Der Bös­mensch

Ei­gent­lich macht man das nicht: Über ein Buch schrei­ben, was man nicht ge­le­sen hat. Aber manch­mal reicht es auch, nur ei­nen Teil ge­le­sen zu ha­ben, um fest­zu­stel­len, dass das Le­ben viel zu kurz ist, sich wei­ter mit dem Ge­le­se­nen zu be­schäf­ti­gen.

So ging es mir mit Kai Diek­manns Äu­sse­run­gen aus sei­nem Buch »Der gro­ße Selbst­betrug«, wel­ches nun – in durch­aus ku­rio­ser Form – vor­ge­stellt wur­de. Mi­cha­el Nau­mann er­barm­te sich, be­gab sich in die Höh­le des Lö­wen (des Lö­wen?) und bür­ste­te den ge­gel­ten Au­tor ein biss­chen ge­gen den Strich. Das ist ver­mut­lich ganz schön han­sea­tisch ab­ge­lau­fen und viel­leicht wird es Nau­mann ge­lin­gen, bis zu den Wah­len zur Ham­bur­ger Bür­ger­schaft noch ein, zwei Mal in der »Bild«-Zeitung er­wähnt zu wer­den. Das ist doch was.

Diek­mann glaubt die Zei­chen der Zeit er­kannt zu ha­ben. Ei­ne Ab­rech­nung mit den 68ern treibt ihn wohl um. Bes­ser noch: Ei­ne Ab­rech­nung mit den »Gut­men­schen«. Das ist – so hat das neu­lich Ste­fan Nig­ge­mei­er ganz tref­fend for­mu­liert – aus der Sicht rechts­ra­di­ka­ler Spin­ner auch ein Syn­onym für »lin­ker Na­zi«. Ei­ne we­sent­lich an­de­re Mei­nung scheint Diek­mann nicht zu he­gen, was nicht un­be­dingt für ihn spricht. Aber wer er­war­tet ei­gent­lich von ei­nem Chef­re­dak­teur der »Bild«-Zeitung Dif­fe­ren­zie­rungs­ver­mö­gen. Das ist eher ei­ne Aus­schluss­be­din­gung. Un­ge­fähr so, als könn­te man Papst wer­den, wenn man ge­schie­den ist.

Ver­mut­lich sieht sich Diek­mann in der Nach­be­rei­tung von Udo di Fa­bi­os re­stau­ra­tiv-in­tel­lek­tu­el­lem Ge­sell­schafts­ent­wurf »Die Kul­tur der Frei­heit« und/oder Schirr­ma­chers »Mi­ni­mum«. Bei­de ent­decken die Strahl­kraft ver­gan­ge­ner »Gartenlaube«-Idyllen in Gross­fa­mi­li­en wie­der, die es – das kann man em­pi­risch be­le­gen – so nie ge­ge­ben hat (au­sser viel­leicht bei ei­ni­gen Bil­dungs­bür­gern und in Ro­ma­nen). Ins­be­son­de­re di Fa­bio sieht seit 1968 nicht nur ei­ne Ato­mi­sie­rung von Wer­ten, bei­spiels­wei­se der viel ge­schmähten Se­kun­där­tu­gen­den, son­dern auch ei­ne Be­vor­mun­dung des Staa­tes in die Le­bens­ent­wür­fe der Bür­ger, die die­sen wie­der­um trä­ge ma­chen. Dies gilt es zu durch­brechen. Hier­für fin­det di Fa­bio den Be­griff der »Frei­heit«. Die Re­gu­lie­rungs­kräf­te des Staa­tes sind für ihn In­stru­men­te der Ze­men­tie­rung der Un­selb­stän­dig­keit der In­di­vi­du­en, die sich dann lie­ber den Struk­tu­ren er­ge­ben, statt Neu­es und Un­be­kann­tes zu ris­kie­ren. »Frei­heit« be­deu­tet für ihn, sich aus der selbst­ge­wähl­ten Un­mün­dig­keit zu be­frei­en – und dies wird dann not­falls dem Bür­ger ver­ord­net. Das dies nicht auf Be­gei­ste­rung stösst, ist klar: Ei­nem Berg­stei­ger, der mit­ten auf der Tour der Ruck­sack ab­ge­nom­men be­kommt, wird zwar die Ge­wichts­er­leich­tung spü­ren, aber wenn er auf sei­nen Ruck­sack nicht mehr zu­rück­grei­fen kann, be­gin­nen die Pro­ble­me.

Bei al­lem Un­ver­ständ­nis, wel­ches den Le­ser bei di Fa­bio über­kommt und bei al­lem Kopf­schüt­teln über Schirr­ma­chers Angst, das Un­aus­ge­spro­che­ne zu be­nen­nen – bei­de ver­bin­det ei­ne nicht zu leug­nen­de In­tel­lek­tua­li­tät (frei­lich auf un­ter­schied­li­che Art). Von ein­fa­chen Schlag­wor­ten hal­ten sich bei­de Au­toren – klug ge­nug! – fern. Ih­nen ge­mein (und nicht nur ih­nen) ist al­ler­dings das tie­fe Un­be­ha­gen der Kul­tur­re­vo­lu­ti­on, die (un­deut­lich, weil ver­kür­zend) mit dem Be­griff der 68er de­fi­niert wird.

Kai Diek­mann kann sich na­tür­lich nicht mit den oben ge­nann­ten Au­toren mes­sen. Sei­ne Phil­ip­pi­ka ge­gen die »Gut­men­schen«, je­ne sä­ku­la­re Form des pie­ti­stisch-ab­sei­ti­gen Frömm­lers, ist grund­sätz­li­cher Na­tur. Hier schreibt sich of­fen­sicht­lich je­mand sei­nen Frust von der See­le. Jahr­zehn­te auf­ge­stau­te Wut. So, als wol­le sich je­mand ge­gen die rä­chen, die ihm auf dem Schul­hof im­mer auf das Pau­sen­brot ge­spuckt ha­ben. End­lich hat Diek­mann das Kli­ma vor­ge­fun­den, in dem er sich si­cher wähnt. Die Re­stau­ra­ti­on be­ginnt spä­te­stens seit dem Ab­gang von rot-grün. Diek­mann hat dies mit den an­de­ren Sprin­ger-Zei­tun­gen und in selt­sa­mer Al­li­anz mit dem »Spie­gel« her­bei­ge­schrie­ben. Die Über­ra­schung war, dass das Volk dann fast nicht so ab­ge­stimmt hät­te, wie man es ihm ein­ge­häm­mert hat. So was aber auch.

Wer will, kann im On­line-Le­xi­kon Wi­ki­pe­dia ei­ne in­ter­es­san­te Dis­kus­si­on le­sen – auf der »Gutmensch«-Seite. Der Be­griff ist (sie­he oben) um­strit­ten. Ei­ni­ge brin­gen ihn mit dem na­tio­nal­so­zia­li­sti­schen »Stür­mer« in Ver­bin­dung; ein Stu­di­um hier­über wä­re si­cher­lich not­wen­dig, aber den »Stür­mer« gibt’s noch nicht on­line. An­de­re wie­der­um hal­ten ihn für ein eher harm­lo­ses At­tri­but. Das ist er aber mit Si­cher­heit nicht.

Ist es nicht merk­wür­dig, dass heut­zu­ta­ge ein »gu­ter Mensch« ein Depp ist? Dass je­mand, der an »das Gu­te im Men­schen glaubt« (las­sen wir im Mo­ment ein­mal weg, dass es sich um ei­ne kin­di­sche Me­ta­pher han­delt) als welt­frem­der Spin­ner gel­ten muss? Und das sol­che lackier­ten Wich­tel wie Diek­mann sich als Welt­erken­ner und Wel­ten­ver­ste­her aus­wei­sen kön­nen, oh­ne dass ih­nen schal­len­des Ge­läch­ter ent­ge­gen dröhnt? (Enorm lu­stig auch die­ses In­ter­view von Diek­mann, in dem er sich als de­tail­ver­ses­se­nen Jour­na­li­sten outet; ein Brül­ler.)

Und dann wird ganz schnell der »Gut­mensch« zur Pla­ge, weil – Über­ra­schung! – des­sen Welt­sicht auch die Be­richt­erstat­tung in­zwi­schen be­stim­me. Das ist we­nig­stens kon­se­quent, denn sein Blatt ist zu­ver­läs­sig von je­der to­le­ran­ten und welt­of­fe­nen Be­richt­erstat­tung mei­len­weit ent­fernt. Statt­des­sen ma­stur­bie­ren Gei­stes­zwer­ge wie Herr Wag­ner da her­um, aber – dem »Bild­blog« sei Dank – in­zwi­schen ist es nie­man­dem gu­ten Wil­lens (!) mehr mög­lich, zu sa­gen, er hät­te da­von nichts ge­wusst.

Ach ja: Wie Diek­manns jour­na­li­sti­sche Im­pe­ra­ti­ve aus­se­hen, kann man am Bei­spiel des WamS Kom­men­ta­tors Alan Po­se­ner se­hen, der auf sei­nem Blog Diek­mann stark kri­ti­sier­te – und des­sen Text ganz schnell ge­löscht wur­de.

Mi­cha­el Nau­mann ist ein klu­ger Mensch. Er nann­te Diek­manns Buch ei­ne »Selbstent­hüllung auf 254 Sei­ten«. Er hat die­ses Buch ge­le­sen. Er hat be­stimmt recht. Und man soll­te die (not­wen­di­ge) Dis­kus­si­on um die 68er ganz si­cher an­de­ren Leu­ten über­las­sen als Diek­mann et. al. Das ha­ben die ver­dient.

PS: Was ist ei­gent­lich das Ge­gen­teil des »Gut­men­schen«? Der »Bös­mensch«? Der »Bro­der«?

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  1. Hil­fe naht
    Ein wei­te­res Ge­gen­teil von »gut« ist au­ßer »bö­se« auch noch »schlecht«. Da kann man dann nicht bloß »Schlecht­mensch« ab­lei­den, son­dern auch als Ge­gen­teil von »du bist ein Gu­ter« bül­den: »Du bist ein Schlech­ter.« Von sol­chen Men­schen wim­melt es in der toit­schen Ge­schich­te.

    Hein­rich Zil­le sag­te: „Man kann ei­nen Men­schen mit ei­ner Axt er­schla­gen, aber man kann ihn auch mit ei­ner Woh­nung er­schla­gen.« Heu­te kann man nicht bloß ei­ne Flie­ge, son­dern auch ei­nen Men­schen mit ei­ner Zei­tung, nein, mit die­ser Zei­tung er­schla­gen.

