Da­lai La­ma (Ten­zin Gyat­so) / So­fia Stril-Re­ver: Mei­ne spi­ri­tu­el­le Au­to­bio­gra­phie

Dalai Lama: Meine spirituelle Biographie

Da­lai La­ma: Mei­ne spi­ri­tu­el­le Bio­gra­phie

Das freund­li­che Ge­sicht mit dem Lä­cheln, die et­was zu gro­ße Bril­le, das schein­bar im­mer­glei­che Mönchs­ge­wand. Ei­ne Mi­schung zwi­schen Kind­chen­sche­ma, wel­ches den Be­schüt­zer­geist mo­bi­li­siert und ei­ner uns in die­sem Aus­maß nicht mehr be­kann­ten Be­schei­den­heit, viel­leicht so­gar As­ke­se: Der Wie­der­erken­nungs­wert des Da­lai La­ma (Ten­zin Gyat­so) geht ein­her mit ei­nem er­staun­li­chen Zu­spruch, auch und ins­be­son­de­re in der west­li­chen Kul­tur. Es gibt Um­fra­gen, die ihm ei­ne hö­he­re Au­to­ri­tät zu­wei­sen als bei­spiels­wei­se dem Papst (von lo­ka­len Po­li­ti­kern oder In­tel­lek­tu­el­len erst gar nicht zu re­den). Und auch die hart­näckig­sten Zö­li­bats­kri­ti­ker spre­chen dem Da­lai La­ma nicht die Kom­pe­tenz ab, über Lie­be und Zu­nei­gung zu spre­chen, ob­wohl das Keusch­heits­ge­lüb­de es­sen­ti­ell für ei­nen Mönch ist, ge­hört es doch zu den vier grund­le­gen­den Ge­lüb­den – ne­ben dem Ver­bot zu tö­ten, zu ste­hen und zu lü­gen. So stellt er fest, dass die Be­frie­di­gung se­xu­el­ler Wün­sche nur vor­über­ge­hen­de Er­fül­lung brin­ge (was man für die Nah­rungs­auf­nah­me auch sa­gen könn­te) und plä­diert da­für die­ses Be­geh­ren ganz und gar als sol­ches wahr­zu­neh­men und es durch ei­nen Be­wusstseins­pro­zess zu tran­szen­die­ren. Trot­zig und durch­aus hu­mor­voll zi­tiert er ei­nen in­di­schen Ge­lehr­ten mit den Wor­ten »Wenn es ei­nen juckt, dann kratzt man sich. Bes­ser, als sich zu krat­zen, ist aber, wenn es ei­nen gar nicht juckt.«

Es wä­re na­tür­lich ein Feh­ler, den Zu­spruch nur an Äu­ßer­lich­kei­ten fest­zu­ma­chen. So er­scheint die­ser Mann mit sei­ner na­tür­lich wir­ken­den Fröh­lich­keit und der im Kern (so schein­bar) ein­fa­chen Bot­schaft ge­paart mit ei­ner Nu­an­ce Exo­tis­mus, die ei­ne viel­leicht ernst­haf­te Be­schäf­ti­gung mit sei­nen The­sen wo­mög­lich eher be­hin­dert, wie ein fer­ner On­kel, dem man ab und zu ger­ne zu­hört und des­sen (me­dia­le) An­we­sen­heit ein woh­li­ges Ge­fühl des Ver­ständ­nis­ses er­zeugt. Zu­mal er sich auf die Er­stel­lung von Dia­gno­sen be­schränkt und kei­ne Im­pe­ra­ti­ve auf­stellt (was die Re­zep­ti­on ziem­lich be­quem macht).

