Is­lam-Fun­da­men­ta­lis­mus, Re-Is­la­mi­sie­rung und »Is­la­mis­mus«

Es­say zur Ge­schich­te is­la­mi­scher Re­form­be­we­gun­gen

1. Is­la­mi­sche Re­form­be­we­gun­gen

Is­lam-Fun­da­men­ta­lis­mus, Re-Is­la­mi­sie­rung und »Is­la­mis­mus« sind Schlag­wor­te für is­la­mi­sche Re­form­be­we­gun­gen. »Re­form« meint in den Of­fen­ba­rungs­re­li­gio­nen (Par­sis­mus, Ju­den­tum, Chri­sten­tum, Is­lam) die Rück­kehr zur »Rein­form« der re­li­giö­sen Leh­re auf Grund­la­ge der ge­of­fen­bar­ten Tex­te. Es han­delt sich al­so stets um ei­ne »Schrift­fröm­mig­keit«, wie auch im re­for­ma­to­ri­schen Chri­sten­tum die Rück­kehr zur Schrift als »Bi­bel­treue« ver­stan­den wird.

Im Ge­gen­satz zum Chri­sten­tum kennt der Is­lam kei­ne gro­ße Re­form­be­we­gung wie die lu­the­ri­sche, cal­vi­ni­sti­sche oder zwinglia­ni­sche Re­for­ma­ti­on. Da­ge­gen gibt es von al­ters her klei­ne­re Strö­mun­gen und »Sek­ten« (im Sin­ne von is­la­mi­schen Schu­len), die zu­rück wol­len zu ei­nem »rei­nen Is­lam« als Ge­gen­bild des of­fi­zi­el­len, des »Ka­li­fat-Is­lams«, der als »ver­derbt« ab­ge­lehnt wird. Kenn­zeich­nend für die­se Sek­tie­rer ist die Ver­mi­schung von Re­li­gi­on und re­li­giö­ser Kul­tur mit po­li­ti­schen Zie­len (was sie wie­der­um von der ursprüng­lichen christ­li­chen Re­for­ma­ti­on un­ter­schei­det): is­la­mi­sche Re­form­be­we­gun­gen mün­den von je­her in po­li­ti­schen Ak­ti­vis­mus.

An­stel­le des Be­griffs Re­form­be­we­gung spricht die west­li­che Welt – al­ler­dings in zu­neh­mend ideo­lo­gi­sie­ren­der Wei­se – von »Is­la­mis­mus« oder ei­ner »Funda­mental­bewegung«, u.a. um po­si­ti­ve Kon­no­ta­tio­nen, die im We­sten mit dem Wort »Re­form« ver­bun­den sind, gar nicht erst auf­kom­men zu las­sen.

Drei Haupt­merk­ma­le kenn­zeich­nen die is­la­mi­schen Re­form­be­we­gun­gen:

  • I. Tran­szen­den­ter Got­tes­be­griff (im Ge­gen­satz zu ei­nem »im­ma­nen­ten«, den die my­sti­schen Su­fi-Or­den pfle­gen): Der Mensch ver­steht die Ge­bo­te Got­tes nur über die Of­fen­ba­rung der (des) Pro­phe­ten, al­so nicht durch in­ne­re An­schau­ung (My­stik). Das Pro­phe­ten­tum stellt den ein­zi­gen Be­rüh­rungs­punkt des Schöp­fers mit der Mensch­heit dar. Doch re­li­giö­se Ver­mitt­ler mit Hei­li­gen­sta­tus exi­stie­ren nicht.

    Da­her lei­tet sich die For­de­rung des Ij­ti­hād ab, der selb­stän­di­gen Aus­le­gung von Ko­ran und Sun­na – die Sun­na ist die »Ge­wohn­heit« (Über­lie­fe­rung) des Pro­phe­ten, die in sich selbst zu ei­ner Aus­le­gung und Er­gän­zung des Ko­rans ge­wor­den ist, Mo­ham­meds Re­den wur­den ge­sam­melt und durch die Ge­nera­tio­nen wei­ter­ge­ge­ben. Die Dok­trin des Ij­ti­hād rich­tet sich nicht nur ge­gen die Su­fi-Or­den, son­dern auch ge­gen die Rechts­ge­lehr­ten-Schu­len, die ei­ne Ko­ran-Ex­ege­se (Aus­le­gung) nur un­ter Be­ru­fung auf ge­lehr­te Vor­bil­der zu­las­sen, sich da­bei auf »Hei­li­ge« mit ein­zig un­mit­tel­ba­rem Zu­gang zu gött­li­chem Wis­sen (taqlīd) be­ru­fen.
  • II. An­ti­hier­ar­chi­sche Struk­tur: Es herrscht ei­ne Gleich­heit al­ler Gläu­bi­gen vor Al­lah. Es ste­hen kei­ne Mitt­ler zwi­schen Gott und Mensch. Die­ser Ge­dan­ke rich­tet sich ge­gen die of­fi­zi­el­le sun­ni­ti­sche Leh­re.
  • III. Ein­heits- und Uni­ver­sal­ge­dan­ke: Re­gio­na­le und lehr­spe­zi­fi­sche Dif­fe­ren­zen (z.B. im Ij­ti­hād) sol­len in der gro­ßen Ein­heit des Is­lams über­wun­den wer­den. Dies for­dert den Aus­gleich zwi­schen den ton­an­ge­ben­den is­la­mi­schen Re­gio­nen: In­do­ne­si­en vs. Ara­bi­en vs. Afri­ka vs. Tür­kei; den zwi­schen My­sti­kern und Rechts­ge­lehr­ten (Ul­a­ma), so­wie den zwi­schen Sun­ni­ten und Schii­ten.