  2. Dan­ke
    für die Hil­fe. Dann darf man Diek­mann und Kon­sor­ten in Zu­kunft wohl als »schlech­te Men­schen« be­zeich­nen – und sie müss­ten sich be­stä­tigt füh­len.

    Was ein biss­chen trö­stet (falls man des Tro­stes be­dürf­tig ist): Zei­tun­gen wie die­se gibt es ja nicht nur in Deutsch­land, son­dern bspw. auch in Gross­bri­tan­ni­en (be­son­ders ge­fürch­tet!), der Schweiz und – na­tür­lich – auch in Öster­reich. Ich fra­ge mich, wo­ge­gen dort ge­wet­tert wird, wenn die­ses »Gutmenschen«-Phänomen in­klu­si­ve Selbst­hass so ty­pisch deutsch sein soll.

  3. Die Über­ra­schung war, dass das Volk dann fast nicht so ab­ge­stimmt hät­te, wie man es ihm ein­ge­häm­mert hat.

    Wie­so „fast“? Die Ab­stim­mung er­gab doch ei­ne kla­re lin­ke Mehr­heit, al­so ge­nau ent­ge­gen­ge­setzt der häm­mern­den Pro­pa­gan­da. Das Er­geb­nis der Ver­fäl­schung des Wäh­ler­wil­lens be­kommt die SPD nun zu­neh­mend zu spü­ren.

    An­son­sten fällt mir zu Dieck­mann im­mer nur ein, dass er ei­nen ganz, ganz klei­nen Schnie­del ha­ben soll, den er auch auf dem Kla­ge­we­ge nicht ver­grö­ßern konn­te. Ni­veau­los? Ja si­cher, aber bei der Er­wäh­nung von BILD und sei­nen Ma­chern wer­de ich zum Bös­men­schen.

  4. Das mit dem Wäh­ler­wil­len...
    ist so ei­ne Sa­che. Nicht je­der, der SPD oder Grü­ne ge­wählt hat, hat da­mit au­to­ma­tisch ein Man­dat für ei­ne Links­ko­ali­ti­on ab­ge­ge­ben – und nicht je­der der sei­ner­zeit die Lin­ke ge­wählt hat, wä­re für ei­ne Ko­ali­ti­on SPD/Grüne ge­we­sen.

    Um­ge­kehrt ist es na­tür­lich auch un­sin­nig, wenn im­mer ge­sagt wird, »der Wäh­ler« ha­be die Gro­sse Ko­ali­ti­on ge­wählt. Das könn­te man nur sa­gen, wenn tat­säch­lich Ko­ali­tio­nen zur Wahl stün­den und nicht Par­tei­en.

    Die lin­ke Mehr­heit exi­stiert prak­tisch seit 1998. 2005 war sie al­ler­dings erst­mals im Bund auf par­la­men­ta­ri­scher Ebe­ne nur noch zu­sam­men mit der Links­par­tei vor­han­den. Da vor­her fest­stand, dass es mit Schrö­der kei­ne Ko­ali­ti­on mit der Links­par­tei gab, kann von ei­nem Wäh­ler­wil­len für SPD/Grüne/Linke nur arith­me­tisch die Re­de sein.

    Mit »fast« mei­ne ich die »Block­bil­dung«: CDU/FDP und SPD/Grüne. Wir ken­nen al­le die teil­wei­se ge­ziel­ten Falsch­pro­gno­sen. Ich fand es um so er­staun­li­cher, dass es so knapp war.

    Mei­nes Er­ach­tens ist un­ser Ver­hält­nis­wahl­recht auf Dau­er schäd­lich. In zu er­war­ten­den Drei­er­ko­ali­tio­nen wird das Re­gie­ren mit ei­ner zwei­ten Kam­mer, die mei­stens noch an­de­re Mehr­hei­ten hat bzw. Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen ver­tritt, zur Qual. Aber das ist ein an­de­res The­ma.

  5. Im Prin­zip hat­te ich na­tür­lich ver­stan­den, was Sie mit „fast“ mein­ten. Trotz­dem bleibt es ei­ne Tat­sa­che, dass die, nach De­fi­ni­ti­on des CDU/FDP-Blocks, „lin­ken“ Par­tei­en im Par­la­ment ei­ne sat­te Mehr­heit dar­stel­len. Aus ge­nau die­sem Grun­de er­scheint mir auch die de­fen­si­ve Selbst­be­schei­dung der SPD, ge­nau­so wie die auf­trump­fen­de Selbst­zu­frie­den­heit der Kanz­ler­par­tei ziem­lich merk­wür­dig. Zu­min­dest der Macht­an­spruch der CDU steht doch auf äu­ßerst tö­ner­nen Fü­ssen und auch die ak­tu­el­len Um­fra­ge­trends z.B. Lok­füh­rer­streik, Hartz IV, Af­gha­ni­stan­ein­satz oder so­zia­le Ge­rech­tig­keit deu­ten eher auf ei­ne Ver­stär­kung der lin­ken Mehr­heit hin. Das die SPD die­ses gün­sti­ge Mei­nungs­um­feld nicht of­fen­siv nutzt, son­dern sich statt des­sen mit der Be­grün­dung „ge­samt­staat­li­cher Ver­ant­wor­tung“ selbst blockiert, macht ja das Di­lem­ma der lin­ken Mehr­heit aus.
    Aber Sie ha­ben recht, im Zu­sam­men­hang mit den Schlecht­men­schen von BILD ist dies nun ein ganz an­de­res The­ma.

  6. Di­lem­ma der SPD
    Das Di­lem­ma der SPD ist, dass sie mit der Agen­da-Po­li­tik Schrö­ders ei­ne Rich­tung ein­ge­schla­gen hat, die zwar ei­ni­ge in der Par­tei für prag­ma­tisch und ver­nünf­tig hal­ten (so­zu­sa­gen dem Ka­pi­ta­lis­mus ein mensch­li­ches Ant­litz zu ge­ben [man darf nicht ver­ges­sen, dass et­li­ches, was Schrö­ders Agen­da-Po­li­tik aus­macht, vor­her seit Jah­ren ge­for­dert wur­de – von bei­den Par­tei­en]), aber in der Brei­te der Ba­sis nie ei­ne Mehr­heit ge­fun­den hat. Et­li­che, die 2005 dann doch die SPD ge­wählt hat­ten, wähl­ten nicht für Schrö­der son­dern ge­gen Mer­kel und den Pro­fes­sor.

    Das kommt mir im Mo­ment so vor, als sei der Treck der SPD oh­ne den- bzw. die­je­ni­gen un­ter­wegs, die sie auf den Weg ge­bracht ha­ben. Um­keh­ren geht nicht mehr – wei­ter­ma­chen auch nicht. Was Beck ver­sucht ist Pfahl im Fleisch ei­ner un­ge­lieb­ten Re­gie­rung zu sein und auf vor­der­grün­dig po­pu­lä­re Emp­fin­dun­gen zu re­agie­ren. Po­li­tik – in mei­nem Ver­ständ­nis – be­deu­tet aber nicht un­be­dingt, dem Volk nach dem Maul zu re­den, son­dern ein um­fas­sen­des An­ge­bot zu ma­chen, was dann zur Dis­po­si­ti­on steht.

  7. Ziem­lich si­cher scheint mir zu sein, dass die Trends der Um­fra­gen nicht auf kurz­fri­sti­ge Stim­mungs­schwan­kun­gen, son­dern auf ein tief­sit­zen­des Un­be­ha­gen bei der Mehr­heit der Be­völ­ke­rung we­gen zu­neh­men­der Un­ge­rech­tig­keit in der Ge­sell­schaft hin­deu­ten. Hier ver­sucht nun Beck mit un­taug­li­chen Mit­teln (man er­kennt die vor­der­grün­di­ge Ab­sicht und ist ver­stimmt) Punk­te zu sam­meln. Es wird der SPD nichts nut­zen, so­lan­ge sie sich nicht er­kenn­bar vom CDU/FDP-Block ab­setzt, al­so ge­nau das von Ih­nen ge­wünsch­te um­fas­sen­de An­ge­bot zur Dis­po­si­ti­on stellt. So­lan­ge sich die SPD we­gen der Be­rüh­rungs­angst zur Links-Par­tei als li­ni­en­treue­re CDU ge­riert, wird sie, bis zur Un­kennt­lich­keit ent­stellt, den Nim­bus der lin­ken Volks­par­tei voll­stän­dig ein­bü­ssen.
    Nicht zu fas­sen, sind doch die arith­me­ti­schen Mehr­heits­ver­hält­nis­se völ­lig ein­deu­tig.

  8. Um jetzt ein biss­chen zu pro­vo­zie­ren:
    Ja, die arith­me­ti­schen Ver­hält­nis­se sind ein­deu­tig. Aber ist die SPD über­haupt noch »links« oder si­mu­liert sie das nur noch? Die Ver­wäs­se­rung in Rich­tung CDU/FDP be­gann ja ei­gent­lich schon vor Schrö­ders er­ster Wahl 1998 und der »neu­en Mit­te«. Um be­stimm­te Kräf­te, die ei­gent­lich kon­ser­va­tiv wäh­len, nicht zu ver­prel­len, die aber des Ein­heits­kanz­lers über­drüs­sig wa­ren, stand Schrö­ders »An­ge­bot« des vie­len, was man bes­ser ma­chen will (und eben nicht vie­les an­ders – das kam erst spä­ter, aber an­ders als ge­dacht). Vie­le konn­ten ein­fach den Dicken nicht mehr se­hen und Schrö­der ver­sprach nicht all­zu­viel Än­de­run­gen (und wenn, dann nur Gu­tes – ich er­in­ne­re an die ei­ne Mark Sen­kung der Re­zept­ge­bühr pro Me­di­ka­ment!)

    Mit den Grü­nen als Ali­bi­lin­ke (die al­ler­dings so­fort ih­re Jung­fern­schaft mit dem Ko­so­vo­krieg ver­lo­ren) hat­te Schrö­der ein schö­nes Re­gie­ren. Er hat – we­nig­stens was die In­nen­po­li­tik an­ging – in den er­sten vier Jah­ren für sei­ne An­sprü­che be­trach­tet nicht viel falsch ge­macht. Ei­ni­ge rich­ti­ge Punk­te, wie bspw. die Ab­schaf­fung der 630-Mark-Jobs, hat er flugs wie­der zu­rück­ge­nom­men. Au­ssen­po­li­tisch gab es auch »kei­ne Ex­pe­ri­men­te«; mit dem Ko­so­vo-Krieg und Af­gha­ni­stan­ein­satz hat man den Wün­schen der Ame­ri­ka­ner voll ent­spro­chen. Die SPD galt bis weit ins bür­ger­li­che La­ger lan­ge als bes­se­re CDU.

