nen ist, wird das Land un­kon­trol­liert bar ge­macht. Das heißt, je­de kol­la­bo­rie­ren­de Grup­pe wird be­kämpft und ter­ro­ri­siert. Da sich die Be­völ­ke­rung ge­gen ma­ro­die­ren­de Ban­den weh­ren wür­de, be­darf es ei­ner Recht­fer­ti­gung und das ist die ge­mein­sa­me Klam­mer Is­la­mis­mus. So­mit ist kaum ei­ne Zu­sam­men­ar­beit west­li­cher Or­ga­ni­sa­tio­nen mit der Be­völ­ke­rung mög­lich. Na­tür­lich sind Kur­den als Ziel­grup­pe be­son­ders ge­fähr­det, da sie vom We­sten mit Waf­fen ge­gen den IS ver­sorgt wer­den und als eth­ni­sche Grup­pe der Fuß in der Haus­tü­re sind.
    Ar­me Kur­den, hof­fent­lich wer­den sie nicht in die­sem per­fi­den Spiel des We­stens ge­gen den IS zer­rie­ben.

  4. @die kal­te So­phie
    Die Über­ein­stim­mun­gen zwi­schen dem Kon­zept der of­fe­nen Ge­sell­schaft und »un­se­rer« Rea­li­tät (in­klu­si­ve Ent­wick­lung) kön­nen wir ger­ne dis­ku­tie­ren (kann da viel­leicht ein an­de­rer den An­fang ma­chen oder ist ein se­pa­ra­ter Text bes­ser, wür­de ja in die Rei­he pas­sen?).

    Es ist m.E. völ­lig egal wo man den Is­la­mis­mus be­trach­tet, Re­li­gi­on und Staat wer­den im­mer zu­sam­men ge­dacht und Gläu­bi­ge von Un­gläu­bi­gen (und den An­hän­gern der Buch­re­li­gio­nen) ge­schie­den; dar­aus er­ge­ben sich au­to­ma­tisch »Fremd­ge­sell­schaf­ten« und Zu­ge­hö­rig­keits­ge­füh­le (Iden­ti­tä­ten oder eben »Tou­ris­mus«).

    Die Uto­pie Um­ma wird durch »je­den« Re­kurs auf »den Is­lam« (oder bes­ser viel­leicht: Ko­ran) an­ge­spro­chen, da ist der IS ei­ne Grup­pe von vie­len (dass die Ei­gen­be­zeich­nung tref­fend ist, woll­te ich nicht ab­strei­ten [ha­be ich auch nicht]).

  5. @Gregor
    Dass der Text als Rat­schlag­ge­bung an­kommt muss ich wohl ak­zep­tie­ren (den Re­kurs auf das Ge­schrie­ben-ste­hen fin­de ich wie­der­um lu­stig; da das eben nir­gend­wo ge­schrie­ben steht, könn­te ein Ar­gu­ment für die of­fe­ne Ge­sell­schaft sein; ei­ne Dis­kus­si­on dar­über grund­sätz­lich ger­ne, sie­he mei­nen Kom­men­tar oben). Dann ken­ne ich mich nicht mehr ganz aus: Sprichst Du von Eu­ro­pa oder der mus­li­mi­schen Welt (ei­ni­ge Tex­te nicht ex­pli­zit eu­ro­päi­schen Ur­sprungs ha­be ich ja ver­linkt – ich weiß nicht ob das Dei­ner De­fi­ni­ti­on von Den­kern ent­spricht; mein­test Du Theo­lo­gen?)?

    Die Dis­kus­si­on um die At­trak­ti­vi­tät wür­de ich ger­ne auf den näch­sten Text »ver­le­gen« (wenn das in Ord­nung geht).

    Das Iden­ti­fi­ka­ti­ons­po­ten­ti­al des Is­la­mi­schen Staats ist ja ge­ra­de nicht na­tio­nal son­dern su­pra­na­tio­nal (hier­in sind sich der Is­lam und das Chri­sten­tum sehr ähn­lich: Die Zu­ge­hö­rig­keit er­gibt sich aus dem Be­kennt­nis, nicht aus Ras­se, Klas­se, o.a. Ka­te­go­ri­en).

    Zu­stim­mung zu dem was Du über die Gren­zen, die Kur­den­pro­ble­ma­tik und den Neo­im­pe­ria­li­s­ums (oder ist es noch der al­te?) schreibst.

    Den Be­griff Eu­ro­is­lam und die Dis­kus­si­on im Aus­gangs­text soll­te sich nur auf Eu­ro­pa be­zie­hen, un­ter Be­rück­sich­ti­gung der Wir­kung der Selbst­be­zeich­nung des Is­la­mi­schen Staats (viel­leicht war das miss­ver­ständ­lich). Die mus­li­mi­sche Welt soll­te ihr Pro­ble­me ir­gend­wann al­lei­ne lö­sen, rich­tig, nur ist sehr viel da­von ur­säch­lich west­li­chen Ur­sprungs (ob der Irak­krieg, Waf­fen- ‚Öl-, geo­po­li­ti­sche In­ter­es­sen, die In­stal­la­ti­on und Un­ter­stüt­zung will­fäh­ri­ger Dik­ta­to­ren und Hel­fer, usw.). Und, re­al­po­li­tisch ge­se­hen, wer­den Groß­mäch­te im­mer ver­su­chen ih­re In­ter­es­sen durch­zu­set­zen, lei­der. Aber viel­leicht er­gibt sich nach dem IS-De­sa­ster ei­ne Mög­lich­keit des Rück­zugs. Zu hof­fen wä­re es.

  6. Noch ei­ne An­mer­kung zur »Kri­ti­schen Fra­ge«: mir ist auf­ge­fal­len, dass der IS kei­ne kom­ple­xen Er­klä­run­gen ab­gibt. [Hier darf ge­lacht wer­den.] Des wei­te­ren ist die Re­flex-Di­stan­zie­rung von re­prä­sen­ta­ti­ven Mus­li­men in Eu­ro­pa aber auch ein Dis­kurs-Ver­nich­ter. EI­gent­lich müss­ten uns die »ge­mä­ßig­ten Mus­li­me« er­klä­ren, war­um die Jungs so aus­flip­pen. Aber..., und das so­zi­al­psy­cho­lo­gisch ziem­lich re­le­vant: Sie den­ken nicht mal dran, das zu tun! Sie wol­len nur auf der rich­ti­gen Sei­te ste­hen, ant­wor­ten al­so stra­te­gisch!
    »Wir wie­der­um« ha­ben be­stimmt nicht die Auf­ga­be, de­ren Le­gi­ti­ma­ti­on zu über­prü­fen. Oder soll­te der Uni­ver­sa­lis­mus der­art gro­tes­ke Auf­ga­ben be­reit hal­ten?!