Für Uni­ver­sa­li­sten ist der Da­lai La­ma ein Pa­ra­de­bei­spiel, weil er ihr Den­ken mit ein­fa­chen (und nach­voll­zieh­ba­ren) Wor­ten zu le­ben scheint. Um­welt­schüt­zer iden­ti­fi­zie­ren sich mit dem Ge­dan­ken, die Er­de tei­len, statt sie be­sit­zen zu wol­len und idyl­li­sie­ren viel­leicht manch­mal das raue Le­ben der Ti­be­ter in den 1950er Jah­ren als Ein­klang mit der Na­tur. Kul­tur­kri­ti­ker picken be­gie­rig sei­ne Aus­sa­gen her­aus, die bei­spiels­wei­se die Un­fä­hig­keit des Men­schen at­te­stiert mit Viel­falt um­zu­ge­hen und das, ob­wohl wir alle…den Plu­ra­lis­mus hoch[halten]. Und für Pa­zi­fi­sten ist er die Licht­ge­stalt, der sich der fort­wäh­ren­den Ag­gres­si­on ge­gen­über sei­ner Kul­tur in Ti­bet mit dem Man­tra der Ge­walt­lo­sig­keit ent­ge­gen­stemmt (und Ma­hat­ma Gan­dhi ver­ehrt).

Lauf­band und die drei wich­tig­sten gei­sti­gen Gif­te

»Mei­ne spi­ri­tu­el­le Au­to­bio­gra­phie« sug­ge­riert nun ei­nen ge­naue­ren Ein­blick in Le­ben und vor al­lem Den­ken des Da­lai La­ma. Das Buch ist un­ter­teilt ge­mäss sei­ner The­se der drei Auf­ga­ben in sei­nem Le­ben: als Mensch, als bud­dhi­sti­scher Mönch und in sei­nem Le­ben als Da­lai La­ma für die Sa­che Ti­bets, die ihm ganz spe­zi­ell am Her­zen liegt.

Wer nun glaubt, Sei­ne Hei­lig­keit ha­be ein spe­zi­fisch neu­es Buch ge­schrie­ben, wird rasch ent­täuscht. Be­reits im Vor­wort von So­fia Stril-Re­ver, die als Her­aus­ge­be­rin zeich­net (al­ler­dings merk­wür­di­ger­wei­se nicht auf dem Co­ver) wird deut­lich, dass es sich mehr­heit­lich (oder aus­schließ­lich?) um be­kann­te, längst pu­bli­zier­te Tex­te han­delt, d. h. um Re­den, Er­klä­run­gen, klei­ne Auf­sät­ze oder auch Zi­ta­te aus an­de­ren Bü­chern. Lei­der wer­den nur kur­so­risch die Quel­len ge­nannt, so dass et­li­che Tex­te oh­ne Zeit- und Orts­an­ga­be blei­ben. Statt­des­sen kom­men­tiert sie aus­gie­big (in Kur­siv­schrift im­mer­hin so­fort er­kenn­bar) sei­ne Re­den und Er­klä­run­gen, re-for­mu­liert und in­ter­pre­tiert sie gleich­zei­tig in ei­nem ins­be­son­de­re im er­sten Ka­pi­tel teil­wei­se un­er­träg­lich pie­ti­sti­schen Stil.

Hin­zu kommt, dass Wie­der­ho­lun­gen und Red­un­dan­zen (auch hier ins­be­son­de­re im er­sten Ka­pi­tel) an die Gren­zen des Er­träg­li­chen ge­hen. In al­len Va­ria­tio­nen wer­den die Be­grif­fe Mit­ge­fühl und mensch­li­che Zu­nei­gung als Le­bens­kern her­aus­ge­stellt und fast tech­no­ar­tig ein­ge­häm­mert, dass je­des We­sen nach Glück strebt und ver­sucht, Lei­den zu ver­mei­den. Da­mit liegt der Da­lai La­ma in der Quint­essenz zu­nächst ein­mal von der post­mo­der­nen Spaß­ge­sell­schaft gar nicht so weit ent­fernt, wenn­gleich na­tür­lich der öko­no­mi­sche Kon­su­mis­mus bzw. Ma­te­ria­lis­mus von ihm ra­di­kal ab­ge­lehnt wird. Und wenn dann die Fein­de un­se­re be­sten Lehr­mei­ster sind, ist die Nä­he zum Neu­en Te­sta­ment un­ver­kenn­bar.