  9. Um die Pro­vo­ka­ti­on aus­zu­wei­ten.
    Wel­che Par­tei, vor al­lem der Volks­par­tei­en, ist denn noch wie vor ein paar Jahr­zehn­ten? Es ist doch längst so, dass be­son­ders je­ne Par­tei­en die ei­nen Wäh­ler­auf­trag be­ka­men bzw. be­kom­men wol­len, ei­ne bun­te Mi­schung dar­stel­len. Man fischt gut und ger­ne in den Ge­wäs­sern der Kon­kur­renz – in Eu­ro­pa ein durch­aus ver­brei­te­tes Phä­no­men. Die Fra­ge ist nur, ob das so sein muss, weil durch be­stimm­te Zwän­ge un­se­rer glo­ba­li­sier­ten Welt auf­er­legt, oder es nur recht und bil­lig ist.

  10. @Metepsilonema
    In der Tat wird der Be­griff »Volks­par­tei« fast nur noch zur Flos­kel, da je­de Par­tei ver­sucht, Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen ir­gend­wie in ihr Kon­zept hin­ein­zu­pres­sen. Das ver­wäs­sert dann na­tür­lich die Pro­gram­ma­tik – un­ter Um­stän­den bis zur Un­kennt­lich­keit.

    Das Pro­blem be­steht m. E. zum gro­ssen Teil dar­in, dass al­le zu stark in die­sen Par­tei­en­ka­te­go­rien den­ken. Das wird durch die Me­di­en noch be­för­dert. Der kind­li­che – manch­mal ge­fähr­li­che – Wil­le zur »Ge­schlos­sen­heit« zeigt das an. Was fehlt ist der Mut, sich im Par­la­ment Mehr­hei­ten zu su­chen, die ab­seits par­tei­po­li­ti­scher Kampf­li­ni­en lie­gen. Das sieht man in den skan­di­na­vi­schen Län­dern et­was an­ders, und die wer­den im Zwei­fel nicht schlech­ter re­giert.

    Das schlimm­ste Ur­teil über ei­ne po­li­ti­sche Par­tei im me­dia­len Zir­kus lau­tet »zer­strit­ten«. Das ist dann schon der Fall, wenn es ei­ni­ge we­ni­ge Ab­ge­ord­ne­te gibt, die ei­nem Mehr­heits­be­schluss wi­der­spre­chen. Der Hang geht da­zu, dass sich die­se dann dem Be­schluss zu beu­gen ha­ben – was nach­weis­lich ge­gen das Grund­ge­setz ver­stösst. Statt die­se Min­der­heit »aus­zu­hal­ten« wird im öf­fent­li­chen Raum dis­ku­tiert, ob bzw. wie die­se Min­der­hei­ten­mei­nung ge­fü­gig ge­macht wer­den kann oder – wenn sie stark ist – ein­ge­bun­den wer­den soll.

    Das hat man dann da­von, wenn man »Volks­par­tei­en« für al­le mög­li­chen Grup­pen at­trak­tiv macht und nur quan­ti­ta­tiv denkt. In Deutsch­land gibt es in je­der Par­tei ei­nen oder meh­re­re Par­tei­dis­si­den­ten, die als nütz­li­che Idio­ten fun­gie­ren. Ge­ne­rell bleibt das Pro­blem, dass man ei­nen bun­ten Hau­fen nicht mehr so ein­fach »auf Li­nie« brin­gen kann.

  11. Ideo­lo­gie und Quan­ti­tät
    @Gregor

    Par­tei­en ver­tre­ten be­stimm­te Ideo­lo­gien, die bei­spiels­wei­se mit At­tri­bu­ten wie »pro­gres­siv«, »kon­ser­va­tiv« u.ä. kurz cha­rak­te­ri­siert wer­den kön­nen. Die­se Welt­sich­ten wi­der­spre­chen ein­an­der (mit­un­ter) und aus ih­nen kann man be­stimm­te »stan­dar­di­sier­te« Lö­sungs­mög­lich­kei­ten für Pro­ble­me ab­lei­ten (aus ei­nem The­sen­ge­bäu­de wer­den Hand­lungs­ma­xi­men ab­ge­lei­tet). Die Par­tei­dis­zi­plin hat ih­ren lo­gi­schen Ur­sprung in der In­kon­gru­enz der Lö­sungs­vor­schlä­ge, die aus je­weils un­ter­schied­li­chen Denk­rich­tun­gen Stam­men.

    An­de­rer­seits: Wie Du rich­tig fest­stellst, hemmt die Par­tei­dis­zi­plin die Mög­lich­keit prak­ti­ka­ble Lö­sungs­vor­schlä­ge aus an­de­ren Ideo­lo­gien an­zu­neh­men, und un­ter­gräbt die al­ler­er­ste Pflicht der Ab­ge­ord­ne­ten, näm­lich die Ver­ant­wor­tung ih­rem je­wei­li­gen Wäh­ler­kreis ge­gen­über.

    Wir le­ben viel­leicht in ei­ner Zeit in der die­se li­nea­ren, ideo­lo­gisch vor­pro­gram­mier­ten Lö­sungs­we­ge nicht mehr so gut funk­tio­nie­ren, und da­her muss man sich (auch) beim po­li­ti­schen Geg­ner be­die­nen. Ein an­de­rer Grund ist na­tür­lich, dass die Po­li­tik zum Markt wird, man möch­te da­her mög­lichst vie­le »Kun­den« an­spre­chen.

    Das quan­ti­ta­ti­ve Den­ken ist in der De­mo­kra­tie fest ver­an­kert – man stimmt ab! Die Wahlwer­bung (emo­tio­na­li­siert), der »Stim­men­fang«, die Par­tei­dis­zi­plin, al­le die­se Quan­ti­tä­ten kann man ei­gent­lich nicht gänz­lich weg­be­kom­men, im Ge­gen­teil die De­mo­kra­tie be­gün­stigt sie. Das ist ei­ner ih­rer Pfer­de­fü­ße.

    Aber viel­leicht be­kommt man, was man ver­dient...

  12. Wenn das Den­ken in po­li­ti­schen Par­tei­en je­doch nur noch dar­in eb­steht, die grösst­mög­lich­te Quan­ti­tät von Wäh­lern an­zu­spre­chen, kehrt sich die In­ten­ti­on von po­li­ti­schen Par­tei­en um: Hin zu »Er­fül­lungs­ge­hil­fen« für Mehr­hei­ten. Es wird sug­ge­riert, dass Po­li­ti­ker und po­li­ti­sche Par­tei­en je­der­zeit Exe­ku­to­ren der Volks­mei­nung sein sol­len.

    In Deutsch­land wird dies im Rah­men der Dis­kus­si­on um den Af­gha­ni­stan-Ein­satz der Bun­des­wehr im­mer wie­der ge­bracht: Da die Mehr­heit der Be­völ­ke­rung da­ge­gen sei, im Par­la­ment der EIn­satz je­doch ver­län­gert wur­de, ge­be es – so die Ar­gu­men­ta­ti­on – ei­ne Le­gi­ti­ma­ti­ons­kri­se des Par­la­ments. Das Pro­blem ist, dass ei­ne Par­tei, die sich los­ge­löst von den po­li­ti­schen Zu­sam­men­hän­gen im­mer nur an die Mehr­heits­mei­nung des Vol­kes hängt (die un­ter an­de­rem – aber nicht nur – in sol­chen Or­ga­nen wie der »Bild«-Zeitung ihr Sprach­rohr fin­det), im­mer mehr Re­le­vanz zu­ge­spro­chen be­kommt (Stim­men). Das wie­der­um trägt da­zu bei, dass an­de­re Par­tei­en, zu de­ren La­sten dies geht, ihr Fähn­chen im WInd hän­gen, usw. Po­li­tik wird dann nach Um­fra­ge­re­sul­ta­ten ge­macht.

    Aber Du hast schon Recht: Man be­kommt das, was man ver­dient... So­zu­sa­gen Kol­lek­tiv­haf­tung.

  13. De­mo­kra­ti­sche Ein­heits­front?
    Ein an­de­res Wort für Bös­men­schen oder Schlecht­men­schen (Schlicht­men­schen?) wä­re „Fein­de“.

    Das Pro­blem da­bei aber ist, dass die Fein­de, die man sich als sol­che aus­sucht und da­mit an­er­kennt ein Licht wie­der­um von die­ser­art Ver­hält­nis auf ei­nen sel­ber wer­fen: Zei­ge mir, ge­gen wen Du ätzt und... (bit­te sel­ber ver­voll­stän­di­gen).

    Na­tür­lich macht Gre­gor Keu­sch­nig es rich­tig: Er bleibt höf­lich, sor­tiert sei­ne Ar­gu­men­te und nennt die Ka­nail­len noch „Herr“. Aber bleibt man ih­nen so nicht auch ver­haf­tet, be­stä­tigt ih­re Exi­stenz?
    Weg­schrei­ben wird die­se Wi­der­lin­ge kei­ne Blog­ger­mü­he. Aber sind sie die Rest­auf­merk­sam­keit eh ei­ner Min­der­heit noch wert? (Selbst „Bild-Blog“ wird nie mehr sein, als ein Sy­si­phos­haf­ter Sta­chel im Fleisch, das dar­über ab und an ein­mal zucken mag).

    Ich fra­ge mich al­so – und, um mich da­mit zu outen: Ob­wohl ich die Su­pe­rio­ri­tät der Höf­lich­keit an­er­ken­ne, ent­spricht sie im Um­gang mit nö­ti­gen­den Fein­den nicht mei­nem Tem­pe­ra­ment -, ich fra­ge mich al­so, ob man nicht lang­sam mit die­ser Art Feind­schaft mal et­was an­ders um­sprin­gen soll­te?

    „Feind­schaft ist we­sent­lich“ hat Carl Schmidt mal ir­gend­wo ge­schrie­ben, und sie da­mit als Be­stand­teil des Streits um die rich­ti­ge Sa­che auch des Staats mar­kiert. Wo aber, es sei denn man sä­he den Stau im Sta­tus Quo von all den üb­li­chen Be­däch­ti­gen in ih­rem un­an­ge­foch­te­nen Wei­ter­ma­chen schon al­so sol­che an, wo aber ist ei­gent­lich die Front?