  7. Die »Um­ma« ist nicht un­be­dingt ei­ne Uto­pie, son­dern so et­was wie prak­ti­zier­tes, le­ben­di­ges Ge­mein­we­sen. Es ist ein Ge­gen­ent­wurf zum In­di­vi­dua­lis­mus der west­li­chen Ge­sell­schaf­ten, die eher ne­ben- als mit­ein­an­der exi­stie­ren. »Ge­lebt« wird dies zum Bei­spiel von den Mus­lim­brü­dern in Ägyp­ten und auch der Ha­mas in Ga­za. Es ent­steht ei­ne Ver­mi­schung von Re­li­gi­on, Recht und so­zia­lem Mit­ein­an­der. So­lan­ge die hier ein­ge­zo­ge­nen hier­ar­chi­schen Fä­den ak­zep­tiert wer­den, ist das at­trak­tiv für die­je­ni­gen, die sich mit ih­rer Frei­heit al­lei­ne ge­las­sen in der Welt nicht mehr aus­ken­nen.

    @metepsilonema
    Mei­ne Be­mer­kung zur »Rat­schlag­ge­bung« war kei­ne Kri­tik an Dei­nem Text. Das un­ter­läuft ei­nem ja im­mer, wenn es um sol­che The­men geht. Im­mer wie­der liest man die Not­wen­dig­keit ei­ner »Auf­klä­rung« in­ner­halb des Is­lam, als lö­sten sich die Pro­ble­me, wenn man die eu­ro­päi­sches Gei­stes­ge­schich­te ein­fach über­stülpt. Die eu­ro­päi­sche Auf­klä­rung fiel aber nicht vom Him­mel und vor al­lem wur­de sie nicht »ge­plant« und von au­ßen auf­ge­tra­gen wie ei­ne Far­be.

    Dass die po­ly­pho­nen Stim­men im Is­lam für den We­sten pro­ble­ma­tisch sind, über­rascht ja ei­gent­lich, da man sich doch sonst so dis­kurs­freu­dig gibt. Der für uns we­sent­li­che Nach­teil: Es gibt kei­ne In­stanz, die re­li­giö­se und da­mit auch so­zia­le Fra­gen ver­bind­lich re­gelt. Mit ei­ner sol­chen Si­tua­ti­on kön­nen wir nur sehr schwer um­ge­hen. Un­wei­ger­lich führt ei­ne Par­tei­nah­me für ei­ne Sei­te dann zu An­se­hens- und Re­pu­ta­ti­ons­ver­lu­sten bei an­de­ren Strö­mun­gen.

    Was mich am mei­sten er­staunt war die­se Blau­äu­gig­keit, die zu den In­ter­ven­tio­nen in Af­gha­ni­stan und dem Irak ge­führt hat. Bush und mit ihm die Eu­ro­pä­er wa­ren da­von fel­sen­fest über­zeugt, dass das west­li­che Wer­te­sy­stem prak­tisch von sel­ber Zu­stim­mung er­zeugt. Be­son­ders in Af­gha­ni­stan er­leb­ten wir ei­ne voll­kom­men neue Form von Mis­si­ons­ei­fer: Als könn­ten die Men­schen gar nicht an­ders, als un­se­re plu­ra­li­sti­sche, of­fe­ne Ge­sell­schaft gut­hei­ßen. Jetzt kann man aber zum Teil jahr­hun­der­te­lan­ge kul­tu­rel­le Prä­gun­gen nicht ein­fach zur Sei­te le­gen. Ob­wohl wo­mög­lich der größ­te Teil der Be­völ­ke­rung mit vie­len ri­gi­den Maß­nah­men der Ta­li­ban­re­gie­rung nicht ein­ver­stan­den war, so muss vie­len der Ei­fer des We­stens wie ein Spie­gel­bild vor­ge­kom­men sein. Mit den Men­ta­li­tä­ten vor Ort hat­te sich die Po­li­tik über­haupt nicht aus­ein­an­der­ge­setzt. Dass die Ta­li­ban trotz al­ler Ter­ror­herr­schaft als le­gi­ti­me Kämp­fer ge­gen den Im­pe­ria­lis­mus der UdSSR der 1980er Jah­re ge­se­hen wur­de, hat­te man ir­gend­wie ver­ges­sen. Da­mals wur­de ei­ne Po­li­tik nach er Maß­ga­be: »Der Feind mei­nes Fein­des ist mein Freund« ge­macht. (Üb­ri­gens das Ge­gen­teil von »Re­al­po­li­tik«, aber da­zu viel­leicht spä­ter.)

    Es ist un­mög­lich, die Feh­ler, die in Af­gha­ni­stan ge­macht wur­den, in ei­nem sol­chen Kom­men­tar sub­stan­ti­ell zu un­ter­su­chen. (Ei­ner der größ­ten Feh­ler ist das west­li­che Man­tra vor al­len an­de­ren Maß­nah­men in sol­chen Län­dern Wah­len zu ver­an­stal­ten; ein Fe­tisch ge­ra­de­zu. Da­bei ver­gisst man re­gel­mä­ssig, dass es gar kei­ne po­li­ti­sche In­fra­struk­tur gibt. Man über­le­ge ein­mal, die West­mäch­te hät­ten im zer­stör­ten Deutsch­land im Ja­nu­ar oder Fe­bru­ar 1946 schon all­um­fas­sen­de Wah­len ab­ge­hal­ten.) Trotz die­ser Feh­ler ver­mag ich nicht in die Weh­kla­gen über den »bö­sen« We­sten oder die Groß­mäch­te ein­zu­stim­men. Der schlimm­ste Feh­ler war zwei­fel­los die voll­kom­men sinn- wie plan­lo­se Ok­ku­pa­ti­on des Irak 2003. Es war der Aus­fluss ei­ner mo­ra­li­sie­ren­den Au­ßen­po­li­tik. Gut ge­meint, aber un­glaub­lich schlecht ge­macht. (Dass es öko­no­mi­sche In­ter­es­sen im Irak gab – ge­schenkt. Sie wa­ren aber nicht der Haupt­grund; beim Öl hö­ren die ideo­lo­gi­schen Dif­fe­ren­zen auf bei­den Sei­ten – Käu­fer wie Ver­käu­fer – mei­stens auf. Für Af­gha­ni­stan galt das üb­ri­gens nicht. Hier ging es um die Aus­schal­tung ei­nes Re­gimes, dass ak­tiv den Ter­ro­ris­mus er­mög­lich­te und aus­bil­de­te.)

