Apho­ris­men, No­ta­te und Un­ein­sich­tig­kei­ten IV

Nie ist die Exi­stenz dra­ma­ti­scher als in un­se­rer Kind­heit, und nie be­wuss­ter als im Al­ter; da­zwi­schen lie­gen ein Ab­schnitt ge­schäfts­mä­ßi­ger Ver­ges­sen­heit und die gna­den­vol­le Un­be­küm­mert­heit der Ju­gend. Ver­gli­chen mit der Kind­heit, tritt im Al­ter die Exi­stenz vor dem ab­seh­ba­ren En­de, gleich­sam von der an­de­ren Sei­te her, ins Be­wusst­sein: Wäh­rend das Kind stets dar­um kämpft, mit den In­ten­si­tä­ten, die ihm die Welt auf­er­legt und die es durch­drin­gen und durch­ja­gen, zu­recht­zu­kom­men, al­so Sta­bi­li­tät zu er­lan­gen, ist das Al­ter von der Lee­re, ei­nem Über­maß an Sta­bi­li­tät, ei­nem Man­gel le­bens­loh­nen­der In­ten­si­tät, viel­leicht ei­nem Er­schöp­fen der Sin­ne, be­droht. Das Fle­hen end­lich ster­ben zu kön­nen, als Be­tag­ter aber nicht chro­nisch Kran­ker, ist ernst zu neh­men und zeigt, dass ein Le­ben trotz hin­rei­chen­der Funk­tio­na­li­tät, an sein En­de kom­men kann.

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Die Äl­te­ren und Al­ten wis­sen, dass In­ten­si­tät und Tie­fe nicht ge­gen die Zeit auf­zu­wie­gen sind. Und sie po­chen dar­auf, zu ent­schei­den, ob sie ein­kau­fen oder ih­re En­kel be­su­chen ge­hen, ge­ra­de in ei­ner Kri­se, die für sie ei­ne be­son­de­re Ge­fahr dar­stellt. Es ist der Ei­gen­sinn, der ge­gen die Un­frei­heit steht, oh­ne ihn ist die Frei­heit leer, ein Re­kla­me- wie Re­kla­ma­ti­on­ge­bäu­de. Um sich aus­spre­chen zu kön­nen, ver­langt der Ei­gen­sinn nach Frei­heit, er ist ih­re See­le. Nicht Tun und Las­sen kön­nen, wie man möch­te, oder sein wie es be­liebt, das Da­sein, ver­langt nach ei­nem Wie, ei­ner ei­ge­nen Art und Wei­se.

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Jung bleibt der­je­ni­ge, der Un­be­küm­mert­heit sein ei­gen nen­nen kann. Und die­se Un­be­küm­mert­heit rich­tet sich auf vor dem, was An­we­send­sein be­deu­tet.

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Dass die Mas­se der Ein­schrän­kung ih­rer Rech­te nichts ent­geg­net, son­dern die­ser auch noch Bei­fall zollt, legt ih­re exi­sten­zi­el­le Selbst­ver­ges­sen­heit bloß. Din­ge, Be­zie­hun­gen und Tä­tig­kei­ten ener­vie­ren nie­man­den mehr der­ge­stalt, dass er die von au­ßen vor­ge­nom­me­ne Ab­tren­nung und Ent­zwei­ung noch als ei­ne sol­che zu emp­fin­den ver­mag. Eher noch scheint je­der froh zu sein, nicht mehr tun zu müs­sen, was er sonst tut. Wor­aus folgt, dass den mei­sten Tä­tig­kei­ten gleich­gül­tig bleibt, wie sie aus­ge­führt wer­den und da­mit letzt­lich auch: was sie um­fas­sen. Es wird ab­ge­ar­bei­tet, was an­fällt. Dass das Le­ben auch sol­che Tä­tig­kei­ten be­inhal­tet, kann nie­man­dem vor­ge­wor­fen wer­den, aber sie soll­ten ih­re Be­grün­dung in dem ha­ben, was ei­nem Le­ben zen­tral ist, sie soll­ten auf eben­die­ses ver­wei­sen. In­di­vi­du­en müss­ten sich in der Kri­se die­ser Zen­tra­li­tät zu­wen­den, stär­ker als sonst, von ihr ge­winnt es sei­ne Sta­bi­li­tät, sie stellt es wie­der her und es müss­te sie ge­gen je­den Ein­griff en­er­gisch ver­tei­di­gen. Die­se Zen­tra­li­tät ist äs­the­tisch ver­mit­telt oder kei­ne.

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Wenn noch nicht al­les ver­lo­ren ist, dann ist die In­sta­bi­li­tät, die die Kri­se ver­ur­sacht, ein Grund nach je­ner Zen­tra­li­tät zu su­chen.

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Exi­stenz ist red­lich erst, vor dem An­ge­sich­tig­wer­den des­sen, was Ster­ben und Tod be­deu­ten. Und die ihr ent­sprin­gen­de, be­schwö­ren­de Re­de, sucht sie zu über­win­den.

