Con­stan­tin Schrei­ber: Die Kan­di­da­tin

Constantin Schreiber: Die Kandidatin

Con­stan­tin Schrei­ber:
Die Kan­di­da­tin

Ir­gend­wann, in viel­leicht nicht all­zu fer­ner Zu­kunft, in Deutsch­land: Ei­ne mus­li­mi­sche Kan­di­da­tin der »Öko­lo­gi­schen Par­tei« hat gro­ße Chan­cen, Bun­des­kanz­le­rin zu wer­den. Es ist Wahl­abend. Sie will zu ih­ren An­hän­gern spre­chen. Die skan­die­ren ih­ren Wunsch nach der »to­ta­len Di­ver­si­tät«. Und dann wer­den die letz­ten drei Mo­na­te re­ka­pi­tu­liert.

Na­tür­lich fällt ei­nem rasch Mi­chel Houellebeqs »Un­ter­wer­fung« von 2015 ein, in dem ein mus­li­mi­scher Prä­si­dent ge­wählt wird und nicht zu­letzt mit ara­bi­schem Geld ei­ne »freund­li­che Über­nah­me« des in­sti­tu­tio­nel­len Frank­reich er­reicht. Con­stan­tin Schrei­bers »Die Kan­di­da­tin« nimmt durch­aus An­lei­hen an die­ses Ar­ran­ge­ment, aber es ist doch ein ganz an­de­rer Ro­man.

Der Ver­lag nennt das Jahr 2041, in dem das Ge­sche­hen an­ge­sie­delt sein soll. Ei­ni­ge An­ga­ben im Buch le­gen na­he, dass das nicht sein kann. Wie auch im­mer: Ma­ri­ne Le Pen ist Prä­si­den­tin in Frank­reich und der grei­se Xi Jin­ping steu­ert im­mer noch die Ge­schicke Chi­nas. Er ist so­eben mit sei­ner Ar­mee in Tai­wan ein­mar­schiert und hat die In­sel an­nek­tiert. Auch Wla­di­mir Pu­tin ist noch Prä­si­dent und be­droht (wie schon im­mer) die Ukrai­ne. Der Na­he Osten (au­ßer Is­ra­el) droht zu »im­plo­die­ren«. Aber Sau­di Ara­bi­en hat die Atom­bom­be. Die USA kommt nur als Ort von Ras­sen­un­ru­hen vor. Die EU ist prak­tisch am En­de. Der Eu­ro exi­stiert noch, aber »ste­tig fal­len­de Ne­ga­tiv­zin­sen führ­ten da­zu, dass so­wohl Gut­ha­ben als auch Schul­den im­mer we­ni­ger wert wur­den« und »Gold und Aktien…zur Par­al­lel­wäh­rung« wur­den. Chi­na er­presst die Eu­ro­pä­er mit sei­nen Eu­ro­an­lei­hen. Hier ist die neue Su­per­macht.

Deutsch­land wird von ei­ner Bun­des­kanz­le­rin re­giert. Sie wird nur als Funk­ti­ons­trä­ge­rin er­wähnt; die Per­son bleibt dif­fus, wie die Re­gie­rung zu­sam­men­ge­setzt ist, er­fährt man nicht. Der In­nen­mi­ni­ster ist ein För­de­rer von Sa­bah Hus­sein, für die er »den Po­sten der Son­der­be­auf­trag­ten für öf­fent­li­che Dia­lo­ge« schuf – we­ni­ger aus Über­zeu­gung als aus Kar­rie­re­grün­den, um nicht von Men­schen und Or­ga­ni­sa­tio­nen mit »Viel­falts­merk­ma­len« an­ge­grif­fen zu wer­den. Hus­sein ist 44, sieht aber jün­ger aus. Den Hi­jab hat­te sie nach Kon­sul­ta­ti­on mit »ih­rem« Imam mit Ein­tritt in die Po­li­tik ab­ge­legt, aber in ei­ner bun­des­wei­ten Ak­ti­on das Tra­gen des Hi­jab als fe­mi­ni­stisch-eman­zi­pa­to­ri­sche Ge­ste für jun­ge Mus­li­ma ge­framt. Sie sel­ber klei­det sich mo­disch, auf­fal­lend, wäh­rend »von zahl­rei­chen pro­gres­si­ven Frau­en und Män­nern und Di­ver­sen« ganz selbst­ver­ständ­lich der »ein­far­bi­ge Gen­der­kaf­tan« ge­tra­gen wird, »der jeg­li­che Kör­per­for­men neu­tral ver­hüllt« (er­gän­zend da­zu die »Unis­ex­boots ‘Bir­ken­docs‘«).