  8. @ Gre­gor. Ja, stimmt. Die Um­ma ist nicht 1:1 Uto­pie. Aber die west­li­chen Uto­pi­en ver­schie­ben die Um­ma nur in die Zu­kunft, und be­haup­ten, wenn ge­nug ent­wickelt, ge­dacht, kor­ri­giert und kom­mu­ni­ziert wor­den ist, dann ist es mög­lich, die­sen Prag­ma­tis­mus zu ver­wirk­li­chen. Ich se­he da nur die Dif­fe­renz im Sche­ma: Zeit und Ge­schich­te.

  9. @die kal­te So­phie
    Im We­sten ist das so­zia­le Mit­ein­an­der fast im­mer nur als un­ver­bind­li­ches Bei­sam­men­sein, als ei­ne Zu­sam­men­kunft von In­di­vi­dua­li­sten, die zu ei­nem be­stimm­ten Zweck (Ki­no, Fuß­ball, Abend­essen) zu­sam­men­kom­men und da­nach wie­der ih­rer ei­ge­nen We­ge ge­hen. Um­ma be­deu­tet prak­ti­zier­tes Ge­mein­schafts­le­ben und Le­bens­hil­fe. Et­was, was nach den miss­bräuch­li­chen Ver­wen­dun­gen bspw. bei den Na­zis ver­pönt oder zu­min­dest ver­däch­tig ist. Man könn­te die in den 1980er Jah­ren auf­kom­men­de Kom­mu­ni­ta­ris­mus-Be­we­gung aus den USA ein biss­chen in die­ser Rich­tung set­zen. Ak­tu­ell über­nimmt die »Com­mu­ni­ty« in so­zia­len Netz­wer­ken ge­le­gent­lich sol­che Auf­ga­ben. Der Un­ter­schied zur »Um­ma« ist die spi­ri­tu­el­le Ver­bun­den­heit.

  10. So ich Zeit fin­de ge­he ich dem Be­griff Um­ma ger­ne noch wei­ter nach, uto­pisch ist er (heu­te, im Ge­gen­satz zu ver­gan­ge­nen Zei­ten), weil er in dem fol­gen­den Sinn nicht exi­stiert (B. Ti­bi, »Der wah­re Imam« 2001, S 23):

    »Die Um­ma ist die re­li­gi­ös-po­li­ti­sche Ge­mein­schaft al­ler Mus­li­me auf dem ge­sam­ten Glo­bus – in Ab­gren­zung zu der Welt der Un­gläu­bi­gen. Die­se Um­ma be­darf ei­ner Füh­rung, ei­ner Per­son, die sie nach dem gött­li­chen Ge­setz re­li­gi­ös lei­tet und po­li­tisch lenkt. Der Be­grün­der der is­la­mi­schen Um­ma, der Pro­phet Mo­ham­med, war kein Imam, son­dern der Ge­sand­te Al­lahs und der Ver­kün­der sei­nes Ge­set­zes. Seit dem Tod des Pro­phe­ten strei­ten nun die Mus­li­me dar­über, wer in sei­ner Tra­di­ti­on nun der wah­re Imam sei.«

    Für Ti­bi ist das der Schlüs­sel zum Ver­ständ­nis des Is­lams heu­te, wie in der Ver­gan­gen­heit (Ge­folg­schaft schul­det man ei­nem Imam nur dann, wenn er ge­recht han­delt, das sei ne­ben­bei er­wähnt, weil es in der Pra­xis der An­sprü­che und Ge­folg­schaf­ten sel­ten »Be­rück­sich­ti­gung« fin­det).

    Es ist rich­tig, dass es So­li­da­ri­tät in­ner­halb der Mus­li­me gibt, am deut­lich­sten wird das im Kon­flikt zwi­schen Is­ra­el und den Pa­lä­sti­nen­sern (in bei­na­he je­dem Ter­ror­auf­ruf, wie jüngst durch den Is­la­mi­schen Staat wird un­aus­ge­spro­chen an die­se Um­ma ap­pel­liert oder die­se zu in­stru­men­ta­li­sie­ren ver­sucht). Aber als ei­ne re­al ver­wirk­lich­te Ge­mein­schaft jen­seits von Glau­bens­so­li­da­ri­tät exi­stiert die Um­ma nicht (man muss da­bei nur an die schii­ti­schen und sun­ni­ti­schen Staa­ten den­ken), au­ßer man wen­det den Be­griff auf klei­ne­re Be­rei­che wie ein­zel­ne Staa­ten oder Grup­pen an (das wi­der­sprä­che aber der oben an­ge­führ­ten De­fi­ni­ti­on).