Die is­la­mi­schen Re­form­be­we­gun­gen sind ur­sprüng­lich an­ti­kon­ser­va­ti­ve Strö­mun­gen v.a. jun­ger Mus­li­me, die über­zeugt da­von sind, daß »Is­lam« (Hin­ga­be an Gott) Re­li­gi­on, Staat und Ge­sell­schaft um­faßt, so­wie daß Re­li­gi­on, Staat und Ge­sell­schaft nach dem Bei­spiel der Sun­na des Pro­phe­ten aus­ge­rich­tet wer­den sol­len. Die äl­te­sten is­lam-fun­da­men­ta­li­sti­schen Leh­ren stam­men be­reits aus dem 14. Jahr­hun­dert, ei­ner Zeit, in der das Ka­li­fat po­li­tisch wie re­li­gi­ös ab­ge­wirt­schaf­tet hat­te. Sie ge­hen zu­rück auf die han­ba­li­ti­sche Re­form­theo­lo­gie, ei­ne der vier gro­ßen Rechts­schu­len des Is­lams, be­nannt nach Ah­mad ibn-Han­bal (780–855), ei­nem ira­ki­schen Ge­lehr­ten, der die Schrift­treue zum Maß­stab is­la­mi­schen Glau­bens er­hob und da­für so­gar in Ker­ker­haft kam.

2. Frü­he fun­da­men­ta­li­sti­sche Re­form­be­we­gun­gen ab 1750

Mu­ham­mad ibn ‘Abd al-Wah­hāb (1703/4–1792). Ge­bür­tig aus In­nera­ra­bi­en, wird der Theo­lo­ge zum Be­grün­der der ak­tio­ni­sti­schen »Wahhabiten«-Bewegung. Sei­ne An­hän­ger nen­nen sich Mu­wah­hi­dun, Be­ken­ner der Ein­heit Got­tes. Sie tre­ten mit dem Ziel auf, den Is­lam in sei­ner ur­sprüng­li­chen Ge­stalt wie­der her­zu­stel­len und al­le nach­ko­ra­ni­schen Neue­run­gen aus­zu­mer­zen.

Wah­hāb ver­bin­det re­li­giö­sen Ei­fer auf ge­schick­te Wei­se mit po­li­ti­schem Macht­stre­ben: sei­ne Uni­on mit dem Stam­mes­scheich Emir Mu­ham­mad ibn Sa‘ud (gest. 1765) führt zur er­folg­rei­chen Er­obe­rung der ara­bi­schen Halb­in­sel und zur an­dau­ern­den Herr­schaft der Sa‘ud-Dynastie, die Wah­hābs re­li­giö­se Leh­ren dok­tri­niert. Die­se sind ge­kenn­zeich­net durch die Pra­xis des Ij­ti­hād – je­der soll selb­stän­dig, d.h. oh­ne Füh­rung durch ei­nen Leh­rer, Rechts­ge­lehr­ten oder Der­wisch, Ko­ran und Sun­na ver­ste­hen und aus­le­gen –, durch ei­nen stren­gen Mo­no­the­is­mus – Hei­li­ge (ein­schließ­lich der Per­son Mo­ham­meds) wer­den als ver­steck­te Re­lik­te des Po­ly­the­is­mus grund­sätz­lich ab­ge­lehnt, es gibt kei­ne Mitt­ler zwi­schen Schöp­fer und Krea­tur –, so­wie durch ak­ti­ven Glau­bens­kampf (Ji­hād), um den is­la­mi­schen Fa­ta­lis­mus, den Glau­ben, al­les sei gött­lich vor­her­be­stimmt (Kis­met), zu­rück­zu­drän­gen.

