Aria­ne Brei­den­stein: Und nichts an mir ist freund­lich

Ariane Breidenstein: Und nichts an mir ist freundlich

Aria­ne Brei­den­stein: Und nichts an mir ist freund­lich

Ein As­so­zia­ti­ons­rausch. Ko­ral­len­bäu­me des Er­zäh­lens. Ei­ne mit­rei­ssen­de Sua­da. Viel­leicht ein Me­ne­te­kel. Manch­mal mit fei­ner Iro­nie und manch­mal (wie die ganz frü­he Je­li­nek) sprach­spie­le­risch-ka­lau­ernd (Nah­rung, Neh­rung, Ku­ri­sche). Und vor al­lem mit fast im wört­li­chen Sin­ne wahn­sin­ni­ger Spra­che mit ei­ner gleich­zei­tig an­mu­ten­den, an­hei­meln­den Sprach­me­lo­die; ein in den be­sten Sze­nen rhyth­misch-poe­ti­sches Wut­ge­dicht in Pro­sa­form (die manch­mal ei­gen­wil­li­ge Kom­ma­set­zung will erst er­le­sen wer­den). Und da­bei mei­len­weit von ei­ner fau­len Ent­rü­stungs­me­ta­pho­rik oder scha­lem Ge­wit­zel ent­fernt. Ein Buch für die sprich­wört­li­che In­sel – es ver­langt nach mehr­ma­li­ger, in­ten­si­ver Lek­tü­re und je­des Mal er­scheint ein neu­er As­pekt, ein neu­es De­tail, ein neu­er Ton, der al­les vor­he­ri­ge nicht kon­ter­ka­riert, son­dern er­gänzt und man wird und wird mit dem schma­len Büch­lein so schnell nicht fer­tig.

Am An­fang be­geht man viel­leicht noch den Feh­ler, der Frau, der of­fen­sicht­lich je­des so­zia­le Ver­hal­ten fremd ist, ein­fach ei­ne Krank­heit an­hän­gen zu wol­len, nach ihr zu fahn­den, zu dia­gno­sti­zie­ren. Ih­re Som­nam­bu­li­tät ei­ner­seits und rast­lo­se Un­ru­he an­de­rer­seits; ihr ani­mi­sti­sches Den­ken, ih­re Be­trach­tungs­ver­ses­sen­heit (wer hat je­mals ei­ne zer­mat­sche Erd­bee­re am Bo­den so schön und me­ta­pho­risch ge­ra­de­zu ze­le­briert?), ih­re Baum­lie­be, die in den Wunsch gip­felt, zu ei­nem Baum zu wer­den (auch hier ei­ne Bil­der­fül­le), ih­re Be­gei­ste­rung für Ja­ne Cam­pi­ons »Pia­no«. Man sam­melt ei­ne Zeit lang In­di­zi­en. So, als müs­se man al­lem gleich ei­nen Stem­pel auf­drücken, um es / um sie dann bes­ser be­herr­schen zu kön­nen. Aber dann wird man glück­li­cher­wei­se ir­gend­wann end­gül­tig ver­zau­bert. Ver­zau­bert und ge­bannt, hin­ein­ge­so­gen in die­se Wort­kas­ka­den, in die­ses wil­de Ge­tüm­mel, wel­ches oft ge­nug schein­bar un­zu­sam­men­hän­gen­des her­bei­phan­ta­siert und ver­bin­det.

Aria­ne heisst die Mo­no­lo­gi­sie­ren­de, die Emp­fin­dungs­ma­schi­ne, oder auch A.B. Sie ist 30 Jah­re alt, ih­re Mut­ter an Krebs ge­stor­ben, ihr Va­ter, der al­te Sa­do­ma­soch, ein Ab­we­sen­heits­mensch mit Se­kun­den­kle­ber, der, so glaub­te sie, durch sie er­zo­gen wer­den muss (sie sel­ber be­trach­tet ih­re Er­zie­hung durch ih­re El­tern als ge­schei­tert). Man klaubt sich die­se Fet­zen im Lau­fe des Bu­ches her­aus; nach zwei Drit­teln des Bu­ches wer­den die Wort­kas­ka­den vor­über­ge­hend ein biss­chen ent­bun­den von ih­rem sur­rea­len As­so­zi­ie­ren (…nicht im­mer in die­sen Schlüs­seln und Rät­seln…).