Ge­bo­ren ist Hus­sein in ei­nem Flücht­lings­la­ger im Li­ba­non, wo sie sechs Jah­re leb­te. Da­nach ka­men ih­re sy­ri­schen El­tern über die Bal­kan­rou­te nach Deutsch­land (hier lie­gen die zeit­li­chen Un­ge­nau­ig­kei­ten). Der Va­ter ist in­zwi­schen ver­stor­ben; die Mut­ter lebt wie sie in Ber­lin, spricht bis heu­te kein Deutsch, ist An­alpha­be­tin. Sa­bah Hus­sein hat ei­ne po­li­ti­sche Bil­der­buch­kar­rie­re in der Par­tei hin­ge­legt. Aus­ge­stat­tet ist sie von Schrei­ber mit Ei­gen­schaf­ten von Saw­san Che­bli (es ist nicht nur die Ro­lex!), Ay­dan Özoğuz und An­na­le­na Ba­er­bock.

Klei­ne De­tails zei­gen: Es steht nicht ganz gut um Deutsch­land. Das Ge­sund­heits­sy­stem ist kol­la­biert; ge­setz­lich Ver­si­cher­te müs­sen sich Ein­weg­sprit­zen und Ver­bands­ma­te­ri­al sel­ber be­sor­gen. Kran­ken­häu­ser ha­ben »End­hal­len«, in de­nen Kran­ke nur noch not­dürf­tig mit Schmerz­mit­teln ver­sorgt wer­den, so­bald ih­re »Ver­si­che­rungs­punk­te« auf­ge­braucht sind und ei­ne wei­te­re Be­hand­lung zu teu­er wä­re. Der Mie­ten­deckel gilt bun­des­weit, aber das Woh­nungs­pro­blem ist ge­blie­ben. Es wird ge­mil­dert durch Wohn­con­tai­ner, die Woh­nungs­su­chen­den je nach Fa­mi­li­en­sta­tus zu­ge­wie­sen wer­den.

Für künf­ti­ge »Mit­ar­bei­ten­de« an der Uni­ver­si­tät wur­de die so­ge­nann­te »Pein­li­che Ana­ly­se« (PA) ge­schaf­fen .»In der PA wer­den sämt­li­che di­gi­ta­len Da­ten von Be­wer­bern durch ei­ne spe­zi­ell da­für ent­wickel­te Soft­ware auf de­ren po­li­ti­sche Aus­rich­tung hin ana­ly­siert. Das soll da­bei hel­fen, Fa­schi­sten von der Uni­ver­si­tät fern­zu­hal­ten.« Spä­ter wird das Sy­stem aus­ge­wei­tet wer­den auf an­de­re Be­rufs­zwei­ge.

Ta­ges­zei­tun­gen gibt es nicht mehr, nur noch ei­ni­ge Wo­chen­blät­ter. Sie hei­ßen »Glo­bus« (Syn­onym für »Spie­gel«) oder »AKUT« (Sprin­ger-Bou­le­vard). Ent­spre­chend we­ni­ge Kor­re­spon­den­ten und haupt­be­ruf­li­che Po­lit-Jour­na­li­sten gibt es noch. »Die neue­sten Nach­rich­ten gibt es di­rekt über die of­fi­zi­el­len Ac­counts der Mi­ni­ste­ri­en, und You­Tuber, Twit­ter-Stars und Blog­ger ar­bei­ten als Freie.« Po­li­tik­sen­dun­gen im Fern­se­hen wer­den meist von se­mi­ak­ti­vi­sti­schen Men­schen mit ent­spre­chen­der Hal­tung mo­de­riert, wie z. B. Ra­nia Ha­ma­mi (sie hat Zü­ge von Dun­ja Ha­ya­li). Mit der Glo­bus-Jour­na­li­stin duzt man sich, wenn man nicht öf­fent­lich ist und be­grüßt sich mit Wan­gen­küss­chen.