Wah­hābs Re­for­men füh­ren vor al­lem zur alt­ara­bi­schen Kul­tur zu­rück: die strik­te An­wend­ung der Straf­ge­set­ze, bei Dieb­stahl bei­spiels­wei­se das Ab­hacken der Die­bes­hand, so­wie die Aus­deh­nung des ko­ra­ni­schen Ver­bots des Al­ko­hol­ge­nus­ses als Ver­bot jeg­li­cher Genuß­mittel, auch Kaf­fee oder Ta­bak, ist kei­nes­wegs ge­nui­ner Teil der is­la­mi­schen Re­li­gi­on und des is­la­mi­schen Rechts (Scha­ria), son­dern le­dig­lich der alt­ara­bi­schen Kul­tur.

Mu­ham­mad ibn ‘Ali as-Sanū­si (1787–1859). Aus Al­ge­ri­en ge­bür­tig, in My­stiker­or­den aus­ge­bil­det, grün­det Sanū­si sei­nen ak­tio­ni­sti­schen »Sanūsīya«-Orden, ei­ne Bru­der­schaft, die eben­falls mit dem Ziel auf­tritt, den Is­lam in sei­ner »ur­sprüng­li­chen Ge­stalt« wie­der her­zu­stel­len, im Un­ter­schied zu den ih­nen theo­lo­gisch ver­wand­ten Wah­ha­bi­ten je­doch ei­ner ei­ge­nen (ei­ner li­bysch-sa­ha­ra­ni­schen) Rechts­tra­di­ti­on folgt.

Die Sanūsīya ver­bin­det my­sti­sche Ge­betsin­nerlich­keit – die Ver­ei­ni­gung des Gläu­bi­gen mit Mo­ham­meds Geist (im Ge­gen­satz zu den Der­wisch-Or­den, die die Ver­schmel­zung mit Al­lah selbst an­stre­ben) – mit prak­ti­scher Tä­tig­keit in Land­wirt­schaft, Hand­werk und Han­del und ach­tet da­bei auf die stren­ge Ein­hal­tung der Sun­na, die ek­sta­ti­sche Ele­men­te wie Tanz und Mu­sik, in Su­fi- und Der­wisch-Or­den an­son­sten üb­lich, ab­lehnt. Die Sanūsīya grün­det vom Mit­tel­meer bis in den Su­dan po­li­tisch ein­fluß­rei­che Or­dens­häu­ser. So herrscht der Or­den zum Bei­spiel in Li­by­en zwi­schen 1843 und 1969.

3. Klas­si­scher Mo­der­nis­mus ab 1850

Ver­fall und Mar­gi­na­li­sie­rung der is­la­mi­schen Welt hän­gen im Zeit­al­ter des Ko­lo­nia­lis­mus un­mit­tel­bar mit dem Ver­lust der Vor­macht­stel­lung des Os­ma­ni­schen Reichs zu­sam­men. Is­la­mi­sche Staa­ten ge­ra­ten zu­neh­mend in Ab­hän­gig­keit vom We­sten. In dem Ma­ße, wie die west­li­che Ex­pan­si­on vor­an­schrei­tet, brei­tet sich im Ori­ent pan­is­la­mi­sches Gedanken­gut aus, vor­wie­gend in Ägyp­ten, In­di­en und der Tür­kei, in Län­dern al­so, die am stärk­sten und nach­hal­tig­sten un­ter in­tel­lek­tu­el­len und kul­tu­rel­len Ein­fluß des We­stens ge­ra­ten. Pan­is­la­misch meint: die Ge­samt­heit der Mus­li­me, die Um­ma be­tref­fend, jen­seits hi­sto­ri­scher, sprach­li­cher und kul­tu­rel­ler Un­ter­schie­de (frü­her: »Dar al-is­lam«, das Ge­biet des Is­lams, ge­gen »Dar al-harb«, das Ge­biet des Krie­ges).

Die­se pan­is­la­mi­schen Po­si­tio­nen bau­en meist auf wah­ha­bi­ti­schen Grund­ge­dan­ken auf, su­chen in­des ei­nen Aus­gleich mit west­li­chen Ide­en. Ra­tio­na­lis­mus, So­zi­al­re­for­men (al­ler­dings fern­ab der in Eu­ro­pa vi­ru­len­ten in­du­stri­el­len So­zi­al­re­for­men) und die Stel­lung der Frau in der Ge­sell­schaft ste­hen da­bei im Mit­tel­punkt und füh­ren zu ei­nem ver­schärf­ten Pro­blem­be­wußt­sein in­ner­halb der Re­li­gi­on.