Der Da­lai La­ma er­zählt von sei­nem nor­ma­len Ta­ges­ab­lauf (wir er­fah­ren, dass er sich auf ei­nem Lauf­band fit hält und auf das Abend­essen ver­zich­tet), er­in­nert sich an die El­tern, be­rich­tet vom Be­such der Fin­dungs­kom­mis­si­on nach dem Tod des 13. Da­lai La­ma (sehr in­ter­es­sant die Be­schrei­bung des Fin­dungs­ver­fah­rens) und sei­ner Kind­heit in Lha­sa (ab 1940) mit sei­nen sehr, sehr stren­gen Leh­rern. All dies wirkt manch­mal ent­rückt, fast wie aus ei­nem Ber­to­luc­ci-Film und aber­mals greift die Her­aus­ge­be­rin fehl, wenn sie glau­ben ma­chen will, die Kind­heit des Da­lai La­ma sei die ei­nes ganz nor­ma­len Kin­des ge­we­sen, wel­ches von sei­nen El­tern ver­wöhnt wor­den wä­re und spä­te­stens hier möch­te man den Mann vor sei­nen schwär­me­ri­schen Ver­eh­rern be­schüt­zen.

Am in­ter­es­san­te­sten ist es, wenn der Da­lai La­ma im zwei­ten Teil des Bu­ches die Grund­the­sen sei­ner Re­li­gi­on, des ti­be­ti­schen Bud­dhis­mus, vor­stellt. Da­bei weist er dar­auf hin, dass der Bud­dhis­mus we­ni­ger ei­ne phi­lo­so­phi­sche Sicht der Welt dar­stellt, son­dern viel­mehr ein Weg zur Ver­wand­lung des Gei­stes, mit dem Ziel, sich vom Lei­den und des­sen Ur­sa­chen zu be­frei­en. Da­bei gilt es, die drei wich­tig­sten gei­sti­gen Gif­te aus­zu­schal­ten: Nicht­wis­sen, Be­gier­de und Hass.

Er­zählt wird über die zwei Wahr­hei­ten, die es im Bud­dhis­mus gibt: ei­ne re­la­ti­ve Wahr­heit, die das Äu­ßer­li­che der Phä­no­me­ne be­trifft, ihr Er­schei­nen und Ver­schwin­den, und ei­ne letz­te Wahr­heit, die das Feh­len ei­ner den Phä­no­me­nen in­ne­woh­nen­den Wirk­lich­keit be­zeich­net. Hier er­gä­ben sich in­ter­es­san­te Be­rüh­rungs­punk­te (und auch Dif­fe­ren­zen) zu west­li­chen Phi­lo­so­phen aber der­ar­ti­ge Un­ter­su­chun­gen sind nicht be­ab­sich­tigt. Da­für be­kommt der der Le­ser ei­nen klei­nen Ein­blick in die Re­inkar­na­ti­ons­leh­re und er­fährt, dass der Da­lai La­ma für sich auch ei­ne Re­inkar­na­ti­on als In­sekt vor­stel­len kann und ein neu­er Da­lai La­ma, soll­te Ten­zin Gyat­so im Exil ster­ben, auch aus dem Exil kom­men müss­te (wo­bei er of­fen lässt, ob es über­haupt ei­nen neu­en Da­lai La­ma ge­ben muss und sich die­se Art der »Re­gie­rung« nicht über­holt ha­be).

Zu­nächst an­ge­nehm der zu­rück­hal­ten­de Ton, der aus­drück­lich ei­ne Aus­deh­nung sei­nes Glau­bens auf an­de­re Kul­tur­krei­se nicht an­strebt, da die kul­tu­rel­le Prä­gung, die spi­ri­tu­el­le Tra­di­ti­on, in die wir hin­ein­ge­bo­ren wur­den, für ele­men­tar er­ach­tet wird. So sei es meist befriedigender…die Re­li­gi­on sei­ner El­tern zu über­neh­men und sich dort­hin zu ver­tie­fen. Es ist nicht not­wen­dig, Bud­dhist zu wer­den, wenn man im We­sten auf­ge­wach­sen ist. Fol­ge­rich­tig lehnt der Da­lai La­ma auch ei­ne Hier­ar­chie der spi­ri­tu­el­lem Tra­di­tio­nen ab und sug­ge­riert, dass sich in der spi­ri­tu­el­len Pra­xis die Welt­re­li­gio­nen un­ge­ach­tet ih­rer un­ter­schied­li­chen phi­lo­so­phi­schen Vor­stel­lun­gen mehr oder we­ni­ger tref­fen: Sie wol­len ei­ne Ver­wand­lung des in­ne­ren Be­wusst­seins­stro­mes er­rei­chen, wo­durch wir bes­se­re, de­mü­ti­ge­re Men­schen wer­den. Da kippt dann die Zu­rück­hal­tung in harm­los-er­bau­li­che Sonn­tags­rhe­to­rik, die nie­man­den weh tun möch­te, aber da­durch auch kein ei­ge­nes Pro­fil zeigt – wo­bei die­ser Ein­wand na­tür­lich streng ge­nom­men wie­der als all­zu west­li­che Sicht­wei­se be­trach­tet wer­den kann.

