Gemeint ist der Hinterbänkler (seltener: die Hinterbänklerin). Es ist ganz leicht, sich über sie zu amüsieren. Journalisten machen das sehr gerne. Erst verschaffen sie ihnen (endlich einmal) einen gewissen Raum – um sich dann darüber lächerlich zu machen. Man kennt das ja mit dem Hoch- und Runterschreiben. Der Hinterbänkler durchlebt diese Phasen in sechs Wochen. Andere Politiker brauchen dafür Jahre.
Gregor Keuschnig
Mark Greif: Bluescreen
Sechs qualitativ unterschiedliche Essays von Mark Greif sind im Band »Bluescreen« versammelt. »Ein Argument vor sechs Hintergründen« heißt es ein bisschen monströs im Untertitel, wobei man sich am Ende der Lektüre fragt, welches Argument denn wohl gemeint ist, außer vielleicht jenes, dass alles irgendwie was mit Medien zu tun hat und das Bluescreen-Verfahren des Fernsehens Assoziationen mit dem Himmel wecken könnte (daher vermutlich auch der progressive Gedanke, dem Büchlein eine gelb-oranges Cover zu verpassen). Greifs Stärke ist eindeutig nicht die Analytik, was er jedoch – anders als so manch anderer Essayist – leider nicht mit einer gewissen Sprachmächtigkeit zu kompensieren vermag. Auch die Assoziationen, die er entwickelt, sind bedauerlicherweise nur begrenzt geistvoll.
Aber der Reihe nach. Zwei Essays fallen deutlich ab und sind letztlich nur argumentationsfreie Thesenaufsätze. In »Gesetzgebung aus dem Bauch heraus oder: Umverteilung« greift der Autor zunächst das ritualisierte Ventilieren von Ansichten zu allem und jedem als Meinungshuberei an, um dann selber in solche zu verfallen und mit einer als surreal bezeichneten Gesetzgebung dem Individualismus das Wort zu reden, ein bedingungsloses Grundeinkommen zu fordern (10.000 Dollar/Jahr) und alle Einkommen über 100.000 Dollar im Jahr zu 100% zu besteuern. Dabei nennt er außer seinem Gerechtigkeitsempfinden leider keine Gründe und so bleibt nur ein immerhin gut gemeinter Text. Und in seinem Aufsatz über Youtube spielt er mit der These, dass das Leben ohne Internet früher angenehmer gewesen sei und moniert am Ende, dass Youtube kein sauber verwaltetes chronologisches Archiv vorweisen kann und damit genau so gedächtnislos sei wie das Fernsehen.
Die drei Wulffs
Christian Wulff spricht frei, ohne Unterlagen. Vielleicht ist es deshalb ein bisschen unfair, seine Worte derart zu gewichten, wie man dies bei anderen Texten machen soll. Aber das gestrige Interview des Bundespräsidenten zeigt auch unter Berücksichtigung dieser besonderen Situation das Verständnis Wulffs zum Amt und zur Politik an.
Zunächst beginnt Wulff in der »Ich«-Form. Bezeichnend ist dabei, dass er auf die Frage nach einem Rücktritt über seine »grosse Unterstützung« redet (»ich hatte…grosse Unterstützung«). Es ist dann fast schon frech, wie er das Amt im Opfergestus als Pflicht instrumentalisiert: »ich nehme meine Verantwortung gerne wahr«. Dabei wird durch den Einschub »gerne« die Pflicht relativiert, um dem drohenden Einwand, dass er sich freiwillig in das Amt habe wählen lassen, vorauseilend zu begegnen. Jeder Kellner wird auf ein solches »gerne« geschult, wenn ein Gast einen Wunsch äußert.
Zumutungen auf NDR2
Manchmal steht man fassungslos vor dem, was sich inzwischen in Deutschland Literaturkritik nennt. Und fragt sich, es möglich ist, dass so etwas im Radio eine Stimme bekommt.
Gabriela Jaskulla hat für NDR2 Sabine Grubers Roman »Stillbach oder Die Sehnsucht« gelesen. Schon dieser Satz enthält jedoch einen Fehler, denn Jaskulla kann das Buch gar nicht gelesen haben. Sie hat nur ungefähr eine Ahnung von dem, was sie da gelesen hat. Sie verortet den Sehnsuchtsort Stillbach nämlich in Kärnten (in der Eingangsmoderation zum Podcast wird dies mit Maja Haderlaps Roman »Engel des Vergessens« verknüpft). Sabine Gruber habe, so Jaskulla, einen Roman über die »jüngere Geschichte Kärntens« geschrieben. Mehrfach betont die (sogenannte) Rezensentin die Verortung mit Kärnten und Österreich. Das ist natürlich ein hanebüchender Unfug, denn jeder, der das Buch wirklich gelesen hat, weiss, dass es um Südtirol und die jüngere italienische Geschichte geht, die hier erzählt wird.