Sir Saiy­id Ah­mad Khān (1817–1898). Der In­der strebt ei­ne po­li­ti­sche An­nä­he­rung sei­nes Lan­des an Groß­bri­tan­ni­en an und rät vom Ji­hād ab. Be­ein­flußt von der eu­ro­päi­schen Na­tur­phi­lo­so­phie be­treibt er ei­ne Ra­tio­na­li­sie­rung des Is­lams. Zwar lehnt er die text­kritische Ko­ran­ex­ege­se nach dem Vor­bild der Bi­bel­kri­tik ab, ver­wirft aber zu­gleich die Ha­di­then, ei­ne ka­no­ni­sche Text­samm­lung der pro­phe­ti­schen Über­lie­fe­rung, ab­ge­schlos­sen im 9. und 10. Jahr­hun­dert, als volks­tüm­li­chen Aber­glau­ben.

Jamāl ad Din al-Af­ghā­ni (1838/39–1897). Der ge­bür­ti­ge Ira­ner, zeit­le­bens ein rast­lo­ser Rei­sen­der zwi­schen west­li­chen und öst­li­chen Me­tro­po­len, be­zeich­net sich selbst als sun­ni­ti­schen Af­gha­nen. Er wird zum Ge­gen­spie­ler Ah­mad Khāns und zum po­li­ti­schen Ak­ti­vi­sten mit ag­gres­si­ver Grund­hal­tung. Al-Af­ghā­ni trach­tet da­nach, den is­la­mi­schen Quie­tis­mus, ei­ner der My­stik ver­wand­ten re­li­giö­sen Hal­tung, die in voll­kom­me­ner Pas­si­vi­tät die in­ne­re Ru­he (»See­len­ru­he«) an­strebt, mit­samt des­sen Jen­seits­be­to­nung in ei­ne an­ti-im­pe­ria­li­sti­sche So­li­da­ri­tät is­la­mi­scher Na­tio­nen zu wan­deln. Ziel ist es, die is­la­mi­sche Ein­heit her­zu­stel­len, um die Mus­li­me aus ih­rem de­so­la­ten Zu­stand zu füh­ren: »Sie sind un­wis­send, un­ei­nig und un­fä­hig, den rich­ti­gen Weg des Fort­schritts ein­zu­schla­gen.«

Ty­pisch für den Mo­der­nis­mus ist auch bei al-Af­ghā­ni die Über­nah­me eu­ro­päi­schen Ge­dan­ken­guts: so un­ter­liegt der Ij­ti­hād den Ge­set­zen des Ver­stands (ra­tio­na­li­sti­scher Ij­ti­hād), da­ne­ben rät al-Af­ghā­ni, sich am tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt des über­heb­li­chen Eu­ro­pa zu schu­len. Der mo­der­ne Mus­lim sol­le in­des sei­ne Be­wun­de­rung und Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem Ko­lo­ni­al­herrn über­win­den ler­nen.

So­wohl Ah­mad Khān als auch al-Af­ghā­ni ver­wer­fen west­li­che Neue­run­gen nicht, su­chen viel­mehr, durch ei­ne Re­form des Is­lam des­sen Grund­ge­halt mit zeit­be­stim­men­den west­lichen Ele­men­ten zu ver­bin­den. Al­ler­dings sind die­se stark in­tel­lek­tu­ell aus­ge­rich­te­ten Bewegun­gen kaum von Er­folg ge­krönt, die Tra­di­tio­na­li­sten leh­nen sie als ver­west­licht und ver­derbt ab und agie­ren in den ag­gres­si­ve­ren Be­we­gun­gen wah­ha­bi­ti­scher Prä­gung.

4. Neue­rer Fun­da­men­ta­lis­mus und Neo­mo­der­nis­mus ab 1930

Der Neo­mo­der­nis­mus des 20. Jahr­hun­derts be­tont noch stär­ker den uni­ver­sa­len Cha­rak­ter des Is­lams in der Ein­heit von Re­li­gi­on und Po­li­tik. Nach ei­nem Jahr­hun­dert zu­neh­men­der Sä­ku­la­ri­sie­rung stre­ben ver­ein­zel­te Grup­pie­run­gen da­nach, die Ka­li­fat-Herr­schaft zu er­neu­ern. Es kommt zu ver­schärf­ten Span­nun­gen zwi­schen Tra­di­tio­na­li­sten und Mo­der­ni­sten: die­se su­chen, den Is­lam noch wei­ter nach dem west­li­chen Vor­bild der Tren­nung von Staat und Re­li­gi­on zu sä­ku­la­ri­sie­ren, neh­men da­bei v.a. liberaldemokra­tisches Ge­dan­ken­gut auf, wäh­rend je­ne den Ge­gen­satz zu den ok­zi­den­ta­len Kon­zep­ten her­vor­he­ben.