Den­noch hat man das Ge­fühl, dass ein klei­nes biss­chen In­ter­pre­ta­ti­ons­gym­na­stik je­de Aus­sa­ge an das je­wei­li­ge Wer­te­sy­stem an­dock­bar macht. So er­kennt der Da­lai La­ma ei­ner­seits kei­nen Wi­der­spruch zwi­schen Re­li­gi­on und Po­li­tik, sieht sich an­de­rer­seits aber als An­hän­ger der lai­zi­sti­schen De­mo­kra­tie und möch­te so­gar ein­mal die ti­be­ti­sche Le­bens­wei­se von der bud­dhi­sti­schen Re­li­gi­on ge­trennt se­hen. Und schließ­lich dann das Zi­tat, er träu­me von ei­ner Syn­the­se zwi­schen Bud­dhis­mus und Mar­xis­mus (von 2008).

Text­samm­lung statt ei­gen­stän­di­ger Au­to­bio­gra­phie

Im drit­ten Teil des Bu­ches, wel­ches sei­ne po­li­ti­sche Rol­le als im Ti­bet­kon­flikt the­ma­ti­siert, be­rich­tet er an­fangs von sei­ner po­li­ti­schen Un­er­fah­ren­heit, als die Chi­ne­sen 1950 Ti­bet an­grif­fen. Spä­ter dann wird von ei­ner »Mo­der­ni­sie­rung«, ja »De­mo­kra­ti­sie­rung« ge­spro­chen, die der jun­ge Da­lai La­ma in den 1950er Jah­ren ein­ge­lei­tet ha­ben soll. Als Feh­ler der ti­be­ti­schen Ad­mi­ni­stra­ti­on gilt ihm heu­te die jahr­hun­der­te­lan­ge, selbst­ge­wähl­te po­li­ti­sche Iso­la­ti­on des Lan­des, die sich un­ter an­de­rem dar­in zeig­te, dass wir nur we­ni­gen Aus­län­dern Zu­gang zu un­se­rem Land ge­währ­ten (in den 1950er Jah­ren sol­len es nur sie­ben ge­we­sen sein). So­mit war die­ses Land (wie auch in den Auf­zeich­nun­gen von Pe­ter Auf­sch­nai­ter nach­zu­le­sen ist) in mit­tel­al­ter­lich-theo­kra­ti­schen Struk­tu­ren ste­hen­ge­blie­ben (wo­mit die Aus­sa­ge, man ha­be in Ti­bet bis zur chi­ne­si­schen Be­sat­zung ein glück­li­ches Le­ben ge­führt, fast ge­schichts­klit­ternd da­her­kommt).

Der po­li­ti­sche Teil des Bu­ches ist der Schwäch­ste. Die Her­aus­ge­be­rin hat über wei­te Strecken ei­ni­ge Re­den des Da­lai La­ma zum 10. März (dem Da­tum des Auf­stands der Ti­be­ter ge­gen die Chi­ne­sen) an­ein­an­der­ge­reiht und mit ei­ge­nen Er­läu­te­run­gen ver­se­hen. Für ei­nen wis­sen­schaft­li­chen Hi­sto­ri­ker mö­gen die au­then­ti­schen Re­den der Jah­re 1961, 1965, 1967, 1968, 1990 und 2008 von In­ter­es­se sein. Für den ge­wöhn­li­chen Le­ser sind sie eher er­mü­dend.