    @Gregor
    Du hast völ­lig recht, dass der Auf­klä­rungs- oder Sä­ku­la­ri­sie­rungs­an­spruch von au­ßen her­an­ge­tra­gen wird, da ent­steht zu­nächst an vie­len Stel­len ein­mal Ab­wehr, be­rech­tig­ter Wei­se in­so­fern, weil sich »der We­sten« längst selbst dis­kre­di­tiert hat (an­de­rer­seits muss die­se For­de­rung be­stehen blei­ben, dar­auf ba­sie­ren die eu­ro­päi­schen Ge­sell­schaf­ten nun ein­mal). Hi­sto­risch ge­se­hen gab es im Is­lam al­ler­dings ver­nunft­prä­fe­rie­ren­de Den­ker, die konn­ten sich nur nicht durch­setz­ten (es gä­be al­so An­knüp­fungs­punk­te). Da­ne­ben gibt es ras­si­sti­sche und kul­tu­rel­le Vor­ur­tei­le und Feind­schaft in un­se­ren Ge­sell­schaf­ten, die ei­ne In­te­gra­ti­on nicht ge­ra­de er­leich­tern; vie­le Pro­ble­me wur­den zu spät an­ge­gan­gen (in Öster­reich wird ge­ra­de das Is­lam­ge­setz, das aus der Zeit der Mon­ar­chie [An­ne­xi­on von Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na, 1908] stammt, no­vel­liert, d.h. der Ent­wurf dis­ku­tiert. — War­um ist das nicht vor zehn Jah­ren oder noch frü­her ge­sche­hen?). Da­zu be­nö­ti­gen die­se Pro­zes­se viel Zeit und Ge­duld (über­win­den von Bar­rie­ren, etc.). Ver­säum­nis­se gibt es auf bei­den Sei­ten, wo sie zahl­rei­cher sind, hilft bei der Fest­stel­lung, dass sie über­wun­den wer­den müs­sen ei­gent­lich nicht (ein Pro­blem das die kal­te So­phie an­spricht und das auch in den oben ver­link­ten Tex­ten im­mer wie­der auf­taucht ist, dass die Tren­nung zwi­schen der ge­walt­ver­ur­sa­chen­den Ideo­lo­gie [nicht der Ge­walt selbst], die als Nähr­bo­den fun­giert, weil sie als is­la­misch da­her­kommt und das zu ei­nem Teil auch ist; der Un­ter­schied zwi­schen Fun­da­men­ta­lis­mus und Is­lam ver­schwimmt, die Tren­nung zeigt sich eher in der Pra­xis, als in der Theo­rie oder der re­li­gi­ös ver­mit­tel­ten So­li­da­ri­tät).

    Ein Schwie­rig­keit, die Du an­sprichst ken­nen wir vom ka­tho­li­schen Zen­tra­lis­mus nicht, näm­lich die zen­tra­le In­stanz, die man an­spre­chen kann oder mit der Ver­trä­ge mög­lich sind (Kon­kor­dat). In ir­gend­ei­ner Form muss man be­stimm­te An­ge­le­gen­hei­ten ver­bind­lich und zen­tral re­geln (ich ver­ste­he ja, dass sich nicht je­der Ver­ein oder je­de Strö­mung von der IGGÖ ver­tre­ten las­sen möch­te, an­de­rer­seits kann man nicht mit je­dem se­pa­rat ver­han­deln oder für je­den ei­ge­ne Aus­nah­men ein­füh­ren). Viel­leicht wä­re ei­ne Dach­ge­mein­schaft, die sich nur mit in­te­grie­ren­den Maß­nah­men be­schäf­tigt, sinn­vol­ler? Da­ne­ben exi­stiert die Fi­nan­zie­rungs­pro­ble­ma­tik von Ima­men durch das Aus­land (et­wa Tür­kei und Sau­di Ara­bi­en), die ein sou­ve­rä­ner Staat nicht oh­ne wei­te­res to­le­rie­ren kann, da hier auch po­li­tisch Ein­fluss ge­nom­men wird. Usw. Usf.

    Ich ha­be nichts auf der Hand, aber hin­ter den Staats­um­bau­ver­su­chen im Irak und in Af­gha­ni­stan (?) steckt si­cher­lich ei­ne (neo­kon­ser­va­ti­ve?) Ideo­lo­gie, die ih­ren Schiff­bruch er­lit­ten hat und der tau­sen­de Men­schen zum Op­fer fie­len (von heu­te aus be­trach­tet er­schei­nen mir die Grün­de für den Irak­krieg noch un­be­greif­li­cher als da­mals). — Das hat sich in der Ukrai­ne­kri­se (ganz ähn­lich) wie­der­holt und ist dort zu ei­nem Bür­ger­krieg (un­ter aus­län­di­scher Be­tei­li­gung) ge­wor­den. Der Ver­gleich mit Deutsch­land nach 1945 aber auch schon nach 1918 zeigt viel­leicht, dass für gro­ße po­li­ti­sche Um­wäl­zun­gen ei­ne Er­schüt­te­rung, ei­ne Art Ka­ta­stro­phe not­wen­dig ist, die die al­ten For­men als dis­kre­di­tiert, über­kom­men, un­zu­läng­lich (oder wie auch im­mer) er­schei­nen lässt (die zur Be­sin­nung ruft). Das ist in der mus­li­mi­schen Welt viel­leicht – wenn ich Ab­del Sa­mad fol­ge – noch nicht aus­rei­chend der Fall ge­we­sen (das mei­ne ich we­der her­ab­las­send noch ge­ring­schät­zig).

    Wie­so ist die Un­ter­stüt­zung der Fein­de mei­ner Fein­de kei­ne Re­al­po­li­tik (zu­ge­ge­ben kann ich auf kei­ne ko­hä­ren­te De­fi­ni­ti­on zu­rück­grei­fen)? — Und: Kriegs­trei­ber gibt es im­mer noch.

  11. Stimmt ge­nau. Ei­ne ty­pisch west­li­che po­li­ti­sche Ein­las­sung ist be­tont »ge­mein­schafts­frei« und stellt al­le Sol­lens­be­lan­ge in ei­nen non-par­ti­ku­la­ren Zu­sam­men­hang. Ich wür­de da­für den Be­griff »Me­ta-Mo­ral« vor­schla­gen, im­mer wenn grup­pen- und ge­mein­schafts­be­zo­ge­ne In­di­zes feh­len, die selbst ei­ne pri­mär mo­ra­li­sche Struk­tur auf­wei­sen. Der We­sten ver­han­delt gern über al­le Zu­ord­nun­gen hin­aus, auf rechts­phi­lo­so­phisch ab­strak­ten Ni­veau. Da­mit ver­fehlt man fast je­den Kon­flikt, denn im Ernst: wie könn­te die Ab­strak­ti­on ei­nen Kon­flikt ab­bil­den, oh­ne so­fort von den Stan­dards des zi­vi­len Ver­hal­ten zu spre­chen?! Je­der Kon­flikt er­scheint nur all­zu »kin­disch«, d.h. die Ur­sa­che kann nur in der Un­ter­ent­wick­lung der Be­tei­lig­ten lie­gen. Das mei­ne ich nicht po­le­misch, aber au­gen­fäl­lig ist doch ein pro­fun­des Des­in­ter­es­sen an den Ur­sa­chen der Kon­flik­te, sprich die Ein­sei­tig­keit der Fra­ge nach den Mass­nah­men. Die So­fort-Re­ak­tio­nen.
    Le­gi­ti­ma­ti­on?! Viel­leicht be­rührt METE’s Ar­ti­kel in­di­rekt die­ses un­ser Des­in­ter­es­se an Kon­flik­ten.