Die gro­sse Kunst von Aria­ne Brei­den­stein ist, ih­re Fi­gur we­der der Lä­cher­lich­keit preis­zu­ge­ben noch sie zu ei­ner exo­ti­schen Zir­kus­at­trak­ti­on ver­kom­men zu las­sen. Und fast im­mer ge­lingt ihr die­ser Spa­gat – und eben nicht mit an­ge­lern­tem Schreib­kurs­wis­sen oder ste­ri­ler Rou­ti­ne, son­dern mit so et­was pro­fa­nem (und gleich­zei­tig schwie­ri­gen) wie Lei­den­schaft für ih­re Prot­ago­ni­stin (sei es sie sel­ber oder nicht – in die Spe­ku­la­ti­on um die Au­then­ti­zi­tät wer­de ich mich nicht be­ge­ben, um den Zau­ber nicht zu zer­re­den).

Am An­fang ei­ne Epi­pha­nie aus der Kind­heit:

Ich war ja oh­ne Zeit ein ein­zi­ger schmerz­haf­ter Klum­pen in ei­ner Wie­se un­ter den Mal­ven und der schön­ste Mo­ment war der in dem mei­ne Mut­ter mich ein­mal ver­gaß. Ich fühl­te es schon beim Lie­gen in der Wie­se, daß die­ser Tag ein be­son­de­rer sein wür­de, und als ich spä­ter mit en­gem Herz wie­der in die Kü­che kam und mei­ne Mut­ter sag­te, sie hät­te die Zeit ver­ges­sen, sie hät­te mich ja ge­ru­fen, wo ich denn ge­we­sen wä­re, ich war ja noch sehr klein, sie hät­te mich nicht fin­den kön­nen, wo ich all­die­weil bei­na­he ne­ben ihr im Gras lag, sie aber nicht hat­te hö­ren kön­nen und im­mer­zu den blau­en Him­mel über mir sah und die Mal­ven und die­ser Mo­ment, dort im Gras, das flach­ge­tre­ten war, ei­ne Art En­ten­nest, lag ich in­mit­ten der Hal­me und sah den Him­mel, der klei­ne Ha­sel­strauch mach­te mir ei­nen Schat­ten ins Ge­sicht, der­weil ich nur mei­nem Haut­wi­der­stand fol­gend end­lich sah, viel­leicht das ein­zi­ge Mal in mei­ner Kind­heit, daß es ei­nen Au­gen­blick der Ru­he gab, viel­leicht, ru­fe ich, jetzt wie­der hy­ste­risch wer­dend, der ein­zi­ge Au­gen­blick über­haupt in mei­nem Le­ben, das ja ei­ne ein­zi­ge ver­sag­te und ver­sa­gen­de Kind­heit ist, in dem ich ei­ne Ru­he ge­habt und des­we­gen ge­se­hen ha­be und was sah ich, den Him­mel, und die Mal­ven, und die Gras­hal­me. Kei­ne Wol­ke, ei­nen Dunst, na­men­los, der da war wie ein At­men von der Welt, die da war, wo ich war in die­sem Au­gen­blick und sonst nir­gends, viel­leicht der ein­zi­ge nar­ziss­ti­sche Mo­ment, ru­fe ich hy­ste­risch.