An­fangs noch auf ei­ne voll­stän­di­ge Un­ab­hän­gig­keit be­dacht, än­dern sich die For­de­run­gen des Da­lai La­ma bis hin zu ei­ner kul­tu­rel­len, selbst­ver­wal­te­ten Au­to­no­mie im In­nern: Die Ge­samt­heit Ti­bets, die un­ter dem Na­men Cho­klha-So­um (das die Pro­vin­zen Ü‑Tsang, Kham und Am­do um­fasst) be­kannt ist, müss­te ei­ne de­mo­kra­ti­sche, selbst­ver­wal­te­te Ein­heit im Bünd­nis mit Chi­na wer­den. […] Die Re­gie­rung der Volks­re­pu­blik Chi­na blie­be wei­ter­hin für die Au­ßen­po­li­tik Ti­bets zu­stän­dig. Da­mit wür­de teil­wei­se der im Buch so ab­schät­zig be­wer­te­te Sta­tus des Ver­tra­ges von 1907 re-im­ple­men­tiert, in dem Chi­na zur Su­ze­rä­ni­tät Ti­bets ver­pflich­tet wur­de.

Ein neu ge­schrie­be­ner, ak­tu­el­ler Text zur po­li­ti­schen Ent­wick­lung hät­te ei­ne nach­hal­ti­ge­re Wir­kung ge­habt. Zwar zei­gen sich hier die An­mer­kun­gen von So­fia Stril-Re­ver als hilf­reich, aber wor­in jetzt der Un­ter­schied zwi­schen dem Fünf-Punk­te-Plan von 1987 (»Mitt­le­rer Weg«) und dem so­ge­nann­ten »Me­mo­ran­dum« von 2008 liegt, bleibt voll­kom­men un­klar. Zwar wird deut­lich, dass die chi­ne­si­sche Füh­rung mit ih­rem »Si­ni­sie­rungs­pro­gramm« auf Zeit spielt und die Ti­be­ter zur Min­der­heit im »ei­ge­nen Land« ma­chen will, aber wor­an die zwi­schen­zeit­lich durch­aus statt­ge­fun­de­nen An­nä­he­run­gen (1974–80, 1984, 1990) letzt­lich ge­schei­tert sind, wird eben­falls nicht er­ör­tert. In­ter­es­sant die fast ehr­erbie­ti­gen Wor­te des Da­lai La­ma zu Mao Ze­dong an­läss­lich meh­re­rer Tref­fen in den Jah­ren 1954/1955, wo­bei lei­der (wie so häu­fig in die­sem Buch) nicht deut­lich wird, wann die­ser Text ver­fasst wur­de.

Die neu­tra­le Sicht auf den Kon­flikt ge­rät na­tur­ge­mäss manch­mal ein biss­chen ins Wan­ken. So ist die Be­haup­tung des Da­lai La­ma, Ti­bet sei in mehr als zwei­tau­send­jäh­ri­ger Ge­schich­te ein un­ab­hän­gi­ger Staat ge­we­sen, min­de­stens dis­kus­si­ons­wür­dig. Ins­be­son­de­re, weil er an an­de­rer Stel­le schreibt, die Be­zie­hun­gen zwi­schen Chi­na und Ti­bet sei­en durch­aus kon­flikt­be­la­den ge­we­sen und die Her­aus­ge­be­rin von »kom­ple­xen« Be­zie­hun­gen spricht. Den­noch wird deut­lich, dass die chi­ne­si­sche Re­gie­rung ei­nen gro­ßen Feh­ler macht, die­sen Mann nicht Ernst zu neh­men und mit ihm zu­sam­men ei­nen ernst­haf­ten Kom­pro­miss zu er­ar­bei­ten. Wo­bei Dik­ta­tu­ren al­ler­dings nicht un­be­dingt kom­pro­miss­be­rei­te und ‑fä­hi­ge In­sti­tu­tio­nen sind. Aber ei­ne wie auch im­mer ge­ar­te­te Nach­fol­ge wird ei­ne deut­lich ra­di­ka­le­re Vor­ge­hens­wei­se zur Be­frei­ung Ti­bets (so So­fia Stril-Re­vers Vi­si­on) prak­ti­zie­ren wol­len; ei­ne Ei­ni­gung mit dem jet­zi­gen Da­lai La­ma könn­te die­se Ver­schär­fung ban­nen.