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  13. @die kal­te So­phie
    Hm, ist es nicht so, dass »der We­sten« die Mo­ral über­haupt au­ßer vor lässt, und statt des­sen ei­nen-recht­lich ab­strak­ten Rah­men wählt (Mo­ral ist da­ne­ben je­dem er­laubt, so­lan­ge sie we­der Recht noch Ge­setz ver­letzt)?

    Des Des­in­ter­es­ses an Kon­flik­ten bin ich mir un­si­cher, kommt das nicht viel­leicht da­her, dass die Lö­sung bis­lang im­mer mit der De­mo­kra­ti­sie­rung und In­sti­tu­ti­ons­bil­dung zu­sam­men­fiel? Dass die Kon­flik­te nicht un­ab­hän­gig da­von ge­löst wur­den und man dann ei­ne Ad­ap­ti­on an lo­ka­le Um­stän­de ver­such­te (bzw. über­haupt kei­ne Lö­sung vor­gab)?

  14. Ich ha­be den Kom­men­tar nicht ver­stan­den. Ein »Des­in­ter­es­se an Kon­flik­ten« kann ich al­ler­dings nicht aus­ma­chen; eher im Ge­gen­teil. Über­all wird so­fort Ein­mi­schung emp­foh­len und prak­ti­ziert (seit 1998: Ju­go­sla­wi­en, Ost­ti­mor, Af­gha­ni­stan, Irak, Li­by­en – um nur ei­ni­ge zu nen­nen). Bom­bar­de­ments wer­den zu »Luft­schlä­gen«, das gan­ze be­kommt an­geb­lich hu­ma­ni­tä­ren Cha­rak­ter und wird mo­ra­lisch auf­ge­la­den. Wenn man sich ein we­nig Mü­he ma­chen wür­de, könn­te man ei­ne Kau­sa­li­täts­ket­te ent­wickeln, wie je­de »Ein­mi­schung« am En­de nur wie­der neue Pro­ble­me schafft, die dann wie­der zu »Ein­mi­schun­gen« führt, usw.

    Au­ßer die Be­frei­ung Ku­waits (Re-Im­ple­men­tie­rung ei­nes olig­ar­chisch-plu­to­kra­ti­schen Sy­stems) wur­de kein ein­zi­ger der Kon­flik­te, die zu mi­li­tä­ri­schen Ein­mi­schun­gen des We­stens führ­ten, grund­le­gend ge­löst. Das ehe­ma­li­ge Ju­go­sla­wi­en bleibt mit den künst­li­chen Staa­ten Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na und dem Ko­so­vo ein schwe­len­des Feu­er; Af­gha­ni­stan wird in ein paar Jah­ren von den Ta­li­ban wie­der ein­ge­nom­men sein; Li­by­en ist (wie Hai­ti und So­ma­lia) ein fai­led-sta­te; der Irak prak­tisch in­exi­stent (wird aber wohl pro­for­ma am Le­ben ge­hal­ten wer­den müs­sen).

  15. zu #12 und #13
    Im­mer d’accord. Ei­ne »Mo­ral« des We­stens kann ich nicht er­ken­nen. Des­halb das schrä­ge Wort von der »Me­ta-Mo­ral«. Des­in­ter­es­se nur, weil kei­ne ein­ge­hen­de Ana­ly­se statt­fin­det, was ei­gent­lich auf dem Spiel steht (in­cl. die Fra­ge der Le­gi­ti­ma­ti­on bzw. die Fest­stel­lung des Aus­nah­me­zu­stands). Wie Du sagst: Ziel des We­stens ist im­mer das Sta­te-Buil­ding bzw. Re­fur­bis­hing mit ei­nem de­mo­kra­ti­schen Sy­stem, egal was DEMOS oder Staat den Be­tei­lig­ten be­deu­ten mag. Es ist ein vi­ra­ler Ko­pier­vor­gang, hat we­nig mit Den­ken zu tun.
    Ich fin­de das sehr un­be­frie­di­gend. Aber rea­li­stisch be­trach­tet, wird es wohl kei­ne Al­ter­na­ti­ve mehr ge­ben. Die In­sti­tu­tio­nen sind fest in der Hand von Apo­the­kern und Rechts­an­wäl­ten. Theo­lo­gen, nicht zu ver­ges­sen (Iro­nie der Ge­schich­te).
    Nicht so doll, im We­sten zu le­ben... Was den Re­gres­sus an­geht: da ist was dran. Ich hör’ bei vie­len Stel­lun­gen­nah­men aus Ara­bi­en, dass die Leu­te sich är­gern, auch wenn sie kei­ne Sym­pa­thi­en für den Ter­ror ha­ben. Der Ma­nichäis­mus, den der We­sten den un­fried­li­chen Ge­gen­den auf­zwingt (in me­mo­ri­am: Ge­or­ge Bush), wird nie­man­den wirk­lich über­zeu­gen. Nie­man­den.

  16. Der Ma­nichäis­mus von Bush ju­ni­or war ja hy­per­mo­ra­lisch. Dar­in lag ja das Un­heil. Der Ein­marsch in den Irak wur­de ja als mo­ra­li­scher Akt in­sze­niert, zu­mal sich ganz schnell her­aus­stell­te, dass die Ge­schich­te der Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen ein Mär­chen war. Ähn­lich ein paar Jah­re spä­ter in Li­by­en: Der In­ter­ven­tio­na­lis­mus hat zwar den Dik­ta­tor be­sei­tigt, aber das Land liegt in Scher­ben. We­sent­li­che In­iti­al­zün­der die­ses Hy­per­mo­ra­lis­mus in Sa­chen Li­by­nen wa­ren die In­tel­lek­tu­el­len, ins­be­son­de­re in Frank­reich. Sie sit­zen in ih­ren war­men Stu­ben und über­las­sen den an­de­ren dann das Cha­os. Haupt­sa­che, sie ha­ben ihr bil­li­ges Müt­chen ge­kühlt.