  14. Ach, was nützt
    ei­ne Un­höf­lich­keit? Ich wür­de das tun,was ich bei an­de­ren Blogs und auch den Me­di­en an­krei­de: Die Hy­ste­ri­sie­rung; die Ver­ächt­lich­ma­chung, die das Ar­gu­men­tie­ren so oft über­flüs­sig ma­chen soll. Ob ich Diek­mann nun »lackier­ten Wich­tel« nen­ne oder ihn als Arsch­loch be­schimp­fen wür­de – was ändert’s? Stört sich ein Herr Diek­mann an mei­nen Ver­bal­in­ju­ri­en?

    Ja, man müss­te mit sei­nen Fein­den an­ders um­ge­hen. Der »Bild­blog« hat das ver­sucht: Er hat die »Le­ser­re­por­ter-Ak­ti­on« ver­sucht, auf Diek­mann und sein Pri­vat­le­ben um­zu­po­len. Der Er­folg war wohl ge­ring und man fand das auch nicht fein. War­um letz­te­res, weiss ich nicht. Wenn je­mand dau­ernd Tief­schlä­ge ver­teilt, darf man sich nicht ent­spre­chend weh­ren? Ich ha­be das Hel­mut-Schmidt-Wort von den gro­ben Kei­len noch im Ohr, die ge­le­gent­lich zu den gro­ben Klöt­zen ru­bri­ziert wer­den sol­len.

    Ich se­he Diek­mann hier we­ni­ger als »Bild«-Agitator, son­dern als Stein­chen im Mo­sa­ik der Re­stau­ra­ti­ons­ver­su­che des deut­schen Neo­kon­ser­va­tis­mus. Dies­mal die bil­lig­ste Ver­si­on. Eva Her­man hat noch ei­ne »Mis­si­on«. Diek­mann schimpft wie »Klein Za­ches«. Ein Wech­sel­balg in der de­mo­kra­ti­schen Kul­tur. Man muss sol­che Leu­te aus­hal­ten. Lei­der.

  15. das »hel­mut-schmidt-wort« ist von geo­the

    Im neu­en Jahr Glück und Heil,
    Auf Weh und Wun­den gu­te Sal­be!
    Auf gro­ben Klotz ein gro­ber Keil!
    Auf ei­nen Schel­men an­dert­hal­be!

  16. K&K
    Fin­det sich auch bei Ge­org Her­wegh, »Aus den Ber­gen«:

    Je­der Mensch hat sei­nen Stern,
    Je­der Hof­rat sei­nen;
    Je­der Pu­del sei­nen Kern:
    Laßt auch mir den mei­nen!
    Ward mir lei­der nicht zu­teil,
    Daß ich euch er­göt­ze,
    Aber denkt: ich bin ein Keil,
    Weil ihr gro­be Klöt­ze.
    ...

    War an­schei­nend da­mals schon ein be­kann­ter Spruch, viel­leicht schon vor Goe­thes Zeit.

  17. Na­ja­aa.
    Her­wegh und Goe­the teil­wei­se par­al­lel, wo­bei ich tat­säch­lich auf die Schnel­le nur auf die Jah­res­zah­len ge­ach­tet und da­bei völ­lig ver­ges­sen ha­be, dass man im All­ge­mei­nen nicht als fer­ti­ger Schrei­ber­ling ge­bo­ren wird, son­dern erst mal er­wach­sen wird. Den Pu­del­kern hat Her­wegh je­den­falls mit Si­cher­heit von Goe­the. Bei Shake­speare weiß ich nicht, was da mög­li­cher­wei­se bei der Über­set­zung pas­siert ist. Mehr da­zu könn­ten wahr­schein­lich Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler sa­gen.
    Nichts­de­sto­trotz, Hel­mut Schmidt hat es ge­sagt, an­de­re eben­falls, und wenn man sich an je­ner Stel­le nicht für »Au­ge um Au­ge« ent­schie­den hät­te, stün­de es viel­leicht auch in der (deutsch­spra­chi­gen Aus­ga­be der) Bi­bel.
    Wir schwei­fen vom The­ma ab. Oder auch gar nicht so sehr. Die Sa­che mit dem Wort »Gut­mensch« ist Ety­mo­lo­gie live, di­rekt in der Ent­wick­lungs­pha­se. Ich find’s span­nend.

  18. Gu­te und bö­se Men­schen.
    Das Wort »Gut­mensch« ist ei­ne bei­ßend-po­le­mi­sche, ei­gent­lich schon ver­ächt­li­che Be­zeich­nung für ei­nen (über­mä­ßig?) po­li­tisch-kor­rek­ten, und zu­gleich et­was na­iv wir­ken­den Men­schen. Das Ge­gen­teil – der Bös­mensch? – wä­re dann je­mand, der der po­li­ti­schen Un­kor­rekt­heit hul­digt. So un­ge­fähr je­den­falls.

    Aber da das Wort »Gut­mensch« über­zeich­nend und po­le­misch ist, ist die Bil­dung des Ge­gen­teils oh­ne­hin nicht son­der­lich sinn­voll.

  19. Na­ja, wer mit »Gut­mensch« als Kampf­vo­ka­bel agiert, muss sich fra­gen, wo er sel­ber steht. Da­her mei­ne nicht nur rhe­to­ri­sche Fra­ge.

    Die Wi­ki­pe­dia-Dis­kus­si­on zeigt, wie die­ser Be­griff in­ter­pre­tiert wer­den kann. In­so­fern ist sei­ne Ver­wen­dung im­mer auch ent­lar­vend. Und – wie ge­sagt – wenn ein »gu­ter Mensch« als Schimpf­wort gilt, dann muss man sich ein­mal die Ko­or­di­na­ten an­se­hen und vor al­lem von wem so »ar­gu­men­tiert« wird.

  20. @Gregor
    Wo red­li­che Ab­sich­ten dis­kre­di­tiert wer­den sol­len hast du zwei­fels­oh­ne recht (et­wa, wo das Wort »Gut­mensch« als »Ar­gu­ment« ge­führt wird), aber wenn ich ei­nen mei­ner Freun­de wohl­wol­lend-iro­nisch als »Gut­men­schen« (im Sin­ne von Welt­ver­bes­se­rer) be­zeich­ne­te (was ich nicht tue), weil er mir ge­ra­de sei­ne neu­sten Ideen für ei­ne bes­se­re Welt un­ter­brei­tet hat, dann se­he ich nicht wo das ent­lar­vend sein soll. Im Ge­gen­teil, das ist doch viel­mehr ein An­stoss die ei­ge­nen Ideen kri­tisch in den Blick zu be­kom­men.

    Wer Miss­ver­ständ­nis­se ver­mei­den will (z.B. in der Öf­fent­lich­keit), trotz­dem aber an iro­ni­scher Zeich­nung (und die hal­te ich kei­nes­falls für ob­so­let) in­ter­es­siert ist, be­dient sich am be­sten des be­sag­ten Wor­tes gar nicht, es gibt zwei­fel­los an­de­re, bes­se­re.

    Aber ein we­nig Bauch­weh ha­be ich schon, denn bis­wei­len scheint es so zu sein, dass man man­che Wör­ter über­haupt nicht mehr ver­wen­den kann (egal wie man das tut), oh­ne sich ver­däch­tig zu ma­chen.

  21. Das Wort »Gut­mensch« wird längst als »Kampf­be­griff« be­nutzt, wie man bei­spiels­wei­se hier nach­le­sen kann.

    Im Prin­zip hast Du recht: Es ist schlimm, dass be­stimm­te Wör­ter in ih­rer Ver­wen­dung »ein­ge­schränkt« sind, weil sie Kon­no­ta­tio­nen ent­hal­ten bzw. pe­jo­ra­tiv ver­wen­det wer­den. Aber kann auch krea­tiv ma­chen...

  22. Ver­wen­dung des Be­griffs »Gut­mensch« ent­lar­vend?
    >Die Wi­ki­pe­dia-Dis­kus­si­on zeigt, wie die­ser Be­griff in­ter­pre­tiert >wer­den kann. In­so­fern ist sei­ne Ver­wen­dung im­mer auch ent­lar­vend.
    >Und – wie ge­sagt – wenn ein »gu­ter Mensch« als Schimpf­wort gilt, dann
    >muss man sich ein­mal die Ko­or­di­na­ten an­se­hen und vor al­lem von
    >wem so »ar­gu­men­tiert« wird.

    Ich be­nut­ze den Be­griff »Gut­mensch« iro­ni­sie­rend sel­ber (gu­ter Mensch ist wie­der was An­de­res) und hal­te mich nichts­de­sto­we­ni­ger für ei­nen po­li­tisch un­kor­rek­ten Idea­li­sten. Das ist kein Wi­der­spruch und schon gar nicht ent­lar­vend, denn wie auch bei Wi­ki­pe­dia er­wähnt, wird der Be­griff »mit un­ter­schied­li­cher In­ten­ti­on und Häu­fig­keit, im ge­sam­ten po­li­ti­schen Spek­trum« be­nutzt. Wie­so Du da jetzt ei­ne ein­zi­ge Spek­tral­far­be raus­greifst (wel­che, steht ja nicht aus­drück­lich da, aber of­fen­sicht­lich ei­ne Teil­men­ge der bö­sen Men­schen), ver­ste­he ich nicht.

    Ge­wis­se Wor­te füh­ren in Deutsch­land bei den mei­sten Jour­na­li­sten (und nicht nur dort) so­fort zu ei­ner Ein­sor­tie­rung in ge­wis­se Schub­la­den, die zwar in 50–90% al­ler Fäl­le ge­recht­fer­tigt sein mag, aber da­mit eben doch sehr häu­fig falsch ist.

  23. @stripe
    Na­ja, zu »50–90%«...

    Die In­ten­ti­on, auf die ich ab­zie­le steht sehr wohl in mei­nem Bei­trag. Noch ein­mal: Be­zug­neh­mend hier­auf.

    Und er wird von Diek­mann pe­jo­ra­tiv be­nutzt. Nicht nur von ihm, son­dern auch von Bro­der und sei­ner Ach­se des Blö­den, äh: Bö­sen. Wenn Jour­na­li­sten Be­grif­fe zu po­li­ti­schen Kampf­be­grif­fen ur­sur­pie­ren kön­nen – da ge­be ich Dir recht – na­tür­lich die »Be­grif­fe« nichts da­für. Es wä­re ei­gent­lich ih­re Auf­ga­be, die­se Be­grif­fe zu ent­ker­nen, d.h. wie­der of­fen und frei zu ma­chen. Das ma­chen sie ge­nau nicht – weil es ih­nen ih­re Ar­beit er­leich­tert.