Weihnachten mit Wolfdietrich Schnurre
Dann tauchte vor uns der Friedrichshain auf, und wir schwiegen.
Die Blautanne, auf die Vater es abgesehen hatte, stand inmitten eines strohgedeckten Rosenrondells. Sie war gut anderthalb Meter hoch und ein Muster an ebenmäßigem Wuchs.
Da der Boden dicht unter der Oberfläche gefroren war, dauerte es auch gar nicht lange, und Vater hatte die Wurzeln freigelegt. Behutsam kippten wir den Baum darauf um, schoben ihn mit den Wurzeln in den Sack, Vater hing seine Joppe über das Ende, das raussah, wir schippten das Loch zu. Stroh wurde drübergestreut. Vater lud den Baum auf die Schulter, und wir gingen nach Hause.
Mit spitzen Fingern
Michael Spreng erläutert auf seinem Blog das »Prinzip Hannover« und »Wulffs Biotop« ganz genau. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Formal hat Wulff damals den niedersächsischen Landtag nicht belogen, als er den Kredit der Unternehmensgattin Geerkens für sein Haus verschwiegen hatte. Aber die Entrüstung vor allem in der oppositionellen politischen Klasse ist dennoch hoch: Wulff habe »getäuscht« heißt es da. Chefankläger Oppermann von der SPD, der sich im Ereifern gegen Ex-Bundespräsident Köhler schon hervorgetan hatte, meinte diesmal etwas diplomatischer, diplomatisch Wulff habe wohl nicht vollständig die Wahrheit gesagt.
Ich gestehe: Ich halte dieses Verhalten eines Bundespräsidenten für unwürdig (auch wenn er es verbrochen hatte, als er noch nicht Bundespräsident war). Christian Wulff als Bundespräsident ist eine Schande für dieses Land. Er hat jegliche moralische Autorität dauerhaft eingebüßt. Und es ist genau diese moralische Autorität, die ein im Prinzip fast machtloser deutscher Bundespräsident in die Waagschale werfen kann.
Bullshit occupied
Einen »plakativen Text« kündigt das »Titel Magazin« an, der den »resignierten« Leser aufrütteln will. Ein alter Topos des Feuilletons wird da bedient: Man nimmt den Leser, der sich nicht wehren kann, in den Arm und spricht – natürlich ungefragt – für ihn. Nicht der einzige Trick. Denn was dann von Thor Kunkel folgt, ist ein hastig zusammengestoppeltes, larmoyantes Geplapper mit reichlich sachlichen Fehlern garniert. Das Protokoll eines Wutliteraten, der um Aufmerksamkeit winselt, in dem er möglichst drastisch diejenigen anschreit, deren Zuneigung er doch so ersehnt.
Früh wird klar: Es geht Kunkel überhaupt nicht um Literaturkritik. In seinem Text ist nicht ein Wort darüber zu finden. Es geht um das »Betriebssystem«, dieses ominöse Hin- und Hergeschacher, was sich zur Verblüffung vieler Jungliteraten jenseits sozialer Netzwerke abspielt. In Köln hat man dafür den Diminutiv »Klüngel« erfunden. Kunkel entdeckt den Klüngel immer wieder neu. So weit, so schlecht. Und so bekannt. Aber selektive Wahrnehmung ist immer der Freund des Verschwörungstheoretikers. Wo bleibt die fachliche Auseinandersetzung? Wo bleiben Hinweise auf eine alternative Literaturkritik jenseits der Lovenbergs, Radischs, Weidermanns und Schecks? Stattdessen greift er lieber in die Klischeekiste und suhlt sich in seinen Originalität simulierenden Invektiven. Man sieht ihn förmlich jauchzen, wie er eine schiefe Metapher an die andere klebt. Der Leser, zum Aufrütteln bestellt, gähnt und spendet sanftes Mitleid.
»Früher wusste der Adel, was an so einer Stelle zu tun ist ...«
Es wurde und wird viel geschrieben und gesagt zum Comeback-Versuch von Karl Theodor zu Guttenberg und mit der Zeit (und vielleicht auch mit der »Zeit«) werden die im Interview genannten Behauptungen sukzessive einer Überprüfung unterzogen werden.
Mit einer habe ich schon mal begonnen.