    Re­al­po­li­tisch gibt es wohl kei­ne Al­ter­na­ti­ve zu den be­stehen­den Gren­zen in Mit­tel­ost. Wenn man den Kur­den ei­ne Se­zes­si­on ge­stat­tet, wird sie an­de­re Län­der be­rüh­ren; die »ter­ri­to­ria­le In­te­gri­tät« ist exi­sten­zi­el­ler Be­stand der Dok­trin des We­stens. (Aus­nah­men in Eu­ro­pa: Tsche­cho­slow­kai – »frei­wil­li­ge« Ab­spal­tung in Tsche­chi­en und Slo­wa­kei und Ju­go­sla­wi­en, aber selbst hier wur­den die in­ner­ju­go­sla­wi­schen Re­pu­blik­gren­zen nicht an­ge­ta­stet.) Man stel­le sich das Ge­schie­be und Ge­zer­re bspw. in Afri­ka vor, wenn dort die Eth­ni­en ih­re Gren­zen plötz­lich sel­ber zie­hen wür­den.

  17. Sehr wahr. Wo­bei ich glau­be, dass die Amis ins­ge­samt schon ein biss­chen »geil« sind auf Ge­walt. Von we­gen Frie­dens­no­bel­preis... Bei G. W. Bush kam das ja un­glaub­lich na­iv zum Vor­schein.
    Die Eu­ro­pä­er, schon viel­fach be­merkt, un­ter­schei­den sich da in­zwi­schen. Wir sind nicht mehr so ein­satz­freu­dig wie frü­her. Ei­gent­lich die letz­te Neu­ig­keit der Ge­schich­te: der Wil­le zum Frie­den über­wiegt. Da­her fin­de ich es höchst be­dau­er­lich, dass die Eu­ro­pä­er sich nicht von Ame­ri­ka lö­sen kön­nen, ideo­lo­gisch, wie es so schön heißt. Aber die Sa­che geht tie­fer. In Eu­ro­pa wird ein­fach en­ger zu­sam­men ge­lebt als in Ame­ri­ka. Dann ist der Frie­de ein hö­he­res Gut. Ich kom­me seit kur­zer Zeit im­mer zu die­sem Er­geb­nis: das PROBLEM ist Ame­ri­ka. Ame­ri­ka muss klei­ner wer­den, oder fried­li­cher, eins von bei­den.

  18. Für Eu­ro­pa be­deu­tet die Ab­hän­gig­keit in mi­li­tä­ri­schen An­ge­le­gen­hei­ten auch Be­quem­lich­keit, weil die Ver­ei­nig­ten Staa­ten, so sie wol­len, meist rasch han­deln und kaum Ko­sten scheu­en. Das wir sich nur än­dern, wenn sich Eu­ro­pa mi­li­tä­risch auf ei­ge­ne Bei­ne stellt, al­so ei­ne Art eu­ro­päi­sche Ein­satz­trup­pe oder Ar­mee auf­baut (ob die na­tio­na­len Ar­me­en be­stehen blei­ben oder nicht, ist ei­ne wei­te­re Fra­ge). Das wür­de viel Geld ko­sten, er­for­dert po­li­ti­schen Mut und ein En­de der NATO (bzw. der Mit­glied­schaft al­ler eu­ro­päi­schen Staa­ten). Dann al­ler­dings kann man sich auch nicht mehr zu­rück­leh­nen und war­ten, dass der gro­ße Bru­der schon et­was tun wird. — Das al­les ist so­wohl po­li­tisch (man den­ke ein­mal an die ost­eu­ro­päi­schen Staa­ten), als auch öko­no­misch höchst un­wahr­schein­lich.

  19. @metepsilonema
    Tat­säch­lich wer­den die USA je nach Si­tua­ti­on im­mer wie­der ger­ne als Welt­po­li­zei her­an­ge­zo­gen oder eben auch ent­spre­chend dä­mo­ni­siert. Ei­ne äu­ßerst kom­for­ta­ble Po­si­ti­on, ins­be­son­de­re für Sa­lon-Pa­zi­fi­sten wie bspw. die Grü­nen. Ak­tu­ell gibt es ei­ne Art mo­ra­li­scher Pflicht zum Ein­grei­fen der Ame­ri­ka­ner, denn die De­sta­bi­li­sie­rung des Irak wur­de durch die Ok­ku­pa­ti­on des Irak durch Bush jr. 2003 be­schleu­nigt.

    Ei­ne eu­ro­päi­sche Ein­greif­trup­pe wird es m. E. aus ver­schie­de­nen Grün­den in ab­seh­ba­rer Zeit nicht ge­ben. Es gibt (1.) Men­ta­li­täts­dif­fe­ren­zen und Sprach­pro­ble­me, (2.) über­wie­gen die na­tio­na­len Ego­is­men, ge­ra­de was das Mi­li­tä­ri­sche an­geht, (3.) gibt es kei­ne ein­heit­li­che eu­ro­päi­sche Au­ßen- und Si­cher­heits­po­li­tik und (4.) ist die eu­ro­päi­sche Be­völ­ke­rung auf­grund sei­ner Ge­schich­te der letz­ten rund 70 Jah­re in gro­ßen Tei­len nicht an mi­li­tä­ri­schen In­ter­ven­tio­nen in­ter­es­siert. Letz­te­res ist ein gro­ßes Ver­dienst; das soll­te man in je­dem Fall kul­ti­vie­ren.