  24. PC und PI
    @Gregor

    Der PI-Blog ist ein Phä­no­men, das sich aus der aus­ufern­den PC ab­lei­ten lässt. Der PC wohnt die Ten­denz in­ne, Pro­ble­me mo­ra­li­sie­rend zu be­sei­ti­gen, zu ta­bui­sie­ren, oh­ne sie zu lö­sen; mit­un­ter wer­den Per­so­nen die Pro­ble­me an­spre­chen ins Ab­seits, z.B. ins rech­te Eck’, ge­stellt (hier geht es nicht um be­rech­tig­te, oder un­be­rech­tig­te Zu­wei­sun­gen, das Pro­blem ist viel­mehr, dass ein drin­gend be­nö­tig­ter, öf­fent­li­cher Dis­kurs ver­un­mög­licht wird). Dort wo Pro­ble­me exi­stie­ren, was nicht mehr heißt, als dass sich be­stimm­te Men­schen von ei­nem Sach­ver­halt, z.B. der Mi­gra­ti­on, be­trof­fen füh­len, und da­für po­li­tisch Lö­sun­gen wol­len, nicht an­ge­spro­chen und dif­fe­ren­ziert be­han­delt, son­dern ver­schwie­gen wer­den, regt sich als­bald Wi­der­stand (ge­gen das Ta­bu im All­ge­mei­nen). Da wo es vor­her schick war Kon­flik­te zu ver­schwei­gen und Schön­wet­ter zu »pre­di­gen«, ist jetzt vie­ler­orts das Pö­beln an­ge­sagt. Die Ten­denz zur »Ta­bui­sie­rung« schlägt in ihr Ge­gen­teil um. Ge­schmack­los ist für die Art und Wei­se die­ses Pö­belns noch ein viel zu schö­nes Wort. Was wir be­nö­ti­gen ist ei­ne dif­fe­ren­zier­te Aus­ein­an­der­set­zung, kei­ne Pö­be­lei, aber auch kein Ta­bu. Es gilt ei­nen kla­ren Blick zu ge­win­nen.

    Die PC mag durch­aus gu­ter Ab­sicht ent­stam­men, aber wie wir al­le wis­sen, ist gut ge­meint oft das Ge­gen­teil von gut.

    Ich will zum Ab­schluss noch Bassam Ti­bi, der sich für ei­nen Eu­ro­is­lam, für Auf­klä­rung und ein Zu­sam­men­le­ben un­ter dem Dach der Mo­der­ne ein­setzt, und sich selbst als Lin­ken der 68i­ger-Ge­ne­ra­ti­on be­zeich­net, aus sei­nem Buch »Eu­ro­pa oh­ne Iden­ti­tät«, zi­tie­ren. In dem be­tref­fen­den Ka­pi­tel, das mit der mit dem Satz »Von den auf­klä­re­ri­schen zu den Maul­korb Lin­ken« über­schrie­ben ist, steht ge­schrie­ben: »Die Lin­ke mei­ner Zeit war der kri­ti­schen Theo­rie von Ador­no, Hork­hei­mer und Ha­ber­mas, das heißt der kul­tu­rel­len Mo­der­ne ver­pflich­tet. [...] Da­mals wa­ren wir als Auf­klä­rer ge­gen al­le Ta­bus, woll­ten die­se ab­bau­en und für die Denk­frei­heit so­wie Trans­pa­renz kämp­fen. An­ders die Lin­ken von heu­te: Sie sind von ei­nem an­de­ren Schlag, sie füh­ren im Na­men der Po­li­ti­cal Cor­rect­ness nur Re­strik­tio­nen und Denk­ver­bo­te ein, schrän­ken so­mit be­stehen­de Frei­hei­ten ein.«

    Es ist nicht son­der­lich red­lich sich über den – zu­recht ver­ab­scheu­ens­wer­ten Hass – zu be­schwe­ren, aber auf dem an­de­ren Au­ge blind zu sein, d.h. nicht se­hen zu wol­len (?), dass da Pro­ble­me sind, die man lö­sen, die man an­spre­chen muss. Man soll den Hass Hass nen­nen, aber wer groß­spu­rig über den »Hass aus der Mit­te der Ge­sell­schaft« schreibt, aber sich nicht die Mü­he macht, zwi­schen Frem­den­hass und Frem­den­angst, oder ‑ab­wehr zu dif­fe­ren­zie­ren, ist in mei­nen Au­gen auch nicht son­der­lich glaub­haft. Wie ge­sagt, es gibt kei­ne Recht­fer­ti­gung für Frem­den­hass, aber sehr wohl für ei­nen auf­rich­ti­gen Dis­kurs. Wir brau­chen ihn.

  25. @Gregor
    Ich hab das Ge­fühl, wir re­den ein we­nig an­ein­an­der vor­bei, des­halb
    kurz zu­sam­men­ge­fasst mein Stand­punkt zum Be­griff »Gut­mensch«:

    Ge­wis­se Be­grif­fe dis­qua­li­fi­zie­ren mit Si­cher­heit den Be­nut­zer so­fort
    (z.B. wird »Judens.u« wohl kon­text­un­ab­hän­gig im­mer nur von Na­zis be­nutzt).
    Die mei­sten aber (und da­zu ge­hö­ren auch Gut­mensch, Gleich­schal­tung, Be­rufs­ver­bot, Au­to­bahn:-) sa­gen für sich al­lein noch nichts über den Be­nut­zer aus, und sein Stand­punkt er­schließt sich erst aus dem Zu­sam­men­hang des­sen, was er sonst noch so sagt oder schreibt.

    Des­halb ist es die Auf­ga­be ALLER De­mo­kra­ten, die­sen Sach­ver­halt zu kom­mu­ni­zie­ren und nicht durch vor­schnel­le Zu­wei­sung zu ir­gend­ei­ner Ecke Fron­ten zu schaf­fen oder Grä­ben zu ver­tie­fen, die in die­ser Aus­prä­gung viel­leicht gar nicht vor­han­den wa­ren.

    Das Ver­werf­li­che an Kai Diek­mann ist be­stimmt nicht, dass er den Be­griff
    Gut­mensch in sei­nem Buch pe­jo­ra­tiv be­nutzt (klar, der Be­griff wird von
    fast al­len NUR pe­jo­ra­tiv be­nutzt), son­dern wie er in sei­ner Funk­ti­on
    bei der Bild-Zei­tung han­delt. Um das schlecht zu fin­den, braucht man gar kein Buch von ihm zu le­sen, was auch im­mer drin­steht und wie sehr auch im­mer der In­halt sei­nem Han­deln in der Pra­xis wi­der­spre­chen mag (da stim­me ich Dir na­tür­lich zu).

    Wer von »Gut­men­schen« re­det, wird oft eher rechts als links im po­li­ti­schen Spek­trum ste­hen, aber das al­lein ist ja noch kein Zei­chen für ei­nen schlech­ten Men­schen. Dass der Be­griff »Gut­mensch« für Lin­ke et­was ver­let­zend klingt, liegt mei­ner Mei­nung nach vor al­lem an der Iro­nie dar­in. Die war man bis­her eher von der Ge­ne­ra­ti­on der 68er und Post-68er (oft Grü­ne) ge­wohnt und we­ni­ger von den Eta­blier­ten. In­so­fern ist die­ser Be­griff auch ein (gu­tes) Zei­chen da­für, dass der Wert Hu­mor in­zwi­schen auch auf der rech­ten Sei­te der Ge­sell­schaft an­ge­kom­men ist;-)

    Zum The­me »Kampf­be­griff«: Das Wort ist für mich nicht ge­nau de­fi­niert.
    Letzt­lich kann man ent­we­der je­den Be­griff, der den po­li­ti­schen Geg­ner ne­ga­tiv dar­stel­len will, als Kampf­be­griff be­zei­chen, oder aber um­ge­kehrt nur aus­ge­spro­che­ne Schimpf­wor­te als Kampf­be­griff deu­ten. Im er­ste­ren Fall sind sol­che Kampf­be­grif­fe al­so le­gi­tim (so­lan­ge sie auch ei­nen po­li­ti­schen In­halt ha­ben, und der ist bei »Gut­mensch« zwei­fel­los auch vor­han­den), im zwei­ten nie­mals.

    Wenn je­mand nur den Be­griff »Gut­mensch« ver­wen­det, kann das ent­we­der dar­an lie­gen, dass er in der Kür­ze der Zeit die Din­ge leicht ver­ständ­lich auf den Punkt brin­gen muss, oder dass er eben kei­ne bes­se­ren Ar­gu­men­te hat und das zu ka­schie­ren sucht. Dann stößt es mich aber so oder so ab, ob mit oder oh­ne die Vo­ka­bel »Gut­mensch«.

    Zum FAZ-Ar­ti­kel: Auch Nig­ge­mei­er un­ter­schei­det im­mer­hin zwi­schen Bro­der (den er zwar auch nicht aus­ge­spro­chen zu mö­gen scheint) und den Ex­tre­mi­sten von PI.
    Ich hab jetzt lei­der nicht die Zeit, mich in den PI-Blog ein­zu­ar­bei­ten, in­so­fern kann ich nichts sa­gen (die Kom­men­ta­re zum Ar­ti­kel kri­ti­sie­ren al­ler­dings un­ter An­de­rem, dass er Blog­ger und de­ren Kom­men­ta­to­ren in ei­nen Topf wirft; das scheint mir beim Lin­ken zu Kom­men­ta­ren auf frem­den Blogs oh­ne­hin ein Pro­blem zu sein, oft wer­den die Blog­ger selbst mit den Kom­men­ta­ren iden­ti­fi­ziert). Hof­fent­lich hab ich mich mit der Selbst­be­schrei­bung »po­li­tisch in­kor­rekt« nicht auch schon dis­qua­li­fi­ziert:-)

    An­son­sten: Den Bei­trag von Me­tep­si­lo­n­e­ma kann ich zu 99% un­ter­schrei­ben.
    Üb­ri­gens taucht auch im Ar­ti­kel von Nig­ge­mei­er (oh­ne Iro­nie) der Be­griff
    der »gut ge­mein­ten« Me­di­en­re­geln auf.

  26. @stripe + @Metepsilonema
    Dan­ke für die Kom­men­ta­re.