»Mei­ne spi­ri­tu­el­le Au­to­bio­gra­fie« ist als Ein­stieg für die Be­schäf­ti­gung mit dem Da­lai La­ma und viel­leicht so­gar des Bud­dhis­mus durch­aus ge­eig­net. Die edi­to­ri­schen Me­tho­den der Her­aus­ge­be­rin sind al­ler­dings zwei­fel­haft und är­ger­lich. Vie­le Tex­te ste­hen oh­ne Quel­len- und Zeit­an­ga­be. Auf strit­ti­ge The­men, wie bei­spiel­wei­se das Ver­bot des Da­lai La­mas dem Dor­je-Shug­den-Kults ge­gen­über (teil­wei­se schwe­re Vor­wür­fe zum Vor­ge­hen des Da­lai La­ma wer­den hier er­ho­ben, wo­bei der Laie nur sehr schwer in der La­ge ist, die­se Nu­an­cen wahr­zu­neh­men) wird nicht ein­ge­gan­gen. Den­noch er­hält man ei­nen er­sten Über­blick auf das wech­sel­haf­te Le­ben die­ses Man­nes und sei­ne Auf­ge­ho­ben­heit in sei­ner Re­li­gi­on, die ihn vor ei­ner Ver­zweif­lung, was das Schick­sal Ti­bets an­geht, zu schüt­zen scheint.


Die kur­siv ge­druck­ten Pas­sa­gen sind Zi­ta­te aus dem im Buch zu­ge­schrie­be­nen Tex­ten des Da­lai La­ma.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ten­zin Gyat­so und Das Dach der Welt
    Ich bin kei­ne gro­ße Freun­din von Bio­gra­phi­en. Da kommt mir die­se ( Ih­re) Re­zen­si­on sehr ent­ge­gen.
    Ama­zon bie­tet 377 Er­geb­nis­se zum The­ma Da­lai La­ma an = re­gel­mä­ßig schwemmt der Buch­markt neue Da­lai La­ma-Wer­ke auf die Bü­cher­ti­sche, wo fan­ge ich an, wo hö­re ich auf?

    Mich wür­de in­ter­es­sie­ren, aber das hat die Au­torin viel­leicht gar nicht be­schrie­ben, wie der Da­lai La­ma die Zu­kunft Ti­bets sieht. Aber Sie be­schrei­ben ja, daß der po­li­ti­sche Teil der Schwäch­ste in die­sem Buch sei.
    Kommt zwi­schen den Zei­len her­aus, war­um die Au­torin so ab­schät­zig über die Su­ze­ri­nät denkt? Schließ­lich gibt es doch ei­ni­ge funk­tio­nie­ren­de prak­ti­zier­te Su­ze­rä­ni­tä­ten, z.B. An­dor­ra ( ich mei­ne Spa­ni­en und Frank­reich üben hier so­gar ge­mein­schaft­lich die Su­ze­rä­ni­tät aus).
    An­fangs noch auf ei­ne voll­stän­di­ge Un­ab­hän­gig­keit be­dacht, än­dern sich die For­de­run­gen des Da­lai La­ma bis hin zu ei­ner kul­tu­rel­len, selbst­ver­wal­te­ten Au­to­no­mie im In­nern, ist das für Chi­na kei­ne mach­ba­re Ver­hand­lungs­grund­la­ge? Wird die jün­ge­re ti­be­ti­sche Ge­nera­ti­on nach sei­nem Tod ei­nen ra­di­ka­len Kurs ge­gen Chi­na füh­ren oder die Weit­sich­tig­keit ih­res gei­sti­gen Ober­haup­tes er­ken­nen und für ih­re Ver­hand­lun­gen über­neh­men? Wel­che Rol­le über­neh­men die Exil­ti­be­ter, die im Grenz­land le­ben, stu­die­ren?
    Und war­um ( oder darf nicht?) schreibt die Au­torin nichts über den Dor­je-Shug­den-Kult?