  20. @ Gre­gor
    Se­he ich ge­nau­so. Es gibt m. A. n. ei­nen Nach­teil bei die­ser Non-mi­li­tä­ri­schen Uni­on. Die Par­al­le­le von NATO und EU bür­det der EU ei­ne Le­gi­ti­ma­ti­ons­schwä­che auf. Stich­wort: Macht. Wenn jeg­li­che ern­ste au­ßen­po­li­ti­sche Fra­ge nur auf Ebe­ne der NATO ver­han­delt wer­den kann, ist ei­ne Su­pre­ma­tie der NATO »ober­halb« der EU ge­ge­ben. Man kann das al­les über die Na­tio­nal­staa­ten und ih­re Sou­ve­rä­ni­tät be­grün­den, kei­ne Fra­ge –aber: der sug­ge­sti­ve Ef­fekt lässt sich nicht ver­mei­den. NATO toppt EU.
    Rich­tig schi­zo wird es im­mer dann, wenn di­ver­gen­te Mei­nun­gen ent­ste­hen. Dann pas­siert im­mer das­sel­be: a) die Deckungs­ver­schie­den­heit von NATO und EU kommt wie­der auf den Tisch, und b) al­le na­tio­na­len Ei­gen-Po­si­tio­nen wecken ernst­haf­te Zwei­fel an der Be­last­bar­keit die­ses »Bünd­nis­ses« und füh­ren zu »Ru­fen« nach ei­ner eu­ro­päi­schen Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on. Wenn sich nichts dar­an än­dert, läuft al­les im­mer wie­der nach die­sem Sche­ma ab. Im We­sten nichts Neu­es. Sieht aus wie Po­li­tik, ist aber nur ein Sy­stem-Pro­blem.

  21. Ich fin­de die mi­li­tä­ri­sche Zu­rück­hal­tung grund­sätz­lich rich­tig und wich­tig, al­ler­dings ent­ste­hen da­durch Ab­hän­gig­kei­ten, die man dann auch nicht will (in Tei­len zu­min­dest; wor­an ich oben dach­te, war Hil­fe bei Um­welt­ka­ta­stro­phen, Epi­de­mi­en oder UN-Frie­dens­mis­sio­nen). Man könn­te et­wa fra­gen, ob die der­zei­ti­ge eu­ro­päi­sche Russ­land­po­li­tik nicht an­ders aus­sä­he, wenn es die­se »Su­pre­ma­tie der NATO« (kal­te So­phie) nicht gä­be.

  22. Schwer zu sa­gen. Die EU-As­so­zi­ie­rungs­ab­kom­men u. a. mit der Ukrai­ne ha­ben m. E. mit der NATO we­nig zu tun. Es geht dar­um, Län­der (re­spek­ti­ve: Märk­te) an die EU zu bin­den. Ich hal­te die­sen Ex­pan­si­ons­ge­dan­ken der EU seit vie­len Jah­ren schon für sehr merk­wür­dig, der am En­de na­he­zu al­le Staa­ten zu po­ten­ti­el­len Bei­tritts­kan­di­da­ten er­nennt, so­fern be­stimm­te Vor­aus­set­zun­gen (die sehr oft rein wirt­schafts­li­be­ra­ler Na­tur sind) er­füllt wer­den. Auf die­se Art und Wei­se sind al­le Län­der des ehe­ma­li­gen Ju­go­sla­wi­en so­zu­sa­gen »ver­ein­nahmt« wor­den. Aber es geht eben auch wei­ter bis zur Ukrai­ne. Am um­strit­ten­sten sind die Ver­hand­lun­gen mit der Tür­kei.

    Zwar wird im­mer be­tont, dass die EU mehr sei als ei­ne Frei­han­dels­zo­ne, aber am En­de läuft es zu­meist dar­auf hin­aus. Kern ist, dass der Per­so­nen- wie der Wa­ren­ver­kehr frei zir­ku­lie­ren kann. Die Wirt­schaft be­grüsst das sehr, da sie auf Bil­lig­fach­kräf­te wird zu­rück­grei­fen kön­nen, die die teu­ren ein­hei­mi­schen An­ge­stell­ten in die Früh­ver­ren­tung treibt. Da­her auch die nim­mer­mü­de Kla­ge des »Fach­kräf­te­man­gels«; ein voll­kom­me­ner Blöd­sinn bei Licht be­trach­tet.

    Na­tür­lich wird die EU da­durch mit der Zeit auch zum po­li­ti­schen Spie­ler. Die Gren­zen sind aber mit Hän­den zu grei­fen: Es gibt kei­ne Au­ßen- und Si­cher­heits­po­li­tik, weil die In­ter­es­sen auch ein­fach zu un­ter­schied­lich sind. Die Ex­pan­si­on der Eu­ro­päi­schen Uni­on ist die Schi­mä­re ein paar durch­ge­knall­ter Po­li­ti­ker, die sich ih­ren Platz in den Ge­schichts­bü­chern si­chern wol­len.

  23. Die wirt­schaft­li­chen As­pek­te des Ukrai­ne­ab­kom­mens si­cher nicht, aber war­um wur­den dort ver­tei­di­gungs- und si­cher­heits­po­li­ti­sche mit­ver­han­delt? Ich fin­de das ei­gen­ar­tig, zu­mal ein bal­di­ger Bei­tritt nicht zur De­bat­te stand. Die Grün­de für die­se Ab­kom­men und wirt­schafts­li­be­ra­len Vor­aus­set­zun­gen se­he ich in den Wachs­tums­be­dürf­nis­sen der Wirt­schaft, die sie im be­stehen­den Bin­nen­markt nicht mehr hat (oder man be­fürch­tet, dass dies so sein könn­te und möch­te vor­sor­gen).

    Die ge­gen Russ­land ver­häng­ten Sank­tio­nen wur­den nie der po­li­ti­schen La­ge an­ge­passt, son­dern im­mer (auch schon zu Zei­ten der Ver­hand­lun­gen) wei­ter aus­ge­wei­tet (ich ha­be nie ver­stan­den wel­ches Ziel da­mit ver­folgt wur­de). War Ras­mussen als Ge­ne­ral­se­kre­tär nur ein Zu­fall, oder der rich­ti­ge Mann zur rich­ti­gen Zeit (wenn man an sei­ne Rhe­to­rik denkt)?

    Die Auf­ga­be der NATO war Russ­land wäh­rend des Kal­ten Kriegs von Eu­ro­pa fern­zu­hal­ten (das scheint noch im­mer der Fall zu sein).

    [Für ei­ne Ant­wort auf den Kom­men­tar im an­de­ren Bei­trag bit­te noch et­was Ge­duld.]

  24. Mir ist ge­ra­de über Twit­ter die­ser Text zu­ge­kom­men: Er ist in sei­nem Kern ge­nau das Ge­gen­teil der Ar­gu­men­ta­ti­on oben und stellt – ver­mut­lich aus Wohl­wol­len – die ent­schei­den­den Fra­gen nicht, et­wa je­ne nach der Tren­nung von Is­lam und Is­la­mis­mus und je­ne nach der Recht­fer­ti­gung von Ge­walt (ich mei­ne da­mit nicht, die dar­in vor­ge­brach­ten Ein­wän­de ge­gen den Ent­wurf zur No­vel­lie­rung des öster­rei­chi­schen Is­lam­ge­set­zes; al­ler­dings wä­re hier noch mehr Auf­wand zu trei­ben).