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Funk­tio­nie­ren statt Exi­stie­ren, die­ses Ein­zu­üben und über die Kri­se hin­aus nicht zu ver­ges­sen, am be­sten als le­bens­lan­ge Ma­xi­me un­be­wusst zu eta­blie­ren, ist der Kern der neu­en Nor­ma­li­tät: Wir brau­chen dich! Du lei­stest ei­nen un­ver­zicht­ba­ren Bei­trag! Die­ses Wir aber, ist nicht weich, es ist hart und ab­strakt, es meint Funk­tio­na­li­tät mehr noch als Sy­stem­treue.

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Wer aber an­we­send ist, emp­fin­dungs­fä­hig, wird taub für das Ge­bot sich wie ein flüs­si­ger Ag­gre­gat­zu­stand zu ver­hal­ten. Der Funk­tio­na­li­tät wird er ih­ren Raum zu­wei­sen und sich nicht sei­nen von ihr zu­wei­sen las­sen.

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Ein Narr, wer al­ler­or­ten und zu je­der Zeit dis­zi­pli­niert ist. Der steu­er­ba­re Bür­ger be­rei­tet der Po­li­tik ein leich­tes Spiel.

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Le­be­we­sen ver­su­chen ih­re kri­sen­haf­te Ge­fähr­dung ab­zu­wen­den, sie wol­len ih­re Le­ben­dig­keit er­hal­ten, um zu blei­ben, was sie sind. Wo­her die all­ge­mei­ne Re­si­gna­ti­on? Ver­weist sie auf ei­ne Pa­ra­ly­se?

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Sinn­li­che In­ten­si­tät er­füllt den von Er­kal­tung be­droh­ten Leib mit Le­ben.

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Wer nicht mehr emp­fin­det, lebt nicht mehr. Und wer nicht auf­schreit, wenn ihm ent­ris­sen wird, was er liebt, der hat nicht ge­liebt. Das gilt auch und ge­ra­de für die Hin­ga­be an et­was oder je­man­den.

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Soll die In­ten­si­tät, das Wie, das gu­te Le­ben, dem mög­lichst lan­gen, dem ge­sun­den, dem Le­ben an sich, un­ter­ge­ord­net wer­den? Das In­di­vi­du­um dem Ab­strak­tum?

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Sich zu­rück­hal­ten ist et­was an­de­res als zu­rück­ge­hal­ten wer­den; sich zu­rück­zie­hen et­was an­de­res als zu­rück­ge­zwun­gen wer­den. Die Dif­fe­renz liegt nicht et­wa in der Frei­wil­lig­keit, son­dern in sub­jek­ti­ven Be­grün­dung, im Ei­gen­sinn des In­di­vi­du­ums. Von da­her ist die Frei­heit zu be­stim­men.

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Frei­heit be­deu­tet zu kön­nen, was man muss, dem­je­ni­gen, dem man aus­ge­lie­fert ist, ei­ne be­frei­en­de Form zu ge­ben.

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Es gibt kei­nen Le­bens­stil, der zu ver­tei­di­gen wä­re, son­dern die Mög­lich­keit sich selbst als Re­de, Me­lo­die oder Ge­stalt sicht­bar wer­den zu las­sen. Das wä­re zu be­grei­fen und die all­ge­mei­ne Lee­re da­durch ab­zu­wen­den, die dar­auf ruht, dass In­di­vi­dua­li­tät sich durch den Er­werb von Kon­for­mi­tät, Kon­sum- und In­du­strie­gü­tern be­zeugt.

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Aus dem Müs­sen, dem er­füll­ten Ei­gen­sinn, wach­sen Ru­he, Ge­las­sen­heit und Zu­frie­den­heit. Die In­ten­si­tät des ei­ge­nen Tuns legt ein Da­sein frei, das als sol­ches ge­nügt. Zur äu­ße­ren, tritt die in­ne­re Frei­heit.

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So trennt sich der, in Pro­duk­te in­du­stri­el­ler Fer­ti­gung ver­lieb­te und durch die­se eben­so selbst­ver­ständ­lich wie durch me­di­al ver­mit­tel­te Kon­ven­tio­nen er­schei­nen­de, d.h. ge­mach­te, In­di­vi­dua­lis­mus von je­nem, der der Be­deu­tung des Worts ge­recht wird. Es ist der Ei­gen­sinn, das Be­wusst­sein um das Wie, das die Ent­mün­di­gung, die gut ge­mein­te, im Dienst der gu­ten Sa­che ste­hen­de, zu er­sticken droht. Wird das Er­lö­schen der Ge­schäf­tig­keit im Aus­nah­me­zu­stand durch ei­ne an­de­re Re­gung be­ant­wor­tet wer­den, als durch die Sehn­sucht, dass die­se zu­rück­keh­re?

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Der Bannspruch dem So­zia­len und Kon­kre­ten ge­gen­über, der in der Kri­se von den be­haup­te­ten all­ge­mei­nen Not­wen­dig­kei­ten aus­geht, ist dem so­ge­nann­ten Le­bens­not­wen­di­gen, das in der Er­zie­hung und den da­für zu­stän­di­gen In­sti­tu­tio­nen stets ge­gen das In­di­vi­du­um re­kla­miert wird, ver­wandt und ein von der Angst vor dem Ab­strak­ten – im We­sent­li­chen der Nicht­er­fül­lung von Funk­tio­nä­li­tä­ten – be­gan­ge­ner Ver­rat an den Er­schei­nun­gen.

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Apho­ris­men, No­ta­te und Un­ein­sich­tig­kei­ten V

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