Der all­wis­sen­de Er­zäh­ler in Schrei­bers Ro­man zi­tiert aus dem neu­en »Viel­falts­för­de­rungs­ge­setz (VifaföG)«, ver­fasst vom »Mi­ni­ste­ri­um für Ge­rech­tig­keit«, de­ren Mi­ni­ste­rin auch noch An­ja Mül­ler-Papst heißt. Das Ge­setz schreibt de­tail­lier­te Quo­ten­vor­ga­ben für die Be­set­zun­gen von Ar­beits­stel­len vor, et­wa »min­de­stens fünf Pro­zent der An­ge­stell­ten müs­sen ei­ne nicht­wei­ße Haut­pig­men­tie­rung auf­wei­sen« oder »fünf­zehn Pro­zent al­ler An­ge­stell­ten müs­sen ho­mo­se­xu­ell sein.« Er­leich­tert wird dies durch die Pflicht­an­ga­ben im neu­en Per­so­nal­aus­weis »ob sie oder er weiß, schwarz, Muslim:in, ho­mo- oder trans­se­xu­ell ist, ob sie ei­nen Hi­jab trägt oder ob sie oder er auf an­de­re Wei­se di­vers ist.« Über­flüs­sig zu er­wäh­nen, dass »:in­nen« zur Pflicht ge­wor­den ist. Gra­vie­ren­der: »Is­lam« darf nur noch »Frie­dens­re­li­gi­on Is­lam« ge­nannt wer­den.

»Di­ver­si­ty« ist prak­tisch Re­li­gi­on in die­sem Land. Seit fünf Jah­ren steht An­ti­ras­sis­mus als Staats­ziel im Grund­ge­setz. Bei der an­ste­hen­den Wahl »dür­fen zum er­sten Mal al­le Men­schen in Deutsch­land ab sech­zehn Jah­ren mit Auf­ent­halts­sta­tus wäh­len ge­hen, wäh­rend Men­schen ab sieb­zig nicht mehr wäh­len dür­fen.« Bald wird es ei­ne Wei­ßen­steu­er oder min­de­stens ei­nen »An­ti­ras­sis­mus-So­li für wei­ße Men­schen« ge­ben. Die durch Rech­te un­ter­lau­fe­ne und da­mit dis­kre­di­tier­te Po­li­zei wird durch »so­ge­nann­te Bürger:innen-Verantwortliche, kurz B:V« er­setzt. Die Di­ver­si­ty-Hym­ne er­setzt weit­ge­hend die deut­sche Na­tio­nal­hym­ne. Spä­ter wer­den Schwarz-Rot-Gold-Fah­nen zer­ris­sen und durch ei­ne Re­gen­bo­gen­flag­ge mit ei­nem »D« für Di­ver­si­ty er­setzt.

Der Wahl­kampf Hus­seins wird von ih­rer Ma­na­ge­rin Jet­te höchst pro­fes­sio­nell or­ga­ni­siert. Die Um­fra­ge­wer­te sind gran­di­os. An­ti­po­disch zur Öko­lo­gi­schen Par­tei gibt es ei­ne »ZfD« (»Zu­kunft für Deutsch­land«), die zweit­größ­te Par­tei. Da­nach kommt die Lin­ke (die im Buch kei­ne Rol­le spielt). Die So­zi­al­de­mo­kra­tie kämpft mit der 5%-Hürde. Ein­mal wird ei­ne Is­lam­par­tei er­wähnt, die in Ber­lin Ach­tungs­er­fol­ge er­ringt. Ganz am En­de packt Schrei­ber die »CPD« aus, die vor­her nie er­wähnt wur­de.

Als bei ei­ni­gen Jour­na­li­sten an­ony­me Nach­rich­ten auf­tau­chen, die Hus­sein in ei­ner an­ti­se­mi­ti­schen Um­ge­bung zei­gen oder – in Mo­na­co – ein ge­wis­ses Lu­xus­le­ben sug­ge­rie­ren sol­len, springt nur »AKUT« dar­auf an. Es wird ge­rät­selt, wer der Hin­weis­ge­ber ist. Die­se dann doch eher harm­lo­sen »Ent­hül­lun­gen« sind ins­ge­samt nicht in der La­ge, Nim­bus und Be­liebt­heit der Kan­di­da­tin zu ge­fähr­den.

Bei ei­nem in­ter­re­li­giö­sen Tref­fen in ei­ner Kir­che wird ein At­ten­tat auf Hus­sein ver­übt. Sie ent­geht nur knapp dem Tod. Der An­schlag hat gro­ße Un­ru­hen zur Fol­ge; das Mi­lieu ist auf­ge­schreckt, der Mob wü­tet und brand­schatzt. Die »ZfD« wird ver­bo­ten. Der »wei­ße al­te Mann« hat end­gül­tig ab­ge­wirt­schaf­tet – ob­wohl die At­ten­tä­te­rin ei­ne Frau war. Sie sym­pa­thi­siert mit ei­ner Be­we­gung, die zu­sam­men mit ei­nem hin­läng­lich be­kann­ten Rechts­ex­tre­men, der mit Alarm­sy­ste­men Mil­lio­när ge­wor­den war, in Meck­len­burg-Vor­pom­mern mit »Neu-Go­ten­ha­fen« ei­ne »rei­ne« Kom­mu­ne er­rich­ten woll­te, nach dem Vor­bild von »Ora­nia«. Es gibt ei­nen Kron­zeu­gen, der da­zu bei­trägt, dass die At­ten­tä­te­rin (ei­ne Ost­deut­sche, 1995 ge­bo­ren, ei­ne von Hus­seins Per­so­nen­schüt­ze­rin­nen) schließ­lich ei­ne le­bens­läng­li­che Frei­heits­stra­fe er­hält. Das Le­ben der At­ten­tä­te­rin wird nur ge­streift und ist voll von Kli­schees.