    Ich glau­be zu­nächst nicht, dass ein Blog wie PI aus der Tat­sa­che über­bor­den­der PC kommt; we­nig­stens nicht mo­no­kau­sal. Die Scher­gen, die auf PI schrei­ben und/oder kom­men­tie­ren ha­ben jeg­li­chen Re­spekt ver­lo­ren; das ist mehr als »po­li­ti­cal cor­rect­ness«. Sie ver­ste­hen ge­schickt auf der Kla­via­tur des ge­woll­ten Ta­bu­bruchs hin sich als Wahr­heits­ver­kün­der auf­zu­spie­len. Und es gibt ge­nug Leu­te, die dem fol­gen.

    Sol­che Si­tua­tio­nen hat es im­mer schon ge­ge­ben. Zu Zei­ten der Ro­ten Khmer in Kam­bo­dscha wur­de man bei­spiels­wei­se schon als Bril­len­trä­ger er­mor­det, weil man als In­tel­lek­tu­el­ler galt. War­um ei­ne Ge­sell­schaft der­art per­ver­tiert, war­um der Lynch­mob das Kom­man­do über­neh­men kann – das wird im­mer schwer zu er­klä­ren sein.

    Und na­tür­lich be­steht die Ge­fahr, dass Be­grif­fe, Wor­te, Phra­sen, die in­stru­men­ta­li­siert wur­den, plötz­lich eben in ei­ner Art Af­fekt nicht mehr be­nutz­bar sind. We­nig­stens zeit­wei­se.

    Als ich die »LTI« von Vik­tor Klem­pe­rer ge­le­sen hat­te, war ich für ei­ni­ge Zeit »ab­ge­taucht«. Ich durch­forsch­te fast zwin­gend Ar­ti­kel, Fil­me, Nach­rich­ten, Pro­sa nach even­tu­el­len »LTI«-Worten. Die ganz ein­deu­ti­gen Be­grif­fe fand man na­tür­lich nicht. Aber auch so et­was wie »fa­na­tisch« (bei Sport­re­por­ta­gen) oder »Ein­stel­lung« oder »hun­dert­pro­zen­tig« oder – wie bei Schrift­stel­lern wie Hand­ke und Bo­tho Strauß – die »Dau­er« – all die­se Wor­te un­ter­such­te Klem­pe­rer und stell­te sie in Ver­bin­dung mit der na­tio­nal­so­zia­li­sti­schen Spra­che. (Von »Hei­mat« und »Volk« ganz zu schwei­gen.)

    Da­bei wird/wurde über­se­hen, dass die­se Be­grif­fe (1.) schon vor den Na­tio­nal­so­zia­li­sten zur Um­gangs­spra­che ge­hör­ten und (2.) erst der Kon­text, in dem die­se Be­grif­fe ste­hen, re­le­vant ge­we­sen war. Hier war Klem­pe­rer, der sehr viel mit­er­lebt hat­te und fast er­mor­det wor­den wä­re, ge­le­gent­lich weit über das Ziel hin­aus­ge­schos­sen. Man darf al­ler­dings nicht ver­ges­sen, dass er Phi­lo­lo­ge war. Für ihn wa­ren die­se von den Na­tio­nal­so­zia­li­sten ver­wand­ten Be­grif­fe »ver­brannt«. Und zwar für im­mer.

    ich stim­me stri­pe zu, dass man die­se Usu­upie­rung hin zum Schlech­ten in kei­nem Fall mit­ma­chen darf. Es gibt ei­ne Men­ge Leu­te (Schrift­stel­ler, Jour­na­li­sten, Pu­bli­zi­sten), die et­li­che Be­griff­lich­kei­ten den Na­zis nach 60 Jah­ren so­zu­sa­gen »ent­rei­ssen« wol­len. Auf den Kon­text kommt es eben an.

    Wie man am ak­tu­el­len »Fall« von Eva Her­man se­hen kann, funk­tio­niert der Af­fekt bei ei­ni­gen Wör­tern noch sehr gut. Um ei­ne ei­gent­lich haus­backe­ne Frau, die dem »Gartenlaube«-Idyll des Kai­ser­reichs an­hängt, zu des­avou­ie­ren, wer­den die von ihr ver­wand­ten Wor­te zu »Kampf­be­grif­fen« um­ge­deu­tet. Das ist sehr ein­fach, weil es von der ar­gu­men­ta­ti­ven Aus­ein­an­der­set­zung voll­kom­men ent­bin­det. Wer ein­mal den Gül­le­ge­ruch hat­te, be­kommt ihn nicht mehr aus den Klei­dern.

  27. @Gregor
    Ich glau­be zu­nächst nicht, dass ein Blog wie PI aus der Tat­sa­che über­bor­den­der PC kommt; we­nig­stens nicht mo­no­kau­sal. Die Scher­gen, die auf PI schrei­ben und/oder kom­men­tie­ren ha­ben jeg­li­chen Re­spekt ver­lo­ren; das ist mehr als »po­li­ti­cal cor­rect­ness«. Sie ver­ste­hen ge­schickt auf der Kla­via­tur des ge­woll­ten Ta­bu­bruchs hin sich als Wahr­heits­ver­kün­der auf­zu­spie­len. Und es gibt ge­nug Leu­te, die dem fol­gen.

    Du hast ganz recht, da gibt es ei­ni­ge die her­vor­ra­gend auf der Kla­via­tur spie­len kön­nen, aber – ein ent­schei­den­des aber – sie wür­den nie­mals der­ma­ßen viel Ge­hör be­kom­men, wenn nicht schon der Ti­tel der Kom­po­si­ti­on al­les über ih­ren In­halt sa­gen wür­de (näm­lich den Ta­bu­bruch per se), und die­ser Ti­tel, denn er al­lein schafft es schon al­le Un­zu­frie­de­nen an­zu­locken, wä­re oh­ne PC nicht mög­lich. Und – zwei­tes aber – man hat ein ge­schärf­tes Ge­hör, und zwar des­halb weil man sen­si­bel ge­wor­den ist, schon all­zu oft auf ein Ta­bu ge­sto­ssen ist, sich im­mer wie­der ge­är­gert hat, und da ist nun je­mand der sich traut; er sagt »die Wahr­heit«, spricht aus was auf der »See­le brennt«. Man kann sei­nem Är­ger Luft ma­chen und es de­nen da oben, die so­wie­so im­mer al­les schön­re­den, zei­gen. Ob nun mo­no­kau­sal oder nicht, durch die PC ist der Be­darf an »Frust­ab­bau« ge­wal­tig ge­stie­gen.

    Zum Rest Dei­nes Kom­men­tars ein an­der­mal, die lie­be Zeit...

  28. ZEIT-Ar­ti­kel
    Der Ar­ti­kel »Schwie­ri­ge Wahr­heit« von Sa­bi­ne Rück­ert (10.05.2007) zeigt recht schön war­um vor­ge­fer­tig­te Denk­mu­ster, nen­nen wir sie Scha­blo­nen, wie sie auch die PC be­reit­hält, pro­ble­ma­tisch sind. Viel­leicht kön­nen wir den Ar­ti­kel als Dis­kus­si­ons­grund­la­ge nut­zen.

  29. @Metepsilonema
    Es liegt in der Na­tur der Sa­che, dass Ta­bus ir­gend­wann die »he­roi­schen« Ta­bu­bre­cher her­bei­ho­len. Das geht ja bis in die Nie­de­run­gen der Ausch­witz-Leug­ner. Ich kann mir bis heu­te nicht vor­stel­len, was sol­che Leu­te um­treibt (Sie ha­ben ja so­gar ‘Hi­sto­ri­ker’ in ih­ren Rei­hen). Aber: Sie er­hal­ten (mei­nes Er­ach­tens un­be­rech­tigt) Pu­bli­ci­ty.

    Da­her be­trach­te ich – das ist mei­ne Er­fah­rung – je­mand, der »nur« ein Ta­bu bricht, im­mer mit ei­ner gro­ssen Por­ti­on Skep­sis: Macht er das nur des Ef­fekts we­gen (Buch ver­kau­fen wol­len; Ruhm ein­strei­chen) oder gibt es da noch an­de­re Be­weg­grün­de.

    Der von Dir ver­link­te Ar­ti­kel zeigt in der Tat sehr schön den an­de­ren, den für­sorg­li­chen Af­fekt. Nach der Tat Ostern 2006 war ja in den deut­schen Me­di­en die Em­pö­rung über­bor­dend. Und auch in Blogs hat man sich schon wie­der reich­lich ge­schämt. Auf ei­nem Blog (der in­zwi­schen nicht mehr exi­stiert) wur­de vor­sich­tig an­ge­fragt, ob die Tat nicht viel­leicht ei­ne »nor­ma­le Kei­le­rei« un­ter Be­trun­ke­nen ge­we­sen sein könn­te (was na­tür­lich kei­nes­falls ein sol­ches Aus­mass recht­fer­tigt). Das Blog er­hielt sonst kaum Kom­men­ta­re, aber hier­zu äu­sser­ten dann doch ei­ni­ge ganz de­zi­diert ih­ren »Ab­scheu«, so et­was über­haupt zu den­ken... Die üb­li­chen Mu­ster halt: Flugs stand der Blog­ger als Mit­tä­ter und Ras­sist da. Nur, weil er ei­nen Sach­ver­halt, den er ge­nau so we­nig im De­tail kann­te, wie al­le an­de­ren (wer hat­te schon die Po­li­zei­ak­ten ge­le­sen?), vor­sich­tig hin­ter­fragt und die me­dia­le »Gleich­schal­tung« in der Vor­ver­ur­tei­lung als ras­si­sti­schen Akt nicht mit­ma­chen woll­te.

  30. @Gregor
    »LTI« ha­be ich nicht ge­le­sen, kann da­her nichts da­zu sa­gen. Ge­ne­rell: Worte/Wörter ha­ben ein Be­deu­tungs­feld und ei­nen, ich nen­ne ihn »emo­tio­na­len Kon­text«, al­so et­was das im­pli­zit mit­schwingt. Da Spra­che nichts fe­stes ist, sich ent­wickelt und ver­än­dert, und im­mer auch in ei­nem hi­sto­ri­schen Rah­men zu se­hen ist, glau­be ich dass es prin­zi­pi­ell mög­lich ist, dass »miss­brauch­te« Wor­te wie­der ver­nünf­tig vert­wen­det wer­den kön­nen. Be­deu­tung und emo­tio­na­ler Kon­text sind wan­del­bar, und erst sie ge­ben den blo­ßen Buch­sta­ben, das was sie wert­voll und brauch­bar macht. Sol­che Wand­lun­gen kön­nen selbst­ver­ständ­lich viel Zeit be­nö­ti­gen.