    Ein Ti­bet-Ar­ti­kel (Link) aus Sonn­tag ak­tu­ell von 2005 fü­ge ich Ih­nen ein, viel­leicht fin­det er In­ter­es­se. Ich hat­te ihn in ei­nem Buch von Eli­ot Patti­son wie­der­ent­deckt, nach­dem ich Ih­ren o.a. Bei­trag ge­le­sen hat­te.
    http://www.sonntag-aktuell.de/pagesoak/detail.php?id=987280
    [Link in­zwi­schen in­ak­tiv – G. K.]
    Das Buch ha­be ich span­nend in Er­in­ne­rung und der Ar­ti­kel ist kurz­wei­lig, aber ei­ne ge­wis­se Ti­bet-Ver­klä­rung kommt da ja schon auf.
    Auch wenn in letz­ter Zeit öf­ters von mir ge­sagt: Dan­ke, für die er­neu­te in­ter­es­san­te Re­zen­si­on!

  2. »Of­fi­zi­ell« ist ja der Da­lai La­ma der Au­tor; die Her­aus­ge­be­rin taucht viel­leicht in rd. 15% des Bu­ches auf. Sie über­nimmt es auch, ein eher ne­ga­ti­ves Bild zu zeich­nen, was die Zu­kunft Ti­bets an­geht und er­ach­tet die Mög­lich­kei­ten der­zeit für eher er­schöpft (das kommt ein biss­chen ela­bo­rier­ter da­her). Ich glau­be dies auch, wo­bei ich die Chi­ne­sen nicht ver­ste­he, die den Da­lai La­ma ver­teu­feln.

    Die »in­ne­re Au­to­no­mie« Ti­bets ist von sei­ten des Da­lai La­ma an Kon­di­tio­nen ge­knüpft, die es Chi­na of­fen­sicht­lich er­leich­tern, nicht zu ver­han­deln. So soll Ti­bet bspw. ei­ne Art ‘atom(waffen)freie’ Zo­ne wer­den und das Recht auf die Aus­beu­tung der Bo­den­schät­ze soll auch au­to­nom aus­ge­übt wer­den.

    Über die Exil­ti­be­ter gibt es in die­sem Buch so gut wie gar kei­ne kon­kre­ten Aus­sa­gen (au­sser die, dass es da wel­che gibt). Es ist m. E. fast zwangs­läu­fig, dass die Li­nie des Da­lai La­ma ir­gend­wann als er­folg­los gilt und spä­te­stens nach sei­nem Tod ra­di­kal ge­än­dert wird.

    Die Su­ze­rä­ni­tät wird ne­ga­tiv ge­se­hen, da sie als von den Bri­ten ok­troy­iert wahr­ge­nom­men wird (ich ver­mag das nicht zu be­ur­tei­len).

    Kri­ti­sche Wor­te feh­len in die­sem Buch, weil Stril-Re­ver ei­ne gro­sse An­hän­ge­rin des Da­lai La­ma ist.

  3. Die Bo­den­schät­ze
    sind der Kern der Sa­che. Ich ha­be in mei­nem er­sten Ant­wor­ten-Ent­wurf dar­auf hin­ge­wie­sen, ha­be es dann wie­der ge­stri­chen, ich woll­te mich mehr am Da­lai La­ma Text hal­ten.
    Bo­den­schät­ze und stra­te­gi­sche Be­deu­tung ma­chen Ti­bet für Chi­na so wich­tig. http://www.dwworld.de/dw/article/0„4076418,00.html
    Aber man kann es nicht von­ein­an­der tren­nen.

  4. Zu den Bo­den­schät­zen ei­ne si­cher­lich nicht ganz un­par­tei­ische Quel­le: hier.

    Die stra­te­gi­sche La­ge wird im Buch am Ran­de an­ge­spro­chen.

    Bei­des wä­re m. E. ver­han­del­bar (auch die Nut­zung der Bo­den­schät­ze). Die Chi­ne­sen wol­len das nicht, weil sie das Land de­mo­gra­phisch schlei­chend si­ni­sie­ren wol­len.