Es ist ver­blüf­fend, wie we­nig man ei­gent­lich von der Haupt­per­son, Sa­bah Hus­sein, er­fährt. Si­cher­lich, sie hat bis­wei­len Zwei­fel. Als sie in Chi­na ist, er­kennt sie, dass die deut­sche Le­bens­art, die sie ab­lehnt (das geht bis zur klas­si­schen Mu­sik), dort wert­ge­schätzt und kon­ser­viert wird. Man hat so­gar die No­fre­te­te ge­kauft, die Deutsch­land an Ägyp­ten zu­rück­ge­ge­ben hat­te. Sie sieht Men­schen in west­li­cher Klei­dung, nicht im Gen­der­ge­wand. Chi­na wird als Nach­lass­ver­wal­ter deut­schen re­spek­ti­ve eu­ro­päi­schen Kul­tur­guts und Le­bens­stils ge­zeich­net. Be­trie­ben wird dies von der »Ab­tei­lung für Kul­tur­im­por­te«. Es ist ei­nes der in­ter­es­san­te­sten Sze­na­ri­en des Bu­ches.

Ih­re Zwei­fel bei­spiels­wei­se hin­sicht­lich der Au­ßen­po­li­tik zer­streut Hus­sein schnell, weil sie sich aus­nahms­los mit ih­res­glei­chen um­gibt. Als sie Men­schen auf Wahl­kampf­rei­se nach Sach­sen oder ins Ruhr­ge­biet in ih­ren Wohn­con­tai­nern be­sucht, ist ihr dies un­an­ge­nehm. Sie hat kein so­zi­al­po­li­ti­sches Kon­zept. Tat­säch­lich schlägt sie den Un­zu­frie­de­nen vor, ih­ren Ar­beits­platz zu Gun­sten der (eher schlech­ter be­zahl­ten) Flücht­lings­hil­fe, par­don: Ge­flüch­te­ten­hil­fe, auf­zu­ge­ben.

Hübsch, wie Schrei­ber die An­bie­de­rung der Kir­chen an den Zeit­geist be­schreibt: Die­se hat­ten »Je­sus- und Hei­li­gen­sta­tu­en durch ge­schlechts- und her­kunfts­neu­tra­le Fi­gu­ren er­setzt« und »weil auch die Dar­stel­lung der Ge­walt am Kreuz nicht mehr zeit­ge­mäß war und vor al­lem jun­ge Men­schen zu trau­ma­ti­sie­ren droh­te« wur­de den »Je­sus­fi­gu­ren statt der Dor­nen­kro­nen Blu­men­krän­ze auf­ge­setzt und sie auf ein­fa­che Sockel ge­stellt«.

Es gibt zahl­rei­che Stel­len, die den Ro­man zeit­wei­se in ei­ne Zu­kunfts-Hu­mo­res­ke um­schla­gen las­sen. Et­wa wenn man von der »Prä­si­dent-Er­dogan-Schu­le« in Ber­lin hört. Aber man darf nicht ver­ges­sen, dass vie­le For­de­run­gen der »Life­style-Lin­ken« (Sah­ra Wa­gen­knecht), wie man sie der­zeit an den Uni­ver­si­tä­ten, in den so­zia­len Netz­wer­ken und bis­wei­len schon in öf­fent­lich-recht­li­chen Me­di­en fin­det, im Ro­man von Schrei­ber ein­fach nur wei­ter­ent­wickelt wur­den bis sie schließ­lich zur Staats­dok­trin wur­den. So könn­te al­so tat­säch­lich die po­li­tik­ge­wor­de­ne, wo­ke Welt aus­se­hen.