Neo­fun­da­men­ta­le Be­we­gun­gen wie die Mus­lim­bru­der­schaft, ge­grün­det 1928 in Is­mai­lia (Ägyp­ten), aus ih­rem pa­lä­sti­nen­si­schen Zweig ging 1987 die is­lam-fun­da­men­ta­li­sti­sche Ha­mas her­vor, for­dern ei­ne am Ko­ran und den Ha­di­then ori­en­tier­te Staats- und Ge­sell­schafts­ord­nung und ver­lan­gen den dau­er­haf­ten Ji­hād ge­gen den We­sten und die ver­west­lich­ten Eli­ten, die Schuld trü­gen am Ver­fall des städ­ti­schen Pro­le­ta­ri­ats und der Land­be­völ­ke­rung in den Staa­ten der is­la­mi­schen Welt.

Im Ge­gen­satz zum 19. Jahr­hun­dert sind die­se Be­we­gun­gen nun je­doch meist nation­alistisch ori­en­tiert, wie die von na­tio­na­li­sti­schen und neo­fun­da­men­ta­li­sti­schen Kräf­ten ge­tra­ge­ne Ab­spal­tung Pa­ki­stans von In­di­en 1947 do­ku­men­tiert; ab und an sind sie pan­arabisch, was sich in Ägyp­tens Uni­on mit Sy­ri­en in der »Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Re­pu­blik« (VAR) von 1958–61 dar­stell­te (der Pan­ara­bis­mus ist ur­sprüng­lich be­müht um die Si­che­rung des ara­bi­schen Pri­mats im Is­lam, sei­ne Vor­den­ker ‘Abd al-Rah­man al-Ka­wa­ki­bi und Mu­ham­mad Ra­shid Ri­da leb­ten um die Jahr­hun­dert­wen­de zum 20. Jahr­hun­dert); aber nur noch sel­ten pan­is­la­misch.

5. Re-Is­la­mi­sie­rung: Über­win­dung der Kri­se der is­la­mi­schen Welt?

Seit Be­ginn der 70er Jah­re hat das Rin­gen der is­la­mi­schen Welt um ei­ne ei­ge­ne Iden­ti­tät, um die not­wen­di­ge Mo­der­ni­sie­rung und ei­ne kla­re De­fi­ni­ti­on der Be­zie­hun­gen zum We­sten ei­ne neue Di­men­si­on er­fah­ren durch Be­mü­hun­gen, den Is­lam und das is­la­mi­sche Ge­setz (Scha­ria) in der ge­sam­ten dar al-is­lam wie­der um­fas­send zur Gel­tung zu brin­gen. Die­se Be­mü­hun­gen wer­den re­li­gi­ons­wis­sen­schaft­lich und po­li­to­lo­gisch als Re-Is­la­mi­sie­rung (sel­te­ner: Re­nais­sance des Is­lams) be­zeich­net.

Im­pul­se zur Re-Is­la­mi­sie­rungs­po­li­tik ge­ben bei­spiels­wei­se die er­ste is­la­mi­sche Gipfel­konferenz im Jah­re 1965 un­ter Füh­rung des pro­gres­siv-mo­der­ni­sti­schen Ägyp­tens und des kon­ser­va­tiv-tra­di­tio­na­li­sti­schen Sau­di-Ara­bi­ens. Erst­mals seit dem Sturz des os­ma­ni­schen Reichs in Per­son des Sul­tans Meh­med VI. durch Ke­mal Ata­türk im Jahr 1922 soll­te die is­la­mi­sche Welt als or­ga­ni­sier­te po­li­ti­sche Grö­ße in die in­ter­na­tio­na­le Po­li­tik zu­rück­keh­ren. Die Kon­fe­renz führt u.a. zu ei­ner Char­ta is­la­mi­scher Staa­ten.

Die zu­neh­men­den Öl­ein­nah­men, die seit der Un­ab­hän­gig­keit vie­ler is­la­mi­scher Län­der nach dem En­de des zwei­ten Welt­kriegs un­ab­hän­gi­gen Staa­ten zur Ver­fü­gung ste­hen, be­schleu­ni­gen den Ent­wick­lungs- und In­du­stria­li­sie­rungs­pro­zeß und füh­ren zu Kartell­bildungen (OPEC). Durch den dies­sei­ti­gen Er­folg wird erst­mals seit der ra­schen und er­folg­rei­chen Aus­brei­tung des Is­lams im eu­ro­päi­schen Mit­tel­al­ter wie­der die »Rich­tig­keit« des Glau­bens be­stä­tigt. Das stei­gert zu­gleich auch das Selbst­be­wußt­sein vor­wie­gend ara­bi­scher Öl-Re­gimes.