    Um Dei­ne Bei­spie­le um ei­nes zu ver­meh­ren: Es war lan­ge Zeit un­mög­lich sich (wis­sen­schaft­lich) mit ger­ma­ni­scher My­thol­gie zu be­schäf­ti­gen, da die­se eben­falls von den Na­tio­nal­so­zia­li­sten in­stru­men­ta­li­siert wur­de. Mitt­ler­wei­le ist das mög­lich. Und das ist gut so, denn es wä­re auf der an­de­ren Sei­te – man soll­te das nicht über­se­hen – doch trau­rig, wenn wir un­se­ren Sprach­ge­brauch und un­ser Han­deln (in ge­wis­ser Hin­sicht) von den da­ma­li­gen Macht­ha­bern ab­hän­gig mach­ten.

  31. An­ders­her­um ge­fragt
    War­um sind Ta­bus not­wen­dig bzw. nütz­lich? Das ist mir nicht ganz ein­sich­tig. Wenn sie da­zu bei­tra­gen, Ta­bu­bre­cher auf den Plan zu reu­fen, soll­te man sie viel­leicht ver­mei­den (war­um die­je­ni­gen noch zu­sätz­lich er­mun­tern?). An­son­sten ver­traue ich (nai­ver­wei­se wahr­schein­lich) auf das Ar­gu­ment – Dei­ne Skep­sis wä­re dann viel­leicht gar nicht mehr not­wen­dig.

  32. Ta­bus
    Ob bzw. war­um Ta­bus not­wen­dig sind ver­mag ich nicht zu sa­gen (Freud hat hier­über ei­ni­ges ge­schrie­ben, was ich al­ler­dings nicht prä­sent ha­be). Ich glau­be, dass Ta­bus we­ni­ger de­kre­tiert wer­den, als das sie so­zu­sa­gen ent­ste­hen (meist aus »gött­li­chen« Im­pe­ra­ti­ven; in­zwi­schen auch durch­aus welt­lich). Sie stif­ten Ge­mein­schaf­ten – und gren­zen da­bei u. U. auch aus. Sie sind aber viel­leicht in be­stimm­ten Be­rei­chen not­wen­dig, auch wenn sie wohl »ih­re Zeit« ha­ben.

    Ich glau­be, dass selbst der gröss­te »Re­vo­lu­tio­när« im­mer auch in Ta­bus bzw. Re­geln ei­ner ge­wis­sen En­ti­tät ge­fan­gen ist. Er mag auf ei­nem Ge­biet dann »Ta­bu­bre­cher« sein – auf zahl­rei­chen an­de­ren ist er mei­stens kon­form.

    Viel­leicht ist Ta­bu auch ein fal­scher Be­griff. Ich hal­te es bei­spiels­wei­se nicht für falsch, re­li­giö­se Ge­füh­le von Men­schen nicht über Ge­bühr zu be­lei­di­gen. Zwar darf man (und muss man u. U. auch) Re­li­gi­on kri­ti­sie­ren und auch – wenn mög­lich – de­kon­stru­ie­ren, aber in der Art und Wei­se wie im Mo­ment be­stimm­te an­gel­säch­si­sche Au­toren mit der Axt her­um­lau­fen und sich be­wusst den »Ta­bu­bruch« auf die Fah­ne schrei­ben, dass man eben kei­ne Rück­sicht mehr auf die Re­li­gio­si­tät an­de­rer Men­schen nimmt – das ist ein­fach nur bil­lig. Ober­fläch­lich be­trach­tet be­ge­hen die­se Leu­te ei­nen »Ta­bu­bruch« – in Wirk­lich­keit ver­letz­ten sie je­doch pri­mi­ti­ve An­stands­re­geln.

    Ähn­li­ches könn­te man auch vie­le an­de­re Be­rei­che an­wen­den. In Deutsch­land gibt es ei­ne Dis­kus­si­on, den In­zest­pa­ra­gra­fen ab­zu­schaf­fen. Hin­ter­grund ist ein Ge­schwi­ster­paar in Sach­sen, wel­ches in­zwi­schen vier Kin­der hat (nä­he­res hier [sor­ry für die Quel­le, aber auf die Schnel­le ha­be ich nichts an­de­res ge­fun­den]). Es sieht so aus, als wer­de die­ser »Fall« vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­schie­den wer­den müs­sen. Wenn man das dort »kippt«, al­so nicht ver­fas­sungs­ge­mäss fin­det, stellt sich die Fra­ge, ob da­mit ein Ta­bu be­sei­tigt wird (und ob dies wün­schens­wert ist) oder ein­fach nur ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung.

  33. In­zest
    Ich woll­te kei­nen Rund­um­schlag ge­gen Ta­bus star­ten, aber wenn sie ei­ne ver­nunft­ge­mä­ße Dis­kus­si­on be­hin­dern, al­so be­stimm­te Din­ge per se dem Ar­gu­ment nicht zu­gäng­lich sein dür­fen, hal­te ich sie für ob­so­let. Sie mö­gen durch­aus, viel­leicht ge­ra­de im so­zia­len Be­reich, den Du an­sprichst, ih­re Be­deu­tung ha­ben. Das Pro­blem ent­steht dort, wo die Be­nimm­re­gel (»Das tut man nicht.«) die Ar­gu­men­ta­ti­on er­set­zen soll.

    Ta­bus in der po­li­ti­schen Dis­kus­si­on kom­men wohl aus ei­ner la­tent vor­han­de­nen, »mo­di­schen« Grund­strö­mung – sie sind ein­fach Usus. Sie ver­ge­hen und an­de­re ent­ste­hen.

    Die In­zest-Dis­kus­si­on ist sehr in­ter­es­sant (ne­ben­bei: in der ak­tu­el­len ZEIT-Aus­ga­be gibt es ein aus­ge­zeich­ne­tes Dos­sier da­zu), vor al­lem wenn man be­ach­tet wie ein ge­sell­schaft­li­ches Über­ein­kom­men, ei­ne Art Ver­hal­tens­ko­dex, in­di­vi­du­el­le Rech­te (se­xu­el­le Selbst­be­stim­mung) be­schnei­det. Wenn es stimmt, dass Kin­der aus »in­zestö­sen« Be­zie­hun­gen häu­fi­ger von Erb­krank­hei­ten be­trof­fen sind, ist das ei­ne ein­leuch­ten­de Er­klä­rung für die Ent­ste­hung die­ses Ta­bus; we­ni­ger ein­leuch­tend al­ler­dings als Ar­gu­men­ta­ti­on für sei­ne Bei­be­hal­tung. Die har­te Stra­fe im vor­lie­gen­den Fall er­scheint mir pro­ble­ma­tisch, da ich ih­re Be­grün­dung nicht se­he.

  34. Ta­bus & In­zest
    Ta­bus (und re­li­giö­se Vor­schrif­ten) sind not­wen­dig, um Ge- und Ver­bo­te zu set­zen, die man, oh­ne in je­dem EIn­zel­fall den­ken zu müs­sen, ein­hal­ten kann. Dar­aus kann man dann auch die Vor- und Nach­tei­le er­ken­nen: In vie­len Fäl­len (und zum Zeit­punkt des Auf­stel­lens der Re­geln) er­gibt sich ein sinn­vol­les Han­deln, in Ein­zel­fäl­len und je wei­ter sich die Ge­sell­schaft von den Ent­ste­hungs­be­din­gun­gen ent­fernt, de­sto Sinn-lo­ser wer­den die Re­geln (emp­fun­den).

    Zu dem Pär­chen hier ein PDF mit dem Fall, ei­nem Bild und wei­te­ren In­for­ma­tio­nen. In Frank­reich gibt es kei­nen In­zest­pa­ra­gra­phen, und ich bin mir re­la­tiv si­cher, dass das Ur­teil vom BVG kas­siert wer­den wird. Es ist ein­fach nicht mehr zeit­ge­mäß.

  35. In­zest – @Köppnick
    Ich muss erst von Me­tep­si­lo­n­e­ma an­ge­spro­che­ne ZEIT-Dos­sier le­sen.

    Was mich ein biss­chen stört ist, dass der Be­griff des »nicht mehr zeit­ge­mäss« (nicht nur bei Dir) im Rah­men ei­ner sol­chen Dis­kus­si­on fällt. Das ist für mich ei­gent­lich nie ein Ar­gu­ment, son­dern eher ei­ne Kon­struk­ti­on, um et­was vom Sockel zu sto­ssen, was ei­nem nicht passt.

    Die Ar­gu­men­ta­ti­on des An­walts, der In­zest­pa­ra­graph grei­fe in das »Recht auf se­xu­el­le Selbst­be­stim­mung« ein, ist Un­sinn. Mit dem glei­chen Ar­gu­ment könn­te man bei­spiels­wei­se Pä­do­phi­lie oder Sex mit Min­der­jäh­ri­gen recht­fer­ti­gen.

    In dem Ka­sten im Ar­ti­kel der »Welt« wird im­mer­hin aus­ge­führt, dass das In­zest­ta­bu die Wahr­schein­lich­keit von Erb­krank­hei­ten ver­rin­gern soll.

  36. @Gregor
    Nein, ich glau­be nicht dass das Recht auf se­xu­el­le Selbst­be­stim­mung Un­sinn ist, denn Ho­mo­se­xua­li­tät un­ter Brü­dern ist z.B. nicht straf­bar (so­weit ich weiß). Das wä­re ei­ne ein­deu­ti­ge Asym­me­trie. Und na­tür­lich gilt für die se­xu­el­le Selbst­be­stim­mung, wie für al­les an­de­re, dass sie die Rech­te an­de­rer nicht ein­schrän­ken, oder ver­letz­ten darf.

  37. @Metepsilonema
    Ich ha­be nicht ge­schrie­ben, dass das Recht auf se­xu­el­le Selbst­be­stim­mung ge­ne­rell Un­sinn ist. Ich ha­be ge­schrie­ben, dass es in die­sem Zu­sam­men­hang m. E. Un­sinn ist, weil es – wie Du ja sel­ber in Dei­nem letz­ten Satz schreibst – durch­aus ge­wis­ser Ein­schrän­kun­gen un­ter­liegt.