Die Mi­schung aus in­ne­rem Zwei­fel und äu­ßer­lich vor­ge­tra­ge­nem Selbst­be­wusst­sein der Haupt­fi­gur hät­te ei­nen packen­den Ro­man er­ge­ben kön­nen. Hier­für wä­ren ein oder zwei auk­t­o­ria­le Er­zäh­ler not­wen­dig ge­we­sen. Lei­der hat es sich Schrei­ber ein­fach ge­macht und setzt auf ei­ne Mi­schung aus Sa­ti­re, Thril­ler und Po­lit­thea­ter. Ganz aus­ge­feilt ist das lei­der nicht. So ist es zum Bei­spiel zwei­fel­haft, dass die »Öko­lo­gi­sche Par­tei« rein gar nichts mehr mit Kli­ma- und Um­welt­schutz zu tun hat und dies 20 oder 25 Jah­ren Jah­re spä­ter kein The­ma mehr zu sein scheint.

Die Auf­lö­sung über die Per­son, die die kom­pro­mit­tie­ren­den Mit­tei­lun­gen an die Pres­se ge­ge­ben hat, ist kei­ne gro­ße Über­ra­schung (den­noch wird sie hier nicht ver­ra­ten). Aber auch hier ist die Aus­füh­rung eher schwach und wirkt am En­de nicht stim­mig.

»Die Kan­di­da­tin« ist zwar der er­ste Ro­man des Jour­na­li­sten, »Tagesschau«-Sprechers und Sach­buch­au­tors Con­stan­tin Schrei­ber, aber er ist kein No­vi­ze. Die­ses Buch zeigt, wie ein po­li­tisch-am­bi­tio­nier­ter Text mit ei­nem durch­aus in­ter­es­san­ten Set­ting schei­tern kann. Li­te­ra­risch ist der Ro­man zu­dem über wei­te Strecken eher auf Il­lu­strier­ten-Ni­veau, was nicht nur sprach­lich deut­lich wird. Denn lei­der geht Schrei­bers Er­zäh­ler (und mit­hin auch der Au­tor sel­ber) der Po­la­ri­sie­rung – Freund/Feind, Rassist/Antirassist – sel­ber auf den Leim. Ent­we­der man ist für »Welt­of­fen­heit, Di­ver­si­tät, An­ti­ka­pi­ta­lis­mus, Fe­mi­nis­mus, An­ti­ras­sis­mus. Oder man ist da­ge­gen.« Es gibt nur Schwarz oder Weiß, nie­mals Grau. Da­mit wird durch den Er­zäh­ler sug­ge­riert, dass, wer bei­spiels­wei­se das »Viel­falts­för­de­rungs­ge­setz« für Un­sinn hält, wie die Fi­gu­ren im Ro­man ent­we­der Na­tio­na­list, Eu­ro­pa­geg­ner, Is­lam­hasser, Ras­sist oder Na­zi ist. Erst zum Schluss, als das TV-Du­ell ge­schil­dert wird, er­scheint ein (blas­ser) Kanz­ler­kan­di­dat der »CPD«, der wo­mög­lich Aus­gleich sym­bo­li­sie­ren könn­te. Als ihm je­doch an­stel­le von Hi­jab das »K‑Wort« her­aus­rutscht, dient dies da­zu, ihn als nicht mehr sa­tis­fak­ti­ons­fä­hig prak­tisch aus­zu­schlie­ßen.

In der Schil­de­rung der wei­ßen Ober­schicht be­dient sich Schrei­ber schreck­li­cher Ste­reo­ty­pen: »In dem weit­läu­fi­gen Je­nisch­park spie­len Kin­der in or­dent­li­chen wei­ßen Hem­den Fe­der­ball. Ei­ne blon­de Mut­ter mit ei­ner Son­nen­bril­le von Dol­ce & Gab­ba­na schiebt ei­nen teu­ren Kin­der­wa­gen vor sich her.« Der Er­zäh­ler weiß, dass man – wie furcht­bar – klas­si­sche Mu­sik hört. Da­mit wä­re dann der Fall so­zu­sa­gen ge­klärt.

Die Fi­gu­ren blei­ben am En­de so un­an­greif­bar weit ent­fernt wie die 20+x‑Jahre, die der Ro­man in der Zu­kunft spielt. Zur Ver­tei­di­gung wä­re ein­zu­wen­den, dass man von ei­ni­gen Wen­dun­gen gar nicht mehr so weit ent­fernt zu sein scheint. Das schockiert dann doch ein we­nig und lässt den Blick auf die Ge­gen­wart mil­der wer­den. Noch.