Zu­gleich ge­ra­ten zahl­rei­che sä­ku­lar-na­tio­na­li­sti­sche Re­gie­run­gen Nord­afri­kas in im­mer grö­ße­re wirt­schaft­li­che Ab­hän­gig­keit vom »We­sten« (das is­la­mi­sche Schlag­wort schließt hier auch die So­wjet­uni­on ein) und ver­pas­sen den wirt­schaft­li­chen Fort­schritt, den man durch An­leh­nung an ka­pi­ta­li­sti­sche oder so­zia­li­sti­sche Staats­zie­le er­rei­chen will. Be­wegungen, die sich ei­ner Re-Is­la­mi­sie­rung ver­pflich­tet füh­len, ma­chen sich die­se Tat­sa­che zu­nut­ze und be­to­nen nun in ei­nem Is­lam-Kul­tu­ra­lis­mus die kul­tu­rel­len und so­zia­len Er­run­gen­schaf­ten der ver­gan­ge­nen is­la­mi­schen Welt und for­dern ei­nen neu­en Pan­is­la­mis­mus.

Ob­wohl die­se Re-Is­la­mi­sie­rung ei­gent­lich die Fort­set­zung der Be­mü­hun­gen ge­mä­ßig­ter is­la­mi­scher Er­neue­rer des 19. Jahr­hun­derts dar­stellt, die den po­li­ti­schen und so­zia­len sta­tus quo mit is­la­mi­schen In­hal­ten zu ver­bin­den trach­tet, das is­la­mi­sche Ge­setz zu über­den­ken an­regt und von je­dem ein­zel­nen ver­langt, Ij­ti­hād (nicht Ji­hād!) zu be­trei­ben, ra­di­ka­li­sie­ren sich durch die Ein­fluß­nah­me Sau­di-Ara­bi­ens seit den 70er Jah­ren die is­la­mi­schen Fun­da­men­tal­be­we­gun­gen zu­se­hends. Durch sei­ne schier un­be­schränk­ten Fi­nanz­mit­tel sucht der tra­di­tio­na­li­sti­sche Staat auch kul­tu­rel­len Ein­fluß in Afri­ka und Mit­tel­asi­en zu ge­win­nen. Das heißt, man ex­por­tiert die wah­ha­bi­ti­schen, sau­di­schen Po­si­tio­nen. Aus ei­ner ge­mä­ßig­ten Re-Is­la­mi­sie­rung wird so der wah­ha­bi­ti­sche Is­lam-Fun­da­men­ta­lis­mus.

Trotz­dem soll­te man mit dem Be­griff »Is­la­mis­mus« vor­sich­tig sein. Er kommt erst in den 90er Jah­ren als Kampf­be­griff – dem »Kampf der Kul­tu­ren« bei­geord­net – kon­ser­va­ti­ver west­li­cher Kräf­te auf, wird jour­na­li­stisch rasch ver­brei­tet, ist aber we­der religionswissen­schaftlich noch po­li­to­lo­gisch kor­rekt, da er be­stehen­de Res­sen­ti­ments ver­brei­tet und ne­ga­ti­ve Kon­no­ta­tio­nen trägt.

Ein klei­ner Ex­kurs zum Iran: Ei­ne Son­der­rol­le spie­len in die­sem Ge­sche­hen die schii­ti­schen Staa­ten. Die ira­ni­sche Re­vo­lu­ti­on der Jah­re 1978/79 un­ter Aya­tol­lah Kho­mei­ni (1900–1989) nimmt die Kri­tik der ge­gen die ver­west­lich­ten Cli­quen ope­rie­ren­den Neomoder­nisten auf und kom­bi­niert sie mit ex­trem kon­ser­va­ti­ven pseu­do-wah­ha­bi­ti­schen Po­si­tio­nen, was u.a. zu ei­ner Wie­der­ein­set­zung des is­la­mi­schen Rechts führt. Bei­des al­ler­dings un­ter schii­ti­schen wie ira­ni­schen Vor­zei­chen – so wird ein Schi­it bei­spiels­wei­se schon lan­ge dar­über nach­den­ken müs­sen, wer der grö­ße­re Feind des Pro­phe­ten ist, der Hei­de oder der Sun­nit; noch schwie­ri­ger aber wird die Ent­schei­dung für den Ira­ner, wenn es sich beim Sun­ni­ten um ei­nen die­ser »hin­ter­häl­ti­gen« Ara­ber han­delt, die für den Tod des für sie ein­zig recht­mä­ßi­gen Nach­fol­gers Mo­ham­meds, des Imams ‘Ali, ver­ant­wort­lich sind.