    Na­tür­lich lie­gen all die­se Ein­schrän­kun­gen (oder auch Frei­ga­ben) letzt­lich kul­tu­rel­len Stan­dards bzw. Über­ein­künf­ten zu­grun­de. Die­se Vor­stel­lun­gen un­ter­lie­gen a la longue Ver­än­de­run­gen. So ist es theo­re­tisch durch­aus mög­lich, dass man ir­gend­wann den heu­ti­gen Ab­scheu um die Päd­era­stie gar nicht mehr ver­steht. Oder es gibt wie­der ei­ne Zeit der Re­stau­ra­ti­on.

  38. @Gregor
    »Nicht mehr zeit­ge­mäß« soll­te nichts wei­ter aus­sa­gen, als dass sich un­se­re ethisch-mo­ra­li­schen An­schau­un­gen ge­än­dert ha­ben und die Ge­set­ze dem hin­ter­her hin­ken. Im be­tref­fen­den Fall ist es so­gar noch leich­ter zu be­grün­den: Das In­zest­ver­bot könn­te der em­pi­ri­schen Be­ob­ach­tung ent­stam­men, dass es ei­nen Zu­sam­men­hang zwi­schen der Fit­ness der Kin­der und dem Ver­wandt­schafts­grad der El­tern gibt. Part­ner­schaft, Se­xua­li­tät und Kin­der­krie­gen wa­ren frü­her nicht von­ein­an­der zu tren­nen. Heu­te kann man al­les drei ge­trennt von­ein­an­der le­ben. Die jun­gen El­tern sind wohl bei­de nicht sehr hel­le, an­ders lässt es sich nicht er­klä­ren, dass nach den er­sten Ver­ur­tei­lun­gen we­gen In­zest wei­te­re Kin­der ent­stan­den sind. Aber in­zwi­schen hat er sich ste­ri­li­sie­ren las­sen. Al­so wird es kein 5. Kind ge­ben.

  39. Mo­ral & Recht
    Hier liegt ein ent­schei­den­der Punkt. Mo­ral und Recht sind nicht de­kungs­gleich, bzw. soll­ten sie das nicht sein, da in ei­ner Ge­sell­schaft mit ein­heit­li­chem Recht durch­aus, ver­schie­de­ne mo­ra­li­sche Vor­stel­lun­gen vor­han­den sein kön­nen (das ist doch ei­nes der Pro­ble­me mit dem In­zest­pa­ra­gra­phen). Das »das tut man nicht« recht­fer­tigt kei­ne Stra­fe, und wer sich mo­ra­lisch über­le­gen fühlt hat nicht au­to­ma­tisch Recht.

    Ei­ne Ein­schrän­kung muss durch Ar­gu­men­te be­grün­det wer­den – man muss sei­nen Se­xu­al­trieb un­ter Kon­trol­le hal­ten, nicht weil sich das nicht schickt, son­dern weil ich Rech­te und Wohl­erge­hen an­de­rer Men­schen ver­let­ze (im Fal­le ei­ner Ver­ge­wal­ti­gung).

    @Gregor: Ich ha­be den Zu­sam­men­hang mit­ge­dacht, aber nicht mit­ge­schrie­ben.

  40. @Köppnick
    Die Tat­sa­che, dass sich die mo­ra­li­schen Vor­stel­lun­gen in der Ge­sell­schaft in ei­nem be­stimm­ten Punkt än­dern, ist per se noch kein Ar­gu­ment, dem nach­zu­ge­ben. Das be­ste Bei­spiel in die­sem Zu­sam­men­hang ist die To­des­stra­fe. In den USA sind kon­stant zwi­schen 60% und 70% der Bür­ger für die To­des­stra­fe. Das va­ri­iert höch­stens ein­mal kurz­fri­stig, wenn es ein gra­vie­ren­des Fehl­ur­teil ge­ge­ben hat. Die­se Mehr­heits­bil­li­gung sagt aber nicht über die mo­ra­li­sche Recht­fer­ti­gung ei­ner sol­chen Straf­ver­fol­gung aus.

    Neh­men wir das theo­re­ti­sche Bei­spiel, es gä­be in Deutsch­land ei­nen Volks­ent­scheid um die Wie­der­ein­füh­rung der To­des­stra­fe (durch die EU-Mit­glied­schaft ist so et­was [die To­des­stra­fe] in Wirk­lich­keit nicht mög­lich). Und dies un­mit­tel­bar nach ei­nem Kin­des­mord. Ich bin ziem­lich si­cher, dass ein ge­schickt for­mu­lier­ter Ent­wurf über 50% Zu­stim­mung in der Be­völ­ke­rung fin­den wür­de.

    Wä­re das für den Ge­setz­ge­ber mo­ra­lisch bin­dend?

    Bei In­zest ist die An­ge­le­gen­heit dif­fi­zi­ler. Ne­ben dem kul­tu­rel­len Kon­text galt es m. W. bis­her als wis­sen­schaft­lich aus­ge­macht, dass die Wahr­schein­lich­keit, dass in­ze­stuö­se Kin­der be­hin­dert sind, ein­fach grö­sser ist (was viel­leicht er­klärt, dass In­zest un­ter Ho­mo­se­xu­el­len nicht straf­bar sein soll, wie Me­tep­si­lo­n­e­ma aus­führt). Es kann ja sein, dass es hier­über neue Er­kennt­nis­se gibt (aus den Län­dern, die die­sen In­zest­pa­ra­gra­fen nicht mehr ha­ben). Das wür­de je­doch vor­aus­set­zen, hier­nach sy­ste­ma­tisch ge­forscht zu ha­ben.

    War­um sich im kon­kre­ten Fall der Mann hat ste­ri­li­sie­ren las­sen, er­schliesst sich mir nicht. Ich muss aber das Dos­sier in der ZEIT noch le­sen. Viel­leicht ma­che ich dann ei­nen ei­ge­nen Th­read hier­zu auf.

    @Metepsilonema
    Den «Se­xu­al­trieb un­ter Kon­trol­le’ hal­ten ist ein sehr »schwam­mi­ger« Be­griff. Die­sen könn­te man auch auf das an­ge­spro­che­ne Pär­chen an­wen­den – wo­bei dann wie­der als Ge­gen­ar­gu­ment sie se­xu­el­le Selbst­be­stim­mung an­ge­führt wird. Päd­era­sten ar­gu­men­tie­ren sehr oft bei Kin­dern in fort­ge­schrit­te­nem Al­ter (z. B. > 13 Jah­re), dass die­se es auch »woll­ten«. Aus gu­ten Grün­den lässt man so et­was nicht gel­ten.

  41. @Gregor
    Der In­zest­pa­ra­graph lässt sich durch die hoch­pro­ble­ma­ti­sche Ab­wä­gung (»le­bens­wer­tes« mit »nicht le­bens­wer­tem« Le­ben) nicht recht­fer­ti­gen, da der Ge­setz­ge­ber das ge­ne­rell ver­neint – er müss­te hier al­so die­sel­be Kon­se­quenz wal­ten las­sen.

    Die Ste­ri­li­sa­ti­on wur­de wahr­schein­lich durch­ge­führt um Straf­frei­heit zu er­lan­gen, wo­bei nicht be­dacht wur­de, dass der Bei­schlaf ge­an­det wird, und nicht ob die­sem die Ge­burt ei­nes Kin­des folgt

    Na­tür­lich könn­te man das auf das Pär­chen an­wen­den, nur hier wur­de nicht ge­gen das Ein­ver­ständ­nis und auch nicht zum Scha­den ei­nes der bei­den Be­tei­lig­ten ge­han­delt. Und für Kin­der gilt, dass sie eben Kin­der sind, und kei­ne Er­wach­se­nen, folg­lich ist ih­re Zu­stim­mung (selbst wenn sie die­se tat­säch­lich ge­ge­ben ha­ben) nicht wie die ei­nes Er­wach­se­nen zu wer­ten.

  42. @Metepsilonema
    Ich ha­be nun mit ei­ner Ver­spä­tung den Ar­ti­kel in der ZEIT ge­le­sen. ich hal­te ihn in vie­len Din­gen für ziem­lich schlech­ten Jour­na­lis­mus, weil er im Sti­le der 70er Jah­re sehr ein­deu­tig Par­tei er­greift – näm­lich für das Ehe­paar. Er bringt, was für Fin­ger un­ge­wöhn­lich ist, denn sie ist auch Feuil­le­ton­mit­ar­bei­te­rin, fal­sche Li­te­ra­tur-Ana­lo­gien, was aber viel­leicht noch ver­kraft­bar wä­re.

    Ich fin­de es höchst pro­ble­ma­tisch an die­sem Ein­zel­fall ein Ex­em­pel zu sta­tu­tie­ren. Mei­nes Er­ach­tens wer­den die bei­den (ins­be­son­de­re die wohl gei­stig be­hin­der­te Frau) von al­len mög­li­chen Sei­ten in­stru­men­ta­li­siert. Ich bin ge­spannt, wie das Ur­teil aus­fällt.

    Ich se­he mich au­sser Stan­de über die­ses The­ma ei­nen Bei­trag zu schrei­ben. Wenn Du möch­test, ge­be ich Dir Con­tri­bu­tor-Rech­te und Du kannst dann et­was schrei­ben. Ich glau­be, Du bist hier­für bes­ser ge­eig­net. Auch, weil Du wohl von der bio­lo­gi­schen Sei­te viel mehr Ah­nung hast. Mehr viel­leicht erst ein­mal per Mail?

  43. @Gregor
    In­ter­es­sant wie un­ter­schied­lich man ei­nen Ar­ti­kel be­ur­tei­len kann. Mir hat er ei­nen gu­ten Über­blick über die Pro­ble­ma­tik ver­schafft (von der ich, au­ßer dem kur­zen von Dir ver­link­ten Ar­ti­kel nichts wuß­te), viel­leicht da­her mein Ur­teil.

    Ja, den Rest per Mail. Dan­ke für die Con­tri­bu­tor-Rech­te.

  44. @Metepsilonema / Chro­ni­sten­pflicht zum In­zest
    Das Ur­teil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ist heu­te ge­spro­chen wor­den. Kurz ge­sagt: « In­zest bleibt ver­bo­ten«. Die de­tail­lier­te Ent­schei­dung gibt es hier beim Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt. Der Vor­sit­zen­de des Zwei­ten Se­nats, der das Ur­teil ge­spro­chen hat, Win­fried Has­se­mer (er ist auch Vi­ze­prä­si­dent des BVerfG), hat ein Son­der­vo­tum ab­ge­ge­ben. Er stimmt dem Ur­teil der Mehr­heit nicht zu. Auch dies ist im Link zum Ge­richt aus­ge­führt.