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. »Un­ter­wer­fung« war bes­ser. Dort gab es ja ei­ne kom­ple­xe Psy­cho­lo­gie, die sich aus De­fä­tis­mus, Heu­che­lei, Auf­stiegs­wil­len und Op­por­tu­nis­mus spei­ste. Das mach­te die »Un­ter­wer­fung« wahr­schein­lich (be­droh­lich), weil die La­ster so ver­brei­tet sind.
    In die­ser Re­zen­si­on le­se ich über­haupt kei­ne psy­cho-dy­na­mi­sche Er­klä­rung, ob­wohl das Er­geb­nis ja fast iden­tisch ist. Die An­la­ge ist eher sta­tisch, als wä­re das Re­gime vom Him­mel ge­fal­len. Da­bei kann man die Ent­ste­hung der Ideen aus den zeit­ge­nös­si­schen Be­ge­ben­hei­ten sehr gut er­ah­nen. Das ist schon im Gro­ßen und Gan­zen All­tag. Es fehlt nur noch ein Stück weit Le­gi­ti­mi­tät. Ge­wohn­heit, ist das kla­re Wort. Man wird sich dar­an ge­wöh­nen, und gut iss’.
    Wit­zig, die Ver­teu­fe­lung der Klas­si­schen Mu­sik. Ich war­te schon ei­ne Zeit lang auf den kul­tur­re­la­ti­vi­sti­schen An­griff. Die Klas­si­sche Mu­sik ist zu... schön, zu... groß, zu... uni­ver­sell. Die muss weg. Wer den Knie­fall be­feh­li­gen will, darf kei­ne frem­den Göt­ter ne­ben sich dul­den.

  2. Kei­ne Fra­ge, dass »Un­ter­wer­fung« der viel bes­se­re Ro­man war. Ich er­wäh­ne ihn auch nur, weil das Set­ting dar­an er­in­nert. Dass, was Sie ver­mis­sen, fehlt auch mir in dem Ro­man von Schrei­ber.

    Was, wenn das Ge­wöh­nen nicht zu­ge­las­sen wird?

  3. Mei­ne Kas­san­dra-Ru­fe sind im Prin­zip nur ein Ab­wehr-Ge­bet. Wie könn­te man den mo­ra­li­schen Ma­nichäis­mus ab­weh­ren?! Das fra­gen sich vie­le. Und wo­her kommt die­ser Un­heim­lich­ste al­ler Gä­ste?!
    Ei­gent­lich sind die po­la­ren Welt­bil­der dau­er­haft in­sta­bil. Schwarz-Weiß fliegt Dir im­mer um die Oh­ren. Sie sind nur das äu­ßer­li­che Mu­ster ei­nes Kamp­fes, aber dar­in ver­birgt sich kei­ne Lö­sung. Es sieht zwar so aus, dass der­je­ni­ge, der die Po­la­ri­tät am läng­sten auf­recht er­hält, ge­won­nen hat... Aber das ist nur ei­ne trüb­sin­ni­ge Täu­schung.
    Ich zäh­le die The­men im­mer wie­der an mei­nen Fin­gern ab, und kann mir so recht kei­nen Reim drauf ma­chen: Kli­ma, Eu­ro­pa, Mi­gra­ti­on, so­zia­le Um­ver­tei­lung, etc. Sind das Auf­re­ger ge­nug, dass man sich ge­gen­sei­tig um­brin­gen muss?! Oder läuft da noch ein ver­deck­ter Krieg, viel­leicht so­gar ein de­fä­ti­sti­scher Krieg (der von ei­ner Nie­der­la­ge her­rührt, à la Ver­sailles)...
    Es gibt ein Ge­gen­mit­tel: Un­be­weg­lich­keit. Un­ver­än­der­lich­keit. Im­mer die­sel­be Mei­nung, kei­ne Kom­pro­mis­se. Ver­wei­ge­rung der »öf­fent­li­chen Per­son«. Fe­ster Be­ton (Stur­schä­del) ge­gen Flüs­si­gen Be­ton (Dis­kurs).

  4. Ich glau­be, dass die Bi­po­la­ri­tät fröh­li­che Re­nais­sance fei­ert! Wer nicht für mich ist, ist ge­gen mich. Freund oder Feind. Wie im »Kal­ten Krieg«.

    Ver­wei­ge­rung der »öf­fent­li­chen Per­son«
    Das ge­fällt mir. Ei­ne sehr ver­füh­re­ri­sche Idee. Viel­leicht wä­re das die Lö­sung der Pro­ble­me: ein Re­fu­gi­um der Welt­ab­ge­wandt­heit, nein: der an­de­ren Welt­zu­ge­wandt­heit.

    Was ma­che ich dann mit dem Blog? Ihn ste­hen­las­sen als Mo­nu­ment des »Stur­schä­dels«?