6. Ab­gren­zung des Be­griffs der Re-Is­la­mi­sie­rung

Der Be­griff Re-Is­la­mi­sie­rung wird kon­trär zum Be­griff Is­lam-Fun­da­men­ta­lis­mus (oder gar Is­la­mis­mus) ge­braucht. Der Is­lam-Fun­da­men­ta­lis­mus in sei­ner Ach­se Sau­di-Ara­bi­en-Pa­ki­stan-Af­gha­ni­stan ver­tritt letzt­lich al­te wah­ha­bi­ti­sche Po­si­tio­nen, lehnt aus­län­di­sche »Is­men« (Ka­pi­ta­lis­mus und So­zia­lis­mus) glei­cher­ma­ßen ab und strebt nach ei­ner Neu­fun­die­rung des Ka­li­fat­ge­dan­kens mit to­ta­li­tä­rem An­spruch. Der Is­lam wird hier be­wußt als po­li­ti­sche Ideo­lo­gie ein­ge­setzt und ver­läßt den Be­reich des Kul­tu­rell-Re­li­giö­sen.

Re-Is­la­mi­sie­rung ver­steht sich hin­ge­gen als ei­ne kri­ti­sche Hin­ter­fra­gung west­li­cher Po­si­tio­nen mit dem Wil­len zur Mo­der­ni­sie­rung der is­la­mi­schen Welt und ist Aus­druck ei­ner Kri­se die­ser is­la­mi­schen Welt: so do­ku­men­tiert sich hier­in nicht zu­letzt die Angst vor dem kul­tu­rel­len Iden­ti­täts­schwund durch un­re­flek­tier­te Ver­west­li­chung; da­ne­ben zei­gen sich dar­in De­fen­siv­re­ak­tio­nen ei­ner vor- oder se­mi­in­du­stri­el­len Kul­tur, die nicht mehr zu­rück­keh­ren kann in die tra­di­tio­nel­le Ge­sell­schafts­form (auch wenn man dies bei­spielsweise in Af­gha­ni­stan ver­sucht hat, wie man nun sieht: mit ge­rin­gem Er­folg), aber auch kei­ne Brücke in die in­du­stri­el­le Ge­sell­schafts­form zu schla­gen ver­mag. Re-Is­la­mi­sie­rung soll hier­bei zu ei­nem Brücken­bau­er wer­den, um den west­li­chen Ent­wick­lungs­vor­sprung auf­zu­ho­len.

7. Ab­schluß: Der is­la­mi­sche Uni­ver­sal­an­spruch

Der Is­lam ver­steht sich als re­li­giö­se, so­zia­le und po­li­ti­sche Ord­nung, dar­in drückt sich sein uni­ver­sa­ler Auf­trag aus. Das be­deu­tet nicht zu­letzt auch, daß der Kampf ge­gen re­li­giö­se Ent­frem­dung und kul­tu­rel­le Be­vor­mun­dung im­ma­nen­te re­li­giö­se Pflicht ist, recht ei­gent­lich zur Eman­zi­pa­ti­on des mus­li­mi­schen Men­schen ge­hört und als Ji­hād ge­deu­tet wird (der Be­griff mein­te ur­sprüng­lich nur den ganz kon­kre­ten Selbst­ver­tei­di­gungs­kampf der Um­ma ge­gen An­grif­fe von au­ßen, bei­spiels­wei­se wäh­rend der Kreuz­zü­ge; von My­sti­kern schon früh in­ner­see­lisch als Kampf ge­gen den Schai­tan – Sa­tan – ge­deu­tet, ist zwi­schen­zeit­lich so­viel Schind­lu­der da­mit ge­trie­ben wor­den, daß er zum am häu­fig­sten miß­bräuch­lich ver­wen­de­ten Be­griff über­haupt ge­ra­ten ist).

Is­lam be­deu­tet wört­lich: Hin­ga­be an Gott, Er­ge­bung in Got­tes Wil­len. Die­ser of­fen­bart sich im Ko­ran. Um den rech­ten Weg zu fin­den, sucht der Mensch im Ko­ran Got­tes Wil­len und er­gibt sich dar­ein. Der Is­lam ist in sei­nem Selbst­bild die letz­te, end­gül­ti­ge und al­lei­ni­ge, gott­ge­woll­te Re­li­gi­on und stellt den Höhe‑, Um­kehr- und Schluß­punkt der Propheten­geschichte dar. Je­der Pro­phet ist ein von Gott an (s)ein Volk Ge­sand­ter. Mo­ham­med in­des ist der Ge­sand­te Got­tes an die ge­sam­te Mensch­heit, nicht mehr nur an ein be­stimm­tes Volk. Da­her ver­lie­ren Ju­den- und Chri­sten­tum, die frü­he­re, über­wun­de­ne Stu­fen des Pro­phe­ten­tums re­prä­sen­tie­ren, ih­re Uni­ver­sal­an­sprü­che.

Da es sich beim Is­lam um ei­ne an al­le Men­schen ge­sand­te Of­fen­ba­rung han­delt, ist die ur­sprüng­li­che und er­ste Pflicht des Is­lams, al­le Men­schen durch den Wil­len Got­tes zum Wil­len Got­tes zu be­keh­ren.