Und im­mer wie­der die­ser in­zwi­schen »zer­stör­te« Gar­ten, das Be­schwö­ren der Kind­heit, der Na­tur und die Ab­scheu auf das, was man Kul­tur­land­schaft nen­nen kann (Seu­che) – al­so fast al­les, au­sser viel­leicht ein paar Fried­hö­fe. Da wer­den die Spin­nen am Fahr­rad zum Kon­trast zur Land­schaft, und der gro­sse Aus­flug in die Na­tur schei­tert und es bleibt nur das Schrei­ben, nur noch im Schrei­ben le­ben, die Welt ent­fällt und wir er­fah­ren über ihr Schrei­ben seit der Kind­heit, die ver­nich­ten­den Ur­tei­le des Va­ters, den sie ir­gend­wann foppt, ihn mit Zi­ta­ten von Do­sto­jew­ski kon­fron­tiert, die­se als ih­re aus­gibt, und er sie dann auch – wie al­les vor­her – nie­der­macht und auch ir­gend­wann, fast am En­de, das Er­zäh­len über den Ver­such ih­rer Mut­ter, das Kind als Hoch­be­gab­te zu dres­sie­ren, ein Vor­zei­ge­kind aus mir ma­chen wol­len, so ein Ob­jekt zum An­ge­ben, ein Ni­veau­zu­wachs der blas­sen Kaf­fee­kränz­chen, ein dres­sier­tes Äff­chen, das Kunst­tur­nen konn­te und dann nicht mehr durf­te […] mit drei Jah­ren hat­te ich an­ge­fan­gen, wur­de auf ei­ner um­ge­dreh­ten Bank in den Spa­gat ge­drückt, die Kno­chen krach­ten, fünf­mal die Wo­che, schon frü­he Wett­kämp­fe, ge­won­nen, Er­ste oder Zwei­te, aber mich nie dar­an ge­freut und im­mer nur er­leich­tert ge­we­sen und es gleich­zei­tig pein­lich ge­fun­den.

Und es gibt sie an­fangs noch, die Un­ter­bre­chun­gen der heil­sa­men Iso­la­ti­on, wo ich sonst die Ta­ge, die En­den, die Wo­chen­en­den fast im­mer al­lein, heu­te das Tref­fen mit ei­ner Te­le­fon­freun­din und ih­rer Toch­ter im Park. Wir wer­den Bee­ren es­sen, trö­ste ich mich, ich wer­de das Gras in den Hän­den hal­ten und mich viel­leicht ein biß­chen lang­wei­len in mensch­li­cher Ge­sell­schaft und fra­ge mich, wie ich in nur we­ni­gen Ta­gen so der­ma­ßen da­von ab­rücken, dort her­aus­fal­len konn­te, auch be­kam ich Rech­nun­gen we­gen der Mie­te und das Te­le­fon wur­de für kur­ze Zeit ab­ge­stellt, weil ich es ein­fach nicht über mich brin­gen, ge­nau­so we­nig wie ei­nen Man­tel zu kau­fen, konn­te ich plötz­lich die Mie­te usw. ob­wohl ich das Geld ge­habt hät­te, konn­te ich nicht, es war nicht Ver­gess­lich­keit, son­dern ein Fie­ber, ei­ne Angst und der al­te Ver­fol­gungs­wahn auch ei­ne Art Schuld­ge­fühl und ha­be dann aber doch auf Auf­for­de­rung und weil ich mit Tai­yo te­le­fo­nie­ren woll­te, mir ja un­se­re wö­chent­li­chen Ge­sprä­che oft wie das ein­zig We­sent­li­che und mich noch Be­rüh­ren­de er­schie­nen sind, wäh­rend ich vom Rest durch ei­ne Art Funk­ti­ons­zu­sam­men­hang völ­lig ab­ge­schie­den war. Aber ganz am Schluss klingt es pro­gram­ma­tisch, selbst­be­schwö­rend, an: So­viel Au­ßen­welt wie nö­tig, so­we­nig Au­ßen­welt wie mög­lich. Hin­wen­dung zur Ab­wen­dung.

Und ei­gent­lich möch­te man nur zi­tie­ren. Im­mer und im­mer wie­der. Und da fin­det man auf der Suhr­kamp-Sei­te dann noch ei­ne Kost­bar­keit: die Au­torin liest rund 15 Mi­nu­ten aus ih­rem Buch (14 MB); sehr sinn­lich; rhyth­misch, mu­si­ka­lisch. Und wer da nicht wei­ter­le­sen will, ist sel­ber Schuld.

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