  5. Der Blog ist ei­ne The­ma-Knei­pe. Das ist ja das Merk­wür­di­ge: ei­ni­ge For­ma­te funk­tio­nie­ren, an­de­re nicht. Re­si­li­enz ge­gen Kor­rup­ti­on. Da­bei se­he ich das Ver­sa­gen der alt­her­ge­brach­ten For­ma­te nicht als be­son­de­re mo­ra­li­sche Fehl­lei­stung, aber es ist schon so, dass die mei­sten Re­dak­tio­nen Un­heil brü­ten, und sich nicht mal auf Auf­for­de­rung hin ein Ge­gen­mit­tel wüss­ten. Viel­leicht wird sich der po­li­ti­sche Jour­na­lis­mus ei­nes Ta­ges als Ding der Un­mög­lich­keit her­aus­stel­len, wer weiß?!
    Die Sa­che mit der Welt­zu­ge­wandt­heit geht ein­deu­tig ins Me­ta­phy­si­sche. Es geht den »De­mo­kra­ten« sehr wohl dar­um, ei­ne ge­mein­sa­me Welt und ei­ne ge­mein­sa­me Po­li­tik zu er­schaf­fen, aber an die­ser dop­pel­ten Auf­ga­be schei­tern al­le. Den­ken und Han­deln in ei­nem ge­teil­ten Ho­ri­zont des Wis­sens und der Wer­te... Schön wär’s, wenn’s nicht so schau­rig schief­ge­hen wür­de.
    Wie ei­gen­ar­tig zu sa­gen, dass die Be­schäf­ti­gung mit Li­te­ra­tur ei­ne Welt­zu­ge­wandt­heit trai­niert, die man beim Um­gang mit halb­sei­de­nen Me­di­en rasch wie­der ver­liert...

  6. In Schrei­bers Ro­man exi­stiert so et­was wie po­li­ti­scher Jour­na­lis­mus prak­tisch nicht mehr. In den Fern­seh­an­stal­ten sit­zen Par­tei­gän­ger (merk­wür­di­ger­wei­se nur von der »Öko­lo­gi­schen Par­tei«). Auch in den Wo­chen­ma­ga­zi­nen ist man ak­ti­vi­stisch tä­tig. Ta­ges­zei­tun­gen gibt es nicht mehr. Täg­li­che po­li­ti­sche In­for­ma­tio­nen gibt es von »You­Tubern« und – das muss na­tür­lich sein – den »Blog­gern«, die vor­ge­kau­te Par­tei­state­ments ab­son­dern oder be­sten­falls leicht va­ri­ie­ren.

    Schrei­bers Szanae­rio ist des­we­gen in­ter­es­sant, weil er als ein An­ge­stell­ter ei­nes öf­fent­lich-recht­li­chen Me­di­ums so et­was pro­gno­sti­ziert. Es gibt im Ro­man kei­nen Hin­weis dar­auf, dass die­se Struk­tu­ren noch exi­stie­ren – das Ge­gen­teil al­ler­dings auch nicht. Das TV-Du­ell fin­det »auf al­len Platt­for­men« statt. Le­dig­lich ein Mal ist von ei­nem Pri­vat­sen­der die Re­de, der För­der­mit­tel von dem Ge­rech­tig­keits­mi­ni­ste­ri­um er­hal­ten hat­te.

    So wie im Ro­man Jour­na­lis­mus ge­schil­dert wird, ist es es kei­ner mehr. Die Bri­sanz die­ses Set­tings schwelt ein biss­chen un­ter dem Wahr­neh­mungs­ra­dar. Wenn man ge­nau liest, sieht man, dass von al­len Hor­ror­sze­na­ri­en die­ses Ro­mans das des En­de des Jour­na­lis­mus am wei­te­sten fort­ge­schrit­ten ist.