Der Is­lam bringt die end­gül­ti­ge, ver­bind­li­che Ge­setz­ge­bung des Wil­lens Got­tes. Da­mit ist des­sen Of­fen­ba­rung ab­ge­schlos­sen, es kann kei­ne wei­te­re Of­fen­ba­rung oder Ver­kün­dung sei­nes Wil­lens ge­ben (ob­wohl es in der Ge­schich­te des Is­lams oder in De­ri­vat­be­we­gun­gen de fac­to im­mer wie­der neue Of­fen­ba­run­gen ge­ge­ben hat). Die­se end­gül­ti­ge Ge­setz­ge­bung des Wil­lens Got­tes ist auf das Weltgan­ze der mensch­li­chen Ge­schich­te und auf das kon­kre­te ein­zel­ne Men­schen­le­ben be­zo­gen. Der Is­lam setzt den ge­setz­li­chen Rah­men, in den das Le­ben des Gläu­bi­gen sich ein­fügt und er­läßt die Ord­nung, an der sich Fa­mi­lie, Ge­sell­schaft, Staats­we­sen und in­ter­na­tio­na­le Be­zie­hun­gen der Um­ma (der is­la­mi­schen Welt) ori­en­tie­ren. Dies meint die be­rühmt-be­rüch­tig­te Ein­heit von Staat, Ge­sell­schaft und Re­li­gi­on und er­klärt hin­läng­lich den An­spruch der Re-Is­la­mi­sie­rungs­be­we­gung, daß der Is­lam ei­ne ech­te Al­ter­na­ti­ve zu al­len west­li­chen und (ehe­ma­li­gen) öst­li­chen Sy­ste­men dar­stel­le, die ver­sagt hät­ten und zu Iden­ti­täts­kri­sen im Ori­ent wie im Ok­zi­dent führ­ten.

Die Län­der der Um­ma sol­len ih­ren ei­ge­nen Weg ge­hen im Ein­klang von Kul­tur und Iden­ti­tät, ei­ne »flo­rie­ren­de Ge­mein­schaft un­ter Got­tes und sei­nes Ge­set­zes Recht­lei­tung. Ein neu­es Ge­wis­sen der Mensch­heit.« (Char­ta is­la­mi­scher Staa­ten)

© Mar­tin von Arndt


Li­te­ra­tur:

En­de, Stein­bach (Hrsg.): Der Is­lam in der Ge­gen­wart. Mün­chen 1984.

Kha­lid, D.: Re-Is­la­mi­sie­rung und Ent­wick­lungs­po­li­tik. Mün­chen 1982.

Khou­ry, Adel Th.: Der Is­lam. Freiburg/Brsg. 1984.

Troll, Chri­sti­an: Is­lam und is­la­mi­sches Den­ken im Um­bruch. In: Jahr­buch Mis­si­on Ham­burg 1986.

Khou­ry, Adel Th.: Zur heu­ti­gen Re­nais­sance des Is­lams. In: Fitz­ge­rald, Khou­ry, Wan­zu­ra (Hrs­gg.): Re­nais­sance des Is­lams. Graz 1980.

Watt, W. Mont­go­me­ry, Welch, Al­ford (Hrs­gg.): Der Is­lam. Stutt­gart 1980.


Martin von Arndt: Klassiker der Religionspsychologie

Mar­tin von Arndt: Klas­si­ker der Re­li­gi­ons­psy­cho­lo­gie

Aus: Mar­tin von Arndt: Klas­si­ker der Re­li­gi­ons­psy­cho­lo­gie – Neun re­li­gi­ons­wis­sen­schaft­li­che Auf­sät­ze – Shaker me­dia Aa­chen 2008, ISBN 978–3‑86858–164‑5

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

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  2. Gu­ten Tag,
    vie­len Dank für ih­ren aus­führ­li­chen Es­say Herr Mar­tin von Arndt. Mit ei­ner Aus­sa­ge kann ich mich al­ler­dings nicht ganz an­freun­den und zwar mit die­ser:

    »Im Ge­gen­satz zum Chri­sten­tum kennt der Is­lam kei­ne gro­ße Re­form­be­we­gung wie die lu­the­ri­sche, cal­vi­ni­sti­sche oder zwinglia­ni­sche Re­for­ma­ti­on....«

    Für die Mus­li­me sieht dies al­ler­dings an­ders aus. Für die Mus­li­me war Imam Ruhul­lah Chomei­ni ein gro­ßer Re­for­ma­tor des Is­lams. Und zur Zeit lebt eben­falls ein gro­ßer Re­for­ma­tor, Imam Ali Cha­men­ei.

    Dan­ke noch­mals, dass sie ihr wi­sen mit uns tei­len.

    lg
    Hassan Moh­sen