  25. Na­ja, der Bei­trag ap­pel­liert an Be­son­nen­heit, was nicht schlecht ist. An­de­rer­seits wer­den Ent­wick­lun­gen be­schrie­ben, die man seit Jahr­zehn­ten igno­riert hat – wie dort auch steht. Das än­dert man na­tür­lich nicht da­durch, dass man aber­mals zu­war­tet. Wo­mög­lich braucht man aber gar kein »Is­lam­ge­setz«, son­dern nur ei­ne kon­se­quen­te An­wen­dung der be­stehen­den Ge­set­ze. In­ter­es­sant fin­de ich in die­sem Zu­sam­men­hang den Vor­schlag, ein sol­ches Ge­setz mit den Is­lam­ver­bän­den zu­sam­men zu kon­zi­pie­ren. So­fort wird sich näm­lich die Fra­ge stel­len, wel­che Ver­bän­de wen re­prä­sen­tie­ren und – vor al­lem – wer sich da­von nicht re­prä­sen­tiert fühlt und da­her in je­des Re­sul­tat ab­leh­nen wird. Die Is­lam­kon­fe­ren­zen in Deutsch­land sind da­hin­ge­hend auch ge­schei­tert, dass die He­te­ro­ge­ni­tät der je­wei­li­gen In­ter­es­sen­grup­pen zu groß war. (Hin­zu kommt na­tür­lich noch, dass auch die po­li­ti­schen Par­tei­en di­ver­gie­ren­de Zie­le ver­folg­ten.)

    Der Ti­tel ist ziem­lich lä­cher­lich. Man stel­le sich vor, je­mand über­schrei­be ei­nen Text »Wir brau­chen das Chri­sten­tum«...

    Die im­mer wie­der vor­ge­brach­te Tren­nung zwi­schen Is­lam und Is­la­mis­mus ist aus meh­re­ren Grün­den schwie­rig. Zum ei­nen »trennt« die west­li­che (EU & USA) Au­ßen­po­li­tik sel­ber nicht ent­spre­chend – an­son­sten dürf­te man Sau­di-Ara­bi­en und ei­ni­ge Golf­staa­ten nicht als »Ver­bün­de­te« hof­fie­ren. Zum an­de­ren wer­den im Zwei­fel im­mer nur die an­de­ren »Is­la­mi­sten« sein.

    Wir ha­ben er­le­ben der­zeit ei­ne Re-Is­la­mi­sie­rung der mus­li­mi­schen Welt. In­ter­es­sant dar­an fin­de ich, dass man bei uns zu­tiefst ver­stört ist, wenn sich Ju­gend­li­che (Mus­li­me oder auch Kon­ver­ti­ten) durch Pro­pa­gan­da-Vi­de­os der IS frei­wil­lig in das Kampf­ge­tüm­mel be­ge­ben. Hier wird schnell der Pro­pa­gan­da die Schuld ge­ge­ben. Ich wür­de mal fra­gen, war­um sich Ju­gend­li­che, die fast al­le in Eu­ro­pa auf­ge­wach­sen sind, von sol­chen Fil­men in­fil­trie­ren las­sen. Ich kann ja auch die Hit­ler- und Himm­ler-Re­den hö­ren, oh­ne da­nach zum Na­zi zu wer­den.

  26. Viel­leicht bin ich mitt­ler­wei­le über­sen­si­bi­li­siert, aber in der Über­schrift klingt das schon an (Be­son­nen­heit ist wich­tig, an die wird viel zu sel­ten er­in­nert, das stimmt): Der Is­lam. Ei­ne wei­te­re Dif­fe­ren­zie­rung wird nicht vor­ge­nom­men oder nach dem Ver­hält­nis zu den eu­ro­päi­schen Ge­sell­schaf­ten ge­fragt (ob­wohl es bei uns ge­ra­de ei­ne Dis­kus­si­on über das sau­di­ara­bi­sche Kö­nig-Ab­dul­lah-Zen­trum gab, sie­he hier oder hier). Dass an­de­re Kul­tu­ren ei­ne Be­rei­che­rung dar­stel­len kön­nen, sei da­mit kei­nes­falls ab­ge­strit­ten.

    Die im Text ge­äu­ßer­te Kri­tik am Is­lam­ge­setz ist zu­tref­fend, weil hier tat­säch­lich Pa­ra­gra­phen for­mu­liert wur­den, die sich oh­ne­hin aus an­de­ren Ge­set­zen er­ge­ben (al­so auf die is­la­mi­schen Ge­mein­schaf­ten hin for­mu­liert wur­den). Auf der an­de­ren Sei­te ist zu fra­gen, in­wie­fern die Si­tua­ti­on der re­la­tiv jun­gen und in­ho­mo­ge­nen is­la­mi­schen Ge­mein­schaf­ten nicht viel­leicht doch in der ei­nen oder an­de­ren Hin­sicht ei­ne Aus­nah­me­erschei­nung ist (ich wer­de noch ein­mal in ei­nem Text dar­auf zu­rück­kom­men). — Die Ver­tre­tungs­an­sprü­che di­ver­gie­ren, ge­nau wie bei euch: Die IGGÖ stellt den An­spruch die Brei­te des Is­lam in Öster­reich zu ver­tre­ten, die Mit­glieds­zah­len spre­chen vom Ge­gen­teil. Das zeigt sich auch hin­sicht­lich der Zu­stim­mung zu dem Ent­wurf: Die Ale­vi­ten be­grü­ßen das Ge­setz in der vor­lie­gen­den Form aus­drück­lich.

    Ei­ne Teil­ant­wort zu Dei­nem letz­te Ab­satz: Die der­zei­ti­gen west­li­chen Ge­sell­schaf­ten kön­nen die »Er­war­tun­gen« (Be­dürf­nis­se) et­li­cher Ju­gend­li­cher wo­mög­lich nicht er­fül­len, und zwar aus prin­zi­pi­el­len Grün­den (auch da­zu spä­ter mehr).