  7. Be­mer­kens­wert. Seit Luh­manns be­rühm­ter Ein­lei­tung (Was wir über un­se­re Ge­sell­schaft, ja über die Welt, in der wir le­ben, wis­sen, wis­sen wir durch die Me­di­en...) bin ich über­zeugt, dass wir ein Be­ob­ach­ter-Pro­blem ha­ben. Ge­ra­de, weil der Satz von Luh­mann so leicht­fü­ßig und treu­her­zig da­her­kommt.
    »Ich be­ob­ach­te die Welt«, ist Schnee von ge­stern. – »Ich mer­ke, dass mit mei­nem aus­ge­wähl­ten Be­ob­ach­ter et­was nicht stimmt«, ist ganz hei­ßer Shit.
    Ich ha­be auch SPIEGEL und ZEIT ge­le­sen, als ich jün­ger war. Mit Ver­gnü­gen, kann ich sa­gen. Aber das wür­de ich heu­te nicht mehr tun. Die An­nah­men über die »Ord­nung der Din­ge«, die man im­pli­zit auf­liest, tei­le ich ein­fach nicht mehr. Und die Ver­mu­tun­gen über die Be­schaf­fen­heit des »Men­schen­ge­schlecht« erst nicht.
    Aber wi­der­spie­gelt das nur mei­nen Bil­dungs­weg, oder fasst die­se ver­än­der­te Be­ob­ach­ter-Prä­fe­renz auch ei­nen »ob­jek­ti­ven Wan­del«?! – Die Jour­nail­le ist Teil der po­li­ti­schen Klas­se, wuss­te Hel­mut Schmidt. Die Fair­ness ge­bie­tet es, ei­ne mög­li­che Di­stanz zur pol­ti­schen Klas­se auf ex­po­nier­te und »gut mas­kier­te« Teil­neh­mer aus­zu­deh­nen. Das ge­sell­schaft­li­che Pro­blem lau­ert mit Si­cher­heit nicht zwi­schen die­sen bei­den Frak­tio­nen des Po­lit-Be­triebs.
    Wün­schens­wert wä­re ei­ne Ver­mit­te­lungs­po­si­ti­on, die von den re­gu­lär Über-en­ga­gier­ten Macht­ha­bern zu den ten­den­zi­el­len Macht­skep­ti­schen Ge­sell­schafts­teil­neh­mern reicht. Das wä­re dem Bild nach ein Tür­mer auf den Zin­nen. Er muss von den Strei­te­rei­en im In­ne­ren der Burg be­rich­ten, und die Bot­schaf­ten nach au­ßen sen­den. Aber die In­ter­net-ad­ap­tier­te Me­ta­phy­sik will ja in­zwi­schen ein mög­li­ches Au­ßen ver­hin­dern. Welt­in­nen­raum (»des Ka­pi­tals«), ist ja die per­fek­te Me­ta­pher für kryp­to-to­ta­li­tä­re An­sich­ten mit On­line-An­schluss. Man ist da­bei, egal wo. Aus­weg­los da­bei. Au­ßer dem In­ne­ren der Welt gibt es nichts. Sei­en Sie live da­bei! Sie sind es ja so­wie­so.

  8. Wenn man ehr­lich ist, dann war Jour­na­lis­mus noch nie frei von Sub­jek­ti­vi­tä­ten. Man nahm sie nur an­ders wahr. In den 1970ern galt Brandt als Er­neue­rungs­sym­bol – und dies, wie sich spä­ter her­aus­stell­te, los­ge­löst von sei­ner Per­son (die war am­bi­va­lent; eher schwach). Schmidt war un­ge­liebt, aber im Ver­gleich zum pro­vin­zi­el­len Kohl und dem bär­bei­ßi­gen Strauß das klei­ne­re Übel. Kohl hat dann 16 Jah­re ge­gen »Spie­gel«, »Zeit« und der Mehr­heit der öf­fent­lich-recht­li­chen Sen­der Mehr­hei­ten or­ga­ni­siert. Das wä­re heu­te nicht mehr mög­lich, wie sich an Schrö­der zeig­te, der als »Basta«-Kanzler galt. Da wuß­te man frei­lich noch nicht, dass Mer­kel mit ei­nem an­de­ren Ba­sta re­gie­ren soll­te.

    Schö­nes Bild vom »Tür­mer auf den Zin­nen«. Aber wo­hin soll er schau­en? Der ob­jek­ti­ve Be­ob­ach­ter ist fast so et­was wie die Qua­dra­tur des Krei­ses ge­wor­den. Es ist zu süß, der Macht (oder der bal­di­gen Macht) dien­lich zu sein. Er­in­ne­re mich noch an die Auf­ge­regt­hei­ten, als ei­ni­ge Jour­na­li­sten bei Schrö­ders Aus­lands­be­su­chen nicht mehr in der Ma­schi­ne mit­flie­gen durf­ten, weil sie all­zu kri­tisch be­rich­tet ha­ben sol­len. Ähn­li­ches kam dann bei mer­kel nicht mehr vor. Sie brauch­te gar nicht wie Schrö­der dro­hen. Es reich­te, dass es mög­lich war.

    Die Crux: Fast al­le al­ter­na­ti­ven Me­di­en sind sehr leicht in po­li­ti­sche Schub­la­den, häu­fig ex­tre­mi­sti­scher Art, ein­zu­ord­nen. Sie er­he­ben gar nicht mehr den An­spruch, neu­tral bzw. ob­jek­tiv zu sein. Das dis­qua­li­fi­ziert sie a prio­ri für die Leit­me­di­en. So ein­fach war es noch nie.

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